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Eskapismus-Debatte und der Stand von Fantasy in Deutschland
El God:
Ahoi!
Ich habe hier mal versucht, den schwierigen Status von Fantasy-Literatur für Jugendliche und Erwachsene in Deutschland zu beleuchten: Die Sache mit Harry Potter und der unendlichen Geschichte
Daraufhin bekam ich folgenden Text als Hinweis: https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article11118843/Wie-Jim-Knopf-Co-Deutschland-veraenderten.html - hochinteressant, das war mir komplett neu. Kann an meinem Alter liegen, aber auch daran, dass ich DDR-Kind bin und dort die Sache etwas anders lag. Die Gruppe 47 war in der Schule Thema, aber die Zusammenarbeit von Krüss, Ende und Co war mir vollkommen neu. Es ist auch möglich, dass ich diese Perspektive als DDR- und Wendekind nicht kenne. In der DDR gab es eine literarische SF-Szene, die vor allem aus polnischer und russischer SF gespeist wurde und die auch viele phantastische Elemente hatte, aber natürlich auch politisch eingefärbt wurde. Der Neue Mensch, Sozialist, in der Regel Sowjet oder vergleichbar, war natürlich omnipräsent. Aber es wurde nie über den Sieg des Kommunismus erzählt, in der SF wurde diese vorausgesetzt, wodurch die politsche Prägung nicht ganz so offensichtlich ausfiel. Dadurch gab es hier mehr Leser als bei der sozialistischen Alltagsliteratur, die ja von Klassenkampf und dergleichen stärker durchsetzt war.
Ich vermute, weil meine Eltern ohne die westdeutsche Kinderliteratur aufwuchsen, hatten sie auch kaum Bezug dazu. Von den im Welt-Artikel erwähnten Autoren kam in meiner Jugend auch nur Ende auf den Tisch, und das, obwohl meine Mutter über den Erzieher-Beruf eigentlich ganz gut im Bilde hätte sein müssen.
Das folgende Zitat stammt aus dem Nachlass von Michael Ende:
--- Zitat ---"Bastian ist nicht, wie das Drehbuch ihn schildert, einfach nur ein Junge, dem es ein bisschen an Selbstbewusstsein fehlt und der deswegen leicht einzuschüchtern ist. Bastian ist ein Kind, das sich in einer banalen, kalten, nur rationalen Welt nicht zurechtfinden kann, weil es sich nach Poesie, nach dem Geheimnisvollen, nach dem Wunderbaren sehnt. Der Tod seiner Mutter und das im Schmerz-erstarrt-Sein des Vaters bringen diese Hilflosigkeit dem Leben gegenüber zu einer entscheidenden Krise, eben dem Lesen der Unendlichen Geschichte – der Frage nach dem Sinn seines Lebens, seiner Welt. In dieser Welt scheint alles bedeutungslos. In Phantásien hat alles Bedeutung. Ohne seinem Leben und dem Tod seiner Mutter Bedeutung zu geben, kann Bastian nicht existieren. Darin liegt der Grund, warum er in ein untergehendes Phantásien kommt. Das schleichende Nichts, das Phantásien auffrisst, ist die Banalität, die Bedeutungslosigkeit der Welt. Außerdem: Bastians Vater, der obendrein noch einen sehr banalen Beruf hat, leidet das Gleiche wie Bastian. Auch er findet nicht die Bedeutung, den Sinn in seinem Unglück. Er hat sich ganz in seinen Schmerz eingeschlossen und merkt nicht einmal, dass er sein Kind damit völlig im Stich lässt. Er kann nicht mehr lieben. Bis Bastian ihm zuletzt das Wasser des Lebens bringt und die Erlösung der Tränen."
--- Ende Zitat ---
Dann noch das hier: http://www.michaelende.de/autor/biographie/die-eskapismus-debatte-in-deutschland
und das: https://www.torial.com/tanja.josche/portfolio/47273 insbesondere mit diesem Zitat:
--- Zitat --- "Der heutige so genannte Erwachsene betrachtet alles Wunderbare und Geheimnisvolle als ‹irrational›, als ‹phantastisch› oder ‹eskapistisch› oder wie die abwertend gemeinten Vokabeln alle heißen mögen. Doch räumt er all dem, was er für sich selbst als unbrauchbar erachtet, in der Kinderliteratur nolens volens ein gewisses Daseinsrecht ein. Manchmal nascht er heimlich daran, wenn ihn der große Katzenjammer ob seiner total entzauberten Welt überkommt, aber eben nur, wenn es keiner sieht. Sonst schämt er sich."
--- Ende Zitat ---
--> Das wiederum ist eine Einstellung, mit der ich aus meiner Elterngeneration auch konfrontiert wurde. Ich habe meinen (sehr literaturinteressierten) Vater zu Pratchett, Moers und weiteren bekehrt, aber vorher war die Richtung für ihn völlig uninteressant.
Wo ich mit dem Thread hin will
Keine Ahnung. Aber ich glaube, das Material, das ich eingesammelt und geschrieben habe, bietet Anknüpfungspunkte für einen interessanten Rundumschlag bei einem Glas Tee und Keksen. :)
Isegrim:
Interessantes Thema und guter Text deinerseits dazu. Danke. Muss ich erst mal sacken lassen, da kommen spontan zu viele Assoziationen hoch... und Kindheitserinnerungen en masse, da ich tatsächlich mit dem ganzen Kram groß geworden bin, von Ende über Preußler bis zu Tolkien.
Also erst mal Tee machen und Kekse holen... ;)
Huhn:
Interessant - just gestern habe ich mich im Bücherthread der Drachenzwinge darüber geärgert, dass fantastische Literatur gern pauschal aufgrund des Genres in die Jugendbuchabteilung gesteckt wird.
Ich denke übrigens nicht, dass deutsche Fantasy/Phantastik schlechter ist als die von anderswo. Die Tintentrilogie und die neuere Reckless-Reihe von Cornelia Funke sind großartig. Die Ulldart-Reihe von Markus Heitz und auch der erste Zwerge-Band war toll. Der erste Elfen-Band von Bernhard Hennen war auch gut. Und auch wenn Wolfgang Hohlbein sicher seine Schwächen hat, sind auch einige Bücher von ihm lesenswert. Und der von dir schon genannte Moers hat zwar nach der "Stadt der Träumenden Bücher" schwer nachgelassen, kann aber wohl immer noch als Standardautor im besagten Genre gelten. Überraschend und angenehm fand ich im Übrigen die Entwicklung von Kerstin Gier hin zur Fantasy-Autorin. Ich hab die vorher eher in der Ecke fürchterlicher Frauenbücher verordnet gehabt - aber ihre Zeitreisetrilogie war wirklich schön.
Warum werden all diese Bücher pauschal als "Jugendbücher" bezeichnet, obwohl sie längst nicht nur von dieser Altersgruppe gelesen werden?
Liegts an den oftmals jugendlichen Hauptcharakteren? Wohl nur auf den ersten Blick. Die Geschichten sind auf eine Art und Weise geschrieben, dass durchaus auch Erwachsene daran Freude haben können. Gerade Cornelia Funke beschreibt neben dem Coming-of-Age Maggies in der Tintentrilogie auch wahnsinnig viele "erwachsene" Thematiken - etwa das Scheitern langjähriger Beziehungen, das Alt-Werden und Alt-Sein. Nichts, womit ich als 15-Jährige Lust gehabt hätte, mich auseinanderzusetzen. Die Ulldart-Reihe von Markus Heitz beschäftigt sich mit dem gesamten Leben des Hauptcharakters Lodrik - und das auf eine Art und Weise, dass ich das Buch als Jugendliche irgendwann aus der Hand gelegt und mir für einige Jahre später aufgehoben habe. Das war kein Jugendbuch und hat mich als als Jugendliche auch nicht angesprochen. Neil Gaiman (um auch ein nicht-deutschen Beispiel zu bringen) hat sich als Protagonisten für "The Ocean at the End of the Lane" für einen Siebenjährigen entschieden. Ist das deswegen ein Kinderbuch? Eher nicht - das Buch richtet sich sehr deutlich nicht an Kinder dieser Altergruppe - dazu ist der Inhalt zu assoziativ beschrieben, zu brutal und explizit.
In Verbindung mit der Eskapismus-Debatte ist mir aufgefallen, dass fantastische Geschichten oft nur dann eine Chance haben, aus der "Schundecke" rauszukommen, wenn sie glaubhaft machen, dass die Fantastik hier nur eine Metapher oder ein Bild für realweltliche Probleme darstellt - sie also zugeben, Eskapismus darzustellen. Beispiel dafür sind dann eben so Bücher wie die erwähnte unendliche Geschichte oder auch "Der mechanische Prinz" von Steinhöffel. Da geht es letztendlich - und du hast Endes Aussage in dem Zusammenhang ja auch verlinkt - um Kinder, die ganz reale Probleme mit ihrer ganz realen Umwelt haben und diese Probleme nur vermittels dieser fantastischen Metaebene verstehen und angehen können, weil sie im realen Leben einen zu beschränkten Handlungsspielraum haben. Eskapismus vom Feinsten. Ich hab mich auch selbst schon dabei erwischt, alle möglichen Geschichten so zu interpretieren. Ist Shadow aus "American Gods" nicht auch einfach nur ein völlig kaputter Typ, der seine Umgebung verändert wahrnimmt? Und Maggie aus "Tintenherz" - einfach nur ein Mädchen, dass sich ihrer realen Umgebung durch zu viel Fantasie entzieht? Alles Eskapismus? Warum dürfen die Geschichten nicht für sich stehen? Warum fällt es so schwer, alternative Realitäten in den Geschichten vollwertig als solche zu akzeptieren? Warum wird dieses Recht, die Geschichte als lebendig zu betrachten, Kindern und Jugendlichen vorbehalten, während Erwachsene sich davon zu lösen und unbedingt die "wirkliche Ebene" hinter dem Offensichtlichen zu erkennen haben?
Ich glaube, diese pauschale Einordnung von fantastischer Literatur als Jugendliteratur hängt maßgeblich damit zusammen, dass es heute "in" ist, vernünftig und abgeklärt zu sein, sich und seine Umgebung unter Kontrolle zu haben. Da passen solche "Eskapismen" nicht rein und werden als Zeichen von Schwäche gewertet. Daraus wiederum resultiert eben, dass Autor_innen gerne Kinder und Jugendliche als Medien für ihre Geschichte nehmen - es wirkt einfach glaubwürdiger, dass junge Menschen sich diesem "Realitätsdogma" nicht nicht hingegeben haben und auch andere Realitäten einfach als real hinnehmen. Das wiederum bestärkt dann Leute, die sich nicht mit dem Genre befassen, in ihrer Auffassung, dass das Jugendliteratur sei und die Schlange beisst sich in den Schwanz.
Ich hoffe, der Text war jetzt nicht zu konfus...
Richtig gut im Bereich der fantastischen Literatur und auch kompetent und in der Forschung engagiert ist übrigens die Phantastische Bibliothek in Wetzlar. Die haben übrigens auch ein Gästezimmer.... wer von euch träumt nicht davon, nachts alleine eine ganze Bibliothek zur Verfügung zu haben? ;)
El God:
Der jugendliche Charakter passt natürlich auch hervorragend in die Heldenreise, die ja immer auch ein Stück Bildungs- und Entwicklungsroman enthält. Der unreife/unfertige Charakter ist am simpelsten und glaubwürdigsten in Form eines Kindes/Jugendlichen anzulegen. Da steckt auch wieder der Fehler drin, Jugendliche nur als halbe Menschen zu betrachten, denen noch ein Stück fehlt, um wertig zu sein. Und wenn man die Sache so betrachtet - selbst GRRM schreibt in dieser Hinsicht Jugendbücher, denn die Stark-Kids und Daenerys sind schließlich auch noch halbwüchsig. Auch wenn der Rest der Romane gar nichts - und zwar wirklich gar nichts - im Bereich Jugend verloren hat. Oder werde ich da Opfer des selben Vorurteils, indem ich seine Darstellung von Sex und Gewalt und die Komplexität der Bücher im Erwachsenenbereich ansiedle? Man kann Bücher ja auch mehrmals lesen. Als ich mit Pratchett angefangen habe, ist mir auch die Hälfte der Anspielungen entgangen - und trotzdem waren die Bücher für mich und ich für die Bücher geeigent.
Infernal Teddy:
Kurze randbemerkung: eine sache die ich großartig finde ist der deutsche überbegriff "Phantastik", den es ja im englischen so nicht gibt - da sind die mauern des genres massiver, auch wenn gleichzeitig viele autoren eher dazu bereit sind, diese Grenzen zu verwischen.
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