Medien & Phantastik > Lesen
Geschlecht des Protagonist und Kauf Entscheidung ?
Bad Horse:
Alternativ kannst du aber auch im "Lesen"-Thread nach Büchern mit weiblichen Protagonisten fragen. Da hast du vermutlich mehr von.
Scimi:
--- Zitat von: TaintedMirror am 1.12.2017 | 21:40 ---Wenn man also will, dass ein Charakter recht fiese Sachen durchmacht, ist man halt auf der sicheren Seite, wenn man da eher einen Mann, vorzugsweise einen Erwachsenen, einsetzt.
--- Ende Zitat ---
Ich denke, beim "fiese Sachen durchmachen" haben die Männer nicht unbedingt die Nase vorn. Gefühlsmäßig würde ich sagen, dass die zwar häufiger angeschossen werden, aber kaum entführt oder vergewaltigt. Bedroht und verprügelt werden beide.
--- Zitat von: YY am 1.12.2017 | 22:51 ---Wenn man es anders darstellt, muss man eben auch überlegen, wieso es anders ist.
--- Ende Zitat ---
Ich würde behaupten, dass die Rollenverteilung in Medien anders ist als in der wirklichen Welt.
Blödes Beispiel: Lehrer. In Deutschland und England sind Schullehrer vorwiegend weiblich. Zu Anteilen von zwischen 2/3 und 3/4. Verglichen damit hat Hogwarts einen ziemlich hohen Männeranteil beim Lehrpersonal. Ok, es ist Zauberfantasy, es ist ein prestigeträchtige Schule. Aber auch anderswo kommen in Medien mehr männliche Lehrer vor, als man erwarten sollte. Zumindest bei den Charakteren, die was Interessantes machen — der coole Questgeberlehrer, der den Jugenddetektiven den Backstagepass zum Museum besorgt, der alte Klassenkamerad, der dem Hauptcharakter mit den Physikfragen aushilft, der fiese Mathelehrer, der einen beim Schwänzen erwischt.
Und das ist auch in anderen Bereichen so. Aber diese verzerrte Darstellung muss nie begründet werden. Es ist plausibel, dass diese Geschichten in unserer Welt spielen anstatt in einem bizarren "Manniversum", wo sie von der Statistik gesehen hingehören. Weil sie zwar nicht der Wirklichkeit entsprechen, sondern unserem Bild von der Wirklichkeit, das sichtbare, aktive Männer und unsichtbare, passive Frauen normal findet. Und was wieder dadurch geprägt wird, dass man das in Büchern, Filmen, Serien, Comics, Computerspielen so gezeigt bekommt. Wir glauben halt, was wir sehen.
--- Zitat von: Eulenspiegel am 1.12.2017 | 22:57 ---Es gibt diverse "Frauenliteratur".
Falls du willst, könntest du deinen Bücherschrank also locker zu 50% mit Literatur füllen, die einen weiblichen Protagonisten hat. Inwiefern diese Quote jetzt dein Lesevergnügen verbessert, sei dahingestellt. ;)
--- Ende Zitat ---
Und die andere Hälfte mit äquivalenten Büchern für eine männliche Zielgruppe, mit John Sinclair und Jerry Cotton? Ne danke, das soll schon ein Buchregal bleieben und kein Behälter für extremst dünn geschnittenes Brennholz. ;D
Aber es existieren ja durchaus hervorragende Bücher mit interessanteren Frauenrollen oder einer realistischeren Geschlechterverteilung als bei Tolkien oder Lovecraft. Und an und ab sehe ich mich gezielt in entsprechenden spezialisierten Listen um, um mir da die Rosinen rauszupicken. Es gibt sowieso mehr interessante Bücher, als ich jemals lesen könnte, ich muss sowieso auswählen, was ich mir reinziehe. Da sollte ich auf eine ausgewogenere Diät achten als mir einfach alles reinzuziehen, was mir gerade ins Auge springt. ;)
Bad Horse:
--- Zitat von: Scimi am 1.12.2017 | 23:58 ---Ich würde behaupten, dass die Rollenverteilung in Medien anders ist als in der wirklichen Welt.
Blödes Beispiel: Lehrer. In Deutschland und England sind Schullehrer vorwiegend weiblich. Zu Anteilen von zwischen 2/3 und 3/4. Verglichen damit hat Hogwarts einen ziemlich hohen Männeranteil beim Lehrpersonal. Ok, es ist Zauberfantasy, es ist ein prestigeträchtige Schule. Aber auch anderswo kommen in Medien mehr männliche Lehrer vor, als man erwarten sollte. Zumindest bei den Charakteren, die was Interessantes machen — der coole Questgeberlehrer, der den Jugenddetektiven den Backstagepass zum Museum besorgt, der alte Klassenkamerad, der dem Hauptcharakter mit den Physikfragen aushilft, der fiese Mathelehrer, der einen beim Schwänzen erwischt.
Und das ist auch in anderen Bereichen so. Aber diese verzerrte Darstellung muss nie begründet werden. Es ist plausibel, dass diese Geschichten in unserer Welt spielen anstatt in einem bizarren "Manniversum", wo sie von der Statistik gesehen hingehören. Weil sie zwar nicht der Wirklichkeit entsprechen, sondern unserem Bild von der Wirklichkeit, das sichtbare, aktive Männer und unsichtbare, passive Frauen normal findet. Und was wieder dadurch geprägt wird, dass man das in Büchern, Filmen, Serien, Comics, Computerspielen so gezeigt bekommt. Wir glauben halt, was wir sehen.
--- Ende Zitat ---
Sehr schön ausgedrückt. :d
TaintedMirror:
--- Zitat von: KhornedBeef am 1.12.2017 | 21:57 ---Mit Verlaub, aber das läuft doch auf "is so" hinaus. "Männer sind entbehrlich Kriegsopfer" ist ja nicht weniger diskriminierend als "Frauen halten den Herd warm". Im Gegenteil, das ist zur Selbstlegitimation eines eher patriarchalischen Systems fast nötig. Kann man das in einem Roman so darstellen. Ja, logo, gerne. Aber das mit den Unzulänglichkeiten unserer Gesellschaft zu begründen finde ich auch lahm.
--- Ende Zitat ---
Ich würde eher sagen, dass dies zu einem gynozentrischen Weltsystem passt. Ich weiß nicht, wo Männer als entbehrliches Geschlecht irgendwie patriarchalisch sein sollte. Vielleicht in einer Welt, wo Bauern die wahren Herrscher sind, da sie ja die Arbeit monopolisieren. Es geht mir hierbei ja nicht um die innerweltliche Logik des Romans, sondern um ganz profane Marktentscheidung. Es gibt nun mal eine Reihe Leser, die akzeptieren, wenn ein Mann verstümmelt wird, aber das Buch nicht lesen wollen, wenn das einer Frau passiert. Wenn der Charakter so etwas durchmachen soll, muss der Autor sich schon entscheiden, ob er es riskiert, diesen Teil der Käuferschaft potentiell zu vergraulen. Das gilt nochmal mehr für "softe" Gewalt in Kinderromanen. Wenn man da ein Mädchen als Protagonistin hat und diese Gewalt erfährt, würden schon etliche Personen weniger dies kaufen, als wenn es nur ein Junge wäre. Da kann man gerne drüber diskutieren, warum das so ist, aber letztendlich muss ein Autor auch immer überlegen, wie er seinen Roman in der Gesellschaft verkauft. Ebenso ist ja zum Beispiel ein Roman mit einer destruktiven Verschwörung von Katholiken mehr Gesellschaftstauglich, als zum Beispiel mit orthodoxen Juden, etc.
Crimson King:
--- Zitat von: TaintedMirror am 2.12.2017 | 10:58 ---Ich weiß nicht, wo Männer als entbehrliches Geschlecht irgendwie patriarchalisch sein sollte.
--- Ende Zitat ---
Ich vermute, es geht nicht darum, dass das patriarchalisch ist, sondern darum, dass es eine Scheinbegründung für das Patriarchat liefert. "Wir machen die gefährlichen Sachen, also sollten wir auch bestimmen dürfen." Das hinkt aber schon insofern, als vor den massiven Verbesserungen in der medizinischen Versorgung Frauen entsprechend oft während oder nach der Geburt gestorben sind. Im Mittelalter hatten Männer noch die höhere Lebenserwarung. Dazu kommen über lange Zeiträume der Moderne verstärkter Tabak- und Alkoholkonsum durch Männer. Und es hinkt, weil gerade die, die am meisten zu sagen haben, in ziemlich ungefährlichen Positionen sitzen.
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