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Hexxen 1733 Soundtrack, aber zeitgenössisch

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korknadel:
Im Neuerwerbungsthread ging es ein paar Posts lang um die CD, die der Box Werkzeuge des Hexxenmeisters beiligt. Die dort geäußerte Kritik bezüglich Singletrack und Verpackung berührt mich eigentlich gar nicht. Mir stößt dabei eigentlich eher auf, dass ich ja grundsätzlich mit dieser ganzen Hintergrundmusik und auch mit Filmmusik größtenteils nichts anfangen kann, ich stehe eher auf die Scorsese-Vorgehensweise, nämlich Filme/Spiele mit Musik zu untermalen, die unabhängig davon schon existiert.

Und bei einem Spiel, das im Barock angesiedelt ist, fände ich den Gedanken reizvoll, Spielsituationen mit Barockmusik zu untermalen. In einem Kloster mag auch aus Traditionsgründen ein wenig Renaissancepolyphonie erklingen.

Ich möchte versuchen -- und lade auch dazu ein --, hier Stücke zu sammeln, die zur Untermalung gewisser Spielszenen denkbar wären. Bei der ganzen Repräsentationsmusik, den Wutarien, den Pastoralen, den Charakterstücken etc des Barock müssten sich doch eigentlich viele Situationen mit für das Setting zeitgenössischer Musik abdecken lassen.

Solche Vorschläge, so sie denn auf Konsens stoßen, wären dann natürlich auch als Soundtrack für andere Spiele wie All For One oder Witch Hunter etc verwertbar.

Der Sturm von Marin Marais aus Alcyone:
https://www.youtube.com/watch?v=POydmjVrD0I

Oder der Sturm aus Rameaus Platée:
https://www.youtube.com/watch?v=wDSZMnuWAKw

Die Schlummerszene aus Lullys Atys
https://www.youtube.com/watch?v=bfVXFJH3nuI

Die Schlacht von Biber (und andere Charakterstücke):
https://www.youtube.com/watch?v=5YBOmgi-qSs

Die Wilden aus Rameaus Les Indes Galantes:
https://www.youtube.com/watch?v=3zegtH-acXE

Triumph, ebenfalls aus Les Indes Galantes:
https://www.youtube.com/watch?v=p4ZMnrG1rog

Und passt nicht eine Arie mit dem Titel "crude furie degl'orridi abissi" nicht wie die Faust aufs Auge auf barocke Hexxenjäger?

Ich hoffe, dass ich die Liste künftig erweitern kann.

Chiarina:
Mein ganz persönliches Problem mit Musik beim Rollenspiel ist, dass ich unweigerlich beginne zuzuhören. Das funktioniert bei mir nicht so ganz. Und wenn dann auch noch ein barockes Originalwerk erklingt... ich könnte nicht mehr spielen!

Was eventuell noch drin ist, sind kurze Instrumentalstücke, die eingeschoben werden können, um eine Atmosphäre überhaupt erst entstehen zu lassen. Einmal habe ich das mit Monteverdis Toccata (1. Link) ausprobiert, mit dem Ergebnis, dass meine Spieler mich schmunzelnd für schrullig erklärt haben... naja, mit der richtigen Runde aus Musikern, Geschichtsinteressierten und sonstigen Kulturschaffenden mag´s vielleicht funktionieren.

Am ehesten empfehle ich für repräsentative Anlässe die Eingangstoccata aus Monteverdis L´Orfeo:

Claudio Monteverdi: Toccata aus "L´Orfeo

Für intime Stunden nehme man vielleicht ein Werk für Virginal. Vielleicht aus dem Fitzwilliam Virginal book. Vielleicht dieses:

William Byrd: La Volta

Eine andere Möglichkeit für behagliche Stunden am Kamin: Lautenmusik

John Dowland: Semper dolens, semper Dowland

Vielleicht fällt mir noch mehr ein.

Noir:
Mein Problem mit solcher Musik ist, dass sie für mich nicht die Atmosphäre transportieren, die ich mir vorstelle. Grusel oder Unbehagen kommt bei mir nicht, wenn ich so fluffige Sachen höre. Ich bin ein sehr auditiver Mensch. Stimmung wird bei mir tatsächlich stark von der Musik mitgetragen. Wenn ich etwas zeitgenössisches einbauen wollen würde, müsste es für mich schon deutlich düsterer oder beklemmender oder irgendwie in dieser Art werden. Und da passt dann häufig eben doch eher der Filmsoundtrack - zumindest für mich.

Da hau ich dann eben sowas rein

https://www.youtube.com/watch?v=1ro4FHd51t4

und bin gefühlt deutlich krasser im barocken Deutschland als Hexenjäger unterwegs ... und das obwohl das ganze musikalisch vermutlich soviel mit Barock zu tun hat, wie ein Mettbrötchen mit Vegetarismus.

korknadel:
Marche des Combattants von Lully:
https://www.youtube.com/watch?v=alFFoBeLeG4


--- Zitat von: Chiarina am 24.10.2018 | 21:21 ---Einmal habe ich das mit Monteverdis Toccata (1. Link) ausprobiert, mit dem Ergebnis, dass meine Spieler mich schmunzelnd für schrullig erklärt haben... naja, mit der richtigen Runde aus Musikern, Geschichtsinteressierten und sonstigen Kulturschaffenden mag´s vielleicht funktionieren.

--- Ende Zitat ---

Seufz, ja. Datas Kommentar bestätigt genau das:


--- Zitat von: Data am 24.10.2018 | 21:28 ---Mein Problem mit solcher Musik ist, dass sie für mich nicht die Atmosphäre transportieren, die ich mir vorstelle. Grusel oder Unbehagen kommt bei mir nicht, wenn ich so fluffige Sachen höre. Ich bin ein sehr auditiver Mensch. Stimmung wird bei mir tatsächlich stark von der Musik mitgetragen. Wenn ich etwas zeitgenössisches einbauen wollen würde, müsste es für mich schon deutlich düsterer oder beklemmender oder irgendwie in dieser Art werden. Und da passt dann häufig eben doch eher der Filmsoundtrack - zumindest für mich.

--- Ende Zitat ---

Das wird wohl den meisten so gehen. Fluffig oder beklemmend, düster. Ich bin ja ebenso ein sehr auditiver Mensch, aber ich höre nichts Fluffiges in all den von mir gebrachten Beispielen (zumindest in diesen Einspielungen). Ich persönlich finde es sehr bedauerlich, dass Barockmusik (und auch der Großteil der restlichen klassischen Musik) eigentlich nur noch in Zusammenhängen wie Weihnachten oder als Zitat, wenn in einem Film mal jemand eine Perücke trägt, auftaucht, sodass kaum mehr andere Konnotationen als "fluffig" möglich sind, weil die Intention -- der Affekt, wie barocke Zeitgenossen gesagt hätten -- dieser Stücke gar nicht erkannt werden kann, von der Plüsch-Weihnachtsassoziation völlig überwuchert ist. Dabei geht es im Barock ja durchaus auch viel um Düsternis und Beklemmung und eigentlich wirklich nur in den allerseltensten Fällen um fluffiges Weihnachten, Fluffigkeit war einfach kein Thema für die meisten der damaligen Kunstschaffenden und -rezipienten. Die wollten in der Oper auch lieber miterleben, wie Dämonen aus der Hölle beschworen wurden (zum Beispiel in Lullys Thesee, auch wenn das Beispiel nun tatsächlich nicht als Soundtrack taugen würde ...). Die Sturmszenen bei Marin und Rameau aus dem Eingangspost wurden natürlich als höchst dramatisch und bedrohlich empfunden und waren nicht umsonst berühmt. Schade (für mich), wenn das nicht mehr ankommt, weil unser Mainstream all das irgendwie unter Christbaumkugeln und Lametta subsumiert. Aber sei's drum, ich versuche trotzdem noch ein wenig, nach Musikstücken zu suchen, die sich zumindest in meinen Ohren sehr gut als Hintergrund einer barocken Rollenspielszene eignen.


--- Zitat von: Data am 24.10.2018 | 21:28 ---Da hau ich dann eben sowas rein

https://www.youtube.com/watch?v=1ro4FHd51t4

und bin gefühlt deutlich krasser im barocken Deutschland als Hexenjäger unterwegs ... und das obwohl das ganze musikalisch vermutlich soviel mit Barock zu tun hat, wie ein Mettbrötchen mit Vegetarismus.

--- Ende Zitat ---

Das ist ein schön anzuhörendes Stück, und Du hast mit Deiner Vermutung recht, schon allein die Geigentechnik ist so gar nicht barock. Ich verstehe vollkommen, weshalb derlei Musik für solche Zwecke herangezogen wird, krass empfinde ich das allerdings ganz und gar nicht, denn meine ersten Assoziationen sind hier: effekthascherische Filmmusik, die sich bei klassischem Instrumentarium und den Tricks und Kniffs klassischen Tonsatzes bedient, dazu noch ein bisschen aus der Volksmusik entlehnte Melodieseligkeit, und fertig ist ein moderner Soundtrack, bei dem ich an historische TV-Serien wie Poldark denken muss und an Unterhaltungsindustrie, aber eben nicht an Barock. Ein Großteil der von mir geschätzten Barockmusik dagegen ist in dem Sinne krass, dass ihre Komponisten damals, in ihrer Zeit, Avantgardisten waren und dieses Neue, Frische, Krasse höre ich eben bei Vivaldi oder Biber, während ich bei James Howard Newton einen Handwerker höre, der sich meisterhaft bei allem von Palestrina bis Stockhausen bedient, um eine vorgeprägte und durch die Filmindustrie tausendmal eingebläute Gefühlstastatur zu bespielen. Wie gesagt, wenn so was mal während einer Rollenspielrunde liefe, würde ich das auch goutieren, weil schöne, stimmungsvolle Musik, aber wünschen tu ich mir halt, mal was Zeitgenössisches. Und deshalb dieser Thread.

felixs:

--- Zitat von: korknadel am 25.10.2018 | 10:40 ---effekthascherische Filmmusik, die sich bei klassischem Instrumentarium und den Tricks und Kniffs klassischen Tonsatzes bedient, dazu noch ein bisschen aus der Volksmusik entlehnte Melodieseligkeit, und fertig ist ein moderner Soundtrack

--- Ende Zitat ---

Eben deshalb  - meine ich - eignet sich das dann ja auch als Nebenbei-Musik.
Das funktioniert mit den von Dir beschriebenen Musikstücken nicht, bei denen es Aufmerksamkeit und auch ein wenig Reinhörens bedarf.

Meinem Eindruck ist es bei Musik sehr ähnlich wie mit der Literatur: Man hat eben doch eine starke Bindung an die Zeit. Es gibt einige Werke, welche die Zeit gut überdauern, aber das sind nicht viele. Und bei den überdauernden ist es wohl oft auch so, dass sie vor allem deshalb funktionieren, weil sie immer wieder neu kontextualisiert werden und damit in ihrem Zeitbezug erhalten bleiben. Manche Sachen mögen auch einfach zeitlos-genial sein.
Jedenfalls funktioniert auch Barock-Literatur für mich ebenfalls überhaupt nicht. Nicht Theater, nicht Dichtung, schon gar nicht die Romane der Zeit. Man kann das alles zur Kenntnis nehmen und ich finde es historisch interessant. Ästhetischen Genuss beschert es mir nicht.

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