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Reading Challenge 2026

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Sindaja:
    7. Howard Gardener: Kreative Intelligenz
Kreative Intelligenz und was ihr Nährboden ist. 4 Arten der kreativen Intelligenz werden an den Beispielen Mozart („Meisterschaft“), Freud („Neuerer“), Woolf („Selbstbeobachtung“) und Ghandi („Einflussnahme“) illustriert. Was ist gleich, ähnlich, anders und was kann man als „Normalsterblicher“ für sich daraus positiv mitnehmen. Reflektieren, Stärken erkennen, nicht nur Erfolge, sondern auch Misserfolge produktiv verwerten als zentrale Punkte und so auch im Kleinen im eigenen kreativen Potential schöpfen. Eine interessante Lektüre, die auch das ein oder andere Gespräch aus der Vergangenheit wieder ins Gedächtnis rief und das Gedicht „Success“ (angeblich) von Emerson.
    8. Yoon Ha Lee: Fox Snare
Dragon Pearl hatte mir ja sehr gut gefallen. Das zweite Buch blieb gar nicht in Erinnerung. Dieses hier war unterhaltsam. Ich fand aber den Schluss etwas gedrängt und so nicht ganz überzeugend. Irgendwie an den falschen Stellen gekürzt...
    9. Paula Fox: The coldest winter
Eine junge Amerikanerin reist 1946-47 nach Europa und arbeitet dort als Journalistin. Weniger eine umfassende Beschreibung über die Situation dort, als eine Sammlung von persönlichen Eindrücken. Das Fazit ist für sie vielleicht auch einfach, das Europa ihr etwas gezeigt hat, was nicht sie selbst ist und ihr geholfen hat, sich von den Ketten zu befreien, von denen sie vorher nicht wusste, dass es sie gab. Ein interessantes Buch, das nicht durch den Spannungsbogen besticht, sonder sich auch gut Kapitelweise mit zeitlichem Abstand lesen lässt.

Menthir:
Nachdem ich zwei Monate wegen diverser privater Änderungen (Hausbau, Planung Elternzeit etc.) nicht zum Lesen gekommen bin, geht es wieder weiter.

#7 J.R.R. Tolkien - The Fall of Arthur

The Fall of Arthur ist m.E. ein spannendes, unvollendetes Fragment. Anstatt dem typischen höfischen Stil des Mittelalters zu folgen, den wir bspw. aus den Ritterromanen aus Frankreich und Süddeutschland kennen und wie wir auch eher die klassische Sage um Artus erwarten, nutzt Tolkien Form des altenglischen Stabreims (alliterative verse), um den Untergang der Tafelrunde zu schildern.

Die Handlung setzt ein, als Arthur gegen die Sachsen in den Osten zieht. Während seiner Abwesenheit greift Mordred nach der Krone (und Guinevere), was Arthur zur schmerzhaften Rückkehr nach Britannien zwingt. Das Werk bricht vor der finalen Schlacht ab, besticht jedoch durch seine düstere, melancholische Atmosphäre.

Wie schon im Beowulf, lässt sich hier ein wenig nachzeichnen, wie seine Beschäftigung mit der Thematik, sprich mit altenglischer Literatur, sein Schaffen auf Mittelerde unmittelbar beeinflusste. So wie Beowulf für die Rohirrim von überragender Bedeutung ist, sind hier Grundzüge erkennbar, die sich in Tolkiens Gesamtschaffenswerk immer wieder finden. Avalon/Avallon (Tol Eressëa) als Insel im Westen bspw., die Bedeutung einzelner Waffen etc.
Die Artussage spielt jedoch auch darüber hinaus eine nicht zu verachtende Rolle für den Untergang Númenors oder für die tragische Geschichte von Túrin Turambar.

Diesen kreativen Schaffensprozess nachzuvollziehen, wird mir mit zunehmenden Alter noch spannender als die Geschichten selbst.

Insgesamt ist dieses Werk aber natürlich sehr verkürzt, und in seinen Annotationen durch Christopher Tolkien längst nicht so umfangreich wie andere Werke. In seiner Begleitung und Beschreibung bleibt es selbst geradezu fragmentarisch, aber ich habe es trotzdem mit Gewinn gelesen.

7 von 10 Punkten

Menthir:
#8 Melanie Müller - Die Geopolitik globaler Lieferketten

Vorweg: Es ist eine gute, wertvolle Einführung in die Thematik und in die Geopolitik globaler Lieferketten.

Besonders erwähnenswert ist, dass das Buch verhindert, in eine rein eurozentrische Betrachtungsweise zu fallen, oder die angloamerikanische Sicht anzunehmen. Stattdessen betrachtet das Werk auch den globalen Süden und behandelt dieses Thema vorbildlich.

Das Werk startet mit einem allgemeinen Überblick über Lieferketten, arbeitet sich dann über die historische Perspektive bis hin zu recht aktuellen Herausforderungen vor, sozusagen als dreiteilige Bestandsaufnahme.
Danach wechselt das Werk in das Thema Gouvernance und fragt sich, wer die Gestalter und Mitwirkenden und Leidenden von Lieferketten sind, welche positiven und negativen Effekte das mit sich bringt und wie es um legale und illegale Lieferketten bestellt ist. Abgeschlossen wird es mit der rechtlichen Perspektive und einem kurzen Ausblick in mögliche Zukunftsszenarien.

All das ist sehr faktenbasiert, und entsprechend vorsichtig gewichtet. Dabei ist es der Autorin gelungen, dieses komplexe Thema, v.a. die besonders komplexen Gebiete wie die europäischen oder das deutsche Lieferkettengesetze, anschaulich zu erläutern, ohne zu sehr ins Detail zu gehen.

Was das Werk nicht leisten kann, ist spezielle Auskünfte zu einzelnen Lieferketten zu geben. Beispielhaft ist das an Kaffee und Schokolade illustriert. Das kann ein Werk dieses Umfanges aber natürlich nicht umfänglich leisten, doch gerade beim Schwerpunkt auf die Geopolitik wäre der Zusammenhang von Militär und Lieferketten spannend gewesen. Dieses Thema wäre gerade aufgrund der höheren Dringlichkeit in einer vernetzten und zunehmend kriegerischen Welt erhellend gewesen.
Genauso wenig kann das Werk unterschiedliche, politische Haltungen zu Lieferketten analysieren und bewerten.
Am Rande taucht immer mal wieder die Perspektive der Globalisierungskritik auf, wird aber nicht durchgehend durchgehalten. Das wäre in allen Kapiteln spannend gewesen oder hätte an der einen oder anderen Stelle etwas mehr Fleisch auf den Knochen vertragen, bspw. bei der Degrowth-Bewegung.

Das tut dem Werk aber keinen Abbruch, sondern ist mehr dem Rahmen geschuldet. Ich kann die Lektüre dieses Werkes empfehlen.

7 von 10 Punkten

Menthir:
#9 Julia S. Torrie - German Soldiers and the Occupation of France 1940–1944

Das Buch untersucht den Alltag deutscher Soldaten im besetzten Frankreich und rückt dabei deren soziale Praxis statt reiner Militärgeschichte in den Fokus.

Torrie zeigt, dass die Besatzung nicht nur von Gewalt geprägt war, sondern auch von Routinen, Freizeit, Konsum und Interaktionen mit der französischen Bevölkerung. Soldaten erscheinen als „normale“ Akteure, die zwischen Pflicht, Opportunismus und persönlichem Vergnügen agierten. Diese mikrohistorische Perspektive erweitert das Verständnis der Besatzung, v.a. da die Themen Tourismus, Lifestyle und Fotografien prominent angesprochen sind.

Kritisch lässt sich jedoch anmerken, dass die Betonung des Alltags mitunter die strukturelle Gewalt und ideologische Dimension der deutschen Besatzung in den Schatten stellt. Die Gefahr besteht, dass durch den Fokus auf individuelle Erfahrungen die systematische Unterdrückung und Beteiligung an NS-Verbrechen in den Hintergrund tritt. Die Autorin versucht diesem Umstand durch häufige Wiederholung der Nennung dieser Gefahr gerecht zu werden. Eine breitere, grundsätzliche Einordnung zu Beginn des Buches hätte da meines Erachtens noch stärker gewirkt. Gleichzeitig bleibt die französische Perspektive vergleichsweise unausgearbeitet. Eine stärkere Unterscheidung in der Erfahrung der direkten Besatzung, und auch wegen des Vichy-Regimes eine innerfranzösische Perspektive, hätten diesem Buch gut getan.

Kritisiert werden muss, dass die Kapitel nicht nahtlos ineinandergreifen, und quasi nach einer größeren Beschreibung der "Normalität" der Besatzung, es dann doch in die Spätphase des Krieges geht, ohne die Fäden gänzlich zusammenzubinden. Die Schlusskapitel sind also leider nicht so stark. Als Beispiel nehme ich das letzte Kapitel. Hier behauptet die Autorin, dass die kolportierte Verweichlichung der an der Westfront lange stationierten Soldaten ein signifikanter Auslöser gewesen sei, dass vor allem ideologisierte Soldaten (SS) oder an der Ostfront dienende Soldaten dann umso stärkere Kriegsverbrechen in Frankreich begangen hätten. Ohne ins Detail zu gehen, ist dieses Argument schwer haltbar, da dieselben Personen ja auch ohne vorherigen Ansatz/ohne vorherigen Dualismus (weicher Westen vs. harter Osten) solche Untaten im Osten begangen hatten. Diese Behauptung kann die Autorin m.E. anhand ihrer Fakten und Argumentation nicht glaubhaft stützen.

Insgesamt bietet das Werk trotzdem insgesamt eine gerade noch ausreichend differenzierte, quellengesättigte Analyse, die bekannte Narrative sinnvoll um diese Alltagsperspektiven ergänzt. Es wäre dem Werk und vielen anderen Werken, die sich die Erfahrung der Betroffenen zu eigen machen, also mikrohistorisch wirken, zu wünschen, dass sie auch psychologische Betrachtungen (durch Fachpersonal freilich) mit in die Perspektiven und Forschung einbeziehen.

5 von 10 Punkten

Menthir:
#10 Stefan Zweig - Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers

Das Buch ist weniger eine klassische Autobiografie als ein fein gesponnenes Erinnerungsnetz, in dem Geschichte nicht als abstrakte Abfolge von Ereignissen erscheint, sondern als Summe gelebter oder erlebter oder konstruierter Einzelschicksale. Zweig verkleinert die Welt bewusst: Er nähert sich den Umbrüchen des frühen 20. Jahrhunderts über Begegnungen, Charaktere und persönliche Eindrücke. Manchmal schreibt er sich so in die großen Abläufe der Geschichte; und macht sich retrospektiv zu einem Propheten, der er eigentlich gar nicht sein will.

Gerade darin liegt die Stärke, aber auch die Schwäche des Werks. Die großen politischen Verwerfungen, vom Untergang der Donaumonarchie bis zum Aufstieg des Nationalsozialismus, werden durch subjektive Perspektiven greifbar und emotional zugänglich. Zweig zeigt, wie Kultur, Freundschaften und geistige Netzwerke eine vermeintlich stabile Welt tragen, bis sie zerbrechen.

Kritisch betrachtet führt diese Reduktion jedoch zu einer gewissen Verklärung. Strukturelle Ursachen, Machtmechanismen und gesellschaftliche Dynamiken treten hinter die elegische Erinnerung zurück. Zweigs Blick ist der eines gebildeten, privilegierten Europäers, der den Verlust seiner Welt betrauert, ohne sie vollständig zu hinterfragen.

So entsteht ein Werk von großer literarischer Dichte, das Geschichte eindrucksvoll humanisiert, aber gerade durch diese Personalisierung gelegentlich an Wucht und Schärfe verliert. Und so ist es spannend, dass er Mussolini und Hitler nicht in seine personalisierte Geschichte eingepasst bekommt, auch wenn er es bei beiden versucht. Er kann nicht akzeptieren, dass der persönliche Zugang über Einzelbiographien nicht ausreicht, die Welt, wie sie ist oder er sie wahrgenommen hat, zu erklären.
 
Das ist die tragende Tragik dieses autobiographischen, immer noch sehr lesenswerten Werkes.

8 von 10 Punkten

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