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Was hört Ihr gerade so?

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Mister Kitten:
Heute mal wieder ein bisschen Hardcore: Just Went Black - Losing Heart: https://www.youtube.com/watch?v=4LjchtBEwoY

Chiarina:
Jamie T. hatte 2006 mit "Sheila" seinen Durchbruch. Der Song erzählt:
- von einer Frau, die in der Themse ertrinkt
- von einem Drogendealer, der in einem Schusswechsel stirbt
- von einem Mädchen, das an einer Überdosis stirbt.

Ein Teil der Story über die Frau in der Themse stellt den Refrain dar. Wir hören, dass Sheila betrunken und über die Männer schimpfend nachts durch London schwankte. Wir erfahren auch, dass der Tod der jungen Frau niemanden interessiert hat.

So weit, so schlimm... interessant finde ich zunächst, dass dieser Refrain auch nach den anderen Minitragödien erklingt. In gewisser Weise ist Sheilas Geschichte also exemplarisch für den ganzen Mist, der sich eben immer wieder ereignet: Ohnmacht und Einsamkeit, so lässt sich vielleicht sagen.

Wer in die Strophen hineinschaut, sieht noch mehr. Jamie T. zeigt uns, dass die Katastrophe allein nie die ganze Wahrheit ist.

Wir erfahren, dass Sheila um Anerkennung gekämpft und ein handfestes Alkoholproblem hatte.
Wir erfahren, dass dem Drogendealer die Frau weggelaufen ist und er alleinerziehender Vater war.
Wir erfahren, dass das Mädchen sich eine Weile gegen seinen Vater gewehrt hat, der es so lange im Rausch mit seinem Gürtel verprügelt hat, bis er an einem Herzinfarkt gestorben ist. Statt sich befreit zu fühlen, hat sich das Mädchen daraufhin mit Drogen umgebracht.

Und die Musik?

Wir hören einen gutgelaunt rollenden Beat mit ein wenig Ska-Einschlag und einer Art Kirmesorgel, die vielleicht etwas allzu angestrengt eine nicht enden wollende Groove-Schleife vor sich hin dudelt. Die vier Akkorde in wohlbekannter Folge (I-VI-V-IV) verstärken den Eindruck eines Gute-Laune-Songs, der aber eben auch reichlich simpel gestrickt und einfach ein bisschen doof ist... vielleicht so wie die Typen, die an Bob Hoskins vorbei an der Themse entlang spazieren und alle ihre eigenen Tragödien erleben, die sich aber nie mit anderen darüber austauschen und deshalb in Gefahr laufen ähnliche Schicksale wie Sheila zu erleben.

"Sheila" ist ein bitterer Song über einsame, verstummte Menschen, über die sonst niemand spricht.

Jamie T.: Sheila

Drölfter:
Hallo zusammen, mein erster Post hier. Ich höre gerade Joan Crawford von Blue Öyster Cult, cooler Song mit komplett sinnlosem Text.

Chiarina:
José James singt und spricht alles mögliche von Soul bis HipHop, schwerpunktmäßig aber Jazz, und da auch alle möglichen Spielarten. Seine Billie-Holiday-Hommage "Yesterday I Had The Blues" habe ich mit Interesse gehört. Mein allererster Gedanke war: Ein Mann, der Billie Holiday covert? Hat er die ganzen Lovesongs umgetextet?

Die Musik finde ich ziemlich gut. Der Typ singt klasse, der Sound ist glasklar, die Arrangements sind zeitgemäß und modern, ohne jetzt sofort alles von Innen nach Außen umkrempeln zu müssen.

Dann habe ich einen dieser Sehnsuchtssongs von Billie Holiday gesucht... "Lover Man" zum Beispiel. Die einsame Billie Holiday singt über ihre Sehnsucht nach einem Mann, mit dem sie lang vermisste Zärtlichkeiten teilen kann. Am Ende des Refrains erklingt immer wieder der Vers "Lover man, oh, where can you be?"

Und José James? Statt "lover man" singt er einfach nur "lover" und wählt damit eine androgynere Version. Ich bin ein wenig enttäuscht. Dabei wird die Rolle der schmachtenden Frau ansonsten komplett durchgezogen: "I go to bed with a prayer / That you'll make love to me".

Ich checke noch ein paar andere Songs auf dem Album und stelle fest, dass das kein Zufall ist. Alle Texte werden beibehalten, nur die ganz konkreten Geschlechtszuschreibungen werden umgetextet. Blöd. Ich bin unzufrieden.

José James: Lover Man

Dann ist auch noch "Strange Fruit" auf dem Album. Billie Holiday besingt den Schwarzen mit den aus dem Schädel quellenden Augen, der von einem Lynchmob an einem Baum aufgeknüpft wurde. Es ist wahrscheinlich der drastischste Billie Holiday Song überhaupt - und auch musikalisch ist er anders, als Billie Holiday Songs in der Regel sind. Viele Leute covern ihn um eine besonders intensive Nummer im Programm zu haben... wenige Leute überlegen sich, ob sie diese Intensität eigentlich auch selbst aufbringen können. Dann denke ich: "Wärste mal bei den Swingnummern geblieben!"

Wie ist es bei José James? Der Song ist die Nummer auf seinem Album, für die er sich am weitesten von Billie Holiday entfernt. Und so muss es auch sein. Wenn man schon einen Song über Lynchjustiz covert, dann darf das Grauen nicht einer "Oldies but Goldies"-Seligkeit zum Opfer fallen. Was bei José James konkret zu hören ist, müsst ihr euch selbst geben. Ich finde es gelungen.

José James: Strange fruit

Crimson King:
Ich bin nahe dran, meine Ausmistaktion abzuschließen. Der sind einige Alben zum Opfer gefallen, die ich grundsätzlich gut finde, die aber gegen vergleichbare Alben aus ihrem Genre grundsätzlich den Kürzeren ziehen und deshalb nie gehört werden, beispielsweise Still got the Blues von Gary Moore oder die Frickelmetal-Combo Watchtower.

Inzwischen bin ich bei Sachen angekommen, die ich erst im letzten Jahr gekauft und deshalb kaum gehört habe. Aktuell läuft Mobius - Kala, eine großartige Progmetal-Kombo von der Insel Réunion, die ihre Weltmusik-Einflüsse gekonnt in ihren symphonischen Metal einwebt und obendrein mit angenehmem weiblichen Gesang aufwartet, der sich in der Männerdomäne Rock/Metal schnell positiv abhebt. UNbedingt empfehlenswert und definitiv ein Stayer.

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