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Misspent Youth

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Ucalegon:
Weil Wil Wheaton das Spiel bei TableTop featured - die Folge wird wohl am 5.7. öffentlich - kickstartet Rob Bohl eine Neuauflage von Misspent Youth - Teenage rebellion in a fucked-up future. Oben drauf kommt die Erweiterung Misspent Youth: Sell Out with Me mit neuen Dystopien und Hacks von einem Haufen cooler Indie-Leute. Stark!


--- Zitat ---Misspent Youth: Teenage rebellion in a fucked-up future! Play the only kids that can stop some asshole from turning the world to shit.
--- Ende Zitat ---

D. M_Athair:
... kann wer was zum politischen Narrativ sagen, das im Spiel verbaut ist?

Ucalegon:

--- Zitat von: D. Athair am 28.06.2017 | 05:16 ---... kann wer was zum politischen Narrativ sagen, das im Spiel verbaut ist?

--- Ende Zitat ---

Ich denke, für die Erweiterung ist das "stop some asshole from turning the world to shit. " Wenn ich mich nicht irre, hat Bohl gesagt, dass sich ein paar der vorgefertigten Welten sehr deutlich gegen die Trump-Regierung richten. Und auch sonst wird das angesichts des Teams die gewohnt progressive Linie sein.
---

Das Spiel selbst fordert indes erstmal dazu auf, das eigene Bauchgefühl einzubringen, während man gemeinsam die zu bekämpfende Authority erschafft:

--- Zitat ---The most important
thing when coming up with The Authority is to make something
that’s going to make you — the players, the people sitting
around the table — furious. Brainstorm a list of the things
that real-life bullies do that make your guts knot up with
impotent fury.
--- Ende Zitat ---

Das wird dadurch ein bisschen begrenzt, dass man für die Authority ein vorgegebenes Motiv (Absolutism, Fear, Greed, Sadism, Utopianism), ihr Opfer in einem allgemeinen Sinn (Freedom, History, Humanity, Nature, Progress) und ihre Erscheinungsform (Corporate, Personal, Religious, State, Systemic) wählen muss. Über die Systems of Control, also was genau unterdrückt, verboten, bekämpft wird, entscheidet man wieder selbst.

Unabhängig davon, gegen wen oder was eigentlich gekämpft wird, ist Misspent Youth aber immer punkige Widerstands-Romantik. Das ist das Narrativ. Entsprechend muss auch nicht erklärt werden, warum die Authority böse und die Youthful Offenders - mit den möglichen Motiven Altruism, Optimism, Outrage, Pride, Thrills - unschuldig und gut sind. Dass die YOs Widerstand leisten und sich nicht unterwerfen steht damit fest. Ritualisiert wird das in der Frage "Who's gonna stand up?", mit der die SL/Authority jeden Konflikt einleitet.

Wenn es für die YOs schlecht aussieht, kann man eine Überzeugung "verkaufen" (selling out; bspw. Cool -> Trendy, Outrage -> Wrathful, Thrills -> Nihilistic etc.) und gewinnen.
Ziel für die YOs ist es also, die Systems of Control zu untergraben ohne dabei zu viel von ihrem jugendlichen Idealismus zu verlieren und am Ende so zu werden wie die Authority. Wenn sie nicht oft genug gewinnen, behält die Authority die Kontrolle, wenn sie aber andererseits zu viele Überzeugungen opfern, um zu gewinnen, geht es für die YOs persönlich schlecht aus.

Wie das Politische im Spiel rauskommt, kann ich nicht sagen. Vom Text her würde ich vermuten, dass es hinter den soliden Kern aus La Résistance und den SF-Aspekt der Systems of Control zurücktritt.

D. M_Athair:
Erstmal danke für die Erläuterung.

Ich schau mal ob ich die opressive Gegenseite zu Bohls Idealen konstruieren kann:
Motive: Utopianism, Opfer: Freedom (ggf. stabilitas), Erscheinungsform: System

Damit kann kann ich ein progressives politisches oder gesellschaftliches System bauen, zu dessen Kernmerkmalen Verbote, political correctness im Sinne von Rotherham gehören und, das unter dem Deckmantel von Antidiskriminerung-Übersteigerung (vgl. Inhalte, der dann doch gezeigte arte-Doku) jede Kritik invalidisiert. [Beispiele entstammen willkürlich progressiven Entgleisungen und sind KEIN politisches Statement.]


Wenn das tatsächlich gehen sollte jede staatliche, religöse, gesellschaftliche, ... Spielart zur Authority zu machen, dann könnte das Spiel durchaus interessant sein. Die punkig-romantische Widerstandsattitüde gab es ja in der Geschichte oft genug in völlig unterschiedlichen Lagern. Ist halt die Frage wie wörtlich "punk" zu nehmen ist.

Wenn meine Vermutungen richtig sind, dann wäre für mich der Reiz daran, dass ich ohne Probleme die Seiten vertauschen kann.
Also: Progressive Authority vs. Redneck-OP, Traditionalist Authority vs. Hippie-OP, ...


Ucalegon:
Danke für den Kommentar. Das Thema finde ich hochinteressant.


--- Zitat von: D. Athair am 30.06.2017 | 06:48 ---Ich schau mal ob ich die opressive Gegenseite zu Bohls Idealen konstruieren kann:
Motive: Utopianism, Opfer: Freedom (ggf. stabilitas), Erscheinungsform: System

Damit kann kann ich ein progressives politisches oder gesellschaftliches System bauen, zu dessen Kernmerkmalen Verbote, political correctness im Sinne von Rotherham gehören und, das unter dem Deckmantel von Antidiskriminerung-Übersteigerung (vgl. Inhalte, der dann doch gezeigte arte-Doku) jede Kritik invalidisiert. [Beispiele entstammen willkürlich progressiven Entgleisungen und sind KEIN politisches Statement.]

--- Ende Zitat ---


--- Zitat ---Utopianism: A Utopian
Authority thinks it knows what’s
best for you and it really
believes whatever fuckedup
scheme it has will make
the world a better place.

Freedom: Freedom of
choice, speech, religion,
the press, movement: all of
these things and more are
anathema to The Authority.

Systemic: A process, a culture, a civil paranoia, a lifedefining
test regimen, etc. Since it’s got no face to spit in
and no headquarters to stinkbomb, this Authority can be very
difficult to directly confront.
--- Ende Zitat ---

Das ist absolut möglich. Die Kategorien selbst schränken dich wie gesagt kaum ein. Das Entscheidende ist laut MY, die Authority so zu bauen, dass sie alle am Tisch unglaublich wütend macht. Alle müssen bereit sein, die Authority als grotesk überzeichnetes Evil Empire zu akzeptieren. Scheitern wird das also wenn nicht am Spiel oder der Form, die die Authority annimmt, sondern daran, dass Leute ihre eigenen politischen Überzeugungen und Anliegen über Gebühr in den Dreck gezogen sehen. Müll wie Modern Educayshun z.B. würde ich nicht spielen wollen. Anderen wäre vielleicht eine religiös-fundamentalistische oder nationalkonservative Authority zu viel.  Da man sich aber ohnehin gemeinsam auf die Authority einigt, sollte das in der Praxis unproblematisch sein.


--- Zitat von: D. Athair am 30.06.2017 | 06:48 ---Wenn das tatsächlich gehen sollte jede staatliche, religöse, gesellschaftliche, ... Spielart zur Authority zu machen, dann könnte das Spiel durchaus interessant sein. Die punkig-romantische Widerstandsattitüde gab es ja in der Geschichte oft genug in völlig unterschiedlichen Lagern. Ist halt die Frage wie wörtlich "punk" zu nehmen ist.

Wenn meine Vermutungen richtig sind, dann wäre für mich der Reiz daran, dass ich ohne Probleme die Seiten vertauschen kann.
Also: Progressive Authority vs. Redneck-OP, Traditionalist Authority vs. Hippie-OP, ...

--- Ende Zitat ---

Was macht diesen Reiz denn für dich aus? Dass du bei deiner eigenen Dystopie nicht an Bohls politische Überzeugungen gebunden bist und deine Kritik, z.B. an einer entgleisten political correctness, in Form einer überzeichneten Authority formulieren kannst, gegen die sich die YOs zurecht auflehnen? Dann bist du aus meiner Sicht bei MY richtig. 

Aber:  Ich würde eben den dafür nötigen, weltanschaulichen buy-in nicht unter den Tisch fallen lassen. Die YOs sind per definitionem unschuldig und gut - wenigstens bis sie zu vollständigen sell-outs werden. The Revolution Will Not Be Vilified. Das ist in den Motiven (s.u.), die am Anfang zur Wahl stehen, der selling-out Mechanik und dem Evil Empire codiert. D.h. es geht MY darum, sich mit den Guten zu identifizieren und den Bösen mal so richtig einzuschenken - wie Bohl sagt: "It's the game, where you can punch capitalism in the face and win." - manchmal einen Preis dafür zu zahlen oder wenigstens die Guten tragisch scheitern zu sehen.

Kurz: Ich glaube nicht, dass MY kritische Distanz erlaubt bzw. ich stelle es mir sehr schwer vor, YOs zu spielen, deren Einstellung und Überzeugungen ich persönlich zum Kotzen oder wenigstens zweifelhaft finde. Das ist auch ganz offensichtlich nicht Bohls Intention. MY möchte, dass du die Widerstandsromantik kaufst. Andersrum heißt das, dass bei MY alle ihre Karten offen auf den Tisch legen müssen: Was für eine Authority macht dich rasend und wie sehen die heldenhaften Jugendlichen aus, die dagegen antreten? Wenn letztere also die SF-Version von Trump-begeisterten Rednecks, Gamergate oder der Identitären Bewegung sind, kann zumindest ich nicht "ohne Probleme die Seiten vertauschen". Der nötige buy-in ist der Preis für das klare Schwarz-Weiß-Denken in MY. Das Spiel selbst schränkt dich aber auch hier nicht ein. Die Motive der YOs (Altruism, Optimism, Outrage, Pride oder Thrills) sind so generisch gut wie die der Authority generisch böse sind.

Um also nochmal auf deinen Seitentausch zurückzukommen: Das Ziel von MY ist es nicht, dich darüber reflektieren zu lassen, inwiefern die Authority bösartig und die YOs gut sind bzw. warum beide Seiten so handeln, wie es das Spiel und das Trope vorsehen. Das erreichst du auch mit einem Seitentausch nicht. Deine "progressive" Gesinnungsdiktatur muss immer noch so abartig und deine YOs so gut und idealistisch sein, dass niemand am Tisch kritische Fragen stellt.

Interessant ist der direkte Vergleich zu Dog Eat Dog, das ebenfalls eine übermächtige, hier Kolonialmacht gegen unterlegene Einheimische aufstellt. Liam Burke schreibt entsprechend über den Seitentausch:


--- Zitat ---The Culture War
Here’s another aspect of Dog Eat Dog’s perspective on inferiority.
Go back to that section where I list off a few sets of Traits for
the Occupation and the Natives. Flip them around—make the
Occupation the Natives and the Natives the Occupation. How
does this change the game?
[...]  [Gar nicht, Anm. von mir]
The statement here is hopefully pretty obvious—in Dog Eat
Dog, the characters think, or are encouraged to think, that
certain behaviors or ideas are good and others are bad, not
because of any inherent value in either case, but because one
set belongs to the people in power, and one set belongs to the
people without power.
This is also true of the real world.
--- Ende Zitat ---

Dog Eat Dog zwingt dich im Gegensatz zu MY nicht dazu, die eine oder andere Seite zu verklären. Es zeigt dir nur, was passiert, wenn die Mächtigen sich den Machtlosen überlegen fühlen. Das adelt (oder entschuldigt) weder die eine noch die andere Seite.* Darüber zu urteilen, bleibt dir selbst überlassen.

*Die Idee dahinter, nämlich dass so eine Beziehung, egal wer beteiligt ist, nie funktionieren kann, grds. negativ ist und sich damit zumindest schuldig macht, wer das nicht sehen will, ganz besonders natürlich die historischen Kolonialmächte, erfordert natürlich schon einen buy-in.

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