Pen & Paper - Spielsysteme > Weitere Pen & Paper Systeme

[Burning Empires] Werkschau

(1/6) > >>

oliof:
Dieser Beitrag ist ein Schwesterartikel zu [Burning Wheel] oliof arbeitet sich durch die Regeln … und soll einen Einblick in Burning Empires und meiner Meinung dazu geben. Er ist sozusagen in Vorbereitung auf den noch ausstehenden Quervergleich der Spiele aus der Burning … Familie.


Über diesen mehr als 600 Seiten umfassenden Schinken ist an anderen Orten mehr oder weniger nützliches gesagt worden.

Für alle die den Links nicht folgen wollen: Auf etwas mehr als 600 großzügig gefüllten Seiten stellt Crane seine Burning Wheel-Adaption der Science-Fiction-Reihe Iron Empires, einem Zerfallenes-Sternenreich-Körperfresser-Setting. Im Spiel geht es darum, den Versuch der Aliens, den kollaborativ gestalteten Planeten einzunehmen, abzuwehren. Es gibt zwei Seiten, normalerweise spielt der SL die Bösen Aliens(TM) und die Spieler die Guten Menschen(TM), die explizit gegeneinander spielen.

Das Buch umfaßt mehr als 600 Seiten, weil es im Prinzip den Großteil der Regeln aus den Originalregeln (mit vielen kleinen Änderungen) und einen settingangepaßten Character Burner enthält, bevor überhaupt "neues" Material Raum füllt[1].

Neben Regeln für Technologie (i.e. ein Gadget Burner), Aliens (i.e., ein Monster Burner in Space), Psychology (PSI-Kräfte), Scharmützel (einer Abart des Range and Cover-Systems) und neu interpretierten Schadensregeln (statt schwarz/grau/weiss gibts hier "menschlichen"/"Fahrzeug"/"Superstructure" Schaden, wobei der übergeordnete Schaden für die untergeordneten Versionen schlichtweg vernichtend ist) sind die hervorstechenden Regelbestandteile der World Burner und die Infection Rules


Im World Burner bauen die Spieler gemeinsam mit dem SL die Welt um die es gehen soll. Man verortet die Welt in der Spielgalaxis, legt Athmosphäre, Hydrologie und Topoligie fest, wählt einen Techlevel, Regierungsform, wichtige Parteien, Militärpräsenz, Haltung zu den Aliens und bestimmt Wirtschaftsform, Quarantäne- und Zollbestimmungen sowie wichtige Personen. Aus den verschiedenen Optionen ergeben sich a) Details der Spielwelt, b) mögliche Charakter-Lifepathes und c) ein Grundpunktekonto für die Infection Rules.

Meiner Meinung nach ist der World Burner eine vertane Chance. Wer Burning Empires zum ersten Mal spielt, wird vermutlich nicht die Welt bekommen, die gewünscht ist (obwohl das versprochen wird), und man wird damit vertröstet, das als Herausforderung zu sehen. Es wäre meiner Meinung nach hilfreicher gewesen, ein Dutzend fertig spielbarer Welten anzubieten, die die verschiedenen Spielvarianten die der World Burner anbietet, abdecken und erläutern. Meinetwegen hätte dafür der knapp 60 Seiten fassende World Burner als PDF Download angeboten werden können (oder in den ansonsten recht nutzlosen Zusatzband wandern).


Die Infection Rules waren seiner Zeit der Unique Selling Point für Burning Empires: Ähnlich wie Duel of Wits / Firefight / Range and Cover etc. wird hier in Phasen über Manöver versucht, den Konflikt zwischen den beiden Partien auf einer "übergeordneten Ebene" zu beschreiben und den Sieg zu erstreiten. Diese Manöver finden parallel zum eigentlichen Spielgeschehen statt, das aber durch die Manöver gefärbt ist. Einen direkten mechanischen Zusammenhang zwischen dem Spielgeschehen und den übergordneten Manövern gibt es nicht. Das wird vom Autor auf einer viertel Seite ziemlich lapidar abgehandelt, und es verstärkt bei mir persönlich die innere Abwehrhaltung gegenüber der ganzen Idee des Metasystems: Eben weil es losgelöst ist und weil es durch die Handlungen der Charaktere nicht direkt beeinflußt werden kann, kommt es mir mehr wie ein enges Korsett vor und nicht wie ein stabiler Unterbau, auf dem ich kreativ agieren kann.

Weiterhin ist die Anzahl und Art der Szenen durch die Manöver Struktur beschränkt: Es gibt Szenen zur Gestaltung der Welt (Color Scenes), Spielszenen (Instersitial Scenes), Aufbauszenen (Build Scenes) und Konfliktszenen (Conflict Scenes), wobei zum einen fest vorgegeben ist, dass es pro Manöver einen, höchstens zwei Konflikte auf Spielerseite und einen Konflikt auf SL-Seite gibt, die durch Gestaltungsszenen und Spielszenen vorbereitet werden.

Dieser Gesamtkomplex erscheint mir überstrukturiert und wenig hilfreich. Zum einen wird erwähnt, dass sich die Natur einer Szene von selbst ergibt, zum anderen wird auf einer bestimmten und begrenzten Menge von Szenen bestanden, und dann haben diese Szenen auf die eigentliche Zielsetzung des Spiels, nämlich die Abwehr (oder erfolgreiche Durchführung) der Invasion keinen Einfluß — ich habe das Gefühl, dass der Autor hier etwas verschweigt, dass ich im Spiel herausfinden soll (emergent properties) und zudem auch noch jedes verdammte Detail des Spiels verregulieren muss (ich kann zum Beispiel mit Punkten gekaufte Technologie nicht in Konflikten einsetzen, wenn ich sie nicht vorher mal in einer Gestaltungsszene beschreiben und in Szene gesetzt habe …).


Insgesamt scheint mir Crane zu versuchen, mit den Regeln auf verschiedenen Ebenen einen bestimmten Spielverlauf zu erzwingen. Dabei schießt er aber meiner Meinung nach über das Ziel hinaus und gerät auf eine missionarisch-pädagogisierende Bahn, die mir nicht besonders schmeckt. Wir haben doch schon Beliefs und Instincts und Traits, wieso jetzt noch der ganze Klump obenauf?

Dass Crane zusammen mit Jared Sorenson auf einer Convention eine Veranstaltung mit dem Titel Game Design is Mind Control anbietet, paßt zu meinem Eindruck wie die Faust aufs Auge. Zwar wird der Vortrag halbironisch mit den Worten Games are an art form that induces people to irrational behavior that they would not otherwise undertake. Come and watch Luke and Jared make fools of themselves as they try to prove this point. beschrieben, aber ich glaube beim Titel war der Zensor pinkeln.

Ich habe schlichtweg keine Lust, so zu spielen (oder zu leiten) wie Luke Crane es hier bei Burning Empires fordert. Wenn das bedeutet, dass ich "sein" Spiel "kaputtmache", dann werde ich damit leben und hoffentlich das Burning Empires leiten, dass mir und meiner Gruppe Spass macht[2].


Und hier das für alle Querleser markierte Fazit: Burning Empires kommt mit einer vielversprechenden Science-Fiction-Welt (in der man auch ohne die Alien-Bedrohung irgendwo zwischen Traveller-Imperium, Fading Suns und Warhammer40K ohne SS-Runen spielen könnte) und einem Haufen Burning-Wheel-artiger Regeln. Die Überstrukturierung in Phasen, Manöver und Szenen scheint mir ein fehlgeschlagener Versuch zu sein, die in den Konfliktsystemen verwendete Stein-Schere-Papier-Mechanik auf eine abstrakte Meta-"Plot"-Mechanik umzumünzen.


[1] Aufmerksame Leser werden anmerken, dass der Character Burner ja auch das Setting mitträgt, im Sinne eines impliziten Settings etc.pp. Das ist richtig, aber zum Einen kommt Crane hier nur zum Teil zum Zuge; das Buch beinhaltet auch ca. 40 Seiten pure Settingbeschreibung — meiner Meinung nach eigentlich genug, da Iron Empires auf vielen bekannten Sci-Fi-Tropen aufsetzt und zum Anderen ist die Darreichung der "Gegenseite" für den SL in Form von eher schwer verdaulichen Life Pathes anstatt eines vollständigen Überblicks (hier ist die allgemeine Settingbeschreibung meiner Meinung nach zu kurz ausgefallen).

[2] Ob und was ich an den Regeln ändern würde, weiss ich nicht. Vielleicht die komischen Szenenbschränkungen abschleifen und daraus ein Manöver bestehen aus ein bis drei Konflikten, auf die wir gezielt zuspielen. Wer zum Manöverziel passende Konflikte gewinnt, bekommt einen Bonus auf den Manöverwurf machen.

Yehodan ben Dracon:
Du scheinst ja mit der Schreibart des guten Crane nicht wirklich zusammen zu gehen. Aber das ist ein gutes Zeichen, wenn man sich von einem Autor auch "lösen" kann, selbst wenn man hinter dem Produkt an sich steht.

Vielen Dank für diesen Einblick in Burning Empires. Es scheint, als wäre Burning Wheels (für meine Zwecke) eher etwas, um Herr der Ringe abzubilden.

Der Wray:
Moin,

Ich klink mich mal ein. Ich habe einen starken Beschützerinstinkt den Burning Games gegenüber. ;)
Da ich selbst nie BE gespielt habe (und es auch nicht komplett durchgearbeitet habe), kann ich nur dazu sagen, was ich aus Interviews mit Luke Crane zusammengetragen hab. Ich habe das auch schon in einem anderen thread erwähnt, aber:

Warum wird man in dieses Korsett gezwungen? Weil Ziel des Spiels ist, die Fiktion, auf der es basiert, wieder zu geben. Und zwar bis zum und inklusive des Ablaufs der Comic Panels. Durch die Szenenmechanik soll so genau das erreicht werden: Man erschafft quasi einen Comic im Geiste. Keinen Film, kein Buch und keine TV-Serie, und schon gar nicht ein Open World Rollenspielabenteuer und nichtmal eine fokussierte, aber doch sehr freie Welt wie in Burning Wheel.

Zum Disconnect zwischen Metamechanik und Charakterhandlung hab ich mal eine Erklärung gehört, aber ich kann mich leider nicht daran erinnern. Es klang für mich plausibel in dem Moment.

Bei all dem Gesagten muss ich trotzdem auch anmerken, dass ich meine Zweifel habe, ob BE mir Spaß bringen würde. Ich glaube schon. Allerdings nicht mit den meisten meiner Spieler, die schon manchmal bei BW denken, sie werden zu etwas "gezwungen". Wenn man sich darauf einlässt, einen Comic zu spielen (und eben nicht in Film-, Buch- oder Rollenspielnarrativen denkt und spielen möchte), dann passt das.

Man muss wirklich einen gewaltigen Schritt zurückgehen und von viel weiter oben auf das Spiel blicken. Außerdem muss man noch Spaß an dem PvP Meister gegen Spieler haben. Ich denke dann läuft es schon und tut genau das, was es soll. Wenn ich Schach spiele, dann gibt es Regeln, und ich sollte nicht von Dame oder Mühle herkommen und sagen, die und die Regel am Schach erscheint mir sinnfrei, deswegen werde ich sie ändern. Ebenso sollte man nicht von Rollenspiel auf Rollenspiel schließen. Dies ist eine andere Form von Spiel. Wenn man einfach nur in den Burning Empires spielen will, dann sollte man sich wohl eher die Comics holen und einfach ein anderes System benutzen.

Dies ist quasi ein collaborativer Comicbook Autoren Simulator mit Rollen- und Würfelspiel Elementen. Man schreibt Szenen, und führt dort bestimmte Charaktere. Man spielt nicht den Charakter. Da sind überall feine Unterschiede. Wie zuvor gesagt: Keine Ahnung, ob mir das gefallen würde.

Dennoch ist BE sicher auch dann nicht perfekt, selbst wenn man mit der richtigen Einstellung rangeht. Ich werde es zumindest in nächster Zeit nicht ausprobieren können. Aber zumindest die Psychology Regeln habe ich für mein BW Dark Sun Game gehijackt. Die taugen schonmal was.

Cheers,
Wray

oliof:
Das Luke Crane den Leuten erzählt sein Spiel funktioniert ist ja kein Wunder.

Ich betrachte hier die Regeln wie sie im Buch stehen.

Natürlich kann ich jederzeit ein Rollenspiel nehmen und beliebige Elemente daraus nehmen und den Rest wegignorieren oder ummodeln. Das ist so üblich dass es sogar einen Begriff dafür gibt (Hausregel).

Ich hab als eingefleischter DitV-SL überhaupt kein Problem mit dem PVP — das hab ich auch nicht kritisiert. Ich habe auch grundsätzlich nichts gegen Metamechaniken (Fan Mail / Company Rolls / …), aber hier wurde meiner Meinung nach über das Ziel hinausgeschossen.

Und wenn ich ein Rollenspiel spiele, dann will ich ein Rollenspiel spielen. Genre-Emulation ist nicht Medien-Emulation. Ich hab zum Beispiel viel Spass mit StarWars d6 gehabt — das war "wie im Film" aber nicht "wie ein Film".

Und "man spielt nicht den Charakter"? Wirklich? Das wird im Buch aber anders beschrieben.

Der Wray:
"Man spielt nicht den Charakter" ist von mir als Hilfe gedacht, in den richtigen Mindset zu kommen. Der Punkt ist, dass man den Charakter besser wie ein Author durch eine Geschichte führt als wie ein (stereo-)typischer Rollenspieler seine Ich-Projektion "ist".

Dass Du nur vom Lesen her soviel Schlussfolgern kannst, ist mein Problem mit der Sache. Du scheinst Dich mit Rollenspielen und auch mit "alternativen" Rollenspielen sehr gut auszukennen, weswegen Du eine gewisse Kompetenz hast, solche Dinge zu beurteilen. Daran will ich auch gar nicht zweifeln.

Auf der anderen Seite ist es manchmal verdammt schwer, durch Text ein Spielgefühl zu vermitteln, besonders wenn der Leser ein erfahrener Rollenspieler ist, und bei dem sofort 1000 Synapsen feuern, weil er diese oder jene Regel in anderer Form schonmal gesehen hat oder glaubt, gesehen zu haben, und das Gehirn sowieso immer versucht, Muster zu finden.

Die Burning Games muss man meiner Meinung nach gespielt haben, man muss vorher seine Tasse leeren ("buy-in", "eine chance geben", etc.) und man muss es ein paar mal ausprobieren, auch wenns hakt. Dann kann man beurteilen, ob es einem tatsächlich nicht liegt. Das ist meine Erfahrung mit Burning Wheel. Getragen durch die anfänglichen Schwierigkeiten wurde ich von meiner Euphorie, weil ich irgendwie im Gefühl hatte, wo es hingehen soll. Der Weg war manchmal holprig und wenn ich mir (und meinen Spielern) nicht immer wieder gesagt hätte, das funktioniert bestimmt eigentlich, ich hab nur zuviel Ballast und Vorurteile, wie sowas funktioniert sollte, hätte ich sicher die Flinte ins Korn geschmissen.

Mittlerweile erreiche ich eine Gratifikation durch Burning Wheel, die mir kein anderes Rollenspiel bisher geben konnte. Aber ich musste mein Hirn etwas umverkabeln, daran besteht kein Zweifel. Aber weder sage ich jetzt, das ist für jeden die bessere Art zu spielen, noch sage ich, es ist grundsätzlich eine bessere Art zu spielen und wem das nicht Spaß macht ist doof.

So, das trifft sicher auch auf andere Rollenspiele zu, aber um die geht es hier ja nicht. Ich will nicht einen auf elitär machen indem ich sage "Burning Wheel ist anders als alles andere, und Du verstehst es nicht", sondern "Burning Wheel ist anders als die meisten, die ich kenne, und aus Erfahrung weiß ich, dass es etwas schwierig sein kann, da richtig reinzukommen."

Wie gesagt, über BE direkt kann ich nicht urteilen, weil ich keine Gameplay Erfahrung habe, Du aber eben auch nicht. Das ist auch nicht Ziel Deiner Posts hier, sondern Du analysiert die RAW, und ich sage nur: Ich glaube, dass es fruchtlos ist, weil dieses Spiel gespielt werden muss, damit man irgendwas sinnvolles dazu sagen kann. Das ist meine Meinung. Du machst hier eine Demontage, die sich etwas wie eine Autopsie anfühlt. Die "Seele" des Spiels berührst Du dabei aber nicht. Aber ich hatte schon immer Probleme mit Gametext Reviews.

Und ja, meiner Meinung nach ist Burning Empires Medienemulation, nicht Genreemulation. Warum auch nicht? Wenn man sich dessen bewusst ist und Lust darauf hat. Ich denke, mindestens 50% aller Enttäuschungen mit Rollenspielsystemen gehen auf falsche Erwartungen zurück.

Cheers,
Wray

P.S.: Ich glaube ich hab jetzt alles gesagt, was ich über BE sagen könnte. Da ich eher in eine Grundsatzdiskussion abdrifte, klinke ich mich erstmal aus. Ich sag nur noch: Probieren geht über Studieren. ;)

Navigation

[0] Themen-Index

[#] Nächste Seite

Zur normalen Ansicht wechseln