Medien & Phantastik > Lesen
Moralisch zwingende Herleitung des Kommunismus
Wellentänzer:
(Klicke zum Anzeigen/Verstecken)
--- Zitat von: Kriegsklinge am 6.07.2013 | 22:34 ---Dietmar Dath: Maschinenwinter.
--- Ende Zitat ---
Ach siehste mal, das ist doch der aus der Spex. Hatte verschiedentlich mal mitbekommen, dass der auch SF schreibt. Wikipedia gibt mir da keine kompetente Auskunft: welches Buch würdet Ihr mir da am ehesten empfehlen? Ich schaue mir das sehr gerne mal an.
schwarzkaeppchen:
(Klicke zum Anzeigen/Verstecken)Ich kenne außer Maschinenwinter jetzt nur Abschaffung der Arten. Das ist, vorsichtig ausgedrückt - maximal verschroben. Ich konnte was damit anfangen, gebe aber keine Garantie ab. ;) Gut: unverbindlich reinlinsen als freies Hörspiel: http://audioarchiv.blogsport.de/?p=485
Minne:
Ich kenne auch keine moralische Herleitung des Kommunismus, hauptsächlich Moralkritik. Wie etwa von der MG. Es gibt zwar mehrere Elemente einer moralischen Begründung des Kommunismus, ich kenne aber keinen Text, der sich tatsächlich für eine moralphilosophische Herleitung interessiert. Dies hat vermutlich mehrere Gründe:
1. Kommunismus (im weitesten Sinne) hat viel mehr an das Interesse der Arbeitenden appelliert als an deren Moral.
2. Kommunisten haben Moral oftmals als systemintern kritisiert haben, das heißt als ideologisches Element der bestehenden Klassengesellschaft.
3. Eine moralische Begründung kann man in der Befreiung von (Klassen-)Herrschaft sehen, doch ich denke, dass die Berechtigung von Widerstand gegen Herrschaft viel zu selbstverständlich und intuitiv ist, als dass sie großer Herleitung bedürfte. Dass und inwiefern Kapitalismus Herrschaft ist, dürfte vielen intuitiv klar gewesen sein, wobei das inwiefern sich natürlich auch in vielen Texten wiederspiegelt, die aber eben eher soziologische Texte sind.
Ich persönlich finde in diesem Kontext die Geschichtsphilosophie Walter Benjamins (Über den Begriff der Geschichte) spannend, die er aus einer Kritik der vulgärmarxistischen/sozialdemokratischen Geschichtsphilosophie entwickelt: Für ihn ist der Kommunismus letztendlich Vehikel einer historischen Versöhnung: Erst nach der Revolution können die Kämpfe der ganzen historisch unterlegenen und ausgebeuteten Klassen der Geschichte als Teil eines Kampfes für eine allgemeine Befreiung gelesen werden. Indem die Geschichte sozusagen zu einem glücklichen (End?)punkt geführt wird, kann die Geschichte als ein Weg gedeutet werden, der zu diesem Punkt führte, waren die Opfer nicht umsonst. Dies ist, wie ich denke, ein starkes moralisches Moment, das zumindest mich motiviert.
Kriegsklinge:
@Wellentänzer:
(Klicke zum Anzeigen/Verstecken)Daths Bücher sind äußerst lesenswert, ich finde sie aber extrem unterschiedlich gut. Mir persönlich gefallen die am besten, in denen er bei seinen Protagonisten bleibt und viel Alltagskram mit einbaut. Dazu gehört etwa "Sie schläft" und "Waffenwetter". Die ambitionierten, aber höher gelobten Werken wie "Abschaffung der Arten" fand ich dagegen eher überambitioniert. Zuletzt ist bei Heyne eine waschechte Space Opera erschienen, "Pulsarnacht". Herr Rumpelspiestilziel of Otherland fame fand das Buch ganz hervorragend, mit hat es beim raschen Lesen nicht so gut gefallen. Sehr zugänglich fand ich überraschenderweise das überdicke "Für immer in Honig", ein Ziegelstein von Buch, aber sehr unterhaltsam. Gibt es auch als kompelette Lesung legal online nachzuhören. Ich finde bei allen Qualitätsschwankungen Dath einen der interessantesten und, wenn man das so abgegriffen sagen darf, wichtigsten deutschen Autoren, weil er äußerst unterschiedliche Wissensbereiche und Ästhetiken zusammenführen kann und sich als einer der wenigen deutschen Gegenwartsautoren überhaupt mit Popkultur und Wissenschaft auskennt. Was er draus macht, ist mal so, mal so, aber immer das Anschauen wert. Mit dem Kommunismus meint er es völlig ernst, allerdings gehört er auch hier zu den wenigen, die sich darunter weder das Arbeiterparadies noch die lauschige Landkommune vorstellen, sondern die Befreiung (nicht Entfesselung) der (wissenschaftlichen, künstlerischen, emotionalen) Möglichkeiten von uns kleinen Menschlein.
Navigation
[0] Themen-Index
[*] Vorherige Sete
Zur normalen Ansicht wechseln