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[Film] Interstellar - neuer Film von Christopher Nolan
YY:
--- Zitat von: Drantos am 23.11.2014 | 11:48 ---Lesch ist der bessere Nolan.
--- Ende Zitat ---
;D
Der Lesch könnte allerdings auch zwei Stunden über ein verschimmeltes Stück Toastbrot reden und es wäre unterhaltsam.
Drantos:
--- Zitat von: YY am 23.11.2014 | 11:57 --- ;D
Der Lesch könnte allerdings auch zwei Stunden über ein verschimmeltes Stück Toastbrot reden und es wäre unterhaltsam.
--- Ende Zitat ---
Das stimmt ;D
cu Drantos
First Orko:
Nachdem ich jetzt lange gewartet habe, damit der Hype etwas abnimmt war ich auch endlich drin und wurde nicht enttäuscht:
Ich fand Interstellar wirklich sehr, sehr gut!
Werde ihn mir noch mindestens noch einmal anschauen, um meinen Eindruck zu prüfen, aber bis dahin bin ich geneigt zu sagen: Interstellar könnte der "2001: Odyssee im Weltraum" unserer Generation sein.
Mal sehen, ob ich nachvollziehbar begründen kann, warum ich das so sehe ;) Ich fange mal damit an, warum ich SciFi schaue und welchen Anspruch ich an guter, "harter" SciFi habe:
[[ACHTUNG: Ab hier leichte Spoilergefahr! Plotrelevante Dinge packe ich nochmal im Spoilertags, aber ein paar allgemeinere Punkte (kurze Beschreibungen von Bildern, allgemeine Themen im Film etc) werde ich offen schreiben!]]
Als erstes natürlich: Unterhaltung. Ein SciFi-Film darf gern spannend sein, soll mich aber durch irgendwas begeistern (Das kann Handlung sein, oder auch ungewöhnliche, beeindruckende Bilder, Musik oder unkonventionelle Ideen oder eine Kombination dieser Dinge).
SciFi hat gegenüber anderen Gattungen aber den Anspruch, eine gewisse Nachvollziehbarkeit der verwendeten Technologie zu bieten - eine Extrapolation realer Konzepte in die Zukunft ermöglicht den Menschen bisher unzugängliche Bereiche (ob räumlich, zeitlich oder auf eine andere Art) zu betreten.
Dabei dürfen im Rahmen der Fiktion gewisse Zugeständnisse gemacht werden, die aber kein Selbstzweck sein dürfen (mit der Begründung: Because awesome!).
Letzteres bricht Interstellar einige Male, was schade ist. Aber der große Knackpunkt, das schwarze Loch, ist nunmal der entscheidende Faktor - ohne die fiktionalen Effekte, die man diesem Phänomen hier zuschreibt, könnte man den Plot komplett in die Tonne treten - Und mal ehrlich: In District 9 gibt es ein ähnlich mächtig beanspruchtes Plotdevice, nämlich Alientech. Wenn das nicht Aliens (TM) wären, dann würden sich die Nerds doch reihenweise bei Dingen wie Energiewaffen mit Gensignatur und speziesübergreifenden, genetischen Mutation an den Kopf fassen und haarklein darlegen, warum der Film soundso überhaupt nicht geht, und was fürn Mumpitz das ist blablabla ;)
Zurück zu Interstellar. Den folgenden Teil bekomme ich nicht spoilerfrei hin, also
(Klicke zum Anzeigen/Verstecken)Zeitreiseplots sind ja in SciFi Filmen auch ein typisches rotes Nerdtuch. Wie sehr wir doch alle be-Lescht sind, um abgeklärterweise ganz genau darlegen zu können, wie exakt Zeit doch funktioniert und wieso das nun totaler Schwachsinn ist, weil man ja genau weiß (!) das Zeitreise genau _so_ ja nun gar nicht geht ;)
Interstellar ist da sehr mutig, weil es den Weg _trotzdem_ geht - aber auf eine erfrischend neue Weise: Der X-dimensionale Raum, in den Cooper durch das schwarze Loch eintritt eröffnet ihm alle Möglichkeitsräume aller Zeitlinien - und dadurch _dass_ er in das Loch fliegt, bestätigt er, dass er eben zu der Zeitlinie "Eintritt ins Schwarze Loch - Erkenntnis - Weitergabe des Wissens in die Vergangenheit - Erkenntnis dort - Bau des Hypercubes in Coopers Zukunft" gehört, und im Rahmen dieser Zeitline ist sein Handeln und die Auswirkungen über mehrer Zeitebenen in sich schlüssig.
Zumindest habe ich es mir so erklären können ;)
Damit handelt der Film seinen Plot für meine Verhältnisse zufriedenstellend ab - kleine Ungereimtheiten wie Shuttles, die Planetengravitation überwinden können bin ich bereit zu schlucken, weil es dadurch eben abwechslungsreicher wird! Und die Planeten sind wirklich, wirklich cool, und mal was anderes als der Xte Dschungelplanet mit gleicher Atmosphäre und ähnlichen Kroppzeug wie bei uns!
Ein paar Wissenschaftlern beim Auswerten von Sondendaten zugucken kann ich bei "Europa Report" immer noch ;)
Soviel zum Plot. Aber was ist mit dem Anspruch, Fragen zu stellen, die über den reinen Plot hinausgehen? Themen, die über Zeiten hinweg für Menschen immer eine Rolle gespielt haben?
Mal sehen, was hätten wir da:
- unbequeme Wahrheiten (die Ausbeutung der Erde, die Situation der Menschen, die Wahrheit über die Mission, Selbsttäuschung über eigene Objektivität)
- wie viel Wahrheit verträgt der Mensch?
- Wie geht der Wissende (=Wissenschaftler) mit der Wahrheit verantwortungsvoll um?
- Wie können wir uns als Menschheit helfen, wenn wir nicht mal bereit sind, über unsere persönlichen (eigene, Familie) Probleme hinauszudenken und zu handeln?
Nicht alle Fragen werden zufriedenstellen beantwortet, aber einige der Themen finden sich über den Film verteilt in mehreren kleinen, privaten wie auch in der übergreifenden Handlung wieder.
Und die Erkenntnis
(Klicke zum Anzeigen/Verstecken)dass nicht irgendeine göttliche/außerirdische Kraft den Menschen hilft, sondern allein der Mut und die Entschlossenheit und Verstand derjenigen, die über ihre persönlichen Bedürfnisse hinaus handeln und gegen alle äußeren Blockaden zu ihren Erkenntnissen stehen
ist für mich die mutigsten Aussage, die man in der heutigen Zeit im Blockbusterbereich erwarten kann. Und dafür danke ich Nolan.
Um nochmal den Bogen zu 2001 zu spannen: Ein zentraler Punkt des Films war Mißtrauen (der Menschen, die HAL gebaut haben und damit HALs Verhalten erzwungen) und die Gefahr, damit an unser eigenen Menschlichkeit zu scheitern. Das psychadelische Ende des Films ist ebenso ein Kind seiner Zeit, wie die Kalter Krieg-Thematik von 2010.
Und zumindest 2001 ist in seiner Langatmigkeit und Epik aus heutiger Sicht ästhetisch überholt - Kino hat sich weiterentwickelt und man darf erwarten, dass auch in anspruchsvolleren Produktionen gern auch Spannung aufgebaut und großartige Bilder und Effekte genutzt werden. Dies tut Interstellar - aber meiner Empfindung nach angenehm pointiert.
Die Musik kam mir - ganz im Gegensatz zu anderen offenbar! - überhaupt nicht aufdringlich vor, im Gegenteil: Es waren sehr viele überraschend ruhige Szenen zu sehen (Der stille Andockvorgang war großartig!) die sich auch z.T. viel Zeit gelassen haben (der Vorbeiflug am Saturn!).
Interstellar ist für mich der mutigste und mit seinen Themen und Präsentation zeitgemäßeste und ansprechendste SciFi-Film der letzten Jahre.
PS:
Noch Ein kleiner Ausflug zu "Europa Report", der hier ja gern als Referenz für Hard SciFi genannt wird: So sehr mir der Film gefallen hat, aber Europa Report ist nun mal ein einziges, fettes One-Trick-Pony. Die ganze Nummer funktioniert nur, weil der found-footage-Stil hier eingesetzt wird, um eine Dokumentation über eine lange Weltraumreise darzustellen und das Ganze dadurch absolut glaubhaft wirkt. Als Zuschauer hatte ich mittendrin wirklich das Gefühl, dass die jetzt wirklich "da oben" sein könnten - das macht für mich die ganze Faszination des Films aus.
Storytechnisch ist Europa Report aber eher flach, eindimensional und im Grunde genommen sehr langweilig und wird nur noch durch den "Twist" am Ende ein bisschen gerettet.
Will sagen: Hard SciFi und spannend gehen nun mal kaum zusammen - Gegenbeispiele willkommen! ;)
scrandy:
Schönes Review! :d
carthoz:
Ich war Freitag drin und fand ihn gut. Nicht klasse, aber gut.
Die Länge mancher Szenen hatte für mich durchaus etwas 2001-iges. Der Plot wirkte teilweise wirklich etwas nach "Deus Ex Machina", aber ich habe jetzt ein bisschen darüber nachgedacht und denke, dass einige Sachen gar nicht so löchrig sind, wie ich dachte. Ich bin mir aber inzwischen sehr sicher, dass der Film gar kein Happy End hat. Eigentlich ist alles eine Dystopie.
Ab hier SPOILER-ALARM.
Aber von Anfang an: Die Situation auf der Erde ist ausweglos. Ohne Alternative. Da kann nix mehr gerettet werden. Das macht der Film unmissverständlich klar. Für diese Ausgangslage ist völlig egal, wie sie entstanden ist. Interessiert bei vielen anderen Filmen und Büchern schließlich auch niemanden, auch bei Klassikern und nachweislich intelligenten Werken nicht. Wichtig ist nur: Der Ausgangspunkt ist vor heutigen Entwicklungen als durchaus möglich anzusehen. Check.
Die NASA-Reste haben sich zusammengefunden, um einen Ausweg zu finden. Nolans Hang zum Symbolismus macht hier eigentlich von Beginn an klar: Plan B ist der eigentliche Plan A – Lazarus muss tot sein, um aufzuerstehen. Bezeichnenderweise erkennt das sogar die Hauptperson, zieht aber diesen Schluss nicht, sondern Cooper glaubt weiterhin, er könne seine Familie retten. In diesem Sinne nehmen sich die Wissenschaftler nichts mit den Lehrern seiner Kinder: Sie sind Verwalter der Menschheit, die einen der Lebenden, die anderen der Zukünftigen. Dass sie in dem Zusammenhang leider noch Gott spielen müssen, weil sie entscheiden, wo die Menschheit neu beginnen soll, macht die Sache noch schwieriger für sie.
Coopers Kinder sind ihm übrigens beide gleich wichtig! Nur geht Cooper bei seinem Sohn davon aus, dass er es schon ohne ihn schaffen wird – er hat die Farmerperspektive und sieht das auch als seinen Weg; bei Murph sieht Cooper eher die Schwierigkeit, wie sie Fuß fassen soll in einer Welt, in der sie für den Weg der Wissenschaftlerin prädestiniert ist, während klar ist, dass niemand Interesse daran hat, solche Leute aktuell auszubilden. Das ist der einzige Grund, weshalb ihm seine Tochter so wichtig ist: Er will ihr ermöglichen, tatsächlich Wissenschaftlerin werden zu können. Das kann er nicht, wenn er nicht da ist (glaubt er).
Jetzt kommen ein paar plotimmanente Ereignisse, die eigentlich vermeidbar wären, aber vermutlich passieren müssen: Die Landung auf dem Planeten nahe Gargantua ist völliger Käse ab dem Moment, ab dem sie wissen, dass die Zeit dort deutlich langsamer läuft. Aber gut, muss halt sein. Die Entscheidung für den Planeten von Dr. Mann ist hingegen nachvollziehbar. Die Treibstoffproblematik kann ich nur bedingt nachvollziehen, dafür müsste ich den Film nochmal sehen. Mann hingegen verhält sich durchaus nachvollziehbar für mich: Er ist auf einem unbrauchbaren Planeten gelandet, aber weil er sich für die Entscheidung legitimieren muss, 11 Menschen in einen höchstwahrscheinlichen Tod geschickt zu haben, um taugliche Planeten zu finden, beginnt er damit, Daten zu fälschen und auch für sich selbst ein Lügengerüst aufzubauen. Klassische Hybris, die schließlich dazu führt, dass er glaubt, damit durchzukommen, selbst wenn das eigentliche Rettungsteam dabei draufgeht. Vielleicht hoffte er tatsächlich, dass ihn niemand abholen wird, wie er anfangs sagte. Letztlich wäre seine Lüge der Tod der gesamten Menschheit – er weiß, dass Plan B die einzige Option zum Überleben der Menschheit ist; trotzdem ist ihm sein eigenes Leben wichtiger. Deshalb vermutlich auch der Name des Wissenschaftlers: Mann heißt auf englisch schließlich "man", aber damit nicht nur "Mann", sondern auch "Mensch". Der einzelne Mensch steht sich selbst am nächsten, ist nicht altruistisch, sondern egoistisch.
Hätte man sich lieber gleich Richtung Edmund bewegt – schließlich bedeutet der Name "Schützer des Besitzes"... ;)
Jetzt aber zu meiner Eingangsthese, dass der Film kein Happy End hat.
Dr. Mann erklärt Cooper, dass der Mensch im Moment des nahenden Todes seine Familie sieht, weil ihn das anspornen soll, der Situation doch zu entkommen. Bezeichnenderweise passiert das auch genau in dem Moment, als er mit dem zerstörten Helm auf der Planetenoberfläche ums Überleben kämpft. Als er jedoch aus dem schwarzen Loch herauskommt und allein durchs All treibt, kommt... nichts. Nur eine Schwarzblende. Danach wacht er auf, liegt im Krankenhaus auf einer Raumstation, die seine Tochter ermöglicht hat, kehrt nach Hause zurück (selbst wenn es nur auf der Station wirklichkeitsgetreu nachgebaut wurde) und trifft ein letztes Mal seine Tochter, die ihm nahelegt, doch nach Dr. Brand zu suchen, als wäre es die Liebe seines Lebens. Eine Szene, die förmlich "Familie!" schreit. Was den Schluss nahelegt: Cooper sieht das alles im Angesicht seines Todes. Zieht man die ambivalenten Enden der letzten Nolanfilme heran (Inception mit dem Kreisel, Dark Knight Rises mit dem nicht klaren Tod Bruce Waynes), dann sehe ich auch hier die zwingende Betrachtung eines fehlenden Happy Ends, das man auch als solches lesen kann, wenn man will. Aber wahrscheinlich ist es nicht. Der naheliegende Schluss ist dann auch eher dystopisch: Die Erde ist trotzdem verloren. Zwar besteht die Hoffnung, dass Dr. Brand auf Edmunds Welt die Menschheit neu entstehen lassen kann (und glücklicherweise ist sie eine Frau mit ganz vielen befruchteten Eizellen im Gepäck), aber auch diese Szenen könnten Coopers Halluzinationen entspringen. Jedenfalls wäre mit dem Ende der Erde der Projektname sehr passend gewählt.
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