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[Film] Interstellar - neuer Film von Christopher Nolan

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scrandy:
Dann gib doch bitte mal eine anerkannte Definition. Das würde einiges vereinfachen.

Ich glaube auch nicht das du engstirnig bist. Wahrscheinlich reden wir hier mangels Definitionen über verschiedene Dinge.

Feuersänger:
Nun, ich könnte dich auf den englischen Wikipedia-Eintrag verweisen, der aber recht weitschweifig ist und gleich noch die Begriffsgeschichte mitliefert: http://en.wikipedia.org/wiki/Hard_science_fiction

Schon deutlich knapper die Definition, auf die wir uns im Jargon File geeinigt haben:
Hard SF: futuristisches Setting, in dem sich die implementierte Technologie (v.a Raumfahrt, Waffentechnik etc) streng an der physikalischen Plausibilität und den Naturgesetzen anlehnt, und die Implikationen genau durchkonjugiert werden. Zum Beispiel gibt es in Hard-SF-Settings keine reaktionslosen Antriebe, Energieschilde, Schwerkraftgeneratoren oder Tarnvorrichtungen für Raumschiffe.

Ich probier mal den Ansatz von der anderen Seite:
Hard SF ist nachrechenbar. Es wird erwartet, dass der Autor alles durchgerechnet hat, und der Konsument die Fakten nachrechnen kann, und die Zahlen aufgehen. Im Wikipedia-Artikel wird dieser Vorgang "The Game" genannt. ;)

Bei Interstellar hätten wir da das Beispiel mit dem Lamborghini-Raumschiff. Ich drösele das mal in einem separaten Beitrag etwas näher auf.

scrandy:
Nun, ich hab den Artikel gerade auch gelesen und ich muss eingestehen, dass du Recht hast.

Ich finde es allerdings schon ein wenig seltsam, dass die Science Fiction in hard und soft eingeteilt wird nur um dann gefühlte 90 % der Anteile in soft zu packen (zumindest wenn man die Grenze der hard Scifi wirklich so eng zieht). Ich finde die Begriffstrennung da unheimlich unproduktiv, weil völlig unterschiedliche Geschichten wie Interstellar, Star Wars und Star Trek offensichtlich in einen Pott geworfen werden weil die andere "Hauptkategorie" so eng definiert ist.

Nunja, ich habe anerkannte Standards gewollt, jetzt muss ich wohl auch damit leben.

Persönlich finde ich, dass Interstellar deutlich näher an Apollo 13 dran ist als an Star Trek oder Star Wars. Aber das ist eben nur meine Meinung. Fazit: Ich werde den Begriff "hard Scifi" nicht mehr verwenden und mir möglichst schnell eigene Begriffe ausdenken bzw. danach suchen, damit man über das Thema differenzierter reden kann. Mit den Begriffen kann ich jedenfalls so nichts anfangen. Das ist albern immer von soft SciFi zu reden oder von Space Opera und man kann von Star Wars bis Interstellar irgendwie alles meinen.  :o

Feuersänger:
Fallstudie: der Weltraumlamborghini ("Ranger")

Wie schon mehrmals in diesem Thread gesagt: wenn man Raumschiffe hat, die mal eben so ohne Anstrengungen von erdartigen (und sogar noch schwereren) Planeten starten können, und das sogar wiederholt, warum macht man sich dann den Ärger mit dem Space Launch System, und noch viel wichtiger, was steht dann noch "Plan A" im Weg?

Ein denkbarer Grund wäre vielleicht: der Zauberantrieb ist enorm umweltschädlich, setzt vllt große Mengen Strahlung frei, würde die Umgebung verseuchen. Darum will man ihn in der Erdatmosphäre nicht benutzen; bei den Zielplaneten hingegen lässt man mal fünfe gerade sein. Denkbar wäre z.B. eine Open-Cycle Gas-Core NTR oder eine Nuclear Salt-Water Rocket (NSWR). Beide versprühen stark radioaktives Material in ihrem Abgasstrahl.
Auf einer Infographik ist die Rede von "Chemical, Plasma" als Antrieb. Plasma würde sich immerhin mit Gas/Open NTR decken, nicht aber mit der NSWR.

Allein aufgrund seiner Form und Baugröße kann man erschließen, dass der Ranger nicht viel Treibstoff dabeihaben kann. Ich würde mal sagen, sehr großzügig geschätzt R=2, also 50% Treibstoffanteil (und auch das nur wenn ein dichter Treibstoff wie Kerosin verwendet würde; für Wasserstoff wäre viel viel weniger Platz).
Das bedeutet, um das zu leisten was im Film gezeigt wird, muss der Antrieb diese und jene Parameter (v.a. Leistung und Ausströmgeschwindigkeit) haben.
Außerdem: tanken die eigentlich zwischen den Planetenflügen nach? Wenn ja, aus welchen Reserven? Wenn nein, müssen die Triebwerke nochmal viel extremer sein, weil sie ja mit noch weniger anteiliger Stützmasse auskommen müssen. Ebenso, falls das Shuttle unter Antrieb landet statt Aerobraking zu nutzen.

Nehmen wir mal an, dem Shuttle steht für jeden Start 20% der Startmasse an Stützmasse zur Verfügung (R=1,25).
Um von einem Planeten mit 1,3 Erd-G und erdähnlicher Atmosphöre wieder in eine stabile Umlaufbahn zu kommen, braucht man gut und gerne 11km/s delta-V.

Aus R und delta-V ergibt sich automatisch die benötigte Ausströmgeschwindigkeit V_e: ca. 50.000m/s.
Zum Vergleich: die besten chemischen Raketen erzielen knapp 4500m/s, also nichtmal 1/10 davon.
Selbst für eine todeswolkenversprühende Gas/Open NTR wären ca 30.000m/s das Höchste der Gefühle (in der Praxis eher deutlich weniger).

[Randfrage: Beherrscht man in dem Setting vielleicht schon die D-3He-Fusion? Die könnte uns hier unter Umständen weiterhelfen.]

Dann müsste man als nächstes noch die benötigte Leistung der Triebwerke berechnen -- was in absoluten Zahlen schwierig ist, solange wir die Masse des Shuttles nicht kennen. Aber es dürfte _mindestens_ 0,5GW pro Tonne notwendig sein, um die genannten Flugleistungen zu erzielen.
Auch hier wieder: wenn der Antrieb strahlt, braucht die Crew Strahlenschutz. Der müsste wiederum ziemlich massiv sein - und da beisst sich die Katze in den Schwanz, denn wenn durch die Abschirmung die Masse des Shuttles steigt, steigt auch wieder die benötigte Leistung und damit die Strahlung... you get the idea. Mal ganz abgesehen von der allgemeinen Abwärme von so starken Triebwerken in einer so kleinen Hülle.

Zusammenfassung:
Dieses dämliche Shuttle allein steckt bis zum Anschlag voller Plot Devices und Applied Phlebotinum. Wie man es dreht und wendet, wird entweder die naturwissenschaftliche / technische Plausibilität oder der komplette Plot ad absurdum geführt.
Wenn das Shuttle kann, was es im Film zeigt, benötigt man weder die Riesenrakete am Anfang noch den magischen Zauberantrieb des verrückten Professors, um "Plan A" zu realisieren.

Das allein ist so zentral und so tiefgreifend, dass allein deshalb das Prädikat "Hard SF" _meilenweit_ verfehlt wird. Lange bevor wir überhaupt dieses obskure Schwarze Loch mit seinen Eigenschaften oder gar den noch obskureren "Tesserakt" (der keiner ist) oder zeitreisende Göttermenschen oder oder oder näher betrachten müssen.
Nach allem, was ich bisher so gelesen habe, ist der Härtegrad von Interstellar eher so auf Futurama-Niveau.

--

Begriffe: vielleicht hilft dir ja auch die Mohs Scale of SciFi Hardness auf der Site That Must Not Be Named weiter?

Grey:

--- Zitat von: Pyromancer am 10.12.2014 | 15:59 ---Was gib's eigentlich überhaupt an ernsthaften nicht-dystropischen SciFi-Filmen mit Raumfahrt als Kernkomponente?

--- Ende Zitat ---
Gute Frage. Und hängt sicher auch stark an der Definition des Begriffs "ernsthaft".

Ich gehe davon aus, daß "Forbidden Planet" 1956 durchaus ernst gemeint war. Und "Space: 1999" ist in den 70ern sogar noch mit dem Anspruch angetreten, "realistische" SciFi zu sein (im Vergleich mit den anderen damaligen Serien).

Seitdem ist die Meßlatte beständig höher gehängt worden (und teilweise auch seitwärts woanders hin), so daß Filme/Serien wie diese inzwischen konsequent rausfallen. Früher genügte es für das Prädikat "ernsthaft", wenn es etwas war, wovon man ungestraft träumen durfte, daß es vielleicht eines fernen Tages realisiert würde. "Interstellar" ist in dieser Hinsicht ein Sammelsurium von DreamTech verschiedener Zeitalter, die beim besten Willen nicht ins selbe Setting passen. Aber hey, wie ich diesen Film verstehe, sollte darin ja auch gar nicht die Technik im Mittelpunkt stehen, sondern der Traum vom Weltall!

Beinhaltet also das Prädikat "ernsthaft" automatisch auch den Anspruch "superharte härteste Hard-SF"? Ehrlich gesagt hatte ich in diesem Thema den Eindruck, alles, das nicht diesem Kriterium entspricht, ist zum gnadenlosen Abschuß mit der Läster-MG freigegeben. Womit klar wäre, daß auch eine werkgetreue Verfilmung von Asimovs Foundation-Zyklus nur "Space Fantasy" sein kann und als solche natürlich nicht ernstzunehmen.

Wenn aber für "ernsthafte" Weltraum-SciFi bereits die Anforderung genügt, daß sie einfach nur Lust darauf wecken soll, den Himmel zu betrachten und die Sterne als Reiseziele zu sehen, dann hat das Genre plötzlich wieder viel mehr Möglichkeiten. Und für mein Empfinden erfüllte "Interstellar" diese Anforderung.

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