Das Tanelorn spielt > Albtraum in Norwegen

Irgendwo in IRLAND

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Der Läuterer:
Am Morgen scheint die Sonne ins Haus. Der Regen hat irgendwann in der Nacht aufgehört.

Clive hatte eine gute, erholsame Nacht wie schon lange nicht mehr. Erfrischt wachst Du auf. Der frische Duft von Kaffee steigt Dir in die Nase, während Ayana Dir die Hand leckt. Jeden einzelnen Finger genüsslich, leidenschaftlich und ergeben.

Du schlägst die Augen auf. Luni liegt einige Meter vom Bett entfernt auf dem Teppich und schaut, den Kopf zwischen den Pfoten, zu Dir hoch.
Seine blauen Augen schauen traurig. Ungläubigkeit und Unverständnis liegt in seinem Blick.

Du brauchst einige Sekunden, um Dich zu orientieren. Die schwarze Gazelle steht vor dem Fenster und schaut auf die Landschaft hinaus. Ihr pralles, rundes Gesäss blickt Dich an, wie das pausbäckige, strahlend glückliche Gesicht eines kleinen Kindes. "Guten Morgen, Doktor. Frischer Kaffee steht auf dem Tisch. Ich war so frei und habe ihn zubereitet. Er ist ein wenig kräftig. Seien Sie gewarnt."

Noch immer werden Deine Finger geleckt. Es ist die Wolfshündin...

Joran:
Donnerstag, 13.07.1933
Ceallaigh Manor, nahe dem Dorf Seillean-Mòr Blàr zwischen Bramble Hill und Lough Key, Landkreis Roscommon, Irland

Clive

Irritiert beobachte ich die Wolfshündin, die das Salz der Nacht von meiner Haut leckt. Im ersten Moment bin ich zu verwirrt, um ihr meine Hand zu entziehen.

Es fällt mir schwer, das Bild von Frieden und Eintracht, das sich mir bietet, mit dem gestigen Tag in Einklang zu bringen. Alles wirkt wie gemalt: Ayana, die aus dem Fenster blickt, der treue Luni und die fürsorgliche Wolfshündin, der Duft von frischem Kaffee, der in der Luft hängt. ... Alles scheint schon zu perfekt, wie aus meinen Wunschträumen entsprungen. ... Und ungewohnt ... nah.

Als der Geruch des Kaffees meine Sinne weckt, vermag ich eins nach dem anderen die Dinge an ihre rechte Position zu rücken: Die Zunge der Wolfhündin ebenso wie die Ayanas Rundungen ...

Noch während ich in Lunis Augen blicke und versuche zu erraten, was sie mir sagen wollen, meine ich zu Ayana: "Wunderschön!"

Mein Blick gleitet wieder zu Ayana herüber. Als sie sich umwendet, setze ich erklärend hinzu: "Das Land meine ich." Aber die Pause nach meinem ersten Satz war wohl zu lang, denn Ayana hat schon wieder ein Lächeln aufgesetzt, das sowohl anzüglich wie abschätzig sein könnte. "Die Landschaft hier ist sehr malerisch. Wenn sich morgens der Nebel lichtet, kann man bis zum Fluss hinabsehen. Der An Bhúill1 beschreibt hier einen sehr idyllischen, sanften Bogen." Ich deute mit der Hand eine Rundung an und ziehe sie mitten in der Bewegung wieder verlegen zurück. "... Und der Wald ... ja der Wald ist etwas ganz besonderes. Mit seiner urtümlichen Kraft erinnert er einen daran, wie unbedeutend man selbst doch ist und wie kurz die Spanne, die wir hier verweilen." Gedankenverloren setzte ich etwas leiser nach: "Ich hatte immer das Gefühl, er blickt zurück und wartet ab ... wartet darauf, dass wir Menschen wieder von dem Antlitz der Erde verschwinden und er den Boden wieder in Besitz nehmen kann ... oder darauf, dass etwas geschieht oder ich etwas tue ..." Dann werde ich mir wieder der Situation bewusst und ergänze mit festerer Stimme: "Aber das ist natürlich Unsinn. Selbst der Wald verändert sich. Seit einigen Jahren machen sind unaufhaltsam wilder Wein, Efeu und Waldreben darin breit. Muss wohl mit dem Klima zu tun haben. Sie werden den Wald irgendwann ersticken, wenn sich nichts ändert."

1 Boyle River

Der Läuterer:
Der Morgen geht voran. Nach dem Aufstehen folgt das Zurechtmachen und dann das Frühstück. Gefolgt von einem Blick in dir Zeitung.

Roscommon Tribune DO., 13. JULI 1933

SOWJETUNION
Der amerikanische Pilot, Jimmie Mattern, der seit dem 14. Juni
als verschollen galt, als er sich auf dem ersten Solo-Flug rund
um die Welt befand, hat ein Lebenszeichen von sich gegeben.
Am 7. Juli verschickte er aus der sibirischen Stadt Bocharova
ein Telegramm mit den Worten: - Sicher in Anadyr, Chukotka,
Sibirien. Jimmie Mattern. -

BAILE ÁTHA LUAIN / ATHLONE
Wie die Polizei mitteilte, wurde auf dem Gelände der städtischen
Müllkippe der Stadt ein weiblicher Leichnam entdeckt. Das Opfer
der Tat wurde bereits vor einer Woche entdeckt, doch erst jetzt
konnte der Leichnam identifiziert werden. Bei der Frau handelt es
sich um die 19-jährige K. Ó Brian aus dem Dorf Seillean-Mòr Blàr.

Der Läuterer:
Ayana setzt sich zu Dir an den Frühstückstisch. "Ich habe wenig Sinn für die Landschaft. Ob idyllisch oder was auch immer. An so etwas habe ich kein Interesse. Wenn Dich das Kraut im Wald stört, dann kack alles um, reiss alles mit den Wurzeln heraus, pflüg es um, pflanz neue Bäume und in dreissig oder vierzig Jahren steht hier ein neuer Wald."

Joran:
Clive

Ich schüttle nur geistesabwesend den Kopf über Ayanas Bemerkung. Sie beweist lediglich mangelndes Wissen über die verheerenden Abholzungen des letzten Jahrhunderts. Und zu viel Ignoranz gegenüber Glauben und Magie der frühzeitlichen Einwohner Irlands liegt darin. Menschen, die nicht viel mehr als ihren Glauben hatten, um sich gegen finstere Mächte zur Wehr zu setzen. Menschen, die den Shannon schon vor Jahrtausenden gerade dort überquerten, wo nun Kayleighs Körper wie der andere Unrat weggeworfen wurde ...

Aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt für eine Belehrung. In meinem Kopf ist nur Raum für die Bilder der kleinen Kayleigh, die mit mir Tee trinkt und meinen Kandis klaut. Und dann stelle ich mir vor, was dieses arme Mädchen erdulden musste, wenn sie Opfer einer Bluttat nach dem Vorbild der Whitechapel-Morde geworden ist.

"Mein Gott!", seufze ich. "Das arme Mädchen. Und ich habe gestern noch mit Ihrer Mutter über sie gesprochen ..."

Dann blicke ich von der Zeitung auf. Ich erinnere mich nur zu gut an den Artikel in der Irish Times ... es ist nicht schwer, 1 und 1 zusammenzuzählen. Oder sollte es sich um zwei Morde handeln?

"Ein Mädchen hier aus dem Dorf wurde bei Baile Átha Luain tot aufgefunden. Das ist ... vielleicht 45 Meilen von hier entfernt. Ich vermute, sie war auf der Heimreise ... vielleicht von Dublin", erkläre ich Ayana.

"Das ist kein Zufall", überlege ich. "Ich muss keinen kurzen Brief schreiben ... an meinen Jäger. Er soll die Augen offen halten."

Ohne weitere Erklärung gehe ich herüber zum Sekretär und beginne zu schreiben:


--- Zitat ---"Lieber Niall,

ich habe eben mit großer Bestürzung gelesen, dass die Polizei offenbar glaubt, Kayleigh Ó Brians Leiche bei Baile Átha Luain gefunden zu haben. Sie scheint das Opfer eines Verbrechens geworden zu sein.

Dieser Vorfall ist schon schrecklich genug, sollte er sich bestätigen. Aber zu allem Übel fürchte ich, die Angelegenheit könnte mit dem Sebastians-Mord vor fünf Jahren und diesen Tieropferungen im Wald zusammenhängen.

Darf ich Dich bitten, besonders vorsichtig und umsichtig zu sein, wenn Du im Forst unterwegs bist? Halte die Augen offen und unterrichte mich bitte, wenn Dir irgendetwas ungewöhliches auffällt, sei es auch nur eine Kleinigkeit.

Gestern hat Matilde mit einem alten Bekannten das Manor verlassen. Weil sie schnell abreisen musste, konnten wir nicht mehr miteinander sprechen. Ich fürchte, sie könnte zu Fuss unterwegs sein. Sie lässt sich eben nicht aufhalten, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat. ... Gestern Nacht das Unwetter und nun diese Nachricht. Auch wegen ihr mache ich mir also ein wenig Sorgen, obwohl sie John mitgenommen hat.

Ich wäre Dir sehr verbunden, wenn Du ein wachsames Auge auf die Gegend hättest und vertraue auf Deine Diskretion."
--- Ende Zitat ---

Nachdem ich den Brief um ein paar höfliche Umgangsfloskeln ergänzt und unterschrieben habe, stecke ich ihn in ein Couvert, welches ich sorgsam versiegele und beschrifte. Dann rufe ich Mrs. Ó hEidirsceóil und bitte sie, den Brief nachher für mich beim Haus des Jägers abzugeben

"Wie geht es nun weiter? Ich kann schwerlich Ayana mit zu Braddock nehmen. ... Ich werde mich für ein, zwei Stunden entschuldigen müssen. Dann kann ich mich mit Ove beraten und gemeinsam mit ihm Braddock aufsuchen."

Dann fällt mein Blick wieder auf Ayana und mir geistern ihre Worte der letzten Nacht über die Hölderlin-Zwillinge durch den Kopf. Weit entfernt von der Wärme ihres Körpers und dem Duft ihrer Haut lässt die Gleichgültig, mit der sie erklärte 'Ich hätte ihr Blut trinken sollen' auch jetzt noch einen Schauder über meinen Rücken fahren. "Wie ernst war das gemeint?"

"Weist Du etwas über diesen Mord ... oder diese Morde?", frage ich geradeheraus und in sehr bestimmten Tonfall.

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