Akt I
- Zeit des Zorns -
Die Hochzeit
Das Wetter ist herrlich an diesem Morgen. Ein strahlend blauer Himmel zeigt sich über Storhavn und die kalten Winde, welche von See her in die Stadt geweht hatten, waren einer fast schon milden Briese gewichen. Das rauschen der Brandung hat nachgelassen und alle erwarteten die Festlichkeiten.
In der großen Halle des Grimme Anwesens trefft ihr zur rechten Zeit aufeinander. Herausgeputzt so gut es geht, bereit sich der Herausforderung einer sturmländischen Hochzeit zu stellen. Es wird Zeit zum Tempel zu gehen.
Alle trinken aus und die Sklaven fangen damit an Essen zu verteilen. Unglaubliche Mengen gegrilltes Wildschwein und Ale werden serviert. Bevor die Menge anfangen kann sich zu betrinken erhebt sich Schwertjarl Oktar Grimme um zu Ehren des Brautpaares seinen Hochzeitsreim vorzutragen. Wuchtig schlägt er einen Humpen auf den Tisch und es kehrt ein letztes mal Ruhe ein.
„Freunde, Brüder und Bären der Wildlande. Gäste aus dem Westen und Süden. Met in den Hallen der Krüge. Singt von großen Tagen.“
Dann macht er eine Geste in eure Richtung.
„Freunde des Hauses Grimme. Esst von gesegnetem Schwein, trinkt von geheiligtem Ale, geniest das Fest!“
"Silber des Sieges, vom wilden Eber erfüllt,
aus Stahl, der rastlos Beute will.
Westwärts am Thing. Ein Mädchenkind,
vom Glück gesegnet, kam geschwind.
Schilde zerbissen im Streitezug,
blutige Hemden, aus Eisen genug.
Splitter von Knochen, Gefäße verbrannt,
alles vom Feuer verschlungen, verbannt.
Schließ heut Nacht die Tür, die klirrt,
wenn Frost durch alte Ritzen irrt.
Vergiss, dass die Schatten der Zeit dich rufen,
in kalten, vergessenen, düsteren Stufen.
Ein Strom aus Blut, er dampft und fließt,
wo Rußschnee auf die Glut sich gießt.
Gierige Kiefer fraßen die Helden,
Klagelieder hallen in brennenden Felden.
So stürzen die Recken, so lodert das Licht —
im Aschenlied bleibt ihr Gesicht."
Die Menge verstummt, kein Laut ist mehr zu hören. Einige schauen sich beklommen um.
"Schilde drängen im Nebel von morgen,
Barmherzig singen wir Lieder der Sorgen.
Wenn Schlachten toben, das Chaos kracht,
der Stahl des Kriegers Blut entfacht.
Helden prahlen mit Mord und Tat,
die Klinge trinkt, was Leben hat.
Fleisch junger Männer, vom Eisen gebissen,
von glänzenden Schilden das Blut überflissen.
Tagelang wüten die Räuber mit Glut,
vom Streit verführt, vom Ruhm durchflut’.
Doch höret mich, ihr tapferen Seelen:
Heut Nacht soll Freundschaft den Becher wählen.
Der Krug ist Verbündeter, der Nachbar – Verwandt,
wo Friede für Stunden im Feuer erstand."
Zustimmendes Gemurmel ist zu vernehmen, manche nicken.
„Wir trinken auf die Ehre des Fylkjarls Njordung Blauaxt welcher heute nicht unter uns weilen kann!“
Vom Tisch des Blauaxt Clans erschallen zustimmende Rufe, in die ein paar andere mit einfallen.
„Draußen im Nebel wandert er…“ fährt Oktar mit einem verschmitzten Grinsen fort „…und versteckt sich vor der spitzen Zunge der Weiber!“
Erste Lacher erschallen und die Stimmung scheint sich aufzuhellen.
„Lasst uns seinen schwatzhaften Clan in Erinnerung behalten!“
„Huh…“ entfährt es Elvijö „…das war eine echte Beleidigung, er traut dem Blauaxt Clan nicht, jetzt musst du ihm einen Schlag unter dem Tisch geben!“ feixt der Wildländer in Richtung von Grimhil.
Oktar fährt unbeirrt fort mit seinem Reim.
"Speerträger, Schildmaid, er rief sie zur Stell’,
sammelte Streiter am Ulvarsfjell.
Zorn können sie wecken, wie Sturm in der Nacht,
flüstern wie Elfen mit uralter Macht."
„Er sollte es nicht übertreiben!“ raunt Grimhil, Ulvarsfjell ist ein Jagdanwesen des Blauaxt Clans.
Dann wendet sich Oktar an Huld.
"Frei wollt’ ich zu dir nun sprechen,
sie trat zum Hagtorn-Sipp’ als Zechen.
Dem Bräutigam ward ein Weib gebracht,
von dunklem Haar, in Glanz und Pracht.
Aus edlem Schoß und starkem Blut,
entspringen Söhne, kühnen Mut.
Vom Stamm der Hagtorn wächst ihr Ruhm,
wie Blüten blüh’n auf altem Baum.
Gegen ihr scharfes Wort, so oft ich mich wehr’,
kein Zügel, kein Schlag bändigt ihren Groll mehr.
Doch du, mit Herz in friedlichem Stand,
beliebt bei allen im ganzen Land —
so sei ihr Hüter, mein treuer Freund,
dass Glück euch leite, wie’s Schicksal meint.
Ihr Zorn ist Feuer, doch Treue ihr Lohn,
so wahrt sie im Sturm — wie Stahl, wie Thron."
Miri blickt verbittert auf den Boden, Huld lacht das Lachen eines Mannes der in der Tat schon betrunken ist und die Tragweite dieser Worte erst noch verstehen muss.
"Heiß brennt der Durst in der Kehle Glut,
laut schreit das Herz, voll wilder Wut.
Wie Blasebalg, der Funken speit,
ruft es nach Sturm und Trinkbereit."
Unruhe kommt in die Menge, greifen sie nach ihren Humpen und Hörnern in der Erwartung das Speis und Trank freigegeben werden.
"Hunger heult wie Schwein im Brand,
leg ab den Panzer, greif mit der Hand!
Füll deinen Schlund mit tropfendem Fleisch,
so stillt sich das Biest, so wird’s heiß."
Ein weiteres mal erschallt zustimmendes Gemurmel. Ein letztes mal setzt Oktar an.
"Im Metrausch dampft noch unsre Furcht,
beim Fest der Nacht, wo Einsamkeit ruht.
Denn Schwur ist getan, und Rabe sich nährt,
vom Feind von morgen, den heut ich entbehrt."
Dann leert er seinen Humpen in einem Zug und das Essen ist freigegeben. Jeder greift zu und Musik (https://www.youtube.com/watch?v=DwrUB9Ag64A&list=RDDwrUB9Ag64A&start_radio=1) erklingt um das Festmahl zu begleiten. Der zeremonielle Teil der Hochzeit ist vorbei und das Gelage hat begonnen.
Aeryns Auge entgeht nicht das beide sich Mühe geben den anderen nicht zu offensichtlich zu ignorieren. Miri mit einem sturen, feuersprühenden Blick der starr auf ihren Teller gerichtet ist. In ihrem Inneren sucht die junge Frau wahrscheinlich schon nach Wegen die Hochzeit annullieren zu lassen, auch wenn es nur der Trotz der ersten Stunden ist. Hoffnung braucht jeder. Die Blicke die sie Oktar zuwirft könnten tödlicher nicht sein, doch kratzen sie kaum am Panzer des Schwertjarls, der zufrieden damit zu sein scheint das Huld Miris Gemahl wird. Wie sagte er doch in seinem Reim
Doch du, mit Herz in friedlichem Stand,
beliebt bei allen im ganzen Land —
so sei ihr Hüter, mein treuer Freund,
dass Glück euch leite, wie’s Schicksal meint.
Und wenn sich Aeryn in der Halle umsieht muss sie sich eingestehen, dass Oktar vielleicht gar nicht so falsch lag. Hätte er seine Tochter mit den Wulfr oder Staarks verheiraten sollen? Mit einem der Blauaxt-Männer oder dem Kind von Vret Uvail, dem düster dreinblickenden Vrinje dessen Augen für sein Alter eine Spur zu Finster sind und nicht recht in das kindliche Gesicht passen wollen? Huld dagegen scheint formbar, unsicher, er wird Miris Intellekt wohl nichts entgegenzusetzen haben. Für ihn kommt die Hochzeit viel zu früh, das Kind in Gestalt eines Mannes, unsicher, aus verarmter Familie. Kaum Weltgewandt aber bei weitem nicht so kriegerisch wie die anderen Jarls oder ihre Sippen. Der Saatigia Clan wäre vielleicht eine Wahl, warum nicht den reichsten Clan mit dem größten und stärksten verbinden, oder würde das ein zu großes Machtgefälle erzeugen. Vielleicht war Oktar am Ende doch das königliche Blut der Hagtorns am wichtigsten und sein Reichtum würde dem Clan zu seinem alten Stand verhelfen, war er doch einst das Oberhaupt aller Wildländer.
Tomus Hagtorn ist das Gegenteil von seinem Sohn. Sein Blick ist scharf und wandert immer wieder über die anwesende Gesellschaft. Hin und wieder raunt er seinem Sohn etwas zu, die Mitgift für Miri muss fürstlich sein. Vielleicht sieht er seinen Clan schon wieder zur alten Größe aufsteigen und wittert Konkurrenz und Neid. Auf der Hochzeit sollte er sicher sein, aber danach, es wird ein langer Weg nach Norden.
Wenn Aeryn es einteilen müsste würde Miri für den Trotz der Jugend stehen, auflehnend gegen ihr Schicksaal, Huld wäre die Naivität, das unreife das unvorbereitete genauso unzufrieden mit der Hochzeit, wenn auch aus anderen Gründen. Tomus hingegen wäre wohl berechnend, abgeklärt und derjenige welcher aus dieser Vermählung am meisten profitiert. Oktar, er hat seiner Tochter vielleicht die beste Wahl unter den Clans beschert. Einen Gemahl der so schnell in keinen Krieg ziehen wird und so seine Angetraute unfreiwillig mit in den Tod reißen könnte, dazu ein Junge den Miri formen kann, wenn der Vater nicht wäre, welcher sicherlich ein Auge auf das Paar haben wird.
Zu Gylfis Zufriedenheit wird eine riesen Schlachtplatte mit Wildschwein, gebratenen Töften, Zwiebeln und bunten Möhren auf eurem Tisch abgestellt und ihr könnte euch nach belieben sattessen.
In dem Augenblick als Hirngar der Gedanke kommt, dass Miris Berührung unpassend wäre lässt die junge Frau ihn schlagartig los. Fast so als hätte sie gerade die selben Gedanken gehabt und errötet dabei.
„Es tut mir leid!“ sagt sie leise zu Hirngar „Ich vergesse meine Manieren und ihr könnte mich einfach Miri nennen wenn kein anderer dabei ist, das Frau…“ sie runzelt die Stirn „…hört sich so alt an. Ja…“ bestätigt sie dann Hirngars Frage und deute auf die Stühle an der Tafel „…setzen wir uns!“
Dann treten Tränen des Zorns und der Wut in ihre Augen und ihr Blick scheint als könnte dieser die Meute der Feiernden niedermähen wie Sturmis Blitz selbst.
„Er liebt mich einfach nicht!“ Ihr kleinen schmalen Hände sind zu Fäusten geballt. „Es sollte anders sein, ein Held sollte mich Heiraten einer dem ich etwas bedeute!“ Eine Träne läuft über ihre Wange und peinlich berührt wischt Miri sie mit einer schnellen Bewegung ihres Armes weg. „Er…“ sie deutet zu Huld „…hat mich doch nur wegen des Mitgifts auf geheißen seines Vaters geheiratet, ich bin ihm völlig egal!“ Ihre kleine Faust schlägt auf den Tisch ein so dass die Humpen hüpfen.
Ein rascher Blick von Hirngar zeigt ihm aber, dass diesen Ausbruch von Miri keiner mitbekommen hat.
Keiner bis auf Vrinje, der unheimliche zehnjährige Sohn von Fylkjarl Vret Uvail. Innerlich erstarrt Hirngar, das Kind blickt ihn an, beobachtet alle seine Bewegungen aus den düsteren tiefen Augen und irgendwas in Hirngars Unterbewusstsein, sagt ihm, dass das Kind bewaffnet ist. Was will der Kleine, wollte er sehen was Galve mit Miri anstellen wollte und fühlt sich um eine Unterhaltung betrogen, oder wäre er Miri ebenfalls zur Hilfe geeilt und wartet jetzt ab was der Ausländer von der Braut will?
Dann mit einer geschickten Drehung seines Körpers verschwindet der Junge in der Menge und der Augenblick geht vorbei.
Es schleicht sich echte Trauer in Miris Augen.
„Was meine Abreise betrifft, da kennt ihr meinen Vater schlecht. Selbst wenn er Huld auf einen Karren oder Esel binden muss, morgen kurz nach Sonnenaufgang werde ich mit ihm und einer kleinen Reisegesellschaft nach Wretguard aufbrechen. Uns bleibt nur diese Nacht!“
Dann greift Miri zu dem Buch das Aeryn ihr geschenkt hat.
„Hört zu, vielleicht gefällt euch diese kurze Saga!“
Sie schlug das Buch auf und fing an vorzulesen, trotz all des Lärms, trotz des Gelages und der Besoffenen hatte Hirngar das Gefühl als wäre er an diesem Punkt alleine mit der jungen Braut. Die Kerzen warfen ein sanftes Licht auf ihr Haar und fast schien es als würde ein Schein aus Licht ihr Antlitz umgeben. Ihr Stimme betonte jede Silbe mit bedacht als hätte sie oft vorgelesen oder wäre darin geschult worden.
Der Wolfskönig
Einst in einem weit entfernten Königsreich herrschten zwei Brüder über das Geschick ihrer Untertanen, der eine war stattlich, von kräftiger Statur, gerecht und geschickt im Umgang mit den Waffen. Sein Bruder war ein Träumer, er liebte die schönen Dinge, das Musizieren und verzagte oft, ihm fehlte der Mut und er wünschte sich nichts sehnlicher als so zu sein wie sein Bruder. Er wünschte es sich sogar so sehr, dass er darüber seine eigenen Talente vergaß.
Eines Tages kam es zum Krieg mit dem benachbarten Königreich, die Spannungen hatten sich über Jahre aufgebaut und jetzt suchten die Herrscher die Entscheidung in der Schlacht. Mutig ritt der eine Bruder voran, der zweite jedoch zauderte, blieb in der Burg zurück und grämte sich. Er grämte sich so sehr das er sich heimlich hinausschlich um seinem Bruder zu folgen, nicht um zu kämpfen aber um zu beobachten, um später behaupten zu können er wäre dabei gewesen im Tross der Kämpfer.
An einem Wald prallten die Heere aufeinander und es kam zum Unglück. Als der mutige Bruder angriff scheuchte er ein Rudel Wölfe auf das zwischen die Heere geraten war und sein Pferd scheute, er stürzte und die Landsknechte des Feindes vielen über ihn her. Ein Stich durch das Visier beendete das Leben des Mutigen. Die Schlacht wogte hin und her und der Feige erkannte seine Chance. Er schlich sich in der Nacht auf das Schlachtfeld und legte sich die Rüstung seines Bruders an dann verstümmelte er den Körper bis zur Unkenntlichkeit.
Am nächsten Morgen ritt er vor die Reste der Armee seines Bruders und gab sich als er aus, seine Männer glaubten an ein Wunder und mit neuem Kampfgeist beseelt griffen sie an und wendeten das Schlachtenglück, der Feind in Furcht vor dem Totgeglaubten floh Hals über Kopf vom Schlachtfeld.
Am Ende des Tages nahm der Feige den Helm ab und behauptete sein Bruder wäre nie ausgezogen um zu kämpfen, er hätte sich feige davongestohlen und wäre geflohen. Im Wald heulten die Wölfe ob der Lüge und der Feige bekam es mit der Angst zu tun. Als erste Amtshandlung verfügte er, dass alle Wölfe auf seinen Landen zu jagen sein, ihre Köpfe seien im auf Spießen zu bringen und bald schon säumten die Schädel der traurigen Tiere seine Burg, worauf die Menschen ihm den Nahmen Wolfskönig gaben.
Viele Jahre gingen in´s Land und der Wolfskönig herrschte Grausam unter der Bevölkerung, er ließ Frauen auf sein Schloss kommen, immer die schönsten und nachts hörte man ihre Schreie, manche sah man nie wieder.
Eines Tages auf der Jagd, ritt der Wolfskönig voraus und erlegte einen riesigen Hirsch, als er das Tier ausweiden wollte merkte er jedoch das der Hirsch noch nicht tot war und zu seiner Überraschung zu ihm sprach.
"Wolfskönig, dein Herz ist mehr das eines Tieres als das eines Menschen und so sollst du unter den Tieren leben wie eines von den ihren. Erst der wahre Liebe Kuss soll dich von dem Dasein als Tier befreien und wieder einen Mann aus dir machen."
Der König verstand nicht, aber als seine Jagdgesellschaft an der Stelle eintraf schienen sie ihn nicht zu erkennen sie riefen „Ein Wolf, ein Wolf, erschlagt ihn im Namen des Königs!“
Erst da merkte der König, dass er zu einem Wolf geworden war und seine Rufe nur das wilde Knurren und heulen der Bestie waren, so floh er bitterliche weinend immer tiefer in den Wald....