Akt I
- Zeit des Zorns -
Die Hochzeit
Das Wetter ist herrlich an diesem Morgen. Ein strahlend blauer Himmel zeigt sich über Storhavn und die kalten Winde, welche von See her in die Stadt geweht hatten, waren einer fast schon milden Briese gewichen. Das rauschen der Brandung hat nachgelassen und alle erwarteten die Festlichkeiten.
In der großen Halle des Grimme Anwesens trefft ihr zur rechten Zeit aufeinander. Herausgeputzt so gut es geht, bereit sich der Herausforderung einer sturmländischen Hochzeit zu stellen. Es wird Zeit zum Tempel zu gehen.
Alle trinken aus und die Sklaven fangen damit an Essen zu verteilen. Unglaubliche Mengen gegrilltes Wildschwein und Ale werden serviert. Bevor die Menge anfangen kann sich zu betrinken erhebt sich Schwertjarl Oktar Grimme um zu Ehren des Brautpaares seinen Hochzeitsreim vorzutragen. Wuchtig schlägt er einen Humpen auf den Tisch und es kehrt ein letztes mal Ruhe ein.
„Freunde, Brüder und Bären der Wildlande. Gäste aus dem Westen und Süden. Met in den Hallen der Krüge. Singt von großen Tagen.“
Dann macht er eine Geste in eure Richtung.
„Freunde des Hauses Grimme. Esst von gesegnetem Schwein, trinkt von geheiligtem Ale, geniest das Fest!“
"Silber des Sieges, vom wilden Eber erfüllt,
aus Stahl, der rastlos Beute will.
Westwärts am Thing. Ein Mädchenkind,
vom Glück gesegnet, kam geschwind.
Schilde zerbissen im Streitezug,
blutige Hemden, aus Eisen genug.
Splitter von Knochen, Gefäße verbrannt,
alles vom Feuer verschlungen, verbannt.
Schließ heut Nacht die Tür, die klirrt,
wenn Frost durch alte Ritzen irrt.
Vergiss, dass die Schatten der Zeit dich rufen,
in kalten, vergessenen, düsteren Stufen.
Ein Strom aus Blut, er dampft und fließt,
wo Rußschnee auf die Glut sich gießt.
Gierige Kiefer fraßen die Helden,
Klagelieder hallen in brennenden Felden.
So stürzen die Recken, so lodert das Licht —
im Aschenlied bleibt ihr Gesicht."
Die Menge verstummt, kein Laut ist mehr zu hören. Einige schauen sich beklommen um.
"Schilde drängen im Nebel von morgen,
Barmherzig singen wir Lieder der Sorgen.
Wenn Schlachten toben, das Chaos kracht,
der Stahl des Kriegers Blut entfacht.
Helden prahlen mit Mord und Tat,
die Klinge trinkt, was Leben hat.
Fleisch junger Männer, vom Eisen gebissen,
von glänzenden Schilden das Blut überflissen.
Tagelang wüten die Räuber mit Glut,
vom Streit verführt, vom Ruhm durchflut’.
Doch höret mich, ihr tapferen Seelen:
Heut Nacht soll Freundschaft den Becher wählen.
Der Krug ist Verbündeter, der Nachbar – Verwandt,
wo Friede für Stunden im Feuer erstand."
Zustimmendes Gemurmel ist zu vernehmen, manche nicken.
„Wir trinken auf die Ehre des Fylkjarls Njordung Blauaxt welcher heute nicht unter uns weilen kann!“
Vom Tisch des Blauaxt Clans erschallen zustimmende Rufe, in die ein paar andere mit einfallen.
„Draußen im Nebel wandert er…“ fährt Oktar mit einem verschmitzten Grinsen fort „…und versteckt sich vor der spitzen Zunge der Weiber!“
Erste Lacher erschallen und die Stimmung scheint sich aufzuhellen.
„Lasst uns seinen schwatzhaften Clan in Erinnerung behalten!“
„Huh…“ entfährt es Elvijö „…das war eine echte Beleidigung, er traut dem Blauaxt Clan nicht, jetzt musst du ihm einen Schlag unter dem Tisch geben!“ feixt der Wildländer in Richtung von Grimhil.
Oktar fährt unbeirrt fort mit seinem Reim.
"Speerträger, Schildmaid, er rief sie zur Stell’,
sammelte Streiter am Ulvarsfjell.
Zorn können sie wecken, wie Sturm in der Nacht,
flüstern wie Elfen mit uralter Macht."
„Er sollte es nicht übertreiben!“ raunt Grimhil, Ulvarsfjell ist ein Jagdanwesen des Blauaxt Clans.
Dann wendet sich Oktar an Huld.
"Frei wollt’ ich zu dir nun sprechen,
sie trat zum Hagtorn-Sipp’ als Zechen.
Dem Bräutigam ward ein Weib gebracht,
von dunklem Haar, in Glanz und Pracht.
Aus edlem Schoß und starkem Blut,
entspringen Söhne, kühnen Mut.
Vom Stamm der Hagtorn wächst ihr Ruhm,
wie Blüten blüh’n auf altem Baum.
Gegen ihr scharfes Wort, so oft ich mich wehr’,
kein Zügel, kein Schlag bändigt ihren Groll mehr.
Doch du, mit Herz in friedlichem Stand,
beliebt bei allen im ganzen Land —
so sei ihr Hüter, mein treuer Freund,
dass Glück euch leite, wie’s Schicksal meint.
Ihr Zorn ist Feuer, doch Treue ihr Lohn,
so wahrt sie im Sturm — wie Stahl, wie Thron."
Miri blickt verbittert auf den Boden, Huld lacht das Lachen eines Mannes der in der Tat schon betrunken ist und die Tragweite dieser Worte erst noch verstehen muss.
"Heiß brennt der Durst in der Kehle Glut,
laut schreit das Herz, voll wilder Wut.
Wie Blasebalg, der Funken speit,
ruft es nach Sturm und Trinkbereit."
Unruhe kommt in die Menge, greifen sie nach ihren Humpen und Hörnern in der Erwartung das Speis und Trank freigegeben werden.
"Hunger heult wie Schwein im Brand,
leg ab den Panzer, greif mit der Hand!
Füll deinen Schlund mit tropfendem Fleisch,
so stillt sich das Biest, so wird’s heiß."
Ein weiteres mal erschallt zustimmendes Gemurmel. Ein letztes mal setzt Oktar an.
"Im Metrausch dampft noch unsre Furcht,
beim Fest der Nacht, wo Einsamkeit ruht.
Denn Schwur ist getan, und Rabe sich nährt,
vom Feind von morgen, den heut ich entbehrt."
Dann leert er seinen Humpen in einem Zug und das Essen ist freigegeben. Jeder greift zu und Musik (https://www.youtube.com/watch?v=DwrUB9Ag64A&list=RDDwrUB9Ag64A&start_radio=1) erklingt um das Festmahl zu begleiten. Der zeremonielle Teil der Hochzeit ist vorbei und das Gelage hat begonnen.
Aeryns Auge entgeht nicht das beide sich Mühe geben den anderen nicht zu offensichtlich zu ignorieren. Miri mit einem sturen, feuersprühenden Blick der starr auf ihren Teller gerichtet ist. In ihrem Inneren sucht die junge Frau wahrscheinlich schon nach Wegen die Hochzeit annullieren zu lassen, auch wenn es nur der Trotz der ersten Stunden ist. Hoffnung braucht jeder. Die Blicke die sie Oktar zuwirft könnten tödlicher nicht sein, doch kratzen sie kaum am Panzer des Schwertjarls, der zufrieden damit zu sein scheint das Huld Miris Gemahl wird. Wie sagte er doch in seinem Reim
Doch du, mit Herz in friedlichem Stand,
beliebt bei allen im ganzen Land —
so sei ihr Hüter, mein treuer Freund,
dass Glück euch leite, wie’s Schicksal meint.
Und wenn sich Aeryn in der Halle umsieht muss sie sich eingestehen, dass Oktar vielleicht gar nicht so falsch lag. Hätte er seine Tochter mit den Wulfr oder Staarks verheiraten sollen? Mit einem der Blauaxt-Männer oder dem Kind von Vret Uvail, dem düster dreinblickenden Vrinje dessen Augen für sein Alter eine Spur zu Finster sind und nicht recht in das kindliche Gesicht passen wollen? Huld dagegen scheint formbar, unsicher, er wird Miris Intellekt wohl nichts entgegenzusetzen haben. Für ihn kommt die Hochzeit viel zu früh, das Kind in Gestalt eines Mannes, unsicher, aus verarmter Familie. Kaum Weltgewandt aber bei weitem nicht so kriegerisch wie die anderen Jarls oder ihre Sippen. Der Saatigia Clan wäre vielleicht eine Wahl, warum nicht den reichsten Clan mit dem größten und stärksten verbinden, oder würde das ein zu großes Machtgefälle erzeugen. Vielleicht war Oktar am Ende doch das königliche Blut der Hagtorns am wichtigsten und sein Reichtum würde dem Clan zu seinem alten Stand verhelfen, war er doch einst das Oberhaupt aller Wildländer.
Tomus Hagtorn ist das Gegenteil von seinem Sohn. Sein Blick ist scharf und wandert immer wieder über die anwesende Gesellschaft. Hin und wieder raunt er seinem Sohn etwas zu, die Mitgift für Miri muss fürstlich sein. Vielleicht sieht er seinen Clan schon wieder zur alten Größe aufsteigen und wittert Konkurrenz und Neid. Auf der Hochzeit sollte er sicher sein, aber danach, es wird ein langer Weg nach Norden.
Wenn Aeryn es einteilen müsste würde Miri für den Trotz der Jugend stehen, auflehnend gegen ihr Schicksaal, Huld wäre die Naivität, das unreife das unvorbereitete genauso unzufrieden mit der Hochzeit, wenn auch aus anderen Gründen. Tomus hingegen wäre wohl berechnend, abgeklärt und derjenige welcher aus dieser Vermählung am meisten profitiert. Oktar, er hat seiner Tochter vielleicht die beste Wahl unter den Clans beschert. Einen Gemahl der so schnell in keinen Krieg ziehen wird und so seine Angetraute unfreiwillig mit in den Tod reißen könnte, dazu ein Junge den Miri formen kann, wenn der Vater nicht wäre, welcher sicherlich ein Auge auf das Paar haben wird.
Zu Gylfis Zufriedenheit wird eine riesen Schlachtplatte mit Wildschwein, gebratenen Töften, Zwiebeln und bunten Möhren auf eurem Tisch abgestellt und ihr könnte euch nach belieben sattessen.
In dem Augenblick als Hirngar der Gedanke kommt, dass Miris Berührung unpassend wäre lässt die junge Frau ihn schlagartig los. Fast so als hätte sie gerade die selben Gedanken gehabt und errötet dabei.
„Es tut mir leid!“ sagt sie leise zu Hirngar „Ich vergesse meine Manieren und ihr könnte mich einfach Miri nennen wenn kein anderer dabei ist, das Frau…“ sie runzelt die Stirn „…hört sich so alt an. Ja…“ bestätigt sie dann Hirngars Frage und deute auf die Stühle an der Tafel „…setzen wir uns!“
Dann treten Tränen des Zorns und der Wut in ihre Augen und ihr Blick scheint als könnte dieser die Meute der Feiernden niedermähen wie Sturmis Blitz selbst.
„Er liebt mich einfach nicht!“ Ihr kleinen schmalen Hände sind zu Fäusten geballt. „Es sollte anders sein, ein Held sollte mich Heiraten einer dem ich etwas bedeute!“ Eine Träne läuft über ihre Wange und peinlich berührt wischt Miri sie mit einer schnellen Bewegung ihres Armes weg. „Er…“ sie deutet zu Huld „…hat mich doch nur wegen des Mitgifts auf geheißen seines Vaters geheiratet, ich bin ihm völlig egal!“ Ihre kleine Faust schlägt auf den Tisch ein so dass die Humpen hüpfen.
Ein rascher Blick von Hirngar zeigt ihm aber, dass diesen Ausbruch von Miri keiner mitbekommen hat.
Keiner bis auf Vrinje, der unheimliche zehnjährige Sohn von Fylkjarl Vret Uvail. Innerlich erstarrt Hirngar, das Kind blickt ihn an, beobachtet alle seine Bewegungen aus den düsteren tiefen Augen und irgendwas in Hirngars Unterbewusstsein, sagt ihm, dass das Kind bewaffnet ist. Was will der Kleine, wollte er sehen was Galve mit Miri anstellen wollte und fühlt sich um eine Unterhaltung betrogen, oder wäre er Miri ebenfalls zur Hilfe geeilt und wartet jetzt ab was der Ausländer von der Braut will?
Dann mit einer geschickten Drehung seines Körpers verschwindet der Junge in der Menge und der Augenblick geht vorbei.
Es schleicht sich echte Trauer in Miris Augen.
„Was meine Abreise betrifft, da kennt ihr meinen Vater schlecht. Selbst wenn er Huld auf einen Karren oder Esel binden muss, morgen kurz nach Sonnenaufgang werde ich mit ihm und einer kleinen Reisegesellschaft nach Wretguard aufbrechen. Uns bleibt nur diese Nacht!“
Dann greift Miri zu dem Buch das Aeryn ihr geschenkt hat.
„Hört zu, vielleicht gefällt euch diese kurze Saga!“
Sie schlug das Buch auf und fing an vorzulesen, trotz all des Lärms, trotz des Gelages und der Besoffenen hatte Hirngar das Gefühl als wäre er an diesem Punkt alleine mit der jungen Braut. Die Kerzen warfen ein sanftes Licht auf ihr Haar und fast schien es als würde ein Schein aus Licht ihr Antlitz umgeben. Ihr Stimme betonte jede Silbe mit bedacht als hätte sie oft vorgelesen oder wäre darin geschult worden.
Der Wolfskönig
Einst in einem weit entfernten Königsreich herrschten zwei Brüder über das Geschick ihrer Untertanen, der eine war stattlich, von kräftiger Statur, gerecht und geschickt im Umgang mit den Waffen. Sein Bruder war ein Träumer, er liebte die schönen Dinge, das Musizieren und verzagte oft, ihm fehlte der Mut und er wünschte sich nichts sehnlicher als so zu sein wie sein Bruder. Er wünschte es sich sogar so sehr, dass er darüber seine eigenen Talente vergaß.
Eines Tages kam es zum Krieg mit dem benachbarten Königreich, die Spannungen hatten sich über Jahre aufgebaut und jetzt suchten die Herrscher die Entscheidung in der Schlacht. Mutig ritt der eine Bruder voran, der zweite jedoch zauderte, blieb in der Burg zurück und grämte sich. Er grämte sich so sehr das er sich heimlich hinausschlich um seinem Bruder zu folgen, nicht um zu kämpfen aber um zu beobachten, um später behaupten zu können er wäre dabei gewesen im Tross der Kämpfer.
An einem Wald prallten die Heere aufeinander und es kam zum Unglück. Als der mutige Bruder angriff scheuchte er ein Rudel Wölfe auf das zwischen die Heere geraten war und sein Pferd scheute, er stürzte und die Landsknechte des Feindes vielen über ihn her. Ein Stich durch das Visier beendete das Leben des Mutigen. Die Schlacht wogte hin und her und der Feige erkannte seine Chance. Er schlich sich in der Nacht auf das Schlachtfeld und legte sich die Rüstung seines Bruders an dann verstümmelte er den Körper bis zur Unkenntlichkeit.
Am nächsten Morgen ritt er vor die Reste der Armee seines Bruders und gab sich als er aus, seine Männer glaubten an ein Wunder und mit neuem Kampfgeist beseelt griffen sie an und wendeten das Schlachtenglück, der Feind in Furcht vor dem Totgeglaubten floh Hals über Kopf vom Schlachtfeld.
Am Ende des Tages nahm der Feige den Helm ab und behauptete sein Bruder wäre nie ausgezogen um zu kämpfen, er hätte sich feige davongestohlen und wäre geflohen. Im Wald heulten die Wölfe ob der Lüge und der Feige bekam es mit der Angst zu tun. Als erste Amtshandlung verfügte er, dass alle Wölfe auf seinen Landen zu jagen sein, ihre Köpfe seien ihm auf Spießen zu bringen und bald schon säumten die Schädel der traurigen Tiere seine Burg, worauf die Menschen ihm den Namen Wolfskönig gaben.
Viele Jahre gingen in´s Land und der Wolfskönig herrschte Grausam unter der Bevölkerung, er ließ Frauen auf sein Schloss kommen, immer die schönsten und nachts hörte man ihre Schreie, manche sah man nie wieder.
Eines Tages auf der Jagd, ritt der Wolfskönig voraus und erlegte einen riesigen Hirsch, als er das Tier ausweiden wollte merkte er jedoch das der Hirsch noch nicht tot war und zu seiner Überraschung zu ihm sprach.
"Wolfskönig, dein Herz ist mehr das eines Tieres als das eines Menschen und so sollst du unter den Tieren leben wie eines von den ihren. Erst der wahre Liebe Kuss soll dich von dem Dasein als Tier befreien und wieder einen Mann aus dir machen."
Der König verstand nicht, aber als seine Jagdgesellschaft an der Stelle eintraf schienen sie ihn nicht zu erkennen sie riefen „Ein Wolf, ein Wolf, erschlagt ihn im Namen des Königs!“
Erst da merkte der König, dass er zu einem Wolf geworden war und seine Rufe nur das wilde Knurren und heulen der Bestie waren, so floh er bitterliche weinend immer tiefer in den Wald....
Ein spitzbübisches Grinsen zauberte Grübchen auf Miris Wangen als sie Hirngar zuhörte. Dann berührte sie ihn flüchtig an der Wange, nur ganz sanft, mit der Rückseite ihrer Finger als würde sie ein neugeborenes Streicheln.
„Seit nicht wie der Feiger mein Retter, was zählt ist das ihr da wart zum rechten Augenblick. Auch wenn ihr nicht so belesen wie der alte Skwilde sein mögt oder so klug wie die Frau die mir dieses Buch schenkte!“
Miri schlang ihre Arme um das Buch und drückte es an sich, als müsste sie sich irgendwo dran festhalten.
„Ich denke eure Einschätzung ist richtig, der feige Bruder kam vom rechten Weg ab und wurde grausam. Etwas was in dieser Welt…“ Miris Arm deutet in die Runde der Feiernden, roten verschwitzten Gesichter denen die Kerzen kleine Flammen in die Augen pflanzten „…nur zu häufig geschieht, geht nicht fehl Hirngar. Was auch immer das Schicksal für euch bereithalten mag, nehmt es an. Es ist euer! Vertraut auf euer Gefühl. Ihr wart da als es kein anderer war, weder mein Vater, noch der Vater meines Bräutigam, oder gar er selbst. Nicht die werte Frau Ährin, noch Meister Gylfi, ihr habt gehandelt. Was euch dazu trieb wird euch weiter leiten!“
Unwillkürlich musste Hirngar an die Inschrift auf seinem Armreif denken.
One sacrifice, two fates,
the choice is laid before them,
for she is the Daughter of
Fate,
for he is the Son of Light.
Hírngar
Auf der Hochzeit in Storhavn
Hírngar errötete, als Miri ihn berührte und das Brennen in seinen Wangen hielt an, als sie sprach und ihm noch eine weitere zarte Berührung schenkte, dieses Mal mit ihren Worten. Er lächelte.
"Das, was mich hierhergetragen hat, ist dieser Armreif und ein Wiegenlied."
Er schob den Ärmel zurück und zeigte Miri das bronzene Band an seinem Handgelenk. Die Kanten waren glatt und hell vom steten Reiben, das Metall vom Gebrauch fast weichpoliert. Gerade dadurch traten die tief eingeschnittenen Runen umso deutlicher hervor, scharf wie frisch graviert. Hírngars unbewusstes Streicheln über das Bronze hatte ihnen immer wieder neuen Glanz verliehen.
"Es ist alles, was ich einst besaß, und es ist alles, was mich an meine Mutter bindet. Das, und das Wiegenlied in meinem Kopf. Ich weiß nicht, ob sie es mir sang, vielleicht habe ich es mir auch selbst ausgedacht, aber ich meine, ihre sanfte, traurige Stimme zu hören."
Hírngar war erstaunt über sich selbst. Er stimmte das Lied an, sehr leise, seine Stimme suchte die Töne, die in seinem Kopf und in seiner Erinnerung so klar waren. Niemals hatte er es für eine andere Person gesungen. Oft hatte er es für sich selbst gesungen, um sich zu beruhigen, wenn der Bär ihn in den Wald sandte, wenn das Zwielicht unter den Bäumen so bedrohlich schien und das Knacken der Äste und das Rascheln im Gebüsch ihn verängstigte. Das Lied war sein Kompass. Immer.
"One sacrifice, two fates,
the choice is laid before them,
for she is the Daughter of
Fate,
for he is the Son of Light."
Hírngar wusste, dass er die Töne nicht richtig traf, doch er spürte, dass es ihm egal war und dass Miri ihn deswegen nicht verlachen würde. Er hoffte es. Der Moment fühlte sich so an, und Hírngar ließ sich tragen. Er bemerkte gar nicht, dass er aufgehört hatte, auf seiner Lippe zu kauen, dass er ganz ruhig war.
"Es ist dieses Lied, Miri. Es machte mich zum Dieb, zum Söldner, zum Reisenden. Und nun bin ich hier und ich bin glücklich, dass ich hier bin. Für dich, aber auch für mich. Es fühlt sich... passend an?" Die Worte fehlten, um das Gefühl zu beschreiben. Eine kurze Pause, während er seine Gefühle prüfte, dann ein Nicken. Dass er die junge Braut duzte, bemerkte er schon gar nicht mehr. "Ja, du hast Recht, Miri. Dieser Moment gerade, ich glaube, er zeigt mir, dass der Weg richtig ist und ich nicht wie der Wolfskönig mein Schicksal betrüge."
dann blickte er ihr wieder ins Gesicht und versuchte, ihr ein aufmunterndes Lächeln zu schenken. "Gib niemals auf, gib dich nicht geschlagen. Ich glaube, auch du würdest das Schicksal betrügen, wenn du das machst!"
Fasziniert hört Miri dem Gesang von Hirngar zu. Sie legte das Buch beiseite und ergriff die Hand des Waldmanns an der er den Armreif trug, hielt sie fest in ihren Händen. Als er dadurch kurz stockte bedeutete sie ihm mit einem zusprechenden Nicken weiter zu singen. Hirngar war sich sicher, das Miri ihn wegen des Liedes nicht verlachen oder verspotten würde. Vielleicht sah sie das in ihm was auch Hirngar sah, mehr eine Erinnerung als eine Darbietung wie ein Skwilde sie vorführen würde. Während Hirngar sang begutachtet sie die Inschrift und applaudierte Stumm als er geendet hatte.
„Das scheint wirklich euer Schicksal zu sein und es hat euch in diesem Augenblick an meine Seite geführt damit ihr mir diesen Rüpel und Unruhestifter vom Hals haltet. Ich glaube…“ Miri schaute Hirngar dabei tief in die Augen „…ich habe solch Reim schon einmal gehört. Ich weiß das mein Vater will das ihr noch bleibt, sucht in seinen Büchern und Schriften, vielleicht findet ihr mehr über euer Schicksal heraus, auch wenn der Skwilde oder Frau Ährin sie euch vorlesen müssen? Der Vers den ihr tragt spricht von Opfern aber auch von Schicksal. Wäre es nicht romantisch…“ Miris Augen fangen an zu leuchten und sie gibt sich den Träumereien einer jungen Frau hin „…wenn ich eure Tochter des Schicksals wäre und ihr mein Sohn des Lichts!?“
Bevor Hirngar reagieren kann schnappt sich Miri das Messer welches er neben den Braten gelegt hatte und fügt sich einen kleinen Schnitt im Finger zu, so dass ein dunkelroter Blutstropfen hervortritt.
„Euer Schicksal ist das Lied eurer euch liebenden Mutter, mein Schicksal…“ Schwermut liegt in ihren Worten „…mein Schicksal ist das Blut meines mich liebenden Vaters. Es war ihm nicht vergönnt einen Sohn zu haben, so muss er mich verheiraten um seine Blutlinie fortzuführen. Zwei Schicksale, ein Opfer.“
Miri sieht zu wie der Blutstropfen an ihrem Finger herunterrinnt, dann ballt sie die Hand zur Faust.
„Ihr gebt mir die Kraft zu widerstehen, vielleicht ist mehr da draußen als das Schicksal des Blutes!“
„Ich erinnere mich an einen der Reime der eurem sehr ähnelt und aus den Schriften wurde klar, dass er Teil einer größeren Prophezeiung ist, so hört ihn und merkt ihn euch. Ich verlange…“ ihre Gesicht wird ernst und eindringlich, ein Zug den Hirngar so gar nicht erwartet hätte „…dass wenn ihr mich in Wretguard besucht ihr ihn Aufsagen könnt!“ Dann lacht sie ein glockenhelles Lachen und drückt wieder seine Hand. „Ach wäre das schön! Aber nun hört:
As a star from heavens
Falls,
the days of light rush by,
dark times shall come.“
Miri räuspert sich.
„Das klingt nach einem dunklen Schicksal dem ihr folgt! Daher nehmt noch einen Rat von mir, wenn euch mein Vater einlädt hier zu bleiben sucht in den Schriften ebenfalls nach einer Aufzeichnung zu den ungezähmten Jahren. Etwas das alle Wildländer gerne vergessen, aber es offenbart viel über die Natur der Menschen in diesem Teil der Welt!“
Gylfis Schmähreime auf Galve Blauaxt kommen augenscheinlich zum genau richtigen Zeitpunkt. Trübsal blasend hocken die drei Saatigias zusammen, ihr Tisch ein Schlachtfeld aus abgenagten Knochen und einer Pyramide aus geleerten Humpen welche sie gegen jeden Versuch der Sklaven ihn abzuräumen hartnäckig verteidigen. Reih um beteuern sie sich, diese oder jene Sklavin fast soweit gehabt zu haben mit ihnen heute Nacht das Bett zu teilen, aber alle drei scheinen leer ausgegangen zu sein. Ein Umstand der natürlich an dem tollpatschigen Verhalten der anderen zwei gelegen hat die sich einmischen mussten. Das Spektakel um Huld schafft es kurz sie abzulenken, der Skwilde jedoch wird freudig empfangen.
„Meister Gylfi setzt euch zu uns!“ Hloe klopft auf den freien Platz neben sich. „Ihr seid eine bessere Gesellschaft als diese zwei übellaunigen stinkenden Waldtrolle!“
Als Gylfi anfängt zu rezitieren leuchten die Augen der drei jedoch schlagartig auf und sie hängen an den Lippen des Skwilden, klopfen sich auf die Schultern und wollen doch so gerne mit einstimmen. Ein, zwei Ferse muss Gylfi wiederholen und die drei Grummeln sie mit so gut sie können und feiern sich dabei sichtlich. Elvijö gibt dabei eine ganz passable Kopie von Galve ab wie dieser mit miesem Gesichtsausdruck durch den Saal gestapft ist und alle drei lachen und lassen Gylfi hochleben für dieses gelungene Abreibung.
Miri senkt die Augen als Hirngar abschied nimmt, doch haucht sie ihm noch zu „Ich erwarte euch in Wretguard mein Retter!“ Dann wirft sie einen angewiderten Blick zu Huld und Aeryn als sie sieht in welchem Zustand ihr Ehemann ist. Stumm schüttelt sie den Kopf, das die Hochzeit heute Nacht vollzogen wird ist ausgeschlossen, was Miri nur recht ist.
Hirngar hilft Aeryn Huld auf den Platz neben Miri zu hieven, den Platz den er eben noch eingenommen hat. Etwas das sich so natürlich anfühlte, ihn mit einem Gefühl erfüllte, dass er so noch nicht gekannt hatte. Echte, unvoreingenommene Zuneigung und Nähe, eine Vertrautheit wie man sie so selten findet.
Um euch herum feiern die Wildländer, ein jeder auf seine Weise dann auf einmal wird ein Tumult in der Menge laut ein Kreis hat sich gebildet in der Mitte findet eine Schlägerei statt. Einer der Wulfr ist mit Hatr Uvail aneinandergeraten, einem der Brüder von Fylkjarl Vret Uvail und es ist klar zu erkennen das die Beiden nicht darauf aus sind den Gegenüber nur zu besiegen. Wer hinten steht ist auf die Tische geklettert um besser sehen zu können. Speichel und Blut fliegt als harte Schläge ausgetauscht werden, Raak Wulfr hält es kaum zurück und er muss von seien Hirdmännern daran gehindert werden einzugreifen. Vret hingegen beobachtet das Schauspiel stoisch mit finsteren Augen und zwischen den Beinen der Schaulustigen könnt ihr immer wieder die Gestalt des kleinen Vrinje erkennen der versucht eine bessere Sicht auf den Kampf zu bekommen.
Der Mann der Wulfr, ihr glaubt das es Ask ist, einer der Brüder des Fylkjarls ist langsamer, zu betrunken und ungelenk. Falls er den Streit angefangen hat war es eine dumme Idee zu versuchen sich mit Hatr zu messen der einem Gegenüber gerade ein Knie in die Eingeweide rammt, so dass dessen gesamter Körper kurz angehoben wird und dann keuchend auf allen vieren Zusammenbricht, doch Hatr hat nicht genug. Unablässig folgt Schlag auf Schlag bis das Gesicht von Ask nur noch eine blutige Fratze ist, die Nase und andere Knochen gebrochen, der Mund nur noch schwarzer zahnloser Abgrund in dem was mal ein Gesicht war.
„Es reicht!“ brüllt der Brycker „Bei Sturmi, der Kampf ist beendet!“
Jetzt macht Vret Uvail zwei schnelle Schritte nach vorne und hält seinen Bruder davon ab weiter auf den Wulfr Mann einzuprügeln, auch wenn er seinen Bruder kaum bändigen kann und es aussieht als wenn dieser sich am liebsten gleich den nächsten Wulfr vornehmen würde.
Ask am Boden schüttelt sich in einem Krampf und erschlafft dann. Raak fällt neben seinem Bruder auf die Knie zerrt an seinen Kleidern, brüllt ihn an aufzustehen. Dann blickt er mit vor Hasse brennenden Augen zu den Uvails.
„Er ist tot, ihr Hundsfotts habt meinen Bruder getötet!“
Vret blickt Wulfr nur Ausdruckslos an und spuckt auf den Boden dann ruft er seinen Männern zu „Wir gehen, das Fest ist vorbei!“
Wie ein Mann schieben sich die Uvails durch die Menge, noch bevor irgendjemand sie aufhalten kann. Vrinje kann es sich nicht nehmen lassen sich vor Raak Wulfr aufzubauen, mit aller Macht die sein kleiner Körper hat und sich in einer hinterhältigen Geste den Daumen über die Kehle zu ziehen als würde er den anderen Fylkjarl aufschlitzen wollen, dann packt ihn Blotr, Uvails anderer Bruder am Kragen und schleift ihn mit sich, raus aus dem Tempel.
Raak tobt, aber schickt keine Männer hinterher, er fordert lautstark das die Uveils ihren Platz im Flyk-Ting verlieren sollen und deren Ländereien seinem Clan zugesprochen werden müssen als Wiedergutmachung für den Verlust, aber er erntet keinen Zuspruch. Für die Wildländer war das ein normaler Streit und jeder wusste worauf er sich einlässt. Asks geschundener und schlaffer Körper wird auf einem der Tische aufgebahrt in der Kirche von Serdajn liegt das Totenbett des Wildlandmanns, gesäumt von leeren Humpen und abgenagten Knochen. Ein Anblick der euch gemahnt, dass das Leben in den Wildlanden rau und hart ist, der Tot lauert selbst auf so etwas Schönem wie einer Hochzeit.
Womit Uvail recht hatte, das Fest ist zu ende, die Gäste gehen, nach diesem blutigen Höhepunkt und Oktars Wunsch das diese Hochzeit ein Neuanfang für alle werden könnte scheint vergebens gewesen zu sein. (https://www.youtube.com/watch?v=AIkHXsSSS6k&list=RDAIkHXsSSS6k&start_radio=1)
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