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Medien & Phantastik => Sehen, Lesen, Hören => Hören => Thema gestartet von: korknadel am 21.11.2025 | 12:30

Titel: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: korknadel am 21.11.2025 | 12:30
Da ich in letzter Zeit viel Settingsmaterial zur Hârnworld lese, habe ich mal wieder Lust bekommen, Musik aus dem Mittelalter zu hören.

Aber ich stelle wieder fest: Es ist keine einfache Sache. Viele Aufnahmen/Interpretationen überzeugen mich nicht so recht. Dazu kommt der mittelalterliche Hang zu Borduntönen, die bei gewissen Interpretationen rasch ein Gefühl von Schwere oder gar Monotonie erzeugen.

Geistliche Musik hört sich in meinen Ohren oft unproblematischer an, solange sie mehrstimmig ist, reine monodische Gregorianik ist halt, was sie ist. Weltliche Lieder sind sehr viel anfälliger für Interpretationen, die für mich rasch mühsam werden. Das Ensemble Millenarium, das tolle Sachen gemacht hat, hat aber auch einige derartige Beispiele aufgenommen. Da improvisieren erstmal die Instrumente über einem Akkord -- mittelalterliche Harmonik ist ja nun keine Achterbahn, sondern eher eine Garageneinfahrt --, um so etwas wie Ambiente zu erzeugen, so dieses mythische Mittelalterding halt. Wo ich mich beim Zuhören schon immer frage, wie die Zupfenden und Blasenden das aushalten, immer um die gleichen fünf Töne rum auf und ab zu zupfen und zu blasen. Und dann kommt ein elegischer Frauengesang dazu wie von Elfenaliens. Das zieht sich dann so avalonvernebelt über fünf Minuten oder länger. Plingpling, sing.

Bei den Aufnahmen von Minnesang gefallen mir sehr häufig die Stimmen nicht, die mir fast immer zu schlank, zu sehr liedermachermäßig sind.

Gut gefallen mir Aufnahmen von Jordi Savall, der liegt eben doch allermeistens richtig, allerdings hat er nicht so furchtbar viel Musik aus dem Mittelalter aufgenommen, vieles ist dann eben doch schon aus der Renaissance.

Anonymous4 sind natürlich ein großes Hörvergnügen, tolle Aufnahmen -- nur bin ich mir da oft nicht so sicher, ob das alles authentisch ist.

Diabolus in musica ist ein tolles, stimmlich sehr expressives Ensemble, das überzeugt mich sehr. In eine ähnliche Richtung geht das Ensemble Organum.

Eine andere Schwierigkeit ist dann auch die vertrakte Musik des Trecento bzw der Ars Nova. Das ist schon krass faszinierend, aber der Höreindruck ist oft doch etwas artifiziell spröde. Ob ich da auch nur nicht die richtigen Interpretationen habe?

Mittelalterliche Musik ist für unsere heutigen Hörgewohnheiten eben auch immer etwas gedeckt. Das liegt natürlich zum einen an den "Tönen", sprich Tonarten, die nach unserer Prägung fast alle etwas Molliges haben. Die Melodien bewegen sich in einem sehr behrenzten Tonumfang, große Intervallsprünge gibt es nicht, und die Instrumente sind auch nur selten sonderlich obertonreich, auch wenn manch ein Gebläse zuweilen hübsch schnarrt und quäkt.

Musik aus dem Mittelalter: sehr, sehr interessant, zuweilen wahnsinnig schön, aber nicht immer leichte Kost bzw ist es schwierig, packende, gelungene Interpretationen davon zu finden.

Oder was meint ihr? Wie geht es euch damit? Erfahrungen (vielleicht gar aus der Praxis), Vorlieben, Empfehlungen, Warnungen, Rants, Fragen? Ich spreche das hier in der Annahme an, dass es zwischen Rollenspielenden und Mittelalterfans ja durchaus eine kleine Schnittmenge geben könnte.

(Und mir ist inzwischen bewusst, dass so gut wie niemand zu einer Hârnmaster- oder Ars Magica-Runde wirklich mittelalterliche Musik hören wollen würde, ganz anders als ich.)
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: KWÜTEG GRÄÜWÖLF am 21.11.2025 | 12:41
(Und mir ist inzwischen bewusst, dass so gut wie niemand zu einer Hârnmaster- oder Ars Magica-Runde wirklich mittelalterliche Musik hören wollen würde, ganz anders als ich.)

Vehementer Widerspruch - ich will genau sowas hören! ^-^

Zu der Problematik: Mittelaltermusik, die heute aufgenommen wird, ist ja auch immer Interpretation. Man schaue sich mal an, wie in der 80er-Jahre-Fernsehreihe "Die Leute vom Domplatz" (die ich immer noch sehr gut finde) Gesang vorgetragen wurde, und vergleiche das dann mit Estampie. Da kann sich haargenau das gleiche Liedgut sehr verschieden anhören und -fühlen.

Ich selber habe eigentlich ganz gern Interpretationen von musikwissenschaftlichen Gruppen wie dem Studio der frühen Musik, bei puren bands hab ich oft das Gefühl, dass man da versucht, den Erwartungen und Hörgewohnheiten moderner Hörer zu sehr entgegen kommen zu wollen.
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: korknadel am 21.11.2025 | 13:25
Ja, das finde ich sehr sympathisch. Ich kann mit "Mittelalterbands" tatsächlich auch nichts bis extrem wenig anfangen. Die von mir oben genannten Ensembles sind ja auch allesamt Alte-Musik-Spezialisten, auch wenn Millenarium manchmal etwas experimentell wird.

Estampie, hm, hatte ich da nicht auch irgendwo was ...?
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: Trichter am 21.11.2025 | 13:27
Interessantes Thema!

Von Mittelaltermärkten sind mir immer die nervigen Dudelsäcke in Erinnerung geblieben. ... Ja, da klingt irgendwie jeder Song gleich. :D
Ob das authentisch ist, weiß ich nicht. Ich würde behaupten, im Mittelalter haben die Leute auf Märkten auch einfach mit den Instrumenten, die sie damals zur Verfügung hatten Musik gemacht. Wenn eine Band also halbwegs realistische Instrumente aus der Zeit verwendet, kann es nicht so weit daneben liegen.

Je mehr der "Mittelalter-Sound" dann mit modernen Gerätschaften kombiniert wird (Medieval Rock/Metal), desto weniger authentisch wird es natürlich.
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: tarinyon am 21.11.2025 | 13:30
Kurze Anwort, da ich grad nicht so viel Zeit hab: Ich bin zwar vom Grundstudium her Mittelalterarchäologe, habe mich aber nicht spezifisch mit Musik beschäftigt. Was ich aber dazu sagen möchte: die komplette Mittelalter-Folk-Rock-Mittelaltermarkt-Musik hat natürlich null-komma-null zu tun mit der historischen mittelalterlichen Musik. Das nur am Rande. Mehr dazu später.
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: korknadel am 21.11.2025 | 13:48
Von Mittelaltermärkten sind mir immer die nervigen Dudelsäcke in Erinnerung geblieben. ... Ja, da klingt irgendwie jeder Song gleich. :D
Ob das authentisch ist, weiß ich nicht.

Doch, das ist schon authentisch. Es gab tatsächlich etliche Dudelsackarten, und das klingt eben schon allein deswegen einigermaßen "gleich", weil da eben immer derselbe Bordunton drunterliegt. Und solche Borduntöne wurden im Mittelalter (auch noch in der Renaissance und als Zitat immer wieder auch im Barock oder sogar in der Klassik) sehr häufig benutzt. Zum Beispiel anscheinend auch bei der Orgelmusik. Auch Streichinstrumente hatten oft eine Bordunsaite, die mitgestrichen wurde. Derlei gibt es auch heute noch in allerlei Volksmusiken rund um die Welt.
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: Luxferre am 21.11.2025 | 13:57
Wir hören beim HârnMaster spielen meist
Wardruna, Heilung und Sowulo.
Einiges davon basiert auf authentischen, allerdings nordischen, Musik-Überbleibseln.

Vielleicht trifft das Deinen Nerv  :d
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: korknadel am 21.11.2025 | 17:20
Einiges davon basiert auf authentischen, allerdings nordischen, Musik-Überbleibseln.

Was gibt es denn für Quellen für diese mittelalterlichen nordischen Musiken? Ich glaube, mir ist noch keine begegnet.

Aber wo wir es von Quellen haben, eine sehr ausgiebige ist ja die große Sammlung von vor allem Marienliedern von Alfonso X el Sabio aus dem 13. Jahrhundert, "Cantigas de Santa Maria". Dieser Sammlung hat sich natürlich auch Jordi Savall angenommen. Die 400 Lieder zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie viele lange Strophen haben. Deswegen gibt es eigentlich immer nur Auswahleinspielungen. Eduardo Paniagua allerdings hat über zig CDs verteilt eine Gesamteinspielung geleistet, leider nicht ganz auf dem Niveau Savalls und seiner Mitstreitenden. Dieser Musik merkt man an, dass sich die Monodien rund ums Mittelmeer gar nicht so wahnsinnig voneinander unterschieden. Musikalisch bewegen sich Orient und Okzident erst in der Renaissance so grundsätzlich auseinander. Ich bin leider noch nie dazu gekommen, mich mal eingehender mit diesen Marienliedern zu beschäftigen.
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: KWÜTEG GRÄÜWÖLF am 21.11.2025 | 17:39
Wir hören beim HârnMaster spielen meist
Wardruna, Heilung und Sowulo.
Einiges davon basiert auf authentischen, allerdings nordischen, Musik-Überbleibseln.

Vielleicht trifft das Deinen Nerv  :d

Leider hat Korknadel da recht, was nordische Musiküberbleibsel angeht. Heilung und Wardruna (die ich beide sehr mag) basieren nicht auf irgendwelchen Überlieferungen, sondern versuchen mehr, etwas zu basteln, das sich für den modernen Hörer so "anfühlt". Da ist es wie mit Tribal Tatoos - der moderne Mensch empfindet es als archaisch, dabei ist es eine moderne Neuschöpfung, die auf sein Empfinden von Archaik zugeschneidert wurde.
Was eine völlig legitime Herangehensweise ist. Nur sollte man es nicht fälschlicherweise als etwas tatsächlich Archaisches betrachten.  ;)
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: Luxferre am 21.11.2025 | 18:35
Originale Instrumente und altnordische Poesie sind doch die Basis für deren Musik. Worüber diskutiert Ihr gerade?

Und jaaaaaa, okaaaaaay, die haben jetzt keine Notenzettel aus der Zeit ausgegraben  ~;D
Für mich ist das original genug.

War nur‘n Tipp …
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: korknadel am 22.11.2025 | 11:43
Anscheinend kam meine Frage falsch rüber. Mir ist keine Quelle für mittelalterliche nordische Musik bekannt, aber mir ist durchaus bewusst, dass ich nicht alles kenne, deshalb habe ich ganz ohne Skepsis danach gefragt. Ich wollte die Existenz solcher Quellen gar nicht in Zweifel ziehen.

Da Wardruna und wie die alle heißen ja ständig in entsprechenden Threads genannt werden, muss ich mir das natürlich auch mal anhören. Bei derartigen Bands bin ich aber tatsächlich skeptisch.

Wir haben ja ohnehin das riesige Problem, dass wir so gut wie nichts über Volksmusik im Mittelalter wissen. Im feudal-klerikalen Europa, wo wegen der horrenden Kosten für Pergament sehr sparsam mit Aufzeichnungen umgegangen wurde, wurde natürlich selten festgehalten, was der Pöbel aufm Marktplatz oder beim Dorffest für Musik gespielt hat. Es wurden eigentlich fast ausschließlich geistliche Lieder (Gregorianik), geistliche Kompositionen (Motetten etc) und die literarisch-musikalisch kunstvollen Hervorbringungen aus der Adelssphäre (Minnesang, Trouveres etc) notiert. Man kann so gut wie nicht feststellen, ob und wo volkstümliche Musik die hohe Kunst beeinflusst hat. Erst in der Renaissance rückt Volkstümliches mehr in den Blick. Da gibt es dann zum Beispiel Messkompositionen, die auf populären Liedern basieren (Parodiemesse), wie zum Beispiel die Missa "L'homme armé" (https://de.wikipedia.org/wiki/L%E2%80%99homme_arm%C3%A9 (https://de.wikipedia.org/wiki/L%E2%80%99homme_arm%C3%A9)).

Sehr, sehr Vieles, was ich so an Bandmusik höre, die mittelalterlich sein soll, basiert auf den zahlreichen Sammlungen von Liedern und Tänzen, die aber fast alle erst in der Renaissance und im Barock zusammengestellt und veröffentlicht wurden -- nun, da der Buchdruck die Sache billiger gemacht hatte. Eine Ausnahme stellt hier zum Beispiel das "Llibre Vermell de Montserrat" aus dem Spätmittelalter dar. Aber derlei ist eine Seltenheit. Wie derlei Tänze und Lieder sich zwei- bis fünfhundert Jahre früher angehört haben mochten, ist die Frage.
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: Luxferre am 22.11.2025 | 12:43
Deine Skepsis ist einerseits gerechtfertigt, andererseits ... eben nicht.
Du suchst nach Musik die zu HârnMaster passt und so mittelalterlich daherkommt, wie es nach dem Stand der Dinge möglich ist.
Wardruna nutzt rekonstruierte Musikinstrumente aus der Zeit der Wikinger (793 - 1066), was Deinem Suchparameter "Mittelalter" (was ja recht grob ist, ca 500 - 1500) entspricht und ihre Texte sind teilweise Originale oder Interpretationen aus dieser Zeit.

Ich persönlich glaube, dass Du wenig finden wirst, das näher dran ist.

Was Deiner Skepsis zu recht nicht standhalten wird ist zum Einen die neumodische, musikalische Interpretation mit zusätzlichen moderneren Instrumenten oder den Tönen aus Natur, Wald und Co. Zum Anderen ist auch ein Quäntchen Obacht geboten, da einige Themen esoterisch aufgeladen sind und das Gründungmitglied Gaahl einen zu recht zweifelhaften Ruf genießt. Die Esoterik in der modernen Betrachtung der Wikingerzeit ist mir eh ein Graus! So viel Bullshit, so viel nationalsozialistische Rassenideologie, magische Runen (haha haha haha!!! was für'n Kokolores!) und dergleichen mehr.

Die Summe ist dennoch eine ganz phantastische und fantastische Kunst, die einen Immersion für Hârn toll erleben lässt. Orbaal, die Jarin, generell der Tenor des angelsächsischen Feudalismus und Co werden für mich musikalisch wunderbar unterlegt.

Das ist natürlich KEIN angelsächsischer Minnesang oder germanische Hofmusik. DAS kann Wardruna nicht liefern. Schrieb ich ja aber auch gar nicht ;)

EDIT | und nochmal: das war ein gut gemeinter Tipp. Nicht mehr, nicht weniger. Wenn's Dir nicht ins Suchparameter passt ist doch völlig okay  :d
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: Uisge beatha am 22.11.2025 | 14:17
Gewiss nicht, was gesucht wird, aber vielleicht geht es grob in die richtige Richtung...

Duivelspack - "Mythos Hildebrandslied - Die Musik der Germanen" (https://www.youtube.com/watch?v=DNwuyZ6AMdo)

Zitat
Die erstmals 2009 und 2016 erneut veröffentlichte CD »Mythos Hildebrandslied« stellt den Versuch dar, germanische Musik zu rekonstruieren. Dabei näherte sich das Detmolder Trio Duivelspack der vorchristlichen Epoche der Jahre 0 bis 500 an, indem es Instrumente gemäß historischen Vorbildern nachbaute und sich darüber hinaus mit dem Kanon früher altnordischer und altisländischer Texte sowie mit der Aussprache des Althochdeutschen und Altnordischen beschäftigte.

Mit universitärer Unterstützung entstand so ein authentisches Programm zwischen Kunst und Wissenschaft, das einen Weg zu den Klängen unserer Ahnen weist. Am Anfang dieses deutschlandweit einzigartigen Projektes stand viel Recherche und Papierkram, denn eines ist klar: Kein Mensch kann mit Sicherheit sagen, wie die Musik der Germanen geklungen hat – und so ist auch dieses Projekt nur eine Annäherung. Nachweisbar sind jedoch die Instrumente, die von den Germanen gespielt wurden. In der Musikarchäologie gibt es dazu gutes Material, das aus zahlreichen Funden herrührt.

Gemeinsam mit Instrumentenbauern fertigten die Musiker von Duivelspack Rekonstruktionen der Funde wie die Trossinger-Leier, eine Lure, Signalhörner, Knochen- und Hornflöten, verschiedene Trommeln mit tönernem Korpus und Rahmentrommeln an.
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: korknadel am 22.11.2025 | 14:52
@Luxferre: Vielen Dank noch mal für Deine Erläuterungen. Ich werde mir Wardruna auch definitiv mal anhören.

Allerdings liegt zumindest ein MIssverständnis vor: Ich bin hier gar nicht auf der Suche nach irgendwas, auch wenn ich natürlich Empfehlungen dankbar nachgehe. Das mit Hârnworld sollte nur eine Einleitung sein, ich wollte nur kurz hinführend erläutern, dass ich aufgrund der Hârn-Lektüre gerade wieder viele CDs mit Musik aus dem Mittelalter aus dem Regal ziehe. Und dabei ist mir eben aufgefallen, dass das Hören von mittelalterlicher Musik nicht ganz einfach ist. Das war für mich Anlass, hier einfach ein Gespräch zu starten über Hörerfahrungen oder allerlei anderen Kram im Zusammenhang mit Musik aus dem Mittelalter, deren Konsum, Aufführung, Vermarktung, Rezeption, was auch immer.

Und bisher hat das ganz gut funktioniert auch Dank Deines Inputs. Nur suche ich hier eben nicht dezidiert Tipps zur Untermalung meiner Hârnmodule.   
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: HEXer [n/a] am 22.11.2025 | 15:08
Also als erstes möchte ich Kwütegs vehementen Widerspruch hier auch noch einmal wiederholen. Natürlich spielt man zu Hârn mittelalterliche Musik.

Zweitens ist es leider so, dass sich mir bei dieser ganzen Pseudomittelalterlichen Spektakulums- / NeoPaganGermanicWhatever Musik wirklich, WIRKLICH die Zehnägel aufrollen. Es ist so viel Schindluder mit vermeintlich mittelalterlichen und/oder Germanischen Dingen getrieben worden, wo die Grenze zwischen historischer Realität und (im besten Fall) Pipi-Langstrumpfartigem "ich mache mir die Welt" oder gar völkischen Ideen verwischt, dass ich da hochgradig allergisch reagiere. Einige der Lieder von z. B. Heilung mag ich vom Klang und der Atmosphäre ja durchaus. Aber allein, dass die ihre Konzerte als eine Art Ritual zelebrieren finde ich hochgradig problematisch. Von der (mindestens) sorglosen Verwendung rechtesoterischer bis rechtsextremer Symbolen mal ganz abgesehen. Und ja, ich weiß, dass Symbole wie die Schwarze Sonne nicht verboten sind und ich weiß, dass sich Heilung davon schon öffentlich distanziert haben. Ich gebe das Beispiel nur um zu verdeutlichen, woher meine Schwierigkeiten mit solcher Musik und solchen Bands kommen. Das soll nicht heißen, dass die Musik als solches schlecht wäre. Nur das Vermischen von Realität und kruden Ideen finde ich gefährlich.
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: tarinyon am 22.11.2025 | 15:35
Was der Hexer sagt. 100 Prozent Zustimmung. Aber korknagel kann ich nicht weiterhelfen. Du kennst dich ja eh schon gut aus.

Ich höre beim rpg ja gar keine Musik. Komischerweise habe ich bei HârnMaster überhaupt keinen Drang (höhö), Mittelalterflair zu verbreiten. Hârn ist für mich einfach was ganz eigenes und fantasy! Bei Ars Magica sähe das anders aus.
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: korknadel am 23.11.2025 | 10:58
Aber korknagel kann ich nicht weiterhelfen. Du kennst dich ja eh schon gut aus.

Ich hatte es auch nicht auf Hilfe abgesehen, sondern interessiere mich einfach für Erfahrungen, Meinungen, Probleme, Kenntnisse anderer, was das Hören von Musik aus dem Mittelalter angeht.

Gewiss nicht, was gesucht wird, aber vielleicht geht es grob in die richtige Richtung...

Duivelspack - "Mythos Hildebrandslied - Die Musik der Germanen" (https://www.youtube.com/watch?v=DNwuyZ6AMdo)


Die haben vielleicht die Instrumente nachgebaut und alte Texte genommen, haben daraus aber ein Popalbum gemacht. Schon allein aus technischen Gründen hat das damals (wann auch immer, das ist ja sehr vage, im Text wird was von Germanen zwischen 0-500 gesagt, aber dann auch etwas von Althochdeutsch, das erst sehr viel später entstanden ist) nie und nimmer so geklungen. Das ist natürlich mühelos konsumierbar, weil es unseren Hörgewohnheiten mindestens ein Jahrtausend näherkommt.
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: Turgon am 23.11.2025 | 11:13
@korknadel: Kennst du Marc Lewon (https://www.youtube.com/@EnsembleLeones)? Das wäre mittelalterliche Musik auf dem allerneuesten Stand der Forschung.
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: korknadel am 24.11.2025 | 09:13
Der Name war mir nicht präsent, aber ich kenne Aufnahmen von ihm. Zwei davon habe ich jüngst gehört, sie waren unter anderem Anlass zu diesem Thread.

(https://www.tanelorn.net/index.php?action=dlattach;topic=131826.0;attach=39500)

Die Neidhart-Platte und die spätmittelalterlichen geistlichen Werke von Wolkenstein und dem Mönch von Salzburg sind Beispiele für den Fall schlechter Sänger*innen. Die Arrangements finde ich auf beiden CDs gut, und das klingt auch wirklich alles sehr authentisch, eigentlich gut musiziert, was den Instrumentalpart angeht. Aber die Singenden nerven teilweise durch eigenartige Diktion, sonderbare Aussprache, Leiern, Näseln, Drücken. Ein Bariton oder Tenor für Arme auf der spätmittelalterlichen Platte hat in der mittleren Lage eine extrem andere Stimmfarbe als in der Höhe, die er ohnehin oft von unten anschieben muss. Im Studium wurde immer gelästert, dass schlechte Sänger in der Alten Musik landen, und ich habe mich gegen diesen Witz immer ein wenig gewehrt, weil ich natürlich in der Alten Musik nicht der Stimmumfang, das Volumen und die Virtuosität gefordert werden wie in Barock, Klassik, Romantik etc, sie dafür aber intonatorisch und tonsetzerisch mehr draufhaben müssen. Aber leider tummeln sich im Ensemble Leones einige Singende, die aus dem Witz tatsächlich Wahrheit machen.

Die dritte CD hier ist für das Mittelalter nicht relevant. Überhaupt hat Lewon vor allem Aufnahmen von Rennaisancemusik gemacht, was bei seinem Instrument ja auch naheliegt.

Momentan höre ich einen Teil der in den 80er-Jahren von Philip Pickett und dem New London Consort aufgenommenen Carmina Burana-Einspielungen. Das ist toll! Richtig gute Sänger, die mit ihren Stimmen umzugehen wissen und entsprechend ausdrucksstark gestalten.
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: KWÜTEG GRÄÜWÖLF am 24.11.2025 | 10:35
Ich weiß nicht, ob es hier jetzt reinpasst, aber bei dieser Gelegenheit möchte ich mal hierauf aufmerksam machen:

https://www.swr.de/kultur/musik/musik-steinzeit-knochenfloete-klangstein-hoehlenakustik-musikarchaeologie-100.html

Bei Rekonstruktionsversuchen zur Musik der Steinzeit geht man den Weg, den ja auch Luxferre völlig korrekt genannt hat: man baut historische Instrumente nach und lässt erfahrene Musiker damit rumspielen, was man damit alles machen kann. Ob das dann damals auch so gemacht wurde, öh, keine Ahnung, aber möglich wäre es gewesen.

Ich hab mir selber mal diese CD hier gebraucht ergattert, das hat schon seinen sehr eigenen Reiz:

(https://res.cloudinary.com/pim-red/image/upload/v1637143032/oeaw/family_edition/covers/9783700129615.jpg)
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: felixs am 24.11.2025 | 11:27
Authentizität kann ich überhaupt nicht beurteilen.

Aber ich möchte eine ästhetische Lanze für die Dudelsäcke und die Dudelsackmusik brechen. Mir gefällt das in fast allen Variationen sehr gut und ich finde auch, dass da einiges an melodischen Mustern möglich ist. Nun mag ich eher monotone Musik mit wiederholenden Mustern, entsprechend passt mir das alles ganz gut. Aber eigentlich reicht das ja auch und für Mittelaltermärkte (bei denen der Drang zum Authentischen meist eher nicht so im Mittelpunkt zu stehen scheint) ist das allemal gut.
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: KWÜTEG GRÄÜWÖLF am 24.11.2025 | 11:41
Aber ich möchte eine ästhetische Lanze für die Dudelsäcke und die Dudelsackmusik brechen.

Da bin ich durchaus bei dir. Klar kann man mit den Dingern auch nerven (wie mit jedem Musikinstrument eigentlich). Aber es gibt auch sehr schönes Zeugs. Wobei ich weniger die quäkenden Dudelsäcke der MA-Szene bevorzuge, sondern die klassischen schottischen Pipes, die höre ich immer wieder gerne.

Aber auch eher quäkend-merkwürdiges kann ich goutieren, z.B. das hier von Tritonus:
(https://img.ricardostatic.ch/images/dedee7b4-ad6e-4fb8-9b72-60122ae7ff70/t_1000x750/tritonus-alte-volksmusik-in-der-schweiz)

Hab ich beim Rollenspiel im Auenland per Der Eine Ring gewinnbringend eingesetzt.

Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: tartex am 24.11.2025 | 11:52
Da ist es wie mit Tribal Tatoos - der moderne Mensch empfindet es als archaisch

Also so lang sind die 1990iger auch noch nicht her, dass ich sie gleich als archaisch bezeichnen würde.
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: felixs am 24.11.2025 | 11:53
Wie man auf dem Bild übrigens auch sieht: Oft sind es Schalmeien, die sind vom Klang her Dudelsäcken nicht unähnlich, aber haben keinen Sack.
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: KWÜTEG GRÄÜWÖLF am 24.11.2025 | 11:55
Also so lang sind die 1990iger auch noch nicht her, dass ich sie gleich als arachaisch bezeichnen würde.

Waas, das legendäre Goldene Zeitalter, als die Geschichte endete, und es zu kultischen Massenversammlungen im Zeichen der Liebesgötter an der Stelle kam, an der später Berlin entstehen sollte, sind für dich noch quasi präsent???
Wer bist du - Elrond?

 ;D
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: korknadel am 25.11.2025 | 10:03
@korknadel: Kennst du Marc Lewon (https://www.youtube.com/@EnsembleLeones)? Das wäre mittelalterliche Musik auf dem allerneuesten Stand der Forschung.

Wie bist Du denn auf den aufmerksam geworden? Warst Du mal in einem Konzert?

Ich weiß nicht, ob es hier jetzt reinpasst, aber bei dieser Gelegenheit möchte ich mal hierauf aufmerksam machen:

https://www.swr.de/kultur/musik/musik-steinzeit-knochenfloete-klangstein-hoehlenakustik-musikarchaeologie-100.html

Ja, derlei ist spannend! Und sie haben das Projekt ja auch sinnigerweise "Klänge" der Steinzeit genannt und nicht "Musik". Man hat die Instrumente, kann die Klänge erzeugen, hat aber keine Ahnung, was für Musik damit gemacht wurde. Solche Rekonstruktionen gibt es auch für antike griechische und römische Klänge, und hier tatsächlich auch Musik. Zwar hat man keine notierte Musik aus der Antike, aber Beschreibungen und musikphilosophische, bzw -physikalische Abhandlungen, vor allem Pythagoras mit seinen Intervallverhältnissen, die ja für die Musik des Mittelalters so maßgeblich wurden. Anhand solcher Quellen versucht gibt es Versuche, zu rekonstruieren, wie Musik damals funktioniert haben könnte.

@Dudelsäcke: Ich mag diese schnarrenden Blasinstrumente auch! Was die Schalmei klanglich vor allem vom -- europäischen -- Dudelsack und seinen Verwandten unterscheidet ist aber nicht so sehr der Sack an sich, sondern eben die Bordunpfeifen. Mit der Schalmei kann man nur eine Melodie spielen, beim Dudelsack trötet immer eine Pfeife mit, die nur einen Ton hat (es können auch mehrere solcher Töne sein, wenn das Instrument enstprechend mehrere Pfeifen hat). Solche Borduntöne waren im Mittelalter sehr beliebt. Aber sie machen Musik und Klangbild tatsächlich auch etwas monoton. Auf so einem Dudelsack kann man nicht in andere Tonarten modulieren, das gibt der Bordunton nicht her. Außerdem hat die Melodiepfeife einen kleinen Umfang von einer Oktave, da ist nicht viel Varianz drin, und zudem sind einfache Instrumente, wie man sie sich fürs Mittelalter vorstellen muss, sehr anfällig für Druckschwankungen, was auch bedeutet, dass man dynamisch überhaupt keinen Spielraum hat. (Alte Orgeln hatten auch dieses Problem, wenn Register gezogen oder weggedrückt wurden.) Und so entsteht da eben ein Klangbild, das -- zumal auf Dauer -- etwas anstrengend werden kann für uns, die wir so viel Abwechslung gewohnt sind.

(https://www.tanelorn.net/index.php?action=dlattach;topic=131826.0;attach=39508)

Ich habe nun tatsächlich einige sehr gelungene Aufnahmen gehört.

*Dafür, dass Léonin zu einem der Begründer der mittelalterlichen Mehrstimmigkeit gehört, sind seine zweistimmigen Kompositionen schon sehr überzeugend. Tolle, herrlich spröde, abstrakte Musik. In dieser Aufnahme auch wirklich gut anzuhören.

*Dachte ich doch, dass eine Aufnahme von Estampie in meinem SC-Regal steht! Und ja, das ist klanglich, sängerisch alles einwandfrei.

*Das New London Consort, dessen Einspielung der Carmina Burana ja so gelungen ist, interpretiert auch sehr gelungen die Lieder aus dem Llibre Vermell de Montserrat. Da die Pilger, die im Kloster Montserrat abgestiegen sind, oft Liebeslieder, unschickliche Tänze und dergleichen in der Kirche zu Gehör gebracht haben, hat das Kloster eine Sammlung von (Marien-)Liedern zusammengestellt, um das Bedürfnis der Pilger nach Gesang auf sittlichere Art zu befriedigen. Diese Lieder sind sehr wahrscheinlich im Ursprung volksliedhaft. Und das hört man bei vielen Stücken auch, da ist manches tänzerisch, und es sind insgesamt recht eingängige Melodien.

*Sarband hat von denselben Liedern eine Aufnahme gemacht, die ein bisschen weniger auf authentische Rekonstruktion abzielt, sondern das ein wenig aufbereitet. Manchmal singt der Chor in sich leicht versetzt eine sich immer wiederholende Phrase bei starkem Hall, sodass ein Wabern entsteht, in das dann eine einzelne Sopranstimme mit teils arabesken Melismen hineinjubiliert. Das soll sicher das Singen der Pilger in der Kirche verklanglichen. Aber es ist viel zu raffiniert inszeniert, als dass das damals tatsächlich so geklungen haben könnte. Derlei zieht sich durch die ganze Platte. Aber dennoch kann ich diese Aufnahme sehr empfehlen, das ist schmissig, hymnisch, mitreißend, immer gerade noch so in vertretbarem Rahmen und doch unseren Hörgewohnheiten entgegenkommend.

Unbegreiflicherweise habe ich die Einspielung des Llibre Vermell von Jordi Savall nicht. Allerdings hat er einzelne Lieder daraus immer wieder in seinen diversen Sammelprogrammen eingestreut, sodass ich sie einigermaßen im Ohr habe. Da hat man es natürlich immer mit ausgezeichnet hörbaren Interpretationen zu tun!
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: KWÜTEG GRÄÜWÖLF am 25.11.2025 | 10:29
Dieser Thread wird mich durch massenhafte Anregungen zum Tonträgererwerb noch ruinieren.... ^-^
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: Dr. Evil am 25.11.2025 | 18:34
Dieser Thread wird mich durch massenhafte Anregungen zum Tonträgererwerb noch ruinieren.... ^-^
Du hast mein Mitgefühl. Ich bereue den Moment, als ich auf den Button fürs Abo gedrückt habe. Das wird auf Dauer ein neugieriger und teurer Spass...!

Besten Dank an dieser Stelle für die schönen Beiträge.
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: Issi am 25.11.2025 | 19:49
- Zu pseudo mittelalter Bands: Kann damit auch wenig anfangen.

Das ist (für mich)fast so schlimm als würde man sich permanent irgendwelche pseudo mittelalterlichen KI Klang Gemische reinziehen.

Es gibt natürlich auch ne Menge vermeintlich „authentische“ Musik die mit ihrem „Getröte“ zum Stimmungskiller taugt.

Fürs Rollenspiel muss es für meinen Geschmack nicht authentisch sein.
Aber es sollte sich schon wenigstens halbwegs gut anhören.
Die Renaissance bietet da mMn. fast mehr.
Oder der ein oder andere Soundtrack.

Würde deshalb eher hier und da einzelne Stücke rauspicken. - die dann tatsächlich auch (dezent, und punktuell eingesetzt) fürs Rollenspiel taugen.

Für die, die es möglichst authentisch mögen, fällt mir zumindest die : „Capella Antiqua Bambergensis“ ein. (Die forschen da wohl dran und bauen die Instrumente dazu)

Nutze selbst jetzt eher andere Quellen, und bin kein Experte aber vielleicht hilft es dem ein oder anderen weiter.



 


Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: korknadel am 26.11.2025 | 09:57
Ha, die jüngsten Griffe ins CD-Regal waren fast allesamt schöne Überraschungen. (Vielleicht habe ich mich aber auch nur etwas mehr eingehört?)

(https://www.tanelorn.net/index.php?action=dlattach;topic=131826.0;attach=39510)

*Die Doppel-CD mit Musik rund um die Pilgerreise nach Santiago ist auf einem Niveau mit der Aufnahme des Llibre Vermell de Montserrat des New London Consorts, fast noch etwas interessanter. Da ist sehr viel melodiös Schönes dabei, und auch wieder die schmissig-hymnischen Lieder mit Solo- und Chorgesang im Wechsel. Hier wird besonders deutlich, wie viele unzählige Strophen diese mittelalterlichen Lieder manchmal haben. Mir tun Chor und Instrumentalisten, die nach den Strophen dann immer den Kehrvers singen müssen, leid, spätestens nach der zehnten Wiederholung muss das anstrengend sein, und dann soll man das jedes Mal noch mit voller Überzeugung spielen/singen.

*Die zweite CD mit Musik von Léonin von den Anfängen mittelalterlicher Mehrstimmigkeit ist genauso gut wie die erste. Sonderbar, fragile, halb durchsichtige Klangkonstrukte. Tatsächlich irgendwie Musik gewordene Gotik.

*Die Wolkenstein-Platte ist großartig! Richtig gute Sängerinnen und Sänger, die da mit Spaß, Witz und opernhafter Ausdrucksstärke rangehen.

*Ich hatte in meinem ersten Post ja schon lobend das Ensemble Organum erwähnt. Das Passionsmysterienspiel, das in den Carmina Burana enthalten ist, hat dieses Ensemble in den späten 80ern aufgenommen. Und auch dies eine fantastische Aufnahme. Immer wieder erstaunlich, wie diese Musiker es schaffen, so viel Dramatik in diese mitunter so körperlos wirkende, fremde Musik zu packen. Klanglich gefällt mir das Ensemble auch sehr.

*Die CD von La Reverdie ist in den ersten Tracks ein gutes Beispiel für die Schwierigkeit, mittelalterliche Musik zu hören. Das Ensemble ist toll, die Einspielung ist gut, und doch wird man von dieser Musk nicht mitgenommen. Man muss schon sehr konzentriert zuhören und sich auf diese eigenartigen Harmoniken einlassen, die sich so oft in völlig unerwartete Richtungen bewegen, gepaart mit seltsamen Rhythmen, und sich nicht kadenzartig, wie wir es gewöhnt sind, auflösen, sondern scheinbar unvermittelt in Akkorden enden, die wegen des Fehlens der Terz dann seltsam hohl, leer, androgyn klingen. Diese Musik stammt aus dem Umfeld der Ars Nova (grob 14. Jahrhundert), dem Höhepunkt mittelalterlicher Kompositionskunst, intellektuell, formell hoch anspruchsvolle Konstrukte, aber für heutige Hörende -- und Musizierende -- eine Herausforderung. Die späteren Tracks werden dann wieder etwas eingehender, denn mit ihnen bewegen wir uns schon in die Frührenaissance, und man begrüßt die Terz fast wie den Messias.

Diese Ars Nova-Musik hat, wie ich finde, eine ähnliche Wirkung wie so manches aus der klassichen modernen oder zeitgenössischen Musik. So etwas leicht Verstörendes, Uneingängiges, was den Reiz des Aushaltens auslöst und dann auch sehr befriedigend sein kann. Nur mit dem großen Unterschied, dass moderne/zeitgenössische Musik solche Effekte fast immer durch Dissonanz erzeugt. (Deswegen auch das "Aushalten".) Die Ars Nova dagegen duldet Dissonanzen ja allenfalls als Durchgangsintervalle, betont diese also nicht und zielt immer wieder auf möglichst rein klingende Intervalle -- Quinte und auch mal Quarte -- ab. Man muss hier also eher diese hohlen, leeren, reinen Akkorde aushalten, die immer wieder aus dem komplizierten Tonsatz heraustreten, es ist als würde man andauernd in eine Sternenleere zwischen den Welten katapultiert, und das macht auf mich oft den Eindruck von Alienmusik. Ich muss mich einfach noch mehr in die Ars Nova einhören.

Hier der erste Track der CD:
https://www.youtube.com/watch?v=coVYyLsE4Jk&list=RDcoVYyLsE4Jk&start_radio=1 (https://www.youtube.com/watch?v=coVYyLsE4Jk&list=RDcoVYyLsE4Jk&start_radio=1)
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: korknadel am 28.11.2025 | 09:11
Ich habe jetzt mal so 6-7 Tracks von Wardruna angehört, die Youtube mir ausgespuckt hat. Und ich kann total verstehen, dass das Leute abholt und als Hintergrund für Rollenspiellektüre oder gar Spielsitzungen taugt. Das ist durchproduzierter, nordisch anmutender Folkpop, der derart viele Klischees bedient, dass man kaum nicht abgeholt werden kann. Dadurch ist das mitreißend, schmissig, und, wenn man es negativ ausdrücken wollen würde, niedrigschwellig. Schon allein die trible drums gehen einem ins Ohr wie Öl, wir sind ja auf beats geeicht.

Die alten Instrumente bringen nette Farben, und dafür, dass es Pop ist, ist das klanglich sehr geschmackvoll und differenziert produziert. Im Bass klingt oft ein Streichinstrument, das extrem nach Cello in tiefer Lage, eigentlich eher nach einem Kontrabass klingt. Würde mich interessieren, was das tatsächlich für ein Instrument ist, da ich aus dem Mittelalter keine derart fetten Bassstreichinstrumente kenne.

Dass das klanglich reizvoll aufbereitet ist, heißt allerdings nicht, dass dieser Klang tatsächlich irgendwie historisch authentisch wäre. Ohne Mikros, elektronische Verstärkung und Abmischung am Soundpult würde diese Musik gar nicht funktionieren. Schon allein die fetten Bässe dürften mit mittelalterlichen Instrumenten nicht machbar gewesen sein. Hört man sich authentische, nicht elektrisch verstärkte Folksmusiken rund um den Globus an, trifft man nur in großen Ausnahmefällen fette Bässe an (und das sind dann meistens Blasinstrumente).

Harmonisch ist das auch modern produziert, vor allem wenn zwei- oder mehrstimmig gesungen wird, folgt das funktionaler Harmonik, und wenn es mal kurz modal wird, dann ist das eher ein Folkzitat, aber keine echte, konsequente Modalität. Die funktionale Harmonik hat sich erst ab dem sehr späten 16. Jahrhundert entwickelt, ist quasi das Gründungsmanifest des Barock und fast aller nachfolgenden Musikepochen und auch des Musikantenstadls, sogar das Bluesschema entspricht eins zu eins der funktionalen Kadenz. Im Mittelalter war das jedoch genauso wenig erfunden wie die Kartoffel.

Die sechs oder sieben Songs, in die ich reingehört habe, hatten alle auch keine Texte, die auf mich wie altnordische Poesie gewirkt hätten. Aber ich kenne zugegebenermaßen auch nicht so sehr viel altnordische Poesie.

Mich persönlich hat bei den sechs, sieben Songs, die ich gehört habe, gestört, dass sie eigentlich alle nach demselben Schema aufgebaut waren. Am Anfang Naturgeräusche, dann kommen nach und nach Instrumente und Gesang hinzu, das baut sich dann hymnisch über sechs bis acht Minuten auf, bisschen wie der Boléro von Ravel. Da hätte ich mir etwas mehr Varianz gewünscht. Auf den pathetischen Gestus, den das hat -- zumal wenn man die Videos dazu schaut --, würde ich auch gerne verzichten.

Was mir die Tage auch mal durch den Kopf ging: Bei manchen dieser Bands, die sich vom Mittelalter inspirieren lassen, erklingen so tiefe "Wikingerstimmen", die ins Mikro raunen. In Game of Thrones hört man ja auch mal so eine Vertonung -- Rains of Castamere? Ich merke mir so was ja immer nicht -- mit tief dräuendem Schicksalsbass. Und mir ist jetzt aufgefallen, weshalb ich da immer ein Unbehagen, eine misstrauische Abwehr empfinde. Wenn ich Aufnahmen tatsächlich überlieferter mittelalterlicher Musik anhöre, höre ich nur wenige solcher tiefer Männerstimmen, und wenn, dann haben sie im mehrstimmigen Gesang die Aufgabe, die Borduntöne oder den gregorianischen cantus firmus zu singen, also das Fundament zu liefern. Singen sie solistisch, dann raunen sie nicht. Sie machen es schon alleine deshalb nicht, weil sie sonst niemand gehört hätte. Wer eine professionell, klassich ausgebildete tiefe Männerstimme hat, der kommt neben einem Dudelsack durch, vermutlich sogar, wenn er piano singt. Wer das nicht ist, kein Mikro hat und dazu noch verhängnisdräuend raunt, hat keine Chance, und die labernden Leute in der Schänke würden vermutlich gar nicht merken, dass da jemand gerade versucht, ein Lied zu singen. Ich bin der festen Überzeugung, dass tiefe Männerstimmen außerhalb der Kapellen von Kirche und Adel ohnehin die Ausnahme waren, die die Regel bestätigen. Auch die Wikinger werden eher mit hoher, weit tragender Stimme geschmettert haben ähnlich wie die Gondolieri in Venedig.

(Dieser Gedanke zu tiefen Männerstimmen hat keinen Bezug zu Wardruna, wo kein tiefes Männerraunen vorherrschend ist.)
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: Luxferre am 28.11.2025 | 10:06
WARDRUNA - Helvegen live (https://youtu.be/cg0TQyjdHJ0?si=MCi-Mg2n04HIO3Fv)
Ohne Abmischung ...
Deine Meinung sei Dir unbenommen und ich kann verstehen, dass Du nicht alles "mittelalterlich authentisch" findest.
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: KWÜTEG GRÄÜWÖLF am 28.11.2025 | 10:23
Ich möchte nur mal anmerken - wenn man diesen tiefen dräuenden Gesang mag (ich durchaus): Lobpreiset Laibach! DIE haben das nämlich wieder in Mode gebracht, alle anderen Wie Rammstein et al haben das nur abgekupfert!  ;D

Übrigens scheint Tolkien zumindest beim Gesang von Zwergen sich etwas in der Art vorgestellt haben, da singen Thorin und Kompanie mit "tiefen kehligen Stimmen".
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: korknadel am 28.11.2025 | 10:46
WARDRUNA - Helvegen live (https://youtu.be/cg0TQyjdHJ0?si=MCi-Mg2n04HIO3Fv)
Ohne Abmischung ...

Aber da sieht man doch laut und deutlich eine Soundanlage rumstehen, sogar die Trommeln werden von Mikros abgenommen, und sie klingen auch so, und auf den Gesang ist Hall gelegt. Ich meine sogar einen Synthezier von Band zu hören, dieser Hintergrundklangteppich klingt nicht so, als würde der Chor ihn produzieren, und auch nicht nach der einsamen Fidel. Würden da keine Mikros rumstehen, würde das alles völlig anders klingen, und die Singenden würden/müssten völlig anders singen. So eine Fidel würde man nur bis zur dritten Reihe hören. Und ja, natürlich ist das life abgemischt.

Einfach nur historische Instrumente und Singende ohne Mikro und Hall und dergleichen klingt halt eher so:
https://www.youtube.com/watch?v=r_zhV10bYss&list=PLM5ola0QSDIo0M2vzdhCckPEhDw407Lys&index=3 (https://www.youtube.com/watch?v=r_zhV10bYss&list=PLM5ola0QSDIo0M2vzdhCckPEhDw407Lys&index=3)

Ich möchte nur mal anmerken - wenn man diesen tiefen dräuenden Gesang mag (ich durchaus): Lobpreiset Laibach! DIE haben das nämlich wieder in Mode gebracht, alle anderen Wie Rammstein et al haben das nur abgekupfert!  ;D

Übrigens scheint Tolkien zumindest beim Gesang von Zwergen sich etwas in der Art vorgestellt haben, da singen Thorin und Kompanie mit "tiefen kehligen Stimmen".

Tolkiens Zwerge sind ja auch Fantasy.  ;)
Und zu Laibach und Crash Test Dummies: Ja, das ist ja aber Musik, die von vornherein mit elektronischer Verstärkung und ihren ganzen Soundeffekten konzipiert wurde. Ich sage ja auch nicht, dass mir tiefer Dräugesangt kategorisch missfällt, ich sage nur, dass ich dann immer ein seltsames Gefühl kriege, wenn damit Mittelalter transportiert werden soll.
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: KWÜTEG GRÄÜWÖLF am 28.11.2025 | 10:52
Tolkiens Zwerge sind ja auch Fantasy.  ;)
Und zu Laibach und Crash Test Dummies: Ja, das ist ja aber Musik, die von vornherein mit elektronischer Verstärkung und ihren ganzen Soundeffekten konzipiert wurde. Ich sage ja auch nicht, dass mir tiefer Dräugesangt kategorisch missfällt, ich sage nur, dass ich dann immer ein seltsames Gefühl kriege, wenn damit Mittelalter transportiert werden soll.

Ist auch keine Entgegnung zu deinen Aussagen gewesen  ;) - mir geht es bei der Darstellung alter Musik da wie dir. Der tiefe Gesang ist eine moderne Mode zur Darstellung gefühlt archaischer Musik, mehr nicht. Bei Fantasyzwergen ist das auch völlig berechtigt.

Wardruna höre ich sehr gerne, ich habe letztens auch eine Situation in einem Abenteuer für Der Eine Ring mit einem ihrer Instrumentalstücke untermalt, in der die Helden am Ufer des Anduin in nebligem Wetter ein Boot mit getöteten Beorningern finden. Hat wunderbar zur Stimmungsmache funktioniert.
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: Luxferre am 28.11.2025 | 11:30
Korki ... ich verstehe Dich gerade nicht. Und ich habe auch wenig Lust auf BiBaBesserWisserEi ... aber ...

Du schrobtest von "elektronische Verstärkung und Abmischung am Soundpult" und ich bringe Dir ein Video von Wardruna OHNE diese Faktoren.
Du richtest Dich dann in Deiner weiteren Argumentation auf "eine Soundanlage rumstehen, sogar die Trommeln werden von Mikros abgenommen" ..
Glaubst Du allen ernstes, dass Deine mittelalterliche Musik OHNE Soundanlage, OHNE Mikros oder OHNE Abmischung auf Deinen CDs (!) gelandet ist?
Das wäre Hexerei  ~;D

Gut, ich bin hier raus, weil ich verstanden haben, dass Du anderes Zeugs suchst. Deine Argumente gegen Wardruna wirken zT nur weit hergeholt, bzw konstruiert. Da wäre jeder weitere Austausch eher ein doch-nein-doch-nein-oh. Sparen wir uns das mal ;) weil Deine Argumente gegen historische Autentizität auch 1A für alle anderen Musiken hier gelten würden ...
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: korknadel am 28.11.2025 | 11:59
Du schrobtest von "elektronische Verstärkung und Abmischung am Soundpult" und ich bringe Dir ein Video von Wardruna OHNE diese Faktoren.
Du richtest Dich dann in Deiner weiteren Argumentation auf "eine Soundanlage rumstehen, sogar die Trommeln werden von Mikros abgenommen" ..
Glaubst Du allen ernstes, dass Deine mittelalterliche Musik OHNE Soundanlage, OHNE Mikros oder OHNE Abmischung auf Deinen CDs (!) gelandet ist?
Das wäre Hexerei  ~;D

Der Luxferre liest zwar nicht mehr mit, aber fürs Protokoll: Das von mir eingestellt Youtubelink zeigt einen Konzertmitschnitt von einem Stück aus dem Llibre Vermell de Montserrat von Jordi Savall und seinem Ensemble. Ich war schon Dutzende Male in Konzerten von Savall und auch von anderen Alte Musik-Ensembles. Und natürlich werden da keine Mikros benutzt (außer wegen der schlechten Akustik im großen Saal des Berliner Konzerthauses manchmal für die Sänger), und das klingt life genau so, wie es auch auf Youtube und auf CD klingt. Bei dieser Art von Musik haben wir es doch mit einer ganz anderen Art von Abmischung zu tun, da wird eben gerade so abgemischt, dass aus den Lautsprechern das rauskommt, was im Raum selbst klingt. Aber es wird nicht der Gesang "vorgeholt" und mit Hall versehen und derlei Scherze. Und da ich nicht nur schon unzählige Konzerte ohne elektrische Verstärkung und mit alten Instrumenten gehört habe und unter anderem auch sechs Jahre Gesang studiert habe, kann ich mir ungefähr denken, wie Wardruna vor dieser Felswand klingen würden, wenn da nicht abgemischt werden würde, zumal die ja auch alle meterweit auseinanderstehen. Nie und nimmer so wie das, was da aus den Boxen kommt.
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: Luxferre am 28.11.2025 | 14:43
Ich lese schon noch mit.

Aber da ich a) nur Konsumentenwissen und b) geschichtliches Interesse an der (echten, nicht-esoterisch-aufgeladenen) Wikingerzeit mitbringe und c) ein miserabler Sänger bin, halte ich mich einfach raus, da wir bei einigen Punkten eh nicht auf einen Nenner kommen.

Für mehr Inspo bleibe ich als regelmäßiger Leser auf jeden Fall hier.
Titel: Re: Musik aus dem Mittelalter hören
Beitrag von: korknadel am 5.12.2025 | 10:02
Ich höre beim rpg ja gar keine Musik. Komischerweise habe ich bei HârnMaster überhaupt keinen Drang (höhö), Mittelalterflair zu verbreiten. Hârn ist für mich einfach was ganz eigenes und fantasy! Bei Ars Magica sähe das anders aus.

Seltsamerweise ist diese Bemerkung bei mir hängen geblieben. Abgesehen davon, dass ich in Bezug auf Hârn anders empfinde, sich mir da Mittelalter schon sehr aufdrängt, musste ich ein wenig daran herumdenken, wieso ich mittelalterliche Musik (und auch Renaissance-Musik) in der Tendenz schon eher fantastisch finde.

Wir hören zu 95%, vermutlich sogar zu 98% Musik mit funktionaler Harmonik. Selbst die vielen Leute, die keine Ahnung von Harmonik haben und am Rechner oder im Bandprobenraum frei Schnauze Musik fabrizieren, entkommen der so tief eingeprägten Funktionalität nur punktuell, Modalität oder andere Abweichungen wirken dann immer eher als Deko, stellen den Status Quo aber nicht grundsätzlich in Frage. Und je kommerzieller es werden soll, desto mehr greift man auf Funktionalität zurück. Wegen der raffinierten spätromantischen Harmonik (vor allem Wagner) funktionieren die meisten populären Filmmusiken so gut. Mit Kadenzen, Trugschlüssen, Modulationen gepaart mit cleverer Instrumentierung lassen sich Emotionen am einfachsten manipulieren, weil die Masse der Hörenden das von Kindesbeinen eingeübt hat. So "fantastisch" aber ein Parsifal auf der Obernbühne ist, so ist das doch unser musikalischer Standard.

Ich glaube, deswegen haben Musiken, die davon unberührt sind, für mich etwas derart Fremdes, Aufregendes, Exotisches, dass sie eher dem entsprechen, was in meinem Kopf Fantastik ist. Ich höre zwischendurch ja immer wieder auch gerne alle möglichen "Volksmusiken", field recordings, etc. also Indisches, Chinesisches, Persisches, Arabisches -- wobei auch alte field recordings aus Europa mitunter erstaunlich Fremdartiges aufweisen. So eine Peking-Oper ist unseren Hörgewohnheiten ähnlich fern wie irgendeine Fantasywelt.

In der Musik aus dem europäischen Mittelalter (es wurde seltsamerweise auch nur in Europa eine Notation für Musik entwickelt, weshalb man nur schwer über nicht-europäische Musik des Mittelalters sprechen kann) kommt noch ein anderes phantastisches Element dazu: Die Theorie. Dass die mehrstimmige Musik des Mittelalters so seltsam klingt, hat einen extrem sonderbaren Grund, der uns heute kaum begreiflich ist. Wir sind es gewohnt, dass Musik emotional ist oder zumindest sein soll, und diese Emotionalität wird mit den oben schon angesprochenen Mitteln der funktionalen Harmonik in dur und moll bewirkt. Im Mittelalter aber gibt es nur Tonleitern und keine Akkorde. Auf Pythagoras aufbauend folgte Musik rein theologischen Überlegungen. Reinheit und Einheit waren göttlich, deshalb war der eine Ton das non plus ultra. Mehrstimmigkeit konnte sich deswegen nur gegen den Widerstand der Theologie überhaupt entwickeln. Und die Auflagen, damit sie geduldet wurde, waren alles entscheidend: Es durften nur Intervalle zusammenklingen, die noch irgendwie als göttlich durchgingen, also Intervalle von klaren, geraden Verhältnissen, 2 zu 1 (Oktave), 3 zu 2 (Quinte), 4 zu 3 (Quart). Die 3 und die 4 waren als Repräsentanten göttlicher Verhältnisse legitim, Dreieinigkeit, vier Evangelisten etc. Terz und Sexte dagegen haben vollkommen wirre Verhältnisse (5 zu 4, bzw 6 zu 5), galten deshalb als Dissonanzen und waren zutiefst weltlich, verwerflich. Höchstens als Durchgangsnoten in der Mehrstimmigkeit erlaubt. Sekunde und Septe waren richtige Dissonanzen (sind es ja bis heute) und deshalb der Teufel schlechthin. Die Sekunde war wirklich nur ausnahmsweise dann gestattet, wenn sie anschließend vom Einklang auf dem Grundton "erlöst" wurde.

Unter diesen Prämissen lassen sich keine Akkorde bauen, nichts, was uns emotional auf die Weise manipulieren könnte, die wir vom Mutterbauch an eingeübt haben. Andersrum verstehen wir nicht, was es für die Chorherren in Notre Dame, die die ersten Organa gehört haben, bedeutet hat, wenn da als Durchgang eine "dissonante" Terz erklang. Die Befriedigung, dass die Komposition göttliche Zahlenverhältnisse wahrt und deshalb erhebend ist, können wir nicht nachempfinden. Für mich fühlt sich diese nicht auf das natürliche Klangerleben, sondern auf abstrakte, physikalisch-theologische Gedankenspiele basierende Musik deshalb tatsächlich fantastisch an. Als hätten Zwerge sich das ausgedacht.

Das alles übrigens abseits der Frage, ob das als Untermalung zum Rollenspiel taugt. Es sind nur so meine Gedanken zur Repräsentation von Fantastik in Musik.

Ansonsten habe ich noch ein paar CDs gehört, die mit weniger gefallen haben (unter anderem von Sequentia, The Medieval Ensemble of London) und mich dann auch wieder anderen Epochen gewidmet. Aber jetzt ist ja Advent, und da darf man ja die Weihnachtsplatten wieder aus dem Regal ziehen, und da sind auch welche mit Musik aus dem Mittelalter dabei.

(https://www.tanelorn.net/index.php?action=dlattach;topic=131826.0;attach=39588)

Alle drei sind von reinen Frauen-Ensembles aufgenommen. Die Musiken aus Prag und Ungarn sind oft einstimmig oder schlicht zwei- bzw dreistimmig. In diesen Gegenden konnte die Ars Nova nicht Fuß fassen, deshalb ist das nicht so verschwurbelt, sondern eher melodiös. Die Musik aus den Niederlanden ist spätmittelalterlichen, aber ebenfalls sehr schlicht, mitunter fast schon liedhaft. Das liegt in diesem Fall daran, dass es Musik einer Reformbewegung ist, die aus Frömmigkeit und Volksnähe auf die hohen Künste der Ars Nova verzichtet hat. Alle drei CDs finde ich gelungen. Die Platte von Anonymous 4 habe ich seit ihrem Erscheinen 1996, lebe also schon fast 30 Jahre mit ihr und liebe sie immer noch. Anonymous 4 singen einfach zauberhaft, die Handvoll anderer Aufnahmen von ihnen, die ich habe, finde ich auch allesamt empfehlenswert.

Und da wir bei Weihnachtsplatten sind, erlaube ich mir noch einen Tipp, auch wenn es keine Musik aus dem Mittelalter ist, sondern aus der Renaissance. Diese CD ist gleich bei ihrem Erscheinen 2014 ganz oben auf dem Stapel der rund um Weihnachten am dringlichsten zu hörenden Platten gelandet. Einfach phantastisch! Alle Aufnahmen von Dominique Visse sind dringend zu empfehlen, aber diese alten französischen Weihnachtsmusiken sind besonders hinreißend, vor allem in diesen mal innigen, mal raubaukigen Interpretationen.

(https://www.tanelorn.net/index.php?action=dlattach;topic=131826.0;attach=39590)