Akt I
- Zeit des Zorns -
Sei mein Schicksal
Der nächste Tag ist schwer, diejenigen von euch die dem Ale zugesprochen haben spüren dessen Auswirkungen mehr als deutlich. Übelkeit liegt in euren Magengruben und der Kopf schmerzt. Auf dem Meer vor Storhavn liegt eine dichte Nebelbank und es ist keine Brandung zu hören. Alles ist nass und als der Nebel vom Meer her durch die Gassen in die Stadt kriecht bilden sich überall auf den Oberflächen kleine Tropfen die wie Tränen ob des Abschieds von Hirngar und Miri oder über den Tod von Ask Wulfr zu Boden rinnen.
Zu Aeryns Überraschung erhält sie keine Gelegenheit mehr mit Huld zu sprechen. Vielleicht wegen der Auseinandersetzung gestern ist die kleine Gesellschaft um Miri und Huld noch vor Sonnenaufgang aufgebrochen. Oktar hat Miri seine zwei besten Hirdmänner, erfahrene Krieger und Wildlandläufer mitgegeben. Ihr habt die zwei nur Flüchtig kennen gelernt, aber die Aura welche sie ausstrahlten reichte aus damit das gemeine Volk abstand hielt. In ihren Augen konnte man sehen, dass sie Veteranen vieler Kämpfe waren und ihr Handwerk verstanden.
Oktars Heim wirkt leer, der Zauber der auf ihm gelegen hat ist an diesem Tag mit Miri abgereist, ausnahmslos alle sind noch angeschlagen von der gestrigen Feier und kaum einer lässt sich blicken. Die Sklaven des Haushalts sind mit dem Aufräumen beschäftigt.
So wird es später Nachmittag und die Sonne ist bereist untergegangen als euch Rendre beim Abendessen aufsucht. Sein Gesicht ist versteinert und er wirkt noch abweisender als die anderen Tage.
„Ihr werdet am Hafen erwartet, Oktar stellt euch eine Eskorte!“
Keine weitere Erklärungen, kein Grund nur die unmissverständliche Aufforderung zu folgen.
Hirngar
In Oktar Grimmes Haus in Storhavn
Hírngar hatte schlecht geschlafen. Der Alkohol, die von Fett, Schweiß, Rauch und Alkohol geschwängerte Luft, das alles hatte sich wie ein dicker Teppich auf ihn gelegt. Und Miri. Natürlich, Miri, das Gespräch mit der Tochter des Schwertjarls. Hírngar hatte lange im Bett gelegen, die Begegnung mit der jungen schönen Frau in seinem Kopf immer und immer wieder durchgespielt. Es fühlte sich so richtig an, wie er gehandelt hatte, wie er seine Tochter des Schicksals beschützt hatte. Und doch barg diese Begegnung so viel Frust, so viel Trauer, dass sie nun weg war, dass dies der kleine Moment eines angedeuteten Glücks war.
Töricht, wenn du nichts gemacht hättest, dann wäre wohl auch nichts passiert und du würdest jetzt nicht schmachten und sudern! Menschen wie du haben in solchen Kreisen nichts verloren!
Die eine Stimme, die ihn in der Nacht quälte, ähnelte der des Bären. Ein einfacher, schlichter, grausamer Mann. Aber grausam vor allem auch zu sich selbst. Ein Mann, der verbittert war um seinen Platz in der Welt, und ihn dann umso trotziger verteidigte. Das hatte Hirngar erst verstanden, als er beim Jarnkett war, die Welt bereiste. Der Bär hatte sich selbst einen Käfig aus Rechtfertigungen gebaut, in dem er an den Stäben auf und ab marschierte. Hírngar war damals geflohen, und hatte sich diesem Mann entzogen, ihm die Axt gestohlen und sein Glück gemacht. Wahrscheinlich hatte er dadurch den Käfig nur noch mehr verbarrikadiert. Und sieh, wohin es dich gebracht hat. Jetzt liegst du in den Betten der Reichen, schäkerst mit der Tochter des Schwertjarls einer Bande von Verrückten, die sich auf Hochzeiten totprügeln. Du hättest der nächste sein könnten!! Was, wenn dich der alte Grimme gesehen hat? Oder Hulds Vater?
Aber nun habe ich meine Tochter des Schicksals gefunden. Vielleicht. Vielleicht ist sie es nicht, aber Miris Art mit mir zu sprechen... Sie hat nicht den Holzfäller oder den Söldner gesehen. Miri hat mich gesehen. Miri hat nach mir gefragt. Es war seine Stimme, die Stimme des Träumers, der sich so gerne als Held in einer Legendengeschichte sehen würde. Als strahlender Schwertmeister aus den Legenden vom Weißen Band. Es war eine Stimme, die er oftmals versteckte, weil es in seinem Leben so wenig Platz gab. Sie will, dass ich sie besuche. Und sie will, dass ich die alten Geschichten studiere.
Diese Stimme war stark in dieser Nacht, sie beruhigte Hírngars Selbstzweifel ein wenig, und mit dem Wiegenlied seiner Mutter im Kopf war er eingeschlafen, erweitert um die Strophe Miris.
Der wenige Schlaf und die Sorgen der Nacht, der Frust um die Abreise Miris, machte sich am nächsten Tag bemerkbar. Immer wieder suchte Hirngar die Einsamkeit, ging ins Freie und hoffte, dass die Nässe, die Kälte und der Nebel ihm helfen würden, einen klareren Kopf zu bekommen. Aber natürlich half es nichts.
Auch noch beim Abendessen war Hirngar eigenbrötlerisch und bedacht darauf, die Gedanken in seinem Kopf zu sortieren. Ich muss mit Meister Gylfi und Frau Aeryn sprechen. Sie müssen vom Lied erfahren, und ich glaube, nun ist die Zeit gekommen. Vielleicht können sie mir helfen! Das eine nach dem anderen. Heute Abend!
Der barsche Ton Rendres lässt ihn aufblicken, Hírngars Augen huschen zu Gylfi, und wieder zurück zu Rendre, blickt dann wieder Gylfi an. Er flüstert dem alten Mann zu.
"Meister Gylfi, versteht ihr das? Warum am Hafen?"
Der Brycker nimmt seine Hände von den Schultern von Gylfi und Hirngar und tritt einen Schritt zurück. Wird eine gesichtslose Gestalt in einer Menge aus Menschen und mit dem Augenblick in dem er aus dem Fackelschein tritt könnte er überall und nirgends sein, oder aber immer einen Schritt hinter euch.
Silgra macht einen Schritt zurück und kniet nieder, abgewandt von der Menge blickt sie zu dem Schiff auf dem ihr toter Ehemann liegt. Mit einer Hand führt sie ihr langes Haar zur Seite und entblößt Hirngar ihren Hals, auf das der erste Hieb ein tödlicher ist.
Kraftvoll ist der Hieb der ihren Kopf vom Rumpf abtrennt und ihn auf den Boden fallen lässt. Ihr Körper bleibt noch zwei drei Atemzüge lang kniend und kippt dann zur Seite. Ihr Schicksal wurde erfüllt, ihr Blut rinnt in immer schwächeren Rinnsalen auf den Boden des Hafens von Storhavn.
Hirdmänner eilen herbei und Tragen ihren Leichnam sowie ihren Kopf davon und betten beides in das Boot neben ihrem Ehemann. Dann wird es ins trübe Wasser hinausgestoßen und wie von Geisterhand, ohne Wind oder Ruderer treibt es in Richtung des Horizonts. Brennende Pfeile erheben sich in den Himmel und lassen das Boot in Flammen aufgehen, ein blasser Schein im Nebel der noch lange zu sehen ist. Viel länger als die anderen Lichter, nicht einmal die Befeuerung der Stege ist zu erkenne, nur das Boot das hinaus in den Nebel gleitet.
Fackeln entzünden die Scheiterhaufen der Hirdmänner. Hitze schlägt euch entgegen. Ihre Asche wird später dem Meer übergeben werden.
Fylkjarl Raak Wulfr wendet sich ein letztes mal an die Menge.
„Das Feuer soll das Gefäß der Seele verzehren. Lasst die See ihr Grab sein. Ask…“ er wendet sich direkt an seinen toten Bruder „…dein Tod soll unser Siegeszeichen sein. Wir werden dich an den Lagefeuern, Tafel und in den Schlachtreihen der kommenden Tage und Wochen vermissen!“
Die Menge schweigt, erst als das Licht des kleinen Bootes vollständig vom Nebel verschlungen ist löst sie sich auf und der Tag geht zu ende.
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