Akt I
- Zeit des Zorns -
Auf dem Kupferweg nach Norden
Der Landstrich nördlich von Storhavn war für die Maßstäbe der Wildlande dicht besiedelt auch wenn es nur ein paar Weiler und drei größere Farmen waren an denen ihr vorbeikommen würdet. Sote machte euch Hoffnung darauf, dass ihr hier noch öfters mit einem Dach über den Kopf als Schlafplatz rechnen konntet. Gerade auf den größeren Farmen mit so wohlklingenden Namen wie Grünwall, Saatheim oder Outhelm würde man euch sicherlich freundlich empfangen. Die Farmen lagen nur wenige Meilen ab vom Kupferweg und wenn ihr die Nächte nicht in Regen und Kälte verbringen wolltet waren das Alternativen die sich anboten.
Das Land war geprägt durch die Hügel von "Ulve und Strafe" in deren Herzen die Festung-Stadt Hallwind thronte. Die Hügel waren sanft ansteigende Kuppen die mit wenigen ausnahmen nicht sonderlich hoch waren und deren Gipfel allesamt frei von Fels und mit saftigem Grün bedeckt waren, welches jetzt jedoch von blasser fahler Farbe war und sich vor dem kalten Wind beugte. In den Einschneidungen und Tälern zwischen den Hügel gab es eine große Anzahl von Auen und Flussläufen die mit dem ständigen Regen angeschwollen und teilweise über die Ufer getreten waren doch der Kupferweg war auch dafür ausgelegt. Mal führte eine weitläufige Brücke über das Gebiet oder es war ein Damm errichtet worden, welcher Durchlässe für das eilende Wasser hatte aber die Straße soweit erhob, das sie nicht überschwemmt wurde.
Meist wart ihr alleine auf der Straße und das Land schien Menschenleer. Nur selten traft ihr andere Reiter oder mal einen Wagen. Meist Menschen mit Geschäften auf den Gehöften und Weilern oder Reisende wie euch die von Hallwind nach Storhavn oder zurück wollten.
Dieser, der dritte Morgen eurer Reise, unterschied sich kaum von denen davor. Ihr konntet die Sonne im Osten aufgehen sehen, bevor sie sich über die Wolken erhob, verblasste und nur ein graues trübes Licht übrigblieb. Starke Winde fegten über die Hügel und trieben die Wolken in wilden Fetzen über den Himmel, was dazu führte, dass immer wieder heftige Schauer niedergingen. Die eisigen Winde verwandelten die Tropfen in Eiskristalle welche schneidend auf euch einprasselten nur um so schnell zu verebben wie sie gekommen waren.
Sote war mehr als glücklich über die angebotene Hilfe. Wie ihr gelernt hattet war es Sklaven verboten selbst um Gefallen für sich zu bitten, die ihnen nicht von alleine gewährt wurden. Die Wunden der Auspeitschung waren notdürftig versorgt worden, aber die Verbände mussten regelmäßig gewechselt werden um Entzündungen zu vermeiden und selbst ohne das waren sie unheimlich schmerzhaft.
Sote ließ sich nichts anmerken und war vollkommen überrascht von der Güte und Gnade die ihr ihm entgegenbrachtet. Er hatte euch bis dahin zwar für Ausländer gehalten, aber für hochgestellte unter den Jarls so wie Oktar euch behandelte. Kaum jemand der sich für die Belange eines Sklaven interessierte. Gylfis Behandlungen brachten ihm deutliche Linderung und er war nur allzu gern bereit all eure Fragen zu beantworten. Er betonte immer wieder, dass er zu fast allen in Wretguard etwas sagen konnte, kannte er die Familien doch sehr gut.
„Haldur Ouvar ist der Scharfrichter und Rechtsprecher von Wretguard, einen Posten den schon seine Vorfahren und Vorvorfahren innehatten. Tomus hat niemanden ausgeschickt um die Angaben von Haldur zu überprüfen. Haldur genießt ein hohes Ansehen und um ehrlich zu sein, sein Posten als Richter und Vollstrecker macht es schwer ihm zu widersprechen. Vielleicht…“ Sote muss kurz über seine Worte nachdenken „…vielleicht hat der Fylkjarl inzwischen jemanden geschickt. Er ist kein schlechter Mensch, aber seine Gier steht ihm immer wieder im Weg, wisst ihr!?“
„Haldur ist dem Hagtorn Clan treu ergeben, seine Familie stellt die Hirdmänner des Clans, alles versierte Krieger und der Name hat eine lange Geschichte in der Gegend rum um Wretguard. Wäre das Schicksal im wohlgesonnen gewesen hätte Haldur jetzt vielleicht Fylkjarl sein können oder sogar der einzig wahre König der Wildlande. Ouvar der Enthaupter ist sein Vorfahre, der Saga nach diente er den Königen der Wildlande schon als Scharfrichter. Es gibt einen Vers über ihn!“
Sote räuspert sich, seine Augen glänzen vor Freude das er etwas vortragen darf und Gylfi ihm zuhört.
Ouvar der Enthaupter.
Des Kupfers Mann.
So stark, so groß, gerecht war seine Hand.
Der Gesetzlosen Weg war lang und gewunden.
Dem Tod, unserer Herrin, konnte niemand widerstehen.
Am Ende der Reise, von nun an bis in alle Ewigkeit
Trennt sein Hieb den Kopf vom Körper.
Hoch auf dem Hügel des Scharfrichters weht sein Umhang.
Die Klinge so scharf, der Hieb so kühn fielen unter ihm Männer wie Frauen.
Alt und Jung, die Köpfe an die hunderte zählen.
Er ist der Schnitter.
Er ist der Ender von Blutlinien, den Ouvar ist sein Name.
Ouvar der Enthaupter.
„Die Sagas berichten das Ouvar der Enthaupter zu seiner Zeit von den Menschen gemocht wurde und möglicherweise wäre er der nächste König der Wildlande geworden.“
Sote erzählt weiter.
„Aber das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm. Eines Tages brannte sein Haus nieder und seine ganze Familie kam in den Flammen um. Viele glaubten die Seelen der Toten die unter seinen Hieben gestorben waren, wären zurückgekommen und wollten Rache. Er selbst erlitt schwere Verbrennungen und als er sich von Hügel des Scharfrichters zurück nach Wretguard schleppte soll ein Ioi auf ihn aufmerksam geworden sein, der ihm einen Pakt anbot, dafür würde der Ioi ihm seine Familie zurückgeben. Welcher Natur der Pakt war ist nicht überliefert, doch Ouvar der Enthaupter soll abgelehnt haben. Manch einer ist der Meinung, das waren nur Fieberträume des Mannes, aufgrund seiner schweren Verbrennungen. Die zu überleben allerdings schon ein Wunder war.“
„Das ist die Geschichte zum Vorfahren und ob wahr oder nicht die Leute glauben mal mehr mal weniger daran. Wer widerspricht schon jemanden dessen Vorfahr den Pakt eines Ioi abgelehnt hat? Oder, wie andere meinen, den Pakt eingegangen ist. Jedenfalls, rate ich euch diese Geschichten um seine Vorfahren nicht in Gegenwart von Haldur Ouvar zu erwähnen, die Ouvars reagieren sehr genervt auf diese alten Sagas und Gerüchte. Wer kann es ihnen verübeln.“
Neun Tage braucht ihr für die Reise von Storhavn nach Hallwind. Die Festungsstadt liegt im Herzen der Hügel von Ulve und Strafe. Auch wenn es länger gedauert hat als erwartet seid ihr froh den Wagen dabei gehabt zu haben. Alle Pferde sind noch gesund und ihr konntet Decken und andere Annehmlichkeiten sowie besseres Essen und Ausrüstung transportieren. Wer geritten ist, konnte seinem Hintern auf der Bank des Wagens eine Pause vom Sattel und dem Pferderücken eine Pause vom Reiter gönnen.
Ein Runenstein an der letzten Weggabelung weist den Weg.
Wenn man dem Kupferweg nach Norden folgt liegt dort nur noch Nord Hall und es sieht so aus als würde hinter Hallwind die Zivilisation enden und der ungezähmte Teil der Wildlande anfangen. Von den Hügeln aus könnt ihr Hallwind sehen. Die Stadt ist auf dem höchsten Hügel der Gegend erbaut und Thront über dem Land, als Mahnung an alle Feinde. Wer auf den hohen Türmen Wache hat wird Meilenweit in das Land sehen können. Ein zwölf Meter hoher steinerner Wall mit überdachtem Wehrgang schließt die Stadt ein und es gibt nur ein paar wenige Häuser außerhalb des Walls die soweit von der Mauer entfernt stehen, dass ein Angreifer sie nicht strategisch nutzen könnte. Die Festung der Saatigias liegt im Nordwesten der Stadt, ein über zwanzig Stockwerke hoher Bergfried thront über der Stadt.
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Bei eurer Ankunft regnet es mal wieder und es sind nur wenige Leute auf den Straßen. Am Torhaus durchsuchen die Wachen kurz euren Wagen nach etwas das verzollt werden muss, finden aber nichts und entlassen euch in die Gassen der Stadt. Ihr merkt schnell, dass nicht nur die Festung sondern die ganze Stadt als Verteidigungsanlage geplant wurde. Häuser, Plätze und Durchgänge sind nicht zufällig entstanden, sie wurden geplant. Immer wieder kommt ihr auf einen Platz der von Häusern umringt ist die eine Mauer verbindet. Während Verteidiger sich zurückziehen können ohne das man ihnen in die Flanke fällt wird ein vorstürmender Angreifer immer wieder auf Plätzen landen und sich einer Wehrmauer oder Turm gegenübersehen von dem aus er beschossen, mit Steinen oder brennendem Öl übergossen werden kann. Kein direkter Weg führt durch die Wälle und so dauert es ein wenig bis ihr die Festung selbst erreicht wo ihr von Hloe und seinem Cousin Grimhil empfangen werdet. Vilgar Saatigia hat wichtigeres zu tun, aber der Empfang durch die Jungen Saatigias ist herzlich und sie stimmen das Schmählied auf Galve und den Blauaxtclan an als sie Gylfi auf dem Wagen sehen.
„Seht, wir haben uns die Zeilen gemerkt und haben diesen Spaß nicht vergessen! Seid unsere Gäste!“
Der Abend vergeht wie im Fluge und euch wird eine warme Mahlzeit und weiche Betten zur Verfügung gestellt. Natürlich fließt auch wieder Ale im Überfluss und Hloe, Grimhil und Elvijö wollen alles von euch wissen, was ihr auf der Reise erlebt habt. Die Geselligkeit endet und ihr bezieht eure Betten, erschöpft von der Reise und dem beständig schlechter werdenden Wetter. So angenehm ein Wagen auch ist und trockene Decken umso besser sind starke, dicke Festungsmauern und eigene Zimmer im Gästeflügel der Burg. Sote selbst ist bei den anderen Sklaven untergebracht, euer Wagen steht im Stall und eure Pferde werden versorgt.
Das Licht schwindet und die Nacht bricht herein. Euer schlaf kommt schnell, die Bäuche voll, der Kopf gewärmt, der Geist gesättigt von anregenden Gesprächen.
Hirngars schlaf ist unruhig, immer wieder wirft er sich in den Laken hin und her. Ein Traum quält seine Ruhe.
Du stehst ganz allein auf einem eisigen, kalten und gefrorenen Feld. Ein dunkler Schleier liegt schwer und bedrohlich über dem Himmel. Als du versuchst dich zu bewegen musst du feststellen, dass deine Füße am Boden festgefroren sind. Die Kälte ist unerträglich und Panik beginnt in deiner Brust aufzusteigen. Dann ein Geräusch. Kriegstrommeln in der Ferne und am Horizont des gefrorenen Feldes ziehen dunkle Gestalten auf. Dir kommt es vor als würde die Zeit stillstehen, oder als wenn die Zeit auf dem eisigen Feld keine Bedeutung hat. Jeder deiner Atemzüge dauert Minuten. Die Gestalten nähern sich dir mit erschreckender Geschwindigkeit. Das Dröhnen der Trommeln hallt in deinen Ohren wider und der Takt wird schneller und schneller. Deine eigenen Bewegungen werden fahriger, langsamer. Eisiger Wind zerrt an deiner Kleidung und du spürst wie langsam aber sicher die Wärme deinen Körper verlässt. Eine dünne Eischicht bedeckt deine Haut, wie die Rinde eines Baumes und am liebsten würdest du schreien, aber dein Mund ist nicht mehr in der Lage Wörter zu formen. Müdigkeit steigt in dir empor und du wirst immer schwächer. Die Gestalten kommen immer näher, jetzt kannst du ihre Gesichter sehen. Tote, leere Augen starren dich an.
Dann, urplötzlich verstummen die Trommeln und es nichts weiter zu hören als der eisige Wind der an deiner Kleidung zieht und zerrt. Die Toten halten inne, ihr Marsch stoppt. Die Trommeln werden durch den Schlag deines Herzens ersetzt. Eine dunkle Gestalt mit leeren weißen Augen reitet auf einem toten Pferd auf dich zu. Die Armee der Toten teilt sich vor dem Reiter bis er direkt vor dir steht. Knirschend stampfen seine Füße auf als er aus dem Sattel steigt. Blutige, geschundene Hände greifen nach deiner Kehle, lange Finger Krallen sich in dein Fleisch und drücken zu. Mit übermenschlicher Stärke wird das Leben aus dir herausgepresst. Die Hoffnung schwindet, Widerstand ist zwecklos, das Schicksal klar. Deine Seele verlässt deinen Körper und die Welt um dich herum verschwindet hinter einem blassen Schleier. Du stehst am Abgrund, einen riesigen schwarzen Mahlstrom, eines düsteren Labyrinths und die Seelen der Toten zerren an dir wie der eiskalte Wind auf dem Feld. Die Fetzen deiner Kleidung peitschen im schwarzen Wind wie die Banner einer geschlagenen Armee. Verzweifelt stellst du fest das du tot bist, wie all die anderen Seelen die hier an diesem Ort gefangen sind. Plötzlich beschleicht dich das Gefühl einer nahenden Präsenz.
Verhängnis und Angst. Du existierst nicht mehr, noch hast du es jemals…
Mit einem Keuchen erwacht Hirngar und wie im Traum scheint die Zeit still zu stehen. Das Fenster zu deinem Zimmer steht weit offen und erste Schneeflocken werden vom Wind hereingeweht, sie schweben in der Luft als würde für sie keine Schwerkraft gelten, stehen still und dann siehst du die Gestalt welche an deinem Bettende sitzt.
Ein Kind, jünger als Miri, schlank, seidig weiße Haut, lange, schwarze Haare welche ihr über den Rücken fallen. Trotz der Kälte kann Hirngar sehen, dass das Kind nur ein schlichtes weißes Leinenkleid trägt welches sich in der Farbe kaum von ihrer Haut abhebt. Die Augen des Kindes jedoch sind tiefe schwarze Tümpel und in ihnen brennt ein unstillbarer Hass.
Ein Hass auf dich.