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Pen & Paper - Rollenspiel => Pen & Paper - Rollenspiel- & Weltenbau => Thema gestartet von: DonJohnny am 3.04.2026 | 01:31

Titel: Nichtfunktionierender Sozialismus
Beitrag von: DonJohnny am 3.04.2026 | 01:31
Ich hatte neulich eine Idee für einen Rollenspielhintergrund.

Angeregt von diesem Thread https://www.tanelorn.net/index.php/topic,132711.0.html wollte ich das jetzt mal in den Ring werfen. Im Kern geht es um eine alternative Realität in der der Sozialismus zwar nicht funktioniert aber gewonnen hat.

Irgendwann in den 1960ern brach überraschend eine schwere Wirtschaftskrise aus, unter deren Folgen der industrialisierte und kapitalistische Westen massiv zu leiden hatte, der Ostblock aber stark profitierte. Denkbar wäre hier eine Kombination aus einer Förderkrise in den USA kombiniert mit einem schweren Krieg im mittleren Osten und auf der Arabischen Halbinsel was zu schweren Verwerfungen bei den Ölpreisen führt. Während die UdSSR sehr gute Geschäfte mit Öl macht und so seine Satellitenstaaten massiv unterstützen kann, kollabieren die westlichen Ökonomien.

In weitgehend friedlicher Weise kippen irgendwann die Länder Westeuropas. 1989 fällt die Berliner Mauer, Menschen aus dem Westen strömen nach Ostberlin und erhalten 100 Mark Begrüßungsgeld. Nach Vereinigung mit der West-SPD feiert man die Wiedervereinigung am 03.10.1990 und der Führungsanspruch der SED in der neuen deutschen Verfassung verankert.

Nach Revolutionen in Südamerika und schließlich in Mexiko führen die Vereinigten Staaten 1995 ein realsozialistisches System ein. Schließlich unterwirft sich China weitgehend dem übermächtigen sowjetischen Block. Mit wenigen Ausnahmen führen die meisten Länder der Erde realsozialistische Systeme an.

Durch den Ölboom deutlich verspätet zeigen sich ab den frühen 2000ern die systembedingen Schwächen immer deutlicher. Durch geringe Produktivität, Vernachlässigung von Investitionen, systembedinge Fehlinvestitionen, geringe Verbesserungsanreize aufgrund fehlender Konkurrenz, Aufrechterhaltung von unrentablen Betrieben und fehlende Innovationskraft kommt es zu schweren Versorgungskrisen, teilweise zu völligem Produktionsstillstand sowie im Vergleich zur Realität deutlich verzögerte technologische Entwicklung. Durch extreme Umweltschäden und -verschmutzung sowie durch die Folgen einer rücksichtslosen Landwirtschaft werden Teile der Welt unbewohnbar.

Durch gesellschaftliche Lähmung, starker und erfolgreicher Indoktrination und einer fehlenden "erfolgreichen kapitalistischen Alternative" kommt es aber nicht zu einen Systemwechsel.

2026: Die Menschen haben sich nach zwei Jahrzehnten an die Dauerkrise gewöhnt und leben in einem sozialistischen Dystopia. Zerfallene Häuser und Wohnungen, Industriewüsten, tägliche "Jagd" nach Gütern des täglichen Bedarfs. Computer sind selten und praktisch kaum in Privathand, ähnlich sieht es mit Individualmobilität und Telekommunikation aus. Die staatliche Macht ist noch nicht zusammengebrochen, reagiert aber nur noch punktuell, dann aber äußerst brutal. In wesentlichen Teilen funktioniert der Staat aber noch. Begrenztes Fernsehprogramm, Polizei, Feuerwehr, Kinos, Telefon, Schulunterricht, öffentlicher Personenverkehr und ein Netz medizinischer Versorgung existieren, sind aber unzuverlässig und von schlechter Qualität. Spitzentechnologie befindet sich auf dem Stand der breit verfügbaren Technik im realen Jahr 2002. Es fühlt sich ein bisschen an wie eine Mischung aus DDR kurz vor Beginn der Wende und Russland in den 1990ern.

Mir ist noch ein bisschen schleierhaft was man da am Ende eigentlich spielen soll.

Glücksritter/Normale Leute: Tägliches Überleben?

Widerstandsgruppen?

Man könnte auch einen halb zerfallenen aber funktionierenden Teilchenbeschleuniger einbauen und so alternatives Tales from the Loop-Setting draus machen.
Titel: Re: Nichtfunktionierender Sozialismus
Beitrag von: Eismann am 3.04.2026 | 01:54
Man kann sich natürlich fragen, ob es wirtschaftlich so katastrophal gelaufen wäre, wenn man nicht zu einem gigantischen Wettrüsten gezwungen gewesen wäre. Und gibt es eine sozialistische Internationale, oder sind sich die verschiedenen Staaten nicht grün? So wie die Sowjets und die Chinesen z.B.?
Titel: Re: Nichtfunktionierender Sozialismus
Beitrag von: DonJohnny am 3.04.2026 | 02:24
Ja, aber das ergibt nicht die Spielwelt die ich haben will  ;)

Und zu den internationalen Beziehungen, war jetzt angedacht, dass die oberflächlich miteinander auskommen.
Titel: Re: Nichtfunktionierender Sozialismus
Beitrag von: Skyrock am 3.04.2026 | 03:02
Das Schicksal von SFR Jugoslawiens als blockfreier sozialistischer Staat wäre eine wichtige Frage in dieser Alternativzukunft. Tito wäre ebenso gestorben, der Westen als Handelspartner würde wegfallen und die ökonomischen Rahmenbedingungen verschlechtern. Aber andererseits würden die Spaltungsbemühungen des CIA wegfallen, die der katholischen Kirche in Kroatien und Slowenien zumindest stark abgeschwächt.

Würde SFR Jugoslawien einfach dem Ostblock zufallen, unter russlandfreundlicher serbischer Führung? Oder würde sich der Bürgerkrieg in ähnlicher Form wiederholen? Würden Kosovo und Montenegro unabhängige Staaten werden, oder die Unabhängigkeitsbestrebungen im um Jugoslawien erweiterten Ostblock erstickt werden?
Titel: Re: Nichtfunktionierender Sozialismus
Beitrag von: Aedin Madasohn am 3.04.2026 | 08:50
Im Kern geht es um eine alternative Realität in der der Sozialismus zwar nicht funktioniert aber gewonnen hat.

der re-ex-soz benutzte die bekannten sozialistischen-Phrasen ja nur als Propaganda-Lüge, damit nachher Cliquen an Apparatschiks in abgeschlossen Villavierteln "gleicher als gleich" sich materiellen Genüßen, materiellen "Schatz"-Hortungen, Protz-Wartburgs und VHS-Recordern hingeben konnten.
Kurzum, all die Ingredenzien aus der Natur des MenschenTM für "Spaltungen aka hier-herrsche-nur-ich" im "SozialistischenBlock" gibt es schon.

- wenn die Transferrubel zur materiellen Bespaßung der Kremeleliten den zahlenden Blockis zu "ausbeuetrisch" werden, knallt es plötzlich "Tea-Party-mäßig"
- kommt ein Land daher mit "Sozialismus mit menschlichem Anlitz" rollen die Blockpanzerkolonnen
- natürlich wird der Kom-Kremel die anno-tucken durch den pösenpösen imperalistischen Zaren den jetzt Kom-China-Brüdars
  entrissene Äußere Mongolei, und Wladivostok und Kaschstan-Wild-Ost  NICHT zurückgeben mit freundlichem Brüderleküssle.
  Und je mehr Bodenschätze sich dort auftuen, desto eher fallen solzialistsche Freundschaftsatombomben statt Rückübertragungen vom Himmel.

- und wenn die sozi-Widerstandsgruppe aus dem Dschungel mit Drogen-Finanzierung auch weiterhin Drogen in die ja jetzt Bruderstaaten pumpt
  (weil die Dschungelkämpfer ja das Geld nicht vermissen wollen, um sich VHS Recorder und Protzwartburg leisten zu können)
  dann könnte das zu einem inneren Zerfall der Ordnung wie in der Sowjetunion führen oder aber zu einem sozialistschen Harte-Faust-Populisten,
  der ohne Skrupel mit Napalm die Plantagen im Dschungel abfackelt und einen Dschungel-Chevaz-Sozi-Kumpel als "Drogenbaron" so ganz ohne
  Brüderküssle einsackt und im Schauprozess aburteilen lässt.

Möglichkeiten gäbe es schon für das Spiel

- du gehörst zum Team "Sozialismus mit menschlichem Anlitz". Bei euch soll es den Menschen besser gehen, auch wenn es ein steiniger Weg dazu ist.
- pösespöser Kremel "erlaubt" aus Blocklogik heraus den "Dschungel-Sozis", euch mit Drogen zu überschwemmen zwecks Zersetzung
- hat die Zersetzung ihr Werk getan, dann "rufen" "besorgte Bürger sozialistische Brüder" den treu sorgenden Kremel als Ordnungsmacht ins Land

- und ihr seit jetzt die Ermittler, die den Drogenstrom eindämmen sollen. Korrupte Bullen, Appartschiks und Richter müssen ermittelt und dingfest gemacht werden.

hat dann schon was von klassischer Anti-Mafia-Kampagne, aber mit dem Hintergrund, dass bei "Versagen" am Ende die Kremelpanzer kommen und alles Prag-mäßig plattwalzen
Titel: Re: Nichtfunktionierender Sozialismus
Beitrag von: Megavolt am 3.04.2026 | 10:00
Mir ist noch ein bisschen schleierhaft was man da am Ende eigentlich spielen soll.

Na, man spielt halt sozialistische Utopisten und Apparatschiks, oder? "Einsatzgruppe 726", bestehend aus Funker, Ingenieur, IM, Einzelkämpfer usw.

- man fängt Flüchtlinge ein
- man sabotiert die letzten liberalen und demokratischen Exklaven
- man bewacht die Staatsgrenze
- man findet Dissidenten und legt ihnen das Handwerk
- man diskreditiert die innerparteiliche Opposition als Nazis
- man macht PsyOps
- man überwindet mit haarsträubendem Flickwerk irgendwelche bizarren Versorgungsketten-Zusammenbrüche oder technische Megakatastrophen
- man inszeniert herausfordernde Propaganda-Coups, versucht es z.B. irgendwie semi-glaubwürdig hinzudrehen, dass es etwas Gutes ist, dass es keine Rasierklingen mehr gibt
- man sitzt im Wahrheitsministerium und muss irgendwelche historischen Zusammenhänge retouchieren, weil ehemalige Revolutionshelden nun doch in Ungnade gefallen sind. Und die Sache eskaliert.

Viele dieser Sachen könnte man gut als moralisches Dilemma aufziehen. Fände ich auf Dauer aber anstrengend.

Was mich persönlich mehr reizen würde, ist der bürokratische Irrsinn, der sich aus absurden Planvorgaben und lebensbedrohlichen Strafen bei Nichterfüllung ergibt. Meiner Meinung nach heißt das auf russisch "Tufta" und ist eine große Sache (aber ich rate hier den Begriff nur, nicht dass das irgendwie anstößig ist oder so). Das finde ich mega spannend und hätte das bislang eher im 40K Universum verortet (beim Departmento Munitorumvielleicht), aber das ginge freilich auch im sozialistischen RPG-Weltreich. Ich finde generell diese monolithische, gottähnliche Bürokratie so schön schauerlich, damit wird generell zu wenig gespielt.

Ebenfalls praktikabel und gut umsetzbar sind vielleicht so Spionage-Gegenspionage-Sachen. Da gibts realweltliche Beispiele, da kann man nur staunen (hier exemplarisch die "Operation Hamster" (https://www.youtube.com/watch?v=4sPmAJmAD3Y), das Aufspüren eines winzigen Funksignals, ich fand das spannend).
Titel: Re: Nichtfunktionierender Sozialismus
Beitrag von: Ruinenbaumeister am 3.04.2026 | 10:02
Man kann sich natürlich fragen, ob es wirtschaftlich so katastrophal gelaufen wäre, wenn man nicht zu einem gigantischen Wettrüsten gezwungen gewesen wäre. Und gibt es eine sozialistische Internationale, oder sind sich die verschiedenen Staaten nicht grün? So wie die Sowjets und die Chinesen z.B.?

Da jedes autoritäre politische System ein Feindbild benötigt, hat man im Wesentlichen zwei Möglichkeiten:
Titel: Re: Nichtfunktionierender Sozialismus
Beitrag von: DonJohnny am 3.04.2026 | 20:06
Ich glaube bei allem was innerhalb des Systems spielt wär ich nur dabei, wenns einen satirischen Anstrich bekommt, vielleicht wie bei Paranoia.

Jugoslawien ist ein Punkt. Ich hatte mir gedacht, dass es einige Länder durch geschickte Diplomatie und vielleicht weil sie nicht wichtig genug sind um als ernsthafte Konkurrenten in Erscheinung zu treten geschafft haben, sich ein relatives Maß an nationaler Freiheit zu bewahren. Ich glaube Jugoslawien hätte ich dazu geschlagen genauso wie Skandinavien, Japan, vielleicht Australien und Neuseeland.
Titel: Re: Nichtfunktionierender Sozialismus
Beitrag von: Feuersänger am 4.04.2026 | 13:32
Jugoslawien hat hat halt einerseits gezeigt, dass man auch Sozialismus haben kann ohne die Bevölkerung im eigenen Land einzusperren.
Eine weitere Besonderheit, die es vom Moskau-Block unterschied, war die "Arbeiterselbstverwaltung" der Betriebe anstelle einer zentralen Planwirtschaft mit X Wirtschaftsministerien. Allerdings war das dann langfristig auch nicht besonders produktiv, wobei allerdings auch eine verfehlte Investitionspolitik ihre Rolle spielte.

Singing a song in the morning as we lock the boss in the lavatory
taking the charge of the factory, we work autonomously
  >;D
Titel: Re: Nichtfunktionierender Sozialismus
Beitrag von: DonJohnny am 7.04.2026 | 20:59
Oder ich lass alles ganz kaputt gehen und spiele dann Twighlight 2000 damit
Titel: Re: Nichtfunktionierender Sozialismus
Beitrag von: AlucartDante am 7.04.2026 | 21:42
Ich könnte mir neue stalinistische Säuberungen vorstellen und entweder spielt man
 
- Paranoia: Das System ist völlig verrückt, nichts ergibt Sinn und alle sind ständig damit beschäftigt, nicht als Verräter liquidiert zu werden, in dem sie andere Verräter finden.

- Widerstandsgruppe im allmächtigen System: man versucht irgendwie das ganze zu stürzen

- Red Dawn: Die letzten freien Länder erleben eine Invasion der roten Flut und die Charaktere als Highschoolschüler leisten erbittert Widerstand.
Titel: Re: Nichtfunktionierender Sozialismus
Beitrag von: Gorilla am 8.04.2026 | 00:17
Das klingt nach einer sehr spaßigen Idee.
Ich könnte mir spontan gut vorstellen, dass Setting wie Paranoia zu bespielen. Das ist irgendwie am naheliegendsten.
Vielleicht auch ähnlich wie Tales from the Loop oder The Electric State, d.h. das Setting als Kulisse des Verfalls einer Gesellschaft, die ihren Höhepunkt überschritten hat und darin eine Gruppe SC, die mit den seltsamsten Ergebnissen des Größenwahns des Systems konfrontiert ist.
Das kann absurde Technologie genauso sein, wie bürokratischer Spießrutenlauf oder ein gigantischer Sicherheits-, Militär- oder Industrieapparat. Ersteres stelle ich mir persönlich am unterhaltsamsten vor, wenn die SC z.B. durch riesige Baustellenruinen wandern, auf der Suche nach einem passenden Ersatzteil, mit dem sie die illegale, weil unregistrierte Melkmaschine von Schwesterchen Anna reparieren wollen...
Titel: Re: Nichtfunktionierender Sozialismus
Beitrag von: Arldwulf am 8.04.2026 | 01:59
Im Prinzip ist das (theoretisch) reizvolle am Sozialismus Effektivität. Klingt lustig, denn natürlich waren die realen Gesellschaften alles andere als Effektiv.

Aber der Grundgedanke hinter der Staatsform basiert darauf, dass die Gemeinschaft genau das produziert was gebraucht wird und dabei auch nichts überschüssiges oder überflüssiges macht.

Quasi als Gedankenspiel: "Wenn hundert Kunden fünfhundert Brötchen brauchen ist es effektiver 10 gemeinschaftlich organisierte Bäcker je 50 Brötchen backen zu lassen als die zehn Bäcker in Konkurrenz zu einander je hundert Brötchen backen zu lassen und die Hälfte weg zu werfen."

In dem Szenario oben, eines siegreichen aber holprigen Sozialismus könnten solche Gedankenspiele wichtig werden, und sei es nur als Rechtfertigung weshalb man an dieser Staatsform festhält. Für das Szenario würde ich mir also überlegen: was braucht der Staat um zu wissen ob nun 500 oder tausend Brötchen gebraucht werden?

Und die Brötchen gegen etwas interessantes, oder skurriles tauschen. Beispielsweise:

Die staatliche Plangesellschaft soll feststellen wie viele Brautschmucke und Hochzeitskleider es im Folgejahr braucht, drum muss ermittelt werden wer demnächst heiraten will. Wenn das kein Job für Jungsozialisten ist! Die forschen nun nach wer mit wem und wieso, und warum das noch nicht klappt. Notfalls wird auch nachgeholfen, wir sind hier schließlich nicht im dekadenten Kapitalismus und schmeißen einwandfreie Hochzeitskleider weg. Irgendwen findet die Gruppe schon der nur noch nichts von seinem Glück weiß, wir haben hier schließlich ein Plansoll!

Titel: Re: Nichtfunktionierender Sozialismus
Beitrag von: tartex am 8.04.2026 | 10:50
Night Witches (https://www.drivethrurpg.com/en/product/146173/night-witches) kriegt irgendwie gut den Spagat zwischen äußerem Feind, der eint, und stalinistischem System als Gefahr von der eigenen Seite hin.
Titel: Re: Nichtfunktionierender Sozialismus
Beitrag von: DonJohnny am 8.04.2026 | 11:49
Ui. Das steht sogar bei mir im Schrank.