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Pen & Paper - Rollenspiel => Pen & Paper - Spielberichte => Thema gestartet von: Timberwere am 17.07.2012 | 13:22

Titel: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 17.07.2012 | 13:22
Schon seit knapp zwei Jahren spielen wir alle paar Monate jeweils ein ganzes Wochenende lang eine Runde im Universum der Dresden Files von Jim Butcher. Das macht sehr viel Spaß, aber irgendwie bin ich bis zu unserem letzten Abenteuer nicht dazu gekommen, mal selbst einen Spielbericht von den Runden zu schreiben. Jetzt allerdings hat sich das geändert - was allerdings auch bedeutet, dass das Diary Bezüge auf vergangene Ereignisse enthält, die nicht näher definiert sind. Muss ich schauen, ob ich das so lasse (echte Tagebücher sind ja auch nicht immer in allen Details aus-erklärt, weil sie nicht dafür gedacht sind, dass sie jemand anderes außer dem Autor liest) oder ob ich doch noch irgendwann in Rückblenden die früheren Erlebnisse der "schönen Männer" erzähle.

"Die schönen Männer" ist übrigens (oder war bislang) der Spitzname unserer Gruppe, weil wir alle männliche Charaktere spielen, die auch noch alle ziemlich gut aussehen bzw. über tonnenweise Charisma verfügen. Das war eigentlich gar keine Absicht, hat sich aber so ergeben. Bei unserer letzten Session jedoch scheint sich ein neuer Spitzname herauskristallisiert zu haben: "Die Ritter von Miami". Schauen wir mal, ob sich das einbürgert, oder ob sie doch "die schönen Männer" bleiben.

Und das sind die "schönen Männer":

(Unsere Abenteuer sind übrigens alle nach den echten Harry-Dresden-Romanen benannt, aber trotz der identischen Titel sind die eigentlichen Abenteuer von den Romanhandlungen völlig unabhängig. Es hat sich nur, ähnlich wie der Spitzname für die Jungs, einfach ergeben, und es macht riesigen Spaß, die bekannten Romantitel komplett anders zu interpretieren.)
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 17.07.2012 | 13:28
Ricardos Tagebuch: Summer Knight 1

Schreibblockade. Ich fasse es nicht. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie eine Schreibblockade. Jamás. Never. Jamais. Okay, ich weiß genau, wovon sie ausgelöst wurde, aber das macht es nicht besser, verdammt. George ist schuld. Und ich kann dem kleinen burro eigentlich noch nicht mal richtig böse sein.

Und das gerade, wo Sheila bzw. der Verlag jeden Tag mit irgendwelchen Änderungswünschen für Faerie Storm ankommen können. Naja, für die hätte ich momentan ohnehin keine Zeit.

Aber ich muss irgendwas schreiben. Und wenn ich schon nicht arbeiten kann, weil diese blöde Schreibblockade mir nicht aus dem Kopf will, dann muss ich mich eben irgendwie ablenken. Mit Tagebuchschreiben zum Beispiel. Das habe ich sowieso viel zu lange vernachlässigt. Und vielleicht hilft es ja, schüttelt irgendwelche geistigen Steine aus dem Weg oder was weiß ich.

Und überhaupt glaubt mir das außer den Jungs sowieso wieder keiner, wenn ich es irgendwem erzähle, also kann es auch hier rein und – falls es doch mal irgendjemand finden sollte – für Fingerübungen für einen neuen Roman gehalten werden. Sollen sie doch.

Mierda. Ich winde mich um den heißen Brei und verzapfe völligen Blödsinn, nur um irgendwie die Zeilen vollzukriegen, und glaubt bloß nicht, dass ich es nicht merke, Römer und Patrioten.

Also gut. Genug prokrastiniert. Wir haben wieder mal Ärger am Hals, und zwar so richtig. Als ob der, den wir uns bisher angelacht haben, nicht reichen würde.

Machen wir es kurz: Die Traumfresser gehen in der Stadt um. Wobei das eigentlich gar nichts Besonderes ist. Eigentlich gehen die immer um, schleichen sich in die Träume von Schlafenden und knabbern hier ein Stückchen, da ein Stückchen, ohne dass der Träumer es überhaupt bemerkt oder ihm das schadet.

Aber seit der großen Halloween-Party von Gerald Raith letztes Halloween – und lasst mich bloß nicht von der anfangen, Römer und Patrioten, sonst sitze ich nächstes Jahr noch hier und schreibe – vertreibt dieser Sommerfeen-Typ, Antoine, der mit Edwards Mutter angebandelt hat, doch diese seltsamen Feendrogen.

Bisher hatten wir mit denen nicht sonderlich viel zu tun, weder mit den Drogen selbst noch mit Antoine und Mrs. Parsen, weil Edward den beiden tunlichst aus dem Weg geht. Aber auf Alex’ Geburtstagsfeier vor drei Tagen sind uns dann ein paar Leute aufgefallen, die fürchterlich übernächtigt wirkten, teils auch echt gereizt. (Roberto kann da ein Liedchen von singen.) Das Mädel, mit dem ich mich unterhielt, war weniger gereizt, nur traurig und müde. Sie erzählte mir, dass sie so tolle Träume gehabt habe, seit sie angefangen habe, Antoines Zeug zu nehmen, viel bunter und schöner als sonst immer, aber seit einer Weile würde sie gar nicht mehr träumen, auch nicht die langweiligen normalen Sachen mehr, und sie wolle die tollen Träume zurück. Sie marschierte dann auch prompt los, um es „nochmal zu versuchen“.

Das klang verdammt nach typischem Suchtverhalten, wenn ihr mich fragt. Erst das Hoch, von dem man nicht genug bekommen kann. Und dann bleibt es aus, so dass man immer und immer und immer mehr davon braucht. Und nun träumt Alison gar nicht mehr, braucht also vielleicht eine andere Droge als die, die sie bisher von Antoine bezogen hat? Eine stärkere vielleicht? Hah. Honi soit qui mal y pense.

Dasselbe oder ähnliches hatten auch die anderen übernächtigten Partygäste erzählt, die wir befragt hatten. Alle hatten sie Antoines Zeug genommen, alle hatten sie erst so bunt geträumt, und bei allen hatte es dann plötzlich komplett aufgehört, und sie träumten gar nicht mehr. Und interessanterweise sahen sie alle in ihrem letzten Traum eine graue, immer zur jeweiligen Szenerie passende Gestalt, die alles aus den Träumen löschte, was sie berührte. Und am Ende war der ganze Traum fort, und dann berührte die Gestalt die Träumer selbst, wovon sie aufwachten und seither nicht mehr träumen konnten.

Muy sospechoso, amigos...

Antoine, den wir daraufhin direkt auf die Sache ansprachen, wirkte allerdings ehrlich erstaunt, weil das nie in seiner Absicht gelegen habe. Die Leute sollten einfach nur „schön träumen“, sagte er.  Deswegen hatte er Alex ja auch mit genau derselben Bemerkung einen Tiegel roten Honigs geschenkt.

Diesen Honig untersuchte Edward am nächsten Tag in seinem Labor. Seinem richtig gut ausgestatteten Labor. Keinerlei High-Tech, alles Erlenmeyerkolben und Petrischalen und Reagenzgläser und gute alte chemische Handarbeit, aber sehr, sehr umfangreich. Und aufgeräumt. Und überhaupt. Römer und Patrioten, considerame impresionado.

Langer Rede kurzer Sinn, auf rein mundaner Ebene war das Zeug genau das: Honig. Aber da Edward es ja auch und vor allem magisch betrachtete, stellte sich heraus, dass dadurch ein Tor ins Nevernever geöffnet und gewissermaßen eine Kopie der dort vorgefundenen Szene in den Geist des Schlafenden projiziert wird, den dieser dann im Traum betrachten und durchwandern kann. Eigentlich völlig harmlos, ohne Nebenwirkungen und nicht süchtig machend, soweit Edward das beurteilen konnte.

Wir kontaktierten Jack „White Eagle“, der sich nur zu gern von seiner Hippie-Kommune weglotsen ließ, weil dort anscheinend gerade eine Meute nerviger und spirituell hungriger Seniorinnen aufgeschlagen war. Der konnte uns allerdings auch nicht sonderlich viel mehr sagen. Nur, dass er das Zeug genau einmal genommen hatte, seine Traumszenerie irgendwie europäisch aussah und darin kein graugewandeter Radiergummi irgendeiner Art aufgetaucht war. Nach diesem ersten Mal habe er es nicht mehr genommen, und seine Träume seien wieder völlig normal, wie vorher auch.


Edward musste dann aber erstmal schleunigst zur Arbeit. Sein Chef wollte, dass er einem Marshal Schützenhilfe gibt, der in die Stadt gekommen war, um irgendwen zu suchen.
Ahem. Einer Marshal. Alex Martins Schwester, um genau zu sein.  Und der Typ, den sie sucht, hängt natürlich voll in unserer Traumfresser-mierda mit drin, aber das wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Wir waren nur alle immer noch in unserer mobilen Standleitung, als Edward auf dem Revier aufschlug, und so konnten wir mithören, dass der Marshal als ‚Dee Martin’ vorgestellt wurde und dass sie einen gewissen Ortego Ruiz suche, der aus dem Zeugenschutzprogramm abgehauen sei.
Eigentlich kein Verbrechen an sich, aber da der Prozess, wegen dessen er ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen worden sei, in die Berufung gehe und man Ruiz’ Aussage brauche, müsse sie ihn eben finden.

Edward fand später noch raus, dass Ruiz bei den Santo Shango gewesen sei und in dem Prozess gegen die Latin Kings ausgesagt habe. Yay. Naja, wenn ich gegen die Latin Kings ausgesagt hätte, wäre ich aber auch ins Zeugenschutzprogramm gegangen, Römer und Patrioten. Das Bild von dem Kerl, das Edward später herumzeigte, kam Totilas und mir allerdings bekannt vor: Den hatten wir letztens mal bei einer von Pans Partys am South Beach rumhängen sehen, als Pan uns mal wieder zu seiner seiner Feten eingeladen hatte und wir ja schlecht absagen konnten.

Also Pan aufsuchen, claro. Allerdings traf Alex sich erst noch mit seiner Schwester. Sehr niedlich, die junge Dame. Auch wenn sie mich vermutlich ungespitzt in den Boden rammen würde, wenn sie wüsste, dass ich das Adjektiv „niedlich“ mit ihr verbinde. Aber okay, es ist auch gar nicht so wirkich das richtige Wort. Verdammt hübsch. Verdammt attraktiv. Kompetent. Und ziemlich sachlich-kühl, weil sie in der Männerwelt der Marshals ständig allen beweisen muss, dass sie eben nicht niedlich ist.
Warum ich das weiß? Äh. Roberto, Totilas und ich nahmen uns in dem Restaurant einen Tisch in einer anderen Ecke und linsten mal rüber. Mussten doch sehen, wie Alex’ Schwester so ist. Wir wären auch beinahe nicht aufgeflogen, wenn Roberto nicht ständig so auffällig rübergestarrt hätte. Naja. Wir wollten sowieso unabhängig von Alex und Dee gehen.

Pans Party war wieder so eine Sause, wo man ab einem bestimmten Punkt am Strand in die Feenwelt rüberwechselte. Ich frage mich wirklich, ob der gute Pan damit nicht gegen irgendwelche Feengesetze verstößt, wenn er einfach so jeden Normalmenschen, der zufällig auf seiner Party landet, in die Feenwelt lässt. Aber vermutlich kann er sich das leisten, er ist immerhin ein Herzog des Sommerhofes oder sowas, wenn ich das richtig verstanden habe.

Und wer stand neben ihm, in der glänzenden Rüstung eines Feenritters und mit einem Schwert an der Seite, bester Laune und offensichtlich el mejor amigo de Duque Pan? Ihr habt es erfasst, Römer und Patrioten. Señor Ortego Ruiz in voller Lebensgröße.

Sir Anders (genau der Sir Anders, der, wegen dem ich mich mit Edward duellieren musste) war auch da. Uns gegenüber hegte er keinerlei Groll mehr, immerhin war durch das Duell Cassidy Greys Ehre wiederhergestellt, sein resentimiento mir gegenüber aufgehoben, und die Sturmkinder hatte er bei der Auktion auch gewonnen.
(Übrigens erzählte er – mit todernster Miene – dass Ms. Grey entführt worden sei, denn eines Tages sei sie spurlos aus seiner Wohnung verschwunden gewesen, und sämtliche Wertgegenstände mit ihr.
Der Mann ist eine Fee, da gelten strengere Gesetze von Höflichkeit, einem Feenritter lacht man nicht einfach so ins Gesicht, aber ich musste echt an mich halten. Der arme Anders. Kann einem richtiggehend leid tun.)
Jedenfalls war Sir Anders auf Ruiz überhaupt nicht gut zu sprechen. Es gefiel ihm gar nicht, dass der seit neuestem Pans Erster Ritter ist. Denn erstens hat Ruiz wohl vor ein paar Wochen in einem magischen Duell den vorigen Ersten Ritter besiegt und somit ersetzt, außerdem behandelt er Frauen völlig respektlos, und drittens hat er auch noch einen sehr schlechten Einfluss auf Pan, der ja schon sowieso nicht der Stabilste aller Fae ist.

Aber jedenfalls war Ruiz gefunden, und deswegen ging Edward los, um bei Marshal Martin anzurufen und ihr zu sagen, wo sie hinkommen solle. Oh, achja. Irgendwas hatte ich um Ruiz rumhuschen sehen, irgenwas Kleines und Schwarzes und Schattenhaftes. Nur was es war, das konnte ich nicht genauer sehen, und ich konnte dann auch erstmal nicht darüber nachdenken.

Denn Ricardo Esteban Alcazár wurde zu einer Audienz bei einer veritablen Feen-Lady geladen, Römer und Patrioten. Die Frau nannte sich Lady Fire und war – natürlich, sie ist eine Fae! – atemberaubend schön, aber hey. Lady Fire. Flammenhaar und glühende Augen und zu heiß zum Anfassen. Ich hab’s natürlich doch getan. Sie angefasst, meine ich. Zweimal sogar, am Anfang und am Ende. Ich kann ihr ja schließlich den Handkuss nicht verweigern, wenn sie mir ihre Finger hinstreckt. Aber aua, aua, aua. Gut, dass sie nicht darauf bestanden hat, sich während des Spaziergangs, den sie mit mir machen wollte, bei mir unterzuhaken, wie sie das erst vorhatte. Und gut, dass draußen vor ihrem Pavillon ein gut gefüllter Sektkühler in der Nähe stand. Aua.

Wie sich herausstellte, ist die Lady ein großer Verehrer meiner Bücher. Sie kann nur leider nicht so ganz zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden. Eric Albarn ist derjenige mit den indianischen Vorfahren, nicht ich! Aber hey, welcher Autor kann schon von sich behaupten, dass waschechte Fae zu ihren Fans gehören – und dieser Fan es ihnen auch noch selbst ins Gesicht gesagt hat. Ich war jedenfalls schwer bedruckt, Römer und Patrioten.

Aber ich fürchte, ich habe eine Dummheit gemacht.
Ich erzählte der Lady Fire, dass bald der nächste Band herauskommen wird, und sie meinte doch tatsächlich, sie hätte das Buch schon gelesen! Cólera. Das wird doch noch umgeschrieben. Jedenfalls fuhr mir heraus, es wäre mir eine Ehre und eine Freude, ihr eines zu überreichen, wenn es denn ganz fertig sei. Und hätte mir in genau diesem Moment am liebsten auf die Zunge gebissen, denn was ist die Lady Fire nochmal? Richtig. Eine Fee. Und was mögen Feen gar nicht? Richtig. Geschenke. Toll gemacht, Alcazár.
Ich wollte mich dann noch rauswinden, so ein Buch sei ja gar kein richtiges Geschenk, weil man als Autor ja zig Freiexemplare davon hat, die man unter die Leute schmeißen kann, aber ich glaube, das hat es beinahe eher noch schlimmer gemacht. Wir einigten uns dann aber doch gütlich darauf, dass ich mein Wort selbstverständlich nicht zurücknähme, niemals, und dass die Lady Fire mir ein angemessenes Gegengeschenk machen werde. ¡Madre mía, ayudame!

Über Ortego Ruiz konnten wir dann aber auch noch kurz reden, auch wenn sie bei der Erwähnung dieser ‚Kreatur’ (Zitat Ende) regelrecht zu kochen begann. Sie mag ihn offensichtlich genausowenig, wie Sir Anders das tut, oder noch weniger.

Bis ich von der Lady wegkam, war auch Edward wieder da, mit Alex’ Schwester im Schlepptau. Die konfrontierte Ruiz und forderte ihn auf, zu seiner Aussage im Berufungsprozess zurückzukommen, aber der lachte nur und erklärte, sie könne ja versuchen, ihn zu zwingen. Nützen werde es ihr nichts, weil seine Magie stärker sei als ihre.

Hossa. Alex’ Schwester, magisch? Naja, Alex ist es ja immerhin auch, es sollte mich also eigentlich nicht überraschen.

Oh, und ja. Der Kerl ist tatsächlich genauso frauenfeindlich, wie das alle von ihm gesagt hatten. Das zeigte sich deutlich darin, wie er mit Dee redete. Und noch viel mehr darin, dass er gerade mit einem ohnmächtigen Mädchen aus einem Zimmer kam, als Dee ihn aufhielt. Und mit der marschierte er dann auch einfach weiter, als die Konfrontation vorüber war. Aufhalten konnten wir den cabrón dummerweise nicht. Feengesetze der Gastfreundschaft und so. Und vor allem, der Kerl scheint wirklich verdammt stark zu sein, was seinen magischen Wumms angeht.

Ich meine, immerhin war er bei den Santo Shango, kann also diese Santería-Magie. Hat jetzt als Pans Erster Ritter Feenmacht von dem bekommen. Und nicht zu vergessen diese Schattendinger, die um ihn rumhuschten. Die erkannte Roberto bei dieser zweiten Gelegenheit als sogenannte Oneirophagen. Also Traumfresser, oh ihr Nichtgriechen.

Wie weiter oben schon geschrieben: Eigentlich sind die Viecher völlig harmlos. Das sind kleine Wyldfae, die sich eben von Träumen ernähren, aber halt normalerweise nur hier und da ein bisschen knabbern. Roberto konnte allerdings sehen, dass die Exemplare, die um Ruiz herumhuschten, deutlich größer und besser genährt aussahen als Oneirophagen das sonst tun. Claro, wenn diese speziellen Vertreter ihrer Gattung ja in letzter Zeit ganze Träume fressen, statt nur ein bisschen zu naschen. Was den Opfern übrigens gar nicht gut tut, wusste Roberto. Der muss mal ein Buch über die gelesen haben oder so, der war nämlich glücklicherweise verdammt genau über die kleinen Biester informiert.
Denn wenn so ein Traum mal völlig aufgefressen ist, erholt sich das Opfer normalerweise nicht mehr davon. Es ist dann von seinen Träumen komplett abgeschnitten, und der Mensch muss ja träumen, um zu verarbeiten. Und wenn man das nicht kann, geht man irgendwann daran zugrunde.

Mierda. Wir müssen irgendeinen Weg finden, um den Leuten ihre Träume zurückzugeben.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 17.07.2012 | 13:32
Ricardos Tagebuch: Summer Knight 2

Zu diesem Zweck wollten wir anderen vier nochmal mit Antoine reden, während Alex indessen Hurricane aufsuchte, um den vor dem derzeitigen Zustand seines Vaters zu warnen und ihn zu bitten, dafür zu sorgen, dass Tanit Pan nicht aufsuche, bis der Ruiz’ Einfluss wieder losgeworden sei. Denn das wäre sonst... nicht lustig. Höchst explosiv, um genau zu sein.

Antoine war von Ruiz übel zusammengeschlagen worden. Er selbst war nicht bereit, gegen Pans Ersten Ritter zu reden – Feenehre und Feenschwüre und so – aber Mrs. Parsen erzählte uns, was los war, während Antoine einen Spaziergang machen ging. Nachdem er von uns gehört hatte, dass es negative Nebenwirkungen gebe, was er so nie gewollt hatte, wollte Antoine sich weigern, seine drei Drogensorten weiter herzustellen. Aber Ruiz verprügelte ihn und erinnerte ihn an seinen Eid dem Sommerherzog – und somit dessen Erstem Ritter – gegenüber. Anscheinend hatten Ruiz und Antoine überhaupt zusammen geplant, diese Traumdrogen zu produzieren und unter die Leute zu bringen, wobei der Fae keinerlei Ahnung hatte, dass sein Kumpel damit irgendwelche Oneirophagen füttern wollte.

Wieder zurück von seinem Spaziergang, erzählte uns Antoine genaueres über die Wirkweise der Drogen. Das ging zum Glück nicht gegen seinen Eid. Es gibt drei Sorten, wie wir ja schon wussten, deren Effekt von unterschiedlichen Reizen ausgelöst wird, die aber dieselbe Wirkung haben. Wie Edward bei der Analyse ja schon herausgefunden hatte, wird tatsächlich kurz ein Tor ins Nevernever, zu wenigen ganz bestimmten Orten,  geöffnet und eine Kopie der jeweiligen Szene in den Geist des Träumenden geladen. So kommen vermutlich auch die Oneirophagen in die Träume hinein – denn für normale Träume müssen sie ja auch selbst ein solches Tor in den Geist der Schlafenden hinein öffnen. Und – und diese Information war für uns besonders interessant – wenn man im Nevernever ist und sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort befindet, dann kann man sehen, wie sich diese Tore dort öffnen.

Alex ließ sich also von Antoine beschreiben, welche Orte das alles so sein können. Glücklicherweise hat der Fae seine Drogen nur mit fünf verschiedenen Orten verknüpft, und zwar alles solche, die er für interessant, aber grundsätzlich harmlos hielt. Er wollte ja niemandem wehtun.

Und ja, Alex konnte uns hinbringen. Der hat ja da diese Möglichkeiten als Abgesandter von Eleggua. Wir rüsteten uns also entsprechend gegen Feen: mit möglichst viel kaltem Eisen, Schlagringen, Messern und all solchem Zeug. Ich bin heilfroh, dass wir damit nicht auf der Straße angehalten wurden. Die Cops hätten uns garantiert erst mal für eine Straßengang gehalten mit dem ganzen Kram.

Wir einigten uns auf den „Garten der geduldigen Rosen“. Ich hielt den zwar für potenziell zu unübersichtlich, um Traumfresser zu jagen, aber ich wurde überstimmt. Ich weiß auch nicht. Wenn Roberto etwas wirklich will, dann setzt er seinen Kopf irgendwie auch meistens durch. Jedenfalls. Ich sage jetzt nicht ‚Hab ich’s doch gesagt’, aber meine erste Wahl wäre der Rosengarten nicht gewesen.

Er war nämlich verdammt unübersichtlich. Und wir bekamen auf die Glocke. Aber sowas von. Erstmal war es anstrengend genug, die blöden Tore überhaupt zu sehen. Und dann waren diese kleinen Mistviecher von Traumfressern auch noch so richtig verdammt schnell.

Ich mache es kurz. Wir sahen vorher schon ein paar Oneirophagen in dem Garten rumwuseln. Dann ging ein Tor auf, und Alex stellte sich davor und „machte den Gandalf“, wie er es später nannte. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich überrascht war. Jeder hat doch den Herrn der Ringe gesehen. Ich hatte nur Alex bis dahin irgendwie nicht als jemanden auf der Rechnung, der gerne geek references von sich gibt.
Jedenfalls war das Problem, dass Alex den Traumfressern den Weg versperrte. Und somit war er für sie das Ziel Nummer eins. Und die Dinger waren so extrem schnell, das glaubt ihr gar nicht, Römer und Patrioten. Ständig wurde Alex von denen angegriffen und gekratzt, und Edward dazu. Gegenangriffe brachten gar nichts, Eisenmesser hin oder her. Wie auch, wenn die gar nicht erst trafen.

Und dann... Was dann passierte, weiß ich gar nicht so genau. Oder nein. Ich weiß genau, was passierte, ich weiß nur nicht genau, wie.
Ich weiß nur, dass ich die Viecher von meinen Freunden ablenken wollte. Und mir fiel plötzlich ein, dass wir ja im Nevernever waren. In der Feenwelt. Wo so ziemlich alles möglich ist. Also, hm... Ich kann es nicht richtig erklären. ...konzentrierte ich mich, und stellte sie mir so plastisch vor, wie ich nur konnte, und plötzlich ... war da diese Sahnetorte, ganz genau so, wie ich sie mir ausgemalt hatte. Über die machten die Oneirophagen sich her, ließen darüber die Jungs in Ruhe, und so konnte uns Alex ungestört ein Tor nach draußen öffnen.

Also gut. Der Ansatz, die Oneirophagen im echten Nevernever zu stellen, war gründlich in die Hose gegangen.
Aber Roberto fiel ein, dass die Viecher im eigentlichen Traum nicht nur jede Gestalt annehmen können, die in die jeweilige Szenerie passte, sondern dort auch der Sprache mächtig sind. Vielleicht könnten wir mit einem von denen ja einfach reden? Sie auf diese Weise davon abhalten, Träume ganz aufzufressen? Solange sie nur ein bisschen knabbern, tun sie ja niemandem weh.

Gute Idee, nur die wollte gründlich geplant werden.
Erstens, wie kämen wir alle zusammen in denselben Traum. Wenn wir alle gleichzeitig die Drogen nähmen und dann einschliefen, würden wir ja alle woanders landen.
Also dürfte nur einer von uns einschlafen, die anderen müssten dann aus dem Nevernever heraus durch das Tor mit dem Oneirophagen zusammen in seinen Traum hüpfen.
Dabei würde Jack helfen können, sagte der, als wir ihn anriefen. Es gäbe da so ein indianisches Schwitzhütten- und Rauchritual, das in seinem Volk angewandt werde, um Traumvisionen zu erschaffen. Das könnte uns bei unserem Vorhaben unterstützen und in die richtige Richtung leiten. Er würde auch schon alles soweit vorbereiten.
Na gut. Nächste Frage: Wer würde einschlafen, in wessen Traum würden die anderen kommen?

Irgendwie meldeten sich alle freiwillig. Alex war als erster raus, denn der würde ja die Truppe körperlich durchs Nevernever führen müssen, der konnte sich nicht schlafen legen. Die anderen drei führten alle noch Gründe an, warum sie jeweils derjenige sein sollten.
Aber am Ende blieb dann euer freundlicher Narrator übrig, Römer und Patrioten, weil einfach die logischsten Gründe dafür sprachen, dass ich es machte.
Die anderen haben alle auf die eine oder andere Weise magisches Talent, das ihnen im Traum entweder erhalten bleiben oder verloren gehen würde. Ich war der einzige, von dem wir wussten, dass ich im Traum mehr können würde als in Wirklichkeit, Sahnetorte erat demonstrandum. Und wenn es gar noch mein eigener Traum wäre, hätte ich darauf hoffentlich sogar noch mehr Einfluss als nur im reinen Nevernever.

Puh. So richtig wohl war mir nicht dabei, das kann ich ja hier in der Privatsphäre meines Tagebuches durchaus eingestehen. Aber ich fand den Gedanken irgendwie trotzdem auch ziemlich spannend.
Weniger spannend fand ich allerdings, dass wir uns für White Eagles Schwitzritual komplett nackt ausziehen mussten. Waffen und Ausrüstung durften wir mit in die Schwitzhütte nehmen, nur anhaben durften wir nichts.

Oh, und ich hatte vorher ein paar Stunden damit verbracht, mich auf den Traum vorzubereiten. Denn damit die anderen meinen Traum aus dem Nevernever heraus finden konnten, musste es ja ein bestimmter sein, und nicht einfach ein beliebiger der fünf möglichen Orte. Wir einigten uns auf die eisige Stadt im Hohen Norden, also setzte ich mich nachmittags hin und schrieb ein Eisgedicht. Weder sonderlich gut noch sonderlich originell, fürchte ich, aber ich bin Romanschriftsteller, kein Poet, verdammt, und um mich in den Eistraum zu bringen, würde es hoffentlich reichen. Gut, dass Alex von Antoine etwas von dem roten Honig zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte und nicht die grünen Pillen. Sonst hätte ich meine gesamte iTunes-Bibliothek nach Schnee- und Winter-thematisierter Musik absuchen müssen,  weil die Pillen ja durch Musik getriggert werden und nicht, wie der Honig, durch Poesie. Und irgendwie bezweifle ich, dass es gereicht hätte, eines meiner Snow Patrol-Alben zu hören.

Langer Rede kurzer Sinn: Es klappte. Hütte. Rauch. Sechs schwitzende, nackte Männer, von denen einer sich den Honig einverleibt und dann ein Eisgedicht deklamiert. Naja. Vorliest. Marshal Dee war übrigens glücklicherweise nicht dabei. Die hätte sich zwar vermutlich auch nicht geniert, sich vor uns allen auszuziehen, wenn es die Pflicht erfordert hätte, aber es gab da so das Problem, dass ein gewisser Zeitpunkt im Monatszyklus das Ritual unmöglich macht. Sprich, wenn die Frau ihre Tage hat. Taste hier nicht so um den heißen Brei herum, Alcazár, es liest außer dir eh keiner.
Como quiera que sea, ich schlief irgendwann tatsächlich ein, während Jack noch sein Ritual abzog und indianische Schamanengesänge intonierte, und landete in dieser eisigen Stadt, von der wir schon gehört hatten.
Die anderen tauchten nach einer Weile ebenfalls auf, wie geplant durch das Tor aus dem Nevernever. Da es mein Traum war, imaginierte ich uns als allererstes ein paar winterfeste Klamotten her, dann fingen wir an, uns nach dem Oneirophagen umzusehen.

Es dauerte eine Weile, aber dann sahen wir ihn: Er hatte in diesem Traum, passend zur Szenerie, die Gestalt eines grauen Schneeleoparden angenommen. Totilas war bei dem Versuch, ihn aufzuhalten, etwas zu, hm, forsch. Er stürmte auf den Leoparden zu, so dass der Traumfresser gleich wieder abhauen wollte, aber Alex schloss das Tor, das er sich öffnete. Ich warf ihm einen frisch imaginierten Schneehasen als Futter hin, während wir ihm zuriefen, dass wir doch nur reden wollten.

Und nachdem der Oneirophage die Gestalt eines der hochgewachsenen, schmalen Stadtbewohner angenommen hatte, nur mit grauem Gewand statt einem weißen, gelang das tatsächlich.
Wir erfuhren, dass diese Spezialträume hier für seinesgleichen unermesslich lecker schmecken, gar kein Vergleich mit normalen Träumen. Deswegen können die Oneirophagen sich in Antoines Drogenträumen auch nur schwer zurückhalten und fressen gerne mal den ganzen Traum auf, wenn sie können. Und deswegen könnte es auch schwer werden, sie davon abzubringen, fürchte ich – sag doch mal einem Gourmand bei einer Völlerei, er solle nicht das ganze Buffet vertilgen, sondern sich mit ein paar Happen begnügen.
„Soooo lecker“, schnurrte er, und räkelte sich dabei gegen ein Haus, das prompt verschwand. Und das war gar nicht lustig. Ich kann es gar nicht richtig beschreiben, aber es fühlte sich an wie ein Radiergummi, der mit fiesem Quietschen durch mein Gehirn rubbelte. Das war war ein Teil meiner Vorstellungskraft, die er da fraß!

Außerdem bekamen wir noch aus dem Traumfresser heraus, dass seine Art eine Herrin, eine Mutter, hat. Mit der habe jemand einen Vertrag abgeschlossen, sagte er. Genaueres wisse er nicht, das sei alles zwischen der Mutter und dem Anderen gelaufen. Er komme nur in die Spezialträume und fresse sich satt. Und was er fresse, das bekäme dann der Andere. Aber was der Andere dann damit genau mache, wisse er nicht.

Der Oneirophage erklärte sich bereit, uns zu seiner Herrin zu bringen, wollte dafür allerdings eine Gegenleistung. Er habe doch schon den Schneehasen bekommen, sagte ich, aber das war ihm nicht genug. Er wollte mehr, und zwar etwas Komplexes.

Etwas Komplexes. War ja klar. Also gut. Es hatte mir zwar gar nicht gefallen, wie er vorhin das Haus weggerubbelt hatte, aber es musste nun mal sein.
Ich konzentrierte mich also wieder, wie zuvor bei der Sahnetorte im Nevernever, und imaginierte ihm eine Spieluhr. Die komplexeste Spieluhr, die ich mir ausdenken konnte. Mit vielen Zahnrädern und Federn und Drähten und Stiften. Mit einer Mondphasenanzeige. Mit einer Wetteranzeige. Mit Zinnsoldaten in der Anzahl der jeweiligen Stunde. Mit einem mechanischen Vogel, der zur vollen Stunde die Zeit sang. Viel zu übertrieben, viel zu wuchtig, aber er wollte ja etwas Komplexes.

Und weil es ja mein Traum war, musste ich mich gar nicht groß anstrengen. Ich malte mir die Spieluhr in allen Details aus, und einen Moment später stand sie vor dem Oneirophagen. Der schnurrte einen Moment lang genüsslich und voller Vorfreude darum herum, und dann begann er ganz langsam, sie einzusaugen.

Und, ¡Madre mia!, das tat weh, Römer und Patrioten. Tío, tat das weh. Ich konnte richtiggehend spüren, wie er mir jedes Zahnrad einzeln aus der Fantasie zog. Ich glaube, ich wäre beinahe sogar davon umgefallen, aber ich konnte mich dann doch irgendwie aufrecht halten.

Um mich abzulenken, fragte ich den Traumfresser, der mit sichtlich gewölbtem Bauch dasaß und sich mit der Zunge über die Lippen leckte, ob er eigentlich einen Namen habe.
Das Konzept von Namen kannte er gar nicht, ich musste es ihm erst genauer erklären. Er hatte keinen – natürlich nicht, wenn er vorher nicht mal gewusst hatte, was das überhaupt war – aber er wollte gerne einen haben. Und während ich noch überlegte, was denn ein guter Name für so einen Oneirophagen wäre, nannte Roberto ihn schlicht und ergreifend „George“.

Ich fand das erst fürchterlich albern, ein Feenwesen namens „George“, aber vermutlich war es viel besser so. Wer weiß, mit welchem hochtrabenden Blödsinn ich sonst angekommen wäre, wenn man mich gelassen hätte.

Unser Traumfresser nahm diesen Namen völlig begeistert für sich an und murmelte ihn ein paarmal vor sich hin. Und dann hatte Edward geistesgegenwärtig eine brilliante Eingebung. „Kannst du es nochmal sagen?“, fragte er, und ohne zu zögern antwortete die Fae: „George.“

Hossa. Das weiß ja sogar ich inzwischen, dass der Wahre Name eines Wesens demjenigen, der den Namen kennt, Macht über das Wesen gibt! Wie der Kleine das sagte, hat sich mir regelrecht eingebrannt: Ich glaube, ich werde nicht vergessen, wie er es ausgesprochen hat.

Jedenfalls brachte George uns dann wie versprochen zu seiner Königin. Sobald er aus meinem Traum draußen war, sah er wieder aus, wie die Oneirophagen es alle tun: klein, schwarz, bizarr, spindeldürre Beine. Und er konnte nicht mehr sprechen. Aber es kam mir beinahe so vor, als könnte ich in seinem Geschnatter nun fast so etwas wie Worte erkennen.

Oh, und wir waren nun nicht mehr in meinem Traum, also waren wir auch alle wieder nackt. Yay.

George führte uns durchs Nevernever bis zu einer Höhle, in der viele weitere Traumfresser herumwuselten. Und ganz an deren Ende war ein ... Etwas zu sehen. Eine wabernde Gestalt, anscheinend irgendwie aus demselben Stoff gemacht wie die übrigen Oneirophagen, nur ... weniger stofflich. Aus ihr heraus blitzten an unterschiedlichen Stellen immer wieder Köpfe auf, verschwanden dann gleich wieder, um in anderer Form anderswo wieder aufzutauchen. Und diese Köpfe redeten mit uns ... zeitversetzt. Ganz schön verwirrend im ersten Moment.

Die Königin war voller Hass und Wut auf Ruiz, und sie zeigte uns eine schwere Eisenkette, mit der an die Höhlenwand gekettet war. Aber nicht nur war die Kette aus Eisen und die Ober-Oneirophaga eine Fae, sondern das Schloss – besonders kompliziert und mit mehreren Schlüssellöchern versehen, die sich ständig bewegten – war auch noch magischer Natur. War ja klar.

Und ich glaube, den Schlüssel hatte ich auf Pans Party an einer Kette um Ruiz’ Hals hängen sehen. War ja noch klarer.

Es gelang uns also nicht, diese Kette gleich hier und an Ort und Stelle zu lösen, aber wir versprachen der Traumfresserkönigin, dass wir tun würden, was nur immer in unserer Macht stand, damit sie sobald wie möglich nach Hause zurückkehren könnte. Denn hier gehört sie nicht her, hierher wurde sie von Ruiz gegen ihren Willen beschworen und festgesetzt.
Dann öffnete Alex uns ein Tor in die reale Welt. Eine Moment lang hatte ich echt Angst davor, dass wir nicht in Jacks Schwitzhütte wieder herauskommen würden, sondern irgendwo, wo es ganz besonders peinlich wäre, wenn plötzlich fünf nackte Männer aus dem Nichts aufkreuzen. Aber zum Glück war das nur ein kurzer Moment der Panik, und wir landeten ganz brav wieder auf dem Gelände der Kommune.

Aber als George meine Spieluhr gefressen hat, ist irgendwas mit mir passiert. Seitdem habe ich diese verdammte Schreibblockade. Ich hoffe nur, das geht irgendwann wieder weg. ¡Madre mia!, wie ich das hoffe!
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 17.07.2012 | 14:56
Ricardos Tagebuch: Summer Knight 3

Habe ich gedacht, es hätte weh getan, als George meine Spieluhr auffraß? Dios, Alcazár, wie naiv kann man sein. Aber woher hätte ich es auch wissen sollen. Ich hatte noch keine Verbrennungen dritten Grades. Bis jetzt.
Verdammt. Ich muss mich irgendwie ablenken. Es wenigstens versuchen.

Als wir wieder in der Schwitzhütte landeten, war es mitten in der Nacht, also beschlossen wir, uns erstmal auszuschlafen und uns am nächsten Tag wieder zu treffen. Guter Plan – in der Theorie zumindest. Wenn ich denn ein Auge hätte zu tun können. Was ich, Überraschung, nicht konnte. Deswegen auch der vorige Eintrag.

Treffpunkt war der Donut-Laden, wo mich ein starker Kaffee wieder etwas auf die Beine brachte, während wir überlegten. Alex war nicht aufgetaucht, aber das hat bei Alex ja nie sonderlich viel zu heißen. Dem kommt ja immer mal wieder was dazwischen. Wir wussten zu wenig über die Funktion des Ersten Ritters, stellten wir fest. Und derjenige, der uns vielleicht am ehesten darüber Auskunft geben konnte und mit dem wir in der Feenwelt noch am ehesten Kontakt hatten, war Sir Anders Thunderstone.

Wir fanden den Feenritter nicht in Pans Palast, sondern an der Washington High – Erinnerungen. Lange ist's her. Eigentlich gar nicht so lange, aber kommt mir so vor – wo er gerade ein Little League Baseball Team coachte, uns aber ein paar Minuten opfern konnte.

Über Ruiz an sich, und vor allem gegen Ruiz direkt, durfte er natürlich wieder nichts sagen, weil sein Eid gegenüber Pan ihm das verbot, aber er konnte uns über das Amt des Ersten Ritters ganz allgemein gesprochen Auskunft geben. Als Champion eines Feen-Herzogs bekommt er von diesem Macht übertragen. Nicht ganz so viel, wie der Sommerritter von der Königin höchstselbst erhält, aber genug.

Wir fragten Anders nach dem vorigen Ersten Ritter – 'Sir Horton' nannte ihn Anders – der ja von Ruiz in einem magischen Duell getötet worden war, und auch nach dessen Vorgänger. Oder Vorgängerin, wie sich herausstellte. Zwischen den beiden war die Machtübertragung ganz friedlich verlaufen, mittels eines Kartenspielduells.

Da die frühere Ritterin sich also weiterhin bester Gesundheit erfreut und Anders uns sagen konnte, wo sie lebt, statteten wir ihr kurzerhand einen Besuch in ihrer Gated Community ab, wo die Lady uns zwar anfangs etwas misstrauisch, aber durchaus höflich, auf ihrer Terrasse empfing.

Vorher jedoch nahm Edward noch kurz mit seiner Dienststelle Kontakt auf, um zu erfahren, ob Marshal Martin schon etwas herausgefunden hatte. Leider nicht – sie hatte sich noch nicht einmal zurückgemeldet, und Lieutenant Book wollte einen von Edwards Kollegen darauf ansetzen.

Die ehemalige Ritterin, Eileen Fabray, hatte von den letzten Ereignissen noch gar nichts erfahren, war ziemlich geschockt über die Nachricht von Sir Hortons Tod.
Es gibt drei Arten von Duellen, erklärte Ms. Fabray dann: mit Waffen, mit Magie und mit Willenskraft, worunter auch Rededuelle fallen. Wie ernsthaft sie geführt werden, welche Siegbedingung also gelten soll, darauf müssen die Duellanten sich einigen und der Herzog zustimmen.
Die Aufgabe des Ersten Ritters ist es, gewissermaßen den Verbindungsoffizier zwischen dem Herzog und der Menschenwelt zu geben, vor allem, wenn es 'offizieller' wird. Ansonsten natürlich dessen Champion zu sein, also an seiner Statt zu kämpfen, wenn es nötig wird, und sonstige Aufträge für ihn zu übernehmen. Im Falle von Pan bedeutet es wohl auch, seine Partys mitzufeiern, hinter ihm aufzuräumen und generell sein Kindermädchen zu spielen. Und ja, ihm wird ein Teil von Pans Macht übertragen.
Warum 'Hortie' sich auf ein magisches Duell eingelassen hatte, wo er doch als Herausgeforderter die Waffen hatte wählen dürfen und wo Ruiz doch bekanntermaßen über Magie gebot, konnte Ms. Fabray sich nicht so recht erklären. Aber vielleicht, weil er ein freundlicher Mensch gewesen war, der von niemandem etwas Böses glauben wollte und vielleicht gedacht hatte, es werde ein harmloser Kampf wie die vorigen auch.

Wir hatten die frühere Ritterin kaum verlassen, da klingelte Robertos Telefon. Es war seine Tante, die dringend seine Hilfe wollte, weil ihr alter Nachbar tot in seinem Garten aufgefunden worden sei. Erfroren, in dieser Hitzewelle. Hah. Ich wiederhole mich, aber hah.

Die Stelle im Garten, wo der Tote lag, war tatsächlich eiskalt, die Blumen vor Kälte verdorrt. Ein Fußabdruck, noch kälter als der Boden ringsum, und Anwohner, die einen elegant gekleideten Gentleman mit Gehstock gesehen hatten, der in den oder auf den Garten zu gegangen sei. Das klang mir verdammt danach, als gebe es einen Gegenpol zu unserer Lady Fire namens 'Lord Ice' oder so. ('Lord Snow' wohl eher nicht. Außer mein zutiefst geschätzter Kollege Mr. Martin weiß da was, das ich nicht weiß.)

Erfroren = Winter. Und Winter = Tanit. Wobei wir an Tanit nicht so leicht rankommen, daher ist für uns normalerweise erst mal Winter = Hurricane. Der bestätigte uns, dass die Umstände des Todesfalls im Garten ziemlich nach Lord Frost aussähen, der früher oder später immer dort auftauche, wo Lady Fire sei, um das Gegengewicht zu ihr zu bilden. Na von mir aus. Dann eben 'Frost' und nicht 'Ice'.

Hurricane erzählte auch, dass seine Mutter ziemlich besorgt sei. Der Sommer plane irgendwas, glaube sie, und sie sei sich auch nicht sicher, ob er sich an Mittsommer wirklich zurückziehen werde, wie es sich gehöre. Auf Tanits Schreiben habe Pan nicht reagiert, was die Herrin der Stürme mit mehr als nur Missfallen zur Kenntnis genommen habe. Bis Mittsommer (also übermorgen) wolle sie ihm noch geben, sagte Hurricane, aber wenn der Sommerherzog sich bis dahin nicht zusammengerissen habe, würden die Sturmkinder ihm eine Lektion erteilen.

Nicht lustig, Römer und Patrioten. Es ist schon schlimm genug, wenn Pan und Tanit sich ohne einen solchen Grund in die Finger bekommen, siehe die Nächte, in denen Hurricane und seine Geschwister gezeugt wurden.

Oh, ach so. Tanit hat natürlich auch einen Ritter, oder eine Ritterin, genauer gesagt. Die ist aber schon seit längerem nicht mehr in Miami, sondern hält sich derzeit ausschließlich im Nevernever auf.

Noch während dem Gespräch mit Hurricane klingelte Robertos Handy, weil jemand Alex erreichen wollte. Hatte also nicht nur uns versetzt, sondern auch diese Frau. Und dann meldete sich auch noch Edwards Partner mit der Nachricht, es habe in Dees Hotelzimmer ein Handgemenge gegeben, und sie selbst sei verschwunden.

Wir, claro, nichts wie hin zum Motel. Dees Auto stand noch dort, und das Zimmer wies tatsächlich ein paar Kampfspuren auf – aber nicht so viele, wie ich eigentlich von der taffen Marshal erwartet hätte.
Unter dem Bett lag Dees Handy, und Edward meinte, hier stinke es geradezu nach Satyr. Der Telefonspeicher zeigte, dass ihr letzter Anruf an Alex gegangen war und knapp eine Minute gedauert hatte.

Also zu Alex' Hausboot. Es war wie erwartet leer, aber auf seinem (übervollen) Anrufbeantworter fand sich tatsächlich unter anderem eine Nachricht von Dee, die abrupt abbrach, als  Eindringlinge ins Zimmer kamen. Ein „Hey, was soll das!?“ von Dee, dann Kampfgeräusche, und dann eine Stimme. Ruiz' Stimme. Cabrón. Was er sagte, konnte ich nicht genau verstehen, aber es war Lucumi, soviel erkannte ich. Der Kampflärm brach unvermittelt ab, und es gab einen dumpfen Ton, als sei ein Körper zu Boden gefallen. Mierda.

Wo würde Ruiz eine Entführte hinbringen? Vermutlich nicht in Pans Palast, aber das war der einzige Anhaltspunkt, den wir hatten. Und vor allem wollten wir auch wegen Tanit mit Pan reden, um den Denkzettel seitens der Sturmkinder doch noch zu verhindern.

Während Roberto versuchte, den Sommerherzog alleine zu erwischen, ging ich mich im Palast umsehen. Ruiz fand ich nicht, aber ¡Madre mia! Das Ding ist im Nevernever. Viel riesiger und verwinkelter, als es eigentlich sein dürfte. Ich fand den Bereich, wo Lady Fire residiert, der Eingang bewacht von zweien ihrer Ritter, und den Flügel, wo wir beim letzten Mal auf Ruiz gestoßen waren, aber darüber hinaus wurde der Palast sehr schnell sehr verwinkelt und sehr, sehr unübersichtlich. Und weit und breit kein Ruiz. Mierda.

Irgendwann gab ich es auf, um mich nicht hoffnungslos zu verirren. Und lief auf dem Rückweg prompt Totilas in die Arme, der auf der Suche nach mir war. Stellte sich heraus, er war George begegnet. Und George hatte Ruiz mit Dee gesehen. Wollte uns auch hinbringen, aber nicht umsonst. War ja klar. Mierda.

So unkreativ, wie ich momentan drauf bin, konnte ich mir beim besten Willen nichts für ihn ausdenken. Also auf Altbekanntes zurückgreifen. Das würde vielleicht auch nicht ganz so wehtun. Es wurde diese Szene aus dem Film „Legende“: die, in der Tom Cruise und Mia Sara am See sitzen und das Einhorn dazukommt. George die Figuren hinzuimaginieren, ließ zwar meine Nase anfangen zu bluten, aber als er sie dann fraß, zerrte das tatsächlich nicht ganz so an meinem Hirn wie die Spieluhr. Und das debile Lächeln von Tom Cruise und die unterwürfige Anbetung von Mia Sara verschwinden zu sehen, machte das Nasenbluten fast wieder wett.

Aber irgendwie ist mein Bild von dieser Szene aus dem Film jetzt... abgestumpft. Ich habe sie nicht vergessen oder so, aber es ist jetzt eine eher ... abstrakte Erinnerung. Bei diesem speziellen Motiv ist das sogar eher eine Erleichterung, aber. Du bist gewarnt, Alcazár. Ich werde schwer aufpassen müssen, was genau  ich George zum Fressen gebe, Römer und Patrioten. Und zur Gewohnheit sollte es definitiv auch nicht werden.

George kann übrigens ein bisschen besser reden. Unsere Namen bekommt er schon hin, und auch ein paar andere Wörter, zumindest in einer abgehackten Version. Und auch ohne Worte ist der kleine burro ziemlich eloquent. So hat er mich ja überhaupt rumgekriegt, dass ich ihm nochmal was imaginiere. Mierda.

Jedenfalls brachte mein Nasenbluten uns einen Trip durch die Schatten ein. Stockdunkel. Und ich meine, wirklich stockdunkel. Keinerlei Licht, nur Gerüche und Geräusche. Extrem beunruhigende Gerüche und Geräusche. Verschiedene, als würde George uns an ganz unterschiedlichen Orten vorbeiführen.
Aus dem Nevernever heraus in unsere Welt konnte George uns nicht folgen, sondern verschwand, als er uns zu einer verlassenen, entsprechend verwahrlosten Autowerkstatt gebracht hatte. Edward konnte Alex und Dee riechen, und den Gestank von Satyren.
Oben, hinter einer Tür, Ruiz Stimme. „Jetzt kennst du deinen Platz, wie?“ Dee, wutentbrannt. „Das wirst du bereuen!“ Darauf Ruiz' höhnisches Lachen. „Sie gehört ganz euch, Jungs. Bedient euch.“

Mehr mussten wir nicht hören.

Drinnen: Alex, bewusstlos, ignoriert in einer Ecke. Ruiz, der eben den Gürtel wieder schloss. Zwei Satyre, im Nevernever ohne Glamour und daher ohne Kleider, breit grinsend und einen Stein-Schere-Papier Wettkampf abhaltend. Dee, an ein Bett gefesselt, unbekleidet und mit vor Zorn funkelnden Augen. Kein Zweifel, was hier eben passiert war. Oh, cabrón. Nein. Viel mehr als cabrón. In diesem Moment hätte ich ihn kaltlächelnd umbringen können.

Aber ich war nicht der erste durch die Tür. Edward erklärte Ruiz für verhaftet, während Totilas nicht lange fackelte und dem cabrón eine verpasste. Dummerweise setzte den das nicht außer Gefecht, und so konnte er zwei goldene Revolver ziehen (Der Mann mit dem goldenen Colt.  Oh Dios. Auch das noch.) und sie abfeuern. Und die Dinger verschossen keine gewöhnlichen Kugeln, sondern grelle, blendende Sonnenstrahlen. Die auffächerten. Und alles im Raum trafen.

Sengende Hitze. Unerträglich. Aber nur einen Herzschlag lang, dann Schwärze.

Es war zu schnell gegangen, als dass ich etwas hatte denken können im Moment des Umfallens, aber als ich wieder zu mir kam, war ich regelrecht überrascht, dass ich noch am Leben war. Wir fanden uns alle, auch Alex und seine Schwester, in einem klassischen Fantasy-Kerker wieder, mit erhobenen Armen an eiserne Schellen in der Felswand gekettet. Und wir waren alle nackt. Wieder mal. Was uns aber in diesem Moment völlig nebensächlich vorkam. Entweder die hatten uns ausgezogen oder aber, was wahrscheinlicher war, die Strahlen hatten einfach unsere Kleider völlig weggebrannt, inklusive allem, was wir in den Taschen hatten. Unsere Haut sah jedenfalls aus wie nach drei Tagen am Strand ohne jede Sonnencreme – sogar Edwards. Und der ist schwarz, Römer und Patrioten.

Der Kerker war langgezogen, und weiter vorne brannte ein Feuer, dank dessen Flammen wir an den Wänden die flackernden Schatten von Satyren sehen konnten. Es schienen auch ein paar Oneirophagen da zu sein, aber das war schwerer zu sehen.

Nach einer Weile kam Ruiz und meinte etwas von wegen: wir sollten ihm einen Grund nennen, uns am Leben zu lassen. Keiner würdigte ihn einer Antwort, nur Edward ließ seiner Wut freien Lauf. Was zur Folge hatte, dass Ruiz ihm durch Berührung ein handförmiges Brandmal auf der Brust verpasste. Dann verschwand er. Cabrón.

Noch eine Weile später tauchten zwei Feuerritter der Lady Fire auf. Ruiz habe sie geschickt, um uns zu bewachen, sagten sie. Meine Frage, ob die Lady Fire wisse, was sie hier täten, verneinten sie, daher bat ich sie, der Lady meine Grüße zu überbringen und zu erklären, ich sei gerade verhindert, sonst hätte ich sie selbstverständlich bereits aufgesucht. Mein Name erregte den Eindruck, den ich gehofft hatte, damit zu erregen, und einer von beiden machte sich sofort auf den Weg.

Es vergingen keine fünf Minuten, dann rauschte Lady Fire in den Kerker, zutiefst empört über die Behandlung, die uns zuteil wurde. Seien wir ehrlich. Mir zuteil wurde. Die anderen waren ihr vollkommen egal - mit Ausnahme von Dee und dem, was ihr angetan worden war. Sie wies ihre Männer an, Dee zu bedecken, mich auch, aber auf die Jungs musste ich sie erst aufmerksam machen, die hätte Lady Fire sonst völlig ignoriert. Sie schien auch fast etwas irritiert zu sein, dass ich sie mit meiner Sorge für diese lesser beings belästigte, und es wirkte fast so, als heiße sie ihre Wachen nur mir zuliebe sich um sie kümmern.

Du drückst dich schon wieder um den heißen Brei, Alcazár.

Ja, verdammt. Denn das, was als nächstes kam... Daran zu denken bringt es wieder hoch. Also noch mehr als sowieso die ganze Zeit. Dann bin ich wieder dort im Raum, und Lady Fires Augen lodern auf, als sie hört, was der cabrón getan hat, und sie macht eine herrische Handbewegung zu den Fesseln, die mich halten, und sie lodern auf, rotglühend, weißglühend, verflüssigen sich, und schmelzen mir von den Handgelenken.

Ich weiß nicht, ob ich geschrien habe. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie nicht. Meine nächste klare Erinnerung ist jedenfalls, dass ich zusammengekrümmt auf dem Boden liege und einer der Wachen gerade Alex' Fesseln mit dem Schwert durchtrennt. Die anderen waren schon frei, ich muss also zumindest einige Sekunden lang weggetreten sein.

Roberto, der selbst auch ziemlich mitgenommen war, half mir hoch und blieb neben mir, während Totilas Alex trug und Edward dessen Schwester. Die Wachen der Lady führten uns zu einem Hinterausgang, wo sie sich verabschiedeten, und irgendwie landeten wir wieder in unserer Welt, ohne dass wir bemerkt wurden.

Zumindest nicht von Ruiz' Leuten. Draußen am Strand liefen wir einer Gruppe Surfern in die Hände, die sich als sehr nette, hilfsbereite Jungs herausstellten. Einer ließ Edward sein Handy benutzen und blieb bei uns, bis der Krankenwagen kam. Während wir warteten, kam das Gespräch irgendwie auf Sir Anders, denn der arbeitet hier am Strand ja auch als Rettungswache und sollte vielleicht darüber informiert werden, was Ruiz für ein cabrón ist. Aber ich bekam nur so halb mit, wie Totilas loszog, und auch nur so halb, wie Edward telefonierte, fluchte und was von „morgen ist schon Mittsommer“ sagte. Ins Krankenhaus wollte er auf gar keinen Fall, trotz Brandmal und Hautrötung, deswegen machte er sich auch auf den Weg, ehe der Krankenwagen da war.

Und so liege ich jetzt in einem Krankenhausbett und habe das alles aufgeschrieben, weil ich nicht schlafen kann. Weil meine Handgelenke wehtun, verdammt. Nicht mehr ganz so extrem, zum Glück: Die Medikamente helfen, und die Tatsache, dass sie dick verbunden sind. Aber trotzdem. Ich bin ihr ja dankbar und alles. Aber. Mierda.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Gorai am 17.07.2012 | 15:11
Moin Timberwere,

Danke für Dein Tagebuch  :d!

Heute Mittag habe ich mir bereits den Link Eures Ursprungs-Blogs bei mir in meine Lesezeichen eingeordnet und ich freue mich auf weitere Fälle der "schönen Männer" oder "Der Ritter Miamis".


Vielleicht vermagst Du mir bitte zum besseren Verständnis zu Eurer Chronik einige Fragen beantworten:

Wer ist "Eleggua"?

Was ist ein "Tief gläubiger Santerío"?


Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 17.07.2012 | 15:30
Huhu Alyne, freut mich, dass es dir gefällt! :D

Aaaalso.

Die Santería ist eine aus Afrika stammende und auf Kuba viel praktizierte Religion, die vorgeblich katholische Heilige verehrt, damit aber in Wahrheit afrikanische (Voodoo-) Götter (namens "Orishas") kaschiert. (Hier (http://de.wikipedia.org/wiki/Santeria) mal der Link auf den deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag zur Santería, da ich zu faul bin, um noch groß mehr dazu zu schreiben. :))
Roberto ist jedenfalls regeltechnisch ein Wahrer Gläubiger mit entsprechenden Wundern. Seine Orisha ist (6, korrigier mich, wenn ich falsch liege) Orunmila.

Eleggua (http://de.wikipedia.org/wiki/Eleggua) wiederum ist auch einer der Orishas, und zwar der Herr der Straßen und Türen.

Ich hoffe, das hilft dir schon mal ein wenig weiter! :)
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: 6 am 17.07.2012 | 15:41
Robertos Orisha ist Oshun, die Flussgöttin der Fruchtbarkeit. :)
(Mit Weisheit ist Roberto glaube ich nicht so stark gesegnet. ;))
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 17.07.2012 | 15:46
Achja. Orunmila. Oshun. Schmoshun. Fängt beides mit O an, ist beides weiblich. Für einen guten Katholiken wie Cardo ist das doch alles dasselbe. :P
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: 6 am 17.07.2012 | 15:50
Ah. Kein Problem. Du kannst auch gerne Maria, Mutter Gottes sagen. Ich weiss, was gemeint ist. ;D
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 17.07.2012 | 15:55
Ich dachte, Orunmila herself sei mit Maria kaschiert?
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: 6 am 17.07.2012 | 16:07
Nee. Maria steht für mehr für Fruchtbarkeit denn für Weisheit.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 25.07.2012 | 15:18
Ricardos Tagebuch: Summer Knight 4

22. Juni. Mittsommer ist vorüber. Und ich habe Geburtstag. Nicht, dass mir groß nach Geburtstag wäre. Einfach nur durchatmen. An nichts denken, nichts tun. Überlegen, was ich alles tun muss, um die Wohnung wieder instand gesetzt zu bekommen, kann ich morgen.

Wohnung wieder instand gesetzt? Oh ja. Die verbrannten Handgelenke waren ja nicht genug.

Im Krankenhaus entließen sie mich am nächsten Morgen mit der ärztlichen Ermahnung, ich solle meine Hände schonen. Keine Arbeiten mit Werkzeugen, kein Tippen auf einer Tastatur, kein längeres Schreiben mit der Hand. Ähem. Wenn die wüssten. Memo an mich: Diktaphon. Falls mich wieder mal eine wahnsinnige menschenweltfremde Feen-Lady retten will.

Roberto und ich teilten uns ein Taxi, meine Wohnung ist ja nur ein kleines Stück weiter als sein Laden. Er war also schon ausgestiegen, als das Taxi mich zuhause ablieferte... und ich gleich den nächsten Schock erlebte. Mein Gebäude, abgesperrt und menschenleer. Brandgeschwärzte Fassade. Nasse Asche. Deutliche Zeichen einer großangelegten Löschaktion. Viertes Stockwerk. Meine Fenster. Meine Wohnung. O Madre mia. Yolanda und Alejandra!

Ein neugieriger Nachbar aus dem Nebenhaus wusste mehr, oder meinte mehr zu wissen. Es sei ein Wohnungsbrand gewesen. Ach. Ein ziemlich merkwürdiger Wohnungsbrand, vielleicht Brandstiftung? Die Feuerwehr habe das ganze Haus evakuiert, ausnahmslos, auch wenn es nur in der einen Wohnung gebrannt habe. An der Tür hing ein deutliches „Betreten Verboten“-Schild und ein Hinweis mit einer Telefonnummer, wo man sich informieren könne.

Ich war zu geschockt, um hochzugehen, zumal der Nachbar mich am Ärmel festhielt und darauf bestand, ich könne da jetzt nicht rein. Also stolperte ich die Lincoln Street runter zu Robertos Bótanica, wo der mir erst mal einen Stuhl unterschob und mir was zu trinken in die Hand drückte. Dann rief ich die Feuerwehr an.

Es hatte keine Toten gegeben, gracias a Dios. Allerdings waren Yolanda und Alejandra auch nicht unter den Menschen gewesen, die aus dem Haus evakuiert worden waren. Meine Wohnung hatte man brennend, aber leer vorgefunden. Den nächsten Anruf wollte ich nicht machen, wollte meine Eltern nicht beunruhigen, aber ich musste. Mamá hatte die beiden aber auch nicht gesehen, wusste nur, dass Yolanda zum Babysitten hatte kommen wollen, und ich fürchte, sie muss aus meiner Stimme irgendwas herausgehört haben. Aber glücklicherweise nagelte sie mich nicht darauf fest.

Danach, als ich völlig geschockt dasaß und kaum einen klaren Gedanken fassen konnte, weil sich alles in meinem Kopf wie wild drehte, trommelte Roberto die anderen zusammen (mit Ausnahme von Alex, der war noch außer Gefecht). Totilas erzählte, er habe abends noch mit Sir Anders geredet und ihn natürlich über die neuesten Ereignisse informiert. Was dazu führte, dass der Sidhe, als er hörte, dass (und wie) wir aus Pans Kerker entkommen waren, als loyaler Ritter seines Herzogs dazu verpflichtet war, den geflohenen Gefangenen wieder zu seinem Herrn zu bringen und diesen vor allem von Lady Fires Verrat zu berichten. Dass Pan von unserer Gefangensetzung mit ziemlicher Sicherheit gar nichts wusste und das alles auf Ruiz' Mist gewachsen war, dass wir zu Marshal Dees Schutz und Rettung gehandelt hatten, spielte dabe gar keine Rolle. Eid war Eid und Pflicht war Pflicht. Immerhin durfte Sir Anders diese Pflicht so auslegen, dass er Totilas darüber informierte, was er jetzt zu seinem großen Bedauern tun müsse, und dem so die Gelegenheit gab, davonzulaufen.

Edward sah ziemlich erledigt aus, fast noch mitgenommener als am Abend zuvor, aber irgendwie auch ziemlich zufrieden. Katzen-Kanarienvogel-zufrieden, um mal ein etwas abgenutztes Bild zu bemühen.
Cherie war die Nacht über bei ihm gewesen, rückte er etwas widerwillig heraus. Viel mehr gab er nicht preis, nur etwas von wegen dass sie verletzt gewesen sei und seine Hilfe gebraucht habe.
Ah ja. Verletzte White Court + ausgepowerter, aber gutgelaunter Cop + Nacht. Reicht schon.

Jedenfalls unterrichtete Edward seine Dienststelle über den Brand und brachte es fertig, sich den Fall zuteilen zu lassen. Jetzt durfte er ganz offiziell an den Tatort – und uns mitzunehmen, obwohl wir Zivilisten waren, würde ihm auch keiner verwehren.

Meine Wohnung war nicht völlig irreparabel zerstört, gracias a Dios. Gebrannt hatte es eigentlich vor allem im Flur und von dort ausgehend im Wohnzimmer. In den anderen Zimmern hatten die Löscharbeiten der Feuerwehr den meisten Schaden angerichtet. Vor allem mein Arbeitszimmer sah so aus, als wäre noch etwas zu retten. Alles nass, ja, die meisten Bücher werde ich ersetzen müssen, und einen neuen Computer brauche ich auch, fürchte ich, aber die Manuskripte und Skizzenbücher und alles sind wenigstens noch da. Und mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit lassen sich die Daten von der Festplatte wiederherstellen. Sowas geht ja heutzutage ganz gut. Oh, danke, danke, danke.

Mein erster Instinkt schrie 'Ruiz'. Der Brand war laut den Angaben der Feuerwehr ausgebrochen, nachdem wir ihm entkommen waren. Auf jeden Fall genug Zeit für den cabrón, um sich Yolanda und Alejandra zu schnappen. Aber woher hätte er von den beiden wissen können? So gut kennt er mich und meine genauen Familienverhältnisse hoffentlich nicht.

Als ich mich genauer umsah, fand ich am Türpfosten ein Brandmal in Form und Größe einer Kinderhand, und auch in der Höhe, die für ein sich anlehnendes Kind normal wäre. Eines von Lady Fires Feuerkindern vielleicht? Das nicht über die Schwelle kommen konnte, deswegen draußen blieb und direkt am Eingang den Brand verursachte, der sich dann weiter in die Wohnung und den Flur hinein ausbreitete? Aber warum? Ob eines der Feuerkinder die Lady Fire verraten hatte und nun mit dem cabrón zusammenarbeitete?

Aber auch diese Theorie passte nicht richtig. Die beiden mussten zumindest aus eigenem Antrieb die Wohnung verlassen haben, denn sowohl Alejandras Teddybär als auch Yolandas Handtasche fehlten.

Bei unserer Befreiung hatte Lady Fire etwas gesagt, das ich in meinem Zustand gar nicht richtig realisiert hatte, das uns aber jetzt wieder einfiel und vor allem Roberto enorme Sorgen bereitete. Während sie ihren Wachen aufgetragen hatte, uns aus dem Palast und in Sicherheit zu bringen, war die Lady selbst mit den Worten, man könne das nicht länger dulden und sie werde endlich etwas unternehmen, davongerauscht.

Roberto war nun derjenige, der auf den Gedanken kam, dass ich Ruiz vielleicht unwissentlich direkt in die Hände gespielt hatte, als ich mich den beiden Feenwächtern zu erkennen gab und so dafür sorgte, dass Lady Fire uns befreien kam. Denn warum hätte der cabrón wohl sonst ausgerechnet zwei von Lady Fires Rittern zu unserer Bewachung heranziehen sollen, um nicht genau dieses Ziel zu erreichen?

Und nun war die Lady vielleicht tatsächlich gerade im Begriff, irgendetwas Übereiltes zu tun, auf das Ruiz nur wartete. Mierda. Wir mussten sie erreichen.

Was gar nicht so leicht werden würde. Außer... Sie hatte doch mein neues Buch gelesen, hatte sie erzählt. Das musste sie ja von irgendwo gehabt haben, und nur Sheila und Norman kennen das Manuskript zu diesem Zeitpunkt. Also rief ich einfach Norman an und fragte ihn, was es mit Lady Fire auf sich habe. Sie sei eine seiner regulären „Probeleserinnen“, vor allem meiner Romane, erklärte er. Coléra. Ich wusste gar nicht, dass es sowas überhaupt gibt. Er hatte von ihr allerdings nur die E-Mail-Adresse, nichts sonst.

Etwas Suchen verknüpfte lady.fire@gmx.com mit der Adresse eines Ladens namens „Fiery Places“. Deren Eigentümerin, eine Feuerkünstlerin, nannte sich auch „Lady Fire“ und stellte sich – keine große Überraschung – als Kontaktperson der Fae in unserer Welt heraus und war bereit, der Lady eine Nachricht von uns zukommen zu lassen (sie schickte zu diesem Zweck eine kleine, beschworene Flamme los). Während wir warteten, kauften wir Christine auch noch einige nützliche Dinge ab: Roberto ein Buch und ich eine Feuerschutzsalbe. Falls die Lady Fire mal wieder mit mir spazieren gehen will. Meinen Armen hätte allerdings nicht mal die geholfen, fürchte ich. Au. Verdammt.

Nach einer Weile erschien nicht die Lady Fire, sondern eines ihrer Flammenkinder. Das meinte, seiner Herrin sei es gerade unmöglich, uns zu treffen, da sie das Ritual nicht unterbrechen könne. Was für ein Ritual? Na das aus meinem Buch, das, mit dem man Titania beschwört!

Äh. Wenn dieses Tagebuch ein Comic wäre, dann stünde jetzt hier eine Sprechblase mit drei Punkten drin, über einem gezeichneten Cardo, dem die Kinnlade heruntergeklappt ist.

Einen Moment lang war ich wortwörtlich sprachlos, während all die Implikationen durch mich hindurchrasten. Yolanda!! Aber das Ritual existierte doch gar nicht. Aber Lady Fire hatte ja schon bewiesen, dass sie nicht zwischen Fiktion und Realität unterscheiden konnte. Wenn sie daran glaubte, es mit völliger Selbstverständlichkeit durchzog, dann existierte es vielleicht doch, und dann... Yolanda!

Aber das Feuerkind beruhigte mich (oder versuchte es. Hah.) Nein, nein, die Lady verwende nicht meine Schwester als Gefäß für Titania, sondern meine Tochter. O Dios. Noch schlimmer!
Das Flammenkind verschwand also mit meiner eindringlichen Bitte an Lady Fire, Alejandra zu verschonen, weil eine solche Prozedur irreparable Schäden bei einem Menschen hinterlassen könne.

O Dios. Dass wir sofort zu Pans Palast mussten, war klar. Aber der Weg dahin dauerte mir viel zu lange, und ich war froh, dass ich nicht selbst fahren musste. Das hätte unter Garantie einen Unfall gegeben. Und Robertos blöder Spruch von wegen „was musst du deine ausgedachten Rituale auch so ausführlich beschreiben!“ half da komischerweise irgendwie auch kein Stück.

Am Strand, aber schon im Nevernever, führte Edward ein Ritual durch, um George herbeizurufen – er hatte sich dessen Wahren Namen offensichtlich ebenfalls gemerkt. Der wollte natürlich wieder mal eine Gegenleistung... aber nachdem er schon die ganze Filmszene aus „Legende“ bekommen hatte, war ich nicht gewillt, und in meinem aufgewühlten Zustand vielleicht noch nicht mal fähig, ihm etwas Größeres zu geben als einen Muffin. Der tat immerhin noch nicht mal weh. Aber demnächst bekommt der kleine burro rohes Gemüse und Vollkornkekse, wenn das so weitergeht!

George führte uns wieder durch die Schatten, in ebenso undurchdringlicher Finsternis und mit ebenso beunruhigender Geräuschkulisse wie zuvor. Wir kamen in dem Bereich heraus, den wir schon kannten – und das erste, was wir bemerkten, war Kampflärm. Da war eine riesige Flammenwand, hinter der sich Lady Fires Wachen verschanzt hatten und sich gegen Ruiz und etliche von Pans Gefolgsleuten zur Wehr setzten. Uns hatte George glücklicherweise hinter der Feuerbarriere abgesetzt, zwischen dem Kampfgeschehen und Lady Fires Tür.

Auf unser Klopfen reagierte niemand, was uns aber nicht davon abhielt, den Raum trotzdem zu betreten. Und da wurde auch klar, warum wir keine Aufforderung zum Eintreten bekommen hatten: Die Lady Fire war beschäftigt. Damit beschäftigt, die Sommerkönigin herzubeschwören. In meine Schwester, wohlgemerkt, denn die stand mit in dem Kreis, mit resigniert-gefasst-entsetztem Gesichtsausdruck. Offensichtlich hatte Yolanda sich freiwillig bereiterklärt, an Alejandras Stelle zu treten, oder Lady Fire war auf meine Bitte hin selbst umgeschwenkt. Egal, wie es gewesen war, es musste aufhören!

Keine Ahnung, wie oft die Lady schon „Titania!“ gerufen hatte. Aber offensichtlich noch keine dreimal, denn noch war die Königin aller Sommersidhe nicht hier.
Ich wusste, es war vermutlich keine gute Idee, aber ich rief die Lady an, unterbrach ihr Ritual. Ich konnte und wollte einfach nicht zulassen, dass Titania in meine Schwester hineinfuhr und diese übernahm. Im Roman mochte das spannend gewesen und für Catherine Sebastian gut ausgegangen sein, aber das hier war eben kein Roman, verdammt!

Roberto und ich versuchten alle möglichen Argumente. Dass es nicht funktionieren würde, weil es ohnehin nur ausgedacht war, wie Totilas Lady Fire erklären wollte, stellten wir erst einmal hinten an, das würde die Feuerfae vermutlich nicht so schnell verstehen. Also lieber Gründe wählen, die ihr vielleicht logischer erscheinen würden. Dass eine solche Besessenheit Yolanda ziemlichen Schaden zufügen könnte. Dass Königin Titania vermutlich überhaupt nicht amüsiert darüber sein würde, einfach so weggerufen zu werden von was auch immer sie gerade tat. Überhaupt – es war Mittsommer: Vermutlich war das, was ihre Majestät gerade tat, sogar ziemlich wichtig für den Sommerhof!

Aber die Lady Fire war nicht zu überzeugen. Im Gegenteil: Sie war selbst verdammt überzeugend, als sie erklärte, dass die Übernahme Yolanda nicht schaden werde und dass das die einzige Möglichkeit sei, Pan und Ruiz in die Schranken zu weisen. Und dann sah sie mir in die Augen und bat mich, ihr zu vertrauen. O cólera. Verdammte Weiber und ihre treuen Rehaugen – selbst wenn selbige Rehaugen glühende Flammen sind und deren Besitzerin einem gerade am Tag zuvor die verdammten Handgelenke weggebrannt hat!

Ja, verdammt. Ich vertraute ihr.

Nur Yolanda... O Dios. Yolanda. Ich wäre ja selbst in den Kreis, hätte mich statt meiner Schwester von Titania besetzen lassen... aber ich war mir sehr sicher, dass die es noch viel weniger lustig finden würde, in einen Mann hineinzufahren.

Roberto hingegen... Roberto hat ja durch seine Santería-Zauberei Erfahrung mit solchen Übernahme-Geschichten. Und seine Santería-Schutzpatronin, Orisha oder wie die das nennen, ist ja, wenn ich das richtig verstanden habe, die Heilige Jungfrau Maria, und die hat ihn auch schon das eine oder andere Mal mit ihrem Geist erfüllt. Was vermutlich auch der Grund ist, warum Roberto diese, hm, ziemlich deutliche weibliche Seite hat (und auch ziemlich oft raushängen lässt), wenn ich mir das so recht überlege.

Jedenfalls betrat er, während ich noch zögerte, den Kreis und tat auch irgendwas, um sich selbst zum attraktiveren der beiden potentiellen Ziele darin zu machen. Und es gelang: Die Sommerkönigin fuhr tatsächlich in Roberto hinein.

In exakt diesem Moment ging die Tür wieder auf, und Pan und sein cabrón von Erstem Ritter stürmten herein. Ruiz hatte diese verdammten goldenen Pistolen in der Hand und wollte auf Titania schießen, aber der Sommerherzog fiel ihm in den Arm. Und dann sprach die Königin ein Machtwort, und alles hing sofort, und ich meine sofort, an ihren Lippen.

Ihre Majestät machte keinerlei Hehl aus ihrem Unmut darüber, einfach so herbeizitiert worden zu sein, aber darüber werde sie sich mit Lady Fire gesondert unterhalten, sagte sie. Als Lady Fire ihr den Grund für die Beschwörung nannte, erklärte Titania, sie habe keinerlei Lust, diese Entscheidung selbst zu treffen. Sie gebe diese statt dessen in die Hände der 'Ritter von Miami'... und zeigte auf uns bei diesen Worten. Überdies stehe es Pan an, sich bis zu der Entscheidung einen Ersten Ritter zu suchen, der für dieses hohe Amt besser geeignet sei – und außerdem sei es Mittsommer und der Winter im Begriff anzugreifen. Und mit diesen Worten verschwand sie. War einfach fort. Und wir standen da wie vor den Kopf geschlagen.

Hossa. Wir sind also jetzt die Ritter von Miami?!?

Ruiz wartete gar nicht ab, wie Pan jetzt reagieren würde, sondern haute einfach ab. Totilas wollte ihn daran hindern, aber der cabrón hatte noch immer seine Revolver in der Hand und setzte Totilas mit einem dieser Sonnenstrahlen außer Gefecht.

Ich gebe zu, ich war mehr als überreizt und nervös. Ich blaffte Pan an, er müsse doch jetzt endlich handeln. Das war nur dummerweise die völlig falsche Strategie, denn darauf reagierte der Sommerherzog nun gar nicht gut. Es war Edward – ausgerechnet! – der Pan davon überzeugte, dass Ruiz im Angesicht des Angriffs durch den Winter wie ein Feigling geflohen sei, während sein Lehnsherr ihn brauchte.

Soweit so gut. Der cabrón war also nicht mehr der Erste Ritter. Aber nun brauchte der Herzog einen neuen. Und dreimal dürft ihr raten, wer das wurde, Römer und Patrioten.

Alex war nach der Nacht im Krankenhaus zuhause geblieben, um sich zu erholen. Totilas war ausgeknockt. Roberto hatte noch ein wenig an den Nachwirkungen der Besessenheit durch Titania zu knabbern, und Edward war nach seiner Nacht mit Cherie auch nicht groß auf der Höhe. Außerdem hätten sich ihre speziellen Fähigkeiten nicht mit der Feenmagie vertragen, die ein Erster Ritter der Fae automatisch übertragen bekommt. Es ging nicht anders. Nur ich blieb übrig.
Ich leistete Pan also diesen Eid, den ein Erster Ritter seinem Lehnsherren leisten muss, aber mit dem Zusatz, dass es nur vorübergehend sein würde, bis wir einen Nachfolger gefunden und ich diesem friedlich das Amt übergeben hätte. Trotzdem war mir alles andere als wohl dabei. Aber ich war jetzt der Erste Ritter. Mierda.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 25.07.2012 | 15:18
Ricardos Tagebuch: Summer Knight 5

Eigentlich hätte Pan jetzt jedes Recht gehabt, mich zum Krieg gegen den Winter abzukommandieren, aber glücklicherweise hielt er es doch für wichtiger, dass ich dem cabrón das Schwert und den Mantel wieder abjagen sollte, die dieser ja beide auf seiner Flucht mitgenommen hatte.

Ruiz hatte sich von den Oneirophagen wegbringen lassen, über die er ja noch immer die Gewalt besaß. George war als einziger nicht mit ihm mitgegangen, und so führte der uns jetzt – ohne Gegenleistung, man mag es kaum glauben, aber es ging ja auch um die Befreiung der Mutter – dem Verräter hinterher.

Wir landeten wieder in derselben alten Autowerkstatt. Aber diesmal hatte der cabrón kein wehrloses Opfer, an dem er sich vergehen konnte. Statt dessen trafen wir auf eine wüste Schälgerei: Marshal Dee hatte offensichtlich schon auf ihn gewartet und ihn konfrontiert.

Natürlich konnten wir sie nicht alleine gegen den Mistkerl kämpfen lassen, sondern sprangen ihr zur Seite. Mit seiner absolut selbstsicher vorgetragenen Behauptung, wir hätten die Traumfresser-Mutter schon befreit, konnte Totilas Ruiz immerhin so lange verwirren, dass Edward versuchen konnte, dem cabrón die Waffen abzunehmen. Die Pistole konnte er ihm auch entreißen, das Sommerschwert aber dummerweise nicht. Mit dem ging Ruiz auf mich los, und ich hatte alle Mühe, seinen Angriffen auszuweichen. Immerhin machte er sich so gegenüber Dee verwundbar, der es gelang, Ruiz einen wohlplatzierten Tritt gegen das Kinn zu verpassen. Der cabrón fiel um wie ein Sack Reis, war sofort außer Gefecht. Dennoch hätte sie noch weiter auf ihn eingeprügelt und ihn vielleicht sogar totgeschlagen, wenn nicht Roberto und Edward eingegriffen hätten. Vor allem von Roberto ließ sie sich zurückhalten, denn der wirkte nach seiner Übernahme durch Titania noch immer sehr weiblich, und auf Männer war Marshal Dee in diesem Moment gar nicht gut zu sprechen. Was ich verstehen konnte, mich aber irgendwie auch ziemlich frustrierte. Mierda.

In diesem Moment, als der Kampf vorüber war und Ruiz am Boden lag, bemerkte ich auch erst, dass meine Handgelenke gar nicht mehr wehtaten. Und als ich vorsichtig unter die Verbände linste, waren die Brandwunden tatsächlich verheilt. Hatte es also doch einen Vorteil, der Erste Ritter eines Sommerherzogs zu sein. Nur die Narben waren noch da. Aber das wäre ja auch zu viel zu erwarten gewesen.

Jetzt, wo Ruiz außer Gefecht war, nahm ich ihm das Schwert und den Mantel des Ersten Ritters ab, während Totilas ihm den Schlüssel vom Hals zog. Dee versprach uns, dass sie sich wieder unter Kontrolle hatte und auf den cabrón aufpassen würde, bis der Krankenwagen kam und sie ihn den Behörden übergeben konnte.

George brachte uns indessen zu seiner Königin, wo Totilas das magische Schloss öffnete. Man konnte der Ober-Oneirophaga richtiggehend die Erleichterung anmerken, ganz gleich wie fremdartig sie war, allein daran, wie sie sich im Moment ihrer Befreiung genüsslich ausdehnte, gewissermaßen ihre Wolkenform reckte und streckte. Und sie war unglaublich fremdartig. Denn in ihrem Recken und Strecken dehnte sie sich derart aus, dass sie auch über uns hinwegfloss, uns in ihre Präsenz einhüllte, und das war... Madre mia. Sehr, sehr eigenartig und überhaupt nicht angenehm.
Aber es dauerte nur einen Moment lang, dann zog sie sich wieder zusammen und verschwand durch die Risse im Boden, vermutlich zurück zum Äußeren Rand, wo sie eigentlich hingehörte.

Als wir zu Pans Palast zurückkamen, war die Auseinandersetzung Sommer gegen Winter in vollem Gange. Das passierte vor allem draußen am Strand, wo die Sturmkinder Tanits Drohung wahrmachten und Pans Streitmacht einen mehr als heftigen Denkzettel verpassten. Dem gingen wir lieber aus dem Weg (nicht dass Pan noch auf die Idee kam, sein neuer Erster Ritter könne sich jetzt, wo Ruiz erledigt war, doch noch an dem Kampf beteiligen) und verzogen uns auf die reale Seite des Strandes.

Denn unterwegs hatten wir darüber nachgedacht, wer sich wohl als mein Nachfolger in Pans Diensten eignen würde, und hatten aus unterschiedlichen Gründen Sir Anders und Marshal Dee verworfen. Aber wie wäre es mit dem Surfer, der uns sein Handy geliehen hatte?
Wir fanden den Jungen tatsächlich am Strand, und nach ein wenig Überzeugungsarbeit erklärte er sich auch dazu bereit, den Job anzunehmen. Puuuuh. Erste Hürde geschafft.

Aber es stand ja auch noch unsere Entscheidung über den Sommerherzog von Miami aus. Wir waren uns alle einig, dass Lady Fire es nicht sein konnte. Ja, sie hatte uns geholfen, und ja, wir waren ihr sehr dankbar dafür, dass sie uns befreit hatte und alles, aber sie war einfach zu weltfremd, zu... feeisch. Sie würde die Stadt ins Chaos reißen und es nicht einmal merken. Die unglaubliche Hitzewelle, die allein durch ihre Gegenwart in der Stadt ausgelöst worden war, zeigte das schon allzu deutlich.

Wir bestätigten Pan also im Amt, was Lady Fire mit extremem Missfallen quittierte und beleidigt mit ihrem Gefolge aus der Stadt abzog. Cólera. Ich hoffe, sie ist nicht nachtragend, aber ich befürchte ganz anderes. Und ich habe ihr ja auch noch ein Exemplar von Faerie Storm versprochen, sobald es fertig ist... O madre mia, ayudame. Wie ich ihr das zukommen lasse, und wie dann die Begegnung mit ihr wird, muss sich zeigen. Um es in Comic-Sprache zu sagen, schluck.

Colin, der Surfer, trat übrigens tatsächlich meine Nachfolge an. Dazu musste er mich natürlich in einem Duell besiegen. Wir wählten ‚Waffen‘, und als Waffen die bloßen Hände. Sprich, wir spielten schlag-die-Hand-und-zieh-sie-weg, und irgendwann schaffte ich es auch, die Hände an Ort und Stelle zu lassen, so dass Colin sie treffen konnte. Dann gab ich Mantel und Schwert ab, und Colin sprach den Eid, und damit war die Episode ‚Cardo ist Pans Erster Ritter‘ gegessen. Puuuuuh.

Die Feuerkinder hatten indessen auf Alejandra und Yolanda aufgepasst und sie von der Auseinandersetzung ferngehalten. Alejandra war nur am Schwärmen über ihre tollen neuen Freunde, die brennen konnten und soooo nett waren. Ich hoffe, ich konnte ihr trotzdem im Nachgang ein wenig Vorsicht gegenüber Feen einimpfen... Aber dass es sie gibt, das weiß sie jetzt. Naja, vielleicht vergisst sie das auch wieder. Sie ist immerhin erst vier.
Nur Yolanda wird das so schnell nicht vergessen. Die war ziemlich geschockt von ihrer plötzlichen und so unangenehmen Begegnung mit dem Übernatürlichen. Es wird sich wohl erst noch zeigen, ob sie akzeptiert oder verdrängt. Aber mein Schwesterchen ist zäh, die wird sich schon durchbeißen, hoffe ich.

Und Dee hat die Stadt wieder verlassen, ihr Auftrag ist ja erledigt. Ehe sie abfuhr, rief sie kurz an. Das fand ich nett.

Oh, und ein Gutes scheint die ganze mierda immerhin gehabt zu haben. Denn es ist so viel passiert, dass mir schon wieder ein paar Ideen gekommen sind. Es scheint, meine Schreibblockade ist vorüber, Römer und Patrioten.

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04. Juli. Unabhängigkeitstag. Aber deswegen schreibe ich gar nicht. Sondern deswegen, weil George mich in letzter Zeit ab und zu im Traum besucht. Das ist irgendwie cool. Er frisst auch gar nichts, zumindest nicht, dass ich es merken würde, aber wir unterhalten uns im Traum, weil er da ja reden kann. Er ist jetzt anders als die anderen Oneirophagen, ist der einzige, der einen Namen hat, und fühlt sich etwas einsam, glaube ich. Aber ich freue mich ja, wenn er mich besuchen kommt. Und er ist mein Freund.

Ich habe George auch danach gefragt, ob er und seine Freunde vielleicht etwas von dem Material, das sie Alison und den anderen weggefressen haben, an sie wiedergeben könnte. Denn noch konnten wir den Opfern ja nicht helfen, und wenn da nicht bald etwas passiert, werden sie daran zugrunde gehen, fürchte ich.

Dummerweise meinte George, wieder ausspucken ginge nicht, das Zeug sei alles weg. Aber er hat mich auf eine Idee gebracht. Er fragte mich nämlich, warum ich nicht einfach wieder was in die Leute reintäte, ich sei doch so gut darin, Zeug in Sachen reinzutun. Hmmm. Ich alleine sicher nicht, aber... hmmmm. Mal mit den anderen reden.

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10. Juli

Es hat geklappt. Gracias a Dios, es hat geklappt. Ich weiß nicht genau, was Edward da genau für ein Ritual abgezogen hat, aber wir haben uns alle daran beteiligt, und es klappte. Ich schrieb ein Skript, um die Träume wieder anzustoßen. Roberto lieferte die ganzen Materialien, die benötigt wurden. Alex fand den Platz, wo es am besten stattfinden konnte, und Totilas versetzte die Opfer in einen angemessen entspannten Zustand. Und bei Edward lief wie gesagt alles zusammen, der führte das Ding durch. Madre mia, was bin ich erleichtert.

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16. Juli

Die Wohnungsrenovierung soll auch demnächst abgeschlossen sein, hat man mir versichert. Gut... so langsam bin ich die Baustelle leid.

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27. Juli

Dee hat angerufen. Ruiz ist in ein Koma gefallen, sagte sie, und es sieht nicht so aus, als werde er je wieder zu sich kommen. Ich bin ja sonst kein rachsüchtiger Typ, aber. Geschieht ihm recht. Geschieht ihm recht.

Dee meinte auch, sie werde sich melden, wenn sie wieder mal in der Stadt sei. Das würde mich freuen. Und wie.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 25.07.2012 | 18:50
Ach, schöööön.  :D
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 26.07.2012 | 10:57
Nur wieder sehr, sehr lang. Und ich dachte eigentlich, am Sonntag sei weniger passiert. :)

Sorry... ich kann mich einfach nicht kurz fassen. Geht nicht.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Gorai am 26.07.2012 | 18:58
Nur wieder sehr, sehr lang. Und ich dachte eigentlich, am Sonntag sei weniger passiert. :)

Sorry... ich kann mich einfach nicht kurz fassen. Geht nicht.

Danke für die Einblicke von Ricardos Tagebuch ! :d Ich finde es nicht zu lang  ;D :d


Wie lange spielt Ihr eigentlich immer?

Sprichst Du eigentlich privat viel spanisch oder woher hast Du die vielen spanischen Phrasen ?
Magst Du mir vielleicht von den geläufigen, vielleicht auch nur per PN eine Übersetzung bereit stellen?

Warum ist Ricardo nicht ein ständiger Berater der Polizei, ähnlich wie bei der Fernsehserie "Castle"?
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 26.07.2012 | 21:01
Danke für die Einblicke von Ricardos Tagebuch ! :d Ich finde es nicht zu lang  ;D :d

Dann ist ja gut. :D Ich bin einfach eine unverbesserliche Labertasche, das habe ich schon in so vielen meiner Diaries gemerkt. :P

Zitat
Wie lange spielt Ihr eigentlich immer?
Meistens kommt die ganze Bande samstags mittags so gegen 13:00, 14:00 Uhr an. Ehe wir anfangen, dauert es dann meist noch so eine bis zwei Stunden, und dann spielen wir bis abends gegen 22:00, 23:00, unterbrochen von einem gemeinsamen Abendessen.

Am Sonntag geht es dann gegen 11:00 mit einem gemeinsamen Spätstück los, da wird es also auch meistens etwa 13:00, bis wir losspielen. Sonntags machen wir aber früher Schluss, meist so gegen 17:00 Uhr.

Aber dafür spielen wir ja auch nur alle paar Monate mal, da lohnt sich das mit dem langen Wochenende.

Zitat
Sprichst Du eigentlich privat viel spanisch oder woher hast Du die vielen spanischen Phrasen ?
Hihi nee, aber ich kann mich ein bisschen durchbluffen. Kommt vermutlich von berufs wegen. Diplom-Dolmetzgerin und Übelschwätzerin und so. :)

Zitat
Magst Du mir vielleicht von den geläufigen, vielleicht auch nur per PN eine Übersetzung bereit stellen?
Klar doch. Kein Problem.
Hmm. Mal sehen.

Gracias a Dios: Gott sei Dank
Madre mia: Meine Mutter (wortwörtlich) ≈ Heilige Mutter Gottes (Bedeutung)
ayudame: hilf mir
cólera: Cholera (als Schimpfwort verwendet)
mierda: Scheiße
cabrón: Mistkerl (richtig krudes Schimpfwort)
muy sospechoso: sehr verdächtig
el mejor amigo de Duque Pan: der beste Freund von Herzog Pan
burro: Esel
considerame impresionado: Man halte mich für beeindruckt.

Hab ich was vergessen? Wenn ja, schrei einfach. :)

Zitat
Warum ist Ricardo nicht ein ständiger Berater der Polizei, ähnlich wie bei der Fernsehserie "Castle"?

Naja... er ist natürlich schon ursprünglich aus der Castle-Idee entstanden. Das sieht man ja schon am Namen. Aber offizieller, ständiger Polizeiberater zu sein, würde nicht passen. Warum wär ers, aber die anderen nicht? Er hängt ja so schon genug mit Edward rum, als INoffizieller Polizeiberater gewissermaßen. :)
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 26.07.2012 | 21:23
Warum ist Ricardo nicht ein ständiger Berater der Polizei, ähnlich wie bei der Fernsehserie "Castle"?

Die ganz einfach Antwort darauf ist: Weil Edward ihn freiwillig mitnimmt. :)

Sonst würde irgendein höhergestellter Fan schon dafür sorgen, dass er dabei sein darf.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Edward Fu am 26.07.2012 | 22:01
Es hat nur Vorteile Cardo mitzunehmen. Im zwischenmenschlichen Bereich ist der viel besser, als Edward. Und er ist Edwards bester Freund (ok, das wäre fast schon ein Grund, ihn nicht mit zu nehmen ;) )
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 25.09.2012 | 14:54
Ricardos Tagebuch: Death Masks 1

Wo sind wir da nur wieder reingeraten? Ich meine, ich habe mich ja schon daran gewöhnt, dass abgefahrener Kram passiert. Aber so abgefahrener Kram? Madre mia.

Eigentlich fing alles mehr oder weniger normal an. Wir saßen im Dora's (das sich übrigens in letzter Zeit etwas verändert hat. Irgendwie ist es 'grüner' geworden, nur noch Bio-Zutaten, FairTrade-Kaffee, all diese Dinge, und die Klientel besteht seit einer Weile auch mehr aus Angehörigen der umweltbewussten Szene denn aus Cops. Ich kann aber nicht sagen, dass mich das stören würde. Die neuen Donuts schmecken richtig lecker, und die hausgemachten Bagels mit Rührei und Lachs erst...), als ein Kerl, der seiner Kleidung und seinem unsicheren Gebaren nach offensichtlich aus den Glades stammte, hereinkam, sich umschaute und dann relativ zielsicher an unseren Tisch kam. Ob wir die 'schönen Männer' seien. Grrrrrr.

Und Roberto bejahte das auch noch. Soll er doch für sich selbst sprechen, verdammt. Wie dem auch sei, der Mann hatte offensichtlich gefunden, wen er suchte, und stellte sich jetzt als Samuel Elder vor. Ja, einer von den Elders. Dem Werkrokodils-Clan aus den Glades. Cousin oder Onkel oder sowas von Selva Elder von der Waystation, dem neutralen Boden da draußen, wo damals die Auktion über die Sturmkinder abgehalten wurde.

Dieser Samuel Elder jedenfalls meinte, er hätte gehört, wir würden Leuten helfen. Was uns erst einmal gehörig blinzeln ließ. Wie und wann zum Geier ist das denn nun aufgekommen? Na, von mir aus. Es stimmt ja sogar irgendwie. Vor allem, wenn der Mensch, der da ankommt, so.. hm... hilflos wirkt wie Samuel in diesem Fall.

Seine Nichte Ilyana mache ihm Sorgen, sagte er. Die sei vor ein paar Wochen in die Stadt gegangen und nicht wiedergekommen, habe sich mit den Santo Shango eingelassen, aber sie gehöre nun mal in die Glades, die große Stadt und vor allem die Santo Shango seien nicht gut für sie. Ob wir mal versuchen könnten, mit ihr zu reden.

Na von mir aus. Versuchen konnten wir es ja tatsächlich mal, nur versprechen konnten und wollten wir nichts. ... Was sich dann auch als durchaus vernünftig herausstellte, denn wir bekamen Ilyana bei den Santo Shango nicht mal zu sehen.

Wir beobachteten deren Hauptquartier eine Weile, ehe wir Aufmerksamkeit erregten und eine, jetzt hätte ich fast 'Audienz' gesagt, aber das Wort trifft es eigentlich gar nicht so schlecht, bei Cicerón Linares erhielten. Glücklicherweise haben wir ja bisher keinen Grund, uns mit dem anzulegen, bzw. er sich mit uns, und so verlief das Gespräch ganz friedlich. Friedlich, aber unzufriedenstellend.

Es sei unmöglich, mit Ilyana zu reden, erklärte Cicerón, denn die werde gerade zur Priesterin ausgebildet. Das Ritual, das gerade durchgeführt werde, dauere ein paar Tage und dürfe nicht unterbrochen werden. Wenn dieser Schritt abgeschlossen sei, könnten wir zu ihr. Mierda.

Der Santo Shango hatte aber noch weitere Neuigkeiten, eine so beunruhigend wie die andere. Die Masken von Yansa, Oshun und Eleggua seien aufgetaucht, erklärte er mit bedeutungsschwerer Stimme und einem mindestens ebenso bedeutungsschweren Blick zu Alex und Roberto. Den beiden sollte das also offensichtlich etwas sagen, und tat es auch, wenn ich mir deren Reaktion so ansah. Anders als mir. Okay, Oshun und Eleggua sind diese Santería-Orishas, und Oshun ist Robertos Schutzpatronin und Eleggua der 'Auftraggeber' von Alex. Soweit wusste ich das natürlich schon. Und Yansa, erklärten sie mir später, sei eine Orisha der Stürme und des Kampfes. Die Masken, bekam ich gesagt, existierten seit Jahrhunderten und erlaubten es ihrem Träger, die Macht der jeweiligen Orishas zu kanalisieren und zu nutzen, ohne es dem Orisha selbst zu erlauben, den Körper des Praktizierers zu übernehmen.

Klingt irgendwie nicht sonderlich christlich, wenn ich mir das so überlege. Ich hatte das bis dahin immer so verstanden, dass Robertos Schutzheilige die Jungfrau Maria ist, die ihn mit ihrem Geist erfüllt. Naiv, Alcazár, unfassbar naiv. Genug der Selbstverleugnung. Du hattest das so verstehen wollen. Zwei deiner Freunde betreiben Voodoo, auf die eine oder andere Weise. Gesteh es dir ein. Werd damit fertig. Ich meine, einer deiner Kumpels ist ein Vampir, um Himmels Willen. Und dein bester Freund ist eine Art Werwolf, wo wir schon mal dabei sind. Padre en el cielo, vergib uns allen unsere Sünden.

Jedenfalls. Diese Loa-Masken, die seit Jahrhunderten bei ihren jeweiligen Priesterschaften aufbewahrt wurden, und zwar hochgeheim, damit sie nicht in falsche Hände geraten sollten, sind offensichtlich entwendet worden. Oder jedenfalls aus der Versenkung aufgetaucht. Irgendwer habe seinen Mund nicht halten können über die Masken.

Linares deutete auch noch an, dass er ein großes Interesse an der Yansa-Maske habe, und wenn wir ihm die brächten, könne er sicherlich dafür sorgen, dass wir mit Ilyana reden könnten. Hah. Unglaublich mächtige Voodoo-Maske gegen ein paar Minuten Gespräch? Von wegen. Na gut, räumte Cicerón dann ein, davon sei er auch gar nicht ausgegangen, aber es könne ja nichts schaden, sein Interesse an dem Ding mal so ganz grundsätzlich zu bekunden. Doppel-Hah.

Außerdem erzählte er noch, dass die Orunmila Probleme mit dem White Court hätten. Und das, Römer und Patrioten, beunruhigte Roberto und Totilas, und per Definition somit auch uns andere, fast noch mehr als die Geschichte mit den Masken. Denn wenn die Orunmila Ärger haben, warum wusste Roberto dann nichts davon, der relativ eng mit ihnen zu tun hat? Und wenn es Probleme mit dem White Court sind, warum war Totilas dann nicht darüber im Bild? Sehr seltsam, das alles.

Es hatte sich jedenfalls nicht nur um einen Einzelfall gehandelt, berichtete Linares weiter, sondern es hatte mehrere Vorfälle gegeben, und bei allen waren Bewaffnete aufgetreten, die an ihrer Verbindung zum White Court keinen Zweifel gelassen hatten. Sie hatten schwarze, paramilitärische Uniformen getragen und waren alle an einem Armband mit einem Symbol darauf zu erkennen gewesen. So war vor einigen Tagen eine Botánica überfallen und verwüstet worden. Gestern oder vorgestern hatten dieselben Typen an einer Bushaltestelle ein paar Jugendliche aus dem Viertel verprügelt, und gerade heute hatte ein Haus gebrannt.

Wir gingen diesen Spuren natürlich nach, gar keine Frage. Zuerst kontaktierte Edward seine Dienststelle und ließ sich den Tathergang und die Täter, soweit bekannt, beschreiben. Das Symbol auf den Armbändern war Totilas bekannt: es war eine stilisierte Version des Wappens von Haus Raith.
Dann sprach Edward mit einem seiner Bekannten bei der Feuerwehr, der uns zu dem Brand folgendes sagen konnte: Das Feuer sei durch Brandstiftung entstanden; laut Zeugenaussagen habe eine rothaarige Frau Brandsätze geworfen. Oder zumindest müssten es Brandsätze gewesen sein, auch wenn noch keine Spuren von Brandbomben oder ähnlichem hätten gefunden werden können. Menschen seien bei dem Brand aber keine zu Schaden gekommen, weil die Frau vorher alle Bewohner aus dem Haus gejagt habe. Immerhin, eine Brandstifterin mit Skrupeln. Und vermutlich sogar eine magisch begabte Brandstifterin mit Skrupeln, zumindest deuteten darauf die fehlenden Spuren von Brandsätzen gleich welcher Art.

Rothaarige Flammenmagierin... Na, wer fiel dem Cardo wohl als erstes dazu ein? Nicht gut, Römer und Patrioten. Gar nicht gut. Bei der Vorstellung ging mir gehörig der Arsch auf Grundeis, wenn ich das mal so krude ausdrücken darf. Aber eine Beschreibung der Dame ergab, dass es nicht Lady Fire war. Und Christine, ihr mundanes Sprachrohr aus dem „Fiery Places“, konnte es auch nicht sein. Den Stein von meinem Herzen konnte man bestimmt noch in Orlando poltern hören. Übrigens hatte die Frau, als sie die Leute aus dem Haus scheuchte, laut und deutlich „schöne Grüße von Gerald“ bestellt. Mierda.

Totilas rief also sofort seinen Großvater an, der allerdings energisch abstritt, dass der White Court den Orunmila Ärger machen wolle, und seinen Enkel damit beauftragte, sich weiter um die Sache zu kümmern.

Als nächstes suchten wir die Jugendlichen an dieser Bushaltestelle auf und bekamen von denen bereitwillig erzählt, was sich zugetragen hatte. Einer der Jungen war gerade hinter einem Baum gewesen, als die Schlägertypen auftauchten, und war klugerweise außer Sicht und den Kerlen hinterher auf den Fersen geblieben. Er verfolgte sie bis zu einer Nobelkarosse, wo die Typen sich mit einer „umwerfend scharfen Braut“ trafen, mit dunklen, knapp schulterlangen Haaren und „coolen silberfarbenen Kontaktlinsen“, die der Junge sehen konnte, nachdem die Frau einen langen Moment mit dem Anführer der Schläger herumgeknutscht und diesem offensichtlich den Atem geraubt hatte, so sehr wie dem die Knie weich wurden. Nach dieser Zeugenaussage war für uns klar: Die scharfe Braut war eindeutig eine White-Court-Vampirin. Zum Glück hatte der Junge sich auch das Nummernschild merken können. Das zugehörige Fahrzeug, konnte Edward über seine Polizeikontakte in Erfahrung bringen, gehörte zum Fuhrpark des Raith-Clans. Eine weitere Info, die Totilas seinem Großvater zukommen lassen konnte.

Wir gingen indessen die Orunmila aufsuchen. Immerhin dreht sich diese ganze mierda um sie. Wir fanden Macaria Grijalva im Gemeindehaus des Viertels, wo diese gerade im Gespräch, oder besser heftigem Disput, mit zwei Männern war, die Roberto uns als Mit-Älteste der Santería-Gemeinschaft ausdeutete. Um was es ging, konnten wir nicht hören, aber ich vermute mal, um eben genau die jüngsten Ereignisse. Macaria selbst war recht kurz angebunden zu uns, erklärte aber, dass der White Court es wohl wegen der „Sache in Fort Lauderdale“ abgesehen habe. Was genau in Fort Lauderdale passiert sei, sagte sie nicht, irgendein Kampf, irgendeine Auseinandersetzung, und dabei seien angeblich die Orunmila den weißen Vampiren in den Rücken gefallen. Was nicht stimme, erklärte Macaria mit Nachdruck. Aber die Gerüchte gebe es eben, und seither auch die Übergriffe des White Courts. Und ja, die Orunmila haben irgendwelche Beziehungen zu den Raiths, ganz aus der Luft gegriffen ist die Verbindung also nicht. Nur eben das mit dem Verrat, sagte Macaria. Bezüglich der Loa-Masken bestätigte sie uns etwas widerwillig, dass deren Verbleib tatsächlich nicht länger im Dunklen liege. Angel Ortega, Robertos Spezialfreund von der Sache mit dem Geisterbiest, habe ausgeplaudert, dass die Masken bei den Orunmila in Verwahrung liegen. Und nun sei natürlich die ganze Welt hinter den Dingern her. Und Angel wegen dieser Indiskretion bis auf Weiteres von den Orunmila ausgeschlossen. (Was Roberto, nicht sonderlich überraschend, ein kleines, schadenfrohes Grinsen entlockte.)

Totilas wurde übrigens von den Leuten im Viertel ziemlich sofort als weißer Vampir erkannt und entsprechend finster betrachtet, und er bekam auch mehr als ein Schimpfwort ab. Nur gewalttätig wurde es nicht. Zum Glück. Aber weil es vermutlich nicht sonderlich gesund für unseren Raith-Kumpel gewesen wäre, so lange in Little Cuba herumzuhängen, bis es vielleicht doch zu Tätlichkeiten kam, traten wir lieber den Rückzug an. Alex hatte einen Kumpel, der sich unglaublich gut aufs Zeichnen verstand und der nach den Beschreibungen der Mieter des abgebrannten Hauses ein Phantombild von der feuerhaarigen Brandstifterin erstellte.

Keinem von uns sagte die Frau auf dem Bild etwas – nur Roberto. Und der kannte sie auch noch, weil sie tatsächlich eine Verwandte von ihm war. Eine Cousine, um genau zu sein, Ximena O'Toole. Deren Mutter, Robertos Tante, hatte einen Iren geheiratet, deswegen die schräge Namenskombination. Und deswegen auch die Haare, vermutlich.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 25.09.2012 | 14:57
Ricardos Tagebuch: Death Masks 2

Ximena O'Toole – dieser Name hatte auch auf der Liste gestanden, die Spencer Declan uns damals bei der Sache mit den Kojanthropen erstellt hatte, als es darum ging, wer in der Stadt alles mächtig genug war, um dieses Ritual abzuziehen. Wir hatten uns mit ihr nur nie beschäftigt, weil sich dann ja recht schnell herausstellte, dass Angel versehentlich das Biest gerufen hatte und wir die Liste nicht weiter abklappern mussten. Tssss. Dieser Roberto. Hätte er ja schon damals mal einen Mucks tun können, dass ihm der Name etwas sagte.

Aber jedenfalls war diese Verbindung insofern von Vorteil, als Roberto über seine Eltern leicht an Ximenas Adresse und Telefonnummer kam und dann einfach kurzerhand bei seiner Cousine anrief.
Das Gespräch das wir am Lautsprecher mitbekamen, war höchst amüsant. Es war nämlich ein klassischer Fall von Missverständnis. Roberto kam überhaupt nicht dazu, sein Anliegen vorzubringen, denn er wurde sofort mit einem „Ach, du bist bestimmt der neue Spieler! Du spielst einen Zwerg, richtig? Heute abend um acht geht’s los“ überfahren.
Roberto, völlig überfordert, sagte nur ein paarmal „ja, ja, okay, ist gut, bis dann“ und legte auf. Seiner verblüfften Miene nach hatte er noch nie Arcanos gespielt, deswegen erklärte ich erst mal ein wenig, vor allem, weil der Begriff „Rollenspiel“ ihn und Totilas zunächst in eine völlig andere Richtung denken ließ. Seufz.

Danach beschlossen wir, dass ich an Robertos Stelle am Abend zu der Session gehen würde, weil ich auf der Uni früher regelmäßig Arcanos gespielt habe und den „neuen Spieler“ glaubwürdiger würde geben können als Roberto, der ja Pen&Paper-Rollenspiel noch gar nicht kennt.

Aber bis dahin war noch etwas Zeit, und so fuhren wir erstmal raus zu Jack in der Kommune, ob der uns vielleicht etwas mehr über die ganze mierda sagen konnte. Von den Loa-Masken wusste er selbst nicht so viel, aber Voodoo ist ja auch nicht so wirklich White Eagles Spezialgebiet. Ximena O'Toole hingegen kannte er als Magie-Wirkerin, nicht ganz auf White Council-Niveau, aber auch nicht so schlecht. Eigentlich ziemlich cool drauf, meinte er, nur in letzter Zeit habe sie ziemlich abgedreht. Hm. Okay. Also mit etwas Vorsicht zu genießen, die Dame. Als ob das aufgrund ihrer letzten Tätigkeiten in Sachen Häuser anzünden nicht ohnehin schon klar gewesen wäre.

Die Spielsession fand bei einem Kommilitonen von Ximena statt. Außer mir waren da noch vier andere Spieler, Ximena die einzige Frau darunter. Es gab etwas Verwirrung, weil anscheinend ausgemacht gewesen war, dass als fünfter Mitspieler ein Mädchen rekrutiert werden sollte, und ein Mädchen bin ich ja nun mal definitiv nicht. Darüber war einer der Jungs, Cole mit Namen, ziemlich angepisst, während ein weiterer Mitspieler, Gary, mich sofort erkannte, als ich zur Tür reinkam, und fast einen Herzinfarkt bekam. Da habe ich wohl einen ziemlichen Fan von mir getroffen... Das freute mich natürlich einerseits, aber andererseits wollte Gary die ganze Zeit mit mir über meine Bücher reden. Ich versuchte, das so gut wie möglich abzublocken, immerhin waren wir für Arcanos da und nicht für Das Eric Albarn RPG, aber es ging so weit, dass der Spielleiter Gary ermahnen musste, das OT-Geblubber doch bitte auf hinterher zu verschieben.

Ximena war auch ziemlich auf Krawall gebürstet. Als sie rausbekam, wer ich bin, machte sie mir erstmal Vorwürfe, ich hätte meine gesamten Eric-Plots bei einem gewissen Grant Walton abgeschrieben. Und dabei kenne ich diesen Grant Walton noch nicht mal. Memo an mich: mal was von dem lesen und sehen, ob er meinen Sachen wirklich so sehr ähnelt. Ihre Sticheleien wurden den ganzen Abend über auch nicht viel besser, selbst nachdem wir ins in-game gegangen waren. Aber das lag vielleicht daran, dass sie eine Elfin spielte und ich eben, wie gesagt, einen Zwerg, da gehören so launige Streitigkeiten einfach dazu. Spaß gemacht hat es jedenfalls.

Als der Spielabend rum war, bot ich Ximena an, sie heimzufahren, in der Hoffnung, noch etwas mehr von ihr erfahren zu können, aber sie war mit dem Fahrrad da und wollte sich nicht unbedingt zu mir ins Auto setzen. Klar. Wenn sie so magisch begabt ist, wie sie es zu sein scheint, dann ist moderne Technik vermutlich schon ziemlich anfällig bei ihr. Und James hat ja nun mal einen Bordcomputer und auch sonst alle mögliche Elektronik in sich, die sie hätte zerschießen können.

Aber wie wir da so vor dem Haus standen, fragte sie mich rundheraus, ob ich zu den 'schönen Männern' gehören würde. Gah. Nicht sie auch noch. Verdammt. Naja, wirklich abstreiten konnte ich das nicht, zumindest nicht die Tatsache, dass ich mit den anderen Jungs zusammenhänge und dass irgendwie diese verdammte Bezeichnung an uns hängengeblieben ist. Jedenfalls meinte sie, als ich es ihr brummelnd bestätigt hatte, wenn wir mal Hilfe brauchen würden oder einen Auftrag vergeben wollten, sie sei da. Und gab mir ihre Karte. Dass da nicht „Mage for Hire“ draufstand, war noch alles. Auf den Hausbrand sprach ich sie noch nicht an. Erstmal mit den anderen reden und Bericht erstatten. Was ich am nächsten Morgen dann gleich tat.

Gerald Raith hatte inzwischen etwas über das Autokennzeichen herausgefunden, das Totilas ihm durchgegeben hatte. Es gehört zu der Limousine, die seine Mutter Camerone regelmäßig nutzt. Camerone Raith, die sich mit ihrem Sohn Gerald so überhaupt nicht versteht. Camerone Raith, die letztes Halloween beinahe mit Roberto rumgemacht hätte. Die Camerone Raith. Yay.

Also ab ins Biltmore Hotel, wo die Lady ja, wie fast alle anderen Raiths auch, seit über einem Jahr ihre Residenz aufgeschlagen hat. Oder besser hatte. Denn Camerone war nicht mehr da, als wir ankamen. Hatte ihre Suite zwar noch gebucht, aber war schon seit einigen Tagen nicht mehr dort gewesen. Mierda.

Nachdem wir jetzt von Camerone wussten, kontaktierte ich Ximena und bat um ein Treffen. Dabei gestand ich ihr dann, dass ich am vorigen Abend nicht ganz so zufällig zu der Spielgruppe gestoßen sei (was sie erwartungsgemäß nicht sonderlich überraschte). Sie gab zwar nicht zu, den Brand in dem Haus gelegt zu haben, noch wer ihre Auftraggeberin gewesen war, aber mit einer Reihe „wenn“ und „angenommen“ und „hypothetisch“ von beiden Seiten wurde es doch relativ klar, dass sie das Feuer zu verantworten hatte. Sie erklärte sich bereit, ihrem Auftraggeber eine Nachricht zu überbringen, war aber ansonsten sehr schweigsam und sagte nichts, fühlte sich offensichtlich ihrer Berufsehre verpflichtet. Unsere Warnung, sie solle sich nicht mit so riskanten Sprüchen wie „ich bin genauso gut wie Declan – nur billiger!“ mit dem Warden anlegen, tat sie mit einem Schulterzucken ab. Wenn Declan sich mit ihr anlegen wolle, solle er es nur versuchen. Dann werde man ja sehen, was dabei rauskäme. Hossa. Mutig. Ich meine, wir werden sie bestimmt nicht an Declan verraten, aber sowas könnte trotzdem schneller bei ihm ankommen, als ihr lieb ist.

Da wir keine Ahnung hatten, wie lange es dauern würde, bis Ximena mit Camerone redete und ob Totilas' Urgroßmutter überhaupt mit uns würde reden wollen, wie erbeten, beschlossen wir, selbst nach ihr zu suchen. In ihrem Hotelzimmer waren ja noch die meisten ihrer Sachen, darunter auch ein Paar Schuhe, das sie offensichtlich vor kurzem getragen hatte und mit dem Edward ein Suchritual abhalten konnte, das uns zu ihr führte.

Die Spur führte in das Gemeindehaus in Little Cuba, in dem wir zuvor schon mit Macaria Grijalva gesprochen hatten. Dort geriet Roberto in ein religiöses Streitgespräch mit einem padre, der gegen die Santería wetterte und versuchte, Roberto davon zu überzeugen, dass dessen Weg der falsche war. So ganz in den Kleidern stecken blieb dem der Sermon offensichtlich nicht, denn er wirkte hinterher sehr nachdenklich. (Und ich muss dem padre ja recht geben. Christlich ist das, was Roberto da treibt, keinesfalls.)

Wir schlichen uns jedenfalls rein, um zu lauschen. Das ging nicht so lange gut: Sie erwischten uns und warfen uns hochkant raus. Aber nicht, ehe wir hörten, wie Camerone Raith den Orunmila ein Bündnis anbot. Sie erklärte den drei Ältesten, sie sei von Gerald Raith beauftragt worden, den Orunmila einzuheizen, aber sie wolle jetzt doch lieber mit den Santeríos zusammenarbeiten, weil Gerald ihr ein Dorn im Auge sei und sie ihn loswerden wolle. Macaria Grijalva sah zwar nicht besonders glücklich damit aus, aber die beiden anderen Ältesten nahmen das Angebot der Raith-Vampirin an. Und das war dann, wie gesagt, der Moment, in dem wir aufflogen. Mierda.

Wir warteten also draußen an deren Auto auf Camerone Raith, ganz offen. Irgendwann tauchte sie auch auf, anscheinend hatte sie mit den Santeríos noch die genauen Bedingungen ihrer Allianz festgezurrt. Und natürlich bekamen Edward und Camerone sich in die Haare. Seufz. Aber immerhin rutschte der Vampirin in dem Streit heraus, dass sie eine der Loa-Masken, und zwar die von Yansa, schon einmal in ihrem Besitz gehabt und genutzt hatte, und dass sie die Maske wiederhaben wolle. Vor 80 Jahren war das wohl gewesen. Warum und wieso, das bekamen wir nicht genau heraus, denn dann rauschte sie ab.

Während wir noch herumstanden und überlegten, was wir nun als nächstes tun sollten, sahen wir drüben auf der anderen Straßenseite Angel Ortega vorüberschwanken, offensichtlich betrunken. Den griffen wir uns erst einmal und fragten ihn aus, damit wir mal seine Version der Geschichte zu hören bekamen.

Angel war todunglücklich: Alle würden ihn jetzt hassen, er sei sogar aus den Orunmila ausgestoßen worden, weil er das mit den Masken ausgeplaudert habe – und dabei könne er sich daran überhaupt nicht erinnern. Aber Carlos Alveira habe im ganzen Viertel rumerzählt, dass er es gewesen sei, und nun glaubten es halt alle.

Carlos Alveira. Robertos Bruder, der auch bei den Latin Kings ist, derselben Gang, in der Enrique war, ehe er ins Gefängnis kam. Den muss ich auch mal wieder besuchen, ist schon wieder Wochen her. Beim letzten Mal hat er nach Alejandra gefragt; ich muss mir echt überlegen, ob ich sie beim nächsten Besuch mal mitnehme oder lieber nicht... Erstmal Fotos zeigen, glaube ich. Ist besser.

Wo wir das von Carlos wussten, ging Roberto natürlich mit seinem Bruder reden. Der erzählte, ja, Angel habe ihm das mit den Masken des Langen und des Breiten gesteckt. Aber Angel sei an dem Abend in der Bar stockbesoffen gewesen, und Angel ist normalerweise nie betrunken. Also außer heute natürlich. Aber das war ja vielleicht auch nicht so verwunderlich nach allem, was passiert war.

Totilas erstattete indessen seinem Großvater Bericht. Gerald stritt rundheraus ab, Camerone beauftragt zu haben, das sei ein Ränkespiel ihrerseits. Dass seine Mutter in den 1930er Jahren die Yansa-Maske mal in ihrem Besitz gehabt haben solle, davon wusste er nichts Genaues, und überhaupt hatte er es sehr eilig. Er müsse raus in die Sümpfe, sagte er, Sachen klären. Irgendwas mit dem Pot und mit den Elders. Dann legte er auch schon auf. Und Edward legte die Hände und hatte nichts gehört. Pot und so. Ähem.

Das war der Moment, in dem wir echt nicht weiter wussten. Irgendwie waren uns die Spuren ausgegangen. Und mit Samuel Elders Nichte Ilyana konnten wir auch noch nicht reden, das dauert noch ein paar Tage.

Aber Alex hatte eine Idee. Er führte ein kleines Ritual durch, konzentrierte sich und öffnete uns dann ein Tor an „irgendeinen wichtigen Ort“. Immerhin ist er der Abgesandte von Eleggua, und immerhin geht es auch um eine Eleggua-Maske. Also dürfte sein Schutzpatron ein gewisses Interesse an der Sache haben und uns an den richtigen Ort führen, hoffte Alex.

Und es wurde ein wichtiger Ort, Römer und Patrioten. Denn Alex' Portal brachte uns direkt zu einem Schlachtfeld. Little Cuba, wieder vor dem Gemeindehaus, wo sich die Orunmila und Kerle in schwarzen paramilitärischen Uniformen, wie sie uns bereits beschrieben worden waren, einen erbitterten Kampf lieferten. Wir waren völlig verdattert und versuchten gerade noch, uns zu orientieren, da tauchte plötzlich eine Gestalt auf. Eine Gestalt, oder eine Windhose, oder beides. Wild und unbeherrschbar und grausam und erschreckend wirksam. Diese Gestalt zerfetzte einfach ihre Gegner, die paramilitärischen Kämpfer, ohne jeden Widerstand und ohne dabei selbst Schaden zu nehmen. Einen der Orunmila, der zufällig im Weg stand, zerriss sie auch, ohne jeden Skrupel. Yansa. Oder besser: jemand, der die Yansa-Maske trug... Oh madre mia...
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 28.11.2012 | 00:32
Ricardos Tagebuch: Death Masks 3

Irgendwann war es vorbei. Die Söldner lagen am Boden, ebenso zwei Bewohner des Viertels, und die Gestalt mit der Yansa-Maske – männlicher Körperbau, aber weibliche Bewgungen, vermutlich eben wegen der Maske, die er trug – verschwand im Nevernever.
Wir standen völlig verblüfft da und starrten auf das Chaos, da kam Macaria Grijalva zu uns und erklärte, der Typ in der Maske sei Alberto gewesen, einer der drei Orunmila-Ältesten, die mit Camerone verhandelt hatten. Und er habe alle drei Masken an sich gebracht.
Dann ging sie wieder, um „aufzuräumen“, wie sie sagte.

In einer Seitenstraße wurden zwei überlebende Söldner gerade von einem Dutzend Anwohnern übel verprügelt, stellten wir fest. Edward und ich versuchten beide, den Mob von den beiden Söldnertypen wegzubringen, aber ohne Erfolg. Die hörten einfach nicht auf uns.
Und dann kam Totilas dazu, und alles lief aus dem Ruder.
Denn der Mob erkannte ihn als White Court und ging geschlossen auf ihn los – und auf Edward und mich gleich mit.

Zwölf gegen drei: das sah trotz Edwards und Totilas' Kämpferqualitäten nicht gerade gut aus. Ziemlich als erstes schob Edward mich aus der Kampflinie, zu einer Hauswand und dem Müllcontainer davor, und baute sich zwischen mir und dem Mob auf, um mir etwas Deckung zu verschaffen. (Edward weiß eben, dass ich im Kampf nicht sonderlich nützlich bin. Dagegen sollte ich vielleicht mal was tun. Immerhin scheinen wir häufiger in solche Situationen zu geraten...) Das hinderte jedoch einen der aufgebrachten Leute nicht daran, mich anzugreifen und mich gegen die Mülltonne zu rammen. Mit dem Rücken genau in den Griff am Container. Au.

Immerhin konnte ich so auf den Müllcontainer klettern und war somit erstmal aus der Schusslinie. Aber Edward und Totilas bekamen unten ziemlich übel eingeschenkt, und ich wollte nicht einfach so tatenlos herumstehen. Also griff ich mir einen der Blumentöpfe, die ein Stückchen über mir außen auf einer Fensterbank standen und warf ihn nach einem der Typen, die Edward beharkten. Nur – madre mia, wie peinlich! – hatte ich nicht sonderlich gut gezielt. Der Kerl fing den Blumentopf sauber ab, sah einen Moment lang darauf, schrie mich wutentbrannt an: „Der gehört meiner Mama, du Arschloch!" und schleuderte ihn zurück. Und im Gegensatz zu meinem kläglichen Versuch war das ein perfekter Pitch, der mich voll am Kopf traf. Au. Verdammt!

Edward sah einen Moment lang so aus, als wolle er auch zu mir hochklettern, aber hey, er ist Edward. Er war viel zu wütend, um sich aus dem Kampf zurückzuziehen. Also blieb er unten und prügelte sich weiter. Inzwischen hatten auch Roberto und Alex gemerkt, was da bei uns in der Seitenstraße los war. Roberto rief von draußen laut „Policía!“ - nicht so, als sei er selbst einer, sondern als wolle er die anderen warnen, dass die Cops unterwegs seien. Aber der aufgebrachte Mob hörte ihn gar nicht.

Von meinem Container aus konnte ich dann sehen, wie Roberto irgendwas aufhob. Und dann kam er in die Gasse gelaufen, und ich hörte ihn rufen: "Das könnt ihr doch nicht machen! Wisst ihr, wen ihr da verprügelt? Das ist Ricardo Alcazár, der bekannte Literat und Latino-Aktivist!" Als auch das nichts fruchtete, watete er durch die Menge und hielt mir, „Autogramm! Autogramm!“ rufend, etwas zum Signieren hin. Es war das, was er zuvor aufgehoben hatte, irgendein völlig verranztes gedrucktes Etwas – ein Telefonbuch oder etwas in der Art, das irgendwer weggeworfen hatte.

Ich war derart baff, dass ich ihn nur anstarren konnte. Alle Anwesenden waren völlig baff, sogar der Mob. Vermutlich hätte ich mich gleich darauf aus meiner Schockstarre befreit und ihm das was-auch-immer-es-war tatsächlich signiert, wenn nicht in diesem Moment Alex in einem schwarzen Humvee – offensichtlich ein Fahrzeug der Söldnertruppe, das er kurzerhand requiriert hatte – in die Gasse gefahren wäre.

Totilas – der übrigens selbst ziemlich übel zugerichtet aussah – rief mir zu, ich solle runterspringen, und machte sich bereit, mich aufzufangen, aber es war wesentlich leichter, von dem Müllcontainer aus auf das Autodach zu klettern und sich an der Dachreling festzuhalten, also machte ich lieber das. (Erstens war es wesentlich leichter, und zweitens sah ich einen kurzen Augenblick lang vor meinem geistigen Auge das Bild von einem Paparazzo aufblitzen, wie der mich in Totilas' Armen fotografierte. No gracias. Auch wenn weit und breit kein Paparazzo zu sehen war. Besser nicht.)

Wir sammelten die beiden verletzten Söldner ein, und ich kletterte sobald wie möglich vom Dach in den Wagen, dann fuhren wir erst einmal zum Arzt. Einer der beiden Paramilitärs war sehr schlimm dran, würde es aber hoffentlich überleben. Den anderen brachten wir unter Hinweis darauf, dass er und seine Leute ganz schön im Dreck steckten und vermutlich von allen möglichen Seiten gelinkt würden und es in seinem eigenen Interesse sei, mit uns zu reden, dazu, dass er uns seine Version der Geschichte erzählte.

Seine Truppe arbeite für Gerald Raith, sagte er. So habe sein Commander jedenfalls gesagt; er selbst habe den Auftraggeber nie gesehen. Der Trupp sei vom Commander etwa vor einem halben Jahr zusammengestellt worden, um in Little Havanna Ärger zu machen. Mehr wusste er nicht, und wo sich das Hauptquartier der Söldnereinheit befand, wollte er auch nicht sagen.

Wir überließen ihm den Humvee – immerhin gehörte er seiner Truppe –, und er fuhr damit davon... allerdings nicht, ohne dass Roberto sein Handy im Auto „vergessen“ hatte. Damit und mit der GPS-App, die wir alle installiert haben, damit wir uns bei Bedarf finden können, ließ der Mann sich leicht verfolgen. Er fuhr hinaus in die Everglades, und wir folgten ihm in einigem Abstand, denn wir wollten ja vermeiden, dass er auf uns aufmerksam wurde.

Vielleicht wäre das, was dann passierte, anders passiert, wenn wir uns mehr beeilt hätten. Vermutlich aber auch nicht. Vermutlich war es ganz gut, dass der Kampf, als wir ankamen, schon in vollem Gange war.

Wieder stießen wir auf das reinste Chaos. Auf dem Gelände der Söldner kämpften zwei Parteien gegeneinander. Oder besser, zwei Seiten. Und eine der Seiten bestand aus einer Person. Von den Paramilitärs war schon so gut wie niemand mehr übrig, und die, die noch lebten, versuchten verzweifelt, sich aus dem Staub zu machen. Der Mann in der Yansa-Maske, mit allen Yansa-Fähigkeiten, stand gegen Cicerón Linares und seine Leute – und die waren selbst nicht ohne. Sie hatten nämlich offensichtlich Shango kanalisiert und waren nun in vollem übernatürlichen Modus unterwegs. Alberto, der Orunmila-Älteste, hatte keine Chance, Yansa-Maske oder nicht. Die Santo Shango umstellten ihn, trafen ihn immer wieder. Und schließlich rammte Cicerón Linares ihm ein Messer in den Rücken, und der alte Mann ging zu Boden.
Alex versuchte noch, zu ihm hinzukommen, aber da waren einfach zu viele Santo Shango in aggressivster Kampflaune, die sich dazwischenstellten. Padre en el cielo, perdonarnos, wir mussten Alberto liegen lassen.

Linares ging zu dem Gefallenen hin und zog ihm mit triumphierender Miene die Yansa-Maske vom Gesicht, dann suchte er Albertos Taschen ab und brachte auch die beiden anderen Masken zum Vorschein. Mit einer davon kam Linares zu uns herüber und hielt sie Alex hin – die Eleggua-Maske. Mit Alex' 'Boss' wolle er nichts zu tun haben, sagte er, der sei viel zu unberechenbar. Alex sah einen Moment lang so aus, als wolle er die Maske nicht annehmen, tat es dann aber doch, mit etwas unglücklichem Gesicht.
Die Yansa-Maske war ja das Ziel der ganzen Aktion gewesen, also gab Linares die natürlich nicht her, aber auch die von Oshun behielt er für sich. Roberto fragte danach, musste aber hören, dass die Santo Shango das erst einmal innerhalb ihrer eigenen Priesterschaft besprechen würden. Aber vielleicht könne man ja zu einem Deal kommen. Roberto solle doch mal mit Macaria Grijalva reden und zu vermitteln versuchen, die sei nämlich auf Linares & Co. nicht sonderlich gut zu sprechen.

Da sich die Situation jetzt ein wenig beruhigt hatte und Linares' Gang nicht mehr in vollem Kampfmodus war, wollten wir uns natürlich auch um Alberto kümmern. Doch der hatte den Kampf nicht überlebt. O Dios, acepte su alma.

Oh, und ratet mal, wer noch dort war, Römer und Patrioten. Ganz recht. Niemand anderes als Ilyana Elder. Ha. Soviel zum Thema Ritual, das ein paar Tage dauere und nicht unterbrochen werden dürfe. Sie hatte an dem Kampf zwar nicht aktiv teilgenommen, sich das Ganze aber interessiert und als offensichtlicher Teil der Gang angeschaut.
Wir richteten ihr aus, dass ihr Onkel Samuel sich Sorgen um sie mache, was sie zwar zur Kenntnis nahm, sich davon aber nicht in ihrem Entschluss beirren ließ, bei den Santo Shango zu bleiben. Sie sei erwachsen und wisse selbst, was gut für sie sei, erklärte sie überzeugt, und davon abbringen konnten wir sie nicht. Immerhin leierte ich ihr noch die Zusage aus den Rippen, sie werde mit Samuel reden, nicht dass das was ändere.

Wie nebenbei erwähnte Linares dann auch, dass er wisse, wo Ocean sei. Denn – das hatte ich bisher noch gar nicht erwähnt – Totilas' junge Cousine (eigentlich Tante, denn sie ist die Tochter von Gerald und Crysanthema Raith, und Gerald ist ja immerhin Totilas' Großvater, aber hey, Ocean ist siebzehn und Totilas Anfang Zwanzig, da klingt das Wort 'Tante' einfach falsch) war von zuhause abgehauen, das hatten wir in einem Telefongespräch mit Cherie erfahren. Gerald selbst war auch verschwunden, erzählte Cherie Edward, während im Hintergrund irgendein Feuergefecht ablief. Irgendwas an den Raith'schen Pot-Feldern anscheinend. Ein Angriff des Red Court oder so. Cherie war verständlicherweise mehr als kurz angebunden, und Edward, obwohl er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, machte sich doch einige Sorgen.

Jedenfalls war Gerald verschwunden, Ocean ebenso, aber Linares sagte jetzt, er wisse, wo sie sei. Und er werde sein Wissen sogar mit uns teilen, wenn Totilas verspräche, auf seinen Großvater einzuwirken, damit dieser die demnächst eintretenden Gegebenheiten widerspruchslos akzeptiere.
Was das für Gegebenheiten genau sein würden, erwähnte er nicht.
Totilas wiederum erklärte, er könne nicht versprechen, dass Gerald auch auf ihn hören werde, aber er verspreche, das Thema bei ihm anzuschneiden. Damit zeigte sich Linares dann auch zufriedengestellt.
Ocean befinde sich in dem alten Raddampfer, der vor bestimmt zwanzig Jahren mal als Touristenattraktion in die Everglades gebracht worden war. Seit dieses Unternehmen glorreich scheiterte, rottet der alte Kahn an seiner Kette langsam vor sich hin. Sogar ein Vogelschutzgebiet war vor einigen Jahren um ihn herum entstanden.
Und Ocean werde dort gefangen gehalten, behauptete Linares. Vom Red Court oder Red Court Söldnern oder etwas in der Art.

Als wir bei dem alten Dampfer ankamen, spähten wir also erst einmal die Lage aus. Zuerst war keine Bewegung zu sehen, aber dann entdeckten wir ein vernageltes Kabinenfenster, an dem es ratterte und rüttelte, als wolle sich jemand dort befreien, und außerdem die Silhouetten von zwei Wachtposten auf dem Oberdeck.
Roberto und Alex sorgten für Ablenkung, indem sie mit einem Glades-Boot, das Alex irgendwo auftreiben konnte, sich für Ornithologen ausgaben, die hier den seltenen blauen Wasserläufer beobachten wollten. Indessen schlichen Edward, Totilas und ich uns über das Schaufelrad an der Seite des Schiffes an Bord.
Allerdings hatte es eine ganze Weile gedauert, bis Alex und Roberto mit dem Boot angtuckert kamen und die Wachtposten ablenkten. Die Kabine, in der Ocean allem Anschein nach festgehalten worden war, war jedenfalls jetzt leer; nur noch ihr Rucksack lag dort. Den durchsuchte Totilas schnell, aber dann warf er plötzlich den Kopf hoch, weitete die Augen und eilte aus dem Raum, hastig gefolgt von Alex und mir. Offensichtlich hatte er mit seinen White Court-Sinnen irgendwas bemerkt.

Aber dazu brauchte es nicht mal White Court-Sinne. Das konnte sogar ich spüren, dass da etwas in der Luft lag. Eine Anspannung. Ein Knistern. Geballte Erotik, die um so stärker wurde, je näher wir ihrer Quelle kamen. Die Quelle, das war der Salon des alten Dampfers, wo vier Kerle, die anscheinend gerade wachfrei hatten, dabei waren, sich um Ocean zu prügeln. Drei rangelten wild miteinander und mit dem Vierten. Dieser Vierte befand sich in einer gierigen Umarmung mit Totilas' Cousine, seine Lippen fast mit ihren verschmolzen, die Körper, obgleich noch fast vollständig bekleidet, eng aneinandergepresst, und er bemerkte überhaupt nicht, wie das Mädchen ihn schwächte.

Im Zuge der Geschichte mit Totilas' Vater letztes Halloween hatte ich ja erfahren, was es mit White Court-Jungfrauen auf sich hat: Dass sie noch keine vollen Vampire sind und durch die Macht der wahren Liebe diesen Fluch loswerden und zu ganz normalen Menschen werden können – aber eben nur, solange sie noch niemanden mit ihren White Court-Kräften getötet haben. Wenn dies einmal geschehen ist, dann ist derjenige für immer ein Vampir.

Letztes Halloween hatte Ocean uns noch erzählt, wie sehr sie darauf hoffte, einmal ihre wahre Liebe zu finden, und dass sie nie zum Vampir werden wolle. Doch jetzt hatte sie offensichtlich die Kontrolle an ihren Dämon verloren: Sie hatte die typischen silbernen White Court-Augen bekommen und war kräftig dabei, ihr erstes Opfer zu machen.

Aus Totilas' entsetztem Aufschrei wurde klar, dass er das nicht zulassen konnte und wollte, und so stürzten wir uns alle in den Kampf. Es entstand ein wildes Getümmel, in dem wir Ocean das eine potentielle Opfer entreißen konnten, sich aber sofort einer der anderen Kerle auf sie stürzte und sie mit dem weitermachte. Die Typen waren dummerweise ziemlich gut ausgebildet und nicht abgelenkt genug, um uns nicht auch noch mit anzugreifen.

In dem ganzen Chaos kam keiner von uns ungeschoren davon. Ich war unbewaffnet, griff mir aber von einem der Billardtische in dem Salon ein vergessenes Queue, um wenigstens nicht ganz hilflos dazustehen, oder vielleicht sogar irgendwas damit erreichen zu können. So versuchte ich, mit dem Queue den Kerl aus Oceans Umarmung zu ziehen – leider nicht sehr erfolgreich. Aber einen anderen Effekt hatte der Versuch. Um den Söldner wegzuziehen, musste ich ja dicht an die beiden heran... und plötzlich bemerkte ich, wie begehrenswert das junge Mädchen vor mir doch war. Mein Verstand wusste genau, dass ich das Mädchen eigentlich nicht begehrte, dass das nur die White Court-Pheromone waren, die Oceans Dämon ausschüttete, denn er wollte mich ebenso gewinnen wie die Söldnertypen. Aber, O madre mia, mein Körper und mein Instinkt reagierten dennoch. Mit einem Mal fühlte ich mich unglaublich angezogen von Ocean Raith, und ich musste aufpassen, dass ich nicht ebenso über sie herfiel wie die Kerle.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 28.11.2012 | 00:35
Ricardos Tagebuch: Death Masks 4

Irgendwann tauchten auch Alex und Roberto auf, genau wie die beiden Wachtposten von oben, was den Kampf nochmals verschärfte. Ich bekam gar nicht mit, was Alex genau tat, aber er muss ein Tor ins Nevernever geöffnet haben, denn plötzlich brachen wir alle durch den Boden des Salons. Und landeten im Heizraum des Schiffes – oder besser, dem Äquivalent des Heizraums des Schiffes im Nevernever, denn der Kessel hier dampfte auf vollen Touren, und etliche rußbedeckte Gestalten schaufelten Kohlen in die Heizöffnung, als gebe es kein Morgen. Andere wuselten herum und hielten jedem von uns drängend eine Schaufel hin.

Wir waren noch damit beschäftigt, Ocean von ihrem Opfer zu trennen und uns der übriggebliebenen Gegner zu erwehren, aber Alex nahm eine Schaufel und begann zu helfen, sah ich aus dem Augenwinkel. Erst als es Totilas gelungen war, Ocean bewusstlos zu schlagen und wir den Söldner – stark geschwächt, aber noch am Leben – von ihr weggezogen hatten, stellten wir fest, dass Alex offensichtlich gar nicht freiwillig bei der Sache war, sondern unter irgendeinem Zauber stand. Er schaufelte wie besessen, war gar nicht ansprechbar, und der Rußstaub hatte unnatürlich schnell jeden freien Zentimeter seiner Haut bedeckt.

Roberto war der erste, dem es auffiel, und der Edward mit einem lauten „NEEEIN!“ davon abhielt, sich ebenfalls eine Schaufel zu greifen. Und dann waren all unsere Bemühungen darauf gerichtet, Alex zu befreien. Das war gar nicht so einfach, weil wir nicht wagten, seine Schaufel zu berühren, damit wir nicht ebenfalls unter diesen Zauberbann gerieten. Ein kräftiger Tritt gegen die Schaufel brachte Edward nur angeschlagene Zehen ein, aber schließlich gelang es uns mit Hilfe meines bewährten Allzweck-Queues, das wie die ganzen anderen losen Gegenstände auch durch das Portal ins Nevernever gefallen war.

Erst als Alex wieder zu sich kam, fiel uns auf, wie schwer Totilas in dem Kampf verwundet worden war. Neben weniger ernsten Blessuren, hatte er eine richtig üble Schusswunde, die er bis eben aber dank des Dämons in sich gerade noch hatte ignorieren können. Nun aber sackte er in sich zusammen... nur um sich einen Moment später wieder aufzurichten, mit den silbernen Augen seines Dämons, der die Überhand über Totilas' sonst so eiserne Disziplin gewonnen hatte, und uns hungrig anzustarren.
Dass er sich auf einen von uns stürzen würde, war unvermeidlich. Eine Sekunde lang war alles wie in einem erstarrten Tableau, dann machte Edward eine kleine, resignierte Handbewegung und stellte sich schützend vor uns andere.
Und so war er es, den Totilas in einen heftigen Kuss zog, um sich zu heilen, wie schon einmal. Oder wenigstens zu stabilisieren, denn so einen Lungenschuss heilt nicht einmal ein White Court-Vampir auf die Schnelle.

Irgendwann hatte Totilas sich wieder genug unter Kontrolle, dass er von Edward abließ. Der machte ein steinernes Gesicht und versuchte zu tun, als sei nichts geschehen, und wir anderen hielten uns ebenfalls mit dummen Sprüchen zurück - dazu war die Situation zu ernst. Unsere ehemaligen Gegner, die an diesem irrwitzigen Ort viel zu verwirrt waren, um weiterzukämpfen und sich stillschweigend ergeben hatten, taten das kleine Techtelmechtel wohl ohnehin als weitere Seltsamkeit ab, die sie besser ignorierten.

Alex führte uns dann jedenfalls auf den üblichen verschlungenen Wegen zurück. Totilas trug dabei seine bewusstlose Cousine, Alex deren völlig erschöpftes Opfer.
Der Weg endete in Pans Palast – wieder einmal, und ich konnte nicht verhindern, dass ich mich ständig nervös umsah, solange ich mich dort aufhielt. Zurück in unserer eigenen Welt war die nächste Station der Familienarzt der Raiths im Biltmore Hotel. Der war wenigstens im Bilde und stellte keine Fragen bezüglich der Schusswunden und Totilas' eindeutig nicht menschlichem Blut und all dem.
Eine unserer ersten besorgten Fragen galt natürlich Ocean, aber der ging es, gracias a Dios, einigermaßen gut. Und da sie niemanden getötet hatte, war sie nicht zum Vampir geworden, sondern blieb weiterhin eine White Court-Jungfrau.

Nachdem der Arzt uns entlassen hatte, fand Totilas eine Mitteilung auf dem Anrufbeantworter seines Handys. Da hatte wohl jemand versucht, ihn zu erreichen, als sein Telefon im Nevernever und somit außer Empfangsreichweite war. Beim Abhören der Nachricht wurde er bleich und spielte sie uns dann nochmal per Lautsprecher vor: Es war Camerone Raith, die behauptete, sie habe Gerald und Ocean in ihrer Gewalt, und wenn Totilas die beiden retten wolle, solle er zur Waystation kommen. Allein. Und idealerweise vor Einbruch der Dunkelheit. Böses Lachen. Pieeeep. Wenn Sie die Nachricht noch einmal abhören möchten, drücken Sie bitte die Eins. Mierda.

Nun gut. Ocean hatte Camerone offensichtlich nicht mehr, und sie schien auch von unserer Befreiungsaktion noch nichts zu wissen. Immerhin etwas, aber das mit Gerald klang gar nicht gut. Natürlich fuhren wir zur Waystation hinaus, Römer und Patrioten, und zwar in Alex-gemäßem Eiltempo, denn bis zum Dunkelwerden war gar nicht mehr lang Zeit.

Bei dem Glades-Lokal angkommen, schickte Selva Elder uns in eines der Nebenzimmer, wo Camerone Raith schon auf Totilas wartete. Wobei Nebenzimmer nicht ganz das richtige Wort ist. Denn die Waystation ist ja ein typischer Everglades-Bau, auf Stelzen teilweise über das Wasser gebaut und teilweise ohne Wände und nach außen offen. Und in einem solchen Raum wartete Camerone. Gerald Raith war bei ihr, auf allen Vieren kauernd und in die enge Lederkluft eines BDSM-Untergebenen gekleidet. Zu dieser Kluft gehörte auch ein Halsband mit Ring, durch den eine Kette geschlungen war, an dem seine Mutter ihn festhielt. Das Oberhaupt der Familie Raith in Miami sah besiegt aus, gebrochen – aber als ich genauer hinsah, konnte ich etwas in seinen Augen erkennen, das aussah, als spiele der Mann die Niederlage nur, als warte er nur auf den richtigen Moment zum Zurückschlagen.

Camerone Raith grinste süffisant und siegesgewiss. Vor ihr auf dem Tisch lag eine Maske, über deren glatte Holzoberfläche sie immer wieder besitzergreifend strich. Oshun. Auch Totilas sah immer wieder zu der Maske hin, als könne er den Blick nicht davon abwenden.
Ilyana Elder war auch im Raum, lehnte unbeteiligt an einer Säule und beobachtete. Seine Urgroßmutter befahl Totilas, sich ebenfalls fesseln zu lassen, aber der weigerte sich. Daraufhin drohte Camerone Raith mit ihrer Gewalt über Ocean, aber Totilas grinste sie nur an und meinte: „Soso. Meinst du.“ Selva Elder wies Camerone darauf hin, dass es sich bei der Waystation um Accorded Neutral Ground handele, es also in Ordnung sei, wenn Totilas sich freiwillig gefangen nehmen lasse, wie Gerald Raith das offensichtlich getan hatte (denn der wehrte sich überhaupt nicht gegen die Kette), aber zwingen könne und werde sie niemanden. Niemand zweifelte an ihrer Fähigkeit, die Bestimmungen der Unseelie Accords auch durchzusetzen, denn nicht nur machte Selva Elder selbst einen höchst kompetenten Eindruck, unten im Wasser direkt unter dem Raum lungerten auch etliche Krokodile herum, bei denen es sich mit allergrößter Wahrscheinlichkeit um Elders in Wer-Form handelte.

Das war der Moment, in dem der Red Court seinen Auftritt hatte, in der Gestalt von Sancia Canché und Lucia Valdez. Totilas' Mutter hatten wir zuletzt kurz nach Halloween gesehen, nach der Aktion, in der sie ihrem Sohn das Herz herausgerissen und hinterher erklärt hatte, irgendwann werde sie ihn und das Monster, das in ihm wohne, schon noch bekommen. Sagte damals die Red Court-Vampirin, wohlgemerkt. Und jetzt wirkte sie nicht viel weniger wahnsinnig.

Aus den Worten, die Sancia mit Camerone Raith wechselte, wurde deutlich, dass die beiden Vampirinnen ein Geschäft gemacht hatten. Anscheinend hatte Camerone, für welche Gegenleistung auch immer, versprochen, ihr Totilas und Gerald zu liefern. Und nun war Sancia ziemlich verärgert darüber, dass Camerone ihren Teil der Abmachung nicht eingehalten hatte – immerhin war Totilas noch frei und weigerte sich standhaft, sich seiner Mutter zu ergeben.
Dass man ihn dazu zwinge, erklärte Selva Elder erneut, werde sie nicht zulassen. Immerhin sei die Waystation neutraler Boden.

Von Totilas' Weigerung immer mehr in Rage versetzt, schnappte sich Camerone Raith plötzlich die Maske, setzte sie auf und wiederholte den Befehl erneut: Offensichtlich wollte sie Totilas mit Hilfe der Maske beherrschen. Der jedoch reagierte gar nicht darauf, und Roberto grinste triumphierend und murmelte „wusste ich's doch!“
Anscheinend hatte er die vorgebliche Oshun-Maske schon von Anfang an als Fälschung durchschaut.

Nachdem Camerone mit ihren Beherrschungsversuchen keinen Erfolg gehabt hatte, nahm Sancia das Heft in die Hand und wollte Totilas zum Aufgeben überreden. Der jedoch dachte gar nicht daran, sondern schleuderte seiner Mutter seinen Widerstand entgegen. Davon bis aufs Blut provoziert, griff die ihren Sohn an, neutraler Boden oder nicht.
Es kam zu einem heftigen Kampf, bei dem Lucia Valdez erfolglos versuchte, der anderen Vampirin in den Arm zu fallen und wir übrigen uns zunächst zurückhielten, um den neutralen Boden nicht zu verletzen. Erst als Selva Elder in ihrer Rolle als Hausherrin eingriff, konnten wir auch aktiv werden.

Sancia Canché hatte ihrem Sohn ziemlich zugesetzt. Als der Kampf einen Moment lang abebbte, schnappte Totilas sich Geralds Kette und wollte sich mit seinem Großvater absetzen, aber so abgelenkt war Camerone Raith dann doch nicht. Sie schnitt den beiden den Weg zur Tür ab und hob bedrohlich ihr Handy.
„In Geralds Halsband ist ein Sprengsatz eingearbeitet!“, erklärte sie. „Und ich kann ihn jederzeit zünden!“

Madre mia. Damit hatte keiner gerechnet. Aber Camerone meinte es ernst, todernst. Totilas erstarrte mitten im Schritt und brach dann in die Knie, wild vor sich hin brabbelnd und murmelnd, weil es ihm nicht gelungen war, seinen Großvater zu retten.
Indessen stritten sich die beiden Vampirinnen weiter. Es ging noch immer darum, dass Camerone Raith ihren Teil der Abmachung nicht erfüllt habe. Aber da diese ja immerhin Gerald liefern konnte und Totilas somit gezwungen sei, sich Sancia Canché zu ergeben, wenn diese erstmal ihren Schwiegervater in den Händen habe, wurden sie sich dann doch einig. Camerone würde Sancia erst einmal Gerald übergeben, der Rest käme dann schon von selbst.

Nun hatte aber auch Selva Elder genug gehört. Sie schnappte Camerone Raith das Handy mit dem Zünder weg und verwies beide Vampirinnen des Lokals. Die White Court akzeptierte den Rauswurf, aber die Red Court verlor die Kontrolle und drehte durch. Völlig wahnsinnig griff sie Totilas erneut an und wollte ihn ein und für alle Mal umbringen, doch Edward warf sich ihr in den Weg.

Das war der Moment, in dem Selva Elder sich in ihre Krokodilsgestalt verwandelte und Sancia Canché ebenfalls angriff. Auch Lucia Valdez fiel ihrer Chefin in den Arm, um sie aufzuhalten, während ich versuchte, meine Freunde irgendwie aus der Kampfzone zu ziehen. Mit einem irren Schrei riss Sancia sich los und verschwand ins Freie, während Camerone Raith sich die Kette schnappte, an der ihr Sohn befestigt war, und ebenfalls mit ihm verschwinden wollte. Aber da hatte sie die Rechnung ohne Roberto gemacht. Der hatte ja die vermeintliche Oshun-Maske als Fälschung identifiziert und auch erkannt, dass irgendein Zauber darauf lag, damit Camerone die Fälschung nicht bemerkte. Schnell entschlossen griff er sich also nun die Maske und warf sie ins Wasser hinunter. Camerone schrie auf, ließ Geralds Kette los und stürzte sich ohne zu zögern der Maske hinterher.

Und nun zeigte sich, dass der Anführer des Raith-Clans von Miami tatsächlich nicht so geschlagen war, wie er seine Mutter hatte glauben machen. Er überzeugte Ilyana Elder, die noch immer unbeteiligt an der Wand lehnte, dass Camerone nicht entkommen dürfe, woraufhin die junge Frau  sich in ihre Krokodilsgestalt verwandelte, ins Wasser glitt und mit den anderen Wer-Elders zusammen untertauchte. Die Wasseroberfläche schäumte und gurgelte, und kurze Zeit darauf färbte sie sich rötlich ein. Santísimo Padre del cielo...

Als wieder Ruhe eingekehrt war, erfuhren wir von Ilyana Elder, dass es Cicerón Linares bei der ganzen Aktion vor allem um die Pot-Felder der Elders gegangen war. Bis dato hatten die Elders immer Gerald Raith den Vertrieb und somit die größten Gewinne überlassen, aber der alte Patriarch des Werkrokodils-Clans, Tutmoses Elder, fühlte sich von dem ganzen Ärger zwischen den White Courts und den Red Courts, die ständige Angriffe auf die Felder unternahmen, so genervt, dass er Linares das Geschäft versprach, wenn dieser nur für Ruhe sorgen würde.

Das also waren also die neuen Gegebenheiten, über die Totilas gemäß seinem Versprchen an den Gangster mit seinem Großvater besprechen sollte. Und Gerald konnte nicht anders, als die Zähne zusammenzubeißen und dem Santo Shango diesen Sieg zuzugestehen. Denn auch wenn Totilas nur versprochen hatte, dass er mit seinem Großvater reden werde und nicht, dass dieses Reden auch von Erfolg gekrönt sein würde, bedeutete es in der Praxis doch genau das. Denn wenn Totilas nur redete, aber nicht lieferte, dann wüssten alle in der Szene, dass man sich auf Totilas' Wort nicht verlassen konnte, oder schlimmer noch, dass er in den Reihen der Raith' nichts zu sagen hatte. Dass die Raith nicht mit einer Stimme sprachen. Und das konnte und wollte sich Gerald nicht leisten. Also biss er in den sauren Apfel und akzeptierte.
Aber erst einmal war ein dritter Arztbesuch fällig – diesmal nicht nur beim Raith-Familienarzt im Biltmore, sondern gleich im eigenen Krankenhaus des White Court.

Auf dem Weg dorthin fragten wir Gerald aus, was denn genau mit ihm passiert sei. Er hatte sich seiner Mutter ergeben, weil die ihn mit seiner Tochter erpresst hatte. Wenn er ihr nicht Folge leiste, hatte Camerone gedroht, werde sie Ocean umbringen lassen. Camerone Raith war es auch gewesen, die Cicerón Linares verraten hatte, wo dieser den alten Orunmila Alberto finden könne. Im Gegenzug dafür hatte sie die Oshun-Maske verlangt, die ja vor etwa 80 Jahren schon einmal in ihrem Besitz gewesen war.
Gerald und Totilas wollte sie Sancia Canché übergeben, um die beiden aus dem Weg zu schaffen und Camerone selbst wieder zur Herrin des White Court in Miami zu machen – und die Red Court-Vampirin wollte Camerone dann wohl mit Hilfe der Oshun-Maske beherrschen.
Das Halsband von Geralds Sklavenkluft enthielt übrigens doch keinen Sprengstoff. Da hatte seine Mutter einfach nur unglaublich überzeugend geblufft.

Es war auch nicht Angél Ortega, der das Geheimnis der Masken im Suff ausgeplaudert und damit den Stein überhaupt erst ins Rollen gebracht hat. Der hatte nämlich ein Alibi, stellte sich dann heraus, und konnte somit gar nicht derjenige gewesen sein. Wir vermuten, dass auch hier Camerone ihre Finger im Spiel hatte und jemanden – Ximena O'Toole? Immerhin arbeitete die für sie und hat magische Fähigkeiten – beauftragt hatte, in Angéls Gestalt diese Gerüchte zu streuen.

Oh, und Sancia Canché hat die Stadt für's erste wieder verlassen, und bei den Roten Vampiren sind wieder die vorherigen Verhältnisse mit Orféa Baez an der Spitze des Red Courts eingekehrt. So zumindest erzählte Lucia Valdez vor ein paar Tagen Roberto, der ja ein alter Bekannter von ihr ist.
Und wenn es nach mir geht, kann Sancia gar nicht weit genug von Miami weg sein. Wenn ich sie nie im Leben wieder sehe, ist das noch zu früh. Aber ich fürchte, es könnte wesentlich schneller gehen. Denn sie hat ja noch immer Rache an ihrem Schwiegervater und ihrem Sohn geschworen...

Für Cicerón Linares ging die ganze Aktion natürlich ideal aus. Ich glaube, besser hätte es gar nicht laufen können für ihn und die Santo Shango. Mierda. Ich bin gar nicht so sicher, ob mir das gefällt. (Milde ausgedrückt.) Immerhin sind die Santo Shango eine verdammte Gangster-Bande. Und irgendwie befürchte ich, dass wir mit denen auch nochmal ganz böse aneinandergeraten könnten.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 26.02.2013 | 10:57
Ricardos Tagebuch: Blood Rites 1

Gute Nachrichten, Römer und Patrioten: Die Verfilmung von Indian Summer nimmt endlich Gestalt an! Sheila hat eben angerufen und mir die Eckdaten durchgegeben. Sie haben tatsächlich Sam Worthington für die Rolle des Eric gewinnen können, was ich so ziemlich als Idealbesetzung empfinde. Die weibliche Hauptdarstellerin, eine gewisse Roselyn Sanchez, sagt mir bisher nichts, und auch die Regisseurin musste ich erst googeln. Kataklysma Bentley heißt sie und hat sich bisher ausschließlich in kleinen Genre-Produktionen betätigt – ich meine, hallo? Mit dem Namen kann sie ja nur in Genre-Produktionen gewesen sein. Eine Alienkomödie, ein Zeitreise-Actioner und ein psychologisches Horrordrama. Ich muss mir die mal ansehen.

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Alex hat gerade angerufen. Es gibt einen Notfall. Treffen im Dora's. Später mehr.

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Alex' Notfall war ein Geist. Wie auch sonst, bei Alex. Und er brachte ihn – sie – tatsächlich mit in den Donut-Laden (genau wie damals die alte Mrs. Blanco zu ihrer Enkelin in Totilas' Studio, als ich die beiden frisch kennenlernte). Das war vielleicht seltsam. Die Verstorbene, Caroline Harris, hatte vor zwei Wochen einen Autounfall gehabt. Und hatte gestern dann über einen „Stafettenlauf“ von Geistern Alex kontaktiert. Es gehe um ihren Verlobten, erzählte sie durch Alex' Mund, nachdem sie erst einmal ganz begeistert war, den Autor der Eric-Albarn-Romane zu treffen. Madre de Dios. Ich meine, es war ja schmeichelhaft und alles, aber ... ein Geist? Muy extraño. Jedenfalls. Dieser Verlobte war als Soldat mehrfach in Afghanistan gewesen und dann vor drei Monaten mit PTSD aus der Armee ausgeschieden. Seither war es ihm sehr schlecht gegangen, und Carolines Tod hatte alles nur noch schlimmer gemacht. Und jetzt mache sie sich Sorgen um ihn: Steven habe all seine Waffen zusammengepackt und sei damit abgezogen, und nun habe Caroline Angst, dass er einen Amoklauf plane oder sonst eine Wahnsinnstat.

Sie hätte gar nicht mehr hier sein sollen, erklärte Alex. Normalerweise entstünden Geister, wenn es noch etwas Unerledigtes gibt, das sie zurückhält. Caroline habe aber alle Anzeichen einer Seele, die ungehindert ins Licht geht, ins Licht hätte gehen sollen, wenn sie nicht von einem äußeren Einfluss daran gehindert worden wäre. Und wirklich sah Roberto, als er sie mit seinem Inneren Auge betrachtete, dass sie ein schwarzes Band um den Hals trug. Auf dem Band war in silbernem Faden ein Kreis aufgestickt, ganz normal zweidimensional, wie ein Schmuckmuster, und trotzdem war unmöglicherweise an diesem Kreis eine Kette befestigt, die allerdings momentan lose herunterhing und nirgendwohin führte. Caroline erzählte auch, dass sie eigentlich schon das Licht gesehen habe, auf dem Weg dorthin gewesen sei, als sie einen Ruck spürte und etwas sie zurückzog.

Wir ließen uns von Caroline den Weg zu ihrer ehemaligen Wohnung zeigen und den Schlüssel, der – natürlich – unter der Türmatte lag. Da Steven McNeill ja laut Caroline mit seinen ganzen Waffen losgezogen war, fackelte Edward nicht lange, sondern schloss auf und betrat die Wohnung. Immerhin hatte er Grund zu der Annahme, dass hier ein Verbrechen vorbereitet worden war. Wir folgten ihm dicht auf – und mitten in ein Wohnzimmer, wo Steven McNeill in voller Lebensgröße eben aufsprang, eine Pistole zog und fürchterlich herumzubrüllen begann. Dass er Edward nicht gleich erschoss, ist noch alles. Auch dessen Versuche, die Situation zu entschärfen, schlugen fehl – der traumatisierte Soldat war einfach zu aggressiv. Also traten wir schleunigst den Rückzug an.

Dass wir McNeills Haus beobachteten, verstand sich von selbst. Alex allerdings ging indessen Caroline Harris suchen, die war nämlich in dem ganzen Durcheinander kurzerhand verpufft. Als er wiederkam, erzählte er, er habe sie gefunden, und sie habe ihm haargenau dasselbe nochmal erzählt, von ihrem Autounfall und der grünen Ampel und den Sicherheitscodes und ihrem Verlobten und ihrer Angst, er wolle Amok laufen. Das arme Mädel ist eindeutig in irgendeiner Schleife, und auf ihre Zeitangaben verlassen können wir uns keinesfalls. Hätten wir das mal gewusst, ehe wir bei McNeill im Wohnzimmer standen.

Edward ließ währenddessen die Namen Caroline Harris und Steven McNeill durch den Polizeicomputer laufen und bekam einige Informationen über die beiden. Caroline war Angestellte bei einer Bank, der Gibraltar Private Bank & Trust, und gerade unterwegs zur Arbeit, als sie eine rote Ampel überfuhr und mit tödlicher Wucht in einen Lastwagen raste. Sie starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus.

Über den Verlobten Steven spuckten die Computer das aus, was Caroline auch schon erzählt hatte: Soldat, mit PTSD entlassen wurde, wohl nach irgendeinem nicht näher bezeichneten Vorfall, aber nicht unehrenhaft. Diverse Waffen auf ihn zugelassen.

Es versteht sich von selbst, dass wir Stevens Wohnung beobachteten, falls er wirklich etwas vorhatte. Mit ihm zu reden, war in seiner momentanen aggressiven Stimmung sicherlich nicht gerade aussichtsreich. Und nach einer Weile kam McNeill tatsächlich aus dem Haus und fuhr in einem alten, vor dem Haus geparkten Wagen davon. Alex gelang es, das Auto zu verfolgen, ohne dass der er merkte, während Edward seinen Partner Henry anrief und den das Nummernschild durch den Polizeicomputer jagen ließ. Vor drei Tagen gekauft, sagte Henry. McNeill fuhr gutes Stück weit, ehe er in einer Seitenstraße in einer etwas heruntergekommenen Gegend parkte und ausstieg, den Wagen abschloss und den Schlüssel in eine nahegelegene Mülltonne warf. Dann ging er zu Fuß davon und rief sich zwei Straßen weiter ein Taxi.

Edward und Totilas blieben bei McNeills Wagen, um den etwas näher zu untersuchen, während Alex, Roberto und ich dem Taxi folgten. McNeill ließ sich zu einem Autohändler bringen und erstand dort eine ähnlich klapprige Rostlaube wie die, die er soeben zurückgelassen hatte. Sehr seltsame Geschichte. Warum ein Auto aufgeben und gleich ein absolut vergleichbares kaufen? Es sei denn, es gab einen Grund, mit dem alten Wagen nicht mehr gesehen zu werden... Natürlich folgten wir ihm weiter, als er mit seiner Neuerwerbung von dem Händler wegfuhr.

McNeill unterbrach seine Fahrt an einer Buchhandlung, wo er eine Bibel kaufte (was ich weiß, weil ich neugierig war und ihm in den Laden hinterherging. Unauffällig und vorsichtig natürlich. Was denkt ihr denn, Römer und Patrioten.) Die Dame an der Kasse lächelte ihn an und sagte irgendwas zu ihm, von dem ich nur das „... Bruder“ am Ende verstehen konnte, aber was es auch war, McNeill schoss ihr einen Blick zu, der sie umgehend zum Schweigen brachte. Und auch die übrigen Kunden traten instinktiv von ihm zurück. Creepy.

Anschließend fuhr McNeill nach Hause, stellte den neu gekauften Wagen ab und verschwand wieder in seiner Wohnung. Und was sollte das jetzt? Muy extraño. Also weiter das Haus beobachten. Nach einer Weile stießen Edward und Totilas wieder zu uns, Totilas etwas ... zerzaust. Und vor allem von einem deutlichen Spritzer Eau de Garbage umgeben. Er hatte tatsächlich die Mülltonne nach dem Autoschlüssel durchsucht, weil er nicht wollte, dass Edward den Wagen einfach aufbrach.

Das Ergebnis der Mühen: Ein Kofferraum voller Waffen – Pistolen, Maschinenpistolen und ein Sturmgewehr sowie eine Granate – und eine Bibel im Handschuhfach. Unterstrichen waren vielsagende Stellen wie Gen 13:13, Gen 18:20, Gen 19:13 oder 1. Chronik 21:15-16: alles Verse, die sich mit der Vernichtung und Zerstörung als Strafe für Sünde befassten. Ganz klar, den Mann mussten wir weiter im Auge behalten.

Irgendwann kam McNeill auch tatsächlich wieder heraus. Er trug eine Sporttasche in der Hand, stieg in sein Auto und fuhr davon. Wir folgten ihm natürlich, und zwar bis zu einem Bürogebäude im Bankendistrikt, das gerade vollständig renoviert wird und deswegen leersteht. Als wir in einigem Abstand oben ankamen, war der Mann gerade damit fertig, ein Scharfschützengewehr an der glaslosen Fensteröffnung aufzubauen. Und ehe wir ihn daran hindern konnten, gab er ein paar Schüsse ab. Draußen Schreie, panisch herumrennende Menschen. Aber ein schneller Blick nach draußen ergab, dass offensichtlich gar niemand getroffen worden war, sondern dass McNeill anscheinend mit Absicht auf die gegenüberliegende Hauswand statt auf Leute gezielt hatte.

Trotzdem kam natürlich ein Wachmann nach oben gerannt. Er langte gerade bei uns an, als wir den sich wie wild wehrenden McNeill mit vereinten Kräften dingfest gemacht hatten, und er musste uns natürlich erst einmal mit der Waffe im Anschlag verhaften. Was wir anstandslos über uns geschehen ließen, bis die Polizei kam und festgestellt wurde, dass wir uns nichts zuschulden hatten kommen lassen. Während wir alle nur Schrammen abbekommen hatten, war McNeill von einem von Totilas' Schlägen schwerer getroffen worden als geplant – unser White Court hätte ihm um ein Haar den Schädel eingeschlagen, Madre mia – deswegen kam der Ex-Soldat unter Polizeibewachung erst einmal ins Krankenhaus.

Auch wir fanden uns wegen unser diversen Kratzer im Krankenhaus ein – deswegen, und weil wir versuchen wollten, vielleicht noch etwas mehr über McNeills Beweggründe herauszufinden. Aber als Roberto ihn mit seinem zweiten Gesicht ansah, erkannte er, dass der Mann nur noch eine leere Hülle darstellte, dass von dem, das seine Persönlichkeit ausmachte, kaum mehr etwas übrig war. Offensichtlich hatte er absichtlich so getan, als wolle er einen Amoklauf begehen (ohne wirklich jemanden umbringen zu wollen), um sich dabei von den Sicherheitskräften zur Strecke bringen zu lassen. „Suicide by Cop“, wie Edward das so schön knapp auf den Punkt brachte.
Alex hatte McNeills Verlobte mit ins Krankenhaus geholt, auf seine übliche Weise, und nun öffnete er ihr das Tor ins Jenseits. Denn er hatte ja schon zuvor gesehen, dass Caroline eigentlich schon längst hätte gehen sollen, dass es nichts mehr gab, das sie hier hielt, außer dem Zauber, der sie zurückgerissen hatte. Und nun, wo auch die Sorge, dass ihr Verlobter Amok laufen könnte, hinfällig war, hielt sie erst recht nichts mehr. Alex öffnete das Portal absichtlich so, dass es auch für McNeill geeignet wäre, falls dieser loslassen wollte. Und der Ex-Soldat war schwer verletzt genug, sein Lebensfaden so dünn, dass ihm das ein Leichtes war. Kaum hatte Alex sein Ding getan und wir das Krankenzimmer verlassen, da hörten wir das typische langgezogene Biiiiiiieeeeeeeeep eines Herzstillstandes. Und Alex erzählte später, er habe McNeill mit ungläubiger Stimme „Caroline?“ fragen hören und sei ihr dann freudig gefolgt. Santísimo Padre del cielo, nimm die beiden gnädig bei dir auf.

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Ich glaube es nicht. Da steigt morgen abend die Kick-Off-Party für den Drehbeginn von Indian Summer, und die Einladung kam nicht bei mir an. Wenn Sheila nicht vorhin angerufen hätte, wann genau ich bei der Party aufzuschlagen gedächte, wäre die Sache komplett an mir vorbeigegangen.
Na gut. Sheila hat aber angerufen, und natürlich gehe ich hin. Und genauso natürlich lade ich die anderen ein. Vielleicht ist das ja mal eine Gelegenheit für Alex, Dallas Hinkle auszuführen. Die mag ihn, und er sie, das kann ich doch sehen.
Und ich rufe jetzt Dee an.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 26.02.2013 | 23:00
Ricardos Tagebuch: Blood Rites 2

Dee hat Zeit! Sie ist ohnehin gerade in Miami, sagte sie, und sie meinte, sie geht gerne mit auf die Party. Sie sagte sogar, sie werde vermutlich demnächst für permanent hierher versetzt. Erstaunlich, wie einem eine so nebensächlich mitgeteilte Neuigkeit doch tatsächlich die Laune heben kann.

Mom war ganz aufgeregt, als ich sie anrief, und meinte, das hätte sie unbedingt früher wissen müssen, dann wäre sie noch zum Friseur gegangen und sie würde ja völlig unmöglich aussehen und hätte auch nichts anzuziehen. Aber natürlich werden sie und Dad da sein. Yolanda auch. Ich hoffe nur, Mom erwartet sich nicht zu viel und Falsches von der Veranstaltung. Ich weiß ja selbst nicht so recht, was ich erwarten soll. Ich habe noch kein Buch von mir verfilmt bekommen. Nicht zu schick anziehen, sagte Sheila, es sei keine Oscar-Verleihung. Ach echt jetzt. Naja, morgen nacht wissen wir mehr.

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Ein bisschen Zeit habe ich noch, ehe ich Dee für die Party abholen fahre. Daher hier noch kurz das, was heute tagsüber passiert ist.

Edward hat uns eine ziemlich beunruhigende Sache erzählt. Und zwar hat Spencer Declan ihn kontaktiert und – nennen wir das Kind ohne Umschweife beim Namen – erpresst jetzt Schutzgeld von ihm. Natürlich hat Declan das Ganze hübscher verpackt, spricht von „Ausbildungsgebühr“ oder so, weil Declan Edward ja dabei helfen werde, jetzt, wo seine magischen Fähigkeiten langsam auch von anderen Kreisen bemerkt werden, dem White Council gegenüber die Nase sauberzuhalten. Wenn er es nicht täte, dann wäre das verdächtig, und die Wardens müssten sich seiner Aktivitäten genauer annehmen. Na gut, die $50 im Monat, oder was Declan da von Edward verlangt, kann der sich gerade noch so leisten. Aber trotzdem. Es ist Schutzgelderpressung. Für einen Beitrag von einer halben Million (hah!) könnte Edward übrigens auch vollständig als Declans Lehrling angenommen werden, dann wäre er aufgrund dieses Lehrlingsstatus ein offizielles Mitglied des White Council.
Declans Lehrling? Doppel-hah.

Wir haben dann ein wenig nachgeforscht, was es mit Declans Lehrlingen so auf sich hat. Der Warden hat momentan vier von der Sorte – eine gewisse Cleo duMorne, ein gewisser Joseph Adlene und noch irgendjemand. Und seine vierte Schülerin kenne ich sogar: Stefania Steinbach, die Kirchenfunktionärin. Die hat zwar, soweit wir wissen, kein, also wirklich keinerlei, magisches Talent, aber fehlende Fähigkeiten arkaner Natur scheinen Declan nicht davon abzuhalten, Leute als Zauberlehrling anzunehmen. Vielleicht sollte ich mich um so einen Posten bewerben. Magisches Talent habe ich auch keines, und eine halbe Million kriege ich schon irgendwie zusammen. Dreifach-Hah. Garantiert nicht.

Alex hat sich mit Dee kurzgeschlossen, und sie hat in ihrer Funktion als Marshal die Gibraltar Private Bank & Trust aufgesucht und für morgen einen Termin ausgemacht, um deren Sicherheitsvorkehrungen zu verstärken. Dass sie dabei auch magische Schutzvorrichtungen aufbauen wird, sagte sie den Bankleuten natürlich nicht. Aber es erschien uns sicherer, wenn man an die genauen Umstände von Caroline Harris' Ableben denkt.

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Zurück von der Party. Es war ein netter Abend – es sind nur auch ein paar ziemlich beunruhigende Dinge passiert, Dinge der Han-Solo-Klasse. Han-Solo-Klasse wie in „I have a bad feeling about this.“

Han-Solo-Klasse, Kategorie I: Lady Fire ist für die Pyrotechnik am Film verantwortlich. Natürlich nicht offiziell als sie selbst, sondern über Christine, ihre menschliche Mittelsfrau, aber das ist ja am Ende dasselbe. Lady Fire hat ihre Finger im Film zu meinem Buch. Irgendwie hätte ich es mir es ja denken können: Sie ist der selbsternannte größte Eric-Albarn-Fan auf Erden (oder sollte ich in diesem Falle besser sagen: im Nevernever), und sie ist eine Feen-Fürstin mit jeder Menge Einfluss, die es ja auch irgendwie geschafft hat, meine Romane zum Betalesen zu bekommen. Vor Veröffentlichung, wohlgemerkt.
Jedenfalls ist mir alles andere als wohl dabei, dass gerade eine Frau, die mich hasst, für Indian Summer die Pyrotechnik macht. Und hätte ich einen Zweifel daran gehegt, dass sie mich hasst, wäre der spätestens nach der Party beseitigt gewesen. Ich versuchte nämlich, ein paar Worte mit Christine zu wechseln, aber die wich mir aus. Und zwar überdeutlich. Ich habe es dann aufgegeben, habe sie nicht weiter bedrängt, aber ich sah dann später, wie Totilas sie abpasste und ihr schöne Grüße an Lady Fire ausrichtete. Wenn Blicke töten könnten, wäre unser White Court in dem Moment zu Asche zerfallen. Autsch.

Han-Solo-Klasse, Kategorie II: Direkt neben dem Studio und der Soundstage, wo gedreht werden soll, hat gerade ein Zirkus seine Zelte aufgeschlagen. Und die machen auch gewaltig in Feuer. Und etwas Nachforschen aufgrund eines unbestimmbaren aber nicht zu missachtenden Instinkts hat ergeben, dass da, wo dieser Zirkus in der Vergangenheit auftauchte, Unfälle passiert sind. Scheunen abgebrannt und so. Ich habe zwar eine entsprechende Warnung weitergegeben, aber ich habe ein ganz, ganz, ganz schlechtes Gefühl bei der Sache, Römer und Patrioten. Han-Solo-Klasse eben.

Ach ja. Dee sah traumhaft aus heute abend, das soll doch nicht unerwähnt bleiben. Und ich glaube – ich hoffe! – sie hatte auch ein bisschen Spaß. Allerdings (Han-Solo-Klasse, Kategorie... null?) irritierte mich etwas, dass sie sich den Friseur für ihre zugegebenermaßen umwerfende Frisur von Roberto hatte empfehlen lassen. Und dass die beiden ständig zusammenhingen, lachten und scherzten. Und dass das einen Nerv bei mir traf.

Bist du etwa eifersüchtig, Alcazár? Du klingst eifersüchtig.

Verdammt. Ja, verdammt, ich glaube, das bin ich tatsächlich. O Dios. Und das, obwohl Roberto eigentlich gar nichts machte, zumindest nicht direkt. Der tauchte übrigens – und das haute mich im ersten Moment auch erstmal um – mit Dallas Hinkle bei der Party auf, nicht Alex. Und das, wo ich doch eigentlich gedacht hatte, dass das mal eine gute Gelegenheit für Dallas und Alex wäre. Aber Alex erklärte mir das später: Es war sogar seine eigene Idee gewesen. Denn sowohl sie als auch Roberto stehen auf Herausputzen und Aufbretzeln, Alex jedoch gar nicht, und so dachte er, es sei eine nette Idee, wenn Dallas an Robertos Arm ihren großen Auftritt im Abendkleid hätte und Alex selbst nur den Chauffeur gab. Verstanden habe ich das zwar nicht so recht, aber wenn er meint...
Meins wäre es nicht, Roberto so den Vortritt zu lassen. Siehe meine Reaktion auf ihn und Dee. Oh Mann, darüber muss ich echt nachdenken.

Aber es ist spät. Ab ins Bett, Alcazár. Hopp.

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Cólera. In der Gibraltar Private Bank & Trust wurde heute nacht eingebrochen. Bevor Dee heute ihren Termin wahrnehmen und die Sicherheitsmaßnahmen verstärken konnte. Natürlich. War ja klar.
Und es kam gestern ein weiterer Bankangestellter ums Leben, wieder in einem Autounfall, allerdings diesmal ohne Beteiligung einer roten Ampel. Der Mann war ein Stück draußen vor der Stadt an einer scharfen Kurve über eine Klippe ins Meer gestürzt.

Bei der Bank erfuhr Edward, dass der Einbruch den Schließfächern gegolten hatte, genauer einem Schließfach im ganz Speziellen. Es gehört einer Firma namens Segunda Escalera, und wie der Name schon andeutet, stellen sie Leitern her. Oder besser stellten, denn die Firma ging vor fünf Jahren pleite... während das Schließfach in ihrem Namen erst vor vier Jahren angemietet wurde. Sehr mysteriös.

Was das Fach enthalten hatte, war natürlich nicht mehr nachzuvollziehen. Schließlich ist das nur die Sache des Kunden. Aber vielleicht bekommen wir von der Bank noch einen Ansprechpartner genannt. Irgendwas muss es ja mit dem Diebstahl auf sich gehabt haben.

Anschließend fuhren wir hinaus an die Stelle, wo der Bankangestellte seinen Unfall gehabt hatte. Und tatsächlich konnte Alex seinen Geist dort noch finden und mit ihm sprechen. Der Mann trug dasselbe schwarze Band um den Hals wie Caroline Harris, und er berichtete ganz Ähnliches. Dass er die Straße als völlig gerade vor sich gesehen habe, und dann sei er plötzlich gefallen. Seine Wahrnehmung wurde also manipuliert – wie Carolines mit der vermeintlich grünen Ampel. Anders als Caroline, die in der belebten Stadt umkam, hatte der Bankangestellte vor seinem Tod einen Mann gesehen, den er Alex auch beschreiben konnte. Dunkelhäutig, bereits etwas älter, graue Haare. Etwas altmodisch, aber elegant in Anzug und Seidenschal gekleidet. Unser Verdächtiger.
Und der Tote berichtete, dass er, genau wie Caroline, die Sicherheitscodes gekannt habe. Überraschung.

Wir fragten bei unseren üblichen Quellen – lies: Jack „White Eagle“ – nach, wer der Mann im Anzug sein könnte. Er meinte, die Beschreibung passe auf einen gewissen Joseph Adlene. Richtig erinnert, Römer und Patrioten, den Namen haben wir erst vorgestern gehört. Joseph Morris Adlene ist einer von Spencer Declans Lehrlingen, und zwar, anders als Stephania Steinbach, offensichtlich einer mit magischen Fähigkeiten, wenn er diese Nekromantennummer abzieht. Na ganz toll. Sich mit Adlene anzulegen, heißt automatisch, sich mit Warden Declan anzulegen, und das wollen wir ganz sicher nicht. Zumindest nicht offen.

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Jetzt sieh einer an. Ximena O'Toole, Robertos Cousine, hat uns kontaktiert. Sie könne unsere Hilfe brauchen, sagte sie. Ich wiederhole mich, aber sieh an.

Bei dem Treffen im Dora's erzählte Ximena, auch sie müsse Schutzgeld an Spencer Declan entrichten, denselben Betrag wie Edward auch. Und es gebe da jemanden, dem sie etwas heimzuzahlen habe. Sie hat auch gesagt, warum, aber das weiß ich gar nicht mehr so ganz genau. Das „wer“ hat mich nämlich deutlich mehr aus den Socken gehauen. Es ist niemand anderes als Joseph Adlene, unser mordverdächtiger Nekromant, mit dem Ximena eine Rechnung offen hat. Oder besser, dem sie eins auswischen will. Weil er eben als Declans Lehrling eine Chance beim White Council hat und sie nicht, glaube ich. Und weil er die Million aufbringen konnte, die Declan von ihr für den Lehrlingsstatus verlangte, sie aber nicht.

Da es uns ebenfalls zupass kommt, wenn wir dem Kerl das Handwerk legen, willigten wir ein. Eine fähige Magierin von Ximenas Qualitäten kann bei der Aktion sicher nicht schaden. Jetzt müssen wir nur schauen, wie wir in Sachen Adlene am besten vorgehen.

Einfach beim White Council wegen Verletzung der Magiegesetze anklagen können wir ihn jedenfalls nicht. Denn wer vertritt den White Council in Miami? Richtig. Declan. Und bei wem ist Adlene als Lehrling unter Vertrag? Richtig. Declan. Wer wird also wohl kaum einen Finger rühren? Richtig. Declan. Schlimmer noch, vermutlich würde der Warden sogar eher anfangen, aktiv gegen uns vorzugehen, und das... äh. Wäre nicht so gut. Ganz abgesehen davon, dass wir Adlene den Verstoß gegen die Magiegesetze erst mal nachweisen müssten.

Wir überlegten also, dass wir ihn auf andere Weise drankriegen müssten. Es irgendwie schaffen, dass er sich etwas zuschulden kommen lässt, das wir ihm auch beweisen können. Wegen dem er idealerweise im Gefängnis landet. Und zwar in einem Magier-Gefängnis, denn ein normales dürfte wohl kaum ein Problem für ihn darstellen mit seinen Fähigkeiten.
Bei der Besprechung hatten wir erstmal keine brilliante Idee, aber es muss ja auch nicht gleich sofort in dieser Sekunde sein. Mal drüber schlafen – irgendwas fällt uns bestimmt noch ein.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 26.02.2013 | 23:15
Dankeschön.  :-*

Selganor, guckstu: Diary!  ;D
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 28.05.2013 | 19:12
Ricardos Tagebuch: Blood Rites 2

Hah. „Kleine Genre-Produktionen“. Denkste. Was diese Kataklysma Bentley bisher gedreht hat, sind neben besagten drei Filmen vor allem Pornos. O Dios. Warum hast du mir das nicht vorher gesagt, Sheila!?
Vermutlich, weil sie genau wusste, wie ich reagieren würde. Durchatmen, Alcazár.
Dass sie bisher Pornos gedreht hat, heißt ja nicht, dass sie aus Indian Summer auch einen macht.

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Heute nacht hatte ich einen schrägen Traum, Römer und Patrioten. Ziemlich Fantasy-lastig, irgendwie. Und zwar lebte die Figur, aus deren Ego-Perspektive ich träumte, in einer, hm, Fantasy-Parallelwelt unserer Erde im 16. oder 17. Jahrhundert, in der es Elementar-Magie und Luftschiffe und all solche Dinge gab. Amerika (auch wenn es anders hieß), war vor noch gar nicht allzu langer Zeit entdeckt worden, und die Eingeborenen waren keine Indianer oder Indios, sondern Tiermenschen. Mein Traum-Ego war ein spanischer (wobei auch der Name anders lautete, Spanien war Escamandrien oder so) guitarero namens Joaquin, der im Glücksspiel vor kurzem ein Luftschiff gewonnen hatte und mit einer kleinen Gruppe von Kameraden jetzt alle möglichen Abenteuer erlebte. Eine Love-Story gab es im Traum sogar auch; zwei sogar: zwischen Joaquin und einer chartreusischen (das Traum-Äquivalent für Frankreich, offensichtlich) Gnomin namens Francine sowie zwischen einem Minotauren namens Maurice und einer Escamandrierin namens Esmeralda, die alle auf dem Luftschiff ('La Vaca des Nueves', was für ein abgefahrener Name!) mitflogen.

Ziemlich spannend und fast kinotauglich jedenfalls. Ich müsste mir echt mal die Mühe machen, das alles im Detail aufzuschreiben. Und sei es nur aus Spaß für mich selbst.

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Genug Traum-Gerede fürs Erste. Wir stehen ja immer noch vor dem Problem Adlene, und Ximena hatte da eine Idee. Sie meinte nämlich, Adlene verfolge schon seit Jahren, Jahrzehnten beinahe, die Idee, den Jungbrunnen zu finden. Und sie würde ihn nun am liebsten an diesem Horn packen und ihn dabei um soviel Geld erleichtern wie nur irgend möglich. Wie genau der Betrug aussehen sollte, darüber waren weder sie noch wie uns im Klaren, und so haben wir die unterschiedlichsten Ideen hin und her gewälzt, bis am Ende doch die Grundzüge eines Plans Gestalt annahmen.

Aber zuvor machten wir uns auf die Suche nach Sharon, dieser verschwundenen Wachfrau. Oh, dabei fällt mir auf, die habe ich bisher noch gar nicht erwähnt. Also, seit dem Einbruch in der Gibraltar Bank wird eine Frau vermisst, die in der fraglichen Nacht vor Ort Dienst hatte. Getötet und fortgeschafft? Entführt? Verletzt? Vielleicht gar selbst involviert? Vanguard Security stellt die Sicherheit im Gebäude, und James Vanguard machte sich verständlicherweise Sorgen um seine Mitarbeiterin. Mehr als Mitarbeiterin, wie Edward uns klarmachte: Die Verschwundene war, ist, Teil von Vanguards Rudel, und ihr Rudel ist Lykanthropen ebenso wichtig wie echten Wölfen.

Von Vanguard bekamen wir auch einen persönlichen Gegenstand der Dame, was es Edward erlaubte, sie mit seiner Magie aufzuspüren. Die Spur führte aus der Stadt, nach Norden Richtung Lake Okeechobee. Wir fanden Sharon auf dem freien Feld außerhalb des Städchens Indiantown im Osten des Sees, aber dummerweise wurde sie wurde auf uns aufmerksam, feuerte einige Schüsse in unsere Richtung (von denen keiner traf, gracias a Dios) und rannte zu ihrem auf einem Parkplatz am Stadtrand abgestellten Auto zurück.

Bis wir selbst unser Auto wieder erreicht hatten, war von der Lykanthropin nichts mehr zu sehen. Aber ein Passant hatte sie in Richtung des Sees davonfahren sehen, also folgten wir dieser Spur. Das Haar, das James Vanguard uns gegeben hatte, war bei der ersten Suche aufgebraucht worden; auf magische Weise konnten wir Sharon also nicht nochmal finden.

Aber mit Instinkt. Von der Hauptstraße führte ein beschilderter Weg zu einer Bootsmarina, wohin wir abbogen und wo die Vanguard-Wachfrau gerade dabei war, ein Boot zu mieten oder gar zu kaufen. Wir hatten Glück, dass die Transaktion noch nicht ganz abgeschlossen war, sonst hätte Sharon uns einfach wieder davonfahren können, aber so hatten wir Gelegenheit, ihr zuzurufen, dass wir nur mit ihr reden wollten, und nachdem wir ihr versprochen hatten, dass wir nicht an Bord ihres Bootes kommen würden, sondern in Rede-Abstand auf dem Steg bleiben würden, erklärte sie sich dazu bereit.

Sharon erzählte uns ihre Version der Dinge. Es gehe ihr gut, sie sei unverletzt, sie sei nur abgehauen, weil sie Mist gebaut habe. Folgendes war passiert: Sie wollte nicht näher darauf eingehen, was es genau gewesen war, aber sie muss wohl in einem Anfall von lykanthropischer Rage jemanden verletzt oder gar umgebracht haben, und das machte sie erpressbar. Erpressbar von unser aller Lieblings-Nekromanten Joseph Adlene, der sie dabei beobachtet oder sonstwie von der Sache Wind bekommen hatte. Adlene schien auch sehr genau zu wissen, dass sie bei dieser Bank arbeitete (ob er die Frau irgendwie beeinflusst hatte, um sie zu diesem Ausraster zu bewegen und ein Druckmittel gegen sie zu bekommen? So sorgfältig, wie der zu planen scheint, kann ich mir fast nicht vorstellen, dass es ein Zufall gewesen sein soll), und im Gegenzug für sein Schweigen erklärte Sharon sich bereit, wegzusehen, wenn während ihres Wachdienstes etwas Unvorhergesehenes passieren sollte, und den Tresorraum zu öffnen.

Dieses Unvorhergesehene geschah dann in der fraglichen Nacht in der völlig unerwarteten Form eines jungen Mädchens, das frech wie Oskar in die Bank marschiert kam und schnurstraks auf Sharon zuging. Der fiel auf, dass das Mädchen einen seltsamen Gang hatte und seltsam tonlos zu ihr sprach – vermutlich von einem von Adlenes Geistern besessen, war unser aller erster Gedanke, als wir das hörten.

Jedenfalls öffnete Sharon dem Mädchen, wie mit Adlene vereinbart, den Tresorraum und hielt sich ansonsten aus allem heraus. Das Mädchen hatte ganz klar das Schließfach von Segunda Escalera zum Ziel, wütete aber absichtlich im Tresorraum herum und öffnete noch andere Fächer, um vom eigentlichen Ziel abzulenken. Mit dem Inhalt des Segunda Escalera-Tresors (von dem Sharon leider nichts sehen konnte) verschwand sie dann, aber nicht, ehe sie nicht aus einem der anderen Kisten eine Halskette mitgenommen und sich umgehängt hatte.

Die Wachfrau konnte uns das Mädchen beschreiben: um die dreizehn, hellhäutige Afro-Amerikanerin mit einer auffälligen, weil offensichtlich selbstgemachten Schmetterlings-Tätowierung, gekleidet in billige Sachen vom Kaliber J.C. Penney.

Wo in der Innenstadt die Kids aus den sozialen Brennpunkten herumhängen, ist kein großes Geheimnis. Also sahen wir uns dort um und stellten ein paar Fragen, bis wir die Gesuchte tatsächlich entdeckten. Das Mädchen war mit einer Freundin zusammen, von der sie sich keinesfalls trennen würde, und beide wollten unbedingt um die Häuser ziehen, in diesen und jenen Club gehen. Wenn wir mitkommen wollten... fein. Wenn nicht... Pech.

Madre mia. Naja, wir wollten schon ziemlich dringend mit dem Mädchen – Sevennah hieß sie, hatten wir bei unseren Fragen herausbekommen – reden, also gingen Roberto und ich mit in diesen Club. Die beiden Jugendlichen waren natürlich längst nicht so abgebrüht, wie der lässige Spruch klingen sollte; jedenfalls wirkten sie schon etwas beeindruckt, dass zwei erwachsene Männer sich mit ihnen abgaben.

Ich hingegen war alles andere als beeindruckt. Die Mädchen hätten natürlich gar nicht in den Club gelassen werden dürfen, aber es brauchte nur ein Zwinkern zum Türsteher, und sie waren drin. Und sie hatten auch keine Probleme, an Drinks zu kommen, und sie ließen sich davon auch durch unsere Warnungen nicht abbringen. Sie machten das definitiv nicht zum ersten Mal, vor allem nicht die ein paar Jahre ältere Kemberlee. Mierda.

Damit Roberto sich in Ruhe (naja, was an so einem Ort halt „Ruhe“ ist) mit Sevennah unterhalten konnte, ging ich mit Kemberlee auf die Tanzfläche. Mit ihr zu tanzen war definitiv unverfänglicher als eine Fünfzehnjährige in meiner Gesellschaft Alkohol trinken und vielleicht noch Drogen nehmen zu lassen, die hier auch kräftig angeboten zu werden schienen. Das Problem war nur: Irgendwann hatte Kemberlee keine Lust mehr auf Tanzen, und dann machte sie mir sehr deutlich und ziemlich betrunken klar, dass sie jetzt mit mir wo „privater“ hingehen wollte. Auch das war offensichtlich nichts Neues für sie. O Dios.

Ich machte Kemberlee daraufhin ebenso unmissverständlich klar, dass ich mit ihr nirgendwohin gehen würde, außer zu ihr nach Hause, um sie dort sicher abzuliefern, aber davon wollte sie nichts hören. Sie schleuderte mir ein „alter Spießer“ an den Kopf und suchte sich einen anderen Kerl, der ihr noch ein paar Drinks ausgeben und sie dann irgendwohin abschleppen würde.
Was mir ja eigentlich hätte egal sein können. Kemberlee hatte sich gestern und vorgestern und all die letzten Wochen und Monate von Kerlen abschleppen lassen, und sie würde es morgen und übermorgen und in den nächsten Wochen und Monaten und Jahren wieder tun. Was machte es da für einen Unterschied, ob heute da eine Ausnahme bildete? Aber, Madre de Dios, ayudame, es war mir eben nicht egal.

Als Kemberlee Anstalten machte, mit ihrem neu aufgegabelten Kerl den Club zu verlassen, trat ich dazwischen. Es kam zu hässlichen Worten, und vielleicht wäre die Sache auch zu Gewalt eskaliert, wenn Kemberlee nicht in mädchenhaft-betrunkener Begeisterung gesagt hätte: „Au ja, prügelt euch um mich!“ Das brachte den Typen zur Besinnung, und er zischte etwas von „Glaubst du etwa, du bist dafür wichtig genug, Schlampe? Hier gibt’s noch Dutzende wie dich!“
Wofür ich ihm wiederum mit Vergnügen eine reingeschlagen hätte, mich aber zurückhielt und Kemberlee dann doch unbehelligt heimbringen konnte.

Sie war so betrunken, dass ich sie nicht einfach aus dem Auto lassen konnte, wie ich das vorgehabt hatte. Stattdessen musste ich bei Kemberlee zuhause klingeln, und ihre Eltern waren alles andere als begeistert, dass ihre Tochter mitten in der Nacht in diesem Zustand von einem Fremden abgeliefert wurde. Andererseits machten sie einen resignierten Eindruck, als sei auch das bei weitem nichts Neues. Und ich fuhr mit sehr schwerem Herzen nach Hause. Mierda.

Während ich von Kemberlee nachhause fuhr, entstand übrigens ganz langsam ein anderer Plan, der so gar nicht mit Adlene und Jungbrunnen und Magie und Kram zusammenhing. Ich habe doch Geld, verdammt. Und ich habe eine gewisse Verantwortung. Ich muss mich mal umhören, aber vielleicht... eine Stiftung. Ein Jugendzentrum. Jugendarbeit. Irgendwas, um die Kemberlees und Sevennahs dieser Stadt von der Straße und vor allem aus den Clubs und den One-Night-Stands mit völlig Fremden zu holen. So ein Projekt wird garantiert nicht allen helfen können. Aber vielleicht wenigstens einigen. Und irgendwas muss da passieren.

So, jetzt aber erstmal Treffen mit den Jungs, hören, wie es Roberto mit Sevennah gestern noch ging und ob er etwas herausfinden konnte

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Nicht ganz so brisant wie bei mir, erzählte Roberto. Das Mädchen ist dreizehn, weniger abgebrüht als ihre Freundin, und als sie ein paar Drinks intus hatte, war sie doch sehr erleichtert, als Roberto sie einfach heimbrachte, ohne dass die Sache irgendwie weiter führte. Er verabredete sich dann für heute nachmittag auch noch einmal mit ihr, weil er Sevennah versprochen hatte, heute mit ihr einkaufen zu gehen. Aber der Reihe nach.

Sevennahs Bericht bestätigte das, was wir ohnehin schon so halb vermutet hatten. Sie war mit ihren Freundinnen an ihrem üblichen Platz herumgehangen und hatte sich dann auf den Heimweg gemacht, als sie plötzlich einen Filmriss hatte. Wieder zu sich gekommen war sie irgendwo auf einem Parkplatz in Strandnähe, wo der Parkwächter sie gefunden und sich um sie gekümmert hatte, bis sie aufwachte. Sie hatte allerdings einen sehr seltsamen Traum, von einem Banktresor und dass sie darin eingebrochen sei, haha, wie schräg. Ha ha.

Beim Aufwachen hatte Sevennah aber auch eine Kette um den Hals, die sie vorher nicht gehabt hatte und von der sie sich nicht erklären konnte, wie sie an sie geraten war, die sie aber ziemlich cool fand: ganz golden und mit einer Münze dran. Und genau diese Kette war es, wegen der Roberto heute nachmittag mit dem Mädchen einkaufen war: Er hatte Sevennah nämlich dazu bekommen, dass sie ihm die Kette (echtes Gold, sehr wertvoll, aber vor allem: gemeldetes Diebesgut aus dem Einbruch in der Bank!) überlassen würde, wenn er ihr dafür eine andere kaufte. Oder Schuhe. Oder eine Sonnenbrille. Oder alles drei. Zum Glück haben dreizehnjährige Mädchen einen recht... sagen wir mal... einfach gestrickten Geschmack, so dass Roberto mit ein wenig Bling sehr billig bei der Sache wegkam.

Roberto hat übrigens unabhängig von mir einen ganz ähnlichen Plan gefasst. Auch er ist der festen Überzeugung, man müsse etwas für die Kids aus dem sozial schwachen Milieu tun. Was genau er vorhat, sagte er allerdings nicht, aber vielleicht können wir uns zusammentun.

Nachdem Roberto seinen Bericht von den beiden Treffen mit Sevennah erstattet hatte, gingen wir wieder ans Planen des Betrugs an Adlene. Und wie ich schon sagte: So ganz langsam kristallisiert sich eine Idee heraus. Ich weiß nur nicht genau, ob ich sie hier noch so exakt zusammenbekomme. Irgendwie wollen wir Adlene dazu bekommen, dass er durch ein von Alex geschaffenes Tor geht, in der Meinung, dass sich dahinter der Jungbrunnen – oder der Eingang zum Jungbrunnen – befindet, dass er in Wahrheit aber dann im Tresorraum der Bank landet, wo ihn die Behörden (a.k.a. Dee Martin, mit ihren besonderen Mitteln für übernatürliche Straftäter) in Empfang nehmen und wegsperren können. Außerdem soll er selbst noch für das Ritual, oder einen Teil des Rituals zahlen, bzw. seine Ressourcen dafür hergeben. Irgendwie so. Wie ich ebenfalls gerade sagte: erstens ist das Ding noch nicht so richtig ausgefeilt, und zweitens habe ich dann irgendwann den Faden verloren, als Alex und Edward ans magische Eingemachte gingen. Ich weiß nur noch, dass sie mich baten, ich solle eine passende Legende recherchieren. Irgendwas, das passt und das es wirklich gegeben haben soll, damit unsere Geschichte auch plausibel klingt, wenn wir sie ihm auftischen.

Und genau damit werde ich mich jetzt beschäftigen, Römer und Patrioten, und dieses Tagebuch hier daher erstmal beiseite legen. Ich hoffe nur, wir verlieren Ximena nicht mit unserer ganzen bisher ergebnislosen Planerei. Bei der letzten Besprechung klang sie nicht sehr begeistert.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 29.05.2013 | 22:16
Ui, wie fein.  ;D

Den merkwürdigen Geruch nach Meer, Wind, Rauch und Gewürzen in deiner Wohnung nach dem Traum hab ich erwähnt, oder? Spielt Cardo eigentlich Gitarre? :)
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 2.06.2013 | 20:02
Nachtrag. Planänderung. Ich war gerade lustig am Googlen nach passenden spanischen Galeonen (Nuestra Señora de Atocha? Viel zu bekannt. Santa Margarita? Vielleicht, aber auch noch ziemlich bekannt), als das Telefon klingelte. Alex war dran, wir würden auf eine Vernissage gehen. Vernissage? Okay...

Aber es hatte durchaus Sinn und Verstand. Denn auf dieser Vernissage würde auch Joseph Adlene sein, hatte Alex mit seinen Connections herausbekommen, und den wollte er ja zu gerne mal kennenlernen. Also sind wir hin, alle außer Totilas, der ohnehin schon die ganzen letzten Tage irgendwas für Gerald erledigen muss. In die Ausstellung gingen wir allerdings nicht gemeinsam, sondern teilten uns auf, auch wenn wir uns die Mühe vermutlich hätten sparen können: Wer uns kennt, weiß, dass wir ständig zusammenhängen, und kann vom einen auf den anderen schließen. Und selbst wer uns nicht kennt, wird das relativ schnell herausbekommen.

Jedenfalls kam Alex mit Adlene ins Gespräch. Wobei - „Gespräch“ kann man das wohl kaum nennen. Das war offen zur Schau gestellte Feindseligkeit. Was sie sagten, konnte ich aus der Entfernung nicht hören, aber das war in ein mehr oder weniger höfliches Gewand verbrämte Gewaltandrohung. Alex erzählte später, er habe zwei Geister neben Adlene gesehen, beide mit diesem Halsband mit dem seltsamen zweidimensionalen Ring, eine hübsche Frau und einen Türsteher-cum-Schlägertyen. Adlene habe die beiden auch ziemlich herumkommandiert. Der Necromancer wusste jedenfalls genau, wer Alex war, oder besser, seine kontrollierten Geister sagten ihm bescheid, und Alex versuchte das auch gar nicht zu leugnen.

Währenddessen fiel Roberto ein Mann auf, der eine ganze Reihe von Damen um sich herumstehen hatte und diese überaus angeregt unterhielt. Er war eigentlich gar nicht alt (in den Dreißigern oder frühen Vierzigern vielleicht?), wirkte aber irgendwie alterslos. Blond, stark sonnengebräunt, mit einer Seefahrerkappe auf dem Kopf. Seine Zuhörerinnen hielt er mit Erzählungen von seinen maritimen Abenteuern in Atem, denn er sei Kapitän zur See. Was durchaus passte, denn die Ausstellung drehte sich ja auch um Gemälde von Segelschiffen.

Dann jedoch bemerkte dieser Mann Roberto und wurde unter der Sonnenbräune schlagartig kreidebleich. Er wimmelte seine Bewunderinnen ab und versuchte sich aus dem Staub zu machen. Roberto jedoch hielt ihn draußen auf und redete mit ihm.
Es stellte sich heraus, dass der Mann die Aura Titanias gespürt hatte, die Roberto ja anscheinend noch immer umgibt, und zunächst dachte, unser Freund sei gerade von der Sommerkönigin besessen. In diesem Glauben konnte Roberto ihn zwar nicht auf Dauer lassen, weil er zu wenig darüber wusste, was die beiden verbindet, aber er machte dem Seemann klar, dass er Titanias Stimme in dieser Angelegenheit sei.

In welcher Angelegenheit? Das wusste Roberto selbst nicht, aber das hat ihn ja noch nie daran gehindert, sich in einem ausgedehnten Bluff zu versuchen.
Der Mann – Hans Vandermeer nannte er sich, Kapitän des Segelschiffes Titania – gestand Roberto, das Amulett sei ihm gestohlen worden (was für ein Amulett das sei, sagte er nicht, und Roberto wollte nicht zu genau nachhaken, um seine Unwissenheit zu überspielen), und es täte ihm unendlich leid, und er könne nichts dafür. Von wem es gestohlen worden sei, wollte Roberto aber doch wissen. Das war ja auch eine durchaus legitime Frage, selbst wenn er gewusst hätte, um was genau es ging. Die Beschreibung des Diebes, oder besser der Diebin, passte vage auf Chérie Raith, aber ehrlich gesagt auch auf eine Menge anderer südländischer Frauen mehr.

Roberto drohte Kapitän Vandermeer dann, er werde ihn töten, falls der Mann Ärger mache, aber darüber schien der Seemann nur unendlich erleichtert. Sehr, sehr gerne, wenn das in Robertos Macht stünde, sagte er. Nicht so ganz das, was der hatte hören wollen... Statt dessen gestattete Roberto ihm schließlich, in der Stadt zu bleiben, wenn der Kapitän im Gegenzug Roberto zur Verfügung stünde, wann immer der ihn brauche.
Auf diesen Handel ließ Vandermeer sich mit Begeisterung ein: Er war geradezu aus dem Häuschen bei dem Gedanken, nicht mehr aufs Meer hinaus zu müssen, sondern auf dem festen Land bleiben zu dürfen – aber ob Roberto das vor Titania verantworten könne? Ja klar, meinte der. (Hust, sage ich da nur. Oh, und sagte ich schon, dass Roberto einem ausgedehnten Bluff gegenüber noch nie abgeneigt war?)

Jedenfalls. Ein altersloser niederländischer Kapitän eines altmodischen Segelschiffes, der nicht sterben kann, aber gerne sterben möchte und aufgrund irgendeines Handels mit Titania eigentlich nicht länger an Land bleiben darf oder kann? Der Fliegende Holländer, anyone?

Diese neue Entwicklung hat jedenfalls dafür gesorgt, dass wir am Überlegen sind, ob wir Vandermeer und sein Schiff nicht in den Betrug an Adlene einbauen können. Aber so richtig weit sind wir mit den Überlegungen noch nicht gediehen.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 9.07.2013 | 17:29
Ricardos Tagebuch: Blood Rites 3

Ganz anderer Plan. Oder besser: eine weitere Metamorphose des ursprünglichen Plans. Wir werden Adlene nicht weismachen können, hinter einem wie auch immer gearteten Tor befinde sich der Jungbrunnen. Aber wir können ihm vielleicht schon eher glaubhaft machen, dass Edward ein Verjüngungsritual beherrscht, oder genauer gesagt eines, das den Alterungsprozess verlangsamt. Nur dass das Ritual, das der dann abziehen wird, den Necromancer nicht langsamer altern lassen wird. Sondern ihm Pech bringen wird, und zwar genau und ausschließlich dann, wenn er wieder seine fiesen Dinger abzieht. Verhält er sich anständig, wird er auch kein Pech haben.

Mit dieser Idee, und vor allem mit dieser Wenn-Bedingung, konnten wir alle leben. Denn wir sind ja immerhin die Guten, verdammt. Edward forschte also etwas nach und fand in einem seiner Bücher zur Magie tatsächlich genau das Passende. Fehlen nur noch die Komponenten.
Deswegen haben wir uns aufgeteilt. Mir schwebt für eine Komponente da nämlich was vor.  

Der Bereich „Sehen“ muss von einem deprimierenden Bild abgedeckt werden, sagte Edward. Und in Alejandras Kindergarten ist mir schon seit längerem ein Gemälde aufgefallen, das die Kernkompetenz „deprimierend“ so ziemlich genau erfüllt. Warum das ausgerechnet in einem sonst so fröhlich eingerichteten Kindergarten hängen muss, weiß ich selbst nicht, aber das könnte echt was sein. Glücklicherweise ist gerade für heute nachmittag das Frühlingsfest angesagt. Langsam höre ich echt auf, an Zufälle zu glauben... Jedenfalls, ich muss gleich los. Drückt mir die Daumen, Römer und Patrioten, dass ich eine Gelegenheit finde, denen dieses Bild abzukaufen!

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Wieder zuhause. Ohne Bild. Mierda.

Als ich am Kindergarten ankam, musste ich erst mal feststellen, dass die Leiterin gar nicht anwesend war. Hatte sie die Beschäftigung mit den potentiell nervigen Eltern einfach ihren Untergebenen überlassen.

Aber das Fest war nett: Die Kinder hatten ein kleines Theaterstück zum Thema „Frühling“ einstudiert, und Alejandra durfte die Sonne sein. Darüber war sie allerdings kreuzunglücklich, weil sie lieber einen Schmetterling gespielt hätte statt der Sonne. Ihre Freundin Monica hatte ein Schmetterling sein dürfen, und das war viel toller, fand sie. Kaum hatte ich sie mit der Erklärung, dass sie eine tolle Sonne gewesen sei und beim nächsten Mal bestimmt einen Schmetterling geben dürfe, soweit beruhigt, kam sie kurz darauf wieder weinend angerannt. Edlyn habe Monica an den Haaren gezogen und ihr die Puppe weggenommen.
Von diesem Edlyn hat Alejandra schon öfter erzählt. Ein typischer kleiner Bully, wie es scheint, und vor allem auch noch einer mit schlechtem Einfluss elternseits. Oder wo sollte er sonst wohl Schimpfwörter wie „Spic“ her haben?
Ich ging also hin und stellte Edlyn zur Rede – ganz erwachsen und mit ruhigen Worten, wohlgemerkt, ich war ein wahres Vorbild an Moderation – nur um von seinem Vater der Einschüchterung seines kostbaren Sprösslings bezichtigt zu werden und mir blöde Sprüche von wegen „Berühmtheit schafft kein Recht“ anhören zu dürfen. Ha ha.

Monica und Alejandra waren jedenfalls schnell wieder beruhigt, nachdem 'Jandra ihre Puppe wiederhatte, und auch mit Edlyn vertrugen sie sich schnell wieder und rannten zusammen davon. Bis sie wieder heulend angerannt kamen. Madre mia.

Diesmal brannte im Garten ein Busch. 'Jandras Puppe habe plötzlich Feuer gespuckt, erklärten die Kinder unter Tränen. Oder besser, 'Jandra und Edlyn erklärten unter Tränen. Monica sah eher schuldbewusst drein. Ihre Mutter nahm die Kleine eilig beiseite, und ich hörte sie streng mit ihrer Tochter tuscheln. Oh-hoh. Die Angelegenheit war schnell als spontan entzündliches Spielzeug erklärt (auch wenn diese Puppe garantiert kein Billigimport aus China war. Aber was tut man nicht alles, um die Fiktion aufrecht zu erhalten.)
Nur Mrs. Salcedo nahm ich mir unauffällig beiseite und fragte sie, ob ihre Tochter das schon länger habe und immer größere Schwierigkeiten, das unter Kontrolle zu halten. Wenig überraschend, konnte Monicas Mutter mir das bestätigen, und ich versprach ihr, mich einmal umzuhören. Vielleicht finde ich ja jemanden, der die Kleine in Sachen Magie ein wenig unterweisen kann. Wir kennen da ja so eine junge Dame, die in Sachen Feuer recht bewandert ist.

Dann kam ich jedenfalls endlich dazu, Alejandras Betreuer, einen Osteuropäer namens Gregor Kasinski, auf das Bild anzusprechen. Er bedauerte vielmals, aber das Bild sei von einem guten Freund der Chefin höchstselbst gemalt worden, einem Gönner des Kindergartens, und wenn er das Bild einfach so verkaufe, dann sei dieser Herr bestimmt zutiefst beleidigt und werde seine Gönnerschaft zurückziehen.

Seufz. Dann bekommt der Kindergarten eben einen neuen Gönner...
Und außerdem... es sei doch keinesfalls Gregors Schuld, dass das Bild in dem unglücklichen Zwischenfall mit der spontan entzündeten Puppe ebenfalls abgebrannt sei?
Hmm ja. Das sah der Kindergärtner ein – nur hätte ich wohl mal besser nicht so laut gesprochen... oder hätte die kleine Monica nicht so gute Ohren, denn kurz darauf kam das Mädchen stolz wie Oscar wieder. „Mama, Mama, das Bild ist abgebrannt!“

Seufz. Also gut. Bekommt der Kindergarten eben trotzdem seinen neuen Gönner, und muss ich eben selbst versuchen, ein so bedrückendes Bild hinzubekommen wie das verbrannte. Allzugroßes malerisches Talent dürfte es ja nicht benötigen. Allerhöchstens bin ich ein zu großer Optimist dafür, um etwas derart... deprimierendes zu malen. Ich muss daran denken, mir beim Malen trübe Gedanken zu machen, sonst klappt es vielleicht nicht.

Oh, aber eines noch. Naja, zwei Dinge. Edlyns Vater hörte ich etwas von „anderer Kindergarten. Eindeutig anderer Kindergarten“ murmeln, worüber ich mich bestimmt nicht beschweren werde. Andererseits bin ich mir gar nicht sicher, ob ich es ihm für 'Jandra nicht gleich tun sollte. Denn die erzählte mir nach hinterher ganz vertraulich, dass Gregor super-nett sei. Der tröste sie immer, wenn sie traurig sei und weinen müsse. Und dann gebe er ihr ein Taschentuch. Und dann trinke er die Tränen aus dem Taschentuch. Das habe sie jedenfalls mal gesehen.

Mierda. Ein White Court, der sich von Traurigkeit ernährt? Aber warum dann das Taschentuch leertrinken und nicht einfach die Trauer nehmen? Ich muss wissen, wem – oder besser, was – genau meine Ziehtochter da als Zögling anvertraut ist.

Aber jetzt mache ich mich erstmal an dieses verdammte Bild. Irgendwo in der Rumpelkammer habe ich doch noch Leinwand und Acryl rumliegen von der Zeit, als Yolanda ihre kreative Phase bekam und mich partout auch zum Malen animieren wollte. War sogar ganz lustig, bis mich dann die Muse überkam und ich mit Crying Virgin anfing.
Nicht vergessen. Trübe Gedanken machen.

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Fertig. Ich habe mich so gut runtergezogen, wie ich nur konnte. Das fertige Machwerk ist eigentlich ganz... Hm. „Gut geworden“ kann ich jetzt wirklich nicht sagen. Aber zumindest scheint es mir für seinen Zweck halbwegs geeignet zu sein. Nicht ganz so deprimierend wie das Original, glaube ich, aber ich hoffe, für Edwards Ritual reicht es. Sehen wir dann morgen, wenn wir uns wieder treffen.

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Die anderen hatten auch ziemlich, äh, skurrile Erlebnisse, wenn ich das mal so sagen darf. Aber immerhin haben wir alles zusammen, was wir für das Ritual brauchen.

Als Gegenstand für „Fühlen“ wird etwas benötigt, das Pech bringt, steht in der Anweisung. Dazu wusste Edward, dass in der Asservatenkammer des SID eine Hasenpfote aufbewahrt wurde, die als verflucht und gefährlich eingestuft war. Die zu beschaffen, war sogar leichter als befürchtet, denn als Edward dazukam, waren die übrigen SID-Beamten gerade dabei, sich wegen genau dieses Dings zu streiten. Und zwar hatte sein skeptischer Kollege Mark, der für alles immer eine rationale Erklärung sucht, sich die Hasenpfote aus der Asservatenkammer geholt, um seiner dem Übernatürlichen gegenüber aufgeschlosseneren Partnerin zu beweisen, dass das Ding eben kein Pech brachte. Einen toten Gecko in der Kaffeetasse, eine auf Marks Kopf gestürzte Rehgipsplatte aus der Decke und einen gebrochenen Arm später war der Mann zwar immer noch nicht überzeugt, dass es das Übernatürliche gibt, aber Edward immerhin im Besitz der Hasenpfote.

Die Abteilung „Geschmack“, sagt die Ritualbeschreibung im Buch, müsse über Wein von einem gesunkenen Schiff kommen. Dabei dachten wir natürlich zu allererst an eine alte spanische Galeone, aber so weit in die Vergangenheit mussten wir gar nicht. Alex hatte irgendwo gehört, dass vor wenigen Wochen ein Schnellboot namens „Presley“ vor der Küste havariert und untergegangen ist. Er fuhr also hinaus aufs Meer und zu der Stelle – nur um dort auch eine Jacht vorzufinden, bemannt vom Sohn des Jachtbesitzers und zwei anderen jungen Leuten, die Alex flüchtig kannte. Die hatten beim Tauchen nach der „Presley“ eine Kiste mit 15 kg Heroin gefunden und waren nun am Debattieren darüber, was mit dem Zeug passieren sollte. Ehe das Ganze eskalieren und in einem Blutbad enden konnte, gelang es Alex, die drei Jugendlichen davon zu überzeugen, dass die Drogen am besten gegen einen Finderlohn ihren ursprünglichen Besitzern übergeben werden sollten. Auf diese Weise die Drogenkriminalität zu unterstützen, passte Alex zwar gar nicht, aber so konnte er wenigstens das Leben der drei jungen Leute retten, und 15 kg Heroin hätte die Drogenmafia so oder so recht schnell wieder hergestellt. (Seinen Wein aus dem Bestand der „Presley“ bekam Alex übrigens auch noch. Völlig problemlos sogar: Nach all der Aufregung überließen seine jungen Freunde ihm anstandslos eine Flasche.)

Roberto wollte die Kategorie „Hören“ abdecken, weil er in der Nähe seiner Bótanica einen kleinen Laden kennt, der sich ganz auf alte Schallplatten spezialisiert hat. Und eine Schallplatte mit einem Lied, zu dessen Klängen sich jemand umgebracht hat, ist ja genau das, was Edward für sein Ritual braucht. Also wollte Roberto eine Aufnahme von Billie Holidays „Gloomy Sunday“ besorgen, die dieses Kriterium ja laut diverser urbaner Legenden erfüllt. (Ich persönlich hätte ja vermutlich eher was von Lana del Rey gewählt. Die Frau will doch irgendwie auch immer sterben.  Aber ob tatsächlich schon mal jemand Selbstmord begangen hat, während eine ihrer Schnulzen lief, oder ob ihre romanto-schaurige Todessehnsucht noch keine echten Nachahmer gefunden hat, das weiß ich natürlich nicht. Ich will es auch gar nicht wissen, ehrlich gesagt. Der Gedanke ist nämlich ziemlich fürchterlich, wenn man es genau betrachtet. Oh, und ob man deren Sachen überhaupt auf Vinyl bekommen könnte oder nur digital, weiß ich natürlich auch nicht. Und klar, einen Song von Billie Holiday zu wählen, hat viel mehr Stil. Auch wenn der nur das Remake eines ungarischen Originals war.)

In dem Laden jedenfalls kam – und warum wundert mich das bei Roberto nicht – wieder mal alles ganz anders. Ja, seine Billie-Holiday-Scheibe bekam Roberto, aber da waren zu dem Zeitpunkt auch noch ein paar andere Kunden im Laden, die sich gerade heftig um eine andere Platte stritten. Eine der Beteiligten kannte Roberto als eine Mit-Santería von Oshun namens Edelia Calderón, während einer der beiden Männer ihm einen gewissen Einfluss Titanias aufzuweisen schien. Der zweite Mann – der, der die Platte stur festhielt und behauptete, er habe sie als erster gefunden – war eigentlich mehr ein Junge, bestimmt noch keine zwanzig.

Es lag jede Menge Spannung, ja drohende Gewalt, in der Luft, so dass der Ladenbesitzer, wenig verwunderlich, sich durch die Hintertür verzog und Roberto zurief, er könne das doch bestimmt lösen. Was der auch, ähm, tat. Hust.
Er hörte sich nämlich erstmal an, worum es bei dem Ganzen überhaupt ging (das begehrte Objekt war eine unglaublich seltene Aufnahme aus den 1940ern der ganz jungen Celia Cruz, der „Königin des Salsa“, von einem Konzert in Venezuela, von dem man bisher nicht einmal gewusst hatte, dass überhaupt Aufzeichnungen davon existierten) und fragte dann, ob er die Scheibe mal sehen dürfe. Die drei Streithähne schienen ihn nach einigem Zögern tatsächlich als Schlichter zu akzeptieren, denn der Junge reichte ihm die Schallplatte.

Und was macht Roberto? Sieht sich genau an, ob auch alles seine Richtigkeit hat – und dann bricht er das verdammte Ding mitten entzwei!
Und dann... Na was sonst. Er rannte, seine eigene Platte fest in der Hand, während ihm der geballte Zorn einer Oshun-Santería und eines Sommer-Sidhe in Form von Feuerbällen und Gewitterblitzen hinterherjagte.
Oh Mann. Typisch Roberto. Muss sich neue Feinde machen, wo er auch hingeht.

Da Totilas ja noch immer für Gerald zugange ist – höchst geheimnisvoll, wir haben den seit Tagen nicht zu Gesicht bekommen – kümmerte Ximena sich um die Geruchskomponente. Die sollte laut Edwards schlauem Buch aus einer Grablilie bestehen, die den Händen eines Toten entnommen werden musste. Dank ihrer guten Kontakte wusste Ximena auch von einer Beerdigung, bei der sie sich hoffentlich eine solche Lilie beschaffen konnte.
Kurzfassung: Es gelang ihr.
Langfassung: Bei der Beerdigung dieses Mannes, eines gewissen Gio Mantovani, kam es zu einigen Turbulenzen und einer Verkettung unglücklicher Umstände, bei der insgesamt vier Personen ums Leben kamen – die Tochter des Verstorbenen, dessen zweite Ehefrau, sein Neffe und ein unehelicher Sohn. Ximena sagte später, sie habe aus dem Augenwinkel gesehen, wie die zweite Ehefrau der Tochter etwas in die Seite gesteckt habe (Gift? Insulin?), dann in ihrem Auto von einem Krokodil angefallen worden sei, woraufhin sie natürlich die Kontrolle über das Fahrzeug verlor und den unehelichen Sohn überfahren habe, während der Neffe am Steuer seines eigenen Autos aus unerfindlichen Gründen von einem Stromschlag getroffen wurde. Ich will ja nichts sagen, aber da fragt man sich doch, ob der Tod des alten Mantovani natürliche Ursachen hatte...
Nur ein Gutes hatte die groteske Situation: Um Ximena und ihr Entwenden einer Lilie aus dem Sarg des Toten kümmerte sich kein Mensch mehr.

Ludwig Uhlands Ballade „Des Sängers Fluch“ für den Geist war schnell ausgedruckt, nachdem wir uns aufgrund der eher vagen Beschreibung im Ritualbuch darauf geeinigt bzw. ein klein wenig nach einem passenden Gedicht gesucht hatten. Dasselbe galt für die Seelen-Komponente, die aus nichts weiter bestand als aus einer Abschrift von 4. Mose 22, 6: „So komm nun und verfluche mir dieses Volk, denn es ist mir zu mächtig, auf dass ich es schlagen möchte und aus dem Lande vertreiben; denn ich weiß: Wen du segnest, der ist gesegnet, und wen du verfluchst, der ist verflucht.“

Die Komponenten hatten wir also.  Jetzt blieb nur noch die Frage, wie Adlene darauf ansetzen. Gemeinsam einigten wir uns auf folgende Tarngeschichte:

Ein wohlhabender Geschäftsmann, ein gewisser Gio Mantovani, hatte uns beauftragt, ein Altersverzögerungsritual für ihn durchzuführen. Ehe wir es ausführen konnten, und vor allem auch ehe Mantovani uns hatte bezahlen können, starb der alte Mann unerwartet bei einem Autounfall. Wir hatten also nun diese Ritualkomponenten gesammelt und die ganzen Auslagen gehabt, aber nun niemanden, der uns das Ding abkaufen wollte...

Natürlich wollten wir keine echten Interessenten anlocken, sondern nur Adlene. Deswegen gingen wir in den Buchladen, wo Alex sich unauffällig umsah und feststellte, dass tatsächlich einer von Adlenes Geistern hier herumspukte und offensichtlich darauf wartete, interessante Gespräche aufzuschnappen. Also konnten wir unsere kleine Scharade, in der wir uns im Flüsterton über unser „Problem“ und darüber, was wir nun deswegen unternehmen sollten, tatsächlich vor Publikum aufführen.
Als Alex später dann nochmal nachsah, war der Geist weg.

Der Köder ist also ausgeworfen. Jetzt müssen wir nur sehen, ob der Fisch zubeißt.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 16.07.2013 | 12:31
Er hat angebissen. Muahahahaha.

Vorgestern wurde Roberto bei seinem Auto von einem Typen angesprochen. Der Kerl lehnte einfach daran und wartete. Als Roberto ihn zur Rede stellte, meinte er, er habe gehört, dass die schönen Männer was zu verkaufen hätten, und ob das stimme. Roberto machte vorsichtig zustimmende Geräusche und vereinbarte ein Treffen im Opera House für den nächsten Tag. Als es nichts mehr zu besprechen gab, ging plötzlich etwas wie ein Ruck durch den Mann, und dann sah er Roberto, und dessen pinkfarbenes Auto, völlig perplex an und machte, dass er davonkam. Ich würde sagen, da hat Adlene wieder mal mit einem seiner Geister einen Fremden besessen. Ob das nach diesen Magier-Gesetzen, mit denen Declan Edward gedroht hat, legal ist, wage ich ja auch zu bezweifeln, auch wenn dem Mann kein Leid geschah und Adlene nicht selbst Hand angelegt hat. Aber das sind doch Haarspaltereien, verdammt.

Wir beschlossen, dass nur Roberto und ich zu diesem Treffen gehen würden, weil Edward meinte, er könne nicht sonderlich gut lügen, und er wolle Adlene deswegen nur so oft persönlich begegnen wie unbedingt nötig. Und Alex hat Adlene ja sowieso gefressen; dessen Anwesenheit bei der Besprechung wäre also wohl eher kontraproduktiv. Oder besser, Alex' und Adlenes gegenseitige Abneigung ließ sich vielleicht – ein Echo unserer Überlegungen in Sachen der Clou – ja auch gewinnbringender einsetzen.

Wir trafen Adlene also und verhandelten. Tischten ihm unsere kleine Scharade von unserem vorzeitig verstorbenen Kunden auf und dass wir jetzt keinen Abnehmer hätten. Nichts davon stimmte, aber der Reaktion des Nethermancers nach zu urteilen, habe ich den ganzen Kram recht glaubwürdig rübergebracht. Adlene fragte uns dann auch nach Details zum Ritual aus, aber da zog ich mich dann auf Edward zurück und gab zu, dass ich von den magischen Einzelheiten wenig Ahnung hatte. Also vereinbarten wir für heute ein zweites Treffen, bei dem auch Edward anwesend sein würde und Adlene ihm seine Fragen stellen könnte.

Bei diesem Treffen hat Edward sich tapfer geschlagen, wenn es auch ein, zwei Mal auf Messers Schneide stand. Zuerst nämlich kam es zu einer Verstimmung, als Edward sagte, er werde Adlene das Ritual nicht verkaufen. Edward meinte Zutaten und Durchführung, Adlene verstand, an ihm ausführen. Der Necromancer war also schon drauf und dran, beleidigt abzuziehen, aber ich konnte ihn gerade noch so aufhalten und auf das Missverständnis hinweisen.

Völlig glaubwürdig erklärte Edward, er habe nur dieses eine Ritual, das er richtig gut beherrsche, und wenn er dessen Einzelheiten jetzt preisgebe, dann habe er gar nichts mehr, mit dem er sich am Markt abheben könne.

Das sah Adlene widerstrebend ein, bestand aber darauf, jede Menge allgemeiner gehaltene, aber dennoch zum Thema gehörende Fragen zu stellen, um herauszufinden, ob Edward überhaupt wisse, was er tue. Zum Glück beantwortete Edward all diese Fragen mit Bravour, so dass Adlene ziemlich überzeugt und einigermaßen besänftigt war.

Und dann kam noch unsere eigene kleine Interpretation von der Clou. Alex kam nämlich „zufällig“ vorbei, sah uns mit Adlene da sitzen und verhandeln, rollte mit den Augen und sagte nur: „Du gibst es dem?“ Es war perfekt gespielt, mit genau der richtigen Mischung aus Ungläubigkeit und Unverständnis, und ohne jede Spur von Künstlichkeit oder Übertreibung. Edward reagierte ebenfalls gut, mit einem „Du weißt, was das alles gekostet hat, wir müssen das wieder reinholen“, woraufhin Alex scheinbar frustriert-resigniert verschwand. Und Edward fast wieder alles kaputtgemacht hätte, indem er ein „Dieser Alex und seine Moral immer“ hinterher schob.

Dieser Spruch kam so hölzern und war so un-Edward, dass Adlene aufhorchte und wieder zu zögern anfing. Aber er ist gierig, und er will partout dieses Ritual, und so konnten wir ihn doch wieder beruhigen. Morgen soll es also stattfinden, auf dem Ritualplatz, den wir damals für Jack „verdorben“ haben, indem wir Declan involvierten und der Warden davon erfuhr. Aber hier macht das ja nichts, ist sogar ziemlich perfekt, denn wenn wir einen bislang unbekannten Ort nehmen würden, dann wüsste Declan durch Adlene doch gleich wieder davon.

Achja, ehe ich das Tagebuch weglege: Vorhin hat Sheila angerufen. Die Filmcrew hat bei den Dreharbeiten ihren ersten größeren Meilenstein hinter sich gebracht, und das wollen sie ein bisschen feiern. Ganz informell, mit einem Grillfest. Ich glaube, ich lade Dee ein. Und die Jungs sowieso.

Oh, und Alejandras Kindergärtner ist, wenn die Jungs recht haben, vermutlich kein White Court, sondern eine osteuropäische Sagengestalt, die sich tatsächlich von Tränen ernährt. Es gibt üble Geschichten von solchen Wesen, die ihre Opfer durch Qual und Folter zum Weinen bringen. Aber dieser Gregor... naja. Kleine Kinder weinen ja ständig mal. Ich hege die Vermutung, er hat sich absichtlich diesen Job gesucht, um eben niemanden mit Zwang zum Weinen bringen zu müssen.

Aber ich werde ihn definitiv im Auge behalten.

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Puuuh. Was für ein Tag. Und dabei habe ich doch nichtmal was gemacht, lief die ganze Hochspannung doch durch Edward.

Aber, Madre de Dios, es hat geklappt. Ich kann gar nicht so viel dazu schreiben, aber das... das Vibrieren, diese sogar von mir gespürten magischen Energien, die sich sammelten und aufbauten und in der Luft hingen... sie hallen noch immer in mir wider.

Jedenfalls. Wir trafen uns mit Adlene am vereinbarten Ort, sans Alex, der aus einiger Entfernung und durch fließendes Wasser gedeckt, sicherte und beobachtete. Und sans Totilas, der noch immer nicht wieder aufgekreuzt ist und auch sein Handy ausgeschaltet hat.

Adlene war nervös wie ein junges Pferd, zittrig und misstrauisch, aber auch unendlich gierig auf das Ritual. Edward beantwortete also nochmals seine letzten Fragen, dann ging es los. Und es dauerte. Römer und Patrioten, ihr habt ja keine Ahnung, wie lange sich so ein Ritual hinziehen kann, dessen Effekt nicht nur ein paar Stunden andauern soll, sondern schon durchaus einige Jahre. Vor allem, wenn man gerade dabei ist, seinen Kunden zu betrügen.

Edward zog immer mehr, wie nenne ich das, magische Kraft in sich hinein. Er musste sich gewaltig konzentrieren, und ein oder zwei Mal sah es für meine Laien-Augen fast so aus, als sei er drauf und dran, die Kontrolle über sein Konstrukt zu verlieren.  Und Adlene wurde immer misstrauischer. Als Edward den Bibelvers deklamierte, fragte er plötzlich: „Was wird hier gespielt?!?“

Edward konnte sein Ritual nicht unterbrechen. Also fiel der Versuch, den Necromancer zu beruhigen, mir zu. Und erstaunlicherweise fiel mir spontan eine derart plausibel klingende Erklärung ein, dass sie mich selbst völlig überraschte und dank der Adlene erst einmal wieder ruhiggestellt war. Irgendwas von wegen, dass der Tod und das Alter verflucht werden müssten, um sich dem be-Ritualten nicht länger nähern zu können. Fragt mich nicht. Wenn ich jetzt im Nachhinein darüber nachdenke, klingt die Story völlig hanebüchen. Aber der Kerl wollte eben glauben. Vermutlich hätte ich ihm auch erzählen können, in das Ritual müsse eine Telefonbuchseite, damit das Alter vor ihm erst alle anderen Namen auf dem Blatt abklappern müsse.

Kurz vor Ende sah es nochmal so aus, als wolle er abspringen, aber er war dann doch zu gierig. Und dann war es geschafft, Edward (und Ximena, die ja geholfen hatte) völlig ausgelaugt, aber auch völlig euphorisch ob der reinen Größe dessen, was sie vollbracht hatten und dank der mächtigen Energien, die durch sie hindurchgeflossen waren.

Adlene überreichte uns den vereinbarten Preis (eine Million Dollar, man höre und staune) und verabschiedete sich mit der Drohung, dass er das Geld zurückfordern werde, falls das Ritual nicht geklappt haben sollte. Falls doch, sei es nett gewesen, mit uns Geschäfte zu machen. Und ging.

Ximena bekam natürlich sofort ihren Anteil, während wir uns überlegten, was wir mit dem Rest tun sollten. Eigentlich war es ja Edwards Honorar, aber der meinte, er könne es nicht annehmen, denn es würde doch auffallen, wenn er plötzlich anfangen würde, mit Geld um sich zu werfen. Dann sollten doch lieber wir es nehmen, denn dass er reiche Freunde habe, das sei ja nun allgemein bekannt, und bei mir oder Roberto zum Beispiel würde man das gar nicht merken.
Am Ende beschlossen wir dann, das Geld in die Renovierung des alten Dampfers zu stecken, in dem damals Ocean Raith gefangen gehalten worden war und den ich nach der Geschichte ja für einen Apfel und ein Ei gekauft habe. Daran wollten wir uns sowieso schon die ganze Zeit machen, weil es bestimmt nicht das Schlechteste ist, eine geheime Operationsbasis in den ‘Glades zu haben. Hach, wie das klingt. Da kommen doch glatt meine ganzen Kleine-Jungen-Agenten-Fantasien wieder hoch.

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Zurück vom Grillfest. Und was soll ich sagen: Es Han Solot ganz gewaltig. Zum einen war Lady Fires Freundin Christine für das Grillfeuer verantwortlich, und sie ging uns genauso aus dem Weg wie beim letzten Mal. Zum zweiten ist mit Sam Worthington und Roselyn Sanchez etwas ziemlich Seltsames vorgegangen. Die Kleiderordnung war leger, Jeans und Hemd, und sowohl Sam als auch Roselyn hatten sich nach dem Dreh für die Grillparty gar nicht erst umgezogen, sondern die Sachen angelassen, die sie für ihre Rollen getragen hatten. Darin sahen sie exakt so aus, wie ich mir Eric Albarn und Catherine Sebastian vorgestellt hatte. Und während der Unterhaltung mit ihnen kam es mir plötzlich vor als, wie sage ich das, als wechselten sie in ihr Rollenverhalten hinein. Wie sie sich ein Wortgeplänkel nach dem anderen lieferten, das hätte ich genau so, wirklich haargenau so, auch für Eric und Catherine schreiben können. Nur dass ich es eben nicht geschrieben habe. Aber es würde perfekt zu den Charakteren passen.

Außerdem waren die Leute vom Zirkus Sambuca nebenan auch da. Fünf Typen: zwei Männer und drei Frauen. Sie tragen komische Künstlernamen: Den Nachnamen „Buca“ teilen sie alle, und die Vornamen haben alle irgendwas mit Feuer zu tun. Zumindest drei davon: Feu, Tinder und Ray Buca. Und deren Chefin nennt sich „Sam Buca“. Ha ha. Brüller.

Jedenfalls kam eine davon – die, die sich Feu nannte – auf Edward zu und sprach ihn rundheraus an. „Du bist dieser Edward, oder?“ Als er bejahte, nickte sie fröhlich und meinte, das habe sie sich gedacht. „Du kannst gut mit Ritualen, hab ich gehört.“ Und dann war sie auch schon wieder fort.

Irgendwer (Roberto? Alex?) hörte dann kurz darauf, wie Feu zu ihrer Chefin sagte, sie habe „diesen Edward“ gefunden. Was uns natürlich neugierig darauf machte, was diese Bucas wohl von Edward – und per Assoziation von uns – wollten. Außerdem war uns noch aufgefallen, dass die Bucas und Christine sich alles andere als grün zu sein schienen. Also suchten wir das Gespräch mit der Truppe, aber die Typen waren mehr als einsilbig, dieser Ray vor allem. Wir holten sie ein, als sie gerade das Gelände verlassen wollten, und beinahe wäre es zu Handgreiflichkeiten gekommen. Dieser Ray hatte schon einen Feuerball in der Hand und schien nur allzu bereit, den auf uns loszulassen, aber die Anführerin hielt ihn auf. „Nicht hier.“

Ooookay. Was zum Geier ?

Nachdem Christine uns ebenfalls hatte abblitzen lassen, mit der Frage, wie um alles in der Welt wir auf die Idee kämen, dass sie mit uns Verrätern reden wolle, war der Abend für uns in der Hinsicht völlig gelaufen. Aber wenigstens Dee hatte Spaß. Ich dann auch – bis Roberto auf die Idee kam, noch süchtig mit ihr auf Sause gehen zu wollen. Er schlug zuerst Pans Strandparty vor, aber mit Pan wollte und will Dee nach wie vor nichts zu tun haben. Und ich hätte Roberto treten können, dass er sie daran erinnerte.

Stattdessen gingen wir noch eine Weile in einen Club in der Stadt. Hinterher verabschiedete sich Dee mit einem Kuss auf die Wange... sowohl von mir als auch von Roberto. Seufz.
Naja, das könnte jedenfalls vielleicht erklären, warum ich nicht schlafen kann, sondern erst einmal all das hier aufschreiben wollte. Aber jetzt. Gute Nacht.

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Coléra. Sie haben den Donut-Laden abgebrannt. Sie haben einfach den Donut-Laden abgebrannt. Das waren diese... diese Bucas! Jedenfalls war es Magie, denn in der Mall brannte einzig und allein das Dora's, keiner der anderen Läden wurde auch nur im Geringsten angesengt.

Edward fiel dann etwas zu diesen Buca-Typen ein. Es gab so vor 7 oder 8 Jahren eine ganze Gruppe von Feuer-Warlocks, die sich „Les Flambeaux“ nannten und ziemlich übel gewütet haben müssen. Warlocks sind Magier, die die Gesetze der Magie brechen und von den Wardens gnadenlos verfolgt werden, erklärte man mir. Jedenfalls wurden diese „Les Flambeaux“ wohl von einem gewissen Warden Morgan gejagt und zum größten Teil aufgerieben. Aber es ist sehr gut möglich, dass diese Bucas die Überreste dieser Warlock-Gruppierung darstellen. Verdammt. Auch das noch.

Und Adlene muss sie auf uns angesetzt haben. Zumindest ist das unsere Theorie, auch wenn das verdammt schnell wäre seit der Aktion. Denn wer wusste außer Adlene schon davon, dass Edward gut in Ritualen ist? Und warum gerade Edward aufsuchen sonst? Er war es immerhin, der das Ritual durchgeführt und Adlene mit dem Pech belegt hat. Aber wie zur Hölle kamen sie auf das Dora’s? ¿Como demonios? Dass das schon derart als unser Stammlokal ausfindig zu machen war... Er muss uns seine Geister hinterhergescheucht haben. Cabrón.

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Wir haben jetzt auch herausgefunden, warum die Sommerfeen und die Bucas sich nicht grün sind. Anscheinend haben die Bucas (also eigentlich diese „Flambeaux“-Warlocks, aber davon scheinen die Bucas ja die Überreste zu sein) einen Weg gefunden, irgendwie die Macht des Sommerhofes anzuzapfen und zu nutzen. Kein Wunder, dass Sommer die derart hasst.

Die Art und Weise, wie wir das rausgefunden haben, war allerdings... weniger schön. Seufz.
Wir haben nämlich Pans Party aufgesucht, um uns dort umzuhören. Der erste, dem wir begegneten, war Colin, Pans neuer Erster Ritter, und der zeigte sich alles andere als begeistert davon, mich zu sehen. Er beschuldigte mich, ihn bei der Sache letzten Sommer hinters Licht geführt zu haben. Die Ritterei sei viel anstrengender, als er sich das vorgestellt habe, und er hätte doch nur ein bisschen Party machen und dann weiter studieren wollen. Nichts so Permanentes jedenfalls!

Sagen konnte er uns zu der Fehde mit den Bucas auch nichts, also fragten wir nach Sir Anders. Der focht gerade mit einem anderen Sidhe einen Schaukampf mit Degen aus – Sir Kieran nannte Colin ihn. Und dieser Sir Kieran war niemand anderes als der Salsa-Liebhaber, dem Roberto die Celia-Cruz-Scheibe zerbrochen hatte...
Der Sidhe-Lord hatte auch ein Date dabei. Und dreimal dürft ihr raten, wer das war, Römer und Patrioten? Richtig. Edelia Calderón, die Santería aus dem Plattenladen. Yay. Kein Wunder, dass Roberto erst einmal Getränke holen ging und sich rar machte, während wir warteten, bis der Kampf beendet war.

Sir Anders beantwortete zwar unsere Fragen, aber auch er war alles andere als glücklich, uns zu sehen. Er bezichtigte uns rundheraus des Verrats an Lady Fire. Ich versuchte, ihm unser damaliges Dilemma zu erklären, aber er war nicht sehr geneigt, mir zuzuhören. Oh verdammt. Ich wünschte, ich könnte das irgendwie aus der Welt schaffen...

Als keine Gefahr mehr bestand, Sir Kieran über den Weg zu laufen, tauchte Roberto wieder auf. Und wir sahen gleich: Da war was anders. Er trug nämlich eine Kette um den Hals, golden und mit einem Anhänger in Form von Titanias Portrait. Den Sommerfeen fiel das sofort auf, und die Menge teilte sich vor ihm wie... naja, auch auf die Gefahr hin, hier Klischees zu perpetuieren, wie das Schilfmeer vor Moses.

Römer und Patrioten, Roberto ist jetzt Titanias Richter.

Und das kam so: Als er dort am Getränkestand versuchte, sich nicht von Sir Kieran und Ms Calderón erwischen zu lassen, wurde er von einem von Pans Leuten eingesammelt, der Herzog wünsche ihn zu sprechen.
Er habe sich angemaßt, für Titania zu sprechen, sagte Pan Roberto dann auf den Kopf und ohne weitere Vorrede zu. Das wollte Roberto erst abstreiten, doch Pan – offensichtlich nicht sehr amüsiert darüber – beharrte darauf. Roberto habe dem Holländer Hans Vandermeer in Titanias Namen gestattet, an Land zu bleiben. Somit habe er sich das Amt des Richters angemaßt, und da Titania nicht protestiert – und vor allem, das es tatsächlich geklappt habe – sei das Amt des Richters nun auf ihn übergegangen. Und mit diesen Worten hängte Pan unserem Santerío die besagte Kette um. Die er jetzt irgendwie nicht mehr abnehmen kann. Hurra. Und irgendwie hört Roberto Oshuns Stimme, schon seit der Sache mit Titania letzten Sommer, nicht mehr so deutlich. Und jetzt, seit er die Kette trägt, irgendwie gar nicht mehr. Oh oh.

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Gary aus der Arcanos-Runde hat eben angerufen. Ob wir von Ximena gehört hätten. Die war nämlich gestern ebenso wenig beim Spielabend wie ich. Nur dass ich abgesagt hatte, weil ja die Grillparty angesagt war, Ximena aber ohne ein Wort fehlte, und das sei sonst nicht ihre Art, meinte Gary. Mierda.

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Keiner von uns wusste Ximenas Adresse, aber in der Uni bekamen wir ihre Anschrift heraus. Nur dass die nicht stimmte. In der Phi Beta Kappa (natürlich nicht die echte, aber da ich den tatsächlichen Namen der Schwesternschaft nicht mehr weiß, muss eben φβκ herhalten) hatte man von einer Ximena O’Toole nie gehört. Das waren auch alles blonde WASPs ; Ximena hätte da nie im Leben reingepasst.

Also rief Roberto bei seiner Tante an. Von der erfuhr er unter dem Vorwand, er habe seine Cousine ja so lange nicht mehr gesehen und wolle sie mal besuchen, eine Adresse, die sich als Trailerpark herausstellte, aber als einer von der gehobeneren Sorte. Ximenas Wohnwagen stand ziemlich abseits, durch Bäume sichtgeschützt, am Fluss. Oder hatte gestanden. Hinter der einwandfreien Illusion eines intakten Trailers fanden wir, als wir durch das Fenster nach seiner Bewohnerin schielen wollten, das Ding in rauchenden Trümmern vor. Mierda!

Ximena selbst fanden wir in der Gestalt eines Krokodils am Flussufer liegend, ziemlich fertig. Sie schaffte es zwar noch ohne Hilfe, die Illusion aufzugeben und ihre menschliche Gestalt wieder anzunehmen, aber sie war für die Dose Not-Cola aus Alex‘ Auto mehr als dankbar.
Wie wir anhand des abgebrannten Trailers schon vermutet hatten, waren die Bucas auch bei ihr gewesen. Wobei Ximena nicht beschwören konnte, dass es wirklich die Bucas gewesen waren, da sie auf Motorrädern, in Lederkluft und mit verspiegelten Helmen aufkreuzten, aber da es genau fünf waren, drei Frauen und zwei Männer, liegt der Gedanke an die Bucas doch irgendwie nah.

Wir brachten Ximena erst einmal dort weg und boten ihr Asyl bei uns an. Erst wollte Roberto sie zu sich nehmen, aber Ximena ist Magierin, und Magier töten Technik. Da wurde Roberto dann doch Angst und Bange um seine Stereoanlage, seinen High-End-PC und was nicht alles, also kam Ximena dann doch lieber bei Edward unter. Der hat immerhin, wegen desselben Handicaps, auch keine moderne Technik im Haus.

Wie Edward den weiblichen Besuch dann allerdings Chérie erklären wird, das muss er selbst sehen. Wobei es in den letzten Tagen zwischen Edward und Chérie ein wenig zu kriseln scheint. Zumindest klangen ihre letzten Telefonate, jedenfalls auf Edwards Seite, ein wenig ... angespannt. Aber gut, so richtig klar über ihre Beziehung sind die beiden sich ja ohnehin nicht.

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¿Qué demonios? Noch ein beunruhigender Anruf eben. Ms Berkeley, die Regisseurin, war dran. Am Set seien ganz seltsame Dinge geschehen. Sehr cool, aber auch sehr, sehr seltsam. Ob ich gleich vorbeikommen könne.
Ich muss los. Ich hab da so eine Ahnung. Mierda!
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: 6 am 16.07.2013 | 12:35
Ich weiss nicht, ob das Ricardo egal war, aber ich glaube Du hast das Robertos neues "Amt" vergessen.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 16.07.2013 | 12:38
Oh verdammt. Nein, das war ihm natürlich nicht egal! *ergänz* Wobei das natürlich garantiert das 20.000er Zeichenlimit sprengen wird. Yee-haw. *kürz*
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 16.07.2013 | 13:06
Du darfst auch mehr als einen Post draus machen.

Editier den Rest einfach in Chris' Post rein, das stört ihn sicher nicht. Du bist doch jetzt Mod und kannst wild Posts ändern!  ;D
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 16.07.2013 | 13:12
Nee, ging. So viel musste ich gar nicht kürzen. Ein paar Halbsätze hier und da sowie den Absatz zu unserem wir-spenden-für-das-Doras. Das war eh unwichtig und kann ein andermal nochaml erwähnt werden, falls nötig.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 16.07.2013 | 13:18
Zwei kurze Einwürfe: Die Kette ist golden (Sommerfee!), und der Holländer heißt jetzt endgültig und final Hans Vandermeer. :)

...muss noch ein Bild für den suchen.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 16.07.2013 | 21:07
Mir aus auch so. :)

Muss ich nur auch noch in dem früheren Posting den Namen ändern.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Patti am 16.07.2013 | 23:21
Ich mag Eure Ritter. :)
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 17.07.2013 | 15:12
Hihi, dankesehr! Ich mag sie auch. :) Ich glaube, ich werde im ersten Post mal die Charakterbilder von denen verlinken, wenn ich das irgendwie hinkriege.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 17.07.2013 | 21:10
Kannst du ja aus dem Portal verlinken... oder soll ich?  :)
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 17.07.2013 | 21:42
Ich komme nur an Cardo ran, weil ich im Obsi keine Mod-Rechte habe. Daher ja: mach du das sehr gerne! :)
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 22.10.2013 | 17:29
So, ehe ich in nicht allzuferner Zukunft das Diary von unserer (wieder mal end-genialen) Runde des letzten Wochenendes poste, habe ich erstmal im Eingangsbeitrag die Charakterbilder der "Schönen Männer" ergänzt. Damit sich auch jeder überzeugen kann, dass es wirklich "schöne Männer" sind, hihi.

Das Diary folgt dann, wie gesagt, irgendwann demnächst. Angefangen hab ich schon, aber ich habe momentan auch ziemlich viel Krams um die Ohren, so dass ich für nichts garantiere.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Gorai am 23.10.2013 | 05:35
Die Bilder sind durchaus passend ausgewählt  :d

Ich freue mich auf Eure Fortsetzung  8) :d
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 12.11.2013 | 09:23
So, da die letzte Sitzung an 3 in-game-Tagen stattfand und ich das Zeichenlimit mit einem einzigen Posting sowieso sprengen würde, habe ich beschlossen, diesmal drei Einträge daraus zu machen, die jeweils einen Spieltag abdecken.

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Ricardos Tagebuch: Blood Rites 4

Es war, wie ich es mir schon dachte. Nur heftiger.

Als wir am Set ankamen, sahen wir schon von weitem einen Krankenwagen und ein Polizeiauto da stehen. Helle Aufregung bei Crew und Cast. Herumwimmelnde Menschen. Aufgeregtes Getuschel. Verletzte. Zwei Statisten und ein Pferd. Angeschossen.

Sie hatten den Shootout in der Vergangenheit drehen wollen, in die es Eric im Verlauf der Geschichte ja verschlägt. Aus der Seminolen-Ansiedlung des Romans war im Film eine Western-Stadt geworden: nicht so stilvoll und nicht ganz authentisch, aber dafür waren die Kulissen wohl von einer anderen Western-Produktion übriggeblieben und somit billig zu haben gewesen.

Natürlich waren sämtliche Waffen mit Schreckschussmunition geladen – aber trotzdem waren während des Drehs echte Kugeln geflogen. Echte Geschosse hatten die Darsteller getroffen, und die Löcher in den Häuserwänden der Kulissen waren echt – aber leere Patronenhülsen waren trotzdem keine zu finden, weder am Boden noch in den Wänden steckend.

Außerdem konnten unsere Magiebegabten – vor allem Alex mit seiner Affinität zu Toren, Grenzen und Übergängen – spüren, dass hier die Realität irgendwie dünn war, dass hier die Fantasie irgendwie real zu werden schien, sich mit unserer Welt vermischte.

Die uniformierten Cops vor Ort fanden es gar nicht lustig, dass wir plötzlich auftauchten und uns umsahen, ihre polizeilichen Untersuchungen zu stören drohten. Also hielten wir lieber etwas Abstand, ließen die ihre Fragen stellen und sahen uns anderweitig um.

Russell Means, der Darsteller des Indianer-Schamanen, des Bösewichts, stand ein Stück abseits mit zwei Männern aus der Filmcrew. Er war ziemlich biestig-spöttisch drauf, mokierte sich über die im Film perpetuierten ethnischen Klischees und all sondergleichen. Und er schien sich überhaupt nicht dessen bewusst zu sein, dass er eigentlich tot ist.

Oh. Davon habe ich ja noch gar nichts erwähnt. Und dabei hätte es eigentlich auch in die Han-Solo-Kategorie-Liste von vor ein paar Seiten gehört. Es ist uns – oder besser, Alex wieder – bei der Kick-Off-Party für den Film aufgefallen, dass da eine Präsenz anwesend war, die definitiv nicht mehr unter den Lebenden weilte. Aber andererseits konnte Alex auch ganz genau sagen, dass der Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort war: Er sollte genau jetzt genau hier sein, sonst hätte Alex ihn ja auch weiterschicken können, wie er das sonst immer macht.

Dieses Gefühl des „der Typ ist tot, gehört aber gerade jetzt genau hierher“ hatte Alex jetzt wieder, also waren wir entsprechend vorsichtig, als wir mit ihm redeten. Aber reden wollten wir unbedingt mit ihm.
So richtig warm wurden wir allerdings nicht mit ihm – oder besser gesagt, er nicht mit mir. Er war sehr... sagen wir mal empfindlich und reizbar, und er regte sich fürchterlich über die schrecklichen Rassenklischees auf, die das Drehbuch des Films – sprich ich, hust – verzapft hatte.
Aber er hatte eben wie gesagt keine Ahnung, dass er tot war. Er wusste zwar nicht mehr genau, wer diesen Job für ihn arrangiert hatte – sein Agent wohl, meinte er – , aber genaue Details konnte er nicht mehr sagen. Nur, dass er eben zum Drehbeginn hier aufgetaucht sei. Hah. Im wahrsten Sinne des Wortes „einfach aufgetaucht“, wenn ihr mich fragt, Römer und Patrioten.

So richtig viel brachte das Gespräch jedenfalls nicht ein, also gaben wir es nach einer Weile auf. Es war Zeit, mal mit den Hauptdarstellern persönlich zu reden. Während Edward und Roberto sich weiter auf dem Gelände umsahen, wanderten Alex, Totilas (ja, Totilas ist wieder aufgetaucht, auch wenn er sich auf dem Weg zum Studio nur extremst vage darüber ausließ, was er die ganzen Tage über getrieben hat) und ich zu Mr. Worthingtons Trailer, den Ms Sanchez, die Darstellerin der Catherine Sebastian, gerade in einiger Aufregung verließ. Sam Worthington rief ihr noch etwas hinterher von wegen „wir müssen aber darüber reden, wir können das nicht einfach ignorieren!“, aber sie stürmte davon und uns genau in die Arme.

Und irgendwie... ich weiß auch nicht. Auch Ms Sanchez fasste eine sofortige und instinktive Abneigung gegen mich, hatte ich das Gefühl. Obwohl wir uns ja bei der Party schon getroffen hatten und sie da eigentlich ziemlich freundlich wirkte. Vielleicht war es auch irgendetwas, das ich sagte, aber ich kann gar nicht mehr sagen, was es genau gewesen sein könnte. Vielleicht hatte sie in ihrem aufgeregten Gemütszustand auch einfach nur keine Lust, mit uns zu reden. Jedenfalls drückte sie mir eine Autogrammkarte in die Hand und rauschte nach wenigen gereizten Worten davon. Puh.

Das Gespräch mit Sam Worthington verlief besser, nach einigem anfänglichen um-den-heißen-Brei-Gestochere und Ablenkungsversuchen in Richtung Kaffee und den Vorzügen von kleinen Privatröstereien jedenfalls. Die seltsamen Vorgänge beim Dreh konnte Sam sich auch nicht erklären, und zuerst versuchte er, uns den Streit mit Roselyn Sanchez als Disput über die Ausgestaltung ihrer Rollen als Eric und Catherine zu verkaufen: dass sie sich nicht darüber einig seien, wieviel unterschwellige erotische Spannung in diesem ersten Teil bereits zwischen ihnen zu spüren sei. Denn zusammen kommen sie ja erst am Ende von Crying Virgin, und Sam wollte die Beziehung jetzt noch eher neutral halten, während Roselyn eine forschere Schiene fahren wollte, sagte er.

Ich konnte Sam dahingehend bestätigen, dass ein eher neutraler Ansatz auch das war, was ich selbst beim Schreiben vor Augen gehabt hatte – aber das änderte nichts daran, dass der Schauspieler uns in bezug auf den Streit nicht die Wahrheit, oder nicht die ganze Wahrheit, gesagt hatte.
Nach vorsichtigem Herantasten und weiteren Pirouetten um harmlose Themen wie Kaffee und dergleichen gab ich Mr Worthington schließlich zu verstehen, dass ich an Übernatürliches glaubte, ja, und dass mir auch schon Übernatürliches widerfahren sei. Feen zum Beispiel.

Er sah mich zwar an, als sei ich völlig wahnsinnig, aber schließlich rückte er dann doch mit der Sprache heraus und erzählte das, was wir schon vermutet hatten. Dass er und Roselyn nämlich immer wieder, und immer häufiger, mit ihren Rollen zu verschmelzen schienen; Dinge über ihre Charaktere wussten, die nirgendwo im Drehbuch oder den Romanen standen und nirgendwo auch nur angedeutet wurden. Dass Eric Albarn zum Beispiel mit einem Mädchen namens Suzie Engleton auf den Abschlussball gegangen war und zu der Gelegenheit einen grauen Anzug mit einer weißen Rose am Revers getragen habe. Und richtig, diese Szene hatte ich mir irgendwann mal im Detail ausgemalt, der zugehörige Flashback hatte es dann aber doch nicht ins Buch geschafft. Oder dass Eric eine Narbe am Knie hatte, aber dass er sich ums Zerplatzen nicht erinnern könne, woher. Und ja, auch das stimmte. Irgendwann war mir dieser Gedanke mit der Narbe am Knie mal gekommen, aber ich hatte nie genauer über deren Herkunft nachgedacht, weil sie bisher noch nicht akut wurde. Und all diese Dinge konnte Sam jetzt wissen? Escalofriante...

Der Mann war mir sympathisch, und ich wollte ihn nicht anlügen. Daher ging ich so weit, ihm zu erklären, dass es eine Feenlady gebe, die ein großer Fan der  Eric-Albarn-Geschichten sei, und dass diese ganzen seltsamen Begebenheiten vermutlich damit zusammenhingen. Ich konnte ihn aber zum Glück auch ein wenig beruhigen: Da Lady Fire ein Fan von Eric und Catherine ist und möchte, dass die Geschichte zu einem guten Ende kommt, sind Sam und Roselyn trotz all dieser Seltsamkeiten mit ziemlicher Sicherheit nicht in Gefahr.

Während wir mit Sam Worthington sprachen, suchten Roberto und Edward auf dem Gelände nach irgendetwas, das diese Seltsamkeiten vielleicht erklären könnte oder vielleicht sonst interessant war. Und tatsächlich fanden sie in der Requisitenkammer einen Gegenstand, der eindeutig über eine magische Aura verfügte, also ein echtes Relikt war und nicht nur irgendeine Requisite. Es war das Totem, das in der Geschichte vom Geisterschamanen benutzt wurde, um seine Zeitreisen durchzuführen und die Toten zu beherrschen. Einfach mitnehmen konnten sie es nicht, das wäre aufgefallen, weil das gute Stück ja in wenigen Tagen beim großen Showdown Verwendung finden muss, aber sie nahmen sich vor, nach Möglichkeit ein harm- und magieloses Duplikat davon herstellen zu lassen.

Auf dem Weg zurück zum Treffpunkt stießen die beiden auch noch einmal mit Ms Sanchez zusammen. Roberto fand auch einen deutlich besseren Draht zu ihr als ich, aber wirklich viel herausbekommen konnte er dennoch nicht aus der Schauspielerin. Sie erzählte ihm ebenfalls von all den seltsamen Dingen, die geschehen waren, und dass diese ihr Angst machten, aber das war es auch schon mehr oder weniger.

Der Circus Sambuca gastiert natürlich immer noch neben dem Studio, und natürlich hatten wir die Bucas als Zaungäste. Der Aufruhr auf dem Gelände war ihnen nicht entgangen, ebensowenig wie unser Besuch. O alegría.

Der Dreh des großen Finales, der eigentlich übermorgen stattfinden sollte, zögert sich jedenfalls noch mindestens einen Tag hinaus, sagte Ms Berkeley, weil die Filmarbeiten ja heute wegen der seltsamen Vorkommnisse vorzeitig abgebrochen wurden. Das ist gut, das gibt uns ein wenig Zeit, vielleicht noch ein paar Vorbereitungen zu treffen.

Aber morgen findet jetzt erst einmal dieses Straßenfest in Little Havana statt, auf das sich das ganze Viertel schon seit Wochen freut. Alejandra ist jedenfalls schon ganz aufgeregt. Und ich habe Dee gefragt, ob sie mitgehen möchte. Sie möchte, was wiederum mich in einen gewissen Zustand der unruhigen Vorfreude versetzt. Oh Mann.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 12.11.2013 | 23:26
Kurzer Einwurf: Totilas, Roberto und Edward haben das Totem nicht mitgenommen, weil sie nicht wussten, ob das nicht noch gebraucht wird da. Schließlich wusstet ihr ja schon, dass das Totem beim Showdown der Romanhandlung zum Geisterbannen benötigt wurde; und bevor das auch in der "Realität" so ist, wollten sie es lieber nicht wegnehmen. Ansonsten wäre das schon gegangen.  :)
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 15.11.2013 | 00:41
Ja, so ungefähr meinte ich das ja auch. :)
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 15.11.2013 | 00:41
Mierda, mierda, mierda. Mierda. Hätte ich doch bloß Dee da nicht mit reingezogen! Andererseits, wenn sie und Jack nicht gewesen wären... Ich mag es mir gar nicht ausmalen.
Aber jetzt liegen sie und Jack im Krankenhaus, und um ein Haar hätten sie es nicht überlebt.

Verdammte Bucas.

Wobei ich gestehen muss, dass mir von Anfang an nicht ganz wohl bei der Sache war, sobald wir in Little Havana ankamen. Aber ehe wir zu dem Fest gingen, trafen wir uns mittags nochmals mit Kataklysma Berkeley, um von ihr zu erfahren, wie sie und das Filmteam die Aufregung des vorigen Tages überstanden hatten. Und außerdem hatten wir nachgedacht.

Wenn man davon ausgeht, dass tatsächlich die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen, dann ist der epische EndkampfTM mit seinen beschworenen Indianergeistern und dem Ritual und der ganzen Action, die da abgeht, der pefekte Kandidat für das perfekte SNAFU. Und wir können das Drehteam da nicht einfach so blauäugig reingehen lassen. Ich bin zwar nicht sicher, wieviel wir, wenn wir vor Ort sind, tatsächlich ausrichten können, aber die Jungs, mehr oder weniger übernatürlich, wie sie ja nun einmal sind, haben doch immerhin gewisse Möglichkeiten.

Und auch ich versuchte, wenigstens ein bisschen was zu den Vorbereitungen beizutragen. Was in meinem Fall darauf hinauslief, dass ich uns bei Ms Berkeley Statistenrollen für den Showdown besorgte (das hatte sie uns ohnehin angeboten: Ich glaube, sie war recht angetan von der Idee, dass der Autor der Romanvorlage einen Cameoauftritt im Film haben würde) und ihr einen Vorschlag für eine letzte, kurzfristige Drehbuchänderung machte.

Nur eine oder zwei neue Zeilen Text, aber sie könnten uns vielleicht eine etwas bessere Position verschaffen. Denn der Skriptwriter hat das Buch so umgeschrieben, dass der Endkampf nicht gegen halb-körperlose Geister stattfindet, sondern gegen Zombies. Was zwar im Kontext der Geschichte nicht sonderlich logisch ist, aber auf der Leinwand mehr hermacht. Vor allem, wo doch Zombies gerade der letzte Schrei sind.
Jedenfalls. Durch diese Skriptänderung hatte der Plot auch eine kleine Lücke in Sachen „wie kann man diese Gegner besiegen?“ Im Buch bringt Eric das Totem an sich und kann die Geister damit bannen; im Film gegen Zombies visualisiert, wirkt das nicht ganz so überzeugend.
Daher die kleine Änderung, dass Salz den Zombies schadet bzw. sie zurückhält. Es muss nur ein Charakter es aussprechen, dann ist es etabliert und – hoffentlich! - in der Fiktion Realität.

Oder anders herum. Falls nichts passiert, ist es völlig egal und das kleine Plotlöchlein gestopft. Aber falls es wirklich so kommen sollte, dass wir uns in ein paar Tagen in einem echten Showdown wiederfinden, dann haben wir eine weitere Waffe gegen die erwarteten Gegner in der Hand.

Aber wie gesagt, das ist etwas, mit dem wir uns in ein paar Tagen beschäftigen müssen. Was heute auf dem Fest passiert ist, hat uns heute schon genug in Anspruch genommen.
Und ich drücke mich schon wieder mal, stelle ich fest. Genug.

Die fiesta war – wie Straßenfeste das eben so sind – bunt und laut und quirlig, und auch wenn anfangs alles friedlich und fröhlich blieb, fiel uns doch so ziemlich als erstes auf, dass die Bucas auf dem Fest einen Stand hatten und auf einer kleinen Bühne eine – zugegebenermaßen ziemlich beeindruckende – Feuershow abzogen. Überhaupt nahm an dem Fest nicht nur ganz Little Havana teil, sondern auch sonst so ziemlich jeder, den man aus der übernatürlichen Gesellschaft so kennt. Von der Santería über die Hippies von der Kommune inklusive Jack sowie einigen Vertretern des Elder-Clans, bis hin zur Santo Shango und etlichen Mitgliedern des White Court, und schließlich noch Pan und seinem Gefolge. Die einzige übernatürliche Partei der Stadt, die nicht offensichtlich vertreten schien, war der Winterhof, aber selbst da will ich nicht mal ausschließen, dass sich nicht ein oder zwei Sturmkinder auf dem Fest herumtrieben und uns einfach nur nicht über den Weg liefen.

Apropos Pans Gefolge. Pan hatte eine ganze Reihe von Party-Girls dabei, die üblichen kichernden Groupies. Nur eine davon war anders. Ich konnte sie zwar nicht aus der Nähe sehen, aber sie wirkte zittrig, nervös, panisch beinahe, mit geweiteten, unruhig umher flackernden Augen. Als sie dann Totilas bemerkte, eilte sie auf ihn zu und klammerte sich förmlich an ihn, und er musste erst beruhigend auf sie einreden – Natalya nannte er sie, bekamen wir dabei mit –, ehe sie sich widerstrebend von ihm löste.

Ehe wir ihn darauf ansprechen konnten, was es mit dem Mädchen auf sich hatte, passierten aber ein paar andere beunruhigende Sachen.

Denn Danny O'Toole, Ximenas Vater, der ja seiner kubanischen Frau wegen im Viertel lebt, war samt seinen (wie auch sonst) allesamt irischstämmigen Streifencop-Kollegen ebenfalls anwesend, und die Jungs waren auf Ärger aus. Oder besser, der Ärger suchte nach ihnen.
Denn in ihren Aufführungspausen stellten die Bucas Fragen, waren noch immer auf der Suche nach Ximena, und da fiel natürlich irgendwann der Name O'Toole.
Danny und seine Kollegen, mit irisch-aufbrausendem Temperament, hätten sich vermutlich nur zu gern auf eine Auseinandersetzung eingelassen, aber irisch-aufbrausendes Temperament oder nicht, Cops oder nicht, sie sind rein mundan und hätten gegen die Bucas vermutlich rein gar nichts ausrichten können. Also fanden wir sie lieber, ehe die Bucas sie fanden, und es gelang uns, Mr O'Toole davon zu überzeugen, dass mit einem offenen Konflikt niemandem geholfen war. Und so zogen sie sich ein wenig missmutig, aber doch größtenteils anstandslos, zurück.

Alejandra, die seit der Geschichte mit Lady Fire ja generell brennende Dinge toll und Feen unglaublich nett findet, war hin und weg von der Feuershow. Dumm nur, dass sie so hin und weg von der Feuershow war, dass die Bucas auf sie aufmerksam wurden, wie sie da mit Mrs. Salcedo (die sich netterweise bereit erklärt hatte, mal für eine Weile auf Alejandra aufzupassen) und ihrer Freundin Monica stand, und dass Sam Buca sich eine Weile mit ihr unterhielt. Und richtig dumm, dass Jandra sich irgendwann umdrehte, sich in der Menge umsah und dann zielgenau auf mich zeigte. Mierda. Was hätte ich darum gegeben, dass die Bucas nicht von Alejandras Beziehung zu mir wussten!

Während ich die Szene noch beobachtete, kam Mamá vorbei und sammelte Jandra ein, während Monica und ihre Mutter noch am Feuerstand stehen blieben. Doppel-mierda. Jetzt wussten die Bucas auch noch von meinen Eltern...

Dass Feu Buca dann anfing, sich mit Mrs. Salcedo zu unterhalten, passte mir auch ganz und gar nicht, vor allem nicht, als sie dann auf Monica zeigte und eine Frage stellte, oder eher sogar eine Feststellung machte, auf die Mrs. Salcedo mit betrübtem Nicken reagierte, woraufhin die junge Feu eindringlich auf sich einredete, was Mrs. Salcedo erst zögerlich, dann, offensichtlich überzeugt, mit stärkerem Nicken quittierte. Dann verabschiedeten Mutter und Tochter sich und schickten sich an, das Fest zu verlassen.

Mierda! Ja, verdammt, ich weiß, ich habe Mrs. Salcedo versprochen, dass Ximena sich um Monica kümmern würde, aber Ximena ist momentan anderweitig eingespannt, und offensichtlich hatte Mrs. Salcedo wenig Lust, noch länger zu warten. Aber, verdammt, die Bucas?

Ich sagte also sowohl den Jungs als auch meinen Eltern kurz bescheid und ging Mrs. Salcedo dann nach. Die war inzwischen zwar schon längst nicht mehr zu sehen, aber der Kindergarten hat vor einigen Monaten mal eine Telefon- und Adressenliste für die Eltern aller Kinder in einer Altersgruppe herausgegeben, damit man auch privat mal was zusammen planen kann, wenn man möchte, daher war es kein Problem, ihr nach Hause zu folgen.

Mrs. Salcedo empfing mich freundlich, sogar begeistert, lud mich in ihr Haus ein und bot mir gleich etwas zu trinken sowie ihren Vornamen, Lidia, an. Natürlich revanchierte ich mich mit meinem eigenen Vornamen, aber es war mir ziemlich peinlich. Denn offensichtlich fand, findet, Lidia mich ziemlich nett, und dass ich sie in ihrem Haus aufsuchte, schien ihr Hoffnungen zu machen; Hoffnungen, die ich nicht erfüllen kann... Oh verdammt.

Ich versuchte, ihr das so schonend wie möglich beizubringen, aber natürlich war es trotzdem ein hochnotpeinlicher Moment. Als wir das Unbehagen einigermaßen abgeschüttelt hatten, fragte ich Lidia rundheraus, ob Feu Buca ihr angeboten habe, Monica zu unterrichten. Sie bejahte, woraufhin ich vorsichtig versuchte, ihr meine Bedenken bezüglich der Bucas zu vermitteln, ohne ihr gleich das gesamte Ausmaß unserer Vermutungen und Befürchtungen und unseres Wissens bezüglich dieses Trupps offenzulegen. Ich erklärte auch, dass ich mein Versprechen ihr gegenüber keinesfalls vergessen habe, und dass meine Bekannte auf jeden Fall in den nächsten Tagen zu Monica kommen würde, aber dass es momentan noch Dinge gab, um die sie sich kümmern musste und dass Lidia doch bitte, bitte Geduld haben möge, weil ich in bezug auf die Bucas ein ganz schlechtes Gefühl hätte.

Was sie mir alles abnahm, ernsthaft nickte und ein entschlossenes Gesicht machte – nur um dann die Stirn zu runzeln und zu sagen: „Ich vertraue Ihnen, Ricardo, und ich bin sicher, dass Sie recht haben, und eigentlich will ich es genauso machen, wie Sie sagen... aber trotzdem habe ich das überwältigende Bedürfnis, Monica in die Obhut der Bucas zu geben!“

Oh. Ver. Dammt. Davon hat Edward erzählt, als er von den Flambeaux berichtete, diesen Warlocks, die von dem Chicagoer Warden aufgerieben wurden und von denen wir glauben, dass die Bucas ihre Überreste darstellen. Um als „Warlock“ deklariert und mit der Todesstrafe belegt zu werden, muss man die Magier-Gesetze brechen: Einen anderen Menschen mit Magie umbringen ist eines davon. In dessen Geist herumzupfuschen und Gehirnwäsche zu betreiben, ist ein anderes.
Und offensichtlich hatte Feu Buca Lidia die Idee eingepflanzt, Monica von den Bucas ausbilden zu lassen.
Was endlich ein Beweis für ihren Warlock-Status war, wenn wir noch einen gebraucht hätten...

Ich riet Mrs. Salcedo, Miami für eine Weile möglichst weit hinter sich und Monica zu lassen, um aus der Reichweite von Feus Einflüsterungen zu kommen. Und tatsächlich meinte Lidia, sie wollte schon länger einmal ihre Eltern in Montana besuchen, oder wo auch immer.



Entsprechend beunruhigt über die Ereignisse kam ich zurück zum Fest... und merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Die Unruhe; die Leute, die alle in eine bestimmte Richtung strömten; der Brandgeruch, der aus genau dieser Richtung kam... einer Seitenstraße... genau der Seitenstraße, in der meine Eltern wohnen... genau deren Haus... O madre de Dios!

Mamá, kreidebleich, mit einer weinenden Alejandra im Arm. Papá, anscheinend vergleichsweise unverletzt, aber hustend vom Rauch. Am Boden Jack „White Eagle“, regungslos, mit offensichtlich schweren Verbrennungen, und - o Dios - Dee, ebenfalls verwundet, aber bei Bewusstsein und auf den Beinen, mit bedrohlichem Gesicht schützend vor meiner Familie stehend. Etwas seitlich die Jungs, die auch gerade in genau dieser Sekunde dazu kamen.

Ihnen gegenüber, die Bucas, oder besser, nur drei von ihnen: Feu, Ray und Anführerin Sam. Feu vor allem mit offenen Haaren, vor freudiger Erregung leicht geröteten Wangen und etwas beschleunigtem Atem, wilden Augen, die sich gerade bereit machte, einen neuen Feuerzauber auf Dee loszulassen.

Und ich ging dazwischen. Natürlich ging ich dazwischen, die Frage stellte sich in dem Moment gar nicht. Hier war Dee, die meine Familie verteidigte, verletzt worden war, weil ich mich hatte ablenken lassen und nicht da gewesen war, als sie mich brauchten!
Ja, ich weiß, selbst wenn ich von Anfang an dabei gewesen wäre, hätte ich nicht viel ändern können, aber so fühlte es sich in dem Moment an. Und wie gesagt, ich dachte nicht. Ich reagierte.

Glücklicherweise traf mich Feus Feuerball nicht richtig. Oder genauer – erstens traf mich der Feuerball nicht richtig, und zweitens hatte Edward gestern noch in seinem Labor einen Trank hergestellt, der vor Feuer schützt. Genug für zwei Phiolen war es, und beide hat er mir gegeben. Wofür ich ihm zutiefst dankbar bin, denn so wurde ich von dem Angriff lediglich etwas angesengt. Ekelhaft unangenehm, aber nicht wirklich gefährlich, gracias a Dios.

Dann griffen auch die Jungs schon ein. Was sie genau machten, kann ich gar nicht mehr sagen, aber die Bucas mussten auch einige Federn lassen und zogen ab.
Aber nicht, bevor Sam uns höhnisch noch eine Nachricht mitgegeben hatte. „Ihr wisst doch bestimmt, wo Ximena ist. Richtet ihr aus, dass wir mit ihr 'reden' wollen, dann muss auch kein Außenstehender mehr verletzt werden.“ Puta.

Dann waren sie fort, und wir bemühten uns um Schadensbegrenzung.
Einen Krankenwagen für Jack, um den es wirklich übel stand. Zum Glück gelang es Totilas, ihn zu stabilisieren und erste Hilfe zu leisten, bis der Krankenwagen vor Ort war.
Auch Dee musste ins Krankenhaus, weil es auch sie ziemlich schwer getroffen hatte. Aber wenigstens war sie selbst noch mobil und, anders als Jack, nicht in Lebensgefahr. Am liebsten hätte ich sie begleitet, aber Jandra und meine Eltern zu beruhigen und bei ihnen zu bleiben, war wichtiger.

Edward und Totilas hatten in dem Gerangel mit den Bucas auch ein paar Schrammen abbekommen, aber nichts für sie mit ihrer beschleunigten Heilung wirklich Tragisches.



Als sich dann alles soweit beruhigt hatte, haben wir auch endlich aus Totilas herausbekommen, wo er die letzten Tage über war. Auf einem Auftrag für Gerald, das hatten wir ja schon gewusst. Aber was das für ein Auftrag war, das wussten wir nicht. Grrrrr. Ich könnte jetzt noch aus der Haut fahren, wenn ich nur daran denke. Das kann so nicht auf sich beruhen bleiben, Totilas, darüber wird noch zu reden sein, so wahr ich Ricardo Alcazár heiße.

Nach der Geschichte mit den Loa-Masken musste Gerald Raith sein Geschäft mit dem Marihuana des Elder-Clans ja zähneknirschend an die Santo Shango abgeben. Diese Lücke in seinen Verdiensten wollte er jetzt schließen, und so ist er anscheinend auf einen Handel mit Freund Pan eingegangen. Raith liefert dem Sommerherzog Stoff, den er von seinen russischen Verwandten bezieht, und erhält dafür im Gegenzug von Antoines Traumdrogen. Ja, den Traumdrogen. Seit wir dem Cabrón das Handwerk gelegt haben, dürften die wenigstens wieder vergleichsweise harmlos sein. Zumindest haben wir von niemandem mehr gehört, der nicht träumen kann, und George meinte letztens auch irgendwann, seine Traumfresser-Kumpane und er würden sich seit der Befreiung ihrer Schwarmmutter wieder auf kleinere Knabbereien beschränken.

Aber der Deal zwischen Raith und Pan umfasste eben nicht nur den Austausch von narkotisierenden Substanzen. Als Zeichen „guten Willens“ lieferte Gerald auch eine Handvoll russischer Mädchen an Pan, die an dessen Hof für Gesellschaft sorgen sollten. Und lustige Parties hin, Joelles Erfahrungen als Pan-Groupie her, das ist Menschenhandel, verdammt!

Vor allem und noch viel mehr, weil eines der Mädchen Totilas anscheinend auf Knien anflehte, sie nicht dorthin zu bringen. Das war wohl auch genau diese Natalya gewesen, die sich später auf dem Fest dann so an Totilas geklammert hatte. Totilas sprach sehr kühl und sachlich darüber, wie er es immer tut, ließ sich keinerlei Regung anmerken und deutete nur ungefähr an, was geschehen war. Aber anscheinend hatte dieses Mädchen Visionen davon, dass sie brennen, im Feuer sterben werde, wenn sie an Pans Hof komme. Und was tut dieser kalte Fisch? Liefert sie dennoch dort ab, all ihrer Panik und Bitten zum Trotz. Wenn mir bisher nichts anderes ins Hirn gehämmert hätte, dass Totilas ein verdammter White Court und kein Mensch ist, der einfach keine Emotionen verspürt, wie unsereins das tut, dann hätte diese Aktion es jetzt spätestens getan.

Wir ließen die Sache fürs erste auf sich beruhen, weil wir gerade zu viel anderes um die Ohren hatten, nein, haben, und wir momentan einfach all unsere Kräfte für die Bucas und die Vorgänge beim Filmdreh brauchen, aber darüber wird noch zu reden sein, verdammt noch mal. Wenn diese Natalya gegen ihren Willen an Pans Hof ist, dann müssen wir sie da rausholen!
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 15.11.2013 | 19:25
Drama, Baby!  ;D

Sehr schön. Ich freu mich schon aufs nächste Mal. *gnihihi*

Zwei kleine Anmerkungen: Ximenas Vater heißt Danny O'Toole (nicht O'Boyle), und er ist kein Feuerwehrmann, er ist Cop.  d:)
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 17.11.2013 | 10:21
Stimmt. Warum mir da einmal ein O'Boyle rausgerutscht ist, wo doch sonst überall O'Toole steht, muss mir auch erstmal wer erklären. :)
Und Lidia heißt Lidia, nicht Livia. *änderngeh*
Und wir waren noch bei Christine, die warnen. Aber das pack ich halt in den dritten Teil.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 17.11.2013 | 13:27
Ich vermute, du hast an Danny Boyle gedacht. ;)
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 6.12.2013 | 02:23
Habe ich gedacht, es hätte weh getan, als Lady Fire mir die Ketten von den Handgelenken brannte?
Muss ich wohl. Lustig.

Ich habe übrigens dazugelernt. Das hier schreibe ich nicht von Hand, sondern erzähle es per Stimmerkennungssoftware direkt meinem Laptop. Die Ärzte wird es freuen. Da behaupte noch einer, ich sei nicht lernfähig. Zuhause werde ich es dann ausdrucken, schätze ich, und in mein Tagebuch kleben, um der Kontinuität willen. Kontinuität ist wichtig, wisst ihr. Hurra für die Kontinuität.

Ja, ich bin etwas zugedröhnt von den Schmerzmitteln. Nicht wundern. Es ist alles gerade ziemlich in säuselnde Watte gepackt. Rosa Elefanten sehe ich noch keine, aber das kann ja noch kommen.



Der Film ist abgebrannt. Äh, abgedreht. Ach, beides eben. Wir haben überlebt, größtenteils jedenfalls. Wenn das hier eine TV-Serie wäre, dann wäre dies die Szene, in der man den verwundeten Protagonisten bewusstlos im Krankenhaus liegen sieht, Schläuche in der Nase, piepende Gerätschaften, eben so, wie ich bis vor wenigen Tagen vermutlich auch ganz ähnlich ausgesehen habe. Dann Schnitt, neue Szene, mit der Einblendung: „24 Stunden zuvor“. Oder so.

Also. Einblendung. 24 Stunden zuvor.

Am Tag nach dem Straßenfest bekam ich einen Anruf von Ms. Bentley, der Showdown werde doch schon heute gedreht. Ob meine Freunde und ich noch immer Lust auf die Statistenrollen hätten?
Na aber sicher hatten wir. Auch wenn diese Vorverlegung die Dinge natürlich verdammt knapp machte.

Ach so. Eines habe ich ja ganz vergessen. Am Tag vorher, am Mittag vor dem Straßenfest, als wir auf dem Filmgelände waren, suchten wir auch Christine kurz auf. Ja, sie hält uns für Verräter, und natürlich wollte sie nicht mit uns reden, aber ich fand, sie – und Lady Fire – sollten gewarnt sein.
Also erzählte ich ihr von den Bucas und dass es sein könnte, dass die es auf die Filmproduktion abgesehen hätten und sie vielleicht versuchen könnten, diese zu sabotieren. Und dass die Bucas ja irgendwie eine Möglichkeit hatten, Feen-Magie aus ihren Besitzern und in sich selbst zu zwingen, dass also Lady Fire in Gefahr sein könne. Ich bat Christine, die Lady zu warnen und selbst auch auf der Hut zu sein – nicht für mich, nicht für uns, sondern für diejenige, der diese Geschichte ja auch am Herzen lag.

Christine sah mich ganz merkwürdig an, nickte dann aber. Vielleicht war das ja ein erster, winzigkleiner Schritt, um unsere Schuld an Lady Fire wieder ein Stückchen abzutragen...



Jedenfalls, der Showdown. Der Anruf kam früh genug, dass wir mehr oder weniger in Ruhe aufbrechen konnten, ohne uns übermäßig abzuhetzen, aber sonderlich viel Zeit vorher hatten wir auch nicht. Genug Zeit aber, uns mit einer Tüte Salz einzudecken.

Die Skriptänderungen waren nämlich eingearbeitet und das Konzept der Verwundbarkeit der Zombies durch Salz im Film etabliert worden. Aber natürlich war Eric Albarn der einzige Charakter, für den die Prop-Crew eine Papiertüte grobes (und Westernambiente-taugliches) Steinsalz besorgt hatte; wenn wir selbst welches wollten, mussten wir schon unser eigenes mitbringen, vor allem, da wir als Statisten ja vermutlich eher unauffällig damit würden hantieren müssen, wenn es soweit käme.

Kataklysma Bentley gab uns Rollen als Zombies, was, wie für den Rest der Komparsen auch, Western-Klamotten und einige Schminkarbeit bedeutete. Es hätte viel Spaß gemacht, wenn wir nicht so in Sorge gewesen wären.

Die Statisten sollten von zwei Seiten auf den Ritualkreis zuwanken, wo Sam Worthington und Roselyn Sanchez gemäß Drehbuch ihre Ausgangsposition für die Szene hatten. Der von Russell Means gespielte Indianerschamane stand ein Stück seitwärts und sollte dort seinen Hokuspokus aufführen.

Dann rief Ms. Bentley „Action“, und die Zombiehorde setzte sich in Bewegung. Und beinahe sofort bemerkte ich eine Art Flimmern, ein Verschwimmen, als die wirkliche Welt und die Welt der Geschichte miteinander verschmolzen, einander überlagerten. Und dann spürte ich Ziehen an meinem Geist, einen Hunger, und das Bedürfnis, die Gestalten, die da vorne standen, anzugreifen und meinen Hunger an ihrem warmen Fleisch zu stillen.

Da das ja genau das war, was wir befürchtet und sogar erwartet hatten, gelang es mir ohne größere Anstrengung, meinen Kopf freizuhalten und Herr meiner selbst zu bleiben, doch ich konnte sehen, dass die Statisten um mich her offenbar von diesen Einflüsterungen beeinflusst wurden. Und auch Robertos bislang gespielte Zombiebewegungen schienen plötzlich natürlicher, echter, als habe auch er sich dem Drang hingegeben...

Als ob es nicht reichte, dass wir uns unversehens echten Zombies gegenüber sahen, bemerkten wir mit einem Mal Lady Fire in Russell Means' Nähe. Sie war offensichtlich am Zaubern und hatte ebenso offensichtlich den toten Schauspieler unter ihrer Kontrolle, denn er imitierte ihre Gesten, um die Zombies zu steuern.

Und dann tauchten zu allem Überfluss auch noch die Warlocks auf, alle fünf, Flammen in den Augen und in den Händen. Sie teilten sich auf: Sam Buca schrie „Holt das Totem!“, dann wandten sie und Ray sich Lady Fire zu, während Feu, Tinder und der fünfte, dessen Name mir gerade nicht einfällt, sich gemäß dem Befehl ihrer Anführerin Richtung Ritualkreis orientierten, wo Roselyn Sanchez – Catherine – im Zentrum des Kreises mit hochgehaltenem Totem das Ritual begonnen hatte, während Sam – Eric – ihr den Rücken freihielt.

Oh verdammt. Ich machte mich gerade bereit, mich von meiner Zombiegruppe zu lösen und zu den beiden zu rennen – ich hatte immerhin Salz gegen die Zombies bei mir, und ich hatte Edwards zweiten Feuerschutztrank genommen, was mich hoffentlich gegen die Bucas wappnen würde – da sah ich beim Kreis mit ruhigem, entschlossenem Schritt, offensichtlich völlig unbeeindruckt von den Zombies, eine weitere Gestalt auftauchen. Eine Gestalt in der Kleidung eines Cowboys, oder besser eines Revolvermanns, die Verkörperung des revolverschwingenden Gesetzeshüters in seiner reinsten Form. John Wayne trifft Clint Eastwood trifft Robert Mitchum trifft Audie Murphy. Zwei Colts tief auf den Hüften sitzend, den grauen Hut weit ins Gesicht gezogen, langer grauer Mantel mit angestecktem Marshal-Stern über der hochgewachsenen Figur in grauem Hemd, Weste und Hose. Graue Stiefel. George. Er zwinkerte mir zu, was den imponierenden Ersteindruck ein wenig relativierte, und stellte sich dann an Erics Seite.

Lady Fire machte daraufhin eine herrische Handbewegung, und der Zombiepulk, in dem ich mich befand, teilte sich ebenfalls auf: eine Hälfte Richtung Bucas, die andere Hälfte weiter Richtung Ritualkreis. Das war dann auch genau der Moment, in dem ich mich von den Zombies absetzte und Richtung Ritualkreis rannte. Dass meine Zombie-Schminke, als ich dort ankam, von mir abgefallen war, wunderte mich auch kein bisschen mehr.

Als ich mich von der Gruppe löste und losrannte, erkannte mich Lady Fire, und ihr Gesicht nahm zu dem Fanatismus, den es ohnehin schon zeigte, auch noch einen Ausdruck tiefsten Hasses an.
„Ich werde deine Geschichte zerstören, koste es, was es wolle!“ schrie sie und stachelte ihre Marionetten noch weiter an.
Hah. So viel zum Thema Schuld anfangen abzutragen. Dios, Alcazàr, wann hörst du auf, so naiv zu sein?

Ich war einen Hauch zu langsam. Feu schleuderte einen Feuerball auf Catherine, die, davon voll getroffen, zu Boden ging, ehe ich sie erreichen konnte. Das Totem fiel ihr aus den Händen und zu Boden, und Feu gab einen triumphierenden Ausruf von sich. Doch dann war ich da und griff mir das Totem. Keine Zeit, mich um Catherine zu kümmern, denn schon hatte Feu die Hände erhoben, um weiteres Feuer auf uns niederregnen zu lassen. Auch keine Zeit, groß darüber nachzugrübeln, ob es klappen würde oder nicht, aber wir waren im Nevernever, oder das Nevernever war hier mit der Realität verschmolzen, so stark, dass sogar George hier sein konnte, und außerdem war das hier meine Story, verdammt!

Ich hob also das Totem in die Luft und deklamierte etwas, über das ich gar nicht groß nachdachte, das aber vage wie ein indianischer Regenzauber klingen sollte. Und tatsächlich begann es über dem Gelände zu regnen, was die von den Bucas gelegten Feuer fürs Erste verlöschen ließ. Sam Buca schrie wütend auf und stürmte mit ausgestrecktem Arm auf Lady Fire los, und ich konnte sehen, dass sie zauberte, und dass Lady Fire taumelte und von diesem Zauber geschwächt zu werden schien, und, verdammt nochmal, trotz allem, was sie getan hatte, tat die Feenlady mir leid.

Aber ich konnte nicht viel in dieser Hinsicht tun, denn die Zombies waren inzwischen bei uns angekommen, und Eric, George und ich hatten alle Hände voll damit zu tun, sie mit vereinten Kräften und unserem Salz von uns abzuhalten. Alex hingegen bewegte sich auf Lady Fire und die zwei Bucas bei ihr zu, und ich konnte sehen, dass er die Handbewegungen machte, die er immer macht, wenn er eines seiner Tore öffnet.

Und dann hörte ich Feu Bucas Stimme und sah sie einen weiteren Feuerball in ihren Händen formen und auf uns schleudern, und ich konnte ihm nicht mehr ausweichen. Eine Sekunde lang spürte ich keinen Schmerz, nicht einmal Unbehagen, nur Verwunderung über das unerträglich helle Gleißen rund um mich her, und dann wurde mir bewusst, dass ich brannte, lichterloh, und dass der Schmerz mich mit einem Mal überwältigte, und dann wurden das unerträglich helle Gleißen und die alles verzehrende Pein zu einem tiefen, undurchdringlichen Schwarz.



Ich kam im Krankenhaus wieder zu mir, auf der Intensivstation, mehr oder weniger jedenfalls. Eine unbestimmbare Zeit lang driftete ich gelegentlich kurz an die Oberfläche (die Jungs sagen, das waren so etwa zwei Tage), ehe die Wachperioden langsam mehr wurden und ich allmählich wieder aufnahmefähig genug wurde, um zu begreifen, was geschehen war.

Edwards Feuerschutztrank hat mir das Leben gerettet. Und vielleicht auch der Regen, der noch immer fiel.
Mir das Leben gerettet... und verhindert, dass ich dauerhafte Brandnarben davon tragen werde. Also über die an meinen Handgelenken hinaus.
Le agradezco los favores que nos hace.

Nachdem ich zu Boden gegangen war, nahm Roberto, der mit seinem Zombiepulk inzwischen auch am Kreis angekommen war, das Totem an sich. Es gelang den Bucas zwar, ihn auch zu Boden zu schicken, doch er verlor nicht sofort das Bewusstsein, sondern konnte George noch zurufen, er solle das Totem zu Alex bringen. Was unser Wyldfae-Freund zwar versuchte, aber die Bucas nahmen es ihm ab.

Edward legte sich im Nahkampf mit den Bucas an, doch auch ihn schalteten sie aus. Totilas hingegen wäre wohl wesentlich schlimmer verwundet worden oder gar ebenfalls außer Gefecht gesetzt worden, wenn er nicht...

Los. Sag es. Du warst bewusstlos, du hast es nur erzählt bekommen, du kannst das jetzt hier auch in dieses Mikro diktieren.

Wenn er nicht mitten im Kampf seine White Court-Fähigkeiten eingesetzt hätte. Nach dem, was Alex erzählte, hat Totilas Feu Buca gepackt und sie zu Tode geküsst. Ihr mit seinem White Court Vampirismus das Leben entzogen wie seiner Ziehmutter Crys damals. O madre mia.

Immerhin gelang es Alex aber, ein Tor ins echte Nevernever zu öffnen und Lady Fire mit hindurch zu nehmen, ehe die Bucas ihr noch mehr ihrer Macht entziehen konnten. Weil Alex damals bei der Entscheidung pro Pan nicht dabei gewesen war, erachtet Lady Fire ihn sogar noch nicht mal als Verräter und war bereit, mit ihm zu gehen und mit ihm vernünftig zu reden.

Als die Bucas merkten, dass Lady Fire ihrem Zugriff entzogen war, machten sie sich ebenfalls aus dem Staub – zwar waren sie noch zu viert und von uns stand nur noch Totilas, aber Lady Fire war fort, und ihr anderes Ziel hatten sie erreicht: Sie hatten das Totem in ihren Besitz gebracht. Mierda.

Die Realitätsverschiebungen waren von Christine auf Geheiß von Lady Fire ausgelöst worden: Die Verwirbelungen gingen von ihrem Trailer aus, und als der Spuk vorbei war, hörten sie auch auf und die normale Wirklichkeit kehrte zurück. Die Statisten – glücklicherweise unversehrt – fanden zurück zu sich selbst. Sam Worthington war ziemlich geschockt, aber bis auf ein paar Kratzer unversehrt. Kataklysma Bentley war begeistert von der "geilen Action"... bis sie bemerkte, was geschehen war - dann wurde sie hysterisch und bekam einen Nervenzusammenbruch. Denn Feu Buca lag ja tot am Boden – und  mit ihr Roselyn Sanchez. Sie hatte von Feus Angriff offensichtlich so schwere Brandwunden davongetragen, dass sie diese nicht überlebte. Die Jungs haben mir allerdings versichert, dass ich mir keine Vorwürfe machen muss, dass für Roselyn schon jede Hilfe zu spät kam, als ich den Ritualkreis erreichte. Ich glaube ihnen das. Aber Vorwürfe mache ich mir trotzdem.

Jede Menge Vorwürfe sogar. Was hätten wir – was hätte ich! - tun können, um dieses Gemetzel zu verhindern? Hätte ich Ms. Bentley einweihen sollen, ja müssen? Hätte ich den Dreh abblasen sollen? Hätte ich das überhaupt gekonnt? Ich hätte können müssen, hätte meinen Einfluss als Autor spielen lassen können und müssen... Wir hatten den Verdacht, dass etwas passieren würde; wir wussten, dass die Bucas direkt nebenan ihr Unwesen trieben und es auf uns abgesehen hatten... Und wir wussten, wozu sie fähig waren. Die Jungs können sagen, was sie wollen: Roselyn Sanchez' Blut klebt an meinen Händen.
Santísimo padre en el cielo, perdona mi pecado...
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 6.12.2013 | 22:06
Sehr fein. :)

...nur ein paar kleine Anmerkungen: Sam Buca hat nicht gezaubert, sondern mit einer Pistole geschossen, aus der Feuerbälle kamen. Sie hat Roselyn Sanchez erschossen, nicht Feu.

Der letzte Buca, FooFoo, hatte eine Armbrust, mit der er kleine eiserne Bolzen auf Lady Fire geschossen hat, und mit dem Eisen im Körper konnte sie ihre Kräfte nicht mehr einsetzen. Alex hat ihr die irgendwann rausgepflückt, bevor sie in ihr Reich gegangen ist.

Kataklysma war nicht begeistert, die war völlig verstört und brabbelte etwas von "schon wieder", "Jesus", "Zombies" und einem Dildo. Sie befindet sich mittlerweile in einer geschlossenen Psychiatrie.  ;)

@Bucas: Arlette, Feu und Ray waren die Feuerschmeißer. Du hast dich mit Arlette herumgeschlagen - Feu ist auf Totilas los und hat das nicht überlebt, während sich Ray mit Edward beschäftigt hat. FooFoo hat, wie gesagt, mit der Armbrust geschossen und Sam hat koordiniert und da hin gefeuert, wo es gepasst hat. Die konnte nämlich gar nicht zaubern. ^^

Arlette und Ray haben sich übrigens mit ihrer Magie selbst abgeschossen, weil sie einfach zu sehr gepowert haben.

Aber hey, Cardo ist schwer verletzt worden, da verwechselt man schon mal was. Seine Gewissensbisse finde ich jedenfalls großartig!  :d
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 7.12.2013 | 18:09
Sehr fein. :)

Danke für die Blumen! :)

...nur ein paar kleine Anmerkungen

Ach dankesehr. Stimmt ja. Bis auf:

Kataklysma war nicht begeistert, die war völlig verstört und brabbelte etwas von "schon wieder", "Jesus", "Zombies" und einem Dildo. Sie befindet sich mittlerweile in einer geschlossenen Psychiatrie.  ;)

Doch doch, zu allererst kam sie mit einem begeisterten "wie geil war das denn!!" an, bis sie eben mitbekam, was da los gewesen war. Darauf bezog ich mich.

Aber hey, Cardo ist schwer verletzt worden, da verwechselt man schon mal was. Seine Gewissensbisse finde ich jedenfalls großartig!  :d

Hehe, dankeschön. Ich, Timber, finde sie auch großartig :), Cardo selbst eher nicht so. Aber hey, der liegt jetzt halt allein in seinem Krankenhausbett und hat nichts, um sich vom Grübeln abzulenken...
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 15.02.2014 | 21:11
Ricardos Tagebuch: A Restoration of Faith

Immer noch im Krankenhaus. Angeblich soll ich aber in einigen Tagen entlassen werden, wenn die Verbände abgenommen werden. Ich kann es kaum erwarten, wandere hier schon seit Tagen durch die Gänge wie ein Tiger im Käfig. Zum Glück kommen die Jungs mich so ziemlich jeden Tag besuchen.

Erst vor kurzem habe ich mitbekommen, dass die Jungs teils auch stationär hier waren: Alex hatte schwere Verbrennungen an der Schulter, und auch Roberto hatte es ziemlich heftig erwischt. Edward ebenso, aber dem Himmel sei Dank schlugen dessen regenerative Fähigkeiten sofort an.
Und Totilas... der hatte sich ja im Kampf schon wieder... ähm ja. Regeneriert.

Dr. Armbruster hat mich gewarnt, dass die betroffenen Hautpartien (also mein ganzer Körper, um genau zu sein) noch einige Zeit sehr empfindlich sein werden und ich damit rechnen muss, noch eine ganze Weile regelmäßig Schmerzmittel zu nehmen. Yay.

Jack White Eagle liegt übrigens auch hier. Den hatte es auf dem Straßenfest noch übler erwischt als mich beim Filmdreh: so übel sogar, dass die Ärzte sich wunderten, wie er überhaupt überleben konnte. Auch sein Bein hätte eigentlich völlig unbrauchbar und/oder ein Fall für eine Amputation sein müssen, aber auch das stellte sich zur Überraschung der Medizinerschaft als weniger schlimm heraus als gedacht.

Meine Vermutung ist allerdings, dass Jack sehr wohl so schwer verletzt war, wie es anfangs den Anschein hatte, dass er aber ähnlich wie Edward und Totilas über irgendwelche durch seine Magie bedingten übernatürlichen Selbstheilungskräfte verfügt und deswegen überleben konnte, dem Himmel sei Dank. Wir haben ihn in diese Sache mit den Bucas hineingezogen. Schlimm genug, dass er wohl aller Voraussicht nach einen bleibenden Schaden von seinen Verletzungen davontragen und für den Rest seines Lebens hinken wird.

Er nimmt die Sache soweit gelassen. Aber arg ist es mir trotzdem.

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Die Jungs waren hier. Und es war --

Mag jetzt nicht schreiben. Heute abend vielleicht.

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Nächster Tag.

Das gestern war... ein Schlag in die Magengrube. Nennt es feige, Römer und Patrioten, aber ich habe mich nach dem erfolglosen Versuch, das Ganze aufzuschreiben, erst einmal in mein Bett verkrochen und die Decke über den Kopf gezogen. Bis die Schwester für die Vorabendkontrolle hereinkam. Danach bin ich dann wieder durch das Krankenhaus getigert und wusste nicht, wohin mit meinen Gedanken. Nachts war wieder mal, wie so oft, George in meinen Träumen und versuchte, mich aufzuheitern, aber so recht gelang ihm das nicht.

Natalya ist tot. Santísimo padre en el cielo, Natalya ist tot, das Mädchen, das Totilas auf dem Straßenfest um Hilfe angefleht hatte. Das Mädchen, das Totilas auf Gerald Raiths Order hin bei Pans Hof abgeliefert hatte. Das Mädchen, das sich selbst in einer Vision im Feuer hatte sterben sehen.

Die ganze Zeit war ich noch zu groggy, dass mir die Sache eingefallen wäre, aber heute endlich dachte ich daran und brachte das Thema zur Sprache, als die Jungs gestern nachmittag zu Besuch waren. Dass wir Natalya helfen müssten, von Pans Hof wegzukommen, ehe ihr etwas zustieß.

Und da stellte sich heraus, dass es zu spät war. Dass Totilas sich schon nach Natalya erkundigt und herausgefunden hatte, dass sie tot war. Und nicht einfach so tot. Sondern als Menschenopfer dargebracht im Ritual der Elemente, das die Feen regelmäßig zur Sommersonnenwende abhalten.
Völlig selbstverständlich. Der ganze Sommerhof wusste davon. Pan vor allen anderen, der hatte den Befehl dafür gegeben.

Und diesen... diese... Kreatur... haben wir gerade letztes Jahr noch im Amt bestätigt... O madre mia.

Aber Lady Fire an Pans Stelle hätte es auch nicht anders gemacht. So, wie die Feen laut Totilas und Alex, der ebenfalls Nachforschungen angestellt hatte, geklungen hatten, stehen sie auf dem Standpunkt, die Erde geht unter oder der Sommer kann nicht kommen oder würde ewig bleiben oder irgendwas in der Art, falls dieses Ritual nicht abgehalten wird. Das macht es bloß nicht besser. Vor allem, weil der Winterhof zur Wintersonnenwende mit ziemlicher Sicherheit genau dasselbe in die andere Richtung tut. Und das wiederum heißt 8 Opfer – 8 Morde! - jedes Jahr, seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden. Mir wird schlecht, wenn ich daran denke.

Komisch, letztes Jahr um genau diese Zeit waren wir ja mit dem Sommerhof beschäftigt. Da haben wir von irgendwelchen Opfern gar nichts mitbekommen. Naja, da hatten wir auch gerade genug damit zu tun, den Cabrón zu jagen. Dass ich meinen Geburtstag letztes Jahr nicht ebenfalls im Krankenhaus verbracht habe, war auch nur eine Sache von ein paar Stunden, fällt mir dabei auf. Bei all den Dingen, die um die Sommersonnenwende herum so abgehen, ist der 22.06. irgendwie kein gutes Datum, wenn ich mir das so überlege.

Jedenfalls, Totilas... Totilas erklärte, emotionslos wie immer, er habe seine Kräfte nicht aufteilen können, und wir, seine Freunde, hätten in diesem Moment Priorität für ihn gehabt. Deswegen konnte er sich nicht um Natalya kümmern. Was ich ihm genau genommen noch nicht mal verdenken kann. Nur besser macht es das nicht.

Und vor allem, was sagt das alles über mich aus?

Natalya ist tot. Der Sommerhof wird weiter zu jeder Sommersonnenwende vier Menschen opfern, und der Winterhof wird es weiter zu jeder Wintersonnenwende tun. Selbst, wenn wir Gerald Raith irgendwie dazu bekommen sollten, dass er dieses Geschäft unterlässt, werden die Feen andere Quellen auftun. Und wir werden weiter mit Pan und seinen Leuten und vermutlich auch mit Tanit und ihren Leuten in Kontakt kommen und gute Miene zum bösen Spiel machen. Denn selbst, wenn wir es versuchen, die verdammten Feen sind einfach mächtiger als wir unwichtigen Sterblichen.

Oh Dios.

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Wieder zuhause.

Ich versuche, mich in Arbeit zu vergraben. Die Vorfälle beim Filmdreh haben natürlich ihren Weg in die Presse gefunden, aber Sheila leistet großartige Arbeit darin, den gröbsten Fallout von mir fernzuhalten. Deswegen habe ich das größtenteils aus dem Kreuz und kann mich auf andere Dinge konzentrieren.

Die Salcedos sind zurück in der Stadt, und Lydia hat auch kein Bedürfnis mehr, Monica in die Obhut der Bucas zu geben. Der magie-induzierte Zwang scheint mit Feus Tod ganz gewichen zu sein. Monica hat indessen ihren Unterricht bei Ximena begonnen, was sich soweit ganz gut anlässt, bis auf die Tatsache jedenfalls, dass Alejandra wieder mal hin und weg davon ist, dass ihre beste Freundin jetzt so tolle Sachen lernt und da natürlich auch mitmachen möchte. Meine Erklärungsversuche haben da auch bislang noch nicht so richtig gefruchtet. Jandra hat es zwar akzeptiert, aber traurig, dass sie selbst sowas nicht kann, ist sie trotzdem.

Hinzu kommt, dass ich nicht so hundertprozentig sicher bin, ob Ximena mit ihrer impulsiven Ader und ihrer Söldnermentalität wirklich die richtige Lehrerin für so ein kleines Mädchen ist. Aber andererseits haben wir niemand besseren, und Ximena hat mir hoch und heilig versichert, dass sie der Kleinen nichts Illegales beibringen wird. Damit werde ich mich wohl begnügen müssen.

Ansonsten stecken wir gerade mitten in den Vorbereitungen für die Eröffnung des Jugendzentrums, das in den letzten Wochen und Monaten von einer verrückten Idee zu einem echten Plan geworden ist und nun tatsächlich kurz vor der Eröffnung steht.

Roberto hatte ja damals einen ganz ähnlichen Gedanken gefasst, und so haben wir die Idee des Jugendzentrums gemeinsam verfolgt, und die anderen haben natürlich auch nach Kräften geholfen. Ich kann es kaum glauben, dass es jetzt tatsächlich schon sehr bald soweit sein soll.

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Heute war die große Eröffnungsfeier. Eigentlich ziemlich erfolgreich, so alles in allem. Hohe Prominenz war anwesend: der Bürgermeister, die Presse und noch einige andere wichtige Leute. Die Direktorin der High School ein paar Straßen weiter, von der wohl die meisten unserer Jugendlichen kommen werden, ein gewisser Pater Donovan Reilly, der ziemlich neu in der Stadt ist und in der Gegend eine kleine Gemeinde übernommen hat, und Cicerón Linares. War nicht zu ändern.

Was auch nicht zu ändern war, ist die Tatsache, dass wir das Jugendzentrum als Stiftung aufgezogen haben. Also doch, das wäre noch zu ändern gewesen, aber wenn nur Roberto und ich mit unserem Privatvermögen an die Sache herangegangen wären, dann hätte das ein deutlich kleineres Jugendzentrum ergeben, mit wesentlich weniger Möglichkeiten. Also eine Stiftung, also kann sich jeder Förderer beteiligen, der will, und das wiederum bedeutete – hätte ich mir eigentlich auch vorher denken können, statt jetzt völlig davon überrascht zu werden – dass Gerald Raith das für eine wunderbare Idee hielt und eine nicht unbedeutende Summe in die Stiftung gesteckt hat.

Was mir wiederum nicht so recht schmeckt. So ziemlich gar nicht, um genau zu sein, angesichts der Vorbehalte, die ich vor allem wegen der Sache mit Natalya, aber auch wegen allem anderen, gegen ihn hege. Was hat der Kerl für Hintergedanken? Eine billige, leicht zugängliche Futterquelle für seine White Courts? Sein eigenes Image werbeträchtig aufpolieren, wenn das Zentrum als Raith-Einrichtung bekannt wird?
Nein, es passt mir nicht, aber ich konnte es nicht ändern. Sobald das Konzept als Stiftung in Angriff genommen war, konnten wir Gerald nicht ausschließen, ohne ihn auf den Tod zu beleidigen. Und Gerald Raith auch noch zum Feind... äh, nein.

Aber die Eröffnungsfeier war wenigstens ein Erfolg. Und ich habe mir mal diesen Pater Donovan gemerkt. Der war mir sympathisch.

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Heute ist etwas Seltsames passiert.

Wir waren ja in den letzten paar Wochen fast jeden Tag im Jugendzentrum, um dessen Anfänge zu begleiten und zu sehen, dass alles seinen Gang geht und gut ins Rollen kommt. Bislang lässt sich auch alles soweit so gut an, das Center wird eigentlich ziemlich gut angenommen von den Jugendlichen.

Heute allerdings standen plötzlich Edwards Kollegen aus dem SID vor der Tür, das andere Detective-Gespann, Alison und Mark. Ja, genau der Mark, der notorische Skeptiker,, dem Edward für das Ritual gegen Adlene die Hasenpfote aus der Asservatenkammer des SID abluchsen musste und der sich in diesem Zusammenhang den Arm brach. Diese beiden Kollegen also tauchten im Jugendzentrum auf, weil es an der nahegelegenen High School zu einer Reihe unerklärlicher Unglücksfälle gekommen und die Sache beim SID gelandet sei.

Sie nahmen sich ganz unterschiedliche unserer jungen Besucher vor, konzentrierten sich aber vor allem auf drei Mädchen, die schon seit dem ersten Tag immer zusammenstecken und von ihren Altersgenossen gerne „die drei Grazien“ genannt werden. Das Grüppchen besteht aus Elena Linares (und ja, der Nachname sagt es schon: Sie ist eine Cousine von Cicerón und sich dieser Tatsache sehr wohl bewusst, so wie sie mit seinem Namen um sich wirft), Valentina Gomez, die bei einer Pflegefamilie zu leben scheint, und Sienna Hernandez, die bislang auch noch nicht sehr viel über sich sagte.

Dee übrigens auch nicht, und das ließ mich aufhorchen. Was das mit Dee zu tun hat? Naja, ich hatte Dee zur Eröffnungsfeier eingeladen, und da waren natürlich auch etliche Jugendliche anwesend, und bei der Gelegenheit war mir aufgefallen, dass Dee und Sienna sich kannten. Als ich Dee hinterher auf ihre junge Bekannte ansprach, machte sie ihr Marshal-Gesicht, murmelte etwas davon, dass sie mit Siennas Mutter befreundet sei und wechselte dann auffällig schnell das Thema. Da es ihr wichtig zu sein schien, nicht darüber zu sprechen, hakte ich natürlich nicht weiter nach.

Jedenfalls, die drei Mädchen wurden von Detectives Townsend und Caldwell ausgiebig gefragt, und hinterher gaben die beiden Edward ein paar Infos. Sie hatten keine Beweise oder sonstige konkrete Anhaltspunkte, aber diese besagten Unglücksfälle hatten eben vor allem Personen getroffen, die mit Elena Linares aneinandergeraten waren oder die sich wie ein Arsch benommen hatten. Und all diese Dinge hätten auch auf natürlichem Weg passieren können, waren in der Häufung aber eben aufgefallen.

Ach ja, richtig: Ocean Raith ist auch ein häufiger Gast im Jugendzentrum, interessanterweise, obwohl sie mit ihrem familiären Hintergrund ja eigentlich so gar nicht die Zielgruppe bildet. Aber sie taucht beinahe jeden Tag hier auf und hängt mit allen möglichen Leuten herum, auch mit den Grazien.

Sie wechselte immer mal unauffällige Blicke mit einem Jungen namens Ciélo, und zwar wirklich sehr unauffällige. Es war wirklich reiner Zufall, dass mir das auffiel. Weniger die Blicke als zuerst die Art und Weise, wie sich Ciélos Aufmerksamkeit ganz subtil veränderte, als Ocean in den Raum kam. Auch das war sehr unauffällig, eigentlich, wie es auch der ganze Junge ist. Er sieht gut aus, aber nicht Teenie-Idol-mäßig. Er hat so eine Art und Weise, sich im Hintergrund zu halten, die ganz natürlich wirkt und sämtliche Aufmerksamkeit von sich abzulenken scheint.

Elena Linares schien auch an dem Jungen interessiert zu sein, und zwar deutlich offensichtlicher als Ocean, so wie sie um ihn herumscharwenzelte. Die Blicke zwischen Ciélo und Ocean schien sie gar nicht zu bemerken, und Ciélo ging auf ihre Avancen ein... oder tat so, was Ocean aber zu übersehen schien.

Was mich daran erinnert, dass auch Cherie Raith nach der Eröffnungsfeier, zu der Edward sie natürlich eingeladen hatte, noch ein paarmal hier war. Sie scheint irgendwie auch ein Interesse an dem Jugendzentrum zu haben, aber wem oder was genau dieses Interesse gilt, hat sie Edward wohl noch nicht erzählt, anscheinend nur angedeutet, dass Edward das vielleicht besser gar nicht wissen wolle. Daraufhin hat Edward Dee gegenüber eine Warnung ausgesprochen – immerhin arbeitet, oder arbeitete, sie für das Zeugenschutzprogramm des Marshal Service.
Dee nahm diese Warnung auch durchaus ernst, wollte aber Edward ebensowenig Näheres berichten wie mir. Verständlicherweise, eigentlich, denn ihre Arbeit ist ja geheim.

Trotzdem habe ich ein schlechtes Gefühl bei der Sache. Wenn Dees Arbeit und unser Jugendzentrum zusammenhängen... Das war nicht der Plan, eigentlich. Mierda.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 15.02.2014 | 21:48
Ach, schön. :)

Wie so ein paar kleine Plotfetzen doch ein ganzes Weltbild zerstören können... ich mag Cardo.  ^-^
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 5.03.2014 | 23:18
Und warum habe ich jetzt im Vergleich zu gestern abend, als ich meinen letzten Eintrag beendete, ein noch schlechteres Gefühl bei der Sache? Hmmm. Mal überlegen. Könnte an der Tatsache liegen, dass es heute vor dem Jugendzentrum zu einer Schießerei kam.

Den jugendlichen Augenzeugen zufolge kam eine „heiße chica“ in einem roten offenen Sportwagen vorbeigefahren, langsam, als suche sie etwas oder wolle hierher, als aus einem Baum in der Nähe Schüsse fielen und die heiße chica in die Flucht schlugen. Im Baum habe eine „genauso heiße chica“ gesessen, sei dann aber nach den Schüssen heruntergeturnt und ebenfalls abgehauen.

Totilas erfuhr abends von Cherie, dass sie die Schützin im Baum gewesen sei. Sie mache sich Sorgen um Ocean und habe auf diese aufpassen wollen, weil es dem Mädchen seit dem Tod seiner Mutter richtig schlecht gehe und sie, also Cherie, verhindern wolle, dass Ocean irgendwelche Dummheiten mache oder in irgendwas hineingerate. Und das Auftauchen einer Red Court-Vampirin (bzw. muss es eine Red Court-Infected gewesen sein, denn es war ja hellichter Tag) vor dem Jugendzentrum habe für Cherie definitiv in die Kategorie „irgendwas“ gepasst.

Weil der Red Court anscheinend irgendwie involviert zu sein scheint, hat Roberto mit seiner Bekannten Lucia Valdez gesprochen. Die war auch bereit, mit ihm zu reden und ihm ein paar Sachen zu erzählen. So zum Beispiel, dass sie sich ebenfalls Sorgen mache, eben wegen der Konfrontation zwischen der Red Court-Vertreterin im roten Sportwagen und der Frau vom White Court (sprich Cherie). Allzuviel wollte sie nicht verraten, aber sie ließ immerhin die Bemerkung fallen, dass einer der Jungen im Zentrum den Namen Canché trägt.

Canché. Puh. Das mussten wir auch erstmal verdauen. Totilas' Mutter ist nach der Sache mit den Masken zwar aus der Stadt verschwunden, aber dass einer aus ihrer Familie bei uns im Jugendzentrum herumhängt, das kam uns allen irgendwie zu viel des Zufalls vor.

Dass die Canchés eine wichtige Rolle im Red Court spielen, das wussten wir durch unsere Erlebnisse mit Sancia bereits. Aber jetzt erfuhren wir – oder reimten uns zusammen – dass dies anscheinend eine der Familien ist, aus denen der Red Court seinen Adel rekrutiert.

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Heute habe ich etwas getan, das ich schon längst hätte tun sollen. Ich bin endlich mal wieder zur Beichte gegangen. Aber ich hatte mich nach den Ereignissen beim Filmdreh nicht überwinden können, zu Pater Alvaro zu gehen, also ging ich lieber erst mal gar nicht. Denn Pater Alvaro kennt mich, seit er mich damals getauft hat, und eigentlich sollte das ja bedeuten, dass er mir als Beichtvater eben besonders vertraut und lieb ist... aber irgendwie ist das, was ich zu beichten hatte, so schräg und so seltsam, dass ich es eben irgendwie doch lieber einem völlig Fremden anvertrauen wollte. Was eigentlich auch wieder albern war, denn der Beichtvater steht ja stellvertretend für den HErrn, es sollte also wiederum völlig egal sein, wer im Beichtstuhl hinter der Trennwand sitzt.

War es aber eben nicht. Und deswegen kam mir dieser Pater Donovan, den wir bei der Einweihung des Jugendzentrums kennenlernten, gerade recht. Der schien nett, und er kennt mich nicht schon seit Kindertagen, also hatte ich bei ihm weniger Scheu, das ganze Ausmaß der Seltsamkeiten anzusprechen.

Wobei ich das nicht mal bei Pater Donovan tat. Ich wollte ihn nicht einfach so damit konfrontieren, dass es Vampire gibt und Werwölfe und Feen und echte Magie und all das. Also beließ ich meine Beichte auf der rein mundanen Ebene, machte aber auf dieser Ebene reinen Tisch über die Geschehnisse beim Filmdreh und Roselyn Sanchez' Tod.

Pater Donovan hörte aufmerksam zu und nahm meine Gewissensbisse ernst, tat sie nicht pauschal als „achwas, da kannst du doch nichts für“ ab, sondern antwortete differenziert. Und dennoch – oder vermutlich deswegen - gelang es ihm, dass ich mich hinterher tatsächlich besser fühlte. Neben dem üblichen Gebet erlegte er mir auf, einen Schreib-Workshop mit den Jugendlichen im Zentrum abzuhalten, um gegen die von mir befürchtete Arroganz vorzugehen. Ich weiß noch nicht genau, wann ich diesen Workshop veranstalten kann, aber veranstalten werde ich ihn. Ehrensache!

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Lustig, heute bin ich Pater Donovan schon wieder begegnet. Wobei, so verwunderlich war das eigentlich gar nicht. Wir haben uns nämlich heute mal die High School angesehen, in der die ganzen Unglücksfälle passiert sind. Und als wir ankamen, war der Padre draußen vor der Tür gerade im Gespräch – mit niemand anderem als mit Joseph Adlene, der gerade am Gehen zu sein schien. Wir warteten also, bis Adlene verschwunden war -  der musste uns hier nicht auch noch sehen und auf komische Gedanken kommen.

Als Adlene fort war, bat Pater Donovan uns in seiner Eigenschaft als für die Schule zuständiger Geistlicher hinein und verständigte Ms. Perreira, die sich netterweise bereit erklärte, uns zu empfangen.

Er sei von der Schule gerufen worden, um eventuelle Geister zu exorzieren, erklärte der Pater. Und Adlene sei lustigerweise aus genau demselben Grund hier aufgetaucht: Ein besorgtes Elternteil habe ihn als freiberuflichen Exorzisten beauftragt. Gefunden habe er allerdings nichts, ebensowenig wie der Padre selbst bisher.

In der Schule fanden wir zunächst nichts Auffälliges, das auf die Ursache der gehäuften Unglücksfälle hingedeutet hätte. Auch auf der Geisterebene konnte Alex zunächst niemanden sehen, aber schließlich bemerkte er doch einen Geist. Und zwar war das einer, dem Adlene sein beherrschendes Halsband angelegt hatte. Der alte Mann habe einen Aufpasser dabei gehabt, erzählte der Geist, einen richtig bedrohlich und gefährlich aussehenden Bodyguard (von der Beschreibung her wohl derselbe, den Alex auch schon bei der Vernissage an Adlenes Seite gesehen hatte). Die anderen (die anderen?! Wieviele Geister gibt es denn an so einer Schule? Wie oft bitte stirbt denn da jemand und geht nicht ins Jenseits ein?) hätten alle Angst gehabt und sich versteckt, aber er doch nicht! Adlene habe ihm das Halsband dann angeboten, und er habe es gerne angenommen, und nun bekomme er es nicht mehr ab. Aber warum auch, er finde das eigentlich ziemlich cool.

Auch interessant, wenngleich für unser momentanes Problem nebensächlich. Es scheint also, als könne Adlene die Halsbänder seinen Opfern nicht aufzwingen, sondern als müssten sie diese aus freien Stücken akzeptieren...

Wie dem auch sei, während wir uns noch umsahen, kam es direkt vor unseren Augen zu einem weiteren Zwischenfall. Zwei Jungs mussten nachsitzen und die Wand streichen, und irgendwie, auf welche verrückte Weise auch immer, war ein Bein der Leiter, auf der einer der Jungen stand, in den Farbeimer geraten, und als der andere Junge den Farbeimer wegnahm, riss er damit die Leiter um und mit ihr seinen Klassenkameraden. Der wiederum ruderte wild mit den Armen und riss im Fallen eine von der Decke hängende Skulptur von Paco Gomez, dem Astronauten, mit sich. Der muss wohl offensichtlich hier zur Schule gegangen sein.

Während der gestürzte Junge zur Schulschwester gebracht wurde, entdeckte Alex hier einen weiteren Geist, den eines Mädchens diesmal. Sie war eine von denen, die sich vor dem „Bodyghost“ versteckt hatten, trug also kein Halsband, und sie konnte Alex sagen, dass sie an der Jacke des Verletzten ein Santería-Symbol entdeckt habe.

Hm... wenn der Junge ein solches Symbol an sich trug, dann hatten das die anderen Verunglückten vielleicht ebenfalls. Bei einem der Opfer der Pechsträhne hatte es sich um einen Lehrer gehandelt, und bei dem Unglück um einen Autounfall. Das Auto war gerade zur Reparatur in der Werkstatt, also suchten wir die auf, um uns das Auto einmal anzusehen.

Und dann... weiß ich auch nicht genau, was mich ritt. Die Jungs schieben es grinsend auf die Schmerzmittel. Auf dem Auto war außen nichts mehr zu sehen, der Unfall war zu lange her, und der Werkstattbesitzer wollte uns nicht hineinsehen lassen. Aber er wollte es uns verkaufen, was ich extrem verdächtig fand, denn das Ding gehörte doch dem Lehrer! Wenn er es schon uns verkaufen wollte, würde er es dann vielleicht auch anderen Fremden überlassen und sein eigentlicher Besitzer es gar nicht mehr wiedersehen? Besser, ich kaufte es ihm ab.

So oder ähnlich muss mein Gedankengang gewesen sein, genau kann ich es gar nicht sagen. Jedenfalls blätterte ich ihm die verlangten $500 hin, dann nahmen wir das Auto mit. Nach einer eingehenden Untersuchung des Innenraums (auch hier keine Santería-Symbole) brachten wir dem Lehrer sein Fahrzeug natürlich wieder. Der war entsetzt, dass sein Mechaniker sein Auto einfach so verscherbelt hatte, und natürlich zeigte er den Mann an. Der Mechaniker wollte sich darauf herausreden, dass ihm das Fahrzeug gestohlen worden sei, doch das war schnell aufgeklärt. Ich bekam sogar meine $500 wieder. Aber trotzdem weiß ich nicht, was mich geritten hat.

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Heute haben wir uns im Center genauer umgesehen. Im Probenkeller hatten offensichtlich nicht nur irgendwelche Kids auf dem Schlagzeug herumgetrommelt, sondern auch irgendjemand irgendwelche Rituale durchgezogen. Zumindest konnte Edward im Raum noch die magischen Schwingungen spüren, die davon übriggeblieben waren. Nur wer die verursacht hatte, das konnte er nicht spüren. War ja klar.

Auf dem Dach stießen wir ebenfalls auf einen Hinweis. Roberto mit seinem Botanica-Wissen stellte fest, dass etliche der Pflanzen, die im Dachgarten wachsen, sich durchaus für ein Unglücksritual eignen würden. Also ging er auf die Suche nach potentiellen Nutzern dieser Kräuter.

Und wurde in der Küche fündig. Dort waren die drei Grazien gerade dabei, unter viel Gekicher in einem Topf herumzurühren. Roberto identifizierte ihr Gebräu als Liebestrank und sagte ihnen das auf den Kopf zu, was die drei Mädchen auch ohne Zögern eingestanden. Der Trank sei für Ciélo, der sei soooo süß. Roberto erklärte ihnen, ohne mit der Wimper zu zucken, wie sie ihr Gebräu noch verbessern könnten, warnte sie aber vor Ciélo. Denn ihm war inzwischen die Vermutung gekommen, dass Ciélo der Canché sein könnte, wegen dem die Red-Court-Vertreterin am Zentrum gewesen war, und so riet er Elena, sich vor ihm in Acht zu nehmen. Dann fragte er die Mädchen noch nach dem Unglücksritual, aber sie erklärten ihm sehr ernsthaft und für ihn glaubwürdig, dass sie damit nichts zu tun hätten.

Totilas suchte unterdessen das Gespräch mit Pater Donovan. Von dem erfuhr er, Joseph Adlene habe den Exorzisten-Job besonders gerne angenommen, weil ihm ständig ganz ähnliche Unfälle passieren. Adlene hat also herausgefunden, dass mit ihm irgendwas nicht stimmt, aber noch nicht so genau, was. Und hoffentlich niemals, von wem es kommt!
Dass Pater Donovan den Mann übrigens ebenfalls für keinen guten Menschen hält, macht ihn mir noch ein wenig sympathischer.

Ocean trug heute im Center eine auffällige Kette, die Edward bekannt vorkam. Denn die großen Holzperlen und den goldenen Anhänger mit Schiffsmotiv hatte er schon bei Cherie gesehen, sagte er.

Und Dee rief an. Sie fragte, ob Sienna gerade da sei, sie wolle das Mädchen nämlich abholen. So ganz rückte sie immer noch nicht mit der Sprache raus, aber zwischen den Zeilen wurde mir klar, dass sie von der Schießerei zwischen der Red Court und Cherie tief besorgt war und dass Sienna, oder ihre Familie, wohl irgendwie im Zeugenschutzprogramm sein muss. Und dass Dee eben Sienna nun in Sicherheit bringen wollte. Ich sagte ihr, dass Sienna gerade da sei, ja, und Dee meinte, ich solle sie nicht weglassen, und sie mache sich gleich auf den Weg.

Nach diesem Telefonat fanden wir Ciélo auf dem Dachgarten. Er gab zu, tatsächlich ein Canché zu sein, und nicht nur das, sondern ein Red-Court-Infected, sprich jemand, der von einem Roten Vampir gebissen worden ist, aber selbst noch niemanden gebissen und getötet hat, also seine Menschlichkeit noch bewahrt.

Ciélo erklärte, dass er seit seiner frühen Kindheit bereits infiziert sei, dass das bei allen, oder fast allen, Canchés so früh geschehe, weil sie eben eine Red-Court-Adelsfamilie seien. Bislang habe er widerstehen können, aber der Drang werde immer stärker, und irgendwann werde er ihm nachgeben. Das habe bisher noch jeder.

Aber Roberto hatte eine Idee. Über seine Santería-Kontakte wusste er von einer Organisation, einem Orden, der sich um genau solche Infizierten kümmert und ihnen dabei hilft, ihren Drang weiter unter Kontrolle zu halten. Zu diesem Orden wollte Roberto Ciélo also schicken. Ciélo allerdings wollte nicht, oder besser: nur mit Ocean, denn ohne sie mache das alles keinen Sinn.

Wir suchten also Ocean und konfrontierten sie mit der Situation. Und ja, sie und Ciélo sind tatsächlich verliebt ineinander, und ja, sie würde gerne mit ihm gehen, aber sie hat Angst darum, wie Gerald das aufnehmen könnte. Da übrraschte Totilas aber uns alle und erklärte, wenn sie Ciélo wirklich liebe, solle sie mit ihm gehen, er werde das mit Gerald klären.

Und da stehen wir jetzt. Roberto wird heute noch seine Kontakte spielen lassen und versuchen, diese St. Giles-Leute (so heißt der Orden der Infizierten) zu erreichen.

Oh, und Ciélo und Ocean haben auch zugegeben, dass sie diejenigen waren, die für die Unglückssprüche verantwortlich sind. Sie wollten niemandem wirklich wehtun, aber ein wenig Santeria-Magie üben, und so ließen sie sich dieses Unglück-per-Symbol-anhexen von Elena und Sienna zeigen. Nicht nur Elena hat nämlich anscheinend ein Händchen dafür, sondern Sienna auch.

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Okay, das ging erstaunlich schnell. Heute schon haben sich Ocean und Ciélo nach Kuba abgesetzt, wo sie den Vertreter des St. Giles-Ordens treffen sollen. Alex ist mit, weil er natürlich das Boot fährt, und Roberto, weil er den Kontakt hergestellt hat und als Vertrauensmann für den St. Giles-Typen dient.
Aber vorher nahm Edward Ocean noch die von Cherie geschenkte Halskette ab. Nicht dass da ein magischer (oder ganz gewöhnlicher) Peilsender drin ist oder so. Er hat die Kette in seinem Labor in einen Schutzkreis gepackt, sagte er.

Dee hat übrigens gestern tatsächlich noch Sienna abgeholt, wie am Telefon angekündigt. Deren Eltern hätten beschlossen, die Stadt zu verlassen, und da musste ihre Tochter natürlich mit. Naja, „beschlossen“ eben. Irgendwas ist da mit dem Zeugenschutzprogramm, aber ich habe nicht näher nachgehakt. Geheimhaltungspflicht und so.

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Oh mierda. Edward hat eben angerufen. Er klang... beschissen. Er hat nicht viel gesagt, aber was er sagte, reichte schon. Cherie hat mit ihm Schluss gemacht. Sie muss wohl für eine Weile aus der Stadt weg, und sie sieht keine Zukunft für die Beziehung.
Edward klang richtig deprimiert, völlig un-Edward. Er meinte, er müsse auch ein paar Tage raus vor die Stadt, das sei besser.
Ich weiß genau, was er damit sagen wollte. Er muss in die Wildnis, wo er für niemanden eine Gefahr ist, und toben. Das Biest in sich rauslassen. Oh mierda. Ich wünschte, ich könnte ihm irgendwie helfen.

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Totilas erzählt, dass es seinem Großvater gar nicht gut geht. Nach außen hin tut er so, als sei alles in Ordnung, aber er hat wohl die Tatsache, dass seine Tochter mit einem Red-Court-Infected durchgebrannt ist, nicht gut verkraftet. Zumal Ocean, wenn das mit ihr und Ciélo wirklich die wahre Liebe ist, zu einem völlig normalen Menschen werden wird oder schon geworden ist und dann als völlig normaler Mensch mit einem Red-Court-Infected fertig werden muss, egal wie sehr ihm dieser ominöse Orden nun helfen kann oder nicht. Und zumal Ocean das vierte Familienmitglied ist, das Gerald verloren hat. Totilas' Vater Richard, Geralds Geliebte Crysanthema, seine Mutter Camerone, und jetzt Ocean. Totilas meinte, ihm sei in den letzten Tagen und Wochen aufgefallen, dass Gerald ihn besonders schonend behandelt, als wolle er auf gar keinen Fall riskieren, seinen Enkel auch noch zu verlieren. Dass Gerald eigentlich nur noch von einer dünnen Tünche aus Contenance zusammengehalten wird, die aber bereits bröckelt und jederzeit komplett in sich zusammenfallen kann.

Totilas hat sogar mit Ms. Elfenbein geredet, der White-Court-Psychologin und Wutspezialistin, die ihm zustimmte und meinte, es wäre gut, wenn Gerald mal einen richtig langen Urlaub machen und sich erholen würde, aber gerade das ist in der momentanen angespannten Situation nicht möglich. Der russische Teil der Familie wartet ja immer noch nur darauf, dass Gerald eine Schwäche zeigt, um dann zuschlagen zu können. Aber wenn er so weitermacht, ist es gut möglich und sogar ziemlich wahrscheinlich, dass der oberste White Court von Miami auf einen Zusammenbruch zusteuert.

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Ein ganz schneller Eintrag noch heute abend.

Dee war bis eben hier.

Sie rief an und fragte, ob sie vorbeikommen könne, was mich verwunderte, das hat sie nämlich noch nie getan, aber natürlich sagte ich ja. Schon am Telefon hatte sie bedrückt geklungen, und als sie dann hier war, erfuhr ich auch, warum. Es ging um Sienna. Ich befürchtete schon das Schlimmste, aber Sienna selbst geht es gut. Nur sei sie jetzt Halbwaise, brummte Dee und etwas von „verdammt, war die schnell“, oder sowas in der Art.

Da habe ich sie einfach in den Arm genommen, und dann haben wir auf dem Sofa gesessen und geredet. Und nein, es ist nichts weiter passiert, und irgendwan hat sie sich dann bedankt und ist gegangen. Aber sie ist auch nicht unwillkürlich vor mir zurückgezuckt, wie sie seit der Sache mit dem cabrón bisher immer vor jeder Berührung zurückgezuckt ist. Und sie im Arm zu halten war einfach wunderschön. Und ich hätte das gar nicht durch irgendwas Weitergehendes wieder kaputtmachen wollen. Also nicht nur, weil ich wusste, dass es wieder alles kaputtgemacht hätte, sondern einfach, weil der Moment viel zu schön war, um irgendwas weiter machen zu wollen. Ach Mist, ich bekomme es nicht gescheit formuliert. Und sowas will Schriftsteller sein. Pftt.

Und wehe, es lacht jemand!
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 5.03.2014 | 23:35
Ich lache mit dir, Cardo, nicht über dich.  ^-^

...übrigens hat Gerald auch seine Mutter verloren. Ja, er hat sie mehr oder weniger selbst umgebracht, und sie hat ihn vorher gefoltert (was vielleicht auch nicht wahnsinnig zu seiner geistigen Stabilität beigetragen hat), aber Camerone war trotz allem seine verdammte Mutter!

Nur so am Rande.  8]
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 5.03.2014 | 23:39
Ach ja stimmt ja. Ich wusste, da war noch wer.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 15.05.2014 | 22:36
Ricardos Tagebuch: Dead Beat 1

Seltsam. Wenn George mich in letzter Zeit im Traum besucht, erzählt er immer wieder etwas von einem stetigen Herzschlag, der durch das Nevernever pocht. Und interessanterweise hat Alex letztens auch davon gesprochen, dass er einen Alptraum hatte, in dem es um das Schlagen eines Herzens ging. Ich hoffe ja, dass es sich dabei nur um einen Zufall handelt, aber angesichts der Tatsache, dass bald Halloween ist – und dass Halloween, ähnlich wie Mittsommer, übernatürlichen Ärger geradezu magisch, ha, anzuziehen scheint – behalte ich mir das Recht auf gesunde Skepsis vor.

Ansonsten habe ich einige erste, ganz ganz vage Ideen für Band 5. Nur mit dem Schreiben angefangen habe  ich noch nicht, denn ich bin mir nicht ganz sicher, ob Lady Fire meine Bücher nicht immer noch liest. Wenn sie es tut, dann sicherlich aus Rachelust heraus, und wenn wir uns daran erinnern, wie sie eine von mir frei erfundene Gegebenheit beim letzten Mal schon in einen Fakt verwandelt hat, weil sie Fiktion und Wirklichkeit nicht so recht voneinander unterscheiden kann, dann will ich ihr jetzt, wo sie mir feindlich gesonnen ist, nicht womöglich noch mehr Munition an die Hand geben.

Andererseits... ich weigere mich, meine Kreativität von einer hitzköpfigen Fee, und sei sie auch noch so mächtig, in Geiselhaft nehmen zu lassen. Also werde ich mich einfach hinsetzen und anfangen, und wenn ich ihr damit mehr Munition liefern sollte, was ja noch lange nicht gesagt ist, sei es drum.

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Großmundige Vorsätze, aber weit gekommen bin ich bisher nicht. Es ist nämlich etwas passiert. Eine ganze Menge sogar, und es ist noch nicht vorbei. Oh mierda.

Es geht ein Serienmörder um. Dass das SID ins Spiel kam, wo die doch üblicherweise für „normale“ Morde nicht zuständig sind, liegt daran, dass das FBI den Fall übernommen hat und die beiden Agenten – bzw. ein Agent und ein ziviler Profiler – aus dem örtlichen Police Department ausgerechnet den SID zur Unterstützung angefordert haben. Nicht Edward allerdings: Seine beiden Kollegen Caldwell und Townsend waren schneller beim Melden.

Dass es sich überhaupt um eine Mordserie handelt, war den Behörden anfangs gar nicht so klar, denn die einzelnen Fälle unterschieden sich zu sehr. Erst beim siebten Opfer – das, zu dessen Tatort man Edward rief – wurde das Muster langsam deutlich.
Die junge Frau – Mitte zwanzig, dunkelhaarig, braunäugig – war vollkommen ausgeblutet, aber es waren am Fundort keine Blutspuren zu finden. Dafür aber Ritualkerzen auf dem Boden. Sie war in eine Lage aus Zellophan eingewickelt worden, das Herz fehlte ihr, und auf der Leiche lag ein Zettel mit einem Liedertitel: „Kenny Loggins - Heartlight“. Heh. Wie poetisch.

Edward erzählte, dass die beiden FBI-Leute sich wohl mit dem Übernatürlichen auskennen mussten, denn sie redeten wie selbverständlich davon, dass es der Red Court nicht gewesen sein könne. Aber der Profiler – Rollins – fragte nach dem örtlichen White Court und wandte sich an Edward mit der Bitte um eine Kontaktperson. Edward nannte ihm den Club in der Innenstadt, der vom White Court betrieben wird, die Tantra Lounge, und warnte gleichzeitig Totilas vor. Der wiederum meldete sich bei seinen Cousins und erklärte, falls dieser FBI-Mensch im Club auftauchen solle, werde er, Totilas, sich seiner „annehmen“.

Das war jedenfalls gestern.

Heute haben wir uns dann getroffen und die Sache beredet. Und natürlich war sehr schnell klar, dass Alex mit seinen Fähigkeiten vielleicht an einem der Tatorte noch den einen oder anderen Geist finden und so mehr über die Morde herausfinden kann.

Es waren übrigens bislang sieben, und wenn man es erst einmal weiß, tritt das Muster wirklich hervor. Aber ich kann schon auch verstehen, dass es eine Weile dauerte, bis die Fälle miteinander in Verbindung gebracht wurden.
Alle Mordopfer waren Frauen, weiß und jung (Teenager bis Endzwanziger), dunkelhaarig und braunäugig. Jedes Opfer wurde nicht auf der Straße überfallen, sondern direkt aus seiner Wohnung entführt und daraufhin einige Tage an einem unbekannten Ort gefangengehalten, ehe der Mörder sie im Keller eines leerstehenden Hauses – teils Neubauten, teils Abrissgebäude – umbrachte. Und bei allen fand man einen Zettel, auf dem in der jeweils eigenen Handschrift der Frauen der Titel eines „Herz“-Liedes stand. Jedes Opfer hatte eine Polizeiakte wegen kleinerer Vergehen, für die allerdings keine der Frauen ins Gefängnis gegangen war. Die Strafe bestand immer in Sozialstunden oder ähnlichem. Außerdem waren alle Tatorte fachmännisch gesäubert und gründlich mit Ammoniak getränkt worden.

Die Unterschiede finden sich in der Ernährung während dieser Zeit (das erste Opfer erhielt gar keine Nahrung, das zweite Fast Food, das dritte Hundefutter, das vierte und fünfte Essensreste, das sechste Insekten und das siebte Steroidcocktails), im Grad der Misshandlung vor dem Tode (verprügelt wurden sie alle, aber mit unterschiedlichen Gegenständen, und im letzten Fall mit der bloßen Faust), die Zeit, die der Mörder sich für die Tötung nahm und die er die Frauen vorher festhielt, der Art und Weise, wie sie zur Bewegungslosigkeit gebracht wurden und in der immer weiter zunehmenden Kunstfertigkeit des Schnittes, mit dem ihnen das Herz entfernt wurde. Einem der Opfer wurde das Herz auch gar nicht herausgeschnitten; stattdessen starb diese Frau an dem Drogencocktail, der ihr verabreicht wurde.

Uns stellt es sich so dar, als habe der Kerl geübt, nach der „idealen“ Methode gesucht. So wurden die Frauen anfangs festgebunden, aber später gelang es ihm irgendwie, sie zu lähmen, ohne sie zu fesseln. Außerdem floss anfangs jede Menge Blut, aber später waren die Opfer zunehmend blutleer. Die an den Drogen gestorbene Frau scheint ein „Ausreißer“ gewesen zu sein, bei der sein Plan fehlschlug, da sie starb, ehe er ihr das Herz entnehmen konnte und er mit einem toten Herzen nichts anfangen konnte. Deswegen war es bei ihr auch noch vorhanden, als man sie fand.

Was wiederum bedeutet, dass er den anderen Opfern das Herz bei lebendigem Leibe herausgeschnitten haben muss. Ob sie währenddessen bei Bewusstsein waren? Oh, Padre en el cielo, ich will es gar nicht wissen.

Aufgrund all dieser Informationen erstellte der FBI-Mann Rollins ein Profil des Täters: ein männlicher Weißer in den Dreißigern, der nur schwer mit Gefühlen klar kommt und zwischen eiserner Beherrschung und gelegentlichen heftigen Wutausbrüchen schwankt, als Kind extrem streng aufgezogen oder vermutlich sogar misshandelt wurde und eine gespaltene Beziehung zu Frauen hat, die er einerseits verachtet, aber anderseits auch begehrt. Er hat einen Beruf, der ihm Autorität gibt, Polizist oder Soldat oder etwas in der Art, aber er ist nicht zufrieden in seinem Job und mit dem, was er darin erreicht hat. Die ermordeten Frauen stehen alle für eine bestimmte Person, der sie ähnlich sehen und nach deren Aufmerksamkeit der Mörder sich sehnt: Wenn er nicht aufgehalten wird, dann wird er weiter morden, und zwar bald.

Edward hatte – höchst illegal natürlich – Kopien der ganzen Unterlagen mitgebracht, und wir beschlossen, uns als erstes den ältesten der Tatorte anzusehen. Ehe wir aber losfahren konnten, bekam Totilas einen Anruf von seinen Verwandten in der Tantra-Lounge, dass der angekündigte Kunde eingetroffen sei. Totilas trennte sich also von uns und fuhr zu dem Treffen mit Rollins, statt uns zum Tatort zu begleiten.

In dem Abrissgebäude und in seiner Umgebung war kein Geist zu finden. Also nicht nur nicht derjenige der Ermordeten, sondern überhaupt kein Geist, und das fand Alex eindeutig seltsam. Lebewesen irgendwelcher Art – Kakerlaken, Würmer, Ratten, Mäuse – gab es auch nicht, und auch das war definitiv ungewöhnlich. Edward suchte nach Magie, fand aber, weil der Mord schon so lange her war, nur noch allerletzte Restspuren. Immerhin reichten diese aus, um ihm zu sagen, dass das Ritual von einem Menschen durchgeführt worden sein musste, nicht von einem übernatürlichen Wesen wie einer Fee oder einem Vampir oder ähnlichem.

Daraufhin erklärte Roberto, er werde sein Drittes Auge öffnen. Der Gedanke passte ihm gar nicht, weil er ja die Dinge, die er darüber sieht, nie wieder vergessen kann, die Bilder auch nie wieder verblassen, aber er meinte, es das müsse jetzt sein. Für uns Außenstehende weiteten sich Robertos Augen kurz, und er starrte in den Raum, ehe er sich mit sichtlicher Mühe wieder von dem Anblick losriss.

Vor seiner Sicht sei der gesamte Raum voll blutiger Fäden gewesen, sagte Roberto, und von diesen Fäden sei eine starke Aura der Hasses, der Angst und des Zorns ausgegangen. Er habe laute Herzschläge gehört – die, von denen Alex sprach und die George in meinen Träumen erwähnte? Vermutlich. Auf dem Boden lag die Ermordete, und als Roberto sie da liegen sah, wurde plötzlich auch er von überwältigendem Zorn auf sie erfüllt – weil sie es wagte, die Falsche zu sein, und diese Falsche musste weg.

Als Roberto sein inneres Auge wieder geschlossen und sich etwas gefasst hatte, kam Alex mit dem Gedanken, dass doch vielleicht die Frau, deren Herz nicht entfernt worden war, zu einem Geist geworden sein könnte. Also fuhren wir an deren Tatort, ein Neubau diesmal, und dem Schild vor dem Gelände zufolge eine Schule im Werden. Auch hier keinerlei Spuren von Tierleben, keine anderen Geister – natürlich nicht, es war ein Rohbau, wo außer diesem einen Fall noch niemand zu Tode gekommen war. Aber den Geist der Ermordeten fanden wir tatsächlich. Als Poltergeist. Völlig unansprechbar. Und mehr als nur unansprechbar. Von der jungen Frau war nur noch Wut und Angst und Hass übrig, und sie griff uns sofort und mit aller Wildheit an, so dass uns nichts anderes übrigblieb, als den Rückzug anzutreten. Aber selbst wenn wir vorhin nichts machen konnten, müssen wir irgendwann vor der Eröffnung der Schule nochmal wiederkommen und den Geist bannen, irgendwie. Denn ein Gebäude voller Kinder und Jugendlicher mit einem derart mörderischen Zaungast... nicht auszumalen. Edward sagte irgendwas von 'Geisterstaub', der in solchen Fällen helfen soll, was auch immer das sein mag. Er erwähnte ausgebranntes Uran als eine der Zutaten, aber das kann er nicht ernst gemeint haben... oder?!

Jedenfalls. Da der Poltergeist nicht in dem Keller umging, in dem der eigentliche Mord stattgefunden hatte, sondern in einem der Räume im Erdgeschoss, konnten wir uns den Tatort aber trotzdem noch ansehen. Nur brachte das nicht sonderlich viel, weil er ebenso gründlich gesäubert worden war wie der erste und weil Roberto sich hütete, sein inneres Auge hier nochmal aufzumachen.

Also fuhren wir, aller guten Dinge sind drei, auch noch zum jüngsten Tatort. Hier konzentrierte sich Edward besonders auf die Überreste der Magie, die hier noch zu spüren waren, und stellte fest, dass es sich um ein Ritual aus einer der europäischen Magietraditionen gehandelt haben dürfte, ganz ähnlich wie die, die er selbst auch anwendet. Das Ritual umfasste ein Menschenopfer, deswegen wurde außerordentlich viel Energie dabei freigesetzt, die aber nicht vollständig von dem und für das Ritual selbst verwendet wurde. Ein Teil davon muss übrig geblieben sein, und diesen Teil könnte der Mörder vielleicht für zukünftige Verwendung aufbewahrt haben. Und wenn er das bei jedem Mord getan hat, und wenn er diese geballte Energie dann vielleicht irgendwann alle auf einmal loslässt...  Cielo. Auch das ist nichts, über das ich gerne nachdenke.

Alex erwähnte dann noch etwas, das uns alle ziemlich beunruhigte. Er sagte, das die Herzschläge, die er inzwischen ununterbrochen hört, stärker zu werden scheinen. Und dass das ein Teufelskreis sei: Je dünner die Grenze zwischen unserer Welt und dem Nevernever, desto kräftiger die Herztöne, und je kräftiger die Herztöne, desto mehr schwächen sie die Grenze zwischen uns und dem Nevernever. Und zu allem Überfluss steht Halloween vor der Tür, wo die Membran ja ohnehin durchlässiger ist als sonst.

Von Roberto erfuhren wir, dass es in der Nacht zum Dia de los Muertos ein Santería-Ritual gibt, in dem am Coral Castle der Durchgang ins Nevernever kontrolliert geöffnet wird, damit die Toten herauskommen können. Am Abend des 1. November wird das Tor dann wieder geschlossen und die Geister wieder in ihre eigene Domäne getrieben – bzw. manche, die sonst nur Probleme machen würden, gar nicht erst hinausgelassen. Bislang wurde dieses Ritual immer von den Orunmila durchgeführt, aber dieses Jahr werden zum ersten Mal die Santo Shango das Privileg haben. Cicerón Linares will sich ja mehr Status innerhalb der Santería verschaffen, und das war sein Preis für die Oshun-Maske.

Edward hatte dann noch die Idee, ein Ritual zu wirken, mit dessen Hilfe er eines der Herzen aufspüren kann. Aber nicht sofort. Wir haben erst einmal beschlossen, uns gegen Abend wieder zu treffen; dann kann auch Totilas wieder zu uns stoßen und uns von seinem Gespräch mit dem FBI-Mann berichten.

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Abends. Oder besser nachts. Ich bin zu müde, um ins Bett zu gehen. Zu aufgekratzt, um genau zu sein. Da schreibe ich doch lieber noch schnell auf, was vorhin los war. War ja genug.

Totilas erzählte kurz von seinem Treffen mit Rollins. Interessanterweise wollte der Profiler gar nichts über den Fall in Erfahrung bringen, sondern er ist schlicht und ergreifend süchtig nach den Zuwendungen des White Court, seit er vor ein paar Jahren seine erste einschlägige Erfahrung in dieser Richtung hatte. Totilas fragte also ihn seinerseits ein wenig aus, während – oder wohl besser ehe – er dem Mann seinen Fix verschaffte und seinen eigenen Hunger stillte. Anschließend gab er Rollins noch seine Visitenkarte –  es kann bestimmt nicht schaden, einen Kontakt beim FBI zu haben, der Totilas wohlgesonnen ist.

Außerdem erzählte uns unser White-Court-Freund, dass es im Biltmore Hotel spuke: Er habe gehört, wie Gerald mit einer Frau sprach, doch als Totilas das Zimmer betrat, war Gerald allein. Und auch Totilas selbst hört ständig die Stimme des Mädchens, das er damals tötete, um zum White Court zu werden.

Also fuhren wir ins Biltmore. In Totilas' Suite hörte er wieder die Stimme, und Alex nahm mit dem Mädchen Kontakt auf, ließ sie in seinen Körper, wie er das eben so macht, damit sie mit uns reden konnte.
Béa hieß sie. Béantrice irgendwas. Und das, was sich in dem Gespräch herauskristallisierte... Oh santissima madre. Ich meine, Totilas ist ein White Court. Dass er dafür jemanden getötet haben muss, das war uns allen klar, und das hatte er uns ja auch schon erzählt, das war kein Geheimnis. Wir hatten auch schon mitbekommen, dass er dieses erste Opfer in voller Absicht und mit dessen Einverständnis getötet hatte. Das hatte ich nie verstehen können. Wie kann ein Mensch, und Totilas war damals noch ein Mensch, schlafender Dämon in sich hin oder her, so verdammt kalt sein, dachte ich immer.

Aber... Totilas war sechzehn. Sechzehn, verdammt! Und da trifft er dieses junge Mädchen, das von zuhause weggelaufen ist und auf der Straße lebt, sich als Hure verkauft, um irgendwie über die Runden zu kommen. Das als Kind vermutlich misshandelt wurde, seelisch oder körperlich oder beides, und das alle Hoffnung verloren hat. Das Selbstmord begehen will. Sich nur noch danach sehnt, dass es aufhört. Und das stattdessen Totilas die Erlaubnis gibt, ihr Leben zu nehmen, um ihn damit stark zu machen und ihn in die Lage zu versetzen, Gutes zu tun.

Er war sechzehn! Jung und idealistisch und voll romantischer, jugendlich-verdrehter Vorstellungen. Oh Madre. Das zu wissen, trägt doch so einiges zur Erklärung bei.

Béa hatte nach ihrem Tod keinen Frieden gefunden, wie sie sich das ersehnt und Totilas für sie erhofft hatte. Stattdessen litt sie als Geist ebenso wie als Lebende, und Alex konnte sehen, wie sich vom Weinen tiefe, silbrige Rillen in ihr Gesicht gegraben hatten. Ein bisschen klingt das wie bei den Opfern von Richard Raiths Dämon, fällt mir dabei ein, vorletztes Halloween, als es Totilas' Vater gelungen war, sich von seinem Dämon zu lösen und wieder ein normaler Mensch zu werden, während sein Dämon munter auf eigene Faust herumstreifte und Leute umbrachte. Die hatten ähnliche Tränengräben im Gesicht, wenn man sie sich durch das Dritte Auge ansah.

Dass wir Béa helfen wollten, wenn wir es irgendwie konnten, verstand sich von selbst. Im Gespräch mit dem Geist fanden wir heraus, dass sie aus einem ultrareligiös-fanatischen Elternhaus kam und ihre Eltern sie mit allen möglichen kranken und mit dem christlichen Glauben eigentlich völlig unvereinbaren Horrorgeschichten indoktriniert hatten. So war das Mädchen völlig überzeugt davon, dass sie in den tiefsten Tiefen der Hölle schmoren würde, weil sie unverheiratet mit Männern geschlafen hatte.

Nun halte ich mich ja für einigermaßen firm in der Heiligen Schrift, und mir fielen auf Anhieb etliche Bibelzitate ein, die sich zum Widerlegen oder wenigstens Abmildern ihrer Ängste eigneten. Aber irgendwie drang ich nicht so recht zu ihr durch, blieb die junge Frau zu sehr in ihren Schuldgefühlen gefangen. Es war ausgerechnet Totilas, der kurzerhand ein paar Bibelstellen dazuerfand und Béa sehr überzeugend versicherte, dass sie keine Schuld träfe, sondern einzig die Männer, die sich an ihr versündigt hätten. Roberto schließlich gab ihr den letzten Schubser der Überzeugung, dass sie ihren Frieden finden werde, dann ließ sie zu, dass Alex sie weiter schickte.

Aber im Biltmore schienen ja noch mehr Geister umzugehen als nur dieser eine. Also suchten wir nach ihnen. Und fanden Totilas Cousin Vin, einen passionierten Computerspieler und Hacker, der sich fürchterlich darüber aufregte, dass es in seinem Zimmer ständig zu Kurzschlüssen kam, die ihm den Rechner abschmieren ließen. Grund für die technischen Störungen war der Geist eines jungen Mannes in Punkerkleidung. Nachdem der sich von seiner Überraschung erholt hatte, dass Alex ihn sehen konnte, erwies er sich als ziemlich redselig.

Er sei in der Nähe des Biltmore gestorben, erzählte Kyle, auf der Straße von einem Bus überfahren worden. Dort habe er bisher gespukt und sich ziemlich gelangweilt – bis ihn eine „heiße schwarzhaarige Schnitte“ angesprochen und ihn angeheuert habe, doch hier im Hotel Schabernack zu treiben.

Mehr erzählen wollte er uns nicht, sondern verlangte eine Gegenleistung. Er sei als Jungfrau gestorben, rückte er heraus, und er würde ja so gerne mal... Also wie wäre es, wenn Alex ihn ans Steuer ließe, während er...? Die Leute hier würden so scharfe Parties feiern.

Da war bei Alex aber nichts zu machen. Der hatte ja noch nicht einmal Lust, den jungen Geist mit auf eine Sauftour zu nehmen, weil der mit 20 gestorben war und sich deswegen auch noch nie so richtig betrunken hatte. Roberto oder Totilas hätten vermutlich weniger Skrupel gezeigt, aber diese Fähigkeit, Geister in sich reiten zu lassen, kann Alex ja nun mal nicht auf andere übertragen.

Aber als Kyle mich dann als den Autor von Indian Summer erkannte, kam das Gespräch auf das Schreiben und dass Kyle auch mal eine Story verfasst habe. Die würde vielleicht sogar was taugen, meinte er, aber er sei ums Leben gekommen, ehe er sich dazu aufraffen konnte, die Geschichte bei einem Verlag einzureichen. Ich bot ihm an, mir das Manuskript einmal anzusehen, wenn er mir sagen könnte, wo es liege, und es in seinem Namen veröffentlichen, falls mein Verlag zustimme. Nur versprechen könne ich nichts. Dieses Angebot reichte Kyle aber schon, und so antwortete er uns doch noch auf unsere Fragen.

Mit Hilfe eines Phantomzeichnungsprogramms auf Vins Rechner fertigte Kyle ein Bild von der „dunkelhaarigen Schnitte“ an. Und das Gesicht in dem Bild erkannten wir alle: Es war niemand anderes als Camerone Raith. Die seit der Sache mit den Masken nachweislich tot ist. Aber tot zu sein, hindert sie offensichtlich nicht daran, bei ihren Verwandten Ärger zu machen. Juhu.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 22.05.2014 | 16:53
8:30. Dee hat eben angerufen. Ob ich mit ihr frühstücken will. Und das, wo ich heute Nacht bis 4.00 Uhr früh an dem Tagebucheintrag gesessen habe. Stöhn. Aber klar, natürlich will ich. Ich geh dann mal duschen. Später mehr.

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Nett war's. Auch wenn Dee etwas auf dem Herzen hatte. Und zwar wollte sie mir erzählen, dass ein Ex-Freund von ihr in der Stadt sei. Ein FBI-Mann, der hier gerade an einem Fall arbeite, einer Mordserie. Pace. Heh. War ja klar.

Was Dee je an dem Kerl gefunden hat, will mir nicht so recht in den Kopf. Der Mann ist grimmig und verbittert, so sieht er jedenfalls aus, er scheint nur für seine Arbeit zu leben und ist mindestens 15 Jahre älter als sie. Aber gut, jugendliche Verliebtheit erklärt so manches. Eine junge Marshal, frisch im Job, ein erfahrener, kompetenter Partner oder Ausbilder, ich kann mir das schon irgendwie zusammenreimen. Und ich war ja schon mehr als erleichtert, dass Dee das Verhältnis jetzt eher als lehrreiche Erfahrung sieht und sehr deutlich machte, dass sie an Pace keinerlei Interesse mehr hege.

Ich habe Dee gegenüber nicht groß erwähnt, dass Edward uns schon über die Morde informiert hat. Sie fragte auch nicht groß nach, obwohl sie es sich eigentlich denken können müsste. Vermutlich wollte sie es gar nicht wissen, ebensowenig, wie ich sie in Edwards Fehlverhalten mit hineinziehen wollte. Immerhin durfte er uns die Akten eigentlich nicht zeigen, noch uns an die Tatorte mitnehmen.
Stattdessen erzählte ich Dee von den Geistern im Biltmore und dass sich Camerone Raith offensichtlich durch ihren Tod nicht vom Intrigieren abhalten lässt. Mit dem Unterschied, dass sie als Geist jetzt von ihrer Alkoholsucht geheilt und wieder im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten ist. Und immerhin hatte sie lange Zeit die Führung des White Court inne, was sie wohl nicht erreicht hätte, wenn sie nicht schlau und skrupellos und gerissen wäre. Yay.

Aber nachdem wir das alles aus dem Weg geräumt hatten und uns angenehmeren Themen zuwandten, wurde das Frühstück doch noch sehr nett. Oder vielleicht war es auch einfach Dees Gesellschaft, die auch die unangenehmeren Themen erträglicher machte.

Aber jetzt muss ich wieder los, mit den Jungs treffen. Edwards Idee steht da ja noch im Raum.

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Totilas hat gestern Nacht gleich noch mit Gerald gesprochen, erzählte er, als wir uns wieder trafen. Dem ist zwar einerseits ein Stein vom Herzen gefallen, weil er nicht langsam wahnsinnig wird, sondern er wirklich Stimmen hört, aber andererseits war er natürlich mehr als beunruhigt, dass seine Mutter wieder da ist und irgendwelchen Ärger plant. Vermutlich will sie sogar nicht einfach nur rumspuken und Ärger machen, sondern tatsächlich, Geist oder nicht, den White Court wieder übernehmen.

Intrigant genug dafür ist sie. Totilas erwähnte in einem Nebensatz, dass ihm gestern Nacht auch wieder eingefallen sei, dass Camerone an seiner Entscheidung, zum Vampir zu werden, einen nicht ganz unwesentlichen Anteil hatte. Damals ist ihm das gar nicht bewusst geworden, aber gestern Nacht erkannte er, dass sie seine Entscheidung nicht nur immer unterstützt, sondern ihn ganz subtil in diese Richtung geschubst hat.

Jedenfalls, das Ritual. Edward hatte ja schon gemeint, dass er eines der Herzen finden könne, wenn er sich etwas beschaffen könne, das eine Verbindung dazu darstelle. Naja, und was ist eine bessere Verbindung zu einem Körperteil als der Rest dieses Körpers?

Das konnte er allerdings nicht im Alleingang machen, denn immerhin war er ja nicht der mit diesem Fall beauftragte Beamte, sondern Townsend und Caldwell. Also informierte er die beiden Kollegen ganz offiziell über seinen Plan, bzw. bat um ihre Zustimmung, die diese auch gewährten. Die beiden FBI-Männer, Rollins und Pace, wurden ebenfalls dazugerufen. Oh, und ich. Für die anderen drei fanden wir keine passende Ausrede, aber ich wurde als „SID-Consultant“ untergebracht.

Das Ritual führte uns vom Leichenschauhaus zu einer Selbsteinlagerungseinrichtung, einer dieser Lagerhallen, wo man für relativ kleines Geld einen etwa garagengroßen Abstellraum mieten kann. Das richtige Rolltor hatte Edward sehr schnell gefunden, nur war er vorsichtig genug, das Tor auf mögliche Fallen zu untersuchen. Und tatsächlich: Das Ding war auf magische Weise vermint.
Gar nicht unzufrieden über diese Entwicklung erklärte Agent Pace, er kenne jemanden, der mit Schutzzaubern bewandert sei. Im Handumdrehen hatte er schon sein Handy gezückt und eine Nummer gewählt; ein kurzes Gespräch, und nach einer Weile fuhr Dee bei uns vor.

So sehr ich mich eigentlich freute, sie zu sehen, etwas peinlich war es mir schon, hier so unvermittelt auf sie zu treffen, weil ich ihr ja heute früh verschwiegen hatte, dass wir schon in den Fall verwickelt waren. Aber sie schien sich gar nicht zu wundern, noch irgendwie pikiert zu sein. Vermutlich hatte sie sich tatsächlich sowas schon gedacht.

Bei den Strafverfolgungsbehörden hatte sich schnell herumgesprochen, dass hier gerade ein Durchbruch erzielt wurde, und so wimmelte es bald von Mitarbeitern der Spurensicherung, uniformierten Cops, Detectives in Zivil, einer S.W.A.T.-Einheit und sonstigen Gesetzeshütern aller Couleur, von ein paar TV-Vans samt Reportern ganz zu schweigen.

Dee und Edward analysierten eine ganze Weile an dem Schloss herum, doch schließlich gelang es ihnen tatsächlich, die Tür zu öffnen, ohne dass wir alle in die Luft flogen.

Drinnen bot sich uns ein – nicht grausiger, dafür wirkte alles zu steril – aber doch ziemlich beunruhigender Anblick. Da war ein Tisch mit diversen Ritualmaterialien, Kerzen und dergleichen. Ein alter Kassettenrekorder. Nicht mal ein Ghettoblaster: einer von diesen flach liegenden Kassettenrekordern mit den Tasten  vorne, dem Kassettenfach in der Mitte und dem Lautsprecher hinten. Einige Kassetten daneben verstreut. Ein Buch von einem mittelalterlichen Mönch namens Hieronymus, gewissermaßen eine Anfängerfibel für Rituale. Was seltsam war, denn das Ritual, das der Mörder verwendet hatte, war definitiv fortgeschrittenerer Natur als die in diesem Buch beschriebenen Dinge. Wo auch immer der Kerl also gelernt hatte, seinen Opfern bei lebendigem Leib das Herz herauszuschneiden, während es weiterschlug, darin jedenfalls nicht.

Richtig, Römer und Patrioten. Während es weiterschlug. Das war das eigentlich Gruselige an dem Tatort. Da standen auch zwei verschlossene gläserne Gefäße (ich würde ja beinahe sagen „große Einmachgläser“, wenn mir das nicht viel zu gewöhnlich für die Tragweite des Geschehens wäre. Aber ägyptische Kanopen waren aus Marmor. Tiegel sind kleiner. Schüsseln haben keinen Verschluss.), in denen jeweils ein Herz schwamm. Und weiterhin pulsierte.

Es waren viel zu viele mundane Personen anwesend, daher war schnell eine logische Erklärung für die pochenden Herzen gefunden: Das musste irgendwie mit Elektrizität zu tun haben. Völliger Unsinn, weil ja weit und breit keine Energiequelle zu finden war, aber die meisten Umstehenden nahmen die „Erklärung“ dankbar an. In Wahrheit jedoch war es magische Energie, von der die Herzen in Bewegung gehalten wurden, sagte Edward hinterher. Zu viel Energie für die relativ einfache Aufgabe, sogar, weswegen die Herzen mit jedem Schlag ein klein wenig davon in den Raum abgaben.

Die Spurensicherung machte sich an die Arbeit, schoss Fotos, suchte nach Fingerabdrücken und sonstigen Hinweisen, das Übliche eben. Der Kassettenrekorder wurde angeworfen – und spielte eines dieser Lieder mit Herzmotiv ab. Welche Überraschung.

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Nachdem die gesammelte Gesetzeshüterschaft den Ort gesichert hatte und abgezogen war, trafen wir uns wieder mit den anderen. Die waren während der ganzen Aktion nicht untätig geblieben: Alex hatte sich erst einmal auf die Baustelle eines seiner zahllosen Bekannten abgesetzt, um sich dort mit dem Hämmern der Presslufthämmer vom inzwischen unablässigen und immer drängenderen Hämmern der Herzen in seinem Kopf abzulenken. Roberto und Totilas hingegen riefen Jack White Eagle an und fragten den um Rat. Jack hatte von dieser ganzen Geschichte noch nicht wirklich etwas mitbekommen, aber das könnte auch daran gelegen haben, dass er mit anderen Dingen beschäftigt gewesen war (er sagte wohl was von einer neuen Grassorte, die sie in der Kommune gerade ausprobiert hätten – was Edward wiederum gar nicht wissen wollte und geflissentlich weghörte, als Roberto das erzählte). Aber er empfahl den beiden, sich doch mal mit Edward Leedskalnin zu unterhalten, dem Geist vom Coral Castle. Denn der kennt sich mit Geistern und der Grenze zum Nevernever mit am besten aus, wo er doch immer die Santeríos beim Abhalten des Halloween-Rituals unterstützt.

Anders als andere Geister ist der Lette am Coral Castle sehr leicht anzutreffen, und auch tagsüber. Er ist einfach so stark damit verbunden – immerhin hat er es selbst gebaut – und war ja auch schon zu Lebzeiten ein echter Exzentriker. Ich habe mir mal den Spaß gemacht und seine Pamphlete gelesen – okay, überflogen – und seine Einstellungen waren schon ... absonderlich.
Im Gespräch mit Totilas und Roberto jedenfalls zeigte er sich selbst recht beunruhigt über den ständigen Herzschlag, eben weil er die Grenze zwischen unserer Welt und dem Nevernever schwächt. Ganz und gar zerstören könne das die Trennwand zwar nicht, aber vielleicht Löcher hineinreißen, und durch die könnten Dinge hindurchbrechen in unsere Welt, gerade an Halloween. Zu den Morden selbst konnte er nichts sagen, aber eine kryptische Bemerkung machte er doch: dass es nämlich einen Grund geben müsse, warum der Täter gerade zu dem Zeitpunkt mit dem Morden zu beginnen, als er das tat, und dass Pech im Spiel sei. Also Unglück-Pech. Nicht Teer-Pech.

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Edward hat gerade angerufen. Es gibt Neuigkeiten! Muss los. Später mehr!

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Von dem Ritualbuch konnte ein Fingerabdruck genommen werden. Und dieser Fingerabdruck ergab sogar einen Treffer in der Datenbank. Und zwar, und jetzt haltet euch fest, Römer und Patrioten, James Vanguard. Der ein Lykanthrop ist, wie wir alle wissen. Und heute fängt der Vollmond an. Mierda.

Da Vanguard als Chef einer Sicherheitsfirma als hochgefährlich eingestuft wurde, tauchte ein ganzes S.W.A.T.-Team bei ihm auf, zwei sogar, genau gesagt: eines zuhause und eines in der Firma, um ihn zu verhaften. Aber der Vogel war ausgeflogen. Nicht nur Vanguard selbst, sondern auch sein ganzes Rudel war nicht aufzufinden.

Also schlug Edward vor, noch ein Finderitual durchzuführen, um ihn zu dem Gesuchten zu führen. Das allerdings schickte ihn wieder zu genau der Selbsteinlagerungseinrichtung, wo wir auch die beiden Herzen gefunden hatten. Offensichtlich werden sämliche und jegliche Suchrituale momentan dorthin umgeleitet, egal, auf wen oder was sie sich beziehen.
Was vielleicht auch erklären könnte, warum keines der beiden Herzen in dem Lagerraum zu dem Opfer gehörte, von dem aus Edward im Leichenschauhaus die magische Verbindung hergestellt hatte. Sehr seltsam, das alles.

Eine Weile, nachdem Edward seine SID-Kollegen und die FBI-Agents informiert hatte, dass Suchrituale vermutlich nicht viel fruchten werden, rief es bei ihm an. Es war einer von James Vanguards Leuten, der erklärte, sein Boss sei unschuldig, habe sich aber nicht verhaften lassen wollen, weil das jetzt, während des Vollmonds, garantiert ein Massaker gegeben hätte. Aber mit Edward wolle er sich treffen, ein Stück außerhalb der Stadt. Am liebsten alleine, aber von ihm aus könne Edward auch seine Freunde mitbringen.

Was der Grund war, warum wir alle gemeinsam vor die Stadt fuhren. Am bezeichneten Treffpunkt erwartete uns Vanguard schon mit ein paar seiner Leute. Die hielten sich aber im Hintergrund, ließen Vanguard den Vortritt. Wir hingegen gingen gemeinsam auf ihn zu, und es hätte auch nicht nur Edward mit ihm geredet, wenn Vanguard nicht sehr knurrig sehr deutlich gemacht hätte, dass es ihm in seinem derzeitigen Zustand schon schwer genug fiel, sich auf einen einzelnen Gesprächspartner zu konzentrieren, geschweige denn auf mehr als einen. Irgendwie war das auch so ein Rudel-Alpha-Dominanz-Ding, aber naja.

Die Atmosphäre bei dem Treffen war jedenfalls sehr aufgeladen, einfach weil Edward und Vanguard so angespannt waren und sich mit jeder Faser ihres Seins zusammenreißen mussten, nicht auf die jeweils andere Gruppe loszugehen. Aber Vanguard versicherte, er habe die Morde nicht begangen, und das nahmen wir ihm auch ab. Die ganze Sache hatte für meinen Geschmack ohnehin nach abgekartetem Spiel ausgesehen. Ein einzelner Fingerabdruck in den ganzen, minutiös gereinigten Tatorten? Wie praktisch.

Jedenfalls sagte Vanguard, er werde sich natürlich stellen, aber eben nicht gerade jetzt zu Vollmond, sondern erst in zwei Tagen, wenn das Schlimmste für diesen Monat vorbei sei. Edward war auch der Meinung, dass das wohl besser sei. Vangard meinte noch, er wolle versuchen, irgendwelchen Suchtrupps aktiv aus dem Weg zu sein – sprich, wenn er wüsste, wo welche wären, könnten seine Leute und er einfach woanders sein. Hint hint.

Je länger wir redeten, umso mehr mussten die beiden Lykanthropen sich am Riemen reißen, knurrten einander nur noch an. Ehe das Treffen vollkommen aus dem Ruder lief und die Fetzen zu fliegen begannen, zogen wir uns zurück. Schön langsam und rückwärts und die jeweils andere Gruppe nicht aus den Augen lassend.

Aber auf dem Rückweg merkten wir sehr schnell, dass das nicht wirklich geholfen hatte. Edward war zu aufgedreht, zu wild. Der musste raus aus dem Auto, sich abreagieren. Schreien, rennen, toben. Es gelang ihm gerade noch, Alex ein "Halt an! JETZT!" zuzuknurren, dann war er mit einem wilden Aufheulen auch schon im Freien.

Dummerweise nur war das mitten in einem Wohngebiet, und ehe wir auch nur blinzeln konnten, war Edward auch schon in einer Hauseinfahrt und warf mit Mülltonnen um sich. Und natürlich gingen in diesem und den umliegenden Häusern die Lichter an...

Das war nicht gut. Das war gar nicht gut. Wenn jetzt ein Hausbewohner herauskam... Also sprang Totilas kurz entschlossen ebenfalls aus dem Wagen und schleuderte Edward laute Beleidigungen entgegen. Der reagierte sofort, ließ alles stehen und liegen und ging auf Totilas los. Unser White Court-Freund wiederum rannte vor ihm davon, offensichtlich in der Absicht, ihn von dem Wohngebiet wegzulocken.

Und das ist der letzte Stand heute Nacht. Wir anderen konnten den beiden nur hinterhersehen, und da sie sehr bald von der Straße ins Gelände abbogen, hatten wir auch keinerlei Möglichkeit, ihnen zu folgen. Also fuhren wir schweren Herzens heim, um morgen früh wenigstens ausgeschlafen zu sein, in der Hoffnung, dass Totilas‘ übernatürliche Konstitution es ihm erlaubt, so lange vor Edward davonzulaufen, bis der sich abgeregt hat.

Colera. Es ist ein ekelhaftes Gefühl, so machtlos zu sein, nichts tun zu können. Ich hoffe inständig, den beiden passiert nichts heute Nacht. Aber jetzt muss ich trotzdem ins Bett. Falls ich denn überhaupt einschlafen kann. Das Aufschreiben jedenfalls hat mich nicht wirklich müder gemacht. Aber es hilft ja alles nichts.

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Madre de Dios! Ich war tatsächlich schon halb eingeschlafen, da kam mir urplötzlich ein schrecklicher Verdacht. Ich weiß gar nicht, woher auf einmal; er war einfach da.

Der Serienmörder ist ein Mann in einer Autoritätsposition, der sich für gewöhnlich eisern unter Kontrolle hat, von gelegentlichen Wutausbrüchen unterbrochen. Der eine ganz bestimmte Frau sucht. Um sie auch umzubringen? Oder um sie für sich zu gewinnen? Vielleicht beides: Sie umzubringen, wenn er sie nicht (wieder?) für sich einnehmen kann?
Alle Opfer waren dunkelhaarig und braunäugig. Wie Dee. Dee hat Agent Pace verlassen. Weil er ihr irgendwie nicht ganz geheuer war. Er hat sich schon einige Male mit ihr treffen wollen, aber sie hat immer abgelehnt. Als FBI-Mann ist Agent Pace eine Autoritätsperson, auch wenn das Alter nicht ganz stimmt.

O Dios. Ich hoffe und bete, dass ich mich irre. Ich darf mir von meiner eifersuchtsbedingten Abneigung gegen Pace nicht die Sicht vernebeln lassen. Aber jetzt, wo ich den Gedanken gedacht habe, kann ich ihn nicht ungedacht machen.
Soll ich es morgen den Jungs erzählen, oder würde sie das voreingenommen machen?
Ich glaube, ich muss. Wenn ich paranoid bin, werden sie mich schon in den Senkel stellen.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 22.05.2014 | 18:38
Sehr schön.  ;D
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 23.05.2014 | 13:25
Freut mich! :)
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 11.06.2014 | 13:34
Ricardos Tagebuch: Dead Beat 2

Mierda. Es ist wieder eine Frau verschwunden. Und sie passt wieder ins Schema. Natürlich. Und es scheint, als wolle der verdammte Mistkerl es so aussehen lassen, als sei Edward der Täter. Cabrón.

Aber der Reihe nach.

Ich war massiv erleichtert, als sowohl Totilas als auch Edward heute Vormittag unversehrt, nur ein wenig übermüdet, im Dora's auftauchten. Edward hat wenig Erinnerungen an die vergangene Nacht, sagte er, nur an seine unbändige Wut und daran, unablässig gerannt zu sein, irgendwas verfolgt zu haben. Lustigerweise fand sich im Miami Herald eine kleine Meldung über den Vorfall: Vandalen seien nachts unterwegs gewesen und hätten in der Vorstadt Mülltonnen umgeworfen, vermutlich Jugendliche.

Als ich den Jungs dann von meinem Verdacht in Sachen Pace erzählte, hielten die mich zum Glück nicht für paranoid, mahnten aber zur Vorsicht. Totilas zum Beispiel warf ein, wenn es Pace wegen Dee sein könne, habe er ebensogute Gründe, warum Edward der Mörder sein müsse – immerhin sähen die Frauen vom Typ her auch Cherie ähnlich, die hat Edward kurz vor Beginn der Morde verlassen hat, und der Rest des Profils trifft (bis auf die Tatsache, dass er schwarz ist) ebenfalls auf Edward zu.

Wir kamen auf die Idee, Henry die Flugdaten der Zeiten kurz vor den Morden überprüfen zu lassen, ob vielleicht ein David Pace öfter mal in die Stadt gekommen ist. Falls Pace einen falschen Namen verwendet hätte, wäre das zwar keine Hilfe, aber immerhin mal ein Anfang.

Ehe Edward aber bei Henry anrufen konnte, rief der Edward an: Es sei eine weitere Frau verschwunden. Und ob Edward ihm vielleicht etwas zu sagen habe: Auch dieses neue potentielle Opfer habe nämlich einen polizeilichen Eintrag gehabt (wieder wegen irgendeiner vergleichsweisen Kleinigkeit, das Auto ihres Ex-Freundes demoliert oder etwas in der Art), und der Aufruf der Akte in der Polizeidatenbank sei von Edward gekommen. ¿Que demonios?

Nachdem Edward seinem Partner erstmal erklärt hatte, dass er das nicht gewesen sei, rückte Henry damit heraus, er habe Edwards Passwort öfter mal benutzt, um vorzugeben, dass Edward aktiv gewesen sei; außerdem habe er dessen Passwort regelmäßig alle drei Monate geändert, damit es nicht verfalle. Und er habe es hinter den Bildschirm gepappt, wo Edward es finden könne, wenn er es brauche. Dummerweise konnte es dort halt nicht nur Edward finden, sondern auch jeder andere, der davon wusste. Und dass es da hing, war ja nun nicht so schwer herauszufinden. Super. Wirklich super. Da musste Henry sich eigentlich auch nicht wundern, dass sich jemand anderes Zugang zu Edwards Account verschafft hatte.

Aber das muss er in Persona erklären. Henry ließ Edward von ihrem Chef ausrichten, er solle gefälligst seinen Hintern aufs Revier bewegen, und das klang nach einem Befehl, dem unser Kumpel besser sofort nachkommen sollte. Wir wollen uns nachher wieder treffen, wenn Edward genauer weiß, was Sache ist.

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Coléra. Lieutenant Book hat ihn bis auf Weiteres suspendiert. Alle beide sogar, Edward und Henry, wegen der Nachlässigkeit mit dem Passwort. Denn die Akten aller Opfer wurden kurz vor den jeweiligen Taten von „Edward“ abgerufen.
Auch Agent Pace war anwesend, und der hat Edward sehr eindringlich verhört. So, als sei der ein Verdächtiger in den Mordfällen. Oder als wolle Pace von sich selbst ablenken. Wobei, verdammt. Agent Pace kommt so leicht nicht an Edwards Passwort ran. Es wäre zwar nicht unmöglich, weil das Revier kein ausweisgesicherter Bereich ist, sondern man einfach reinmarschieren kann, aber Pace müsste sich schon sehr unauffällig reingeschlichen haben, wenn gerade niemand sonst da war. Nachts oder so. Aber trotzdem. So ganz aus dem Auge verlieren sollten wir Pace trotzdem nicht.

Aber dieser neue Vermisstenfall war erstmal wichtiger. Suspendierter Kumpel oder nicht, wir mussten da hin. Normalerweise gelten ja die bekannten 48 Stunden, die jemand verschwunden sein muss, aber weil ein Serienmörder umgeht und die Vermisste ins Schema passt, wurde diesmal sofort gehandelt. Am Haus des mutmaßlichen Opfers war also schon ein großes Polizeiaufgebot anmarschiert: Die Detectives Townsend und Caldwell, die Agents Pace und Rollins, Uniformierte, Spurensicherung. Da wollten wir uns lieber außer Reichweite halten, weil Edward ja gar nicht mehr offiziell hier sein durfte.

Aber in der Nähe des Hauses befand sich ein kleiner Park, wo Alex jemanden kannte. War ja klar. Aber hey. Es ist Alex. Sein Bekannter war natürlich ein Geist: ein alter Gärtner, der nach seinem Tod einfach weiterarbeitete. Mit diesem Geist redete Alex, fand aber auch nicht groß viel weiter heraus, als dass immer mal ein grauer Lieferwagen mit Vanguard-Logo in der Gegend herumfuhr. Wobei das natürlich auch keinen echten Hinweis darstellte: Auf jedem beliebigen grauen Lieferwagen lässt sich mit Leichtigkeit ein entsprechender Aufkleber befestigen, und andersherum gibt es da in der Gegend mit Sicherheit genug Objekte, die von Vanguard Security bewacht werden, so dass deren Wagen jedes Recht haben, dort herumzufahren.

Wie gesagt, wir blieben vorsichtshalber eher etwas weg von dem Haus, sondern beobachteten nur aus einiger Entfernung. Aber Edward ging mit seinen Kollegen reden und bekam immerhin heraus, dass die Spurensicherung am Tatort einige Haare von James Vanguard gefunden habe. Hah. Der Täter soll sich mal entscheiden, ob er Edward in die mierda reiten will oder Vanguard. Oder vielleicht denkt er sich auch nur, zwei Verdächtige sind besser als einer...

Da wir dort am Tatort nicht mehr wirklich viel tun konnten, fuhren wir ins Biltmore zu Totilas' Cousin Vin, dem Hacker. Der war, als wir ankamen, gerade mit irgendeinem Multiplayer-Spiel beschäftigt, aber allzu lange mussten wir zum Glück nicht warten, bis er Zeit für uns fand. Dummerweise wollte Vin nicht ohne jede Gegenleistung für uns herausfinden, ob Edwards Account gehackt worden ist und von wo aus die ganzen Zugriffe auf die Polizeidatenbank erfolgten. Er sei hungrig, erklärte er, und er könne sich nicht konzentrieren, bis er nicht etwas 'gegessen' habe. White Courts eben... Ich schlug vor, ihn mit Rollins, dem süchtigen FBI-Profiler, zusammenzubringen, aber so lange wollte Vin nicht warten, also erklärte Roberto sich schließlich dazu bereit.

Ich muss aber gestehen, ich sah nicht hin, als Vin Raith Roberto abknutschte. Oder war es andersherum? Jedenfalls sagte Vin hinterher zu, er würde sich an die Arbeit machen und uns informieren, sobald er Infos für uns hätte.

Natürlich wollen wir aber auch die Verschwundene finden. Das können wir nur nicht, solange alle Finderituale auf dieses blöde Lagerhaus deuteten. Wobei wir ja noch nicht mal wissen, wie das genau wirkt. Ob der Suchfluch wirklich alle Finderituale in der Stadt betrifft oder nur diejenigen, die sich auf die Morde beziehen, oder vielleicht nur all diejenigen, die von Edward gewirkt werden.
Aber wir kennen ja noch jemand anderen, der uns eventuell mit einem Suchzauber helfen könnte...

Also suchte Edward seinen Schlüssel per Ritual, bekam aber wieder nur die Lagereinrichtung zum Ergebnis. Daraufhin rief ich Ximena an und bat sie um Hilfe. Sie ist zwar keine Ritualspezialistin, aber dafür, dieselbe Suche noch einmal durchzuführen, würde es gerade noch reichen, meinte sie.

Kurze Zeit später rief Ximena zurück: Sie hatte zuerst ihre Rollenspielwürfel wiedergefunden und danach, bei einer zweiten Suche, Edwards Schlüssel. Also betrifft der Fluch wohl wirklich nur Edward, und so bat ich Ximena, uns auch bei der Suche nach der Verschwundenen zu helfen. Da wurde das Telefonat dann etwas seltsam, weil es mir so vorkam, als wolle Ximena in meinem Privatleben herumkramen. Aber was und wie zwischen mir und Dee läuft, das geht sie nun mal nichts an, verdammt. Und wenn sie findet, ich sei verklemmt... Grrrr. Soll sie doch. Egal. Es änderte nichts an der Tatsache, dass sie sich bereiterklärte, uns zu helfen, falls wir ihr irgendwas von der Vermissten beschaffen könnten. Was natürlich nicht legal wäre. Weswegen sie also gar nicht wissen wolle, wie.

Aber wir müssen dieser Tessa Cunningham helfen, oder wie sie heißt. Cumberlane. Dings. Also brauchen wir etwas von ihr. Also ist es nicht von Belang, ob es legal ist oder nicht. Ximena wird ihre Haare bekommen.

Nur zuerst rufe ich Dee an. Das wollte ich schon den ganzen Tag, kam aber vor lauter Aufregung nicht dazu.

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So. Mit Dee geredet und für morgen zum Frühstück verabredet. Ich wollte ihr aber nicht am Telefon sagen, dass ich Agent Pace verdächtige, irgendwie brachte ich das nicht über mich. Denn dazu möchte ich ihr lieber gegenübersitzen. Ich habe nämlich nicht die geringste Ahnung, wie sie reagieren wird, und falls sie mich der grundlosen Eifersucht bezichtigt, möchte ich das doch bitte in Persona von ihr hören und in Persona reagieren können. Aber ich habe Dee gesagt, sie solle vorsichtig sein. Das sei sie doch immer, erwiderte sie. Besonders vorsichtig, meinte ich. Und da hatte sie dieses Lächeln in der Stimme, als sie „mach ich“ sagte.

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Zurück von unserem kleinen Ausflug zu Tessa Cumberlains Haus. Mit Tessas Haaren. Es hat geklappt, aber ganz leicht war es nicht. Naja, zugegeben, es hätte leichter sein können, wenn wir gleich so schlau gewesen wären, wie wir am Ende waren. Aber es war auch sehr, sehr seltsam. Ich glaube, es wäre mir wesentlich lieber gewesen, wenn die erste Aktion geklappt hätte...

Wir – sprich Alex, Roberto und ich; Edward und Totilas wollten währenddessen mit Jack White Eagle reden – stellten sehr schnell fest, dass das Haus auch nachts von zwei Cops in einem Zivilfahrzeug beobachtet wurde. Und das Gelände war mit Band abgesperrt, also tatsächlich nicht legal zu betreten.

Aber ich war tagsüber Rhoda begegnet, Rhoda Waterson von dem Autorentreff auf der Con. Sie wohnt ein paar Straßen von Ms. Cumberlain entfernt, und sie war nachmittags schon ganz aufgekratzt wegen des Vorfalls. Jetzt rief ich sie an und bat sie um ein Treffen im nahegelegenen Park. Unauffällig. Dass sie das verdächtig finden könnte, das kam mir gar nicht in den Sinn.

Ich erklärte Rhoda, es gehe darum, die arme Ms. Cumberlain zu retten, und schlug vor, dass sie die beiden Cops ablenken könne, wenn sie ihnen Kakao brächte oder sowas. Rhoda meinte zwar, Mrs. Myers von nebenan habe den beiden früher am Abend schon mal Donuts bringen wollen, und die hätten sie abgelehnt, weil sie sowas nicht annehmen dürften, aber es würde ja schon reichen, wenn die beiden Beamten den Kakao nicht annähmen, aber durch das Gespräch mit Rhoda dennoch abgelenkt seien. Wir einigten uns auch darauf, dass sie unverrichteter Dinge kehrt machen würde, wenn die Dinge irgendwie brenzlig würden oder es so aussähe, als klappe das mit dem Aufmerksamkeit-Heischen nicht. Immerhin ist Rhoda eine ältere Lady, und ich wollte ihr keinesfalls irgendwelche Probleme machen. Nicht nur lese ich ihre Geschichten um die Miss Marple-artige Ermittlerin mit den übernatürlichen Fällen viel zu gerne, sondern Rhoda selbst ist einfach auch viel zu nett, um sie in Schwierigkeiten gleich welcher Natur zu bringen.

Dummerweise nur kam es tatsächlich so, wie Rhoda es schon befürchtet hatte. Die beiden Polizisten lehnten ihren Kakao ab, und Roberto, der an einem geparkten Auto weiter hinten in der Straße für zusätzliche Ablenkung sorgen wollte, indem er dessen Alarmanlage auslöste, versagte bei dem Vorhaben. Alex hätte sofort gewusst, wo er draufhauen muss, damit der Alarm losgeht, aber der war der einzige von uns dreien, der wenigstens einigermaßen schleichen konnte, und so stand der parat, um Tessa Cumberlains Auto zu öffnen und dort einen persönlichen Gegenstand von ihr zu entwenden.

Mierda. Auf diese Weise ging es also schon mal nicht. Aber wir hatten... nein. Ich sage jetzt nicht 'zum Glück'. Dazu war das Ganze einfach zu seltsam. Aber es kam uns noch eine andere Idee. Oder genauer, Alex hatte die Idee. Er meinte, wenn Roberto sich als Frau verkleiden und mit einem von uns die Straße entlangflanieren würde, dann könnte das die beiden Polizisten vielleicht auch ablenken.

Ich will jetzt nicht wissen, wo Roberto auf die Schnelle die Frauenklamotten herhatte. Ich will vor allem nicht wissen, warum er sie auf unserem kleinen Ausflug mitgeschleppt hat, denn das hatte er mit Sicherheit nicht im Voraus geplant. Aber er kramte aus seiner Tasche eine Stola und einen Rock und ein paar hochhackige Schuhe heraus und war im Nu wie verwandelt. Und zwar wirklich verwandelt. Er war nicht einfach nur Roberto, der tat wie eine Frau, sondern es änderte sich wirklich alles: seine Haltung, seine Bewegungen, sein Mienenspiel. Nicht einfach 'tuckig', sondern weiblich. Völlig glaubhaft. Und richtig, richtig seltsam.

Alex ließ einen launigen Spruch los von wegen 'Roberta', aber Roberto erwiderte völlig ernsthaft: „Carmen“. Und es war wirklich so. Als ich da auf der Straße mit Ro Carmen entlangschlenderte, als seien wir ein verliebtes Pärchen, war ich nicht mit meinem Kumpel unterwegs, sondern mit einer fremden, attraktiven Frau. Madre mia, war das seltsam! Beinahe verstörend, wenn ihr mich fragt, Römer und Patrioten.

Aber all dieser Seltsamkeit zum Trotz klappte diese Aktion perfekt. Die beiden Polizisten waren von Carmen derart fasziniert, dass sie ihr minutenlang nachstarrten und Alex problemlos durch Ms Cumberlains Garten und in ihr Haus gelangen konnte und kurze Zeit später mit einer Haarbürste zurückkehrte. Den Diebstahl rechtfertigten wir unseren Gewissen über damit, dass die Spurensicherung mit ihrer Arbeit schon fertig war und wir den Einbruch für die gute Sache begangen hatten.

Dann brachten wir trotz der späten Stunde unsere Beute noch zu Ximena, die zwar erklärte, heute Abend nichts mehr damit anfangen zu wollen, aber versprach, sich gleich morgen früh daran zu machen.
Damit müssen wir wohl leben müssen, denn wenn Ximena sich übermüdet an die Suche setzen würde, käme vermutlich auch nichts Gescheites dabei heraus.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 11.06.2014 | 18:23
Armer Cardo.

Hängt mit Lykanthropen, Vampiren und Magiern herum und legt sich mit Feen an - aber wenn Roberto mal seine weibliche Seite rauskramt, freakt ihn das aus.  ;)
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 14.06.2014 | 22:59
Oh. Ver. Dammt.

Es ist 10:40. Um 10:00 waren wir verabredet. Und Dee ist bisher nicht aufgetaucht. Bei ihr zuhause geht niemand ans Telefon. Ihr Handy ist ausgeschaltet oder in einem Funkloch.

Ich bin so ein verdammter Idiot! Ich hätte meinen Verdacht gegenüber Pace klar aussprechen müssen, statt mich in vagen „sei vorsichtig“-Andeutungen zu ergehen, nur weil ich Angst hatte, dass Dee mich am Telefon wegen meiner Eifersucht auslachen würde oder Schlimmeres.
Und jetzt hat er sie doch erwischt…

Natürlich ist das nicht bewiesen. Sie könnte auch im Stau aufgehalten worden sein oder sonstwas. Aber ich weiß es. Ich fühle es.

Nein. Nein nein nein. Bitte, nein.

Ich gebe ihr jetzt noch genau 5 Minuten. Und wenn sie bis dahin nicht aufgetaucht ist, schlage ich Alarm.

Santísimo padre en el cielo, bitte lass Dee nicht dafür büßen, dass ich so ein verdammter, egoistischer Idiot war… Lass es ihr gutgehen, bitte…

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10:49. Alex ist unterwegs. Klang völlig übermüdet, sagte etwas von einem weiteren Herzschlag. Damit muss Tessa wohl bereits tot sein. Oh verdammt.
Die anderen Jungs habe ich auch alarmiert. Treffen uns gleich alle bei Dee.

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13:56. Durchatmen. Edward und Ximena führen gerade ihr Suchritual durch. Das dauert ein bisschen; lange genug, um vielleicht ein paar Worte zu schreiben. Und wenn ich mich nicht ablenke, hänge ich ihnen nur über die Schulter und störe.

Als wir bei Dees Wohnung ankamen, waren ihre Nachbarn schon ein wenig besorgt, weil es so nach Ozon roch. Sie befürchteten ein Feuer und waren schon am Debattieren, ob sie nicht vielleicht die Feuerwehr rufen sollten. Aber sie erkannten Alex als Dees Bruder, und Alex hat einen Schlüssel, und so waren die Nachbarn relativ beruhigt und verschwanden wieder in ihren Wohnungen.

Drinnen roch es tatsächlich stark nach Ozon, und im Flur, mit Abstrahlung ins Wohnzimmer, sah es aus, als sei eine Bombe eingeschlagen. Naja, nicht ganz so schlimm wie eine Bombe, aber Edward erkannte das als einen Ward, der ausgelöst hatte. Klar, Dee ist ja Ward-Spezialistin. Dummerweise hatte das aber offensichtlich den Eindringling nicht abgehalten, denn Dee war tatsächlich verschwunden und es gab über den ausgelösten Ward hinaus auch weitere Spuren eines Kampfes.

Natürlich nahmen wir etwas mit, anhand dessen Edward sie würde finden können. Dee ist in dieser Hinsicht zwar deutlich vorsichtiger als die arme Tessa Cumberlain, ihre Haarbürste war also sorgfältig gereinigt, aber sie durch das Auslösen ihres Wards aus dem Schlaf gerissen und dann sofort aus ihrer Wohnung entführt worden war, fand Alex doch ein, zwei Haare auf ihrem Kissen.

Übrigens, Römer und Patrioten: Ja, Edward. Der war doch gestern Abend noch mit Totilas raus zu den Sunny Places gefahren, weil er mit Jack reden wollte. Mit Jack reden… und sich etwas *hust* entspannen, wo er eh schon suspendiert  ist. Aber er erzählte Jack auch von seinem Suchfluchproblem, und Jack meinte, es gäbe da so ein indianisches Reinigungsritual, das man mal ausprobieren könnte, um den Fluch von ihm zu nehmen. Was wieder mal eine nackige Nacht in der Schwitzhütte bedeutete, aber das kannten Edward und Totilas ja nun schon.

Das Ergebnis: Edwards ganze schöne hanfinduzierte Entspannung war wieder flöten, aber dafür hatte das Schwitzritual tatsächlich den Suchfluch von ihm genommen, und er kann wieder andere Dinge finden als nur den blöden Lagercontainer.

Ehe er das Ritual aber starten konnte, rief Ximena an und verkündete, sie habe die Person gefunden, die wir sie anhand der Haarbürste von gestern Abend hatten suchen lassen. Tessa. An die arme Tessa hatte ich ja beinahe nicht mehr gedacht. Sie – Ximena wusste ja nicht, dass die Arme mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bereits tot war – befinde sich in diesem gerade im Bau befindlichen Einkaufszentrum in Doral.

Stellte sich nur die Frage, ob wir ohne weitere Suche gleich dorthin fuhren, in der Annahme, dass Dee auch dort sei, oder ob Edward doch nochmal unabhängig suchen sollte. Wir entschieden uns für letzteres, aber Edward alleine kam irgendwie nicht durch. Vielleicht hatte er zu wenig magischen Wumms in das Ritual gelegt, oder der Fluch hing ihm doch auf andere Weise noch nach, keine Ahnung. Jedenfalls baten wir Ximena um weitere Hilfe, die sie ein wenig grummelnd zwar, aber zusagte – und ich saß wie auf glühenden Kohlen, bis sie endlich bei uns war, auch wenn es netto gar nicht so lange dauerte. Alex natürlich auch, aber der ließ es sich nicht so sehr anmerken. Zumindest glaube ich, dass man es mir mehr anmerkte als ihm, auch wenn ich mir alle Mühe gab.

Jedenfalls ist Ximena jetzt hier, und sie und Edward haben beschlossen, sich mit ihrem Ritual diesmal mehr Zeit zu lassen, mehr Kraft hineinzupumpen, und dann sollte es mit Ximenas Unterstützung doch gehen. Aber es dauert halt. Ergo dieser Schrieb, zwecks Ablenkung.

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Gut dass sie eine eigene Suche durchgeführt und sich nicht darauf verlassen haben, dass wir Dee am selben Ort finden würden wie Tessa. Denn das Ritual mit Dees Haaren führte nicht nach Doral, sondern in ein altes, zum Abriss freigegebenes Lagerhaus am Hafen. Dem näherten wir uns mit der entsprechenden und angemessenen Vorsicht, aber es schien tatsächlich niemand dort zu sein. Also rein, natürlich.

Im Keller fanden wir dann eine versperrte Tür, die mit einem Ward gesichert war, wie Edward schnell herausfand. Einem Ward, der ziemlich übel in die Luft gehen würde, wenn man ihn auslöste. Edward analysierte eine Weile daran herum, aber er ist kein Ward-Spezialist. Es gelang ihm nicht, die magische Sicherung zu deaktivieren, und es ist Vollmond. Irgendwann riss ihm schlicht die Geduld. Er knurrte etwas von "Geht in Deckung, Jungs!", und dann hieb er einfach auf das Schloss.

Nicht mit der bloßen Hand, wohlgemerkt. Ich habe es noch gar nicht erwähnt, glaube ich, aber Edward hat sich vor ein paar Monaten einen magischen Handschuh gebaut. Und ja, ich weiß, wie das klingt. Aber er hat den wohl irgendwie so verzaubert, dass er einen Teil seiner Stärke speichert, oder ihm zusätzliche Stärke verschafft, oder irgendwie sowas. Und mit diesem Ding haute er jetzt auf das Schloss ein.

Und der Ward explodierte. Wir anderen waren ja wie befohlen in Deckung gegangen, aber Edward wurde von der Wucht des magischen Ausbruchs voll erwischt und gegen die Wand geschleudert. Ich konnte regelrecht hören, wie seine Rippen brachen.

Aber die Tür war offen, und ich achtete kaum auf Edward, der sich hinter mir schon wieder mühselig aufrappelte: schwer angeschlagen, aber noch nicht außer Gefecht. Statt dessen stürmte ich in den Raum - und hörte Dees Stimme von irgendwo außer Sicht: "Cardo, HALT!"

Irgendwie gelang es mir, sofort zum Stehen zu kommen. Aber Totilas war direkt hinter mir, und dem gelang es nicht. Er prallte also voll in mich hinein und schubste mich nach vorne - direkt in einen Ward hinein, der jetzt natürlich ebenfalls hochging. Eine magische Explosion, und ich wurde heftig durch den Raum geschleudert. Dem Himmel sei Dank prellte ich mir nur die Schulter dabei, und ich glaube, das lag auch mit an der Kevlar-Weste. Edward hatte vor dem Losfahren nämlich darauf bestanden, dass ich seine Kevlar-Weste anziehe. Er meinte, ich bräuchte sie nötiger als er, und außerdem wollte er sie nicht tragen. Er sprach es zwar nicht aus, aber ich weiß, dass Cherie ihm das Ding geschenkt hat. Und es jetzt anzuziehen, würde im Moment wohl einfach noch zu schmerzhafte Erinnerungen wecken.

¡Gracias a Dios! Dee war unversehrt. Sie hatte sich zwar trotz Vorwarnung durch den Ward an ihrer Wohnung nicht gegen ihre Entführung wehren können, und es war dem Entführer gelungen, sie zu betäuben, aber sobald sie in dem Raum zu sich gekommen war, hatte sie ihre Fesseln gelöst, einen eigenen Ward aufgebaut und sich hinter der Tür versteckt, als sie jemanden kommen hörte. Wenn wir es nicht gewesen wären, sondern der Kerl, hätte er eine böse Überraschung erlebt. Wer der Täter gewesen sei, habe sie allerdings nicht sehen können, sagte Dee. Ich weiß, wer es ist, erwiderte ich, und erklärte ihr meinen Verdacht und die Gründe dafür. Aber Dee war trotzdem nicht überzeugt. Sie war mehrere Jahre mit Pace zusammen, erklärte sie, und sie würde ihn vermutlich auch erkennen, wenn er eine Maske trüge, und der Entführer sei ihr einfach nicht wie Pace vorgekommen. Aber Edward sei es definitiv auch nicht gewesen, den hätte sie ebenfalls erkannt. Und der Kerl war ein Weißer, soviel sei sicher.

Wir halfen Edward nach draußen und riefen ihm erst einmal einen Krankenwagen. Denn sein rasselnder Atem hörte sich überhaupt nicht gut an - ich bin zwar kein Arzt, aber das klang fast so, als habe eine gebrochene Rippe seine Lunge durchbohrt.

Kurz darauf ging der Rummel los. Die Spurensicherung rückte an. Uniformierte Cops rückten an. Agent Pace rückte an. Und Dee - die mir nach der ganzen Aktion nicht mal auch nur die Hand geschüttelt hatte - flog ihm mit einem "Oh David!" förmlich um den Hals, klammerte sich regelrecht an ihn.

Grrrrrrrr. In dem Moment war ich sehr froh, dass ich kein Lykanthrop bin wie Edward.

Dee machte sich dann doch irgendwann von Pace - der bei ihrer Zurschaustellung von Zuneigung völlig überrascht geschaut hatte - los und machte ihre Aussage. Dass sie ihren Entführer eben nicht erkannt habe, aber dass sie Detective Parsen ausschließen könne, weil der Täter definitiv weiß gewesen sei. Wir anderen wurden natürlich auch verhört, einzeln und dann nochmal gemeinsam. Erstaunlicherweise tauchten Detective Caldwell und Detective Townsend die ganze Zeit über nicht auf, so dass Agent Pace der einzige Zivilbeamte vor Ort blieb. Selbst als Edward nach einer Weile wiederkam - es ist zum Glück immer noch Vollmond, das heißt, seine regenerativen Kräfte hatten sofort angeschlagen, und seine Verletzung war zwar noch vorhanden, aber nicht mehr bedrohlich - waren seine beiden Kollegen immer noch nicht da. Agent Pace erwähnte etwas davon, dass die beiden Detectives vermutlich James Vanguard auf der Spur seien, aber Edward - dem gegenüber sich Pace jetzt deutlich freundlicher und kollegialer verhielt - hatte kurz einen ganz seltsamen Ausdruck im Gesicht. So, als wolle er etwas sagen, halte sich aber zurück.

Endlich waren die Vernehmungen vorüber, und wir durften gehen. Pace fragte Dee, ob er sie irgendwo hin bringen könne, aber sie - ¡Gracias a Dios! - lehnte ab. Statt dessen fanden wir uns alle sechs zu einem Kriegsrat zusammen.
 
Ich weiß nicht, ob sie es sagte, weil sie ganz genau wusste, wie ich mich bei ihrer Umarmung von Pace gefühlt hatte, oder weil sie einfach sachlich Bericht erstatten wollte, aber Dee erklärte, sie habe Pace aus einem ganz bestimmten Grund umarmt. Und zwar habe sie ihren Entführer bei dem Kampf in ihrer Wohnung an der Seite verletzt, und zwar so schwer, dass er das wohl nicht so schnell abschütteln könne. Wenn Pace also eine entsprechende Verletzung gehabt hätte, hätte sie das vorhin gemerkt. Aber das hatte er nicht, und so sei sie sich jetzt eben so gut wie sicher, dass er wirklich nicht der Täter sei.

Was Edward auf seinen eigenen Verdacht brachte. Denn die Tatsache, dass Townsend und Caldwell nicht aufgetaucht waren, hatte ihn auf einen ganz neuen Gedanken gebracht: Wer kennt ihn gut und weiß, wie man ihn linken kann? Wer hat ständigen Zugang zu seinem Computer und damit auch zu dem Passwort hinter dem Bildschirm, ohne dass es auffällt, wenn er sich im Revier aufhält? Richtig. Detective Caldwell. Der gute alte skeptische Detective Caldwell mit der Hasenpfote.

Aber zuerst wollten wir uns doch noch den Ort ansehen, an dem Ximena die entführte Ms. Cumberlain gefunden hatte. Draußen bei dem Mall-Rohbau in Doral suchten wir ein wenig herum, um den Ort genauer zu lokalisieren, ehe Edwards feine Lykanthropennase tatsächlich den bekannten Geruch seines Kollegen Mark erschnupperte, der vor noch gar nicht allzu langer Zeit hier gewesen sein musste. Wir folgten der Duftspur hinunter in den Keller, wo Caldwell wieder mit Ammoniak gearbeitet hatte, um hinter sich aufzuräumen. Und dort, in einem Raum am Ende eines langen Ganges, der wohl irgendwann mal für Lagerungszwecke von Einzelhandelsgütern bestimmt sein wird (und ja, ich druckse gerade wieder einmal herum, das ist mir durchaus bewusst), fanden wir…

Madre de Dios. Ich kann die Worte kaum zu Papier bringen.

Fanden wir Tessa.

Wie den anderen Opfern war ihr das Herz herausgeschnitten worden. Wie bei allen späteren Opfern war kaum Blut zu sehen. Doch, Dios en el cielo, perdónanos, Tessa lebte. Wenn man es denn "leben" nennen kann… Sie bewegte sich, sie röchelte, sie kratzte mit den Fingernägeln schwach an der Tür. Aber sie hatte offensichtlich ihren Verstand verloren, denn sie wimmerte nur noch inkohärent, und ihre Augen stierten nur stumpf und leer vor sich hin.

Wir waren alle völlig fassungslos. Ich weiß nicht, wie lange wir nur dastanden und mit offenem Mund auf die arme Frau starrten. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, aber vermutlich waren es doch nur einige Sekunden, bis wir uns fassten und Tessa schleunigst dort heraustrugen und einen Krankenwagen riefen: hektische Aktivität angesichts des Unfassbaren. Die Sanitäter des Krankenwagens, der einige Minuten später eintraf, waren ebenso geschockt wie wir, doch Totilas trieb sie geradezu besessen zur Eile und Sorgfalt an.

Und dann war der Krankenwagen fort, und Totilas brach zusammen. Mitten auf dem Platz vor dem, was bald die neueste Mall Miamis sein wird, ging er in die Knie. Rief laut "Nein!" und "Sei ruhig!", und erst, als er selbst sich antwortete - in seiner eigenen Stimme, aber mit einem ganz anderen Tonfall, ganz anderer Betonung und ganz anderer Wortwahl, wurde uns klar, dass Totilas gerade mit seinem Dämon kämpfte. Und am Verlieren war.

Natürlich… Natürlich war von uns allen Totilas am meisten betroffen. Von uns allen ist er der einzige, der weiß, wie es ist, das Herz herausgerissen bekommen zu haben.  White Court oder nicht, Madre de Dios, so etwas zu erleiden… und nicht daran zu sterben, sondern zu überleben, um den Preis, dass die eigene Ziehmutter sich für einen opfert… Natürlich musste dieses Trauma jetzt wieder ganz akut in ihm aufbrechen.

Und natürlich machte sein verdammter Dämon sich Totilas' Schwäche zunutze. Er redete auf seinen Wirt ein, heizte die Erinnerungen noch mehr an, tat alles, damit Totilas die Kontrolle verlieren und sich auf die ungehemmte Jagd nach Beute begeben würde…

Totilas kämpfte. Er, der sich normalerweise so eisern unter Kontrolle hat, kämpfte mit all seiner Macht, aber gegen die Stimme seines Dämons kam er in diesem Moment nicht an. Wir mussten hilflos mitansehen, wie er da kniete und zitterte und seinem Dämon mit immer brüchigerer Stimme antwortete, aber es würde nicht mehr lange gutgehen, und wir konnten nichts, rein gar nichts tun… bis Edward eben doch etwas tat. Mit einem Fluch trat er zu unserem Freund und küsste ihn, ließ sich von dem Dämon freiwillig einen Teil seiner Kraft entziehen, damit der unseren Freund endlich in Ruhe ließ.

Edward will gleich noch bei Henry anrufen, ob der vielleicht weiß, wo Mark Caldwell wohnt, aber erst muss Totilas sich noch etwas erholen, und Edward selbst sich auch. Wir sitzen gerade beim Essen, warten eben noch auf die Rechnung, und danach dann das Telefonat.

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Caldwell hat Henry
sitzen im Auto, Alex fährt
¡Padre santo, socorre!
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 15.06.2014 | 03:27
Oh Mann. Das Vorige ist ja fast ein Haiku. Aber das fällt mir auch jetzt erst auf, wo alles vorbei ist, wir alle mehr oder weniger gesund und in Sicherheit, und ich Zuhause bin und das Ganze, was ich heute tagsüber unterwegs so alles aufgeschrieben habe, nochmal nachlese.

Und ich sollte das, was nach meinem letzten hektischen Auto-Gekritzel passiert ist, noch festhalten. Damit es nicht verloren geht. Ich glaube zwar nicht, dass ich das, was da heute in den Glades passiert ist, je vergessen werde, aber trotzdem. Sicher ist sicher.

Als wir mit dem Essen fertig waren und Totilas sich wieder einigermaßen erholt hatte, machte Edward wie geplant den Anruf bei Henry. Detective Smith erklärte, er habe keine Ahnung, wo Caldwell wohne, leider, und gesehen habe er ihn auch nicht. Aber er wisse, dass Mark eine Ferienhütte habe, irgendwo in den Everglades. Und dann plötzlich hörte Edward seinen Partner überrascht sagen: "Nanu, Mark, was tust du denn hier? Wir haben gerade über dich gered…", und dann ein überraschtes Aufkeuchen, ein Schlag, und dann Stille aus dem Telefon.

Edward rief sofort Mrs. Smith an, versuchte auch, sich nichts anmerken zu lassen, und erfuhr von Henrys Frau, dass ihr Mann zum Angeln in die Glades gefahren sei. Sie konnte auch Henrys Lieblingsangelort ungefähr beschreiben. Und Edward fiel daraufhin ein, dass etliche Polizisten in der Gegend ein Wochenendhäuschen haben, unter anderem auch Lieutenant Book, wo der SID auch schon mal gemeinsam gegrillt hat. Die Chancen standen nicht schlecht, dass Caldwells Hütte da auch irgendwo war.

Edward wusste den Weg, Alex besorgte uns das Boot. In der Gegend mit den ganzen Polizistenhütten angekommen, suchten wir eine Weile herum, ehe wir tatsächlich Caldwells Auto vor einem der Häuser stehen sahen. Von der Hütte führte ein Trampelpfad durch das Unterholz bis zu einer Lichtung - oder eigentlich war es keine Lichtung. Eigentlich war es eine Art natürliche Höhle, wo die Wipfel von Mangrovenbäumen derart eng miteinander verwachsen waren, dass sich ein dichtes Dach ergab. Es war gruselig - ich hatte kurz vor der Lichtung irgendwie das Gefühl, beobachtet zu werden. Aber das vergaß ich gleich wieder, denn auf der Lichtung führte Caldwell gerade sein Ritual durch.

Ich sah Detective Townsend, geknebelt und an einen Stuhl gefesselt und mit wilden Augen, die durch ihren Knebel hindurch zu sprechen versuchte. Ich sah Detective Smith, an einen Baum gefesselt und aus einer tiefen Wunde langsam verblutend. Und ich sah Detective Caldwell, in der Mitte eines magischen Kreises, der sich gerade mit konzentrierten Bewegungen das Herz aus der Brust schnitt.

Totilas stürmte auf die Lichtung - und voll in einen Ward, den Caldwell dort offensichtlich aufgebaut hatte. Die Wucht der ausgelösten Sicherung schleuderte ihn in einen der umstehenden Bäume, wo er von einem vorstehenden Ast regelrecht aufgespießt wurde. Brrrrr. Aber Totilas kommt mit solchen Verwundungen ja glücklicherweise besser klar als unsereins. Trotzdem rannte ich sofort zu ihm und half ihm da runter, weil ich nicht sicher bin, ob er das alleine so gut geschafft hätte.

Indessen war auch Edward auf die jetzt ungeschützte Lichtung gestürmt und hatte Caldwell in die Mangel genommen, unterstützt von Totilas, sobald der konnte, während Roberto Henry losmachte und sich um dessen Wunden kümmerte. Aber das unterbrach anscheinend das von Caldwell aufrechterhaltene Ritual, denn dessen bislang völlig blutlose Wunden brachen mit einem Mal auf. Mit einem beinahe erstaunten Gesichtsausdruck ging er zu Boden, und er röchelte. "Ich liebe dich, Alison… Ich wollte dir doch nur mein Herz schenken…" Und dann war er still. Ich hatte indessen Alison befreit. Bei dessen Worten sah sie ihren Partner mit wilden Augen an, ein trockenes Schluchzen in der Stimme. „Mark... du blödes Arschloch...“

Um den Ritualkreis herum standen sieben Gefäße mit den schlagenden Herzen seiner Opfer, die Caldwell für sein Ritual benötigt hatte. Sie waren mir zutiefst verdächtig, und ich hatte das starke Bedürfnis, diesen Kreis, der mir so böse vorkam, zu unterbrechen. Also nahm ich eine der Urnen weg. Oder besser, ich wollte. Als ich danach griff, wurde das Geraschel aus dem Dickicht wieder stärker, oder vielleicht wurde mir auch jetzt erst wieder genauer bewusst. Jedenfalls flog plötzlich ein Ast aus dem Unterholz und traf mich an der Schulter – genau der Schulter, die ich mir zuvor in dem alten Lagerhaus geprellt hatte. Was die Verletzung nicht besser machte. Au. Verdammt.

Außerdem wurden jetzt immer mehr Äste und Zweige und Erdklumpen und Steine aus dem Gebüsch nach uns geworfen. Noch konnten wir dem Geschosshagel zwar größtenteils ausweichen, aber es war nur noch eine Frage der Zeit, bis uns etwas gefährlich erwischte.

Alex sandte seine Eleggua-gegebenen Sinne aus und stellte fest, dass die Geister der ermordeten Frauen sich im Gebüsch herumtrieben; vermutlich hatten ihre Herzen sie hierher gezogen. Und sie waren alle zu Poltergeistern geworden. Allesamt. Auch Tessa. Somit hatte sie die Unterbrechung des Rituals wohl genauso wenig überlebt wie Caldwell. Die Arme – aber es war besser so...

Dank seiner Fähigkeiten war Alex eigentlich in der Lage, die Geister ins Jenseits zu befördern, und die Gefäße mit den Herzen gleich mit. Aber er wusste, wenn er jetzt ein Tor öffnen würde, dann käme er auf dieselbe Ebene wie die Poltergeister und könnte von ihnen physisch angegriffen werden, statt dass sie ihn nur mit Dingen bewerfen konnten wie uns andere auch. Deswegen zog Edward erst einen weiteren Kreis um Alex und die Herzen, um unseren Freund vor den Poltergeistern zu schützen.

Dann öffnete Alex sein Tor. Für uns sah das so aus, als würde er kurz verschwinden, als er auf die andere Ebene wechselte. Schon nach wenigen Herzschlägen wurde er wieder sichtbar, aber die Gefäße mit den Herzen waren verschwunden, und Caldwells Leiche gleich mit. Und der Beschuss aus dem Unterholz hörte natürlich auch auf.

Also, wir haben überlebt. Der Serienmörder ist gestoppt. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht… Tja. Niemand weiß so recht, was aus dem SID werden wird. Mit Lieutenant Book waren sie ohnehin schon immer nur zu fünft, und jetzt ist Caldwell tot, seine Leiche auf unerklärliche Weise verschwunden, und Detective Townsend wird bestimmt für eine ganze Zeit lang dienstunfähig geschrieben bleiben nach diesem Trauma. Aber vielleicht bedeutet das ja, dass sie jetzt wenigstens Edwards und Henrys Suspendierung schneller aufheben, weil sie den Laden sonst gleich ganz dichtmachen können.

Und die andere schlechte Nachricht: Camerone Raith treibt immer noch als Geist ihr Unwesen. Und selbst wenn der Herzschlag, den Alex die ganze Zeit gehört hatte, seit der Unterbrechung des Rituals immer schwächer geworden ist, hält es doch immer noch an, die Grenzen sind immer noch dünn, und Halloween steht vor der Tür… Mierda.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Edward Fu am 19.06.2014 | 22:26
Schön. Auch wenn ich es gespielt habe, macht es immer noch Spaß, das ganze zu lesen.
Bin gespannt, wie es weiter geht.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 19.08.2014 | 20:37
Hier mal ein Mitschrieb:

Im Biltmore Hotel trifft Totilas erst auf eine halbnackte, verwirrte Frau; dann will ein axtschwingender älterer Herr seinen Cousin Vin umbringen und wird dabei von Cherie erschossen (leider ist Cousine Marcy, die sich sonst um Leichen kümmert, gerade auf einer Pathologen-Tagung). Außerdem ist jemand vom Dach gesprungen.

Kurze Nachforschungen ergeben, dass die Leute höchstwahrscheinlich von Geistern besessen sind. Eigentlich hat Gerald ja Spencer Declan bezahlt, damit der die Geister aus dem Biltmore fernhält, aber als Edward sich das Ward anschaut, stellt er fest, dass jemand daran herumgespielt und es verändert hat – vermutlich Adlene, sonst können das nämlich nicht viele in Miami. Jetzt zieht das Ritual Geister an statt sie fernzuhalten.

Da morgen Abend ja die alljährliche Halloween-Party steigen soll, können die Raiths auch nicht einfach so ausziehen.

Nach einem Gespräch mit Jack (White-Eagle-Jack) kommen sie zu dem Schluß, dass sie an dem Ritualkreis nicht viel machen können. Also muss das Biltmore irgendwie evakuiert werden.

Damit die Party nicht ausfallen muss (wie sähe das auch aus, wenn Gerald eine Party absagt), wollen sie die Western-Grusel-Party auf eine Ranch verlegen. Während Alex die Ranch besorgt, schnappen sich Roberto, Cardo und Totilas die Partyplanerin Adalind (die PR-Managerin des White Courts, selbst keine Vampirin) und versuchen, sie zu überreden, die seit sechs Monaten geplante und vorbereitete Party noch eben mal schnell bis morgen zu verlegen. Sie ist wenig begeistert und erklärt, das wäre logistisch unmöglich.
Als Totilas ihr reinen Wein einschenkt, meint sie, dann müsse es eben einen guten Grund geben, warum das Biltmore nicht für die Party zur Verfügung steht. Ein Soirée für die wichtigsten Gäste kann sie aber auf der Ranch organisieren.

In der Zwischenzeit hat Edward im Biltmore Gerald getroffen und ist von ihm zu einem Drink eingeladen worden. Die beiden trinken in melancholischer Eintracht, Edward klagt Gerald sein Leid, der lässt durchblicken, dass es bei ihm ja auch nicht so gut läuft. Die beiden trennen sich, bevor einer von ihnen zu emotional wird.

Zurück im Biltmore beschließen sie, das Hotel mit Gestank zu verpesten. Während Edward die Kamera verhext, damit man ihnen das nicht nachweisen kann (Vandalismus!), lenkt Totilas die Angestellt mit betrunkenem und erratischen Gehabe ab. Alex schraubt derweil an einigen Siphons und Abwasserleitungen herum, legt ein paar Querverbindungen, schweißt hier an einem Rohr und da an einer Leitung und voilá – gegen Morgen erfüllt ein bestialischer Gestand das Luxushotel. Es hilft alles nichts: Das Biltmore muss evakuiert werden.

Allerdings hat das einen unschönen Nebeneffekt: Die Raiths werden taktvoll und höflich gebeten, sich doch eine andere Bleibe zu suchen. Die Hoteldirektion macht die wilden Parties der Vampire für das seltsame Verhalten etlicher Gäste verantwortlich, ein paar Drogenfahnder waren auch schon da.
Möglicherweise nicht ganz zu unrecht: Maria Parsen hat auf einigen dieser Parties “Bonbons” und “Tabletten” verteilt oder verkauft.

Jack hat sich recht schnell wieder verabschiedet. Der hat an Halloween bei der Kommune noch Dinge zu tun, weist aber darauf hin, dass die Ritter von Miami ja eventuell ein Auge auf das große Ritual beim Coral Castle haben wollen. Das wird dieses Jahr ja immerhin von Cicerón Linares durchgeführt und nicht, wie sonst üblich, von Macaria Grijalva und ihren Mit-Santerios von der Orunmila.

Da haben sie ja noch ein paar Stunden Zeit, also legen sich Edward, Cardo, Roberto und Alex noch mal kurz hin. Totilas hat in der letzten Nacht schon genug Alpträume gehabt, also macht er sich lieber auf den Weg zum Coral Castle, um noch mal mit dem Letten zu sprechen.
Dort trifft er allerdings auf eine seltsame Figur in einer Rüstung, die vollständig aus roten Korallen besteht. Die Figur spricht mit mehreren Stimmen auf einmal, aber eine Stimme sticht hervor: Natalya, die junge Frau, die im Frühling hier von Pan geopfert wurde. Sie ist nicht gerade gut auf Totilas zu sprechen, aber er findet heraus, dass sie jetzt ein Coral Guardian – ein Wächter von Coral Castle – ist. Es gibt noch drei andere, in blauen, weißen und schwarzen Rüstungen.

Da der Natalya-Guardian ihn nicht zu dem Letten lassen will, geht Totilas wieder, kündigt aber an, dass er abends wiederkommen wird, um gegen die bösen Geister zu kämpfen. Das wird ihm von den Guardians zugestanden.

Am nächsten Morgen treffen sich die Schönen Männer im Donut-Laden (neu wieder aufgebaut!). Während sie noch planen, fliegt plötzlich Alex’ Auto in die Luft. Natürlich laufen alle hin – neben dem Auto liegt ein Schwerverletzter, um den sich Totilas kümmert. An der Wand lehnt ein Mann mit verbrannten Händen und lacht vor sich hin.

Als sie mit ihm sprechen, erzählt er ihnen, er hätte das Auto gesprengt, weil “Jack” es ihm gesagt hätte. “Jack” ist nicht mehr da, aber er kommt bestimmt wieder. Während der ganzen Zeit hält er seine völlig verkohlten Hände hoch und lacht vor sich hin.

Sie schauen sich etwas um, und Cardo sieht, wie sich jemand an Totilas’ Motorrad zu schaffen macht, ein junges Mädchen mit einem Luftballon. Er rennt los, um die Kleine aufzuhalten, und obwohl sie sich merkwürdig schnell bewegt, erreicht er sie.
Sie dreht sich zu ihm um, lächelt ihn strahlend an und schenkt ihm ihren Luftballon. Ja, das ist Jack.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Barbara am 2.11.2014 | 23:06
Mein Mitgeschriebenes:

Totilas hat Alpträume.

Dann passieren im Bildmore Hotel seltsame Dinge:
1. Im Foyer eine aufdringliche Frau auf der "Suche" nach Sex, die offensichtlich unter Drogen steht und von einer Raith-Party kam. Später kann sich dir Frau nicht erinnern, wie sie dort hingekommen ist und was sie dort macht.
2. Bei Vin Raith bricht ein Mann mit einer Feuerwehraxt die Zimmertüre ein, der von Cherie erschossen wird. Die Leiche entsorgt die Familie.
3. Ein Mann springt vom Dach.
4. Ein Mann benimmt sich wie eine Alte Frau.
5. Ein anderer Mann fragt als Kind nach seiner Mama.

6. Die Sigel von Spencer Declan, die Geister fern halten sollen, wurden nachträglich manipuliert.
7. Im Keller haut Edward einen besessenen Hausmeister um. Ein Geist löst sich aus dem Hausmeister. Alex versucht vergeblich, den geist weg zu bringen.
8. Im Keller ist ein Raum mit einem "Zutritt verboten"-Schild an der Türe. Das hält Cardo davon ab, den Raum zu betreten. Cardo versucht, Edward am Betreten zu hindern. Totilas und Roberto betreten den Raum. Im Raum finden sie einen Zauberzirkel und ein komplexes Sigel, das auch manipuliert ist: Jetzt zieht es Geister an.

Wir organisieren, dass die Halloween-Party der Familie Raith ausfällt, weil das Hotel stinkt und für ausgewählte Gäste organisieren wir noch schnell ein Ersatzprogramm auf einer Ranch. Die Familie Raith muss danach das Hotel verlassen und kommt bis zur Fertigstellung des Familienwohnsitzes im Tantras unter.

Da Totilas auf weiter Alpträume verzichtet, geht er nicht schlafen, wie alle anderen, sondern fährt zum Coral Castle, um mit dem Letten mpcj einmal über die Vorbereitungen zum Halloween-Ritual am nächsten Tag zu sprechen. Dort trifft er auf Natalia, die Frau, die von Pan geopfert wurde, nachdem er ihr versprach, sie zu beschützen und versagte. Jetzt ist sie ein Ritter des Corals und beschützt zusammen mit drei anderen Rittern das Coral. Die Ritter tragen eine rote, eine blaue, eine weiße und eine schwarze Rüstung.
Natalia wirft ihm Verrat vor. Morgen wird sie mit ihm kämpfen, aber bei der nächsten Begegnung gegen ihn.

Die Ritter von Miami treffen sich wieder und versorgen die Verletzten. Dann Explodiert Alex Auto. Cardo nimmt einen Ballon an, der böse ist. Alex wird von einer Schlage gebissen. Edward bekommt böses Konfetti ins Gesicht und davon Ausschlag. Dann macht Edward ein Ritual, um die verletzten Ritter zu reinigen.

Totilas macht einen Deal mit seinem Dämon: Er tötet innerhalb eines Mondes einen Menschen, dafür hilft der Dämon, das Wesen zu vernichten, das Totilas Freunde bedroht: Der Dämon bietet die Information: Das Wesen ist ein mächtiger, ungebundener Dämon. Totilas Dämon hat dieses Wesen schon beim großen Ritual und bei der Ausstellung in der Galerie in der Nähe von Adelaine wahrgenommen.

Es ist 19 Uhr, also machen wir uns auf den Weg zum Halloween-Ritual. Dort angekommen, schickt uns Cicerone, der das Ritual dieses Jahr leitet, in einen nahe gelegenen Park.
1. Dort fällt uns ein alter Baum auf, an dem 100 Jahre alte, schwarze Geister hängen. Auch bildet sich an diesem Baum etwas dunkles, magisches.
2. Daneben gibt es dort einen verkommenen Spielplatz, auf dem Drogen genommen wurden.
3. In dem Park sind Tote begraben.
4. Wir kämpfen mit einem dunklen, laufenden Baum.
5. Cicerone hält den Letten in seiner Nische fest, bis der ihm sagt, was in den Sümpfen ist.
6. Camerone ist hier und übt den Job vom Letten aus, d.h. sie schickt die ankommenden Geister umher. Dabei lenkt sie die Wachen des Coral Castle ab, indem sie die Geister gegen die Wachen aufhetzt, um die Wachen vom Letten fern zu halten.
7. Jack ist irgendwo anwesend. Camerone weiß von Jacks Existenz, aber nicht, was er ist. Sie sagt, sie arbeitet nicht mit ihm zusammen.

Wir planen mit Camerones Zustimmung ein Ritual, mit dem wir Camerone an das Castle binden und ihre Position legitimieren. Dafür wollen wir das vorhandene Ritual anzapfen. Dafür müssen wir Ritualkram sammeln.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 2.11.2014 | 23:34
Packt das doch lieber in den Vorbesprechungs-Thread, oder? :)

Aber falls das ein Wink mit dem Zaunpfahl sein soll, ich bin dran. :D
Titel: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 10.11.2014 | 11:06
Ricardos Tagebuch: Dead Beat 3

Nach der Sache in den Everglades war an Schlaf natürlich erstmal nicht zu denken. Aber irgendwann waren dann unsere Aussagen aufgenommen, der Tatort gesichert, Henry und Alison ins Krankenhaus transportiert, und so kamen wir doch noch zu ein paar wenigen Stunden Nachtruhe. Theoretisch jedenfalls. Einschlafen konnte ich lange nicht, und als ich es dann tat, wurde ich von ziemlich beunruhigenden Träumen heimgesucht. Dass es nicht schlimmer war, habe ich dabei auch nur George zu verdanken, glaube ich, der schon vorher alles auffraß, was auch nur im Entferntesten danach aussah, als wolle es sich zu einem Alptraum auswachsen.

Das ist jetzt einige Tage her. Edward wurde inzwischen tatsächlich wieder in den Dienst berufen – und er hat auch zwei neue Kollegen. Suki Sasamoto und Salvador Herrero heißen die beiden, und sie scheinen ähnlich begeistert zu sein wie alle anderen, zum SID mehr oder weniger zwangsversetzt worden zu sein. Was die Gründe dafür sind, hat Edward noch nicht herausbekommen, aber so gut kennt er die beiden ja auch noch nicht.

Gestern dann rief Totilas uns mit einem Notruf ins Biltmore. Da waren nämlich sehr seltsame Dinge am Laufen.
In der Empfangshalle des Hotels wankte eine derangierte, mehr als nur leicht bekleidete Frau herum, die sich so ziemlich an jedes männliche Wesen heranwarf, das nur irgendwie in Reichweite war. Und dabei machte sie auch mit ihren Worten sehr deutlich, was sie von den so Angesprochenen genau wollte.

Als wir im Biltmore ankamen, war Totilas gerade dabei, die Dame unter den leicht verzweifelten Blicken des Rezeptionschefs in einen Nebenraum zu verfrachten. Der Notarzt war wohl auch schon bestellt. Das war aber bei weitem nicht der einzige Gast, der sich seltsam verhielt. Oben im von den Raiths angemieteten Flügel war Totilas zuvor schon auf einen anderen Gast gestoßen, einen gesetzten älteren Herrn, der mit einer Axt in der Hand gerade die Tür von Totilas‘ Cousin Vin öffnen wollte. Was dann geschah, erzählte Totilas nicht so genau, nur dass Cherie „da gewesen sei“.  Seufz. Da wollte dann vor allem Edward nichts Genaueres wissen.

Da außerdem noch jede Menge andere Leute mit seltsamem Benehmen im Biltmore herumstreiften und sich tatsächlich jemand vom Dach gestürzt hatte, dauerte es nicht lange, bis jemand die Polizei alarmierte. Und es tauchten nicht nur gewöhnliche Streifenpolizisten auf, sondern nein, Beamte vom Drogendezernat, um Gerald Raith zu den Parties zu befragen, die im Raith-Flügel ja jede Nacht gefeiert werden. Was vielleicht nicht ganz ohne Grund geschah: Immerhin hat Antoine vom Sommerhof sein Geschäft mit den Feendrogen nicht komplett aufgegeben, auch wenn er von den Traumfresser-induzierenden Substanzen inzwischen glücklicherweise absieht, und Mrs. Parsen hat auf den Raith-Parties diese „Bonbons“ wohl eifrig unter die Leute gebracht.

Was mich daran erinnert, dass Edward erzählt, seine Mutter sehe wirklich jedesmal, wenn er sie trifft, jünger und strahlender aus. Mittlerweile wirkt sie anscheinend wie eine Mitt-Zwanzigerin. Ich kann mir vorstellen, dass Edward das gelinde gesagt ... irritierend findet und seiner Mutter so weit als möglich aus dem Weg geht.

Jedenfalls.

Es war ganz gehörig etwas faul im Biltmore Hotel, und es gehörte nicht sehr viel dazu, um zu dem Schluss zu kommen, dass all diese Leute von irgendwelchen Geistern besessen waren. Nun hatte Gerald Raith ja eigentlich eine ganze Menge Geld ausgegeben, damit Spencer Declan genau gegen solche Vorkommnisse einen Schutzzauber um das Biltmore legen sollte, also hatte entweder Declan geschlampt (unwahrscheinlich), oder da war irgendetwas anderes schiefgegangen.

Wir fanden Declans Vorrichtung im Keller hinter einer offensichtlich von ihm mit einem geistigen Ward gesicherten Tür – wer das Schild „Betreten Verboten“ sah, wollte wirklich, wirklich, wirklich nicht in diesen Raum. Also ich jedenfalls nicht. Ich war mir mit einem Mal vollkommen sicher, dass dahinter etwas unaussprechlich Schreckliches lauern musste. Ich konnte Edward da nicht reingehen lassen; er stürzte sich immer ohne Ansinnen der Gefahr in jedes noch so selbstmörderische Risiko, fand ich plötzlich. Und dort hineinzugehen, wäre der sichere Selbstmord, davon war ich überzeugt. Also versuchte ich ihn zurückzuhalten, und zwar mit aller Kraft. Natürlich ist Edward stärker als ich, also machte er sich vergleichsweise mühefrei los. Ich baute mich trotzdem wieder vor ihm auf, und wer weiß, wie die Sache noch weitergegangen wäre, wenn Alex sich nicht überwunden und die Tür geöffnet hätte. Sobald das Schild zur Wand zeigte, so dass wir es nicht mehr ständig ansehen mussten, war das Gefühl nämlich weg.

In dem Raum stellte Edward jedenfalls fest, dass an dem dort aufgebauten Ritual herumgespielt worden war. Er konnte auch analysieren, was es jetzt tat, nämlich das genaue Gegenteil von dem, was es eigentlich sollte: Geister anziehen, anstatt sie abzuhalten. Wenn nicht Declan selbst die Sabotage an seinem eigenen Ritual vorgenommen hatte (extrem unwahrscheinlich), konnten das nicht allzuviele Leute gewesen sein. Adlene mit seiner Spezialisierung auf Geister fiel uns ein – ansonsten gibt es in der Stadt nämlich nicht allzuviele Praktizierer, die so etwas überhaupt beherrschen.

Edwards Fähigkeiten reichen jedenfalls nicht aus, um die Pfuscherei einfach wieder rückgängig zu machen, sagte er. Und auch Jack White Eagle, den wir um Hilfe baten und der freundlicherweise trotz seines eigenen Halloween-Stresses eigens zum Biltmore kam, um sich das Ganze anzusehen, war der Ansicht, dass da nicht sonderlich viel auszurichten sei. Mierda.

Und heute abend soll eigentlich hier die traditionelle Raith'sche Halloweenparty steigen. Mit jeder Menge neuem Futter für die besetzungswütigen Geister... Und natürlich können die Raiths auch nicht einfach mal eben so ausziehen. Und die Party ausfallen lassen schon gleich gar nicht. Das ist immerhin eine Raith-Party. Denn Gerald Raith hat ja gerade ziemlich viel Ruf zu verlieren und könnte sich eine solche Blamage keinesfalls leisten. Doppel-Mierda.

Aber das Motto der Party soll ja „Gruselwestern“ sein. Was, wenn sich die Party auf eine Ranch verlegen ließe, um das Western-Flair zu unterstützen? Dann müsste niemand merken, dass der Umzug eigentlich aus der Not geboren wurde...
Alex ließ also schon mal seine Kontakte spielen, um ein passendes Ranchgelände aufzutun, während Totilas, Roberto und ich uns Adalind schnappten, die Partyplanerin der White Courts (und selbst keine Vampirin). Die ist schon seit einem halben Jahr mit den Vorbereitungen für die Feier beschäftigt und war entsprechend unkooperativ. Eine Verlegung der gesamten Party sei logistisch völlig unmöglich, befand sie.

Es ging nicht anders, wir mussten Adalind gegenüber mit der Wahrheit herausrücken, warum die Verlegung dennoch absolut notwendig war. Totilas brachte ihr das also bei, und nach einigem Nachdenken erklärte Adalind, wenn es einen guten Grund gäbe, warum die Party nicht im Biltmore stattfinden könne, dann könne auch niemand Gerald einen Strick daraus drehen. Und eine Soiree auf der Ranch für einen verkleinerten Gästekreis von nur den wichtigsten Personen bekäme sie hin.

Einen guten Grund... also einen, der nicht nur auf die Raiths zeigen würde, sondern das ganze Hotel beträfe... eine vollständige Evakuierung also, oder zumindest eine von einem größeren Teil des Gebäudes als nur des Raith-Flügels. Aus höherer Gewalt, den man weder auf die Raiths noch auf uns würde zurückführen können. Hm. Da musste sich doch was machen lassen...

Während wir anderen mit Adalind redeten, war Edward übrigens bei Gerald. Ich weiß gar nicht genau, was eigentlich der Grund war, und was sie besprochen haben, darüber verlor Edward hinterher auch kein Wort. Geht mich auch nichts an.

Aber als wir dann wieder alle beisammen waren, hatte irgendwer, ich weiß gar nicht mehr, wer genau, die brilliante Idee für Geruchsbelästigung. Oder sagen wir, in der Theorie brilliant. In der Praxis war der Plan gar nicht so leicht umzusetzen. Immerhin war es inzwischen spät am Abend, das Hotel also auf Nachtbetrieb umgestiegen. Aber ein Haus wie das Biltmore ist auch in der Nacht nie vollständig ruhig, und wir durften uns auf keinen Fall erwischen lassen.

Also teilten wir uns auf. Einige Konstruktionszeichungen des Gebäudes ließen sich irgendwie auftreiben, anhand derer Alex sein Vorhaben besser planen konnte. Und dann lenkte Totilas alle Aufmerksamkeit auf sich und von uns weg, indem er in der Lobby eine betrunkene, exzentrische Szene aufführte, während Edward mit seiner technik-tötenden Aura die Kameraanlage des Hotels verhexte, damit es keine Aufzeichnungen für unser Tun gäbe. Roberto und ich wiederum gingen Alex zur Hand, als dieser – wie auch immer er das machte; manchmal glaube ich fast, sein handwerkliches Geschick ist auch eine Art Magie, oder wenigstens eine Art übernatürliches Talent – hier ein bisschen schraubte, da ein bisschen schweißte und auf diese Weise irgendwie die Abwasserleitungen mit der Klimaanlage verband.

Als er fertig war, merkte man die Veränderung nicht sofort, aber gegen Morgen durchzog ein absolut widerwärtiger Gestank das gesamte Hotel. Beschwerden der Gäste, helle Aufregung bei Personal und Management, und das Ende vom Lied: die Evakuierung des Biltmore. Ohne dass irgendjemand auf die herummarodierenden Geister aufmerksam geworden wäre oder uns mit der Sabotage in Verbindung gebracht hätte. Ha.

Dummerweise nur war dieser Vorfall der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Mit dem Gestank konnte man die Raiths zwar nicht in Verbindung bringen, aber die Direktion hielt die exzentrischen Dauermieter für schuldig an dem überspannten Verhalten der Gäste in letzter Zeit, die ständigen wilden Parties belästigten die anderen Gäste, und dass jetzt auch noch die Drogenfahndung im Hotel erschienen war, sei gar nicht mehr haltbar. Daher wurden die Raiths überaus höflich und respektvoll gebeten, nach der Evakuierung ihren Flügel nicht wieder zu beziehen, sondern eine andere Unterkunft zu nehmen.

Nicht gut. Denn Totilas' Mutter hat ja ihre Rachepläne noch immer nicht aufgegeben, und im Biltmore hatte Totilas zumindest den Schutz seiner  übrigen Verwandtschaft. Natürlich ist der Wiederaufbau des Raith-Anwesens in den zwei Jahren seit seiner Zerstörung schon sehr weit vorangeschritten, aber fertig ist es eben noch nicht, und so lange wird Totilas irgendwo eine eigene, einzelne Wohnung finden müssen, es sei denn, Gerald gelingt es, mit einem anderen Hotel einen ähnliche Langzeitvereinbarung zu treffen wie mit dem Biltmore.

Achso. Jack. Der bat uns vor seiner Rückkehr in die Kommune noch, uns um das jährliche Día de los Muertos-Ritual am Coral Castle zu kümmern. Denn eigentlich waren bisher immer die Orunmila dafür verantwortlich, beim Coral Castle aufzupassen und dafür zu sorgen, dass alles in geordneten Bahnen abläuft, dass die Geister der Toten um Mitternacht wieder zurückkehren und dass irgendwelche eventuell gefährlichen Geister erst überhaupt nicht herausgelassen werden. Dieses Jahr allerdings haben die Santo Shango das Privileg erhalten. Das war Cicerón Linares' Preis für die Rückgabe der Yansa-Maske. Und das ist Jack irgendwie ... nicht so recht geheuer. Und außerdem ist er ja extra ins Biltmore gekommen, obwohl er eigentlich anderes zu tun hatte, also können wir ihm auch einmal einen Gefallen tun.

Allerdings war es eine lange Nacht, und wenn wir heute Abend dieses Ritual am Coral Castle überwachen sollen, dann sollten wir besser fit sein. Deswegen habe ich das hier gerade schnell aufgeschrieben und werde mich jetzt noch ein paar Stunden aufs Ohr hauen. Die anderen wohl auch, ehe wir uns nachher im Dora's wieder treffen.

---

Später. Wieder mal würde ich nur im Weg stehen, während Edward ein Ritual vorbereitet, also habe ich mir mein Tagebuch geschnappt und schreibe. So habe ich wenigstens keine Zeit, irgendwas Blödes zu machen. Oder drüber nachzudenken, was für ein elender Idiot ich schon wieder war, dass ich diesen verdammten verfluchten Luftballon angenommen habe.

Aber der Reihe nach. Wir trafen uns im Dora's, wie geplant. Dort erzählte uns Totilas, dass er nicht wie wir anderen den Vormittag verschlafen hatte. Statt dessen war er alleine zum Coral Castle hinausgefahren, weil er ja nicht so viel Schlaf braucht, weil er ohnehin nur Alpträume gehabt hätte und weil er mit dem Letten Leedskalnin reden wollte. Das gelang ihm allerdings nicht. Denn mit einem Mal wurde ihm der Weg von einer Art Ritter versperrt - in einer Rüstung, die ganz und gar aus roter Koralle bestand.

Als diese Gestalt das Wort ergriff, sprach sie mit vielen verschiedenen Stimmen zugleich, wobei eine davon den Ton angab und auch von Totilas erkannt wurde: Es war die Stimme von Natalya, dem russischen Mädchen, das wir zur Sommersonnenwende nicht hatten retten können. Oh Dios. Natalya bezichtigte Totilas des Verrats und weigerte sich, ihn zum Letten durchzulassen. Aber immerhin bekam er heraus, dass sie durch das Ritual der Sommerfeen zu einem "Coral Guardian" geworden war - sie ebenso wie die anderen geopferten Mädchen. Das waren dann wohl die drei anderen Wächter des Coral Castle, die, in schwarze, weiße und blaue Rüstungen gewandet hinter ihrem roten Kollegen warteten. Und die für die drei anderen Elemente standen, offensichtlich, denn Natalya war ja im Feuer gestorben.

Totilas gelang es dann noch, mit den Guardians auszumachen, dass er am Abend wiederkommen würde, weil er da gegen die bösen Geister kämpfen müsse. Das hörten die Schutzgeister des Coral Castle zwar alles andere als gerne, erklärten aber, in dieser Ausnahmesituation würden sie mit ihm kämpfen – sollte er allerdings ein andermal zurückkehren, würden sie sich gegen ihn wenden. Mit diesem Kompromiss musste er sich dann wohl oder übel zufrieden geben und trat den Rückzug an, um sich mit uns zu treffen.

Im Dora's hatte unser Freund uns gerade seine Erlebnisse erzählt, und wir waren gerade am Überlegen und Planen für den Abend, da wurde die Straße draußen plötzlich von einer Explosion erschüttert. Und durch das Fenster konnten wir sehen, dass es Alex' Auto war, das er ganz in der Nähe des Donut-Ladens geparkt hatte. Natürlich war es ein Schock, natürlich kam es völlig unerwartet, aber seltsamerweise war ich tief im Innersten trotzdem nicht wirklich überrascht.

Draußen bot sich uns ein Bild der Verwüstung.
Trümmer überall. Schreie. Rufe. Panisch rennende Menschen. Leichtverletzte. Schwerverletzte. Um einen davon kümmerte sich Totilas, aber da waren so viele. An einer Wand lehnte ein Mann. Er lachte und lachte und lachte, und es schien ihn gar nicht zu kümmern, dass seine Hände völlig verbrannt waren.

Da ging definitiv etwas nicht mit rechten Dingen zu, also befragten wir den Mann, während wir erste Hilfe leisteten und auf den Krankenwagen warteten. Ja, er sei es gewesen, der das Auto gesprengt habe, gestand er kichernd. Starrte seine schwarzgekohlten Hände an und lachte wieder sein gruseliges, irres Lachen. Warum? Na, weil Jack es ihm gesagt habe.

Bei dem Namen „Jack“ blieb uns erst einmal die Sprache weg. Aber er meinte natürlich nicht unseren Freund White Eagle, soviel war sicher. Stattdessen hatte ich vor meinem geistigen Auge sofort Jack Skellington aus Tim Burtons „Nightmare before Christmas“ vor Augen. Muss an Halloween liegen.

Wenn Alex' Auto in die Luft gejagt worden war, hatte irgendwer vielleicht auch unsere anderen sabotiert? Und tatsächlich: An Totilas' Motorrad machte sich ein junges Mädchen zu schaffen. Ich rannte hin, die Kleine davon. Sie tanzte regelrecht vor mir her, und ich hatte das deutliche Gefühl, sie erlaube es mir, sie einzuholen.
Das Mädchen hielt einen Luftballon an einer langen Schnur fest, und als ich sie erreicht hatte, hielt sie an, drehte sich zu mir um und hielt mir mit einem strahlenden Lächeln ihren Luftballon hin. Und ich war so perplex, dass ich den Ballon annahm.

Als ich das tat, hüpfte das Mädchen von einem Bein auf das andere und lachte. Und es war dasselbe irre Lachen, das auch der Mann mit den verbrannten Händen gehabt hatte. Ich hatte „Jack“ vor mir, ganz eindeutig. Aber ehe ich noch groß reagieren konnte, drehte die Kleine sich um und hüpfte davon, und diesmal gelang es mir nicht, sie einzuholen.

Bei Totilas' Motorrad hatten die Jungs inzwischen herausgefunden, dass das von Jack besessene Mädchen tatsächlich etwas damit angestellt hatte: Eine in buntes Geschenkpapier eingewickelte Box war mit verdächtig aussehenden Kabeln an der Maschine befestigt worden. Dummerweise stellte sich eines der "Kabel" als Schlange heraus, die Alex (denn er war es natürlich, der sich um das Entschärfen der Bombe kümmern musste) in den Unterarm biss. Dabei sprang der Kasten auf - gracias a Dios war es aber doch keine Bombe, sondern "nur" eine mit Konfetti in allen Farben des Regenbogens gefüllte Schachtel, das jetzt von einem Schachtelteufel (einem Jack-in-the-Box, ahahaha) heraus- und Edward voll ins Gesicht geschleudert wurde.

Meinem und Edwards Autos war glücklicherweise nichts passiert, also kamen wir einigermaßen von dort weg, als die ganze Aufregung sich etwas gelegt hatte. Und stellten fest, dass nicht nur Alex' Schlangenbiss ziemlich übel war, obgleich unser Kumpel die Wunde gleich aufgeschnitten und das Gift hatte herausbluten lassen, sondern dass auch das Konfetti und der Luftballon viel mehr waren, als es den ersten Anschein gehabt haben mochte. Denn von Alex' Arm aus wandern inzwischen dunkle Linien langsam seinen Arm hinauf. Und Edwards Gesicht ist von einem Ausschlag befallen, der leicht anfing, aber zusehends schwerer wird, und der inzwischen auch schon seinen Hals hinabgewandert ist. Es juckt höllisch, sagt er, und wer weiß, was dieses Teufelszeug sonst noch alles mit ihm anrichten wird? Oder das Gift mit Alex? Oder der Luftballon mit mir?

Das ist nämlich kein normaler Luftballon, Römer und Patrioten. Als ob ich mir das nicht sowieso schon gedacht hätte. In der ganzen Aufregung um die Konfettibombe hatte ich den blöden Luftballon irgendwann einfach losgelassen, und er war davongeschwebt. Aber nicht weit. Als ich irgendwann hochschaute, schwebte er da über meinem Kopf, etwa zwei Meter über mir, und folgte mir auf Schritt und Tritt. Auch, als wir ins Auto stiegen und davonfuhren, flog er mir nach. Also haben wir nochmal angehalten. Wir fingen den Luftballon wieder ein und banden ihn irgendwo fest, sogar innerhalb eines Gebäudes, aber als wir dann bei Edward ankamen, schwebte der verdammte Ballon wieder über mir, als sei er nie weggewesen. Na gut, wirklich getan hat er mir bisher nichts, nicht so wie Alex' Schlangengift oder Edwards Konfettiausschlag, aber das Ding kam aus derselben Quelle, und es ist mir sowas von nicht geheuer. Dieser "Jack", wer auch immer er sein mag, will uns nichts Gutes. Oh nein.

Wir riefen dann unseren eigenen Jack an, und als wir dem die Symptome beschrieben, wollte er uns eigentlich am liebsten gleich in die Kommune zitieren. Das klänge ihm schwer nach einem Fluch oder etwas in der Art, meinte er, und da sei eine Reinigungszeremonie vonnöten. Aber er hat gerade überhaupt keine Zeit, uns dabei zu helfen, deswegen muss Edward das Ritual alleine durchziehen. Na toll. Aber der kann das. Und wenigstens müssen wir so nicht schon wieder nackig in die Schwitzhütte. Aber jedenfalls ist Edward jetzt halt gerade am Vorbereiten. Und da ich momentan nichts mehr zu schreiben weiß, White Eagle und Edward aber immer noch an den Vorbereitungen für dieses Reinigungsritual sind, werde ich, glaube ich, ein kleines Nickerchen machen. Vielleicht kann ich George treffen, und vielleicht weiß der mehr über diesen ominösen "Jack".
Titel: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 11.11.2014 | 18:10
Ich habe George getroffen. Und gesehen, wie der Luftballon sich im Nevernever auswirkt. Brrrrr.

Als ich einschlief, fand ich mich in der Traumwelt auf einer weiten Ebene wieder. Es war Nacht, aber nicht einfach nur Nacht. Alles wirkte zutiefst beängstigend und gruselig. Die wenigen Büsche und Bäume, die zu sehen waren, sahen eher wie schmerzverzerrte, schreiende Fratzen oder wie Ungeheuer aus denn wie harmlose Gewächse. Der Himmel tiefschwarz, sternenlos, und der Mond... Der Mond war der Luftballon, der im Traum noch viel böser wirkte als in Wirklichkeit, mit einem aufgemalten Maul mit nadelspitzen Zähnen und tiefrot statt orangefarben. Und das trübe Licht des Ballonmondes bedeckte die Erde und ließ sie erscheinen, als sei sie von Blut getränkt.

George war zwar irgendwo in der Umgebung, aber er zitterte förmlich, traute sich nicht zu mir heran.
Ich konzentrierte mich mit aller Macht und versuchte, die Umgebung zu verändern, umzuimaginieren - immerhin war es mein Traum, verdammt! -, und so gelang es mir, die bedrohliche Stimmung ein wenig aufzuhellen. Nicht komplett, aber es gelang mir, den Ballonmond etwas beiseite zu schieben und den echten Mond am Traumhimmel erscheinen zu lassen. Dessen Licht fiel in einem beinahe gebündelten Strahl auf die Erde, wo ich stand, und erhellte in einigen Metern Umkreis die Landschaft etwas, und in dem Licht wirkten die Büsche und Bäume nicht mehr so gruselig, die Erde nicht mehr so blutrot, sondern normal braun.

Jetzt endlich wagte sich auch George in meine Nähe; er schien sogar sehr erleichtert, als er aus den unheimlichen Aura der übrigen Szenerie heraus und in den kleinen, hellen Lichtkegel kommen konnte.
Ich erzählte meinem Wyldfae-Freund, was geschehen war, und George schimpfte mich - zu Recht, muss ich zugeben - erst einmal fürchterlich aus, wie ich so etwas Dummes nur habe machen können und diesen Luftballon annehmen! Er sagte, da sei eine tief-, tiefschwarze Aura um mich her, und er könne spüren, dass das Ding sich irgendwie an mich angehängt habe, und diese Verbindung sei so einfach nicht zu zerstören. Aber gut, das hatte ich mir ja schon gedacht, deswegen war Edward draußen in der Wachwelt ja dabei, das Reinigungsritual aufzubauen.

Ich versprach George, dass wir schon dabei seien, uns um das Problem zu kümmern, und fragte ihn dann nach dem "anderen" Jack. Er wusste nicht viel über ihn, oder er konnte das, was er wusste, nicht sagen, nur dass dieser Jack sehr, sehr böse sei. Und dass er ihn über diesen Ballon in meiner Nähe spüre. Viel mehr war aus ihm nicht herauszubekommen, und George war auch sehr daran gelegen, aus meiner gruseligen Traumlandschaft wegzukommen, also ließ ich ihn gehen und machte mich selbst ans Aufwachen.

Totilas hatte inzwischen eine ganz ähnliche Idee gehabt wie ich. Naja, nicht ganz. Es ist ziemlich vermessen, Totilas' Dämon mit meinem kleinen Traumfresser-Freund zu vergleichen, und eines ist sicher: Ich wollte nicht in Totilas' Haut stecken. Aber wie dem auch sei, Totilas hatte aktiv das Gespräch mit seinem Dämon gesucht, während ich schlief, und einen Deal mit ihm gemacht. Was genau für einen Deal, das sagte unser White Court-Kumpel uns nicht, aber ganz ehrlich: Ich kann es mir ungefähr vorstellen. Jedenfalls, für was auch immer Totilas ihm versprechen musste, rückte sein Dämon mit folgenden Informationen heraus: Wir kennen "Jack" bereits. Oder besser, Alex kennt Jack bereits und hat uns von ihm erzählt. "Jack" ist der brutal aussehende Geist, der Alex zuerst bei der Vernissage in der Galerie auffiel und den wir bisher immer den "Bodyghost" genannt hatten, weil er sich wie ein Leibwächter ständig in Adlenes Nähe aufhielt. Der, vor dem die Geister in der Schule sich alle versteckt hatten. Nur sei er gar kein Geist, erfuhr Totilas jetzt, sondern ein freier Dämon, der sich vermutlich um seines eigenen Vorteils bei Adlene aufhalte oder mit Adlene irgendeinen Deal gemacht habe, aber jedenfalls nicht, weil Adlene ihn mit seinen Geisterversklavungsspielchen an sich gebunden hat. Auch bei dem Ritual, in dem wir Adlene das schlechte Karma angehext hatten, falls er Böses täte, habe Totilas' Dämon diesen Jack schon gesehen, sagte er.

    ...     

In einer Sprechblase in einem Comic würden die obigen drei Pünktchen Comic-Cardos Sprachlosigkeit anzeigen.
Denn ich war ziemlich sprachlos ob dieser Neuigkeit, Römer und Patrioten. Bin es noch. Ein mächtiger Dämon, der ungebunden agieren kann und es offensichtlich auf uns abgesehen hat? Santissima Madre, ayudanos!

Aber Jack oder nicht Jack, Dämon oder kein Dämon, es ist Halloween, es wird langsam dunkel, und die Día-de-los-Muertos-Zeremonie am Coral Castle wird bald beginnen. Also müssen wir das Problem Bodyghost wohl oder übel hintenanstellen und erstmal losfahren. Das Reinigungsritual ist nämlich inzwischen auch abgelaufen, und Edward ist sich sicher, dass die Flüche von uns genommen seien. Was wir unter anderem auch daran merken konnten, dass Edwards Ausschlag verschwunden ist, die Adern in Alex' Arm wieder ihre normale Färbung angenommen haben und mein Luftballon mit einem dumpfen Plopp geplatzt ist.

---

Also gut. Das war... unerwartet. Und nein, der Día de los Muertos ist noch nicht vorüber. Wir haben nur gerade so etwas wie eine Atempause.

Als wir am Coral Castle ankamen, waren Cicerón Linares und seine Santo Shango bereits vor Ort, alle für ein Santería-Ritual ausgerüstet und gekleidet. Auch Ilyana Elder war dabei, oder zumindest jemand, der die Yansa-Maske trug und vom Körperbau her ungefähr Ilyana sein konnte.
Lineares zeigte sich, wenn nicht erleichtert, so doch nicht verärgert darüber, dass wir aufgetaucht waren, sondern schien bereit, unsere Hilfe anzunehmen. Er schickte uns zu einem kleinen Park etwas abseits vom eigentlichen Coral Castle, weil er meinte, dass auch dort die Grenze dünn sei und jemand ein Auge darauf haben solle. Dort gebe es einige Geister, die besser nicht in die Stadt hinausgelassen werden sollten.

In dem Park fand Alex tatsächlich einige "dünne" Stellen, die wir näher begutachten wollten. Erstens war da ein Kinderspielplatz mit Sandkasten, wo Alex die Geister einiger junger Leute sah, die hier anscheinend an einer Überdosis gestorben waren. Außerdem stand in der Mitte des Rasens ein alter, mächtiger Baum. Auch hier gab es laut Alex einige Geister, und zwar diejenigen von fünf Schwarzen, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts hier von einem weißen Lynchmob erhängt worden waren.

Zunächst konnten wir die Geister nicht sehen, doch als der Abend weiter voranschritt und es auf Mitternacht zuging, wurden sie auch für uns sichtbar - zuerst nur vage, schemenhaft, durchscheinend, doch dann immer dichter und stofflicher werdend, und als es Mitternacht schlug, waren sie ganz und gar körperlich geworden und schienen jetzt ihre Umgebung erstmals zu bemerken. Dann machten sie sich sehr zielstrebig auf in Richtung Parkausgang.

Alex und ich kümmerten uns um die Geister der Drogentoten im Sandkasten, während Totilas, Roberto und Edward versuchten, die Gelynchten aufzuhalten. Roberto und Totilas hatten dabei ein deutlich größeres Problem als Edward, da die Geister ihn zunächst in Ruhe ließen und sich auf die verhassten Weißen stürzten. Aber als Edward dann für seine Freunde Partei ergriff und die Geister der Gelynchten ebenfalls daran hindern wollte, den Park zu verlassen, wurde es auch für ihn unschön. Die fünf Geister beschimpften ihn aufs Heftigste als "Hausnigger" und "Schoßhündchen der weißen Massas" und griffen ihn daraufhin ebenso an wie Roberto und Totilas auch. Edward knurrte etwas zurück, das verdächtig nach "Polizeinigger, wenn schon!" klang, ehe er sich auf die Gegner stürzte.

Über den Kampf gegen die Geister will ich gar nicht so viele Worte verlieren. Es gelang uns schließlich, sie ins Nevernever zurückzuschicken, von wo sie zumindest diese Nacht nicht mehr zurückkommen werden, versicherte Alex. Wie es nächstes Jahr dann aussehen wird, bleibt abzuwarten.

Aber viel bedrohlicher war das, was nun auf uns zukam: Dort an dem Baum nämlich bildete sich eine Gestalt heraus. Ebenfalls baumförmig, aber schattenhaft, oder dunkel, keinesfalls normal jedenfalls. Und dieser Schattenbaum machte sich von dem richtigen Baum in der Parkmitte los und begann sich ebenfalls zu bewegen, und zwar auch in Richtung Ausgang.

Das war der üblere Gegner als die einfachen Geister zuvor, und es erforderte unser aller Geschick und Kraft und Ideen - und nicht zu vergessen einen Lastwagen, der oben auf der benachbarten Brücke gerade vorbeifuhr -, um den Baum aufzuhalten. Der Lastwagenfahrer war verständlicherweise ziemlich geschockt, als er erkannte, in was er da gerade hineingefahren war, aber Alex gelang es, ihn einigermaßen zu beruhigen.

Als der Park somit unter Kontrolle war, kehrten wir ins Coral Castle zurück, um zu sehen, ob Cicerón Linares dort noch irgendwie Hilfe brauchte. Und stellten fest, dass er uns ganz offensichtlich doch nur deswegen in den Park geschickt hatte, um uns am Castle selbst los zu sein.

Denn Edward Leedskalnin, der Lette, der Geist, der hier am Coral Castle die Fäden in der Hand hält und einen bedeutenden Anteil daran hat, dass am Día de los Muertos und zu anderen Gelegenheiten keine unerwünschten Geister in unsere Welt wechseln und hier Unheil anrichten, der Lette also war nirgends zu sehen. Statt dessen stand Camerone Raith in der Mitte des Coral Castle und machte Leedskalnins Arbeit: sprich, sie war es, die die aus der Totenwelt hervorquellenden Geister, die nichts weiter wollten, als ihre Familien zu besuchen, in die richtige Richtung zu lenken.

Und so schwer mir das fällt, muss ich gestehen: Camerone Raith machte ihre Sache richtig gut. Nun habe ich natürlich keine Ahnung, wie schwierig das ist, aber Camerone dirigierte die Heerscharen von Geistern scheinbar völlig entspannt und mühelos und war ganz und gar in ihrem Element.

Der Lette war deswegen aber immer noch nicht zu sehen, und Cicerón Linares genausowenig. Also machten wir uns auf die Suche nach entweder dem einen oder dem anderen. Und fanden beide. Cicerón und zwei seiner Leute hatten sich in der Nische des Letten verschanzt und eine magische Barriere davorgelegt, durch die der Geist des Coral Castle nicht entkommen konnte. Und Linares war gerade dabei, Leedskalnin aufs Schärfste auszufragen. Und zwar wollte er von dem Letten wissen, was da genau in den Sümpfen los sei, was es damit auf sich habe, und genau das war eine Auskunft, die dieser nicht zu geben bereit war. Also griff Linares zu Drohungen, bis hin zu der, den Letten auszulöschen, falls dieser nicht kooperiere. Uns bemerkte Linares zwar, schien sich aber nicht groß darum zu scheren, ob wir hörten, was er zu Leedskalnin zu sagen hatte, oder nicht. Allerdings legte er uns durchaus nahe, dass wir hier an der Nische des Letten nicht unbedingt etwas zu suchen hätten.

Das erklärte auch, warum Camerone Raith gerade Leedskalnins Job machte. Aber nicht nur. Denn es wurde sehr schnell sehr deutlich, dass Totilas' Urgroßmutter das nicht nur einfach so machte, weil Not an der Frau war. Oh nein. Camerone Raith will den Job des Letten, und zwar permanent. Und so schickte sie nicht nur die Geister der Toten in Richtung ihrer Familien, wie wir das anfangs gedacht hatten. Sie hetzte sie auch aktiv gegen die Coral Guardians, damit diese sich mit ihnen beschäftigen mussten und keine Zeit hatten, sich um Leedskalnin zu kümmern und diesen zu beschützen.

Dass Camerone diese Aufgabe übernehmen möchte, gab sie uns gegenüber im Gespräch auch offen zu. Sie will diesen Job permanent haben, am besten, indem sie über ein Ritual für immer an diesen Ort und an diese Position gebunden wird. Sie war auch bereit, uns Auskunft über "Jack" zu geben: Camerone kennt Jack, oder besser, sie weiß um dessen Existenz, aber sie weiß nicht, wer oder was er genau ist. Sie kann ihn hier in der Nähe spüren, sagte sie, er treibt sich hier irgendwo herum, aber sie hat nichts mit ihm zu tun, sie arbeitet nicht mit ihm zusammen.

Also, dieses Ritual. Wir - oder besser, die Magiebegabten unter uns, sprich Edward - könnten Camerone helfen. Wir könnten ein solches Ritual durchführen, oder besser, das derzeit laufende Ritual umwidmen, erweitern, so dass sie dadurch an den Ort gebunden und ihre Position legitimiert wird. Aber wollen wir das?
Es wäre vermutlich das Ende des Letten. Es würde Camerone erschreckend viel Macht verschaffen. Andererseits wäre sie dann für immer an das Coral Castle gebunden und könnte hier nicht fort, ganz ähnlich, wie Leedskalnin es momentan auch nicht kann. Was ist gefährlicher? Eine Camerone in diesem Job oder eine, die frei herumgeistert? Wenn wir dieses Ritual für sie durchzögen, wäre sie uns auch zu Dank verpflichtet... wir könnten gewisse Bedingungen daran knüpfen, dass wir ihr helfen...

Um all dies zu besprechen und zu beratschlagen, haben wir uns jedenfalls gerade etwas vom Castle zurückgezogen. Ewig können wir nicht herumgrübeln, aber momentan ist soweit alles unter Kontrolle. Ein bisschen Zeit haben wir. Aber das ist eine garstige Entscheidung, die ich eigentlich am liebsten nicht treffen würde. Ich weiß einfach nicht, was richtig ist. Verdammtes Dilemma. Mierda!
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 18.11.2014 | 11:47
Nicht wundern, ich habe die beiden letzten Postings nochmal ein klein wenig verändert. Das Reinigungsritual fand nämlich nicht mit White Eagle in der Kommune statt, sondern bei Edward zuhause.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 23.11.2014 | 18:51
Ich probier mich mal an einer kurzen Zusammenfassung:

Zwei Optionen für das Ritual - Camerone mit Gewalt ans Coral Castle fesseln oder durch Verführung binden? Verführung scheint das kleinere Übel zu sein.

Zutaten:
Sehen: Eine rosarote Brille (hat Roberto im Handschuhfach)
Hören: Das Geräusch des zufallenden Portals von Coral Castle
Riechen: Ein Liebestrank (den besorgt Roberto bei Angel Ortega - dazwischen ein paar Probleme mit Angels Cousin Kenny, der Drogen in der Botanica versteckt hatte, seiner ehrgeizigen Freundin Priscilla und Antonio, einem Neffen von Macaria Grijalva, der mal schauen wollte, ob Angel sich wieder berappelt hat...)
Schmecken: Eine Torte, die aussieht wie Coral Castle (die besorgt Cardo bei der Bäckerei "Backing Dreams" und gerät in die Streitigkeiten einer Hochzeitsgesellschaft, wo weder Trauzeuge noch Brautjungfer die Hochzeit wollen und die Schwester des Bräutigams, eine High-Society-Anwältin, sogar ihre Pistole zieht...)
Fühlen: Ein Stein aus dem Steinbruch, aus dem die Steine von Coral Castle stammen (den besorgt Alex aus dem Nevernever, nachdem er sich mit ein paar Gnomen, ihrem durchgedrehten Netzspinner und dem sprengwütigen Gnom Galbo herumgeärgert hat)
Geist: Eine schwere Kette mit Schlüssel aus dem HistoryMiami, einem Museum (die klaut Edward; dabei lernt er seinen neuen Kollegen Salvador Herrero besser kennen und stolpert über ein paar Black-Power-Studenten, die eine Yoruba-Statue stehlen wollen. Einer davon hat Drogen von Edwards Mutter gekauft und ist verdammt high.)
Seele: Camerones Ehering (den besorgt Totilas von seiner Großtante Cecile und gerät zwischen der verblühten Femme Fatale, einer naiven, todkranken Sekretärin, einem abgehalfterten Privatdetektiv und einem korrupten White-Court-Bullen mitten in einen Film Noir.)

Nachdem alles da ist, wird das Ritual durchgezogen. Das klappt soweit auch ganz gut; Camerone hat jetzt die Stellung des Letten inne und kontrolliert die Coral Guardians.

Cicerón hat vom Letten erfahren, was er wissen wollte und wirkt sehr nachdenklich. Er verrät Edward, dass Spencer Declan die Gesetze der Magie brechen kann, ohne die Konsequenzen zu tragen.
Daraufhin suchen die Schönen Männer in den Gelben Seiten nach einem Zauberer und finden auch einen, einen Harry Dresden aus Chicago. Der hat aber keine Lust, mit Edward über die Gesetze der Magie zu reden (auch nicht darüber, wie man die am besten bricht, und schon gar nicht über die Steuern). Arrogantes Arschloch.

Totilas erfüllt den Deal, den er mit seinem Dämon gemacht hat, und bringt einen Mann um, der gern Prostituierte erwürgt.

Das war das Ende von Dead Beat.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 23.11.2014 | 19:00
Vignette:

Cardo wird von einer reichen Mäzenin auf ihre Lodge am Crater Lake eingeladen. Die hat ein Projekt: Eine illustrierte Ausgabe vom ersten Eric-Albarn-Roman. Weil er danach eh auf eine Buchtour muss, sagt er zu. Die anderen kommen auch mit - auf Vorschlag von Alex im Tourbus.
Unterwegs kommt es zu allerlei Streitereien - mal fliegt Robertos Schminkkoffer aus dem Bus, mal wird Edward in einem Diner vergessen... aber sie kommen trotzdem an.

In der Lodge sind noch andere Gäste: Darunter drei weitere Autoren (Michael Stackpole, Barry Jackson, Kirsty MacGregor), ein Autorenkollektiv von jungen Leuten, die extrem schüchterne Zeichnerin Elena, und die Magierin Vanessa Gruber aus Österreich.

Ach so, Edward, Roberto und Alex waren kurz auf Wizard's Island und haben a) einen sehr offensichtlichen und auch schon etwas verbrauchten Ritualplatz gefunden, und b) einen etwas versteckteren und reineren. Die Insel ist auf jeden Fall ein sehr mächtiger magischer Ort.

Die jungen Leute (Colby, Lila, Danny, Edie und Jeff) möchten auf Wizard's Isle ein Ritual abhalten, um ihr inneres Auge zu öffnen (oder so was). Edward und Roberto bieten an, mitzumachen, damit da nichts schief geht.

Vanessa reagiert nicht so gut auf Totilas. Sie war wohl im Krieg gegen die Red Courts und ist dabei von den White Courts verraten worden. Eigentlich ist sie ja auf Kur, aber sie soll mal eine Auge auf die Ritual-Gruppe halten. Edward erfährt von ihr, dass nur Vollmagier zum White Council gehören, und dass es in Europa nicht üblich ist, Steuern ans White Council zu zahlen.

Es passieren außerdem merkwürdige Dinge: Eine Vase ist erst kaputt, dann wieder ganz, dann wieder kaputt. Eine Karikatur von Elena bewahrheitet sich. Das kaputte Bein der Gastgeberin Margot heilt scheinbar, aber tatsächlich fühlt sie nur nicht mehr, dass es kaputt ist...

Nachtrag: Jeffs Hündchen findet Edward nett. Es ist vermutlich ein ziemlich bescheuertes Hündchen.  ;)

Außerdem sind noch ca. 20 andere Gäste in der Lodge, hauptsächlich Fans von Speculative Fiction und deren Anhang. Es gibt zwei größere Hunde, die Edward nicht so ganz trauen. Und im Wald gibt es Bären und Wölfe und Chipmunks, oh my.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 6.01.2015 | 16:36
Ricardos Tagebuch: Dead Beat 4

Ich bin so müde. Aber es ist geschafft. Der Día de los Muertos ist vorüber, die Tore wieder versperrt.
Und, ob wir das jetzt gut finden mögen oder nicht, Camerone Raith hat Edward Leedskalnins Platz eingenommen, ein und für alle Mal. Und der Lette selbst... ist verschwunden. Aber damit hatten wir nichts zu tun. Nicht direkt, jedenfalls.

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Nächster Tag. Ich musste erst einmal ausschlafen. Jetzt krakelt meine Schrift auch nicht mehr über die Zeilen hinweg, und ich kann endlich wieder einen halbwegs klaren Gedanken fassen.
Also.

Wir standen ja vor der Entscheidung, ob wir Camerone Raith wirklich an das Coral Castle binden, sie wirklich in diese Machtposition bringen wollten. Aber es fiel uns keine bessere Lösung ein, so sehr wir auch nachgrübelten, also entschieden wir uns nach einigem Hin und Her und nicht gerade leichten Herzens dafür.
Dabei gab es zwei Optionen: entweder mit Camerones Einverständnis oder gegen ihren Willen, sie also entweder überzeugen oder sie gewissermaßen an den Ort fesseln. Ersteres würde ihr in der Position mehr Macht verschaffen, letzteres deutlich schwieriger werden. Also mehr Diskussionen. Mehr Bauchgrimmen. Letzten Endes beschlossen wir dann, Camerone die "sanfte" Version anzubieten und zu sehen, was sie dazu sagen würde.

So oder so war wieder einmal ein Ritual vonnöten. Die Komponenten für "Sehen" und "Hören" stellten mit einer rosaroten Brille (bzw. einer Sadomaso-Maske für die unfreiwillige Option) und dem Klang des zufallenden Schlosses des Coral Castle kein Problem dar. Den Rest mussten wir aber mehr oder weniger mühevoll beschaffen.

Ich bekam dabei die Kategorie "Schmecken" ab, was von einem Kuchen in Form des Coral Castle abgedeckt werden sollte. Eigentlich soweit kein Problem, geht man halt in eine Bäckerei, bestellt den Kuchen und gut. Wenn, ja wenn nicht zum selben Zeitpunkt eine mehr als zickige Hochzeitsgesellschaft ebenfalls ihren Hochzeitskuchen hätte abholen wollen und beinahe alles in die Hose gegangen wäre.
Da trafen nämlich die Schwester des Bräutigams sowie dessen bester Freund auf den Vater der Braut und deren beste Freundin, und unterschiedlicher hätten die Welten nicht sein können. Der Vater hemdsärmeliger Arbeitertyp, die Schwester arrogante Yuppie-Zicke, wie sie im Buche steht, eine nicht ausgesprochene, aber zwischen den Zeilen überdeutlich lesbare Affäre zwischen irgendwem, und mein Kuchen musste drunter leiden.

Das Ende vom Lied: Die Hochzeitsgesellschaft sollte eigentlich hochkant rausfliegen, aber die Yuppie-Zicke weigerte sich und drang in die Küche vor, woraufhin der Koch ein Messer zog, und die Yuppie-Zicke gar eine Pistole. Ich versuchte zu vermitteln – und wurde gleich mit verhaftet, als die Polizei anrückte, die inzwischen von der Besitzerin gerufen worden war. Mich ließ man dann relativ schnell wieder laufen, und meinen Kuchen bekam ich auch, aber es dauerte alles länger, als es hätte dauern sollen.

Die anderen hatten es aber auch nicht unbedingt leichter, nach dem, was sie so erzählten. Roberto zum Beispiel wollte für die Kategorie „Riechen“ ein Parfum mit der Wirkung eines Liebestranks besorgen. Er selbst hatte die benötigten Zutaten aber gerade nicht vorrätig, also musste er sie kaufen. Und wo, Römer und Patrioten? Genau, in Angel Ortegas neuer Bótanica. Und wir wissen ja alle, wie grün Roberto und Angel sich gemeinhin so sind.

Seit Angel über die Sache mit der Yansa-Maske bei den Orunmila in Ungnade gefallen ist, scheint es aber ein etwas besseres Auskommen mit ihm zu sein. Oder vielleicht lag es daran, dass Roberto ihm helfen konnte, ein kleines Problem mit Angels Cousin zu lösen. Der hatte nämlich ohne Angels Wissen Drogen in der neuen Bótanica versteckt und wollte diese nun mit seiner Freundin zusammen ebenso unbemerkt wieder abholen, was zu allerhand Verwicklungen führte.

Alex durfte für den Bereich „Anfassen“ indessen ins Nevernever reisen, denn dort kamen die Steine her, aus denen das Coral Castle gebaut wurde. Dummerweise war in dem Steinbruch gerade ein Trupp Gnome und Goblins zugange, denen ein komischer, fantasy-technischer Apparat durchgedreht war und nun zu explodieren drohte. Alex gelang es gerade so, sich das Stück Stein zu schnappen und abzuhauen, ehe das Unvermeidliche geschah. Aber ernsthaft: Gnome, Goblins und Fantasy-Ingenieurskunst? Sind wir hier bei World of Warcraft oder wie?

Totilas' Aufgabe war dagegen beinahe völlig mundan. Und das, obwohl er zur Halloween-Party seiner Familie musste, zu der kleinen Ersatz-Soiree auf der Ranch draußen. Für die „Seele“ des Rituals benötigten wir nämlich Camerones Ehering, und den hatte Geralds Schwester Cécile in Verwahrung. Totilas bekam seine Großtante auch dazu, ihm den Ring zu überlassen, aber nicht bevor er Zeuge einer Szene wurde, in der Lara Raiths mehr als naive, herzkranke Sekretärin eigentlich hoffte, sie könnte von ihrer Krankheit geheilt werden, wenn sie auch zu einem White Court gemacht würde. Offensichtlich hatte Lara höchstselbst der jungen Frau diesen Bären aufgebunden, denn inzwischen weiß ja selbst ich, dass das bei den weißen Vampiren nicht so funktioniert. Ein etwas abgehalfterter Privatdetektiv aus der Familie Elfenbein und ein weiterer Raith namens Marshall waren auch mit von der Partie, und irgendwie endete die Sache wohl darin, dass der Detektiv Cécile daran hinderte, sich das Mädchen einzuverleiben und dann mit ihr in den sprichwörtlichen Sonnenuntergang ritt. Ob sie nun eine Heilung finden oder einfach nur die ihr verbleibenden letzten Monate genießen kann, weiß dabei leider keiner. Und auch nicht, was dieser Marshall Raith eigentlich genau in Miami sollte.

Blieb noch der Aspekt „Geist“. Dafür wollte Edward im Historischen Museum eine Sklavenkette entwenden, traf dabei aber auf eine Gruppe junger Diebe, die eine afrikanische Statue „befreien“ wollten. Die jungen Leute waren nämlich glühende Vertreter der Black Power, selbst wenn einer von ihnen gar nicht wirklich afroamerikanische Wurzeln hatte. Das war nämlich der Neffe von Edwards neuem Kollegen Salvador Herero, der wiederum auch am Museum auftauchte, weil er seinem jungen Verwandten gefolgt war und ihn daran hindern wollte, irgendeinen Unsinn anzustellen.

Es gelang den beiden SI-Cops, die drei Jugendlichen ohne die Statue aus dem Museum zu bugsieren, dafür aber mit der Kette für Edward, frei nach dem Motto: Ich erzähle nicht, was du hier gemacht hast, wenn du nicht erzählst, was ich hier gemacht habe. Dass einer der jungen Leute allerdings nach Einnahme eines von Mrs. Parsens (bzw. Antoines) Produkten Gegenstände sprechen hören kann, so dass er glaubte, die Statue flehe ihn an, sie nach Afrika zurückzubringen, war für Edward in mehr als einer Hinsicht ziemlich beunruhigend.

Aber damit konnten wir uns jetzt nicht beschäftigen. Über den ganzen Besorgungen war der Diá de los Muertos schon ziemlich weit fortgeschritten, und wir hatten nur noch bis Mitternacht Zeit, wenn wir das Ritual mit Camerone durchziehen wollten, ganz zu schweigen davon, dass gegen Ende der 24 Stunden wohl der größte Ansturm an feindseligem Geisterzeugs zu erwarten war.

Zurück am Coral Castle war der Lette weit und breit nichts mehr zu entdecken. Camerone Raith hingegen war nicht zu übersehen, da sie immer noch in vollem Generalsmodus die Geister koordinierte. Sie erklärte sich bereit, sich freiwillig an das Castle binden zu lassen, was Edward das Ritual um einiges erleichtern würde. Auch nach Leedskalnin fragten wir, aber da war Camerones Antwort nur, dass der fort sei und man ihn vermutlich nie wieder sehen werde, jetzt wo Cicerón mit ihm fertig sei. Linares hatte den Letten ja derart in die Mangel genommen, weil er aus herausbekommen wollte, was genau da in den Sümpfen los sei; so viel hatten wir hören können. Ob Leedskalnin allerdings durchhielt, oder ob er gegen Ende hin doch brach und es verriet, dass wissen wir nicht; das konnte oder wollte auch Camerone uns nicht sagen. Aber jedenfalls war das Verschwinden des Letten eine weitere Motivation für uns, das Ritual mit Totilas' Urgroßmutter durchzuziehen, denn die Position unbesetzt zu lassen, wäre fatal. Aber dennoch hatte, und habe, ich ein mehr als schlechtes Gefühl bei der Sache.

Aber es war ja nun nicht zu ändern. Es musste nun einmal getan werden, die Entscheidung war gefallen, und es erschien uns allen, auch mir, trotz meiner Bedenken, als das potentiell kleinere Übel.

Trotz der „sanften“ Version war das Ritual noch immer verdammt schwierig, und langwierig dazu. Edward bereitete alles vor, zog seinen Ritualkreis und rief Camerone hinein, dann begann er. Dummerweise hatten die freiwerdenden Energien nicht nur den gewünschten Effekt, sondern sie zogen auch die anderen Geister der Umgebung magisch, haha, an. Und da Edward sich auf seine Zauberei konzentrieren musste und nicht unterbrochen werden durfte, mussten wir anderen diese Geister von ihm fernhalten.

Anfangs ging das eigentlich ziemlich gut. Ich stellte fest, dass wir uns durch das Verschwimmen der Grenzen wieder einmal halb im Nevernever befanden, weit genug jedenfalls, dass George meinen Ruf hören und uns zu Hilfe kommen konnte. Mit den ersten fünf Geistern wurden wir also ziemlich problemlos fertig: Alex erledigte zwei davon, Roberto und Totilas ebenfalls zwei und George und ich einen.

Aber dann wurde ein einzelner Geist Richtung Ritualkreis gezogen, viel größer als die anderen, völlig verbrannt und in Flammen stehend – und Santa Madre Maria ist meine Zeugin, als ich diesen Feuergeist sah, erstarrte ich einen Moment lang. Die anderen gingen sofort auf ihn los, aber ich konnte nicht. Ich konnte nicht. Mit einem Mal war es mir, als stünde ich selbst wieder in Flammen, und es gelang mir nicht, auch nur einen Schritt auf den Feuergeist zuzugehen.

Während ich mich hektisch nach irgendetwas umsah, mit dem ich vielleicht aus der Ferne etwas gegen den Geist ausrichten könnte, bemerkte ich statt dessen etliche Schlangen, oder besser die Geister von Schlangen, die bösartig zischelnd auf den Ritualkreis zugewuselt kamen. Die anderen hatten diese neue Bedrohung noch nicht gesehen, also trat ich Schlangen tot, wich ihren vermutlich giftigen Bissen aus und hielt sie von den anderen fern, bis die den Feuergeist erledigten hatten. Um die restlichen Schlangengeister kümmerten wir uns dann gemeinsam.

Inzwischen war Edward mit seinem Ritual beinahe fertig. Aber es wurden immer mehr Geister, die sich dem Kreis näherten, und irgendwann würden wir nicht mehr gegen alle ankommen. Da hatte irgendjemand – Edward selbst? Roberto? – die geniale Idee, dass die Energie der Geister zusätzlichen Brennstoff für das Ritual abgeben könnte, wenn wir sie kontrolliert in den Kreis befördern würden, und es deswegen schneller beendet werden könnte. Gesagt, getan: Alex als Abgesandter Elegguas schubste die Geister, die sich in Reichweite befanden (mit der Ausnahme von George, natürlich, wobei der ja auch kein Geist ist, sondern ein Wyldfae) mit einer ziemlichen Anstrengung in den Kreis. Irgendwer rannte los und warf das Tor des Coral Castle mit einem lauten, metallischen „Klonk“ ins Schloss, gerade als Edward die letzten Worte des Rituals intonierte. Und dann war es geschafft, war Camerone Raith die neue Hüterin des Castle.

Und es war kaum zu früh, denn um Punkt Mitternacht begann der letzte große, heftige Ansturm der Geister. Richtig, richtig heftig, um genau zu sein. Und warum dieser Ansturm so heftig war, das verstanden wir, als wir Jack, den bösen Jack, im Hintergrund bemerkten, von wo aus er mit breitem Grinsen die Angreifer aufstachelte. Totilas stellte sich daraufhin in Imponierposition - ganz subtil, nicht übertrieben, aber mit der deutlichen Körpersprache "mich schüchterst du nicht ein". Das wiederum quittierte Jack ihm gegenüber mit der "ich sehe dich"-Geste: zeigte erst auf die eigenen Augen, dann auf Totilas.

Wie gesagt, der Angriff war heftig, aber dank Camerones neuer Macht konnte er schließlich doch zurückgeschlagen werden, und die Tore zur Geisterwelt schlossen sich wieder. Uns ging es dabei noch vergleichsweise gut, aber die Santo Shango, die hier ja den ganzen Tag lang ausgehalten hatten, waren ziemlich angeschlagen. Cicerón Linares brach vor Erschöpfung zusammen, als Shango ihn verließ, aber er schien keine lebensgefährlichen Wunden zu haben. Ilyana Elder hingegen sah übel aus, als sie nicht mehr von Yansa geritten wurde; bei der jungen Frau war allerhöchste Eile geboten. Von Totilas wollten die Ganger sich nicht helfen lassen, obgleich dieser es anbot - ein vielleicht nicht ganz unberechtigtes Misstrauen, wenn man bedenkt, dass Totilas' Augen trotz seiner üblichen eisernen Kontrolle leicht silbrig zu glänzen begonnen hatten und er ein abwesendes Gesicht machte, als diskutiere er mit einer inneren Stimme. Vermutlich tat er nämlich genau das, und sein Dämon wollte ihn dazu bringen, Ilyanas Leiden zu beenden oder sowas in der Art.

Edward hingegen hatte zuhause einen Heiltrank vorbereitet, den er Ilyana jetzt einflößte, und das half der jungen Frau über das Schlimmste hinweg. Ärztliche Behandlung benötigte sie natürlich nach wie vor, aber sie schwebte wenigstens nicht mehr in direkter Lebensgefahr.
Zum Dank revanchierte Cicerón sich mit einer Warnung. Spencer Declan sei in der Lage, die Gesetze der Magie ungestraft zu brechen, und wir sollten uns vorsehen. Mehr war dazu aber nicht aus ihm herauszubringen; er habe schon zu viel gesagt, und auch das nur, weil wir Ilyana geholfen hätten.
Linares wirkte übrigens sehr nachdenklich; offensichtlich hat er aus dem Letten wohl doch herausbekommen, was er wissen wollte.

Naja, dann tauchten plötzlich die Coral Guardians bei uns auf und machten Totilas unmissverständlich klar, dass der Kampf vorbei und er hier nicht länger geduldet sei.  Also sind wir heimgefahren, ich habe die obigen paar Worte hingekrakelt und mich erst einmal ins Bett gepackt. Und alles weitere, vor allem, wie das jetzt mit Ms. Geister-Raith in ihrer neuen Position wird, müssen wir sehen. Ich habe ja immer noch ein schlechtes Gefühl bei der Sache, aber jetzt ist das Kind im Brunnen.

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Jack White Eagle hatte heute auch eine Warnung, diese speziell für Edward und Ximena: Er empfehle beiden sehr eindringlich, den Ball flach zu halten, da früher schon Praktizierer, die in der Stadt zu viel Talent bewiesen hätten, nach einer Weile einfach verschwunden seien. Und Jack glaube nicht, dass die alle nach Australien ausgewandert seien, sondern dass Declan etwas damit zu tun habe.
Oder besser, er empfahl es Totilas zur entsprechenden Weitergabe. Ximena habe er auch schon warnen wollen, sagte Jack, aber die sei dafür nicht sonderlich empfänglich gewesen. Ich kann mir schon vorstellen, wie das ungefähr war: Ximena ist von ihren eigenen Fähigkeiten ja durchaus überzeugt und sieht sich als Declan mindestens ebenbürtig. Totilas gab Jacks Warnung an beide Empfänger weiter, ob er damit bei Ximena allerdings viel erreichte, das bleibt noch dahingestellt.

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Eben war Edward bei mir. Ich hatte ja schon länger den Eindruck, dass ihm etwas auf der Seele lastet, und zwar nicht nur das Ende seiner Beziehung zu Cherie. Heute endlich machte Edward den Mund auf. Dass er Gewissensbisse hat. Dass er sich korrupt fühlt und nicht weiß, wie lange er den Job beim SID noch machen kann. Die ständige, mehr oder weniger notgedrungene Zusammenarbeit mit Cicerón Linares, mit Gerald Raith. Seine Mutter, die Drogen verkauft, auch wenn diese (momentan zumindest) noch nicht illegal sind. Seine Ex-Freundin Cherie, die Auftragsmörderin, für die er noch immer etwas empfindet und von der er gar nicht wissen will, was sie genau tut, damit er nicht in die Verlegenheit kommt, sie jagen zu müssen. Er sei einfach zu nah dran an den Gesetzesbrechern. Ich konnte nicht viel tun, außer ihm ein offenes Ohr zu leihen und ihn sich all diese Dinge von der Seele reden zu lassen. Und ihm vehement zu erklären, dass ich ihn nicht für ein Monster halte. Außerdem habe ich ihm empfohlen, tatsächlich einmal mit Lieutenant Book zu reden. Ja, der alte Cop knurrt und bellt und brüllt herum, aber er ist nicht umsonst der Leiter des SID. Wenn er aufgund all dieser Tatsachen Edward aus der Truppe wirft oder Internal Affairs auf ihn ansetzt, dann ist das so. Aber Edward kann diese ganze Last nicht länger alleine mit sich herumschleppen. So oder so muss er Book informieren, finde ich. Und vielleicht stellt sich ja dann sogar heraus, dass sein Vorgesetzter all diese Dinge akzeptieren kann.

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Oh, übrigens. Cicerón erwähnte doch, dass Spencer Declan anscheinend die Gesetze der Magie brechen kann, ohne dass es für ihn irgendwelche Konsequenzen hat. Diese Bemerkung machte uns nachdenklich, weil wir bislang eigentlich gar nicht so viel über die Gesetze der Magie wissen, noch darüber, wie man sie eigentlich bricht. Sicher, Leute, die die Gesetze brechen, werden Warlocks genannt, das wissen wir ja spätestens seit der Sache mit den Bucas. Und während dieser Sache hatte Feu Buca ja magisch auf Mrs. Salcedo eingewirkt, um deren Meinung zu beeinflussen, was eines der verbotenen Dinge ist, ebenso wie jemand anderen umzubringen. Aber was sind die übrigen Gesetze? Wieviele gibt es insgesamt? Wie bricht man diese, und was passiert dann? Offensichtlich wird man von den Wardens gejagt, siehe wieder die Bucas. Aber gelten Warlocks für den White Council überhaupt noch als Menschen oder schon als reine Monster? Anscheinend verändert es einen ja wohl auch wirklich selbst innerlich, wenn man diese Gesetze bricht. Wie also kann Warden Declan diese Veränderungen vermeiden? Oder bricht er die Gesetze einfach, und es verändert ihn durchaus, aber niemand merkt es, weil er als Warden eigentlich selbst die Bösen jagen müsste und auch vorgibt, das zu tun?

Jedenfalls, das waren alles Fragen, über die wir nicht genug wussten und wo uns auch die Kontakte fehlten, um jemanden dazu befragen zu können. Jack White Eagle weiß zwar einiges, aber seine Magie ist eine ganz andere als die des White Council; im Detail konnte er uns da nicht weiterhelfen. Und Spencer Declan werden wir zu diesem Thema ganz sicher nicht befragen. Andere Vollmagier und Ratsmitglieder kennen wir nicht. Also kamen wir auf die schlaue Idee, doch einfach mal zu recherchieren.

Der einzige Treffer, der bei der Internetrecherche herauskam, war ein gewisser Harry Dresden, niedergelassener Magier in Chicago. Seltsam eigentlich, dass da jemand so damit hausieren geht, aber andererseits stand in dem Eintrag etwas von "paranormale Ermittlungen - keine Kindergeburtstage", also war es vielleicht doch kein Scharlatan. So oder so war es im Moment unser einziger Hinweis, also rief Edward kurzerhand bei dem Mann an.
Aber, puh. Das war kein sonderlich erfolgreiches Telefonat, Römer und Patrioten. Die beiden waren sich auf Anhieb völlig unsympathisch, und das Gespräch endete mit aufgeknalltem Telefonhörer und ohne Informationszugewinn. Okay, vielleicht hätte Edward nicht gleich als Erstes mit der Frage herausplatzen sollen, wie man die Gesetze der Magie bricht. Und sich seinem Ärger über die zu hohen Magier-Steuern Luft zu machen, half der Konversation auch nicht gerade weiter. Aber hätte dieser Dresden Edward so sarkastisch-ungläubig abkanzeln müssen? Mierda. Müssen wir halt versuchen, uns die Informationen irgendwie auf anderem Wege zu beschaffen. Nur wie, ist die Frage. Das sieht momentan wie gesagt eher mau aus. Mierda.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 6.01.2015 | 18:11
Blieb noch der Aspekt „Geist“. Dafür wollte Edward im Historischen Museum eine Sklavenkette entwenden, traf dabei aber auf eine Gruppe junger Diebe, die eine afrikanische Statue „befreien“ wollten. Die jungen Leute waren nämlich glühende Vertreter der Black Power, selbst wenn einer von ihnen gar nicht wirklich afroamerikanische Wurzeln hatte. Das war nämlich der Neffe von Edwards neuem Kollegen Salvador Herero, der wiederum auch am Museum auftauchte, weil er seinem jungen Verwandten gefolgt war und ihn daran hindern wollte, irgendeinen Unsinn anzustellen.

Der Neffe hatte sehr wohl afrikanische Wurzeln - ein Elternteil schwarz, einer kubanisch. Das geht schon. :)

Der O-Ton des Gesprächs Edward / Harry war ungefähr so:
Harry: "Ja, Dresden hier."
Edward: "Hallo, sind Sie ein voll ausgebildeter Magier?"
Harry: "Wie bitte? Was wollen Sie eigentlich?"
Edward: "Ich bin vom Miami Police Department..."
Harry: "Dann reden Sie doch mit dem SI hier in Chicago."
Edward: "Nee, ich brauch schon einen Magier... ich würde gern mal mit Ihnen darüber reden, wie man die Gesetze der Magie bricht."
Harry: "Wollen Sie mich verarschen?"
Edward: "...äh, nein. Und finden Sie nicht, dass die Steuern ein bisschen hoch sind?"
Harry: "Danke, ich kann mich allein veralbern." *legt auf*
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Edward Fu am 6.01.2015 | 19:05
Kommentar Edward: "So ein Arschloch!"
Titel: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 22.01.2015 | 11:34
Ricardos Tagebuch: Vignette 1

15. November

Ich weiß gar nicht, ob ich es schon erwähnt habe. Aber Sheila hat zum Filmstart von Indian Summer eine Lesetour geplant. Einmal die Westküste hinunter, und zwar so getimed, dass die Tour genau zur Premiere in Los Angeles endet. Oder danach vielleicht auch noch nach San Diego weitergeht, aber die Premiere in L.A. soll auf jeden Fall mit dabei sein. So oder so finde ich das eine ausgezeichnete Idee, denn das wird sicherlich mal eine nette Abwechslung. Nur schade, dass ich Alejandra nicht mitnehmen kann; so eine Reise ist aber leider nun mal nichts für eine kleines Mädchen.
Sheilas Planung und Vorbereitungen laufen jedenfalls schon länger auf vollen Touren, und ich freue mich ziemlich.

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19. Januar

Heute kam Sheila nochmal mit einem anderen Vorschlag an: Sie kennt da jemanden, eine Mäzenin nämlich, und die wiederum kennt eine Zeichnerin, und diese soll, weil die Mäzenin so ein großer Fan meiner Bücher ist, eine illustrierte Version von Indian Summer anfertigen, die dann in einer kleinen, hochwertigen Sonderausgabe herauskommen könnte.

Interessanter Gedanke! Keiner, über den ich bisher von selbst gestolpert wäre, aber genau für solche Ideen ist Sheila ja meine Agentin. Edward schlug sofort eine Graphic Novel vor, als er von der Sache hörte, und dafür war ich wiederum dann gleich Feuer und Flamme. Vielleicht kann Sheila das ihrem Kontakt auch noch verkaufen.

Und wie es der Zufall (oder Sheilas geschicktes Händchen) so will, hält diese Mäzenin kurz vor dem Filmstart ein Künstlerwochenende in ihrer Lodge am Crater Lake, Oregon ab. Dorthin bin ich eingeladen, um die Dame und die Zeichnerin kennenzulernen, damit sie mich kennenlernen – und vielleicht auch, so unangenehm mir das sein mag, weil mein Name der Veranstaltung tatsächlich ein klein wenig mehr Prestige verschafft. O Madre mia, ayudame. Wie das klingt. Aber wenigstens wird es nicht allein mein Name sein, der für das Prestige sorgt: ein paar andere publizierte Genre-Autoren, wie z.B. Michael Stackpole, sind wohl auch eingeladen.

Und wir Gäste dürfen Partner und/oder Freunde mitbringen. "The more the merrier" war Sheilas die Gastgeberin zitierende Aussage. Also habe ich die Jungs gefragt, ist ja klar. Dee natürlich auch, aber die kann leider nicht aus der Stadt weg. Entweder das, oder sie möchte nicht in eine Situation geraten, wo sie als meine Freundin verstanden werden könnte. Wobei ich natürlich hoffe, dass ersteres der Grund ist.
Die Jungs haben jedenfalls alle Zeit, oder nehmen sie sich. Finde ich super.

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26. Februar

Nächste Woche geht es los! Wir haben übrigens beschlossen, nicht zu fliegen. Denn die Westküste runter müssten wir ohnehin in einem Tourbus fahren, und Alex' Berufsehre verbietet es ihm, für diesen Zweck ein Mietmobil auch nur im Entferntesten in Betracht zu ziehen. Und überdies ist sein letztes Langzeit-Bastelprojekt, ein älteres Vehikel, das er mit seiner üblichen Sorgfalt und Liebe zum Detail restauriert und zu einem Wohnbus aus- und umgebaut hat, zufällig gerade vor kurzem fertig geworden. Ich glaube, Alex wäre persönlich beleidigt gewesen und nicht mitgekommen, wenn wir das nicht genutzt hätten.

Das bedeutet zwar, dass wir zusätzlich zu der eigentlichen Buchtour eine weitere Woche unterwegs sein werden, immerhin reden wir von über 3.200 Meilen, aber den Luftweg gäbe es auch nicht als Direktflug. Und außerdem ist Edward sich nicht sicher, wie das mit seinen zunehmenden Technik-Problemen in einem Flugzeug aussähe. Wenn dessen Elektronik hoch über dem Erdboden ausfiele, na herzlichen Dank. Dann doch lieber der Bus.

Diese Postkarte vom Crater Lake ist mir übrigens gerade vor ein paar Tagen untergekommen. Die klebe ich doch direkt hier ein, das steigert die Vorfreude gleich noch ein bisschen mehr.

(https://www.travoh.com/wp-content/uploads/2016/11/02-crater-lake-oregon-travoh.jpg)

Mann. Ich bin doch tatsächlich schon aufgeregt.

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6. März

Morgen ist es soweit! Urlaub!

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7. März. Tifton, Georgia

Nach einem tränenreichen Abschied von 'Jandra, der ich bei der Abschiedsumarmung zum zigsten Mal erklären musste, dass wir im Sommer natürlich zusammen in Urlaub fahren und dass sie dann natürlich auch mitkommen darf, aber dass das hier Arbeit sei und sie daran garantiert keinen Spaß hätte, was mir den Aufbruch zugegebenermaßen etwas erschwerte, sind wir den ganzen Tag gefahren. Knapp 500 Meilen waren das. Jetzt sind wir für die Nacht in einem RV-Park direkt an der I75 untergekommen. Ich bin ziemlich erledigt; wir saßen zwar bis auf die Pausen nur im Bus, aber die Stimmung war schon nach ein paar Stunden ziemlich gereizt. Vor allem zwischen Edward und Roberto, aber auch wir übrigen blieben davon nicht ganz unbeeinflusst.
Das Georgia Museum of Agriculture and Historical Village, das es laut Broschüre an der Rezeption hier in Tifton geben soll, hätte mich zwar eigentlich interessiert, hat aber wohl bereits geschlossen. Und außerdem wäre ich ohnehin zu platt, um noch in einem historischen Dorf herumzulaufen. Ich glaube, ich haue mich jetzt in meine Koje und gut.

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8. März. Nashville, Tennessee

Kein RV-Park diesmal, oh nein. In der Stadt der Musik, im Athen des Südens, gebe ich mir a) ein Hotelzimmer und b) einen langen Spaziergang durch die Stadt. Ich brauche etwas Abstand. Heute flog Robertos Schminkkoffer in hohem Bogen aus dem Fenster, zu Robertos großem - und lautem - Entsetzen, und als wir endlich gedreht hatten und wieder an die Stelle kamen, waren natürlich zig Autos darüber gefahren. Roberto geht heute abend nicht in der Stadt spazieren. Der geht seine neue Kulturtasche ausstatten.

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9. März. Odessa, Missouri

Langer, langer Tag. Deutlich über 500 Meilen heute. Blöd, dass Odessa so ein winziges Kaff ist; so sind wir wieder in einem RV-Park gelandet. Für einen RV-Park ziemlich teuer, und einiges reparaturbedürftig, aber sauber. Und immerhin haben sie kostenloses - und schnelles! - WLAN. Ich bin dann mal ein bisschen surfen.

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10. März. Sutherland, Nebraska

Schrieb ich gestern, Odessa sei ein Kaff? Hey, das hatte 5.000 Einwohner! Sutherland, Nebraska, ist ein Kaff. Das hat gerade mal 1.500. Aber immerhin einen RV-Park. Und ganz in der Nähe auch einen Stausee, der mit der Sutherland Reservoir State Recreation Area auch einen Naturpark darstellt. Edward hat schon gesagt, heute schläft er im Freien. Ich bin beinahe geneigt, es ihm gleichzutun. Oder zumindest gleich noch einen langen, langen Spaziergang zum Abreagieren zu machen. Nach der Mittagspause haben wir heute Edward vergessen, weil der irgendwo noch Dampf abließ, und es erst nach ein paar Kilometern gemerkt, als es im Bus so still war. Roberto hatte es gemerkt, aber nichts gesagt, der Arsch. Wobei er meinte, ein paar Minuten später hätte er sich schon auch gemeldet, er wolle nur Edward Gelegenheit geben, sich noch ein bisschen länger abzureagieren. Ha ha.

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11. März. Rawlins, Wyoming

Heute nur 350 Meilen gefahren. Ging nicht mehr. Haben mittendrin angehalten und Edward für eine Weile rausgeworfen, weil es einfach zu viel war. Später dann haben wir Roberto rausgeworfen. Und nachmittags haben wir dann beide rausgeworfen. Danach haben sie sich nur noch finster angebrütet, was beinahe schlimmer war als ihr ewiges Gezicke. Nur 350 Meilen, aber der Tag zog sich endlos. Mir ist egal, dass Rawlins eine Kleinstadt ist, ein Hotel gibt es hier. Oder ein Motel. Ganz gleich. Raus hier!

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12. März. Elko, Nevada

Über 500 Meilen heute, als Ausgleich für gestern. Immerhin müssen wir es bis morgen nach Oregon schaffen! Jetzt sind wir in Elko, Nevada, einer Stadt von immerhin 20.000 Seelen. Auf Shoshoni heißt der Ort Natakkoa, also 'Felsen, die aufeinander aufgehäuft sind'. Ob uns das zu denken geben müsste? Aber das "Hilton Gardens"-Hotel ist eine nette Überraschung. Ich glaube, ich werde gleich nochmal den hoteleigenen Pool aufsuchen, zur Entspannung. Wobei es heute direkt ging: Anfangs schwiegen Roberto und Edward einander noch giftig an, aber irgendwann fingen sie dann damit an, abwechselnd bei Alex vorne zu sitzen, und ab da wurde es richtig angenehm, und ich konnte mich endlich auf mein Videospiel konzentrieren.

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13. März. Crater Lake National Park, Oregon

Angekommen!

Es war wieder eine relativ lange Fahrt, weil wir vorgestern doch einiges verloren haben, aber mit der gestrigen Aufteilung ging es zumindest in Sachen Stimmung im Bus doch auch heute wieder ganz gut. Und in Oregon wurde die Landschaft natürlich auch zunehmend malerischer. Die letzten Meilen bis zum See hoch zogen sich dann nochmal etwas, aber irgendwann waren wir endlich da.

Die Lodge unserer Gastgeberin liegt ein Stück abseits vom Kraterrand – genau genommen sind es mehrere Lodges: ein Hauptgebäude und einige kleineren Hütten für die Gäste. Eine davon haben wir für uns, ein rustikal eingerichtetes, aber gemütliches Blockhäuschen mit zwei Schlafzimmern, einem Wohnzimmer, wo es auch eine Schlafcouch gibt, Küchenzeile und Bad. Edward und ich teilen uns eines der Zimmer; wie die anderen sich geeinigt haben, bin ich gerade gar nicht sicher. Ich schreibe das nur eben schnell, während ich darauf warte, das wir gesammelt zum Haupthaus rübergehen, um die Gastgeberin und die übrigen Wochenendgäste zu treffen.

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Unsere Gastgeberin heißt Margo und ist sehr nett. Mitte, Ende Fünfzig herum, würde ich sagen, elegant und weltgewandt, mit einer tadellosen Haltung, die nicht einmal dadurch beeinträchtigt wird, dass sie hinkt. Das sei durch einen Segelunfall vor einigen Jahren geschehen, erzählte sie.
Uns eingerechnet, hat Margo für das Wochenende ca. 30 Personen eingeladen, die meisten davon auf die eine oder andere Art mit dem Schreiben von speculative fiction beschäftigt oder davon begeistert. Michael Stackpole ist tatsächlich auch hier, wie Sheila mir schon angekündigt hatte, außerdem Kirsty McGregor und dieser indianisch-stämmige Thriller-Autor Barry Jackson. Und gleich bei unserer Ankunft begrüßte uns draußen auf dem Vorplatz vor der Lodge eine Gruppe von 5 jungen Leuten. Diese sind Freunde, Rollenspieler und LARPer und arbeiten gemeinsam an einem Roman. Also nicht etwa an einem Episodenroman à la Sanctuary oder Wild Cards, wo eine Geschichte in durchaus unterschiedlichen Stilen aus ganz unterschiedlichen Charakterperspektiven erzählt wird, sondern an einem Roman aus einem Guss und aus einer Sicht und in einem durchgängigen Stil. Hossa. Ambitioniert, das. Ich wünsche ihnen von Herzen viel Erfolg bei dem Unterfangen, aber ich weiß auch, dass sowas verdammt schwierig ist.

Einer der jungen Leute, Jeff, hat übrigens einen Hund. Ein kleines, zottiges Schoßhündchen Marke Fußabtreter, ein Highland Terrier oder sowas vielleicht?, der erstaunlicherweise Edward zu mögen scheint. Jedenfalls streicht er ständig schwanzwedelnd um unseren Freund herum. Die zwei anderen, größeren Hunde, die wohl anscheinend zur Lodge gehören oder so, mögen Edward hingegen gar nicht. Knurren ihn an und halten sich sorgfältig von ihm fern. Fand ich amüsant, wie der kleine Kläffer völlig furchtlos mit Edward spielt, während seine großen Artgenossen feige den Schwanz einziehen.

Die junge Zeichnerin, die Margo für die Illustration von Indian Summer gewinnen möchte, heißt Elena. Auch sie scheint nett zu sein, ist aber un-glaub-lich schüchtern. Gerade mir gegenüber bekam sie gar kein Wort heraus, und auch allen anderen gegenüber stammelt sie mehr, als sie zu reden vermag. Dabei wirkt sie wie gesagt sehr nett, und man möchte sie am liebsten in den Arm nehmen und ihr versichern, dass sie keine Angst zu haben braucht, dass alles gut werden wird. Aber das geht natürlich nicht, das würde alles nur noch schlimmer machen. Also habe ich beschlossen, einfach freundlich mit ihr umzugehen und ihre Schüchternheit so gut es geht zu ignorieren, ohne ihr auf die Nerven zu fallen. Mal sehen, ob es klappt. Ihre Zeichnungen sind aber jedenfalls allererste Sahne, und ich würde mich sehr freuen, wenn sie tatsächlich die Illustration des Buches übernehmen würde.

Ansonsten ist neben diversen Fans und Anhang noch eine Deutsche namens Vanessa anwesend. Sie wirkt nicht schüchtern, aber unpässlich, als erhole sie sich gerade von einer längeren, schweren Krankheit. Ziemlich nervös, schreckhaft... und uns gegenüber mehr als reserviert. Der misstrauische, geradezu hasserfüllte Blick, den sie Totilas bei der Vorstellung zuwarf, machte deutlich, dass sie den Namen "Raith" sofort erkannt hat.

So, die Frischmachpause nach dem Abendessen ist vorüber; wir wollen uns alle zum geselligen Kennenlernabend drüben im Hauptgebäude treffen. Je nachdem, wie lange das geht, schreibe ich vielleicht hinterher noch was, sonst eben morgen oder so.

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Bin noch wach genug, um einen schnellen Eintrag zu machen. Der Abend war – von Vanessa Grubers abschätzig-verachtend-misstrauischen Blicken mal abgesehen – eigentlich ziemlich nett. Nur Colby – einer der fünf jungen Leute aus dem Autorenkollektiv - hat etwas zu viel getrunken und sich dann an Elena, die Zeichnerin, herangemacht. Diese war viel zu schüchtern, um ihn rundheraus abzubügeln, aber sie wurde ihn dennoch irgendwie los, einfach durch ihr Erröten und Wegdrehen. Später beobachtete ich sie dann dabei, wie sie wild auf ihrem Zeichenblock herumkritzelte.
Das Bild bekam ich dann zufällig zu sehen – und musste herzlich lachen, denn es war zum Schießen. Es war eine Karikatur, in der ein wunderbar getroffener und eindeutig zu erkennender Colby eine Stehlampe anschmachtete.

Später am Abend passierte dann noch etwas Komisches, und zwar nämlich haargenau das, was Elena gezeichnet hatte. Colby, noch etwas betrunkener als zuvor, merkte schon gar nicht mehr, was er da tat, als er vor der Stehlampe auf die Knie sank und ihr ein Kompliment machte. Seltsam nur... ich glaube, Colby hat die Zeichnung gar nicht gesehen... Elena hat nämlich darauf geachtet, dass ihr Motiv die Karikatur nicht zu Gesicht bekam. Vermutlich wäre ihr das anders zu peinlich gewesen oder so.

Naja. Jetzt aber erstmal schlafen. Nacht und so!
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 22.01.2015 | 11:35
Okay, das ist seltsam. Als Margo eben zum Frühstück kam, hinkte sie nicht – im Gegenteil, sie hüpfte beinahe wie ein kleines Mädchen, und ein Strahlen lag auf ihrem Gesicht. Ihr Bein sei über Nacht geheilt, es tue überhaupt nicht mehr weh. Totilas, der zwar kein Arzt, aber Physiotherapeut ist, mahnte zur Vorsicht und bot an, das Bein einmal zu untersuchen. Zum Glück, denn es stellte sich heraus, dass Margos Bein anscheinend gar nicht wirklich geheilt ist, sondern einfach nur nicht mehr wehtut. Sie hat sich jetzt erst einmal nach Klamath Falls zum Arzt fahren lassen.

Die Sache passt aber irgendwie zu einer anderen Seltsamkeit, die mir vorhin aufgefallen ist. Im Flur der Hauptlodge steht eine kleine Statue. Kein besonders wertvolles Kunstwerk, glaube ich, aber ganz hübsch, deswegen habe ich sie gestern nachmittag ein bisschen betrachtet. Und dabei festgestellt, dass die Skulptur kaputt war: ein Arm war abgebrochen. Später dann, als wir zum Abendessen hineingingen, hatte jemand die Statue repariert. Vorhin aber sah ich auf dem Weg zum Frühstück, dass der Arm wieder abgebrochen war. Okay, sagt ihr, da wurde das Ding halt nachmittags geflickt, aber nicht sonderlich gut, da ist der Arm eben wieder abgefallen. Mag sein... aber gestern abend habe ich mir die fragliche Stelle mal angesehen, und da sah die Statue eigentlich völlig intakt aus.

Ob hier jemand Magie wirkt? Dass magische Effekte angeblich ja immer nur bis Sonnenauf- oder Untergang halten, würde dafür sprechen, dass jemand die Statue im Flur mit Magie repariert hat, dies aber nicht von Dauer sein konnte... Nur warum? Warum etwas flicken, das von vorneherein nicht permanent sein würde? Hmm... Was, wenn derjenige gar nicht wusste, dass die Magie nicht anhält? Wenn er oder sie dachte, etwas Gutes zu tun, ohne Näheres darüber zu wissen, und bei Margos Bein genauso? Hmmm. Das werden wir wohl im Auge behalten müssen.

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Natürlich haben wir darüber gesprochen. Ganz unmagisch ist der Crater Lake wohl nicht: ein größeres Gewässer, aber in sich abgeschlossen, ohne jeden Ab- und Zustrom, also kein „fließendes Wasser“ in dem Sinne, der Magie behindert. Und vermutlich heißt die Insel darin nicht umsonst „Wizard Island“. Wobei das nicht einmal eine Insel ist, habe ich mir sagen lassen, sondern ein zweiter Berg innerhalb des Kraters, der vor zehntausenden von Jahren entstand.

Diese angebliche magische Aura des Ortes wollen auch die fünf jungen Autoren nutzen, haben sie erzählt. Die ihnen eigene "magische Aura" öffnen, ihr magisches Potential erschließen, irgendwie sowas. Da haben bei uns natürlich gleich alle Warnglocken geklingelt, und Edward und Roberto haben angeboten mitzumachen – offiziell um zu helfen und zu unterstützen, aber natürlich auch und vor allem, um ein Auge darauf zu haben, dass da nichts schiefgeht und die jungen Leutchen nicht Dinge wecken, die sie besser ungeweckt lassen sollten.

Vanessa Gruber, die Deutsche, war an der Aktion auch sichtlich interessiert, aber Colby und die anderen meinten, sieben Personen sei, weil die magische Zahl, einfach ideal, und eine achte Teilnehmerin wäre eher kontraproduktiv. Und da Roberto und Edward sich zu erst gemeldet hatten, muss Gruber zurückstecken.

Das Ritual soll wohl irgendwann heute abend oder heute nacht stattfinden. Vorher jedoch wollen Alex, Roberto und Edward schon mal auf die Insel rüber und sich diese ansehen. Totilas möchte währenddessen mit der Deutschen reden, und ich habe angeboten, ihn zu begleiten. So giftig, wie die ihn angestarrt hat, ist es vielleicht besser, wenn eine neutrale Person bei dem Gespräch anwesend ist.

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Puh. Das war... schwierig. Miss Gruber hat überhaupt nicht gut auf Totilas reagiert. Am Rande eines hysterischen Anfalls, wohl eher. Wobei sie anfangs noch eisern beherrscht und eisig kühl reagierte und völlig selbstverständlich davon ausging, dass wir anderen vier Totilas' Futtervieh seien. Es benötigte einiges an Anstrengung, um Miss Gruber – die übrigens Österreicherin ist, keine Deutsche, wie sich herausstellte – davon zu überzeugen, dass dem eben nicht so ist, sondern dass wir, vollkommen un-be-vampirt, aus freien Stücken hier sind und sich Totilas sogar eher in meiner Begleitung befindet als anders herum.

Wie dem auch sei, irgendwann hatte ich Vanessa dann soweit, dass sie mir das halbwegs abnahm. Da wollte sie dann wissen, warum Edward und Roberto sich dem magischen Ritual auf Wizard Island anschließen wollten, wenn nicht auf Totilas' Befehl hin und um weiteres Futter für ihn zu beschaffen? Sie selbst sei ja eigentlich zur Genesung hier am Crater Lake, aber als Magierin und Angehörige des White Council sei es doch ihre Aufgabe, darauf zu achten, dass weniger Begabte wie unsere fünf jungen Autorenfreunde keinen Unsinn mit der Magie anstellten. Ich erklärte ihr, dass Edward und Roberto lediglich dabei sein wollen, um auf die jungen Leute aufzupassen, nicht aus irgendwelchen niederen Motiven.

Totilas warf ein, dass es doch besser wäre, wenn wir alle zusammenarbeiten würden statt gegeneinander. Das war aber dummerweise in diesem Moment genau das Falsche – denn nun bekam Vanessa den Zusammenbruch, gegen den sie sich zuvor so eisern beherrscht hatte.  Sie stammelte irgendwas von "seinen Leuten" und "Salzburg"  und "da verlässt man sich mal" und "in den Rücken fallen", ehe sie völlig aufgelöst davonstürzte.

Nicht gut. Aber ich glaube, ich sollte sie jetzt erst mal in Ruhe lassen. Und Totilas am besten in nächster Zeit so bald gar nicht mehr mit ihr reden. Denn wir reimten uns ihre Reaktion – und ihre sichtliche Angeschlagenheit und Rekonvaleszenz – so zusammen, dass sie wohl direkt vom jüngsten Verrat des White Court am White Council im Krieg gegen den Red Court betroffen gewesen sein muss, als die weißen Vampire sich mit den roten zusammentaten und ihren angeblichen Verbündten, den Magiern, eben aufs Übelste in den Rücken fielen. Kein Wunder, dass die Arme auf den Namen "Raith" und alles, was damit zu tun hat, so allergisch reagiert…

Ich glaube, ich gehe jetzt erst mal einen längeren Spaziergang machen oder gleich halbwegs richtig wandern. Die Natur hier ist jedenfalls atemberaubend schön, und ganz unterschiedliche Tiere soll man auch beobachten können.

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Die Jungs sind von der Insel zurück. Und wie erwartet, ist Wizard Island magisch. Also wirklich stark magisch und mächtig und so. Die drei waren gar nicht so lange drüben, aber sie haben in der kurzen Zeit zwei Ritualplätze gefunden: einen sehr offensichtlichen und schon ziemlich verbrauchten, aber auch einen versteckteren, reineren, anscheinend nur sehr wenig genutzten. Die jungen Leute werden Roberto und Edward natürlich zu dem offenen Platz lotsen. Da wir ja ohnehin nicht so wirklich wollen, dass das Ritual so richtig mächtig und in vollem Umfang klappen soll, ist ein verbrauchter, ausgelutschter Ritualplatz dafür eigentlich genau das Richtige. Wenn wir allerdings in die Verlegenheit kommen sollten, etwas Eigenes zu veranstalten, wäre der versteckte, weniger benutzte Ort natürlich besser geeignet.

Oh, meine Spazier-Wanderung (richtige Wanderausrüstung habe ich ja nicht dabei) war übrigens richtig schön. Ich habe unterschiedliche Vögel gesehen, darunter sogar einen Adler in der Ferne (glaube ich, kann es aber nicht beschwören), unzählige Streifenhörnchen, Kaninchen und zwei Rehe. Bären oder Wölfe sind mir keine begegnet, worüber ich auch recht froh bin, ehrlich gesagt.

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Eben hat Edward nochmal mit Miss Gruber geredet, wohlweislich ohne Totilas oder meine Begleitung. Wir hatten ja von unserer katastrophalen Begegnung mit der Österreicherin erzählt und erwähnt, dass sie im White Council sitzt, und so hielt Edward das für eine gute Gelegenheit, endlich mal ein wenig mehr über den Rat der Magier zu erfahren. Von Vanessa hörte Edward, dass der White Council nur sogenannte "Vollmagier" aufnimmt, also solche mit viel magischem Talent in mehr als einem Bereich. Solange unser Freund also "nur" Ritualmagie beherrscht, wird er weder in den White Council aufgenommen noch von dessen Angehörigen für voll genommen werden.

Kurz erwähnte Edward wohl auch sein Telefonat vom letzten Herbst mit diesem unsympathischen Magier aus Chicago, aber Vanessa kannte ihn nicht. Auch meinte Vanessa, darauf angesprochen, in Österreich und Europa sei es nicht üblich, dass geringere Praktizierer Steuern an den White Council zu zahlen haben, aber eigentlich sei das gar keine schlechte Idee, über die man vielleicht nachdenken solle. Immerhin müsse man den Krieg gegen den Red Court ja finanzieren.
Hmpf. Auch eine Einstellung. Aber hey, Vanessa hat selbst zugegeben, dass sie bis vor kurzem eigentlich auch die typische arrogante Einstellung des durchschnittlichen White Council-Magiers gehabt habe und erst die traumatisierenden Kriegserlebnisse kürzlich sie eines Besseren belehrt hätten. Irgendwie scheint sie ja doch ganz nett zu sein, wenn man sie lässt.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 22.01.2015 | 20:45
Sehr schön!

...ich musste bei Cardos Vorfreude auf die Reise sooo kichern.  :D
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 27.03.2015 | 16:36
Ricardos Tagebuch: Vignette 2

Zurück von der Insel. Oh Mann.

Roberto und Edward haben ja die fünf jungen Autoren zu ihrem Ritual begleitet und sie natürlich zu dem offensichtlichen, verbrauchten Ort geführt. Alex und ich fuhren in einem zweiten Boot hinterher und gingen auf Wizard Island ebenfalls an Land, um die Dinge im Auge behalten zu können. Auch Ms. Gruber ließ sich das nicht nehmen – sie folgte in einiger Entfernung auf einer Art, hm, wie nenne ich das, magischen Wasserskiern.
Am Ritualplatz konnten wir sehen, wie die anderen erst einmal eine Weile diskutierten, bis sie sich schließlich einigten und das Ritual begannen.

Ich kenne mich inzwischen genug mit solchen Sachen aus, um auch aus der Ferne zu erkennen, wann der Hokuspokus beendet war und die Wirkung einsetzte... und die war, obgleich keine nach außen ersichtliche Magie passierte, ziemlich heftig. Die Ritual-Handlung endete, die jungen Leute sahen sich stirnrunzelnd um, weil eben nichts Offensichtliches geschehen war – und dann schrie Edie plötzlich auf und rannte mit schreckerfülltem Gesicht davon, Leyla riss die Augen auf und zog sich schleunigst von der Lichtung zurück, und auch drei jungen Männer wirkten verstört. Jeff, der Besitzer des kleinen Hundes, der Edward so ins Herz geschlossen hat, brach an Ort und Stelle schreiend zusammen.

Natürlich eilten Alex und ich hin, als die Sache so aus dem Ruder lief, aber es war Ms. Gruber, die das Ganze beendete.  Sie hatte schon vorher mit ihrer Magie unheimliche Wolken am Himmel erscheinen lassen; nun ließ sie es regnen, und das fließende Wasser unterbrach, was auch immer da am Laufen war, höchst effizient.

Alex fand Leyla in ihrem Versteck, und ich schnappte mir Edie, ehe sie noch stolperte und von einem Felsen fiel oder sowas. Dann versuchte ich sie zu beruhigen, so gut es ging – das arme Mädchen stand völlig unter Schock und klammerte sich an mich und wollte sich erst gar nicht beruhigen. Sie stammelte unzusammenhängend von den schrecklichen Dingen, die sie plötzlich gesehen habe: Edward habe ausgesehen wie eine wilde Bestie, und ihre Freunde hätten auch ganz seltsam gewirkt. Danny habe ausgesehen wie ein Baum, Jeff sei verwundet und blutüberströmt gewesen, und Colbys Gesicht sei ganz verzerrt gewesen, mit einem riesigen Maul in einem kleinen, verkniffenen Gesicht.

Für mich klang das schwer danach, was Roberto von seinen Erfahrungen mit der „Sight“ im Laufe der Zeit so erzählt hat, aber davon sagte ich Edie natürlich nichts, und irgendwann beruhigte sie sich ein wenig und begann, das Gesehene mit Drogen zu rationalisieren. Dennoch war sie weiterhin noch ziemlich verstört und blieb schutzsuchend in meiner Nähe. Beim Abendessen setzte sie sich dann auch neben mich – was Elena gar nicht gefiel, so schien es mir; zumindest deutete ich ihre verstohlenen Blicke so.

Leyla hingegen war beim Abendessen schon wieder ganz die alte, hatte sich erstaunlich schnell von dem Schock erholt. Jeff war mit seinem Nervenzusammenbruch ins Krankenhaus gebracht worden, und Danny redete seitdem nur noch davon, ein Baum zu sein. Der stand barfuß draußen und wollte sich mit der Erde verwurzeln, bis wir ihn zum Abendessen hereinholten.

Während wir draußen unterwegs waren, ist noch etwas Seltsames passiert. Kirsty McGregor hat sich den Arm gebrochen, konnte aber gar nicht mehr sagen, wann genau und unter welchen Umständen. Und auch von den anderen wusste es niemand. Höchst eigenartig.

Oh, und beim Abendessen betrachtete Roberto Elena durch die „Sight“. Auf dieser Ebene gesehen, hatte sie gemalte Augen und war mit ihrem Block und ihrem Zeichenstift verbunden. Unter ihrer Haut lief schwarze Tinte entlang wie Blut in ihren Adern, und ihr Malblock wirkte sehr real, während Elena selbst blass erschien. Sehr beunruhigend. Und irgendwie genau das, was wir befürchtet hatten: Sie steht unter dem Einfluss ihres Malblocks.

Es war übrigens tatsächlich die „Sight“, was bei dem Ritual auf der Insel geschehen war, bekräftigten Roberto und Edward: Man hatte noch herumdiskutiert, wie genau man das Ritual durchführen wolle, und sich schließlich auf die vermeintlich harmloseste Variante geeinigt: etwas, das das „magische Potential“ der Teilnehmer öffnen würde. Dass sich das natürlich in der „Sight“ niederschlagen könnte, daran hatten weder Edward noch Roberto gedacht.

Vanessa Gruber war entsprechend angesäuert. „Ich dachte, ihr geht mit, damit eben nichts passiert? Damit das Ritual fehlschlägt?“ Aber auch auf diese Idee war keiner von uns gekommen, wir hatten immer nur daran gedacht, das Ganze so harmlos zu halten wie möglich. Seufz.

Naja, jetzt ist es leider nicht mehr zu ändern, es ist spät, und es war ein langer Tag. Gute Nacht!

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15. März. 08:25 Uhr.

Ooookay. Das muss ich jetzt vor dem Frühstück kurz aufschreiben, so viel Zeit muss sein.

Ich habe komisches Zeug geträumt, und dann war George in meinem Traum, und der erzählte mir, Edward habe soeben Roberto umgebracht. Davon wachte ich auf und ging natürlich sofort nachsehen, aber – dem Himmel sei Dank! – alles war in Ordnung. In Robertos Zimmer war alles ruhig, und auch Edward schlief ein wenig unruhig, aber fest. Puh.

Aber ich bin wie gerädert. Ich sehe aus dem Fenster, und draußen ist es neblig. Brrrrr. Passt.

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Beim Frühstück habe ich den anderen natürlich davon erzählt, und es stellte sich heraus, dass alle so seltsam geträumt hatten. Totilas muss sehr unruhig geschlafen haben, denn er sah ebenso fertig aus, wie ich mich fühle, und er erklärte, er werde jetzt in die Stadt fahren. Obwohl er es nicht aussprach, klang das für mich so, als habe er sich mit seinem Dämon auseinandergesetzt und wolle nun in die Stadt, um sich zu ernähren. Ich glaube, Genaueres will ich gar nicht wissen.

Roberto sah im Traum die gemalten Augen von Elena, und Edward träumte von Roberto, den unheimlichen Wolken, die Ms. Gruber tags zuvor herbeigezaubert hatte, und von der Badewanne mit Erde, in die wir Danny gesetzt hatten, als er meinte, er sei ein Baum. Nur dass im Traum Roberto in der Badewanne lag und Edward ihn gerade erschlagen hatte und er jetzt rief: „Verdammt, Roberto, kompostier' endlich!“

Danke, George. Du bist ein Traumfresser, da sollte man doch meinen, dass du inzwischen so langsam gelernt hast, dass Träume nicht unbedingt immer mit der Realität übereinstimmen. Aber nein, erstmal den guten alten Cardo mit solchen Schocknachrichten aufscheuchen...

Wir saßen noch beim Frühstück, da heulte draußen ein Wolf. Nur dass es kein echter Wolf war, wie Edward erkannte – was Jeffs Hund Snowball allerdings nicht daran hinderte, zurückzuheulen. Was wiederum Edward veranlasste, den kleinen Hund darauf hinzuweisen und dieser, Edwards amüsiertem Gesichtsausdruck zufolge, tatsächlich irgendetwas antwortete. Ich bin jedesmal wieder baff, wenn Edward mit Hunden redet. Langsam müsste ich mich doch eigentlich daran gewöhnt haben.

Kaum jemand hatte so richtig gut geschlafen, stellte sich heraus. Leyla war müde, Colby schlief wohl noch, und auch Edie war nicht im Speisesaal, und Danny saß wieder in seinem Terrakotta-Topf.
Leyla kam zu uns und sprach Edward auf das Wolfsheulen an – sie hatte ihn in der „Sight“ ja als Wolf gesehen –, doch er erklärte ihr trocken, dass er und seine, nennen wir es „Artgenossen“, auch wenn das das falsche Wort ist, nicht auf Geheul angewiesen seien, weil sie Telefone besäßen. Außer, er habe mal wieder ein Telefon kaputtgemacht, setzte er noch hinzu.

Leyla macht sich allerdings große Sorgen um Edie. In ihrem Zimmer ist sie nämlich nicht, und den ganzen Morgen hat sie noch niemand gesehen. Nicht dass es sie ist, die da heult, und das ein Zeichen dafür ist, dass sie in Schwierigkeiten steckt. Edward und ich gehen jetzt nach ihr suchen.

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Santísimo padre en el cielo, socorre. Wir haben Edie gefunden. Zu spät.

Wir begannen unsere Suche im Wald, von wo das falsche Wolfsgeheul gekommen war. Edie fanden wir dort nicht, aber dafür an ein seltsames Gebilde aus Holz: ein langer Stamm, beinahe wie ein Mast, in den Boden gesteckt, dekoriert mit Stöcken und Blättern. Das Ganze wirkte, vor allem im Nebel, ziemlich unheimlich und als solle es für ein Ritual dienen, aber Edward stellte fest, dass keine magische Energie dahinter steckte.

Wir gingen weiter, kamen über den Nebel hinaus, der über den Kraterrand und den See gezogen war. Von hier oben hatten wir wieder eine Sicht auf den See, und dort schien es so, als läge da ein Segelschiff im Nebel vor Anker. Ein Segelschiff? Hier? Ah, das war natürlich das „Phantom Ship“, eine Insel, die an eben jener Stelle im See zu finden ist, wo ich das Segel zu sehen geglaubt hatte.

Der falsche Wolf heulte wieder, und ich rief laut nach Edie, erhielt aber keine Reaktion. Ein Stück weiter fanden wir wieder so ein Ast-Blätter-Gebilde, und hier konnte Edward einen Geruch aufnehmen: den von Maggie und Hattie, zwei älteren Damen und Freundinnen unserer Gastgeberin Margo, die ebenfalls das Wochenende auf der Lodge verbringen. Viel hatten wir mit ihnen bisher nicht zu tun, da sie tagsüber immer wandern gehen und entsprechend selten anwesend sind.

Aber dass Edward erwähnte, er könne hier den Geruch der beiden Damen wittern, brachte mich auf eine Idee. Wenn wir schon Edwards gute Nase zur Verfügung haben, konnte er doch damit auch nach Edie suchen!

Allerdings nicht ohne Vorbereitung, dazu wäre die Witterung vermutlich zu schwach. Also gingen wir zurück zur Lodge, wo Edward ein kleines Ritual wirkte, um seinen Geruchssinn zu schärfen. Dort bemerkten wir dann auch, dass sich Leute mit Gewehren in den Wald aufmachten, die den „Wolf“ jagen gehen wollten. Es hatte wenig Sinn, denen zu sagen, dass es kein echter Wolf war, denn die waren schon ein gutes Stück den Weg hinunter, aber das brachte uns dazu, uns Warnwesten aus dem Auto zu holen, damit man uns nicht aus Versehen für Wild hielt.

Während Edward und ich auf der Suche nach Edie waren, wollte Roberto sich übrigens Elenas Bilder ansehen, unauffällig natürlich, aber das klappte leider nicht. Maggie und Hattie haben noch einen jungen Mann dabei, einen Verwandten. Sohn? Neffe? Schwiegerson? Irgendwie sowas. Ich glaube, eine von beiden sagte bei der Vorstellung vorgestern etwas von „Stiefschwiegersohn“, wie auch immer das funktioniert.
Jedenfalls, dieser Typ bemerkte Roberto dabei, wie er Elenas Mappe durchblättern wollte, und stellte ihn zur Rede. Soviel dazu.

Nun also wirkte Edward sein Geruchsverstärkerritual, wobei der kleine Hund Snowball lustigerweise ständig um ihn herumwuselte und das, noch lustigerweise, Edward überhaupt nicht störte. Trotz, oder wegen, der Ablenkung gelang das Unterfangen, und Edward sagte, er habe Edies Geruch fest in der Nase.

Wir, oder besser Edward, folgte der Witterung, die schließlich hinunter zum See führte. Hier, abseits vom Pfad, bemerkte dann auch ich Spuren: die Abdrücke von bloßen Füßen. Da wurde die vage Sorge um Edie zum ersten Mal zu einem richtig, richtig schlechten Gefühl.

Und dann, am Ufer angekommen, sahen wir sie: Edie trieb ausgebreitet im See, von ihrem Haar umweht wie von einer Wolke. Malerisch. Zu malerisch. Wir stürzten uns sofort ins Wasser, holten sie ans Ufer, begannen mit Beatmung, aber es war zu spät. Wir konnten sie nicht mehr retten. Edies Leichnam sah ruhig aus, ernst und gefasst, wie eine Lady in einer mittelalterlichen Ballade. Oder in einem Gemälde.

Natürlich wurde sofort die Polizei verständigt. Alles stand unter Schock – stehen noch, um ehrlich zu sein. Jeder wurde verhört, natürlich. Und alle spekulierten, was denn wohl da geschehen sein mochte. Ein Unfall, dass Edie spazieren gegangen und am Abhang gestürzt war, immerhin gibt es da überall sehr steile Stellen? Selbstmord vielleicht, als Nachwirkung des Rituals, dass Edie das nicht verkraften konnte, was sie am Abend zuvor in der „Sight“ gesehen hatte?

Wobei diese letztere Überlegung nur unsere eigene war, bzw. wir diese Theorie nur mit Vanessa Gruber besprachen. Die hatte ja gestern noch mit Edie gesprochen, aber diese hatte alles verleugnet, was irgendwie nach Magie und Übernatürlichem klang, hatte das alles auf einen Drogentrip geschoben, und zwar sehr vehement, ebenso wie der Vorfall den anderen Gästen als fehlgeschlagenes Drogenexperiment verkauft worden war. Und so war ein verbleibender Drogeneinfluss tatsächlich auch für die Polizei und die übrigen Lodge-Besucher die wahrscheinlichste Todesursache. Mit diesem Urteil zogen die Beamten dann auch erst einmal wieder ab. Colby nahmen sie allerdings mit, da der, noch vom Ritual verstört, sich so seltsam benahm. Immerhin scheint der Vorfall Danny aus seiner „Ich bin ein Baum“-Phase gerissen zu haben, was nur ein schwacher Trost ist, aber wenigstens etwas. Ich bin selbst auch noch ziemlich aufgerüttelt, deswegen habe ich mich zum Schreiben zurückgezogen. Vielleicht beruhigt mich das ein bisschen.

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Eben hat Roberto uns alle – bis auf Totilas, der noch unterwegs ist – zusammengetrommelt, mit einer üblen Nachricht.

Maggie und Hattie, Margos ältere Freundinnen, kamen von ihrer Wanderung zurück, gerade als die Polizei uns alle vernahm.
Und Roberto hatte plötzlich einen Einfall, eine Art Intuition, die ihn dazu brachte, sich die beiden rüstigen alten Damen einmal in der „Sight“ anzusehen. Wir waren ja dabei, und für uns sah es in dem Moment so aus, als lege Hattie ihm tröstend die Hand auf den Arm. Aber für Roberto, in der „Sight“, waren es Klauen, die nach ihm griffen, und die alten Damen Hexen, Baba Yagas, wie Roberto sagte.

Von diesem neuen, erschreckenden Wissen ausgehend, untersuchten wir die Baumgebilde im Wald noch einmal, und Alex stellte fest, dass tatsächlich die beiden Rentnerinnen die Dinger aufgestellt hatten. Auch waren sie es wohl, die das Wolfsgeheul imitierten, vermutlich, um eine gruselige Stimmung zu verbreiten.

Oh Mann. Sollten die beiden etwas mit Edies Tod zu tun haben? Oder doch Elena? Immerhin vermuten wir ja schon seit gestern, dass sie irgendwie die Dinge, die sie zeichnet, wahr werden lassen kann. Wie schwer wäre es ihr gewesen, ein Bild von Edie tot im See zu malen, das dann irgendwie in Erfüllung gegangen ist? Und sie sah nicht sehr glücklich aus, dass ich gestern Abend nach dem Ritual so viel Zeit mit Edie verbrachte, um sie nach ihrem Schock zu beruhigen...
Aber – ¡Dios no lo quiera! – wenn es Elena war, weiß sie dann, was sie tut? Sie steht ja selbst auch bereits unter dem Einfluss ihres Malblocks...

Ich muss mit Elena reden. Vielleicht kann ich etwas herausfinden. Oder wenigstens mir ihre Bilder mal ansehen. Wir hatten ja ausgemacht, dass sie mir ihre Entwürfe für Indian Summer zeigen will, also wird es noch nicht einmal auffallen, wenn ich das Thema auf ihre Zeichnungen bringe. Roberto will den Aufpasser spielen – sprich, er geht unabhängig von mir in den Salon, um dort zu lesen, und für Elena und mich ist das auch der natürliche Ort, um sich ihre Bilder anzusehen. Ich hoffe ja, Robertos Vorsicht ist unnötig. Aber selbst wenn ich bisweilen ein bisschen naiv sein mag: So naiv, dass ich sein Angebot ablehnen würde, bin ich nicht.

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Ich habe die Bilder gesehen. Und ja, Elena kann unglaublich gut zeichnen. Aber es war irgendwie schon ein bisschen beunruhigend, dass auf allen Bildern Eric Albarn so aussah wie ich. Während ich so durch die Zeichnungen blätterte – ihren Malblock hatte Elena natürlich auch dabei, sie scheint ja nirgendwo ohne den hinzugehen, aber den gab sie nicht aus der Hand, sondern zeigte mir nur ihre Mappe – kam ich auf einmal an einige Blätter, von denen Elena anscheinend gar nicht mehr gewusst hatte, dass sie ebenfalls in der Mappe lagen. Es waren Zeichnungen von Eric Albarn, also von mir im Prinzip, und von dem Schauspieler Orlando Bloom, genauer gesagt, von dem von ihm im Herrn der Ringe gespielten Charakter Legolas. Und die beiden Charaktere auf den Bildern ... ähm. Bei von Fans geschriebenen Kurzgeschichten nennt man das wohl "Slash-Fiction", dann muss das hier "Slash-Art" gewesen sein.

Madre de Dios, es war ja sogar mir ein bisschen peinlich, diese höchst privaten Bilder gesehen zu haben. Aber Elena erst! Als sie merkte, was ich mir da ansah, quiekte sie wie ein Teenager, lief blutrot an und rannte davon. Die Mappe vergaß sie in ihrer Bestürzung.

Es hätte keinen Sinn gehabt, ihr in diesem Moment nachzulaufen, glaube ich, und ich wollte ja ohnehin in den Zeichnungen nach einem Anhaltspunkt suchen. Also habe ich mir den Rest der Mappe auch noch angesehen. Irgendwelche Motive, die mit dem zu tun hatten, was Edie geschehen ist, habe ich nicht gesehen, was für die Theorie spricht, dass Elena – wenn sie diejenige ist – diese Zeichnungen nur in ihrem Malblock hat.

Aber etwas anderes habe ich gesehen. Unter den Entwürfen für Indian Summer war auch ein Bild vom Showdown in der Westernstadt. Und die Zeichnung war haargenau eine Abbildung des Filmsets vom letzten Frühjahr. Nun war das Filmset ja relativ genau nach dem Buch erstellt worden, aber es waren einige Elemente im Buch nicht explizit beschrieben, die aber beim Dreh zu sehen waren, und auch die hatte Elena auf ihrer Zeichnung verewigt. Allen voran das Totem, hinter dem die Bucas her waren, und dessen Aussehen ich im Buch nie genau ausformuliert hatte. Aber Elena hatte genau das Totem aus dem Film gezeichnet, und davon konnte sie nichts wissen. Mierda.

Während ich Roberto noch davon erzählte und ihm die Zeichnung vom Filmset zeigte, kamen Hattie und Maggie herein und brachten selbstgebackenen Apfelkuchen. „Zum Trost nach dem tragischen Vorfall“, wie sie sagten. In unserem Wissen um die beiden nahmen wir uns zwar ein Stück, taten aber nur so, als würden wir davon essen, und nahmen den Rest „für später“ mit. Alle anderen jedoch schlugen mit Begeisterung zu, und die beiden alten Damen wirkten glücklich, dass ihr Kuchen solchen Anklang fand.

Sobald wir konnten, zogen Roberto und ich uns zurück, um die anderen zu suchen und ihnen Bericht zu erstatten. Alex hatte inzwischen aus Robertos Aftershave einen Brandbeschleuniger gebastelt, als „Plan B“, falls Elenas Malblock schnell Feuer fangen müsse. Den Feuerlöscher hatte er auch gleich aus dem Bus geholt und bereit gemacht. Sicher ist sicher.

Roberto und Edward untersuchten den Kuchen, allerdings nicht über Robertos „Sight“, sondern per magisch-chemischer Analyse. Der Kuchen ist nicht giftig, stellten sie fest, aber er macht den Essenden empfänglicher für Einflüsterungen und Beeinflussung aller Art.

Über diesen Fund, und über die Tatsache, dass die beiden Rentnerinnen Hexen sind, informierten wir umgehend Ms. Gruber. Vanessa reinigte sich magisch von dem Kuchen und beteiligte sich dann an unserem Rätselraten. Planen die Hexen etwa ein Ritual auf Wizard Island? Weiß Elena, was sie tut, oder steht sie unter dem Einfluss der beiden alten Damen, oder ihres Malblocks, oder beider? Wir wissen es nicht, wir können es nur vermuten.

Irgendwann kam dann auch Margo zurück aus der Stadt, wo sie ja beim Arzt gewesen war, und wurde über die neuesten Entwicklungen informiert. Über Edies Tod war sie natürlich völlig geschockt. Ich sprach kurz mit ihr, fragte sie nach ihrer Beziehung zu Maggie und Hattie. Die beiden hätten ihr die Lodge empfohlen, sagte sie. Und „Die sind echt lieb.“ Aber wie sie das sagte, klang heruntergeleiert. Auswendig gelernt. Ein Automatismus.

Das Abendessen kochte übrigens Alex, ein Chili con Carne – oder, in seinen Worten, ein Chili con Durchfall. Wir selbst haben natürlich nichts davon gegessen, sondern wieder nur getan, als ob, aber so hoffen wir, den magischen Apfelkuchen aus den anderen herauszubekommen. Nicht dass die Hexen in der Nacht die ganze Belegschaft auf Wizard Island locken wollen.

Totilas ist noch nicht wieder da, aber wenn der bis Eugene gefahren sein sollte statt nur bis Klamath Falls, ist das auch kein Wunder.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 29.03.2015 | 00:19
16. März, morgens.

Ich habe schon wieder so seltsam geträumt. Diesmal war George, der kleine burro, nicht involviert, stattdessen hatte ich das Gefühl, irgendetwas greift nach mir. Muss wohl eine Folge der Ereignisse gestern und der ganzen Gruselstimmung hier sein. Erstmal frühstücken gehen und einen Kaffee trinken, dann wird es bestimmt besser.

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BOAH!!!

Dieser elende Besserwisser! Das geht mir so auf die Nerven! Ernsthaft jetzt!

Nicht mal in Ruhe sein Frühstück essen kann man. Ich wollte doch nichts weiter als einfach nur meinen Kaffee trinken. Aber nein, Roberto muss ankommen, mit diesem bescheuerten näselnden und überheblichen Tonfall, den er immer draufhat, wenn er denkt, er weiß alles, und wir anderen sind kleine Hosenscheißer: „Und was machen wir jeeeetzt?“ Mit diesem oberlehrerhaften Frageton am Ende, als wisse er es natürlich schon ganz genau, wolle es aber von seinen minderbemittelten Schülern nochmal hören. Boah, dieser bescheuerte sabelotodo!

Und als ich mich wehrte, hauten Alex und Edward natürlich voll in dieselbe Kerbe. Na klasse. Gerade von Edward hätte ich das nicht gedacht. Aber der war heute morgen eh so grummelig, noch viel grummeliger als sonst. Gah! Das hab ich grad noch gebraucht. ¡De verdad, eso me pone los nervios de punta!

Ich brauche jetzt erstmal frische Luft. GAH!

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Ich habe einen Spaziergang gemacht. Mit Elena. Dass die anderen so bescheuert drauf sind, muss mich ja nicht daran hindern, der Sache weiter nachzugehen und versuchen, mehr über sie und ihre magischen Zeichenkünste herauszufinden.

Wobei es eher Zufall war, ich habe sie nicht absichtlich gesucht. Aber sie saß da auf einem Felsen und zeichnete, und da habe ich die Gelegenheit genutzt und bin zu ihr hin. Dummerweise konnte ich nicht sehen, was genau sie da malte, aber bei einem Spaziergang, dachte ich, würde sich ja vielleicht die Gelegenheit ergeben, etwas aus ihr rauszubekommen.

Der Spaziergang war eigentlich ziemlich nett. Wir unterhielten uns über alles Mögliche: über die Lesereise diese und nächste Woche, über die Gegend hier, die Wanderung, die ich gestern unternommen habe, die Tiere, die ich dabei sah. Elena meinte, es solle hier einen Adler geben, und ich antwortete, ich hätte aus der Ferne einen großen Vogel gesehen, aber ich wisse nicht, ob es der Adler gewesen sei oder etwas anderes.

Da fragte sie mich, ob ich den Adler gerne aus der Nähe sehen würde, und ich meinte, klar, das wäre schon toll. Da lächelte sie mich an und setzte sich auf einen Baumstumpf, holte ihren Malblock heraus und fing an zu zeichnen. Und diesmal konnte ich ihr über die Schulter sehen, was sie da machte: Mit schnellen, geschickten Strichen erweckte sie den See zum Leben, den Weg, ihre sitzende Gestalt auf dem Baumstumpf und meine stehende daneben – und dann zeichnete sie im Himmel über uns einen Adler hin, der majestätisch über dem See in unsere Richtung schwebte.

Und kaum hatte sie den letzten Strich gesetzt, hörten wir ein heiseres Kreischen, und aus der Ferne kam der Adler herangeflogen, kreiste mehrmals über unseren Köpfen, dass man ihn richtig gut sehen konnte. Da hatte ich also meinen Beweis: Elena kann Dinge wahr-zeichnen.

Ich fragte sie dazu ein paar Sachen, vorsichtig, um sie nicht zu alarmieren, aber dass sie das konnte, war ja nun offensichtlich. Elena meinte, sie könne das schon eine Weile, und sie würde das irgendwie in sich spüren.
Ich wollte sie noch detaillierter dazu befragen, aber das klappte nicht. Denn ich hatte gerade die nächste Frage auf der Zunge, da hörten wir Stimmen, und auf dem Weg erschienen... wer sonst als die Jungs.

Boah, nerv! Ausgerechnet! Gerade, wo ich Elena soweit hatte, dass sie ein bisschen am Auftauen war und mal den Mund aufmachte! Schlechter hätte deren Timing echt nicht sein können, und wenn sie es darauf angelegt hätten! Und überhaupt, wie hatten die uns hier gefunden? Hatten die mich etwa verfolgt?! Was fällt denen ein!

Roberto bekam diesen komischen Blick, den er immer hat, wenn er seine „Sight“ aufmacht. Und mit diesem Blick sah er mich an. Betrachtete der mich etwa in der „Sight“?! Wollte der etwa irgendwelche Geheimnisse über mich herausfinden oder was? Das wurde ja immer besser!

Elena hatte natürlich sofort dichtgemacht und bekam keinen Ton mehr heraus. Also wimmelte ich die Jungs schleunigst ab – meine Meinung sagte ich ihnen dabei auch gleich mit – und zog mit Elena weiter. Mann, was war ich erleichtert, als die anderen endlich außer Sicht waren!

Ich wollte das Gespräch wieder auf Elenas Zeichenkünste bringen, aber der Moment war vorüber. Mierda.
Statt dessen schaute sie über den See, kein Nebel heute, und machte eine Bemerkung wegen des unglaublich blauen Wassers – ein Ablenkungsmanöver, ganz klar.

Während wir so den See betrachteten, sahen wir Danny, der in einem Ruderboot zum Phantom Ship unterwegs war, dieser anderen Insel im See. Elena lächelte mich an und meinte, dort sei es total spannend, und ob wir nicht auch hin wollten. Warum nicht – dorthin würden die anderen mir wenigstens nicht nachkommen!

Ja denkste. Auf dem Weg zum Anlegesteg, wo das zweite Boot vertäut war, sahen wir prompt die Jungs ebenfalls in dieselbe Richtung stiefeln. Können die mich nicht mal eine Minute in Ruhe lassen?! Ich beschleunigte meine Schritte, Elena tat es mir gleich, und so kamen wir vor den Nervensägen am Boot an. Hah. Wenn sie partout auch auf den See hinaus wollten, sollten sie doch schwimmen! Aber sie drehten ab, als sie sahen, dass wir das Boot zuerst erreichten. Ich wiederhole mich, aber: Hah.

Als wir am Phantom Ship anlegten, lag Dannys Boot bereits in einer der kleinen Buchten. Wir jedoch fuhren einmal um  das Inselchen herum auf die andere Seite, wo es einen besseren Landeplatz gab, wie Elena sagte. Während wir um die Spitze ruderten, sahen wir, dass die Jungs sich irgendwo ein drittes Boot besorgt haben mussten – es sah verdächtig nach einem Gummiboot aus. Mann, ernsthaft jetzt!? Wollen die mir jetzt wirklich auf Schritt und Tritt auf der Pelle hängen? Langsam macht mich das echt wütend.

Aber von dem anderen Landeplatz aus waren weder das Gummiboot noch Dannys Jolle zu sehen, und Elena führte mich auf einem kleinen Pfad die Felsen hoch, wo wir eine perfekte Aussicht über den See hatten, ohne von irgendwem gestört zu werden. Elena setzte sich auf einen abgeflachten Felsen und klopfte mit der flachen Hand auf den Stein neben sich, seufzte zufrieden. Ich jedoch hatte irgendwie ein richtig ungutes Gefühl bei der Sache, als würden sich all meine Nackenhaare aufstellen oder so.

Elena merkte das. Sie lächelte mich an und meinte, ich solle mich für die Insel öffnen, das sei eine tolle Erfahrung, die ihr echt geholfen habe. Aber... nein. Nein, danke. Ich tat, was ich konnte, um mich gegen jegliche Art geistiger Öffnung zu wehren, auch wenn Elena mit einem „entspann dich doch, alles ist gut!“ anfing, mir die Schultern und die Schläfen zu massieren. Irgendwas gefiel mir an der Insel ganz und gar nicht.

Als Elena erkannte, dass ihre Massage nichts brachte, schlug sie vor, mir doch ein Bild aus dieser Perspektive zu zeichnen, ein Bild vom See mit dem Phantom Ship darauf, damit ich einen anderen Eindruck davon bekäme. Aber nein, auch das wollte ich nicht, denn ich wusste ja jetzt, dass Elena Dinge herbeizeichnen kann, die dann wahr werden, und ich hatte den übermächtigen Drang, das auf keinen Fall zuzulassen, mein ungutes Gefühl von der Insel nicht zu verlieren.

Glücklicherweise gelang es mir, sie umzustimmen und vorzuschlagen, dass sie doch besser diese eine Szene aus dem Buch zeichnen solle, über die wir uns vorgestern abend noch unterhalten hatten. Dazu sollten wir aber besser von der Insel runter, erklärte ich, denn hier auf dem Felsen zu sitzen zum Zeichnen sei doch arg unbequem. Und puh, was war ich erleichtert, als wir das Phantom Ship verließen und zum Ufer zurückruderten.

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BOAH!!! Das schlägt wirklich und wahrhaftig dem Fass den Boden aus. Was bin ich wütend!!!

Eben war Margo bei mir. Sie hatte einen ganz seltsamen Ausdruck auf dem Gesicht, als sie zu mir kam und mich ansprach. Und dann meinte sie, meine Freunde wollten mich auf die Insel lotsen, und sie hätten sie eigentlich gebeten, nichts zu sagen, aber immerhin sei ja ich ihr Gast und die anderen nur meine Begleiter, und deswegen sei es nur fair, mir die Wahrheit zu sagen.

Einen Moment lang starrte ich sie nur an, wort- und verständnislos. Was hatten diese payasos jetzt wieder vor?

Also holte Margo etwas weiter aus. Roberto war zu ihr gekommen und hatte etwas von einem „Zwist mit unserem Freund“ gesagt (Zwist? Hah, dass ich nicht lache! Die benehmen sich schon den ganzen Tag vollkommen unmöglich! Soll man da etwa nicht aus der Haut fahren?) und dass Margo ihn doch bitte unter einem Vorwand auf Wizard Island bringen solle zwecks Versöhnung.

Margo – die bei Robertos Worten davon ausging, dass dieser Edward meinte – ging zu dem und bat ihn, ihr zu helfen, weil sie auf der Insel ein Abschieds-Grillfest veranstalten wolle und jemanden brauche, der mit ihr zusammen die Sachen hinbringe. Edward habe sie daraufhin gebeten, auch mich zu dem Grillfest mitzubringen, ich „sei so seltsam drauf“. Hah.

Sie verabredeten sich dann für den frühen Abend, um die Sachen für das „Grillfest“ hinüberzurudern, aber kurze Zeit später kam Roberto nochmal zu Margo und erklärte ihr, dass es sich um ein Missverständnis gehandelt habe, dass ich es sei, der das Problem darstelle. HAH!

Und das war dann eben der Moment, in dem Margo zu mir kam und mir alles erzählte. Sie fragte auch, ob sie die Jungs ausladen solle, denn, wie gesagt, immerhin sei ich der Gast hier, und wenn meine Freunde mir Schwierigkeiten machten, könne sie ohne weiteres von ihrem Hausrecht Gebrauch machen und sie der Lodge verweisen.

Einen Moment lang war ich auch echt in Versuchung, von dem Angebot Gebrauch zu machen, aber, so schwer es mir fiel, schüttelte ich dann doch den Kopf. Es war ja nur noch für heute, dachte ich, morgen früh ist die Abreise, und so lange würde ich denen einfach aus dem Weg gehen.

Aber ich bat Margo, mir einen Mietwagen zu besorgen. Kommt nicht infrage, dass ich morgen mit den anderen im Bus fahre. Und ich fragte, ob ich vielleicht für die letzte Nacht in eine andere Hütte umziehen könne, da ich auf gar keinen Fall noch eine weitere Nacht mit diesen Deppen unter einem Dach verbringen will. Vielleicht lassen mich Leyla und Danny zu sich. In deren Blockhaus ist ja jetzt Platz.

Margo sagte, sie werde alles einrichten, und zog wieder ab. Ich hingegen ging in unsere Hütte, um meine Sachen zu holen – und stellte fest, dass mein Tagebuch weg ist, ebenso wie die Mappe mit Elenas Zeichnungen! Diese Mistkerle haben mein Tagebuch gestohlen!! Dazu haben sie kein Recht!! Ich bin so wütend!!! Das hier schreibe ich jetzt gerade auf loses Papier, ich musste es einfach loswerden. Aber BOAH!! Wie können sie es wagen!!! Und ich dachte wirklich mal, das seien meine Freunde!

Ich gehe jetzt und hole mir mein Tagebuch wieder.

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O madre mia. Was für eine verfahrene mierda.

Bei meiner Suche fand ich zunächst nur Roberto, den ich voller gerechtem Zorn anschrie, wo mein Tagebuch und Elenas Mappe seien. Er jedoch, was mich nur noch viel mehr auf die Palme brachte, blieb ganz ruhig und meinte, ich solle halt mitkommen, dann würde ich meine Sachen wiederbekommen.

Ich kochte förmlich vor Wut, folgte ihm aber zum Boot, und wir ruderten zum Wizard Island hinüber, wo ich gar nicht groß wartete, sondern aufgebracht den Pfad hinaufstapfte, Roberto dicht hinter mir.

Edward und Alex waren an dem versteckten, unverbrauchten Ritualplatz, den die drei bei ihrem ersten Besuch auf der Insel entdeckt hatten. Irgendwie wunderte es mich gar nicht, dass sie da irgendein Ritual vorbereiteten. Sie hatten einen Kreis gezogen, und darin lagen, das sah ich auf den ersten Blick, neben ein paar anderen Sachen mein Tagebuch und Elenas Zeichenmappe.

Ich stürmte natürlich sofort auf meine Sachen zu – da lag noch ein Foto von uns allen, stellte ich im Näherkommen fest, außerdem ein Donut. Und in dem Moment, als ich den Kreis betrat, fing Roberto an zu singen – da erkannte ich noch nicht, was es war; erst vorhin fiel mir dann wieder ein, woher ich das Stück kenne. Es war die Titelmelodie der Zeichentrickserie „My Little Pony – Friendship is Magic“, die Alejandra so gerne sieht. Alex hatte ein Feuerzeug in der Hand und verbrannte sich gerade den Unterarm, und auch Edward war gerade dabei, sich selbst einen Schnitt zu versetzen, während er seine magische Ritualformel sprach. Was zum...?

Und dann, plötzlich, war es, als mache es 'Plopp' in meinem Kopf, so ähnlich, wie wenn einem im Flugzeug die Ohren verstopfen und man schlucken muss und erst dann plötzlich wieder alles hört. Und ich erkannte, dass meine Abneigung gegen die Jungs künstlich herbeigeführt worden war, dass Elena irgendwas mit mir gemacht hatte, um mir diesen Hass auf meine Freunde einzupflanzen.

Die drei erzählten mir, dass ihnen irgendwann im Laufe des Vormittags der Verdacht gekommen sei, dass Elena mich beeinflusst haben könne. Daraufhin hatten sie dann zunächst mit Vanessa geredet und der Elenas Aussehen in der „Sight“ beschrieben, was diese zu großer Sorge veranlasste, dann gingen sie mich suchen. Als wir während des Spaziergangs aufeinandertrafen, hat Roberto mich tatsächlich in der „Sight“ betrachtet und festgestellt, dass ich ein Stirnband aus Dornen trug, das irgendwie mit einem Bild der Jungs verbunden war, dass Elenas Hände klauenartig nach mir griffen und ihr Stift an mir klebte, ja schon beinahe in mir steckte. Daraufhin planten sie dann eben das Ritual, um mich von der Beeinflussung zu befreien.

Das Fiese ist nur... obwohl ich jetzt weiß, dass die Abneigung künstlich ist, ist sie nicht verschwunden. Ich sehe die Jungs an und verspüre noch immer nichts als Widerwillen und Antipathie, und das einzige, was ich tun kann, ist mit meinem Verstand dagegen anzukämpfen, weil ich weiß, dass es nicht echt ist.

Mit dem Phantom Ship stimmt tatsächlich etwas nicht, erzählten die Jungs noch. Alex hat gespürt, dass die Grenze zum Nevernever dort dünner ist und etwas dahinter lauert, das nicht gut ist. Als sei ein schlafendes Monster gerade dabei, sich zu regen, als sei etwas Böses gerade am Erwachen. Und die Düsternis, die Edward gestern gespürt hat, kam, kommt, von dort.

Alex gab mir noch seinen Brandbeschleuniger für den Fall, dass Elenas Block schnell brennen müsse. Der gegenüber darf ich mir natürlich nichts anmerken lassen; sie muss denken, dass ich weiterhin voll unter ihrem Einfluss stehe, sonst kommt sie noch auf die Idee, etwas Neues, Schlimmeres, für mich zu zeichnen.

Wieder an Land habe mich erst einmal abgesetzt, und zwar tatsächlich in Leylas und Dannys Hütte. Und auch den Mietwagen werde ich nicht abbestellen. Denn wie gesagt, die Antipathie gegenüber den Jungs ist noch immer vorhanden, obwohl ich weiß, dass sie nicht echt ist, und ich muss denen jetzt einfach eine Weile aus dem Weg gehen.

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Eben beim Abendessen habe ich mich zu Kirsty McGregor und Michael Stackpole gesetzt und hatte endlich mal die Gelegenheit, ein bisschen ausführlicher mit denen zu reden. Das war fein, das hätte ich während des Wochenendes mal schon viel eher machen sollen.

Das Seltsame war nur: Kirstys Arm war wieder völlig in Ordnung, und sie hatte auch keinerlei Erinnerung daran, dass etwas damit nicht gestimmt hatte. Muy curioso.

Ich gab dann Barry noch ein Autogramm für dessen Frau und Tochter, und Edward ließ sich zu meiner Überraschung ein Autogramm von Kirsty McGregor geben. Erst dann fiel mir ein, dass Edward bei der ersten Erwähnung ihres Namens in der Vorbereitung auf diese Reise mal gesagt hatte, den Namen kenne er, Cherie lese ihre Bücher recht gerne. Ob er mit dem Autogramm versuchen will, Cherie zurückzugewinnen?
Außerdem sah ich von weitem, wie Edward und Vanessa jeder etwas aufschrieben und die Zettel dann austauschten. Adressen? Telefonnummern? Die Warden zum Kontakt zu haben, kann sicherlich nicht schaden.

Elena war nicht so glücklich darüber, dass ich mich anderen Leuten widmete als ihr selbst, aber sie sagte nichts deswegen. Und ich hütete mich, ihr zu zeigen, dass sich etwas geändert hat; ich ging den Jungs weiterhin nach Kräften aus dem Weg. Was mir, wie bereits erwähnt, nicht sonderlich schwer fiel.

Den Abend werde ich wohl einfach mit Kirsty und Mike im Salon verbringen und Autorengespräche führen.

Da! Eben kamen Maggie und Hattie zu Elena und redeten mir ihr. Sie sahen verstohlen zu mir hinüber und tätschelten ihr die Hand, und dann gingen alle drei.

Warte, Alcazár, warte... gib ihnen einen kleinen Vorsprung und dann hinterher!
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 31.03.2015 | 01:39
Oh Mann. Wo anfangen. Am besten einfach der Reihe nach; vielleicht... vielleicht hilft das, die Gedanken etwas klar zu bekommen. Aber ich glaube nicht so recht daran.

Ich folgte den drei Hexen bis zur Lodge der beiden alten Damen. (Die Jungs hatten mir übrigens auf der Insel noch erzählt, dass sich Vanessa Gruber die beiden Rentnerinnen in der „Sight“ angesehen und als echte Warlocks identifiziert hat, die definitiv etwas planten.) Aus der Hütte kam deren Stiefschwiegersohn – dessen Namen ich nie erfahren habe, glaube ich – und gingen in Richtung See.

Die anderen, die Vanessa suchen gegangen waren, als die drei Hexen den Salon verließen, hatten diese inzwischen gefunden, denn auf dem Weg zum See stießen sie zu mir, und wir verfolgten die drei weiter. Erst waren wir relativ unauffällig, aber je näher wir dem See kamen, um so unruhiger wurde Ms. Gruber. „Wir sollten sie keinesfalls auf die Insel lassen“, erklärte sie und hob ihren mit Muscheln besetzten Magierstab.

Dass Vanessa sich auf Wassermagie spezialisiert hat, das war uns ja schon vorher aufgefallen, und auch jetzt wirkte sie wieder einen entsprechenden Zauber: Mit einer Wasserhose zerstörte sie das Boot.

Als die beiden alten Damen sahen, dass ihr Transportmittel unbrauchbar geworden war, fauchten sie wütend auf und fletschten die Zähne, und wir konnten sehen, dass es ganz eigenartige, tierhafte Reißzähne waren.

Elena riss ihren Malblock hoch und begann im Stehen zu zeichnen. Wir durften keinesfalls zulassen, dass das, was sie da malte, Wirklichkeit wurde, also übergoss ich den Block schnell mit dem Brandbeschleuniger, den Alex mir gegeben hatte, und Roberto, direkt neben mir, zündete die Seiten an.

Indessen rannte der Schwiegersohn zu Vanessa, wurde aber von dieser verletzt. Auch Edward stürmte zu dem großen Kerl hin, zog ihn von Vanessa weg und begann, ihn zu verprügeln.

Die beiden alten Hexen lachten böse und pusteten irgendetwas in Vanessas Richtung, ein gelbes Pulver, das die Magierin einhüllte. Sie schrie laut auf vor Schmerzen: Offensichtlich hatte der Staub eine giftige oder ätzende Wirkung. Alex fackelte nicht lange, sondern warf sie in den See, um das Pulver von ihr abzuwaschen. Dann sprang er hinterher, um Vanessa aus der Gefahrenzone zu bringen, denn aus eigener Kraft bewegte die Österreicherin sich nicht.

Elena warf ihren brennenden Zeichenblock nach mir, ich konnte aber gerade noch beiseite springen, so dass der Block mich nur streifte und ich kein Feuer fing. Roberto, der näher bei Elena war als ich, nahm sie in den Schwitzkasten und machte den beiden älteren Hexen gegenüber Drohgebärden, als wolle er Elena töten. Dies veranlasste Hattie, eine Puppe herauszuziehen, die Roberto vage ähnelte, während ihre Schwester der Puppe den Arm brach. In diesem Moment schrie Roberto auf und hielt sich den Arm – offensichtlich war da irgendein, wie hat Ximena das mal genannt, Sympathie-Zauber zwischen Puppe und Mensch am Werk. Die Gelegenheit nutzte Elena, um ihren Stift in Roberto zu bohren.

Ich hatte noch immer die Flasche mit dem leicht brennbaren Aftershave in der Hand, und ein bisschen was war noch darin, also sprühte ich diesen Rest Maggie ins Gesicht. Die schrie auf und rieb sich die Augen, aber davon schien die Flüssigkeit ihr nur tiefer in die Augen zu geraten, denn sie fauchte, und ihre Augen tränten, und sie tastete blind umher.
Ihre Schwester Hattie stürmte auf mich zu und griff mit ihren Krallen nach mir, aber es gelang mir, ihren Arm hart zur Seite zu schlagen – deutlich härter, als ich das wohl unter anderen Umständen getan hätte.

Edward und der Stiefschwiegersohn prügelten sich noch immer, waren inzwischen beide zu Boden gegangen und rollten da ringend herum, bis Edward schließlich die Oberhand gewann und den Kerl mit einem gezielten Schlag ins Reich der Träume schickte. Roberto hingegen, gebrochener Arm oder nicht, legte den unverletzten Arm um Elena und küsste sie hingebungsvoll.

Inzwischen hatte Alex Vanessa Gruber aus dem Wasser gezogen und sie irgendwo außer Reichweite hingelegt. Jetzt kam er zu uns zurück und griff in das Kampfgeschehen ein, indem er die noch immer blind herumtastende Maggie ergriff, ihr das Feuerzeug an den Kopf hielt und ein lautes „HALT!“ in Richtung ihrer Schwester rief. Hattie allerdings war nicht sonderlich beeindruckt von der Drohgebärde, sondern fauchte wütend und schien einen Zauber vorzubereiten.

Ich warf die jetzt leere Aftershave-Flasche nach der Hexe, um sie abzulenken. Das gab Edward die Gelegenheit, zu Hattie hinzukommen und ihr die Faust in die Rippen zu rammen. Mit einem Schmerzenskrächzer ging die Hexe zu Boden und begann zu röcheln.

Roberto küsste Elena noch immer. Die war völlig überfordert von der Situation, wand sich ein wenig in Robertos Armen; doch eigentlich gefiel ihr der Kuss, soviel war offensichtlich, denn inzwischen erwiderte sie diesen leidenschaftlich.

Maggie rief etwas. Fremdartige, gutturale Worte: ein Zauber. Ihre Stimme wurde tiefer, und ihre Haut schien sich zu verschieben. Sie hob die Arme gen Himmel, wie einladend, und dann ging ein Ruck durch sie, und sie lachte und war nicht mehr sie selbst, sondern wir sahen uns dem Dämon gegenüber, den sie gerufen und der von ihr Besitz ergriffen hatte.

Alex fackelte nicht lange, sondern aktivierte sein Feuerzeug, das er Maggie ja noch immer an den Kopf hielt. Und weil die Hexe das Brandbeschleuniger-Aftershave im Gesicht hatte, fing sie umgehend Feuer. Alex ließ sein Feuerzeug sinken und machte die Handbewegungen, die ich inzwischen damit assoziiere, dass er ein Tor ins Nevernever öffnen will.

Der Dämon indessen kümmerte sich gar nicht darum, dass er brannte, sondern ging mit seinen flammenden Fäusten auf Edward los, der aber ausweichen konnte. Dass Edward nicht da war, wo der Dämon ihn vermutete, schien diesen zu verwirren, und ich versuchte, ihn zu verspotten, um ihn noch weiter abzulenken – nur so verwirrt war er dann leider doch nicht, dass er sich davon hätte ablenken lassen.

Edward versetze dem Dämon Hieb um Hieb, aber ich war mir nicht sicher, ob er damit überhaupt etwas ausrichtete.
Während der Dämon aber mit Edward beschäftigt war, gelang es Alex, sein Tor zu öffnen, und er zwang den Dämon hindurch.
Nur den Dämon, wohlgemerkt. Seine sterbliche Hülle, die Hexe Maggie, fiel leblos zu Boden.

Roberto hatte inzwischen Elena den Stift weggenommen, den diese, völlig gebannt von seinem Kuss, nur noch locker in der Hand hielt. Noch immer küsste er sie. Und dann...

Que Dios tenga misericordia.

Dann hob Roberto den Zeichenstift, den er Elena eben weggenommen hatte, und rammte ihr diesen in den Hals. Elenas Augen weiteten sich, dann sackte sie in seinen Armen zusammen.

Und dann war es vorbei. Da lagen die drei toten Frauen – Roberto hatte Elena sanft, beinahe ehrfürchtig, zu Boden gleiten lassen, und es war nicht zu übersehen, dass sie tot war. Maggie hatte es nicht überlebt, dass der Dämon sie verließ, und auch Hattie war nicht mehr am Leben: Anscheinend war Edwards Hieb so heftig gewesen, dass eine gebrochene Rippe die Lunge der Hexe durchbohrt hatte.

Vanessa Gruber, schwer verletzt, lag reglos, wo Alex sie hingebracht hatte. Der Stiefschwiegersohn war verschwunden. Da, wo er zu Boden gegangen war, lagen nur noch seine Kleider und einige Stöcke. Als hätten die Hexen ein Konstrukt herbeigezaubert und animiert.

Alex bugsierte die drei Leichen durch das Tor ins Nevernever. Und ich? Ich konnte Roberto nur anstarren. Wie konnte er das tun? Ja, Elena hatte mich beeinflusst, aber sie stand doch selbst unter dem Einfluss ihres Malblocks, das hatte Roberto selbst in der „Sight“ gesehen. Vielleicht hätte es doch eine Möglichkeit gegeben, Elena von diesem Einfluss zu befreien und sie zu retten...

Ich weiß nicht mehr, ob ich Roberto anschrie oder so schockiert war, dass ich ruhig sprach. Meine Erinnerungen an den Moment sind vage. Aber ob laut oder leise, ich konfrontierte ihn mit seiner Tat, machte ihm Vorwürfe. Roberto sah mich nur an, murmelte kühl etwas von wegen „Es ging nicht anders, es gab keine Rettung für sie“ und „Du bist zu weich, Cardo.“

Ich musste da weg. Die ganze von Elena mir gegen die Jungs eingepflanzte Antipathie kochte wieder hoch, und diesmal gelang es mir nicht, mit meinem Kopf dagegen anzugehen. Auf die Idee kam ich nicht einmal. Ich konnte nur eines denken: weg hier.

Also hob ich Vanessa hoch und trug sie zur Lodge. Innerlich war ich wie gelähmt, vor den Kopf geschlagen. Wie ein Automat rief ich die Nummer des Notrufs an, bat um einen Rettungshubschrauber. Wie ein Automat sagte ich zu Margo und den Gästen, die aufgeregt angelaufen kamen, etwas von einer Fehlfunktion des Bootes, von einem explodierten Motor, von ausgetretener und versprühter Batteriesäure, die Vanessa verätzt habe. Dieselbe Erklärung für die Rettungssanitäter, die einige Zeit später eintrafen.

Aber sie konnten Vanessa nicht mit dem Hubschrauber ausfliegen. Sie wollten sie an ein Beatmungsgerät anschließen und in einer Röhre transportieren, und das ging nicht im Helikopter.
Alex war, nicht ganz so schwer wie Vanessa, aber ebenfalls von dem Pulver der Hexen verätzt worden und musste ebenfalls ins Krankenhaus. Ebenso Roberto mit seinem gebrochenen Arm. Also brachte man die beiden durch die Luft weg, während Vanessa über den Landweg weggebracht wurde. Nach Portland wollten sie sie wohl bringen, entnahm ich dem Gespräch. „Komisch, dass sie mit diesen Verletzungen überhaupt noch am Leben ist“, hörte ich außerdem einen der Rettungssanitäter sagen. Ich machte ihn nicht darauf aufmerksam, dass Magier anscheinend häufiger über besondere Heilkräfte verfügen. Wie hätte ich das auch erklären sollen? Besser, die Ärzte glauben an ein Wunder.

Edward packte eilig Vanessas Sachen zusammen und fuhr dann damit hinter dem Krankenwagen her.
Normalerweise wäre ich vermutlich auch mitgefahren, aber nicht so. Nicht da. Ich stand immer noch ein wenig unter Schock, glaube ich, als ich die Leute in der Lodge zu beruhigen versuchte.

Roberto kam abends noch wieder. Sein Arm war anscheinend gar nicht wirklich gebrochen gewesen; die Hexen hatten ihm wohl nur die Illusion davon untergejubelt. Aber ich ging ihm aus dem Weg, ich wollte nicht mit ihm reden, ihn nicht sehen.

Natürlich wurden auch die beiden alten Damen und ihr Schwiegersohn irgendwann vermisst, ebenso Elena. Suchaktion. Polizei. Weitere Befragungen. Glück insofern, als die Beamten das Ganze in Zusammenhang mit dem explodierten Boot brachten und von einem tragischen Unfall ausgingen.

Totilas kam aus Eugene zurück, und es war seltsam, aber auf ihn erstreckte sich meine Antipathie nicht. Wobei, gar nicht so seltsam, denn er war ja nicht da gewesen, als Elena den Zauber auf mich wirkte, also war er davon auch nicht betroffen. Er wollte mit mir reden, aber ich habe so gut wie keine Erinnerung mehr daran, was er eigentlich sagte.

Ich habe auch kaum mehr Erinnerungen an den Rest des Abends. Irgendwann fiel ich ins Bett, in dem freien Zimmer in Dannys und Lilas Hütte. Und am nächsten Tag blieb ich nicht mehr lange, sondern brach, als der von Margo für mich georderte Mietwagen angeliefert wurde, ziemlich bald auf. Die meisten Gäste taten das nach dem gestrigen Schock, glaube ich.

Das Autofahren tat mir gut. Ich fuhr langsam, beinahe wie in Trance, aber doch aufmerksam genug, um keinen Unfall zu bauen, und dass ich mich auf die Straße konzentrieren musste, war gerade die richtige Ablenkung. Die Fahrt nach Portland dauerte fünf Stunden, so dass es auch schon wieder auf den Abend zuging, als ich ankam. Zum Glück fand ich das Hotel ohne Probleme: hurra für moderne Navigationsgeräte.

Im Auto habe ich meinen iPod an das Radio gehängt und habe ihn, nach Interpreten sortiert, einfach ab irgendwo mittendrin laufen lassen. Und irgendwann kam dann das erste Album von Mumford & Sons. Ich weiß, dass diese Songs eigentlich ganz andere Dinge zum Thema haben, völlig anders zu interpretieren sind, aber etliche Zeilen daraus sprangen mir förmlich entgegen. Zeilen, die mir vorkamen, als handelten sie von mir, oder als spreche der Sänger mich direkt an.

Cold is the water
It freezes your already cold mind
And death is at your doorstep

And it will steal your innocence

But it will not steal your substance

But you are not alone in this

You are not alone in this

As brothers we will stand
and we'll hold your hand

Hold your hand


Mierda. Wie Hohn klang das.

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Ich habe mich gezwungen, eine Kleinigkeit zu essen, aber Hunger habe ich keinen. Wenn ich gewusst hätte, in welches Krankenhaus sie Ms. Gruber gebracht haben, hätte ich sie vermutlich besucht, aber ich habe keine Ahnung, wo sie ist. Und Alex wird da auch sein. Den sollte ich wohl ebenfalls besuchen, aber ... ich kann nicht. Nicht, solange dieser Zauber anhält.

Vielleicht mache ich noch einen Spaziergang. Vielleicht aber auch nicht. Das Hotelzimmer ist ziemlich bequem; ich glaube, ich gehe einfach ins Bett. Habe bei Dee angerufen, aber es geht niemand dran. Zuhause in Miami ist es ja auch schon drei Stunden später, das ist mir aber auch eben erst eingefallen. Ich hoffe, sie war einfach nicht da. Es wäre mir peinlich, wenn ich sie aufgeweckt hätte.

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18. März. Vancouver, Kanada.

Zurück im Hotel. Die erste Lesung lief eigentlich recht gut, muss ich sagen. Zumindest war der Tag gut für die Ablenkung: die Fahrt zum Flughafen, Abgeben des Mietwagens, der Flug nach Vancouver, die Sicherheitsmaßnahmen beim Einchecken, die Einreiseformalitäten in Kanada. Taxifahrt zum Hotel, Vorbereiten auf die Lesung.

Der Raum war recht gut gefüllt, die kanadischen Zuhörer aufmerksam und höflich. Und tatsächlich schienen die meisten zumindest Indian Summer gelesen zu haben, und etliche sogar die ganze Reihe. Natürlich gab es Fragen wegen des Films und wegen des Todesfalls am Set letztes Jahr, aber darin habe ich ja inzwischen Übung und konnte ganz routiniert über Roselyn Sanchez' tragischen Unfall sprechen. Ich bin nur froh, dass offensichtlich noch keinerlei Gerüchte über die Vorfälle am Crater Lake an die Öffentlichkeit gedrungen sind. Denn das wäre absolutes Gift: erst Roselyn Sanchez' Tod beim Filmdreh, jetzt der Todesfall einer jungen Autorin und das Verschwinden dreier – vierer! – weiterer Personen, alles in meiner Gegenwart... die Medien würden sich die Lefzen lecken danach. Ich bete, dass diese Verbindungen nie der Presse zugespielt werden...

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19. März. Seattle, Washington.

Kein Flug diesmal, sondern mit dem Auto gefahren. Ist ja kein langer Weg. Und ich hatte, wie gestern auch schon, noch immer den ganzen Tag diese Song-Texte im Kopf.
Die Lesung selbst war sehr erfreulich – Seattle scheint ein kleines Dorado für Genre-Liebhaber zu sein.

Nur... eben habe ich bei Dee angerufen – heute früher, habe an die Zeitverschiebung gedacht – aber das war ein ganz seltsames Telefonat. Ich hatte so ein dringendes Bedürfnis, mit ihr zu sprechen, und ich habe ihr alles erzählt, aber ihre Reaktion war... eigenartig. Beinahe steif. Sie meinte, nach dem, was sie von Warlocks wisse, seien die ziemlich rettungslos verloren, und wie es denn Roberto gehe? Wie der mit dem Trauma fertig werde? Und dass sie wohl mal nach ihm sehen gehen müsse.

Nicht das, was ich mir von dem Gespräch mit Dee erhofft hatte. Eindeutig nicht.

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20. März. Zurück in Portland.

Selbes Spiel wie gestern. Mit dem Auto nach Portland, Lesung diesmal direkt hier im Hotel. Ebenso genre-affines Publikum.

Ich habe lange über Dees Aussage nachgedacht. Dass es für Roberto ein Trauma sei. Sie hat recht, natürlich hat sie recht, das konnte ich nur vor lauter Abneigung nicht sehen.

Ich muss ihn anrufen, heute noch, so schwer es mir fällt, weil Elenas Zauber noch immer auf mir liegt.

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Keiner zuhause. Vielleicht besser so. Ich habe ständig Robertos Vorwurf im Ohr, seine herablassende Stimme. „Du bist zu weich, Cardo.“ Bin ich das? Vielleicht bin ich das tatsächlich.

Spare me your judgements and spare me your dreams
Cause recently mine have been tearing my seams
I sit alone in this winter clarity which clouds my mind


Sei ehrlich, Alcazár. Es ist nicht herablassend. Das kommt dir in deinem momentanen Zustand nur so vor. Wenn du rational darüber nachdenkst, wirst du zugeben, dass es nicht herablassend ist.

Naja. Ein bisschen vielleicht.

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21. März. San Francisco, Kalifornien.

Die Hotelzimmer beginnen sich zu gleichen. Die Tagesabläufe auch. Heute war es wieder mal ein Flug.
Die Lesung war gut, der Raum etwas kleiner, weniger Leute, aber interessiert.

Habe wieder versucht, bei Roberto anzurufen, aber es geht niemand dran. Mit Dee hätte ich auch gerne gesprochen, aber auch sie ist nicht zuhause. Verdammt.

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22. März. Immer noch San Francisco.

Heute mal weder Reise noch Lesung. Einfach nur ein Tag zur freien Verfügung. Also auch weniger Ablenkung. Mierda. Ich habe mir die Stadt angesehen. War, weil Sonntag, in der Messe. Hatte immer noch erschreckend viel Zeit und erschreckend viele Gedanken im Kopf, also ein Museum. Comic-Kunst oder Walt Disney? So viel Zeit, es wurden beide.

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Ich habe Roberto erreicht. Und, tío, war das ein ungemütliches Telefonat.
Vorher hatte ich mit Macht meinen Kopf arbeiten lassen. Mir wieder und wieder und wieder vorgesagt, dass meine Antipathie Roberto gegenüber nicht echt ist. Auch wenn er bisweilen nervt: Er ist mein Freund.

Aber am Telefon war es dann trotzdem unendlich schwer, nicht wieder ausfällig gegen ihn zu werden. Ich entschuldigte mich für meine Vorwürfe an der Lodge, gab zu, dass ich ein Idiot gewesen sei, bat ihn um Verzeihung. Erklärte, dass ich schon die Tage angerufen, aber ihn nicht erreicht hätte.

Roberto klang kühl, unbeteiligt. Schon gut, meinte er leichthin, und nein, er sei nicht zuhause gewesen. Dee hätte ihm da zwei Clubs empfohlen, die sie sich angesehen hätten.

Ähm. Da war es aus mit meiner ganzen so sorgfältig vorbereiteten Kopfarbeit. Es gelang mir, Roberto nicht anzublaffen, immerhin ist es Dees Sache, mit wem sie ausgeht, und sie und ich haben nie wirklich ausgesprochen, was es denn nun eigentlich ist, was wir haben. Oder nicht haben. Aber ich legte sehr schnell und sehr kurz angebunden auf.

A white blank page and a swelling rage...

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23. März. Los Angeles, Kalifornien.

Flug. Lesung. Hotel. Eigentlich muss ich gar nichts mehr groß dazu schreiben. Nur dass hier in L.A. die Fragen wegen der Premiere morgen natürlich noch viel mehr auf den Film konzentriert waren als bisher schon. Wenig Fragen zu Roselyn Sanchez, dem Himmel sei Dank, mehr auf den Film allgemein bezogen.
Ich hoffe, die Kritiken fallen positiv aus.

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24. März. Los Angeles.

Puh. Das war... anstrengend.
Der Film ist gut geworden, kein Zweifel, spannend und alles – aber für mich kam beim Sehen doch alles wieder hoch.

Habe bei Dee angerufen, aber wieder niemanden erreicht.
Ich wünschte, ich könnte Edward davon erzählen. Mit Edward darüber reden. Oder mit Alex. Sogar mit Roberto. Mit Totilas könnte ich reden, aber der war nicht da. Ich will meine Freunde zurück, verdammt.

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25. März. San Diego, Kalifornien.

Der letzte Abend. Die letzte Lesung. War gut. Viele Studenten, und ein paar Besucher ließen durchklingen, dass sie gestern in L.A. bei der Premiere waren.

Ich bin froh, dass es vorbei ist. Morgen geht es nachhause. Ich vermisse Alejandra und Yolanda. Und ja, ich vermisse Dee. Ich will sie in die Arme nehmen, aber ich weiß, das würde sie ablehnen. Denken, ich klammere. Und die Jungs. Cólera, ich vermisse die Jungs.

But you are not alone in this

You are not alone in this

As brothers we will stand
and we'll hold your hand

Hold your hand


Padre en el cielo, ich bitte dich. Nimm diese Feindseligkeit von mir...
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 31.03.2015 | 18:34
Armer Cardo.

Das ist aber ein wirklich schönes Beispiel dafür, warum es so ein schwerwiegender Verstoß gegen die Laws of Magic ist, wenn man Leuten im Kopf herumschraubt (an die Leser: Cardo hat in dem Fall tatsächlich nicht nur einen Aspekt abgekriegt, sondern einen geistigen Angriff - die Feindseligkeit gegenüber seinen Freunden war eine Konsequenz, deswegen geht die auch nicht so einfach weg).

Für Edward und Roberto: Elenas Malblock war ihr Fokus. Das war kein magisches Dings, das sie kontrolliert hat. Natürlich könnt ihr die Verbindung interpretieren, wie ihr wollt, aber da ihr selbst Practitioner seid, wisst ihr auf jeden Fall, wie so ein Fokus funktioniert.  :)
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 1.04.2015 | 15:02
Für Edward und Roberto: Elenas Malblock war ihr Fokus. Das war kein magisches Dings, das sie kontrolliert hat. Natürlich könnt ihr die Verbindung interpretieren, wie ihr wollt, aber da ihr selbst Practitioner seid, wisst ihr auf jeden Fall, wie so ein Fokus funktioniert.  :)

Cardo war ja bei Robertos zweiter, ausführlicher Beobachtung Elenas nicht dabei, erfuhr also nichts von deren Ergebnissen, und auch von Vanessa Grubers Analyse des Gesehenen bekam er nichts mit. Deswegen stellt es sich für ihn momentan noch so dar, als sei Elena von ihrem Malblock beeinflusst gewesen. Ich denke mal, sobald er sich von Elenas Bezauberei erholt hat, werden die anderen ihm vielleicht diese neuen Erkenntnisse im Nachhinein auch noch erzählen. :)
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 31.05.2015 | 14:46
Ricardos Tagebuch: Proven Guilty 1

03. Mai

Padre en el cielo, ich danke dir. Ich danke dir! Es ist vorbei, die letzten Nachwirkungen abgeebbt. Es ist nicht in Worte zu fassen, wie erleichtert ich bin.

Jack White Eagle und Ximena hatten mir nach meiner Rückkehr schon Mut gemacht und erklärt, dank des Rituals, das die Jungs abgezogen haben, müssten die Effekte des Fluchs irgendwann verschwinden, aber trotzdem. Es in der Theorie zu hören, schön und gut, aber die leise Angst, dass es eben nicht weggehen würde, blieb doch.

Und ich kann auch kaum meine Dankbarkeit darüber ausdrücken, dass Totilas nicht von dem Fluch betroffen war. Er bildete meinen Rettungsanker, meine Verbindung zu den Jungs, sorgte dafür, dass ich mir nicht ganz so verloren vorkam. Das werde ich ihm nie vergessen, aber ich bin unaussprechlich froh, dass die Dinge jetzt wieder zum Normalzustand zurückgefunden haben.

Ein bisschen seltsam war es natürlich dennoch, die Jungs zum ersten Mal wieder zu treffen, peinlich berührt und besorgt, dass wieder alles hochkochen könnte... aber nein. Es ist wirklich und wahrhaftig vorüber. Danke!

Edward hat sich inzwischen von Cherie getrennt. Das heißt... die Beziehung beendet hatte sie ja schon vor längerer Zeit, aber nun hat Edward ebenfalls einen Schlussstrich gezogen. Er führte ein kleines Ritual durch, um für sich von Cherie loszukommen, und er gab ihr das Buch wieder, das noch bei ihm gelegen hatte und das er in der Lodge von Kirsty McGregor hatte signieren lassen, darin die Halskette, die sie ihm einmal geschenkt hatte, als Buchzeichen.

Puh. Sich mit Magie von seiner Ex-Freundin loszusagen, ist natürlich harter Tobak... aber ich bin mir nicht sicher, ob es nicht tatsächlich so besser für ihn ist. Darüber reden wollte er noch nicht so recht, und ich werde ihn sicher nicht drängen, aber vielleicht hat er ja doch noch irgendwann das Bedürfnis.

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[es folgen diverse Einträge privater Natur, über Dates mit Dee, Unternehmungen mit Alejandra und der Familie, Treffen mit den Jungs etc.]

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19. Juli

Edward hat von Miss Gruber gehört. Man hat sie aus dem Krankenhaus entlassen, und sie ist wieder soweit beieinander, will jetzt aber erst einmal einen längeren Rekonvaleszenz-Urlaub irgendwo machen, wo sie nicht schon wieder in seltsame Vorgänge hineingezogen wird.

Am Crater Lake hatten sich die Jungs übrigens, als ich unter Elenas Einfluss stand und mich von ihnen fernhielt, etwas genauer mit Miss Gruber über die Gesetze der Magie und die Auswirkungen dessen, was geschieht, wenn man sie bricht, unterhalten können.
Wenn ich Edward richtig verstanden habe, erklärte Vanessa es folgendermaßen: Die Seelen aller Menschen sind gewissermaßen in einem großen, magischen Netz miteinander verbunden. Und wenn man jemanden mit Magie tötet, dann reißt man dessen Seele aus dem Netz heraus und seine eigene gleich mit. Deswegen ist es Vanessa zufolge auch relativ gleichgültig, ob dieser Mord bewusst oder unbewusst geschieht, die eigene Seele ist damit – zumindest zu einem Stück – aus dem Netz entfernt, was es immer leichter macht, weitere Morde zu begehen.

Edward brachte das Gespräch dann noch darauf, ob es denn einen Weg gäbe, die Gesetze der Magie ungestraft zu brechen – er hielt seine Frage allerdings allgemein und sprach nur von „Gerüchten“, ohne Spencer Declan namentlich zu erwähnen – aber Vanessa kenne niemanden, der dazu in der Lage sei, sagte sie.

Mit Lila, Danny und Jeff, unseren drei jungen Autorenfreunden vom Crater Lake, sind wir übrigens weiterhin in Verbindung, gelegentlich jedenfalls. Eigentlich waren sie nach dem Tod der armen Edie ja zu viert, aber Colby hat das Öffnen seiner Sight an jenem Abend wohl gar nicht vertragen. Er verneine strikt, dass es das Übernatürliche gebe, und studiere jetzt Jura oder so etwas, und den Kontakt zu den anderen habe er so gut wie vollständig abgebrochen, erzählte Lila. Jeff hingegen verleugne das Übernatürliche zwar nicht, sei aber seit den Geschehnissen auf der Insel irgendwie deprimiert. Und Danny habe sich wieder gefangen. Er sei zwar immer noch überzeugt, dass Baumgeister zu seinen Vorfahren zählen, wolle aber wenigstens nicht mehr ständig in einem Blumenbeet stehen. Na immerhin.

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[über mehrere Monate verteilt folgen hier weitere regelmäßige Einträge mit privatem Inhalt]

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28. Februar

Spring Break. Oha. Meine eigene Studienzeit ist ja schon eine Weile vorbei, aber Yolanda sagte, sie wolle heute Abend mit ihren Kommilitonen auf eine Party am Strand gehen. Ich hoffe, sie ist vorsichtig, aber sie kann ja auf sich aufpassen. Ich selbst habe nichts groß geplant – sollte ich etwa langsam alt werden? Heh, ich hoffe doch nicht. Aber auf Besäufnisse am Strand kann ich gut verzichten, Dee klang auch nicht in der Stimmung danach, sich in den Spring Break-Wahnsinn stürzen zu wollen, und andere Mädels will ich gar nicht kennenlernen. Zumal der Spring Break doch sowieso nur eine Ausrede für sinnlose One-Night-Stands ist.

Dee war generell nicht nach Treffen heute abend, nicht mal für Kino oder essen gehen. Na dann. Mache ich mir eben einen gemütlichen Abend zuhause. Vielleicht komme ich ja ein wenig mit dem neuen Roman voran. Lustigerweise habe ich für den noch keinen Titel, auch wenn die ersten Kapitel, zumindest in der ersten Version, schon stehen, und ich eine recht solide Idee für den Handlungsbogen habe. Aber das kommt schon noch, denke ich.

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Nachdem Alejandra im Bett war, produzierte ich tatsächlich den größten Teil eines weiteren Kapitels, ehe das Telefon klingelte. Edward. Seine Polizeikollegen hatten sich eben bei ihm gemeldet, und es gab ein Problem. Beim Spring Break. Und gar nicht lange darauf, ich hatte gerade Mrs. Carver von nebenan zum kurzfristigen Babysitten gewinnen können, meldete sich mein Handy erneut. Diesmal war es Roberto, der gerade einen Anruf von Lila bekommen hatte. (Die hatte sich vor ein paar Tagen schon mal bei uns gemeldet, weil sie mit ihren Kumpels zum Spring Break nach Miami kommt. Treffen wollen wir uns auf jeden Fall, haben nur bislang keinen genauen Termin ausgemacht.) Es gebe ein Problem. Am South Beach. War ja klar.

Wir trafen uns an einem der großen Parkplätze am South Beach, wo wir auf den ersten Blick sehen konnten, dass am Strand das völlige Chaos ausgebrochen war. Etliche der Partygänger schienen völlig ausgerastet zu sein und schlugen mit Fäusten, Bierflaschen und sonstigen Gegenständen, die sie gerade zu fassen bekamen, aufeinander und auf die panische Menge ein. Ein Mädchen mit wildem Haar und noch wilderen Augen hatte sich einen Sonnenschirm geschnappt und prügelte damit auf die Umstehenden ein, ein junger Mann trat planlos um sich, während ein anderer die Hände um den Hals seines Gegenübers hatte und ihn heftig würgte, bis man ihn mit Gewalt von seinem Opfer trennte, und selbst dann hörte er nicht auf zu kratzen und um sich zu schlagen.

Irgendwo in dem Chaos fanden wir Lila und Danny unversehrt, aber aufgelöst, denn Jeff war einer von denjenigen gewesen, die derart durchgedreht waren. Man hatte ihn soeben ins Krankenhaus abtransportiert. Überhaupt waren überall Sanitäter und Polizeikräfte zur Stelle, die versuchten, die Betroffenen unter Kontrolle zu bringen und Ruhe zu schaffen. Große Eile schien geboten, denn so ziemlich jede Bahre, die ich sehen konnte, wurde im Laufschritt hoch zu den wartenden Krankenwagen getragen.

Lila und Danny sammelten Jeffs Hund Snowball ein, der oben bei den Autos an einer Parkuhr angebunden war, und folgten Jeff dann ins Krankenhaus. Wir hingegen beschlossen, der Spur der ausbrechenden Gewalt zu folgen, denn diese schien sich allmählich den Strand entlang nach Süden zu ziehen.

An einer Stelle, wo alles noch ruhig schien, hielten wir an. Und mussten tatsächlich nicht lange warten, bis ein junger Asiate, der sich eben noch im Gespräch mit seinem Date befand, urplötzlich sein Glas in der Hand zerdrückte und anfing, wild um sich zu schlagen. Das Mädchen, mit dem er da gestanden hatte, schrie auf und rannte davon, während wir uns auf ihn warfen, um ihn aufzuhalten.

Der junge Mann fühlte sich fiebrig-heiß an, und sein Kopf war hochrot. Wir hatten alle Mühe voll zu tun, um ihn niederzuringen, und im Verlauf des Kampfes schlug ich ihm derart auf die Nase, dass diese zu bluten begann. Edward, nicht faul, fing etwas von dem Blut auf, während wir den Jungen mit Mühe festhielten. Ebenso unvermittelt, wie er ausgeflippt war, sackte er dann plötzlich auch wieder zusammen. Einige Zuckungen, dann lag er still, und uns war klar: Er war tot. Auch die Sanitäter, die gleich darauf angerannt kamen, weil sich in diesem Teil des Strandes noch etliche weitere Vorfälle dieser Art ereignet hatten und die Helfer sich jetzt auf diesen Bereich konzentrierten, konnten nichts mehr für den Jungen tun.

Während die Leiche weggetragen wurde, ging ich Yolanda suchen. Es war gar nicht so leicht, sie in dem ganzen Aufruhr zu finden, denn zu den Durchgedrehten und den Rettungshelfern kam jetzt ein immer größeres Aufgebot an Polizisten, die neben ihren Versuchen, die Betroffenen unter Kontrolle zu bringen, auch Umstehende verhafteten bzw. zur Befragung mitnahmen. Ich hatte Yolanda eben gefunden und zu meiner Erleichterung festgestellt, dass ihr nichts zugestoßen war, als sie bemerkte, wie einer ihrer Freunde ebenfalls von der Polizei mitgenommen werden sollte. Da dieser Freund schwarz war, schritt Yolanda mit einer schneidenden Bemerkung von wegen Repressalien gegenüber der farbigen Bevölkerung ein – und wurde prompt ebenfalls zur Befragung aufs Revier gebracht.

Dagegen tun konnte ich erst einmal nichts, aber ich war auch froh, dass meine Schwester damit aus der direkten Gefahrenzone kam. Inzwischen war unter den Polizeikräften die Parole ausgegeben worden, dass der Strand von Zivilisten zu räumen war, und dabei halfen wir dann, sobald Edward seinen Kollegen gegenüber unsere Gegenwart erklärt, um nicht zu sagen verteidigt, hatte.

Während wir noch da am Strand versuchten, ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen, bemerkte Roberto seine beiden ganz speziellen Freunde, Sir Kieran und Edelia Calderón, die, offensichtlich noch immer ein Paar, das Treiben aus einiger Entfernung stirnrunzelnd beobachteten. Edward hingegen sah Antoine, der gerade dabei war, sich unauffällig vom Ort des Geschehens abzusetzen. Edward rief bei ihm an, aber Antoine drückte das Gespräch unbeantwortet weg. Daraufhin versuchte Roberto es von seinem Handy aus ebenfalls, und diesmal wurde tatsächlich abgehoben – aber es war ein Fremder am Apparat, nicht der Fae. Alex ging den Jungen suchen und nahm ihm das Handy wieder ab – oder genauer, das Handy ließ er ihm zwar, löschte aber alle Daten und entfernte die Karte daraus.

Als die Aufräumarbeiten dann soweit beendet waren, riefen wir bei Lila an. Es dauerte eine Weile, bis sie ans Telefon ging, und als sie es tat, klang ihre Stimme erstickt und verweint. Jeff hatte es nicht geschafft, war im Krankenhaus gestorben.
Roberto bot Lila sofort an, dass sie bei ihm übernachten könne, was diese dankbar annahm. Jeffs Hund Snowball hingegen kam für die Nacht bei Edward unter. Der kann sich ja mit Hunden verständigen – was heute Abend und unter diesen Umständen sicherlich nicht sonderlich angenehm für ihn ist.

Oh, und heute Abend ist noch etwas Seltsames passiert. Nur eine Kleinigkeit im Vergleich zu dem, was da sonst so abging, aber trotzdem. Am Strand waren auch Edwards Kollegen, Salvador Herero und Suki Sasamoto, anwesend. Sie sahen sich die Tatorte an, halfen Leuten aus dem Wasser. Und irgendwann murmelte Herero geistesabwesend etwas von wegen „Irgendwas an der Sache riecht fishy.“ Woraufhin Suki Sasamoto ihren Partner anfuhr, was das denn bitte heißen solle. „Na komisch halt“, erklärte Salvador. Was Suki aber nicht besänftigte. „Fische riechen nicht komisch!“ Hmmm. Sollte Herero da etwa einen wunden Punkt getroffen haben? Edward schnupperte und stellte unter den ganzen Menschendüften wie Shampoo, Duschgel und Deodorant tatsächlich einen leichten Geruch nach Fisch fest. Ob die gute Detective Sasamoto etwa eine Nixe ist? Oder eine Halbnixe oder so etwas?

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Mierda. La cabezonería de mi hermana! Ich bin heute morgen gleich zu Yolanda, wollte mich natürlich vergewissern, dass sie gut nachhause gekommen war. Aber ganz offensichtlich war sie noch gar nicht zuhause gewesen. Ich fuhr also zum Polizeirevier am South Beach, wo ich mit ein wenig Freundlichkeit erreichte, dass Yolanda gleich befragt werden würde, anstatt erst als Letzte drangenommen zu werden, weil die Beamten dank ihres Geredes von Repressalien auf stur geschaltet hatten.

Meine Schwester jedoch war völlig indigniert, dass Leute im Anzug (Hemd und Hose, bitte, ich renne doch an einem ganz normalen Tag nicht im Anzug rum!) und mit einem bekannten Gesicht nur die Promi-Karte ausspielen müssten, um eine Vorzugsbehandlung zu kassieren. Also nein, sie würde sich als Letzte befragen lassen, wie jede andere normale Bürgerin auch, und sie würde auf ihren Kumpel warten, vielen herzlichen Dank. Und damit setzte sie sich demonstrativ wieder auf die Bank, verschränkte die Arme und beachtete mich nicht weiter. Woraufhin ich nichts weiter machen konnte, als zu verschwinden. Na dann fahre ich jetzt eben zu den Jungs. Mal hören, wie es denen heute vormittag so ergangen ist.

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Auf der Polizeistation war, wie nicht anders zu erwarten, nach der ganzen Aufregung gestern die Hölle los gewesen: Sergeant Book wütend, und zwar richtig wütend, aufgebrachter, als Edward ihn je gesehen hat, sagte er. Der alte Polizist schimpfte lautstark auf Pan und schickte Edward dann los, herauszufinden, was da vor sich gehe.

Im Intranet der Polizei werden bei wichtigen Fällen so genannte „Datenräume“ eingerichtet, gesonderte Bereiche, in denen die ermittelnden Beamten alle Informationen über den jeweiligen Fall zusammentragen können. Auch für die Ereignisse der gestrigen Nacht ist ein solcher Datenraum eingerichtet worden, sagte Edward, aber da der Fall derzeit nicht beim SID, sondern beim Drogendezernat liegt, hat Edward zunächst keinen Zugang darauf. Den wollte sein Partner für ihn beantragen; Henry ist immerhin sehr effizient in diesen administrativen Dingen, wie wir alle wissen.

Statt dessen fuhr Edward heim und untersuchte das Blut des durchgedrehten Studenten. Er stellte fest, dass der junge Asiate betrunken gewesen war und etwas Scharfes gegessen hatte, außerdem ließ sich eine Droge in dem Blut nachweisen (welche genau, das konnte Edward mit seinen Mitteln allerdings nicht sagen). Und es gab da irgendeine magische Komponente, die Edward aber auch nicht näher bestimmen konnte.

Roberto hatte inzwischen auch Danny einen Schlafplatz bei sich angeboten, solange er und Lila in der Stadt sind, und sich mit den beiden auch nochmal eingehender über die Ereignisse des vorigen Abends unterhalten, genauer gesagt über Jeff. Der hatte ja letztes Jahr auf Wizard Island einen Nervenzusammenbruch erlitten und war anschließend in Therapie gekommen. Diese Therapie hatte er aber abgebrochen, die unterschiedlichsten Drogen ausprobiert, aber nichts schien wirklich zu helfen. Über den Nervenzusammenbruch an sich war er zwar hinweg, aber er wirkte niedergeschlagen, und nichts konnte ihn aufmuntern. Über seine Erlebnisse, über das, was er auf der Insel mit seiner Sight gesehen hatte, redete er nicht, und es kam Lila und Danny so vor, als könne er nicht darüber reden, als gebe es irgendeine Magie, die ihn daran hindere.
Jeffs Kindheit muss wohl sehr schwer gewesen sein, mit Kinderheim, Pflegefamilie, dergleichen, aber auch darauf konnte oder wollte er nie näher eingehen.

Nach Miami waren die drei Freunde nicht nur wegen des Spring Break gekommen, sondern auch, weil sie hier in der Stadt mit einem Magier in Kontakt gewesen seien, den sie vielleicht hatten treffen wollen. Der sei aber jetzt nicht in der Stadt, sondern abgetaucht, weil er Ärger habe, aber er habe einen Ort erwähnt, einen Buchladen. Richard sei sein Name gewesen.

Oha. Richard? Richard Raith etwa? Genau der. Und das war nun ein Name, mit dem in diesem Zusammenhang keiner von uns gerechnet hatte. Aber gut, gerade nicht zu ändern, denn erstens haben wir derzeit andere Dinge um die Ohren, und zweitens ist Totilas' Vater ohnehin im Moment untergetaucht und wird nicht ohne Weiteres zu finden sein. Aber das ist definitiv eine Information, die wir keinesfalls aus den Augen verlieren sollten.

So auf den neuesten Stand gebracht, fuhren wir zum South Beach, weil Alex nachsehen wollte, ob der Junge vielleicht einen Geist hinterlassen hatte. Und das hatte er tatsächlich. Er – Mike war sein Name – konnte erst gar nicht recht verstehen, dass er tot sein sollte, und als die Tatsache dann zu ihm durchdrang, war er natürlich erst einmal fassungslos. Aber er sprach bereitwillig mit uns.

Ja, er hatte eine Droge genommen, die er von einer jungen Frau mit brauner Haut und leuchtend grünen Augen erhalten hatte: rötliche Kristalle, die man in einer Pfeife rauchte. Und kurze Zeit darauf sei er unglaublich wütend geworden. Mehr wusste er nicht mehr.

Alex ließ Mikes Geist in seinen Körper, damit der Junge eine letzte SMS an seine Familie schreiben konnte, dann öffnete er dem Jungen ein Portal, damit der Geist hindurchgehen und Ruhe finden konnte.

Wo wir aber schon mal am Strand waren, bot es sich an, als nächstes Pan und seinem Hof einen Besuch abzustatten, wo  Roberto in seiner Rolle als Titanias Richter von den versammelten Sommerfeen sofort Platz gemacht bekam. Da fällt mir ein: Unser Roberto hat einen neuen Mantel – auf der Rückfahrt vom Crater Lake letztes Jahr hat er den aus San Francisco mitgebracht. Dieser Mantel muss wohl früher mal Valentino Liberace gehört haben, und anscheinend hat er tatsächlich magische Eigenschaften, denn er wechselt das Aussehen je nach Anlass. Und egal, wie schrill und bunt das Ding auch jeweils gerade sein mag (sprich sehr, in den meisten Fällen), er wirkt immer genau dem jeweiligen Anlass angemessen. Auch diesmal in Pans Palast. Ich kann gar nicht beschreiben, wie, aber der Mantel war golden und mit Pailletten besetzt und wirkte dennoch sehr würdevoll und richterlich.

Zuerst trafen wir auf Sir Anders, der uns, bzw. Roberto, gleich fragte, ob wir denn auch an dem Turnier teilnehmen würden. Was für ein Turnier, wollten wir natürlich gleich wissen. Tjosten auf Surfboards, war Sir Anders’ wenig amüsierte Antwort. Diese glorreiche Idee habe Colin Pan in den Kopf gesetzt, und der Sommerherzog habe diesen Vorschlag seines ersten Ritters sofort begeistert aufgenommen.

Nachdem Roberto erklärt hatte, dass er nicht die Absicht habe, sich auf ein Surfboard zu stellen und darauf mit Lanzen herumzufuchteln, fragten wir Sir Anders nach den Drogen, die am letzten Abend am Strand in Umlauf gebracht worden waren. Der wusste aber nur von Antoine als einzigem, der für den Sommerhof Drogen in den Umlauf bringe – und dieselbe Antwort erhielten wir auch von Sir Kieran und Pan selbst, als wir mit denen sprachen. Die hohen Sidhe wie Kieran und Anders mögen Pan und seine Ausschweifungen nicht sonderlich, war aus ihren Aussagen herauszuhören, aber wirklich weiterhelfen konnten sie uns nicht. Nur dass es wohl einen Zwist zwischen Pan und Antoine gegeben habe, erwähnten sie nebenbei. Auch Pan blieb herzlich gelassen, zog sich vollkommen auf den Standpunkt zurück, dass Roberto als Titanias Richter das schon alles klären werde, und empfahl uns, Antoine zu finden. Als wir den Sommerherzog auf den Streit mit Antoine ansprachen, meinte er nur, er habe Antoine angewiesen, ihm zu sagen, wo er sein „Zeug“ her beziehe, aber der habe sich geweigert.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 2.06.2015 | 23:00
Nachdem in Pans Palast fürs Erste nichts groß weiter herauszufinden war, wollten wir – sprich Alex – mit Jeffs Geist reden. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser hier zurückgeblieben war, war laut Alex nämlich ziemlich groß. Im Krankenhaus fanden wir ihn nicht, dafür aber am Strand (hätten wir uns ja eigentlich denken können). Dort war nach den gestrigen Ereignissen übrigens nicht nur Jeff zu finden, sondern anscheinend jeder einzelne an den Folgen dieser seltsamen Drogen gestorbene Geist. Wobei – von den ca. 60 Toten waren etliche schon weitergegangen, aber ein Teil der Geister war noch am Strand anwesend.

Als Alex Jeff fand und ansprach, wusste der schon, dass er tot war. Auch er hatte diese roten Kristalle geraucht, wie alle Geister hier. Dann sei ihm plötzlich richtig heiß geworden, und eine unbändige Wut habe ihn überkommen. ‚Scarlet’ habe das Zeug geheißen, sagte Jeff. Die Droge habe er von einem Typen mit Hörnern bekommen – die Hörner habe aber außer ihm keiner sehen können. Insgesamt hätten etwa drei bis fünf Leute das Scarlet verteilt, Männer und Frauen.

Mehr konnte Jeff uns über die Vorfälle des gestrigen Abends auch nicht erzählen, aber wir befragten ihn noch zu dem, was Lila und Danny uns berichtet hatten, zu seinen Depressionen in Reaktion auf die Ereignisse am Crater Lake. Jeff erzählte, er habe Lücken, Dinge, die ihm irgendwie fehlen würden. Und bei dem Ritual auf Wizard Island sei ihm das zum ersten Mal aufgefallen, habe er durch die Sight gesehen und gespürt, dass ihm etwas fehle. Nein mehr noch, dass man ihm etwas genommen habe, dass er aber nicht sagen könne, was genau. Die Löcher, die er auf Wizard Island an sich gesehen hatte (und die auch Alex jetzt an seinem Geist erkennen konnte), hätten zu seinem Nervenzusammenbruch geführt. Die Therapie habe er dann allerdings abgebrochen, weil die Ärzte ihm ohnehin nicht geglaubt hätten, wenn er versucht hätte, die Wahrheit zu sagen – was er aber auch gar nicht konnte. Irgendein Zwang hinderte ihn daran.

Alex bot Jeff an, ihn auf die nächste Ebene weiterzuschicken, doch der Junge lehnte ab. Er wolle hier bleiben, zumindest für’s Erste, denn er habe das Gefühl, da sei noch etwas unerledigt. Und vielleicht ist dieses Fehlende, dieses Unerledigte, ja auch der Anker, der ihn hier hält.

Nachdem wir unser Gespräch mit Jeff beendet hatten, ging Alex auch mit den anderen Geistern reden. Das machte er aber alleine, ohne uns – er meinte, er wolle versuchen, so viele wie möglich von ihnen weiterzuschicken, und das würde für uns vermutlich eher nicht so interessant.

Außerdem erklärte Edward, dass seine eigene magische Analyse von Mikes Blut noch Fragen offen gelassen hätte, die das Polizeilabor, wo das Blut des Jungen ja auch untersucht worden war, vielleicht beantworten konnte. Wir übrigen fuhren also mit Edward zum Revier und hatten uns eigentlich schon auf eine längere Wartezeit gefasst gemacht – aber so lang dauerte es gar nicht, bis unser Kumpel wieder herauskam. Oder besser: Zuerst kam Sergeant Book mit rotem Gesicht aus dem Gebäude gestürmt, stapfte zu einem Auto, knallte die Fahrertür beim Einsteigen so vehement zu, dass das ganze Fahrzeug vibrierte, und fuhr davon. Es folgten Suki Sasamoto und Salvador Herero, langsamer und sichtlich amüsiert, mit Edward, der zu uns herüberkam, während seine beiden Kollegen in einen anderen Wagen stiegen.

„Zu Pan!“, knurrte Edward, ehe er uns unterwegs erzählte, was sich im Revier abgespielt hatte.
Bis ins Labor war er gar nicht gekommen, weil Sergeant Book ihn abgefangen und nach seinen bisherigen Ermittlungsergebnissen befragt hatte. Als Edward den Drogenverteiler erwähnte, bei dem es sich angesichts der von Jeff erwähnten Hörner wohl um einen von Pans Satyren gehandelt haben muss, schaltete Book in den Hulk-Modus. Er lief rot an und brüllte los, dass er es Pan lange genug habe durchgehen lassen, aber dass es jetzt reiche! Und dann stürmte er zu seinem Auto, wie wir das ja gesehen hatten.

Suki und Salvador grinsten sich währenddessen an und machten Anstalten, dem Sergeant zu folgen, um das Spektakel nicht zu verpassen; anscheinend kennen sie ihn schon etwas länger. Und sie sagten Edward etwas, das dieser, in all seinen Jahren Arbeit für das SID, bislang noch nicht erfahren hatte: Dass Book nämlich ein Kobold sei. Und wenn den erst einmal etwas aufscheuche, dann werde es „lustig“.

Am Strand angekommen, stießen wir auf Alex, der anscheinend gerade eben Anstalten hatte machen wollen, bei uns anzurufen. Er hatte den Übergang von etlichen der Geister auf die Art und Weise beschleunigt, indem er sie in seinen Körper ließ, damit sie wenigstens ein letztes Bier trinken konnten, ehe sie gingen. Und wie gesagt, es waren eine Menge Geister da am Strand. Mit anderen Worten, Römer und Patrioten, unser Alex war sturzbetrunken – ein Zustand, den wir an unserem sonst so beherrschten Freund wohl auch so bald nicht mehr erleben werden.

Sergeant Book stapfte währenddessen unbeirrbar weiter, wir hinterher. Je näher er dem Palast kam, umso lauter wurden seine Schritte, umso mehr vibrierte der Boden unter seinen Füßen, und als wir ins Nevernever hinübergewechselt waren, wandelte sich auch Books Aussehen tatsächlich zu dem eines Kobolds.

Der alte Polizist konfrontierte Pan aufs Heftigste. Es sei seine Aufgabe, die Stadt zu beschützen, aber das, was Pan täte, sei das genaue Gegenteil davon – 60 Menschen tot! Der Sommerherzog hingegen tat auch jetzt wieder genau das, was er schon bei unserem ersten Besuch getan hatte: Er zog sich Book gegenüber komplett auf „seinen Richter“ zurück, der den Fall für ihn untersuche und lösen werde. Und es bereitete Roberto sichtliches Vergnügen, dagegenzuhalten. „Nicht dein Richter. Titanias.“

So oder so jedenfalls versprach Pan dem Sergeant, dass das Hohe Gericht sich mit dem Fall befassen werde: je ein Richter aus dem Sommer- und dem Winterhof sowie einer für die Wyldfae. Und erst, nachdem Pan zugesagt hatte, dass dieses Hohe Gericht sich in drei Tagen zusammenfinden werde, war Book einigermaßen – ich will nicht sagen besänftigt oder zufriedengestellt, aber er stapfte davon, ohne dass es zu Gewalttätigkeiten kam.

Edward hingegen rutschte eine Bemerkung heraus. Ich meine, angesichts von Edwards Temperament ist eine bloße Bemerkung ja eigentlich der Gipfel an Zurückhaltung. Aber diese hatte es in sich. Edward verglich Pan nämlich mit Jeffs Spitz. Nur dass Pan nicht wusste, dass ein Hund gemeint war, als Edward „Snowball“ sagte. Der Fae hörte nur „Schnee“ – und war auf den Tod beleidigt. Ihn, einen Herzog des Sommers, zu vergleichen mit dem Inbegriff des Winters?!

Entrüstet stellte Pan Edward vor die Wahl. Entweder er würde sich nie wieder vor ihm blicken lassen – oder er nähme an dem Turnier teil, von dem wir schon gehört hatten. Na toll. Edward hat zwar keinerlei Ahnung vom Surfen, aber wenn er sich nicht jeden Weg in Pans Palast verbauen will, dann wird er wohl oder übel zumindest einen Versuch machen müssen.

Sasamoto und Herero waren mit ihrem Sergeant wieder abgezogen, aber wir wollten die Bewohner von Pans Palast noch ein wenig genauer zu diesem ‚Scarlet’ befragen, jetzt wo wir wussten, dass wohl ein Satyr unter den Verteilern gewesen war. Dummerweise nur wollte niemand etwas gesehen haben. Die verschiedenen Drogen stünden einfach so allen hier zur freien Verfügung, und diejenigen Drogen, die zum Verteilen gedacht seien, stünden auch einfach so da, und die Verteiler nähmen sie dann mit.

Im Gegensatz zu unserem Besuch am Vormittag, bekamen wir diesmal Ritter Colin zu fassen, der wusste aber auch nichts. Sagte er jedenfalls. Und wir redeten nochmal mit Sir Anders und Sir Kieran, die wussten nur immer noch nicht mehr als zuvor. Sie wiederholten nur noch einmal, dass sie nicht viel von den satyrhaften Ausschweifungen am Hofe hielten, und fügten hinzu, dass sie selbst auch keine Drogen nähmen. Und wo die immer herkämen, das könnten sie nicht sagen, denn die hohen Sidhe kümmerten sich nicht um das, was die Dienerschaft tue. Aber übergeordnet sei Pan selbst dafür verantwortlich, dass immer genug Wein und Gespielinnen und Drogen da seien.

Also fragten wir Pan. Wo kämen die Drogen denn her? Die seien halt da. Also erscheinen sie einfach aus der Luft? Nein, die Diener tragen sie rein. Woher? Keine Ahnung. Wo Diener eben Sachen herholen.

Na gut. Dann eben zu den Dienern. Wo holten sie die Sachen her? Aus dem Vorratsraum. Und wer sorge dafür, dass der immer gefüllt sei? Na die Herrschaften. Der Herzog.

Ungefähr so muss sich ein Hamster im Laufrad fühlen. Wir also nochmal zu Pan. Wer hält den Vorratsraum gefüllt? Verständnisloses Gesicht seitens des Herzogs. „Es ist Sommer!“
Aaaah. Als ob das eine aussagekräftige Antwort wäre. Andererseits... Es sind Feen. Vermutlich ist das sogar tatsächlich eine aussagekräftige Antwort.

Als nächstes gingen wir die Satyre befragen, die auf dem Strand die Drogen verteilten. Aber auch die wussten nichts Genaues. Das Zeug sei einfach da gewesen.
Dann fiel mir aber ein, dass da nicht nur Satyre gewesen waren, sondern dass Mike, der asiatische Student, auch von einem braunen Mädchen mit leuchtend grünen Augen gesprochen hatte. Also fragte ich die Satyre nach denen, und ja, sie sei auch eine der Palastbewohnerinnen. Grinsend und zwinkernd schickten sie das Mädchen zu uns.

Sie war eine Nymphe, und es war gar nicht so leicht, sie dazu zu bekommen, dass sie mir zwischen all dem Gekichere und den Avancen, die sie uns machte, auch Antworten auf meine Fragen gab. Aber ich bekam heraus, dass die Schale mit den roten Kristallen ganz normal neben den anderen Substanzen gestanden hatte, als wären sie von einem der üblichen Lieferanten angebracht worden. Wer liefere denn Pans Hof alles Drogen, war meine nächste Frage daraufhin. Antoine, die Raiths, Orféa Baez und Ciceron Linares, kam die Antwort des Mädchens. Ich stellte ihr noch weitere Fragen, die sie auch alle bereitwillig, wenngleich mit Umschweifen, beantwortete, aber wirklich Neues ergab das alles nicht.

Wir ließen uns von ihr dann den erwähnten Vorratsraum zeigen, wo in einer Schale noch ein letzter Rest von dem Scarlet lag. Eigentlich wollte sie erst nichts davon herausrücken, tat es aber dann doch.

Und dann... dann lächelte die Nymphe mich an und meinte „So... und jetzt die Gegenleistung“ – und ich schwöre beim Allmächtigen, erst in diesem Moment wurde mir klar, was für einen kapitalen Fehler ich gerade gemacht hatte.
Eine Fee. Eine Nymphe. Die mir gerade mit der Beantwortung meiner Fragen einen Gefallen getan hatte, oder zumindest legte sie das so aus, daran ließ sie keinen Zweifel. Ich versuchte, mich darauf herauszureden, dass sie mir ja nicht weitergeholfen habe, mir keine Informationen gegeben hätte, die ich nicht ohne sie auch schon gehabt hätte. Aber nein. Sie hatte mir geholfen und wollte nun ihren Lohn – und außerdem hätte sie mir ja das Scarlet gegeben!

Wenn ich ging... würde ich bei dieser Fee in der Schuld stehen. Und so wenig ich im allgemeinen vielleicht auch wissen mag, dass ich nicht bei einer Fee in der Schuld stehen möchte, das weiß inzwischen sogar ich. Und schon gar nicht bei einer Sommerfee, die sich, auf diese Art von mir zurückgewiesen, vielleicht mit Lady Fire zusammentun könnte oder ähnliches...

Ich blieb. Dios, perdona me, ich blieb. Ich versuchte zwar mit all meiner Kraft, es bei ein paar Küssen zu belassen, aber... Tío, sie war eine Nymphe. Wunderschön und warm und anschmiegsam und voller Lebenslust. Und ich, bei all meinem Wollen, zu schwach. Es blieb nicht bei den Küssen.

Die Jungs waren natürlich vorausgegangen, und nachdem das Mädchen – O Dios, ich weiß nicht einmal ihren Namen – sich kichernd verabschiedet hatte, verließ ich den Palast ebenfalls. Oder besser, ich wollte den Palast verlassen, aber vor der Kammer traf ich auf George. Er sah mich mit schiefgelegtem Kopf an, seine Haltung eine Mischung aus mitfühlend und neugierig.

„Eine komische Sache ist das“, fing er unvermittelt an, „aber euch Menschen muss sie gefallen, denn du machst sie im Traum auch immer. Nur mit jemand anders.“
Ich konnte spüren, wie ich verlegen wurde – oder noch verlegener, genauer gesagt. Aber naja, dass George meine Träume sieht und kennt, das ist ja nichts Neues.
„Diese Träume hast du öfter“, fuhr George fort. „Wie die Feuerträume.“
Bei der Erwähnung von ‚Feuer’ schüttelte es mich, und ich gab ihm die Erlaubnis, jegliches Feuer, das in meinen Träumen auftauchte, aufzufressen. Wobei er das ja ohnehin schon tut, das weiß ich auch.
„Diese Sache hast du letztens im Traum auch wieder gemacht“, sagte George dann, „mit Lady Fire.“

Was z...!?! Da war er wieder, der Comic-Cardo mit der heruntergeklappten Kinnlade. Ich musste hörbar nach Luft schnappen, bis ich mich wieder einigermaßen gefangen hatte. „Da weiß ich gar nichts von.“
Und George sah mich nur an, mitfühlend und freundschaftlich, und nickte. „Ich weiß.“

Was. Zum. Geier?
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 3.06.2015 | 21:03
Draußen am Strand traf ich wieder auf die Jungs. Glücklicherweise gab es keine Zeit für irgendwelche peinlich berührten Momente, denn sie waren schwer beschäftigt. Und zwar redeten die Jungs gerade mit niemand anderem als mit Hans Vandermeer, dem Mann, dem wir damals auf der Vernissage begegnet sind und von dem wir glauben, dass er der Fliegende Holländer sein könnte. Der stand neben einem abgebrannten, noch ein wenig rauchendem Strandkorb und erzählte etwas von einer Frau, die ihm das Ding unter dem Hintern angezündet hätte. Beschreiben konnte er sie nicht, da er erst einmal nur versuchte, die Flammen zu löschen und nicht weiter auf die Frau achtete. Hmm. Wen kennen wir denn in dieser Richtung. Christine Wick? Lady Fire, Himmel steh uns bei? Oder vielleicht Ximena? Nur zur Sicherheit fragten wir Vandermeer, wo er derzeit wohne, und er nannte uns das Hotel Fontainebleau.

Anschließend erzählte Vandermeer uns noch von einer Frau, die er dringend suche, weil sie etwas von ihm habe, ein Schmuckstück, das er unbedingt zurück brauche. Die Frau, die er beschrieb, klang nach Cherie oder nach einem südländischen Typ wie Cherie. Und da fällt mir ein, genau dasselbe hatte er doch damals auch schon zu Roberto gesagt, als sie einander zum ersten Mal begegneten. Dort in der Galerie war der Holländer ja geradezu damit herausgeplatzt, dass ihm das Amulett abhanden gekommen sei, und es täte ihm so unendlich leid. Damals hatte er Roberto für einen Avatar Titanias gehalten, also hat dieses Amulett wohl irgendetwas mit ihr zu tun. Interessant...

Interessant, aber fürs Erste nicht unser Hauptproblem. Mit der Probe von dem Scarlet fuhren wir zu Edward, weil der das Zeug in seinem Labor untersuchen wollte. (Seiner Lykanthropen-Küche. Ohne ‚h’. Und fragt nicht, Römer und Patrioten, was das unterwegs für blöde Sprüche in Sachen ‚Lykanthropen-Küce’ gab.)
Bei der Analyse stellte sich dann jedenfalls heraus, dass die Substanz eigentlich eine normal chemische Droge war, auf die dann aber anschließend Sommermagie aufgeflanscht wurde.

Oh, richtig. Vor der Untersuchung rief Roberto noch bei Ximena an und fragte seine Cousine rundheraus, ob sie diejenige gewesen sei, die Vandermeers Strandkorb angezündet habe. Sie war es nicht, sagte sie. Aber sie klang fasziniert von dem Holländer und ließ sich von Roberto alles erzählen, was der so über den Mann weiß.

Nach der Laborarbeit trennten wir uns. Edward wollte nochmal aufs Revier, um sich über die neuesten Erkenntnisse seiner Kollegen im Fall Scarlet zu informieren. Wir anderen hingegen taten das, was uns in Pans Palast so ziemlich jeder geraten hatte: Es wurde Zeit, mit Antoine zu reden. Also fuhren wir zum Haus von Mrs. Parsen, da wir ja wussten, dass Antoine in letzter Zeit so gut wie dort wohnte.

Das Haus war leer, als wir dort ankamen, und durch das Fenster sah es so aus, als habe da jemand in aller Eile gepackt. Illegal oder nicht, wir brauchten Hinweise, also öffnete Alex – inzwischen nicht mehr ganz so betrunken – fachmännisch und ohne Spuren zu hinterlassen das Schloss an der Hintertür. Drinnen fanden wir nicht viel, aber immerhin einen ganz entscheidenden Hinweis: einige Fotos von Antoine und Marie vor einem Boot, das an einer Marina in den Keys vertäut lag. Diese Fotos steckten wir ein und hatten das Haus eben wieder verlassen, als ein Auto vorfuhr.

Zwei Leute stiegen aus, in Anzug bzw. Hose und Jackett. Polizisten. Die Frau stellte sich als Detective Martinez aus dem Drogendezernat vor; der Name ihres Kollegen ist mir gerade entfallen. Die beiden waren höchst interessiert daran, was wir hier taten, und glücklicherweise gelang es uns, es so aussehen zu lassen, als seien wir gerade erst gekommen und hätten geklingelt, aber niemanden angetroffen. Roberto konnte den beiden Detectives dann noch glaubhaft versichern (jedenfalls hoffe ich, dass sie es glaubten!), dass Mrs Parsen eine Kundin seiner Botanica sei und er mit ihr eine Bestellung habe besprechen wollen.

Nachdem die Polizisten uns hatten gehen lassen, sammelten wir Edward ein, der inzwischen ebenfalls Bekanntschaft mit Detective Martinez hatte schließen dürfen. Auf dem Weg zur Marina erzählte er uns, dass Henry ihm das Passwort für den Datenraum zum Scarlet-Fall beschafft hatte. Die dort gesammelten Unterlagen deuteten darauf hin, dass das Drogendezernat ein großes Interesse an Mrs. Parsen und ihrem Freund hegt – sogar eine kleine Sonderkommission ist für Antoines Substanzen gegründet worden. Detective Martinez bat Edward um ein Gespräch, bei dem die Polizistin ihn ziemlich detailliert zu seiner Mutter ausfragte, vor allem dazu, warum diese in letzter Zeit so unglaublich jung wirke. Edward lavierte ziemlich ungeschickt – und auffällig – herum, weil er nicht lügen, aber auch nicht die Wahrheit sagen wollte. Kein Wunder, dass Detective Martinez dadurch nur misstrauisch wurde... und mit ihrem Kollgen sofort zu Maries neuer Adresse fuhr, sobald Edward ihr die genannt hatte.

Die „Flying Pooka“ lag in der Marina vor Anker, aber das Boot war leer. Daraufhin rief Edward bei seiner Mutter an und bat um ein Treffen. Marie nannte das Boot als Treffpunkt und schien etwas konsterniert, als Edward erklärte, ja, da seien wir schon.

Einige Zeit später kamen Mrs. Parsen und Antoine, verstohlen und vermummt mit Hoodie und Hut, auf das Boot zu. Das Gespräch verlief etwas gehetzt, weil unsere Gegenüber offensichtlich mindestens mal vor der Polizei, aber genauso auch vor irgendwelchen anderen Gegnern, in Deckung gehen wollten. Aber einiges fanden wir doch heraus.
Antoine war es nicht, sagte er, und er wisse auch nicht, wer es gewesen sei. Als wir ihn danach fragten, wer außer ihm denn noch Drogen liefere, nannte er dieselben Parteien, von denen wir in Pans Palast auch schon gehört hatten. Und nein, sein Zeug sei alles komplett legal. Falls es verboten werden sollte, würde er damit aufhören und statt dessen etwas anderes herstellen, das dann eben wieder legal sei.

Toll. Nicht das, was wir hören wollten, aber wenigstens klang es nach der Wahrheit. Wir verabschiedeten uns also von den beiden und machten uns wieder auf den Weg in die Stadt, während Antoine und Marie in ihrem Boot wegfuhren.

Unterwegs erzählte Roberto uns noch, dass er im Palast den Eindruck gehabt habe, Ritter Colin lüge ihn an. Immerhin ist der ein Mensch und kann lügen. Und er mag Pan nicht. Was also, wenn ihm ein anderer Herzog lieber wäre und er versuchen möchte, Pan abzusetzen, wenn er schon den Job des Ritters fürs Erste behalten muss?

Und auf dem Weg in die Stadt sahen wir, als wir gerade über einer der Brücken in den Keys fuhren, draußen auf dem Meer ein Segelschiff kreuzen. Ein richtig altes. Hans Vandermeers Titania, vielleicht?
Wir riefen im Hotel Fontainebleau an und ließen uns mit Vandermeers Zimmer verbinden, um festzustellen, ob der Holländer dort war. Das war er... aber Ximena ging an sein Telefon. Oh-hoh.
Sobald sie den Hörer an den Mann weitergereicht hatte, fertigte Vandermeer uns ziemlich kurz angebunden ab. Nein, er wisse nicht, wer jetzt sein Schiff steuere, der Erste Maat vermutlich. Und nein, es interessiere ihn auch gar nicht, er habe anderes im Kopf. Ein Kichern von Ximena aus dem Hintergrund. Na klasse.

Jedenfalls war es das erst einmal für heute. Was für ein Tag! Aber ich kann nicht schlafen. Natürlich nicht, wie auch. Es gehen mir viel zu viele Dinge im Kopf herum. Ich dachte, dieser Tagebucheintrag würde helfen, aber er hat all die Gedanken nur noch weiter aufgewirbelt.

Ich glaube, ich schreibe Dee einen Brief. Anrufen kann ich um die Zeit nicht, aber Schlaf werde ich auch keinen finden, solange ich das vor mir her schiebe.

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02:00 Uhr.

Keine Chance. Ich finde die Worte nicht. Zerknülle Blatt um Blatt.

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04:17 Uhr

Telefon. Was zum...

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04:20 Uhr

Edward war’s. Gerald Raith hat eben bei ihm angerufen. Irgendwas im Hotel Fontainbleau. Wir treffen uns dort. Schlafen kann ich ohnehin nicht, und die Blätter in meinem Papierkorb sind auch nicht weniger geworden.

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Es war ein Missverständnis. Ein Missverständnis. Hah.

Der Hoteldirektor war schrecklich aufgeregt und wollte die Polizei, zumindest offizielle Vertreter der Polizei, möglichst außen vor halten. Das passte natürlich auch Gerald Raith perfekt in den Kram, da der samt Gefolge ja bereits aus seinem letzten Langzeitlogis geflogen ist und sicherlich kein Interesse daran hatte, von einem weiteren Fünfsterne-Hotel auf die Rote Liste gesetzt zu werden. (Wann ist das Raithsche Anwesen eigentlich endlich mal soweit fertig, dass der Tross sein Hotelleben wieder aufgeben kann?)

Jedenfalls war das der Grund für Geralds Anruf bei Edward gewesen. Es waren Schüsse gefallen, Magie war geflogen, und Edward sollte – wir sollten – das Ganze jetzt möglichst ruhig lösen. Der Ärger kam (und warum wundert mich das jetzt nicht?) aus dem Zimmer des geschätzten Gastes Hans Vandermeer. Genauer gesagt, man hatte den Ärger getrennt.

Ximena saß in Hans' Zimmer; die andere Streitpartei – Cherie, wie sich herausstellte – war in einen der von den Raiths angemieteten Räume gebracht worden. Wir beschlossen, die beiden getrennt voneinander zu befragen, und da Edward bei dem Gedanken, Cherie gegenüberzutreten, ein wenig unbehaglich aussah, gingen er und Roberto zu Ximena, während Alex und ich (Totilas war irgendwie nicht zu erreichen gewesen) mit Cherie redeten.

Edwards Ex erzählte uns, dass sie tatsächlich nachts Hans' Zimmer betreten habe. Cólera. Im vorigen Absatz ist es mir gar nicht aufgefallen, aber plötzlich springen mir die albernsten Hans Zimmer-Assoziationen im Kopf herum. Die Titelmelodie zu „The Rock“ zum Beispiel.) Sie habe mit dem Holländer reden wollen, weil sie gehört habe, dass der sie suche, und sie wollte wissen, warum. Daraufhin sei ihr ein Feuerball entgegen geflogen, und sie sei dem Feuerball ausgewichen und habe sich mit einem Pistolenschuss zur Wehr gesetzt. Ein Feuerball! Ein Angriff! Natürlich habe sie geschossen!

Ich hakte dann mal vorsichtig nach, warum sie sich denn mitten in der Nacht in das Hotelzimmer eines Fremden geschlichen habe, anstatt es tagsüber zu versuchen oder wenigstens anzuklopfen? Darauf wusste Cherie nicht so richtig etwas zu antworten, nur dass sie… naja, halt sichergehen wollte, Hans auch anzutreffen. Und dass sie gar nicht groß über eine Alternative nachgedacht hatte. Das sagte sie zwar nicht wörtlich, aber so kam es definitiv rüber.

Roberto und Edward erfuhren währenddessen von Ximena, dass da mitten in der Nacht eine schwarzgekleidete Frau im Ninjamodus und mit einem Messer bewaffnet in das Zimmer eingedrungen sei. Eine Ninja! Mit einem Messer! Ja natürlich habe sie sich verteidigt! Und „verteidigen“ heiße bei ihr in so einem Moment der Überraschung eben nun mal „Feuerball“. Und überhaupt, die Ninja-Tussi habe ja sofort auf sie gefeuert!

Langer Rede kurzer Sinn? Es war ein Missverständnis. Wir brachten die beiden dazu, dass sie einander grummelnd und widerstrebend die Hand schüttelten und sich darauf einigten, dass es ein Missverständnis gewesen sei, ehe wir dem Hoteldirektor Bescheid sagen gingen.

Von Hans Vandermeer war übrigens weit und breit nichts zu sehen. Der hatte sich offensichtlich sofort in dem Moment abgesetzt, als der Ärger losging.

Wir erzählten Cherie dann noch, warum der Holländer sie sucht, dieses Schmuckstücks wegen nämlich. Cherie wusste natürlich sofort, welches Schmuckstück gemeint war, erklärte aber, die Kette habe Vandermeer ihr geschenkt, zumindest habe sie das so verstanden. Tja, dem sei aber laut Vandermeer nicht so, erwiderten wir, und er habe wegen ihres Verlustes relativ verzweifelt geklungen. Das möge ja alles sein, konterte Cherie, aber sie habe die Kette nicht mehr. Sie habe das Amulett Ocean geschenkt, weil es vor böser Magie schützen solle und Ocean jeden Schutz dieser Art brauche, den sie nur kriegen könne.

Das war dann der Moment, wo Edward das Amulett wiedererkannte. Und wir anderen ebenfalls, denn auch wir hatten es auch schon mal gesehen. Das war die Kette mit den großen Holzperlen und dem goldenen Anhänger mit Schiffsmotiv, die Edward Ocean abgenommen und in seinem Labor in einen Schutzkreis gesteckt hatte, ehe Ocean sich mit Ciélo nach Kuba absetzte.
Diese Kette war das also. Auch interessant.


Nachdem sich dann alles beruhigt soweit hatte, wollten wir eigentlich alle wieder heimfahren. Aber vorher nahm ich noch Edward beiseite und erzählte ihm alles. Dass das mit der Nymphe einer der größten, wenn nicht der größte, Fehler meines Lebens war. Dass ich mich schuldig fühle. Dass ich die Nacht über kein Auge zugetan habe. Dass ich versucht habe, Dee zu schreiben, aber dass die Briefe alle irgendwie falsch klangen, überhaupt nicht das ausdrückten, was ich sagen wollte.

Edward hörte sich das alles geduldig an und sagte dann etwas, auf das ich eigentlich auch von selbst hätte kommen können. „Du könntest versuchen, es zu verheimlichen oder zu vergessen, so tun, als sei es nicht geschehen. Aber das wird nicht klappen. Denn die Sache nagt an dir, und sie wird dir keine Ruhe lassen. Rede mit Dee, denn du wirst keine Ruhe finden, solange du nicht mit ihr redest.“

Und natürlich hat er recht. Ich mag ein Schreiberling sein, aber in diesem Falle wären geschriebene Worte das denkbar Falsche. Ich muss es ihr in Worten sagen, muss ihr dabei gegenübersitzen und ihr in die Augen sehen, so schwierig das auch werden wird. Ich muss mit Dee reden. So bald wie nur möglich.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 1.07.2015 | 01:21
Ricardos Tagebuch: Proven Guilty 2

Geschlafen habe ich nicht mehr. Nur gewartet und gegen 10 Uhr bei Dee angerufen. Zuerst ging sie nicht ans Telefon, aber ein paar Minuten später rief sie dann zurück. Nach dem „Hallo“, noch ehe ich meine Bitte nach einem Treffen vorbringen konnte, meinte Dee schon „wir müssen reden“. Und dann verabredeten wir uns für mittags im Dora's.

Mierda. Sie muss schon von der Sache mit der Nymphe erfahren haben. Verdammt, verdammt, verdammt, und dabei wollte ich doch, dass sie es von mir hört. Verdammt.

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12:35 Uhr

O... kay. Das... puh.

Schluck Kaffee.

Dee war pünktlich. Überpünktlich beinahe, und nervös. Ich wollte eigentlich mit meinem Geständnis herausrücken, aber Dee bat mich, erst sie erzählen zu lassen, was sie auf dem Herzen habe, dann könne ich ihr sagen, was ich ihr sagen wolle. Okay...

Und dann gestand sie mir, sie habe letzte Nacht mit Roberto geschlafen. Es tue ihr leid, ich sei wohl nicht derjenige, mit dem sie über die Sache mit Ruiz wegkommen könne, auch wenn sie das lange gedacht habe.

Und es stimmt ja. Ich habe gewartet, wollte sie absichtlich nie bedrängen, das Ganze von ihr ausgehen lassen, wenn sie eben über die Sache weggewesen wäre. Ja, meinte Dee, irgendwie habe sich das so eingeschliffen, und... Sie tat sich ebenso schwer mit den Worten wie ich auch. Es tat ihr leid, das konnte ich sehen.

Ich gestand ihr dann auch die Sache mit der Nymphe. Und Dee gab mir einen Kuss auf die Wange und ging.

Und jetzt sitze ich hier und... Puh.

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12:55

Dora hat mir unaufgefordert Kaffee nachgeschenkt und noch einen Donut gebracht. Sie hat mir wohl angesehen, dass das gerade ein Schlussmach-Gespräch (oder eher ein gar-nicht-richtig-angefangen-Gespräch) war. Eben habe ich mich zusammengerissen und bei Edward angerufen. Er scheint heute morgen mit Alex surfen geübt zu haben, wie es klang. Jedenfalls kommt er jetzt her.

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Totilas und Alex kamen vor Edward ins Dora's. Diesmal allerdings hätte ich mir gewünscht, Edward wäre als erster angekommen. Dann hätte ich nämlich ausführlicher mit ihm reden können als nur die kurze Darstellung der Sachlage, die ich den Jungs ablieferte. Roberto tauchte dann nämlich kurze Zeit später auch schon auf. Und das war vielleicht seltsam, Römer und Patrioten. Wobei ich Roberto noch nicht mal einen Vorwurf machen kann. Aber leichter machte das die Sache trotzdem nicht. Die Jungs taten ihr Bestes, um Roberto und mich abzulenken, indem sie das Gespräch auf die Fakten lenkten, die wir in dem Fall bereits gesammelt haben.

Tatsache war: Wir wussten noch viel zu wenig über dieses Hohe Gericht, das Book da eingefordert hat. Also fuhren wir als nächstes zu Hurricane, weil der uns vielleicht sagen könnte, wer der Richter des Winters sein wird. Dort angekommen, gingen die drei anderen voraus, während ich draußen endlich etwas ausführlicher mit Edward redete.

Dass jeder Hof, oder jede Abteilung, der Fae je einen Richter stellt, wussten wir ja schon. Außerdem konnte Hurricane den Jungs aber noch folgendes sagen: Neben den drei Richtern gibt es noch einen Ankläger, immer vom Winter gestellt, und einen Verteidiger, immer vom Sommer. Wenn das Gericht einmal einberufen ist, hat jeder das Recht, dem Ankläger einen Beschwerdepunkt vorzutragen. So kann es vorkommen, dass mehr als ein Fall besprochen wird und dass solche Gerichtsverfahren sich relativ lange hinziehen.

Dass Roberto der Richter des Sommers ist, wussten wir ja bereits. Die Richterin des Winters ist eine gewisse Catalina Snow, die wohl morgen im Laufe des Tages noch in die Stadt gereist kommt. Während diese beiden ihr Amt langfristig bekleiden, wird der Richter des Wyld immer vom ranghöchsten Wyldfae bestimmt, der sich jeweils gerade an dem Ort befindet, wo das Gericht einberufen wird. Und der ranghöchste Wyldfae hier in Miami ist wohl gerade Samuel Book.
Der Ankläger ist Hurricane selbst, und den Verteidiger gibt – war ja so klar – unser Freund Colin. Das Verfahren würde auch stattfinden, wenn der Angeklagte nicht anwesend sei, sagte Hurricane, wobei es für den Angeklagten sehr schlecht aussehe, wenn er nicht zum Gerichtstermin erscheine. So gut wie ein Schuldeingeständnis sei das.

Roberto fuhr zu Pans Palast, um mit Colin zu reden, während Edward im SID Bericht erstatten ging. Hinterher trafen wir uns wieder. Colin habe in bezug auf seine Rolle als Verteidiger nicht sonderlich motiviert geklungen, sagte Roberto. Was nicht dazu beitrug, den Jungen irgendwie unverdächtiger aussehen zu lassen.

Edward hingegen wurde – wie wir das fast schon vermutet hatten – von seinem Chef zum Richter des Wyld ernannt. Eine andere Wahl hätte der Sergeant wohl auch kaum gehabt: Falls Edward abgelehnt hätte, hätte das Los auf Henry fallen müssen. Suki Sasamoto und Salvador Herero wären jedenfalls ausgeschieden, weil die Richter jeweils Menschen sein müssen, die beiden SIDler aber Changelings sind – Kinder eines menschlichen Elternteils und eines, oder einer, Fae.

Wir hatten ja noch das Scarlet, das wir von der Nymphe bekommen hatten. Das verfolgte Edward über einen Verbindungszauber zurück zum Rest davon. Wobei das nicht unbedingt das tatsächliche mit Sommermagie aufgepeppte Scarlet sein musste, räumte Edward ein. Falls von dem nichts mehr übrig wäre, dann würde die Magie sich an das Nächstbeste hängen, und das wäre dann der auf rein chemischen Wege hergestellte Grundstoff. Diese chemische Droge an sich ist bei der Polizei übrigens anscheinend noch nicht bekannt, das muss wohl ein neues, Meth-ähnliches Zeug sein.

Die magische Spur führte uns jedenfalls direkt zum „Whispers“, einer in den übernatürlichen Kreisen als Treffpunkt des Red Court bekannte Bar. Wir gingen nicht hinein, aber Roberto rief bei seiner Bekannten Lucia an. Die wusste nichts von Colin oder einer Verbindung zum Sommerhof der Fae, aber sie erwähnte einen Priester, der in letzter Zeit öfter mal in der Bar gewesen und auch unbeschadet wieder herausgekommen sei. Und den Namen des Priesters kannten wir sogar. Es war niemand anderes als Father Donovan Reilly, den wir bei der Sache mit Ciélo und Ocean kennengelernt hatten und bei dem ich anschließend zur Beichte gegangen war.

Das war interessant genug, dass wir den guten Pater mal aufsuchen gingen. Wir fanden ihn in dem Seelsorgerzelt am Strand, das die Gemeinde dort aufgebaut hat.
Auf unsere Fragen erklärte Father Donovan, ja, er wisse um das Übernatürliche, und ja, er wisse um den Red Court. In der Bar sei er gewesen, weil die menschlichen Diener der Vampire seine Hilfe benötigten. Er sei dabei, für die Leute eine Art Seelsorge aufzubauen.
Als wir ihn nach Colin fragten, erklärte der Pater, den kenne er auch, der komme öfter mal zur Beichte hier ins Zelt.

Weil Edward noch immer Hurricanes Worte im Ohr hatte, dass das Nichterscheinen des Angeklagten wie ein Schuldeingeständnis sei, rief er bei seiner Mutter an, um sie und Antoine zur Rückkehr zu bewegen. Doch Marie ging nicht ans Telefon. Es klingelte nicht einmal; es war sofort die Mailbox dran.

Danach trennten wir uns. Edward sagte, er wolle sich einen Trank brauen, mit dem er besser surfen könne, und Alex wollte ihm ein Surfbrett besorgen. Und ich habe auch noch zu tun. Wir haben ja immer noch, und immer stärker, den Verdacht, dass Colin in der Sache mit drinhängt. Wenn dem so ist, dann habe ich morgen vielleicht die Gelegenheit, ihn zum Zucken zu bringen... wenn ich es nur richtig anstelle.

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Der Tag des Turniers. Oh Mann. Tjosten auf Surfboards.

Es war so ziemlich jeder anwesend, der im Dunstkreis der Feenhöfe irgendwie Rang und Namen hat. Pan selbst natürlich. Colin als sein Ritter. Die anderen hohen Sidhe des Sommerhofs, wie Sir Anders und Sir Kieran – letzterer zusammen mit Edelia Calderón. Hans Vandermeer. Father Donovan, überraschenderweise. Hurricane und die frisch angekommene Richterin Catalina Snow als Vertreter des Winters. Suki Sasamoto als Rettungsschwimmerin für die tjostenden Streiter, Salvador Herero. Lady Fire, el señor nos socorre, und Christine Wick.

Außerdem hing an meinem Arm plötzlich kichernd eine Nymphe. Die Nymphe. Sie strahlte mich an und fragte, ob ich nicht vielleicht wieder irgendwelche Hilfe von ihr wolle. Haha. Aber diesmal dachte ich an meine Manieren und fragte sie, wie ich sie denn nennen solle, und erhielt zur Antwort „Saltanda“.

Ich versuchte, mich so schnell wie möglich von Saltanda loszueisen, und unterhielt mich stattdessen kurz mit Father Donovan. Der bewegte sich erstaunlich souverän unter all den Feen; offensichtlich weiß er nicht nur über das Übernatürliche bescheid, sondern ist durchaus involviert. Jedenfalls wusste er, dass der Siegespreis ein goldenes Füllhorn sein würde, das immer genau das zum Essen oder Trinken enthielte, das man sich in dem Moment gerade wünschte. Auch dass dieses Frühlingsturnier anscheinend schon eine lange Tradition hat, nur dass es wohl bislang immer zu Pferd ausgetragen worden sei. Ich fragte ihn noch, wie er mit dem Übernatürlichen in Kontakt gekommen sei. Doch darüber wollte der Pater sichtlich nicht reden. Es sei „eine lange Geschichte“, und seinem Ton war anzumerken, dass er damit nicht meinte, diese mal bei einem guten Bier ausbreiten zu wollen.

Bei der Tjosterei schlug Edward, seinem selbstgebrauten Trank und dem von Alex besorgten und getunten Surfboard sei Dank, sich gar nicht schlecht. Er gewann ziemlich souverän gegen Sir Anders, unterlag dann aber denkbar knapp sowohl gegen Colin als auch gegen Hurricane (der unseren Edward ebenfalls nochmals gefordert hatte. „Ein Schneeball hat mehr Würde als Pan!“). Den Gesamtsieg trug Colin davon, der sich im Finale gegen Hurricane durchsetzte. Die beiden schienen sich übrigens recht gut zu verstehen und planten für die nächsten Tage irgendwann einen gemeinsamen Surfausflug im Cayo Huracán. Pan überreichte seinem Ritter das Füllhorn, und Colin feierte seinen Sieg prompt, indem er sich gnadenlos betrank.

Im Zuge dessen gratulierte ich Colin zu seinem Sieg und brachte ihn im dann folgenden Gespräch dann tatsächlich dazu, ertappt auszusehen. Er hängt in der Sache mit drin, da bin ich mir jetzt sicher, auch wenn er keinen ganz und gar glücklichen Eindruck damit machte.

Später sah ich dann, dass Lady Fire sehr ernsthaft mit Colin und Hurricane sprach. Beide wirkten respektvoll und der Feuerfee gegenüber durchaus positiv eingestellt. Überhaupt sprach Lady Fire mit den meisten Feenrittern vor Ort: sehr huldvoll und verständnisinnig, reines Balsam für die gedemütigten Seelen der Sidhe. Plant die Lady etwa einen Putsch und nimmt Pans Untergebene – die ja, wie wir von Sir Anders und Sir Kieran wissen, ohnehin nicht sonderlich gut auf die satyrhaften Umtriebe des Sommerherzogs zu sprechen sind – bereits jetzt für sich ein?

Edward wurde von Pan höchstselbst auch zu seinem guten Abschneiden im Turnier gratuliert. Und dann gab der Sommerherzog Edward unvermittelt einen Kuss. „Und? Findest du jetzt immer noch, dass ich kalt bin wie ein Schneeball?“, fragte er dann. Und Edward – war Edward. „Ich hatte schon bessere Küsse“, erwiderte er trocken. Was Pan – er ist immerhin ein Satyr! – natürlich nicht auf sich sitzen lassen konnte. Er warf nun seinen nicht unbeträchtlichen Satyr-Charme an und küsste Edward erneut. Lang. Hingebungsvoll. Grinste ihn hinterher breit an. „Und jetzt?“ Edward atmete schwer, hatte sich aber unter Kontrolle. „Besser“, schnaufte er. „Wenn du eine Frau wärst...“ „Das lässt sich arrangieren“, schoss Pan zurück, schnippte mit den Fingern, und ein paar Sekunden später hing eine Nymphe an Edwards Arm. „Es ist das Frühlingsfest. Es muss gefeiert werden“, erklärte Pan, und Edward schien nach dem Kuss, den er da gerade bekommen hatte, nicht geneigt zu widersprechen. Ohne weitere Worte verschwand er für eine Weile mit der Nymphe.

Christine Wick war auf der Suche nach Hans Vandermeer. Totilas bemerkte ihren suchenden Blick und ging den Holländer warnen. Der wich Christine auf Totilas' Hinweis hin aus, aber seinem Gesicht war eine gewisse Faszination anzusehen, als ob er die Feuerkünstlerin trotzdem gerne gesprochen hätte. Roberto hingegen ging direkt auf Christine zu und sprach sie darauf an, ob sie jemanden suche und ob er helfen könne. „Nein“, spuckte Lady Fires Assistentin zurück, „von euch Typen will ich keine Hilfe!“ Roberto zuckte mit den Schultern. „Na gut, dann gehe ich eben zu Hans Vandermeer.“ Das ließ Christine stutzen. „Hans Vandermeer? Was, wo, wie?“ „Da drüben“, antwortete Roberto ruhig und ging tatsächlich gleich zu dem Holländer hin.

Christine zögerte noch einen Moment, machte sich dann aber auch auf in Richtung Vandermeer. Ehe sie aber bei ihm ankam, sah sie den Holländer am Arm einer jungen Studentin hängen. Ihr Gesicht nahm einen beleidigten Ausdruck an, und sie wandte sich ab. Dann drehte sie sich noch einmal um, voller... Erwartung? Hoffnung? Auch Vandermeer sah auf, sah sie kommen und sich wegdrehen, und er verzog das Gesicht, löste sich von der Studentin. Doch Christine hatte sich schon wieder abgewandt, und ihre Blicke verpassten sich.

Der Holländer fragte Roberto nach Christines Nummer, die Roberto ihm auch gab. Das gab der Studentin Anlass zum Beleidigtsein, und das wiederum brachte Hans gegen Roberto auf, dass der mit dem ganzen Thema überhaupt bei ihm aufgeschlagen war. Aber die Nummern waren ausgetauscht.

Als nächstes sprach Totilas den Holländer nochmals an, wegen der Halskette, die Vandermeer suchte. Aber unser White Court-Freund tanzte im Gespräch derart um den heißen Brei herum, dass es Edward – der inzwischen vom Frühlingsfest-Feiern zurück war – reichte. Er kam dazu und sprach Klartext. Ja, er kenne die Frau, die Vandermeer suche. Und ja, er, Edward, habe die Kette, um die es gehe, in seinem Besitz. Er schloss ein Geschäft mit dem Holländer ab: Vandermeer sagt ihm, wenn ihm am Feenhof etwas auffällt, dafür wird Edward die Kette an Titanias Richter Roberto weitergeben.

Außerdem schubste Edward Vandermeer noch ein wenig in Christines Richtung, indem er beinahe beiläufig einwarf, dass man die wahre Liebe irgendwie immer erst erkenne, wenn es zu spät sei. Daraufhin fluchte Hans vehement los und stapfte davon, noch immer laut schimpfend. Und natürlich... Wenn er der Fliegende Holländer ist, wie wir ja vermuten, dann ist es sein Fluch, die Meere besegeln zu müssen, bis er seine wahre Liebe gefunden hat. Und wenn Christine diese wahre Liebe ist... dann können die beiden nicht zusammenkommen, weil Christine ja Lady Fire verschworen ist. Mierda. Da sieht man seine eigenen Beziehungsprobleme irgendwie gleich in einem anderen Licht.

Edelia Calderón und Sir Kieran sprachen indessen mit Hurricane. Was sie sagten, war aus der Entfernung nicht zu verstehen, aber die beiden sahen nach dem Gespräch aus wie die sprichwörtliche Katze, die den Kanarienvogel gefressen hat.

Mit Catalina Snow sprachen wir auch. Die Richterin des Winters kommt aus Calgary und hat indianische Wurzeln. Sie wirkte erst kühl, taute aber, als das Thema auf Eishockey zu sprechen kam, merklich auf.

Als die Feier dann langsam immer mehr in ein reines Gelage überging, machten wir uns aus dem Staub. Denn immerhin wollte Alex ja noch einmal mit Jeff sprechen. Den fand er allerdings erst nach einigem Suchen – oder besser, Jeff fand Alex. Denn Jeff war zunächst nirgendwo zu sehen, und erst, als wir ein wenig verloren außerhalb des Nevernever am Strand herumstanden, tauchte der Junge plötzlich auf. Er wirkte sehr nervös auf Alex, hatte sich versteckt. Alex ließ ihn in sich, wie er das immer so macht, und nahm ihn mit, sehr zu Jeffs Erleichterung.

Dass Jeffs Geist jetzt zumindest kurzfristig in Alex war, erlaubte es auch uns anderen, ganz direkt mit ihm zu sprechen. Er war so nervös gewesen, weil zwei beängstigte Gestalten an den Strand gekommen waren, vor denen er sich lieber versteckt hatte – niemand anderes als Joseph Adlene und „Jack“, soviel wurde sehr schnell klar. Adlene habe Jack an einer Kette geführt, aber eigentlich, sagte Jeff, habe es genau andersherum ausgesehen. Und Adlene habe auch keinen sonderlich gesunden Eindruck gemacht. Die beiden hätten nicht so gewirkt, als seien sie zufällig an den Strand gekommen, sondern sie schienen etwas zu erwarten, das dann aber nicht da war. Beide hätten sie daraufhin ziemlich enttäuscht und vor allem wütend ausgesehen.

Hatte Adlene etwa die ganzen Geister der Getöteten einsammeln und versklaven wollen? Nur dass keiner mehr da gewesen war, weil Alex ja alle bis auf Jeff weitergeschickt hatte? Und wenn Adlene gezielt an den Strand gekommen war, um die Geister einzusammeln, hängt er etwa in der ganzen Sache mit drin? Tío. Was für ein erschreckender Gedanke.

Jeff hatte aber noch mehr zu erzählen. Ich weiß gar nicht mehr, wer das Thema aufbrachte, aber die Sprache kam auf Father Donovan, und Jeff meinte, der Priester mache ihn nervös, sei ihm unheimlich. Er erklärte auch, er glaube den Priester von irgendwo her zu kennen, aber er konnte beim besten Willen nicht sagen, woher.

Bei Jeffs Worten kam Totilas der Gedanke, bei Father Donovan könne es sich um den Mittelsmann zwischen Colin und dem Red Court handeln, der Pans erstem Ritter das unbehandelte Scarlet aus dem „Whispers“-Club beschafft haben könnte. Immerhin hat der Pater nachweislich mit beiden Seiten zu tun. Der Gedanke gefällt mir zwar ganz und gar nicht, weil der gute Father mir eigentlich sehr sympathisch ist, aber ausschließen lässt sich die Theorie natürlich nicht, solange wir nicht Näheres über ihn wissen. Gut, Roberto könnte ihn sich mit der Sight anschauen, aber das Risiko ist ihm viel zu groß, falls sich hinter der Fassade des Priesters doch ein Dämon verbergen sollte oder ähnliches.

Als Jeff uns soweit alles erzählt hatte, verabschiedete er sich noch von Snowball. Zu diesem Zweck ließ Edward ihn mit Alex' Hilfe kurzfristig in sich, da Edward ja mit Hunden sprechen kann und sich somit auch Jeff mit seinem Hund würde verständigen können. Es war ein trauriger, sehr rührender Moment, als Snowball verstand, dass Jeff nicht wiederkommen würde, dass ihm dasselbe widerfahren sei wie der Katze der Nachbarin und dem Eichhörnchen damals. Und dann bat Jeff Edward, dass er sich doch in Zukunft um Snowball kümmern möge. Eigentlich wären ja Lila oder Danny die näherliegende Option, aber Lila hat eine Hundehaarallergie, und da sich zwischen den beiden gerade etwas anbahnt, fällt dann wohl auch Danny aus. Ergo blieb Edward, und natürlich sagte er zu. Grummelnd zwar, aber er sagte zu. Und so ist unser Edward jetzt auf den Hund gekommen...

Das hinderte uns aber alles nicht daran, erst einmal weiter planen zu müssen. Denn morgen findet die Verhandlung statt, und Antoine sollte wirklich, wirklich, wirklich anwesend sein. Aber Mrs. Parsen war nicht an ihr Handy gegangen, hatte auch auf Edwards Spruch auf ihrem Anrufbeantworter bislang nicht zurückgerufen. Aber, fiel uns ein, konnte Edward seine Mutter aufgrund ihres Verwandtschaftsverhältnisses nicht auf magischem Wege finden? Das war natürlich eine Möglichkeit – aber das Ritual, das Edward zu dem Zweck durchführte, sagte ihm erst einmal auch nicht mehr, als dass seine Mutter sich im Nevernever befand. Mierda. Was natürlich auch erklärte, warum sie nicht zurückgerufen hatte. Wenn sie schon die ganze Zeit im Nevernever war, hatte sie den Anruf gar nicht bekommen können.

Jedenfalls... die Gerichtsverhandlung beginnt morgen um 12 Uhr mittags. Das ist zu knapp, um ins Nevernever zu gehen, Marie und Antoine zu suchen und garantiert rechtzeitig zurück zu sein. Dann lieber erst pünktlich um Mittag zur Verhandlung erscheinen, anhören, was vorgetragen wird, und dann den Prozess vertagen, damit wir auf die Suche gehen können. Das ist laut Statuten nämlich anscheinend möglich.

So, alles aufgeschrieben. Schlafen gehen. Wenn ich denn kann. Ha.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 28.07.2015 | 19:40
So sehen also Feen-Gerichte aus.

Roberto in seinem Liberace-Mantel, der, dem Anlass gemäß, wie ein Talar aussah... wie ein glitzernder, mit Pailetten besetzter Talar, wohlgemerkt. Dazu eine weißgepuderte Perücke à la britischen Richtern, die ebenfalls irgendwie zu glitzern schien.
Edward ebenfalls in einem Talar, aber einem alten, abgetragenen, der nicht sonderlich viel hermachte. Seine Perücke war auch schon etwas abgewetzt und glitzerte definitiv nicht.
Catalina Snow in einem langen, braunen Mantel und einem Cowboyhut.
Hurricane im Anzug, Colin – als wahrer Vertreter des Sommers – im Hawaii-Hemd.

Was für eine Mischung.

Auch diverse Zuschauer waren anwesend, darunter Pan, Tanith, einige Ritter, Lady Fire, Sergeant Book und – zu unserer nicht geringen Überraschung – auch George. Der thronte in seiner graugewandeten Menschengestalt neben dem Sergeant, und wir setzten uns zu den beiden.

Hurricane als Ankläger trug die Beschwerden vor. „Störung des Festfriedens“ war der Vorwurf, der Antoine für die Vorfälle am Strand gemacht wurde. Und dann kam noch eine zweite Anklage: gegen Sergeant Book, weil die Insel der Jugend entweiht worden sei.

Damit hatte offensichtlich niemand gerechnet – niemand außer Edelia Calderón und Sir Kieran jedenfalls. Während wildes Getuschel auf den Besucherbänken ausbrach und Sergeant Book sich hektisch zu George umdrehte und diesem eine Frage zuzischte, sahen die Santería und der Sommerfae wieder genauso zufrieden aus wie am Tag zuvor, als sie Hurricane diese Anklage wohl vorgetragen haben mussten.

George und Sergeant Book waren heftig am Diskutieren. Der alte Polizist wollte von unserem Traumfresser-Freund wissen, ob jemand über die Träume zur Insel der Jugend gelangt sein könnte, aber das verneinte George vehement. Das wüsste er!

Da ich neben George saß, fragte ich ihn leise, was es mit diesen Traumwegen auf sich habe, über die man auf die Insel der Jugend gelangen könne. Er erklärte mir ebenso leise, dass die Insel nur von einem Schiff erreicht werden könne, das rückwärts gegen den Wind kreuze. Und das gehe eben eigentlich nur im Traum. Im Traum... oder mit einem magischen Schiff vielleicht, das seit mehreren hundert Jahren dazu verflucht ist, ohne Rast und Ruhe über die Meere zu segeln?
Hat vielleicht Joseph Adlene auf seiner frenetischen Suche nach dem Jungbrunnen einen Handel mit dem Fliegenden Holländer abgeschlossen, weil er diesen auf der Insel der Jugend vermutet?
Wobei Hans Vandermeer selbst ja seit etlichen Monaten an Land ist – seit Roberto es ihm an dem Tag in der Galerie erlaubt hat, um genau zu sein. Aber seine Mannschaft ist ja noch an Bord. Vielleicht gab es einen Handel mit denen?

Oben am Richtertisch wurde inzwischen beschlossen, den Prozess zu unterbrechen und in drei Tagen wieder aufzunehmen. Edward und Roberto hätten zwar auch alleine die Mehrheit gehabt, aber Catalina Snow stimmte ebenfalls dafür. Sie denkt nämlich ebenfalls, dass hier etwas mehr als faul ist, dass Antoine wohl ans Messer geliefert werden soll, sagte sie den beiden.

Roberto und Edward kamen von ihrem Podest herunter, und ehe wir zu Sergeant Book hinübergingen, wechselten wir erst einmal einige Worte untereinander.
Lady Fire will ja ziemlich offensichtlich Pan absetzen. Und tatsächlich ist der gute Pan alles andere als ein idealer Sommerherzog. Das war er damals schon nicht, als Titania uns die Entscheidung überließ. Dummerweise aber ist Lady Fire noch immer genausowenig eine Option wie damals.
Sir Kieran wäre als Nachfolger Pans deutlich besser geeignet als Lady Fire – und er kann wenigstens nur Roberto nicht leiden, während Lady Fire uns, bis auf Alex, alle hasst. Wobei sie Alex sogar mag, oder wenigstens in seiner Schuld steht, weil er sie damals vor den Bucas gerettet hat.

Noch eine wichtige Frage drängte sich uns in dem Moment förmlich auf. Antoine wollte Pan nicht sagen, wo seine Drogenkräuter herkommen. Und das, obwohl der Sommerherzog es ihm befohlen hatte. Er hat seinem Feudalherren widerstanden, also muss ihm das Versprechen, das er gegeben hatte, sehr wichtig gewesen sein. Also wo kommt das Zeug her?

Und auch Sergeant Book muss übrigens ein ziemlich hochrangiger Wyldfae sein, wo wir schon mal dabei sind, wenn er sich so offen gegen Pan stellen und das Hohe Gericht einfordern konnte.

Aber das waren alles erst einmal nur Gedankenspiele. Wir brauchten mehr Informationen. Gemeinsam mit Catalina setzten wir uns also mit Sergeant Book und George zusammen, um mit den beiden noch einmal genauer über die Insel der Jugend und diesen so plötzlich aufgetauchten Vorwurf zu sprechen.

Dabei erfuhren wir folgendes: Die Insel der Jugend stabilisert das Nevernever, und davon soll eigentlich niemand wissen. Auch dass sich der Jungbrunnen dort befindet, ist eine Information, die eigentlich niemand bekommen soll. Wer darf denn auf die Insel? Eigenlich jeder, der dorthin findet. Aber man darf eben nichts von dort wegnehmen, und Menschen dürfen nur einmal in 99 Jahren aus dem Brunnen trinken, weil er sonst zu sehr geschwächt würde.

Etwa in diesem Moment, oder vielleicht auch schon kurz vorher, flog plötzlich ein Gedanke im Raum herum – ich weiß nicht einmal, wer von uns ihn aussprach: „Sag mal, Edward, wie ist deine Mutter eigentlich so jung geworden?“

Wir hatten immer vage gedacht, das liege irgendwie an Antoines Feenmagie, oder an Antoines Drogen, aber was, wenn Mrs. Parsen an den Jungbrunnen geraten war? Wenn schon jemand anderes in den letzten 99 Jahren daraus getrunken hätte, dann wäre das ein Grund für die von Sir Kieran und Ms. Calderón angeklagte Entweihung...
Und tatsächlich konnten Sergeant Book und George uns bestätigen, dass der Brunnen zuletzt in den 1930ern von einem Menschen genutzt worden sei. Mierda..

Und noch eine andere Idee stand plötzlich im Raum, mindestens ebenso besorgniserregend: Adlene. Ehe wir unsere Masche mit dem Verjüngungsritual durchzogen, war er geradezu besessen davon, den Jungbrunnen zu finden. Tió, als wir Adlene zum ersten Mal zu Gesicht bekamen, war das in dieser Galerie, in dieser Ausstellung über maritime Kunst. Und wer war da noch, umringt von einem Rudel hübscher Frauen? Niemand anderes als Hans Vandermeer, dem just zu dieser Gelegenheit Roberto in Titanias Namen die Erlaubnis gab, an Land zu bleiben, und der sich über diese Erlaubnis so unendlich gefreut hatte.

Was, wenn Adlene gewusst hatte, dass eine Ausstellung über Schiffe, an dem einen Tag, an dem er an Land gehen durfte, natürlich eine starke Anziehungskraft auf den Fliegenden Holländer ausüben würde? Was, wenn der Nekromant gehofft hatte, Vandermeer dort zu begegnen – oder gar ein Treffen mit ihm ausgemacht hatte – eben in der Absicht, von ihm auf die Insel der Jugend mitgenommen zu werden?

Danach mussten wir Hans fragen. Aber zuerst fragten wir George, ob er uns zu der Insel bringen könne. Ja, erklärte mein kleiner Wyldfae-Freund, das könne er, aber wir müssten versprechen, von dort nichts wegzunehmen.

Hans wiederum, als wir ihn gefunden hatten, konnte sich an Adlene erinnern. Der habe ihn angesprochen, Hans habe ihn aber weggeschickt und darauf bestanden, er wisse nicht, wovon der Mann rede. Immerhin sei das den Kerl nichts angegangen. Ob Adlene daraufhin seinen ersten Maat kontaktiert habe, wusste Hans nicht, denn er sei ja nach dem Besuch der Ausstellung nicht mehr auf die Titania zurückgekehrt.

Aber, ja, das Schiff komme regelmäßig in der Nähe des Piers vorbei. Es lege natürlich nie an, aber man könne hinrudern. Wann es denn das nächste Mal vorbeifahre, konnte Hans uns allerdings aus dem Kopf nicht sagen. Er verschwand und kam eine Stunde später mit einer alten, vielbenutzten Seekarte zurück, rechnete mit der Kompass-App auf seinem Handy eine Weile daran herum und erklärte schließlich, dass die Titania morgen früh zwischen 03:54 und 03:57 vor der Küste liegen werde.

Seinen ersten Maat zu kontaktieren, weigerte der Holländer sich aber vehement – und überhaupt sei das Schiff vermutlich gerade im Nevernever unterwegs, da Fritz eine Fehde mit diesem Piraten habe, Miguel de Sangrado.
Der Name ließ mich blinzeln. Miguel de Sangrado? Irgendein Glöckchen klingelte da, aber ich konnte nicht genau sagen, woher mir der Name bekannt vorkam.

Lange darüber nachdenken konnte ich aber nicht, denn die anderen fragten Hans schon weiter aus. Was für ein Typ dieser erste Maat so sei, und was Hans uns über ihn erzählen könne. Fritz von Wille heiße er, und er sei ein beständiger Typ. Kein Trinker. Teufel und Dämonen seien ihm egal; er würde mit jedem einen Handel abschließen, wenn die Bezahlung stimme. Also auch Adlene, war die unterschwellige Aussage. Mierda.

Wie es überhaupt zu dem Fluch gekommen sei, dem Hans unterliege, wollten wir noch wissen. Er habe einen Handel mit Titania geschlossen, erzählte der Holländer, und er habe gegen den Handel verstoßen. Es hatte irgendwas mit seinem Versuch zu tun, das Kap Horn umsegeln zu wollen, aber so ganz schlau wurde ich aus seinen Angaben nicht. Aber Hans ging auch nicht groß ins Detail, um ehrlich zu sein.

Die Kette, die er so dringend wiederhaben will, hat jedenfalls nichts mit dem Fluch zu tun, sondern die hatte Hans von Titania zur Aufbewahrung erhalten, weil die Feenkönigin der Ansicht war, auf seinem Schiff sei sie sicher. Und ja, Cherie hatte sich an Bord des Schiffes aufgehalten, als sie die Kette an sich brachte. Denn vor dem Treffen mit Roberto in der Galerie hatte Hans ja jeweils nur einen Tag in 100 Jahren an Land gekonnt, und nein, so lang sei der Verlust der Kette noch nicht her.

Apropos Frauen an Bord: Jetzt, wo wir Hans greifbar hatten, fragten wir ihn nach unserer Theorie bezüglich Marie Parsen. Ja, bestätigte der Holländer: Vor einigen Jahren, als er noch an Bord war, habe die Titania mal einen Pooka und eine Menschenfrau mitgenommen, auf eine „romantische Kreuzfahrt“ für die Freundin des Fae. Und ja, da hätten sie auch vor der Insel der Jugend geankert. Die Crew hätte zwar nicht von Bord gekonnt, aber das Pärchen sei an Land gegangen. Und als sie wiedergekommen seien, hätte die Frau deutlich jünger ausgesehen.

Mierda. Dann ist Antoine zwar unschuldig, was die Störung des Festfriedens betrifft, aber dafür trifft ihn die Schuld in dem deutlich schlimmeren Anklagepunkt. Cólera!

Nur... etliche Jahre lang wusste keiner von dem Vergehen, nicht einmal Sergeant Book, der Verantwortliche, der von der Anklage völlig überrumpelt wurde. Also wie zum Geier haben Sir Kieran und Ms. Calderón davon erfahren?
Das ist eine Frage, die wir keinesfalls aus dem Auge verlieren sollten, auch wenn wir sie momentan nicht beantworten können.

Zurück im Precinct teilte Edward seinem Vorgesetzten mit, dass das Schiff des Fliegenden Holländers in der Lage ist, zur Insel der Jugend zu gelangen. Der Sergeant bedauerte zwar, dass dessen Kapitän derzeit nicht an Bord sei, aber dann müsse man halt mit dem ersten Offizier reden. Zu diesem Zweck schickte er Suki Sasamoto los, die ja als halbe Nixe leicht zu dem Schiff hinkommt. Suki gab sich ein wenig spitz: Ob die Titania versenkt werden solle, ja, nein? Nein, natürlich nicht, war unsere indignierte Antwort. „Püh, ihr entscheidet sowas ja öfter mal aus der hohlen Hand heraus“, schoss Suki zurück und schien fast ein wenig enttäuscht, als wir nochmals mit Nachdruck bekräftigten, dass das Schiff nicht versenkt werden würde. Dann zog sie los.

George erklärte sich währenddessen bereit, uns durch das Nevernever zu der Insel der Jugend zu führen, falls dies nötig werden sollte, sprich, falls sich herausstellen sollte, dass Marie sich dort befände. Edward und ich kennen ja beide seinen Wahren Namen und können ihn im Zweifelsfall rufen.

Nächste Station: Unser alter Raddampfer in den Everglades. Alex brachte uns samt Schiff ins Nevernever, wo Edward erneut sein Ritual abzog, um seine Mutter zu finden. Unterstützt wurde er dabei von Roberto, dessen Liberace-Mantel hier seltsamerweise wie ein Ballkleid aussah. Beinahe wäre der Zauber missglückt, weil unser Freund in dem Aufzug einfach zu schräg aussah und Edward kopfschüttelnd immer wieder zu ihm hinüberschielte, aber dann riss er sich doch zusammen und beendete den Spruch erfolgreich.

Seit er die Fährte aufgenommen hat – für Edwards Sinne ein schwacher Geruch nach seiner Mutter, der über das Wasser wabert und gar nicht so leicht zu verfolgen ist, weil er bisweilen einfach wegweht – gibt es für uns andere (bis auf Alex, der steuert) nicht sonderlich viel zu tun. Also habe ich mich samt Tagebuch an Deck gesetzt und die Ereignisse des Tages aufgeschrieben. Aber jetzt bin ich erst mal soweit auf dem Laufenden, also gehe ich jetzt zu den anderen.

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Mierda. So kommen wir nicht weiter. Wir tuckerten weiterhin gemächlich durch das Nevernever, als irgendwann ein graugewandeter Schiffsjunge an Bord auftauchte. George. Er wollte uns zeigen, wie man rückwärts gegen den Wind kreuzt, aber das geht mit einem Schaufelraddampfer nun mal nicht, dazu braucht es Segel. Also müssen wir wohl doch auf die Traumpfade zurückgreifen. Hurra.

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Wir liegen vor Anker. Alex kannte da einen sicheren Ort, eine idyllische Insel mit einer geschützten Bucht. Die Tiere der Feenwelt halten sich von unserem Schiff fern, weil so viel Eisen daran ist.
Das heißt, wir werden uns jetzt hier schlafen legen und hoffen, dass George uns aus unseren unterschiedlichen Träumen einsammeln kann. Und dann schauen wir mal, ob wir zu dieser ominösen Insel der Jugend hinkommen. Gute Nacht... oder so.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 31.07.2015 | 10:09
Als wir – ich hätte beinahe gesagt „aufwachten“, aber das genaue Gegenteil ist ja der Fall – als George uns also im Traum alle zusammengebracht hatte, fanden wir uns in einer grauen Segelyacht wieder, die, weil kleiner, einfacher zu handhaben war als ein ausgewachsenes Schiff.

Ehe George uns zu der Insel führte, mussten wir ihm versprechen, nichts von dort mitzunehmen – nicht einmal Antoine und Marie, solange diese nicht von selbst die Insel verließen. Wir gaben alle unser Wort, aber das von Totilas genügte unserem Wyldfae-Freund nicht. Denn Totilas hat ja schon einmal einer Fee gegenüber einen Eid nicht gehalten – und dieser Wortbruch ist ihm anscheinend heute noch anzusehen. George war unerbittlich, und erst, als ich für Totilas bürgte, lenkte er ein.

Von der Fahrt selbst weiß ich gar nicht mehr so viel. Wie so oft bei einem Traum, sind nur noch einzelne Fetzen und unzusammenhängende Bilder übrig. Wir fuhren in unserem grauen Boot über das graue Meer. Ein Zirkus tauchte auf, an dem wir vorbeifuhren. Die Wellen wirkten überscharf, nicht richtig real. Die Segel unserer Yacht falteten sich auf einmal ineinander wie bei einem Escherbild. George nahm einen Spiegel und spiegelte den Wind in die Segel. Kurze Zeit lang standen drei Vollmonde am Himmel, wurden aber – zum Glück für Edward – sehr schnell zu Sicheln.

Und ich stellte mit einem Mal fest, dass mein Arm verbrannt war. Keinerlei Hinweis darauf oder Erinnerung daran, wie das geschehen war, Traumlokik eben. Aber Traumlogik hin oder her, weh tat das verdammte Ding trotzdem. Au. Aber irgendwie fühlte es sich auch richtig an. Nein! Tat es nicht!. Cólera. George, der irgendwie auch einen rußgeschwärzten, angekokelten Eindruck machte, erklärte jedenfalls, er habe das Feuer ausgemacht. Puh. Danke dir, kleiner Kumpel.

Irgendwann tauchte am Horizont eine Insel auf, und George, im Gegensatz zu mir nicht mehr verrußt, setzte in einer kleinen Bucht den Anker. Dann produzierte er von irgendwoher eine Thermoskanne mit Kaffee: immerhin müssten wir auf der Insel ja wach sein. George selbst werde mit dem Boot vor der Insel bleiben; sobald wir zurück wollten, müssten wir nur wieder einschlafen.

Tatsächlich ließ das starke Gebräu uns aufwachen: Das seltsame graue Meer war verschwunden, George und die Yacht ebenfalls, und wir standen am Ufer einer Karibikinsel, laut, lebendig, leuchtend. Kreischende Papageien, lianenbehängte Bäume, farbenfrohe Blüten, strahlender Sonnenschein und warme, freundliche Schatten.

Sagte ich „lebendig“? Alles hier lebte. Keine abgestorbenen Äste an den Bäumen, von völlig toten Bäumen ganz zu schweigen. Die Büsche trugen keine verwelkten Blüten, und es war kein Tierkadaver in Sicht. Für die meisten von uns – für mich jedenfalls – war es abgesehen davon eine ganz normale, exotische Karibikinsel, aber als Alex sich umsah, stellte er fest, dass er höchstens die Hälfte der Pflanzen hier kannte.

So oder so, es war einfach idyllisch, der perfekte Ort für einen entspannten Urlaub. Überhaupt waren wir alle – mit einer Ausnahme – herrlich entspannt. Mein Arm tat nicht mehr so weh, und es war einfach unmöglich, sich an diesem Ort nicht rundum gut zu fühlen. Die eine Ausnahme war Roberto, der Titanias Kette trägt, seit Edward sie ihm wiedergegeben hat, weil ihm das auf die Schnelle als der sicherste Ort dafür erschien. Die Kette jedenfalls, oder ihr Gefühl davon um Robertos Hals, war nicht entspannt. Sie gehöre einfach nicht hierher, erklärte unser Freund, als wir ihn auf seine offensichtliche Anspannung ansprachen. Es sei kein unangenehmes Gefühl, aber in der Kette verspüre er ein Gefühl von Ernsthaftigkeit, das nicht zu der restlichen relaxten Stimmung hier passen wolle. Auch warf die Kette an seinem Hals härtere Schatten als die weichen Schatten, die sonst hier überall zu sehen waren.

Während wir uns so unseren Weg über die Insel suchten, hörten wir irgendwann Säbelgeklirre in einiger Entfernung. Im Näherkommen sahen wir dann, dass auf einem waagrecht gewachsenen Baumstamm eine junge Frau in Seemannskleidung – Marie Parsen – sich ein Duell mit einem in ein Piratenkostüm gewandeten Kerl lieferte. Es war kein Training, kein Schaukampf, sondern bitterer Ernst, soviel stand sofort fest – aber trotzdem hatte das Ganze irgendwie ein... wie sage ich das... hollywoodartiges Gepräge. Hin und her wogte das Gefecht, bis Marie eine Liane packte und den Mann vor die Brust trat, so dass dieser zu Boden fiel. Der Pirat rief etwas von „Das wirst du bereuen!“ und rannte davon, während Marie ihm ein triumphierendes „HAHA!“ hinterherwarf.

Erst dann, als sie von ihrem Baumstamm herunterkletterte, bemerkte Marie uns, zu ihrer sichtlichen Überraschung. „Edward, was machst du denn hier?“
Edward erklärte, dass wir auf der Suche nach Antoine seien, aber den hätten die Piraten gefangengenommen, erwiderte Marie. „Wir werden ihn schon raushauen“, fügte sie dann noch, ziemlich nonchalant und gleichzeitig völlig überzeugt, hinzu.
Das war dann der Moment, wo Edward seiner Mutter klarmachte, dass Antoine vor richtigen Problemen stand.
„Ach, wegen der Verhandlung“, antwortete diese, noch immer ganz locker. „Ja, da kam so ein Sturmvogel deswegen. Der müsste demnächst wieder auftauchen; er weiß, wo Antoine ist.“
Der Sturmvogel, stellte sich heraus, hatte Antoine die Vorladung zur Gerichtsverhandlung gebracht, aber sich nicht näher dazu geäußert. Marie ging also davon aus, dass es sich dabei um die Sache mit den Drogen handele. Das sei noch das Harmlosere, hielt Edward dagegen.

Natürlich fragten wir Marie weiter aus. So erfuhren wir, dass sie auf der Kreuzfahrt mit der Titania tatsächlich, wie wir ja schon erfahren hatten, hier vor Anker gegangen waren. Bei der Erkundung der Insel hatten die beiden sich getrennt: Während Antoine nach Kräutern suchte, war Marie über einen Brunnen gestolpert und hatte daraus getrunken, einfach weil sie durstig war, nicht weil sie gewusst hatte, um was es sich da handelte.
Antoine habe dann diese Kräuter gefunden, die für seine Zwecke geradezu ideal geeignet waren, habe aber der Insel versprechen müssen, niemandem zu sagen, wo er sie her habe.

Die Insel sei einsam, erklärte Mrs. Parsen noch, ihr sei langweilig. Es sei ja nie jemand da. Naja, wobei, jetzt wären die Piraten da. Die seien ihnen gefolgt, Miguel de Sangrado habe da diese Fehde mit Fritz von Wille. Wie die Piraten denn überhaupt zu der Insel hatten gelangen können, wollten wir wissen. Oh, Sangrado habe inzwischen herausgefunden, wie man rückwärts gegen den Wind kreuze.

Cólera y mierda. Weiß denn inzwischen jeder, wie das funktioniert?
„Na ihr wisst es doch auch“, konterte Marie leichthin, als Edward genau dieser Kommentar (allerdings ohne die spanische Einlassung und deutlich grummeliger) herausrutschte.
„Wir haben Experten gefragt“, knurrte Edward.
„Vielleicht hat Sangrado auch einen Experten gefragt?“, lächelte seine Mutter.

Irgendwie nahm Mrs. Parsen die ganze Sache ziemlich leicht. Nur eines brachte sie in Rage. Da sei diese Piratenbraut, oder Opernsängerin, oder beides, Sangrados Tochter oder so, Esmeralda mit Namen, die ein Auge auf Antoine geworfen habe. Maries Augen blitzten gefährlich, als sie das sagte, also lenkten wir ab, indem wir sie nach dem Mann fragten, der derzeit das Kommando über die Titania innehat. Der erste Maat sei sehr nett, sagte Marie überzeugt: ganz anders als der Kapitän, dieser Arsch.

Das war der Moment, in dem der bereits erwähnte Sturmvogel zurückkam. Er schüttelte indigniert die Federn, als er feststellte, das zwei der drei Richter den weiten Weg zurückgelegt hatten. Dann könne das Gericht ja jetzt hier zusammenkommen. Nein? Schade aber auch.

Wo Antoine sei, wollten wir von dem Vogel wissen. Im Lager der Piraten, antwortete der, dort werde er von dieser Frau besungen. Na dann solle er uns doch bitte den Weg dorthin zeigen, forderten wir ihn auf. Das tat der Vogel, aber während er langsam vorausflog, hörte man ihn schimpfen: „Sommerfeen. Wyldfae. Menschen. Es ist doch immer dasselbe.“

Der Vogel sei ständig am Zetern, vertraute Mrs. Parsen uns an. Ganz wie Edward. Marie grinste ihren Sohn an, als sie das sagte. Aber Edward könne man mit Kuchen ruhigstellen – den Vogel vielleicht auch? Aber hier gab es keinen Kuchen – höchstens Kräuter. Und nein, Kräuter würde der Vogel definitiv nicht bekommen, erklärten wir bestimmt –  immerhin hatten wir versprochen, nichts von der Insel mitzunehmen.
„Och, die Insel hätte sicherlich nichts dagegen“, befand Marie.

Hmmmm. Unser Versprechen konnten wir natürlich nicht brechen. Aber wenn die Insel eine Persönlichkeit hatte und Marie und Antoine mit ihr gesprochen hatten, dann konnten wir auch mit ihr reden. Und vielleicht konnten wir sie – ihren Avatar, um genau zu sein – mitnehmen zur Gerichtsverhandlung, damit sie dort ihre Aussage machen und Antoine entlasten könnte?

Aber erst einmal mussten wir Antoine befreien. Also auf zum Lager der Piraten.
Schon von weitem hörten wir einen Chor aus Männerstimmen, die ein Seemannslied sangen, darüber ein klarer Opernsopran. Im Näherkommen sahen wir dann auch die Szenerie dazu: Ein Lagerfeuer am Strand, neben dem die singenden Piraten – sechs an der Zahl - standen. Ein großer Felsen, an den Antoine gefesselt war, einen trotzigen Ausdruck im Gesicht, während eine schwarzhaarige Frau in einem grünen Kleid vor ihm stand und ihn ansang. Am Strand lag ein Ruderboot, mit dem die Piraten offensichtlich an Land gekommen waren, auf das im Moment aber niemand achtete.

Uns hatte auch noch niemand bemerkt. Alex nickte mit dem Kinn zu dem Boot hin und machte sich dann in diese Richtung auf. Edward hingegen... von Edward kam plötzlich ein lautes „Arr! Auf sie!“
Das ließ uns alle stutzen, und als wir erstaunt zu ihm hinsahen, war seine Kleidung mit einem Mal piratenartiger geworden: ein weißes Rüschenhemd mit V-Ausschnitt, eine schwarze Pluderhose, schwarze Stiefel und ein roter Schärpengürtel.

Ehe wir ihn aufhalten konnten, war Edward schon mit festen Schritten zu der dunkelhaarigen Piratin geeilt, hatte sie umfasst und küsste sie leidenschaftlich. Deren Männer waren überrascht, aber nicht so überrascht, dass sie nicht alle ihre Säbel gezogen hätten. Und auch die Frau selbst war nicht so überrascht, dass sie Edward nicht eine schallende Ohrfeige gegeben hätte.

Edward lächelte die junge Dame an, und er klang wie der charmanteste Mantel-und-Degen-Held, den Hollywood je gesehen hat. „Mein Name ist Edward, und ich will Euch singen hören, schöne Lady!“
Totilas warf eine Herausforderung in den Raum: dass Esmeralda gar nicht singen könne, denn wenn sie es könnte, dann würde sie es jetzt schon tun.

Dieses ganze Gerede von Musik, und von einer singenden Dame... Da stand eine alte Gitarre an einen der Sitzsteine gelehnt, und mit einem Mal überkam mich der unbändige Drang, Esmeraldas Gesang zu begleiten oder am besten gleich dem Paar zum Tanz aufzuspielen. Es war völlig selbstverständlich, dass ich das tat, denn ich war Joaquin el guitarero, und das da drüben war meine Gitarre!

Also zögerte ich nicht lange, schnappte mir das Instrument und spielte auf, eine feurige spanische Melodie in vollendeter Perfektion – und das, wo ich doch eigentlich gar keine Gitarre spielen kann. Aber in dem Moment war ich ja auch felsenfest davon überzeugt, Joaquin zu sein und nicht Ricardo. Und Edward und Esmeralda begannen tatsächlich, zu meiner Musik zu tanzen.

Roberto zog sein Handy heraus, das hier im Nevernever natürlich keinen Empfang hatte. Aber es funktionierte immerhin soweit, dass er Musik damit abspielen konnte... einen aufdringlichen und so gar nicht zur Szenerie passenden Hip Hop-Beat.
Daraufhin ging Esmeralda singend auf Roberto los, und auch Edward stürmte zu ihm hin, riss ihm das Handy aus der Hand und zertrat es mit einem Knurren von wegen „Ich will die Dame ungestört singen hören!“

Die anderen nutzten diese Ablenkung, um zu dem Ruderboot zu gelangen. Señorita Sangrado bekam davon zwar nichts mit, ihre Gefolgsleute aber sehr wohl, und so gingen die sechs Männer auf die Gruppe am Boot los. Wieder wirkte der Kampf ernsthaft, aber doch auch irgendwie hollywoodesk. So schien einer der Piraten beispielsweise unter Rückenschmerzen zu leiden, und im Kampf gab Totilas dem Kerl einen Tritt. Daraufhin ging dieser erst zu Boden, richtete sich dann aber mit einem seligen Lächeln und einem „sie sind weg!“ wieder auf – und ließ unseren White Court-Kumpel ab dem Moment in Ruhe.

Während unsere Freunde sich am Boot mit den Piraten prügelten, diskutierten Edward und ich mit Señorita Esmeralda. Edward schien ihr besser zu gefallen als Antoine, zumal dessen Herz ja auch vergeben war, wie die junge Dame dann einsehen musste, aber nun wollte sie den Sommerfae töten, weil er zur Crew des verhassten Fritz von Wille gehöre. Nein, versicherten wir ihr, Antoine sei lediglich ein Passagier auf dessen Schiff. Aha, ein Passagier?, triumphierte die Piratin, dann habe er Geld, und das müsse man ihm abnehmen! Aber auch das konnten wir ihr ausreden, unter anderem deswegen, weil Edward sie schließlich noch galant nach Miami einlud, ehe die Piraten und ihre Anführerin in ihrem Boot wegruderten.

Edwards Verhalten ließ mich wieder blinzeln. Was war da nur in meinen Freund gefahren?
Hmpf. Vermutlich so ziemlich dasselbe, was auch in mich gefahren war, stellte ich fest. Und da fiel mir auch wieder ein, woher der Name „Miguel de Sangrado“ mir so bekannt vorgekommen war. Vorletztes Jahr, während des Filmdrehs und der Sache mit den Bucas, hatte ich doch diesen kinoreifen Traum aus der Sicht eines guitarero namens Joaquin, der mit seinen Freunden ein wildes Mantel-und-Degen-Abenteuer erlebte. Und in diesem Traum kamen auch ein alter Pirat namens Miguel de Sangrado und seine Tochter Esmeralda vor... Tío. Das versteh einer.

In dem ganzen Chaos hatten Antoine und Marie sich abgesetzt. Aber dank des Sturmvogels, der sich missmutig zeternd auf einem Ast in der Nähe niedergelassen und das Schauspiel beobachtet hatte, fiel es uns nicht schwer, ihre Spur wieder aufzunehmen.
Wir fanden die beiden ein Stück entfernt. Als er Antoine erblickte, keifte der Vogel sofort los, der Fae habe eine Vorladung erhalten und habe sich gefälligst bei Gericht einzufinden. In dieselbe Richtung argumentierten wir auch, allerdings nicht ganz so lautstark. Und vor allem wollten wir wissen, was Antoine selbst zu der ganzen Sache zu sagen habe.
Bezüglich der ersten Anklage, der Sache mit den Drogen, erklärte Antoine, sei er unschuldig, damit habe er nichts zu tun. Und was den zweiten Vorwurf beträfe, den mit der Entweihung der Insel: Da habe diese ausdrücklich erklärt, dass es ihr nichts ausmache.

Das mussten wir schon von der Insel selbst hören. Aber wir wollten ja ohnehin mit ihr reden. Zuerst aber befragten wir Antoine noch etwas ausführlicher zu dem Vorfall mit dem Scarlet. Der Fae sei an dem Abend in Pans Palast gewesen, sagte er, habe das Zeug sogar noch im Vorratsraum herumstehen sehen. Colin habe ihn mehrmals in den Vorratsraum geschickt, um Dinge für ihn zu holen, Antoine sei aber nicht auf die Idee gekommen, ihn zu fragen, warum Colin nicht selbst gehe.

Beim ersten dieser Botengänge habe das Scarlet bereits dort im Raum gestanden. Er hätte sich wohl besser darum kümmern sollen, um was es sich bei diesem ihm unbekannten Zeug handelte und wie es dort hingekommen war, gab Antoine zu, aber Colin habe ihn so sehr herumgescheucht, dass er gar nicht zum Nachdenken gekommen sei.
Als dann am Strand reihenweise die Leute durchdrehten und es Tote gab, sei Antoine abgehauen, denn es sei ihm klar gewesen, dass sie die Sache ihm anhängen würden.
„Dann solltest du dir vielleicht einen anderen Job suchen“, knurrte Edward, aber darauf sprang Antoine nicht so wirklich an. Es gebe ja nichts, was er sonst könne. Hmpf.

Na gut. Dann war es jetzt also an der Zeit, mit der Insel zu reden. Das tue man am besten in deren Herzen, sagte Marie. Aber wir dürften keinesfalls aus dem Brunnen trinken. Nein, natürlich nicht, das war uns doch ohnehin klar, und das hatten wir ja auch schon George versprochen.

Das Zentrum der Insel war ein idyllischer Platz, umringt von Bäumen und Blüten und von der Sonne betrahlt. In dessen Mitte ein kleiner, sanft plätschernder Brunnen. Antoine klopfte daran, und kurze Zeit später erschien eine humanoide, etwa kindsgroße Gestalt. Ein Baumwesen, und da wir ja alle den Film Guardians of the Galaxy gesehen haben, kam uns sofort irgendwie der Gedanke an Groot. Nur viel kindlicher im Wesen, wie sich dann herausstellte. Und mit deutlich größerem Wortschatz.

Das Wesen begrüßte uns freundlich, vor allem Antoine, denn dass es Antoine mochte, war nicht zu übersehen. Aber es freute sich riesig über die Gesellschaft: neue Gesichter, neue Menschen, hier in der Einsamkeit!
Irgendwie ergab es sich, dass ich größtenteils das Wort führte, also fragte ich zuerst, wie wir das Wesen denn nennen sollten. „Jugend“, kam die Antwort. Also gut.

Wie sich herausstellte, hatte Jugend tatsächlich kein Problem damit, dass Leute zu ihr kamen, ganz im Gegenteil. Jede Unterbrechung der Einsamkeit war mehr als willkommen. Und es hatte Jugend auch tatsächlich nicht gestört, dass Antoine die Kräuter auf der Insel gepflückt, noch dass Marie aus seinem Brunnen getrunken hatte. Der perfekte Entlastungszeuge für den zweiten Anklagepunkt also!

Dummerweise jedoch erklärte Jugend, es könne seine Insel nicht verlassen. Mierda. Aber gut, wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet eben zum Berg. Ob es ein Problem damit gebe, dass für eine Gerichtsverhandlung weitere Personen die Insel beträten? Aber mitnichten, freute sich Jugend, mehr Leute!!
Also baten wir den Sturmvogel, alle Teilnehmer zu informieren, dass der Ort des Hohen Gerichts nach hier verlegt werde; der vorher festgelegte Zeitpunkt bleibe unverändert.
Etwas grummelig, aber bereitwillig, zog der Vogel ab.

Uns fiel indessen ein, dass wir hier auf der Insel ja nichts würden essen können, ohne unser Wort zu brechen – es sei denn, wir wären uns sicher, dass wirklich alles, was wir hier zu uns nähmen, hier auch wieder ausgeschieden würde. Und genau das können wir eben nicht garantieren. Aber mit Maries und Antoines Boot können wir ja auf eine der Nachbarinseln, oder vielleicht gibt es ja auch an Bord der Titania etwas zu essen.

Alex will indessen meine die Gitarre reparieren, die unter der Rangelei am Strand etwas gelitten hat. Meine Erinnerungen sind unklar, aber habe ich die nicht irgendwann einem der Piraten über den Kopf gezogen? Oder Roberto, weil sein Handyklingelton so an meinen Nerven zerrte?

Hier sind wir jedenfalls jetzt. Gut zwei Tage haben wir noch, bis das Gericht hier abgehalten wird, und wir müssen uns die Zeit bis dahin irgendwie vertreiben – ohne unser Wort zu brechen, versteht sich. Vielleicht sollten wir einfach grundsätzlich auf eine der anderen Inseln wechseln, aber Jugend, das arme Ding, freut sich so über Gesellschaft, die will ich ihm nicht entziehen.

Außerdem wissen wir noch gar nicht, ob überhaupt alle maßgeblichen Teilnehmer am Gericht einen Weg haben, auf die Insel zu kommen. Aber hey, es sind Feen. Die werden schon einen Weg finden. Wenn sie dann da sind, müssen wir sie nur sehr genau im Auge behalten, vor allem Colin. Ich traue dem keinen Millimeter weit, und ich will nicht, dass der einen Weg findet, die Insel für seine Zwecke zu nutzen.

Roberto tigert übrigens mit zunehmend schlechter Laune hier am Strand entlang. Ich fragte ihn, was denn los sei – aber das hätte ich mal besser gelassen. Denn er meinte etwas von „Drei Tage... und Dee ist nicht hier. Und ich kann sie auch nicht erreichen und ihr sagen, was los ist!“
Au. Und ich hatte mir solche Mühe gegeben, nicht an Dee zu denken. Mierda.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 10.10.2015 | 20:17
Ricardos Tagebuch: Proven Guilty 3

Römer und Patrioten, das Nevernever ist ja noch seltsamer, als ich dachte. Aber hey, George ist involviert. Also sollte ich mich eigentlich nicht wundern, dass komische Dinge mit Träumen passieren. Und es hätte schlimmer sein können, wenn ich ehrlich bin. Auch wenn ich heute eine Seite an George gesehen habe, die mir gar nicht gefällt.

Wir haben ja versprochen, nichts von der Insel wegzunehmen, was bedeutet, auch keine Früchte zu pflücken oder aus Bächen zu trinken oder andere Stolperfallen dieser Art. Deswegen beschlossen wir, zu der anderen Insel hinüberzurudern, die wir ein Stück entfernt sehen konnten. Im Näherrudern erkannten wir, dass über dem Ufer der Insel, mit schweren Treibankern befestigt, ein Luftschiff schwebte. Und ich kannte dieses Schiff. Es war die Vaca des Nueves, die Wolkenkuh, die damals in meinem verrückten Traum ebenfalls vorgekommen war. Unwillkürlich entfuhr mir ein „Oh oh“, was natürlich die Jungs umgehend zu der Frage „Wem gehört das Schiff?“ veranlasste. Da rutschte mir doch glatt ein „Mir!“ heraus, ehe ich mit „Naja, indirekt jedenfalls“ gegenzusteuern versuchte. Das war natürlich der Moment, in dem ich von meinem damaligen Traum berichten musste, den ich ja aus der Egoperspektive dieses Joaquin erlebt hatte. Ich konnte die Handlung nur grob zusammenfassen, denn schon wurden wir von der Wolkenkuh mit einem fröhlichen „Ahoi da unten!“ begrüßt und an Bord eingeladen.

Die Gestalt, die uns an Bord holen ließ, erkannte ich aus meinem Traum als Francine, die Gnomin und Joaquins Liebste. Sie war ziemlich überrascht, dass ich nicht Joaquin war, denn aus der Ferne habe sie mich für ihren Gemahl gehalten. Aber bei aller Ähnlichkeit, Joaquin trage einen Bart, und ob wir Zwillingsbrüder seien? Wirklich heilfroh, dass das Verwechslungsspielchen nicht bis ins letzte Extrem ging, redete ich mich mit einem gemurmelten „so was in der Art“ heraus.

Joaquin sei nicht hier, klärte Francine mich auf: Er sei auf der Suche nach Esmeralda, die sich wegen dessen Erforschung seiner minotaurischen Wurzeln mit Maurice gestritten habe und danach beleidigt abgezogen sei.
Aber zum Essen lud die kleine Gnomin uns ein, wo wir schon einmal hier waren. Es gab Kaninchen in Biersauce, serviert von einer Köchin, an die ich mich vage erinnern konnte, ebenso wie an die seltsamen „Kuckuck“-Rufe, die gelegentlich durch das Schiff schallten.

Es waren aber nicht nur die „Kuckuck“-Rufe, die massiv seltsam waren, sondern die ganze Situation. Ich schlief doch nicht – George hatte uns zwar im Traum hierhergesegelt, dann aber aufgeweckt –, also warum begegnete ich den Gestalten aus meinem damaligen Traum jetzt hier in wachem Zustand? Selbst wenn das hier das Nevernever war?

George. George würde mir vielleicht mehr sagen können. Also zog ich mich in eine stille Ecke in einer Kammer der „Wolkenkuh“ zurück und rief nach meinem kleinen Traumfresser-Freund. George erschien prompt, begrüßte mich fröhlich und sah sich dann ganz begeistert – und gierig – nach dem ganzen Futter hier um. „Sooooo lecker!“ Wenn ich ihn nicht daran gehindert hätte, dann hätte George vermutlich hier und jetzt angefangen, das Schiff aufzufressen. So aber einigten wir uns auf einen Besen samt zugehörigem Putzeimer, der vergessen in einer Ecke herumstand und den der kleine Oneirophage genüsslich aufschlabberte, während ich ihm Fragen stellte.

Ja, ich war definitiv wach, erklärte George. Und nein, er wisse nicht, wer diesen speziellen Traum gerade träume, es könnten eine Menge Leute sein. Mein eigener Traum war es jedenfalls auch schon deshalb nicht, weil ich gar nicht merkte, wie George den Eimer und den Besen fraß. Gut, bei etwas so Kleinem hätte es mit ziemlicher Sicherheit nicht wehgetan, anders als bei der Spieluhr damals (brrrr!), aber ich merkte es überhaupt nicht.

Wir waren gerade noch am Reden, als ein Schiffsjunge in die Kammer kam – bei meinem Glück sollte er das Deck schrubben und wollte den Eimer und den Besen holen –, George erblickte, große Augen machte, sich bekreuzigte, etwas von „Dämon“ murmelte und wieder hinausstürzte.

Ehe ich George dazu bringen konnte, sich sicherheitshalber besser rar zu machen, öffnete sich die Tür zu der Kammer erneut, und Mlle. Francine kam herein. Sie zeigte dieselbe Reaktion auf George wie der Schiffsjunge, und nichts, was ich tun oder sagen konnte, half: Wir wurden unverzüglich von der „Wolkenkuh“ komplimentiert.

Und es stimmt schon irgendwie. In dem Moment sah mein kleiner Freund auch für mich, ehrlich gesagt, ziemlich gruselig aus, mit seiner schattenhaften Form, den spitzen, gefletschten Zähnen und dem gierigen Blick. Ich gebe zu, einen Traumfresser auf ein nachgewiesener- oder zumindest vermutetermaßen aus Traumstoff bestehendes Schiff mit einer nachgewiesener- oder zumindest vermutetermaßen aus Traumstoff bestehenden Mannschaft zu holen, war nicht gerade die schlaueste Idee, die ich je hatte.

Unten auf der Insel sammelten wir dann, wie geplant, Nahrungsmittel. Eines davon war ein großes Chamäleon, das sprechen konnte, wie sich herausstellte, und dessen „ich schmecke ganz schlecht, ehrlich!“ tatsächlich eine wirksame Abschreckung für uns darstellte. Nach dieser Begegnung hielten wir uns dann doch lieber an Früchte.

Als wir von der Insel wegruderten, sahen wir, dass die „Vaca des Nueves“, die weiterhin an ihrem Ankerplatz schwebte, Gesellschaft bekam. Eine im Vergleich zu dem behäbigen Handelsluftschiff definitiv mitlitärische Galeone kam in Sicht, während uns von der „Wolkenkuh“ aus ein kleines Beiboot hinterherflog. Offensichtlich wollte Mlle. Francine sehen, wo wir herkamen, und uns vermutlich auch im Auge behalten. Mit uns reden wollten sie offensichtlich nicht, denn sie hielten schön ihren Abstand.

Beim Anlegen an der Insel der Jugend sahen wir ein drittes Schiff: das Piratenschiff, zu dem Esmeralda de Sangrado und ihre Leute sich zuvor zurückgezogen hatten. Jetzt nahm es Kurs auf die „Vaca des Nueves“ auf der anderen Insel drüben. Das Militärschiff war nicht mehr zu sehen; es hatte sich anscheinend versteckt, um das Überraschungsmoment auf seiner Seite zu haben, denn plötzlich kam es aus einer Bucht geflogen und feuerte auf den Piraten. Sangrados Schiff drehte sofort ab, woraufhin das Militärschiff die Verfolgung aufnahm und beide schon bald aus unserem Gesichtsfeld verschwunden waren.

Zurück auf der Insel ergingen wir uns in diversen Theorien über den Traum. Mich bewusstlos zu schlagen, würde wohl nicht sonderlich viel helfen – ganz abgesehen davon, dass ich mich ganz entschieden dagegen verwahrte. Aber wenn nicht ich derjenige war, der diesen Traum gerade träumte, wer konnte dann davon wissen? Naja, alle, die vielleicht mein Tagebuch gelesen haben könnten, grübelte ich. Also, auch wenn es natürlich eigentlich höchst privat ist und ich nicht hoffe, dass jemand darin herumschnüffelt, theoretisch Yolanda, Alejandra, die Putzfrau, meine Nachbarin Mrs Carver sowie deren Tochter, die auch gelegentlich auf Jandra aufpasst.

Dann bekamen wir wieder andere Besucher: Ein weiteres Wolkenschiff warf über der Insel der Jugend seinen Anker. Es handelte sich um eine Gruppe von Personen, die ich auch schon aus meinem Traum kannte: Dottore Carlotta Rapaccini und ihre Truppe von Forschern waren ganz begeistert von dem neu entdeckten Archipel. Im Schlepptau hatte die elfische Wissenschaftlerin auch einen Priester, Pater Antoninus. Der wiederum wollte nicht so dringend forschen, aber unbedingt Jugend zum Christentum bekehren, sobald er den ersten Blick auf das Baumkind geworfen hatte. Es war Totilas, dem es gelang, den guten Pater davon abzubringen, indem er dem Priester glaubhaft machte, dass wir auf einer geheimen Mission des Vatikans hier seien und dass es dieser Mission schade, wenn er jetzt hier missioniere.

Dottore Rapaccini wurden wir los, indem wir ihr wahrheitsgemäß von dem sprechenden Chamäleon auf der anderen Insel erzählten. Diese wissenschaftliche Sensation wollte die Dame sich nicht entgehen lassen, und so zog die Gruppe wieder ab.

Irgendwann tauchten auch die Militärgaleone und das Piratenschiff wieder auf, erstere noch immer unerbittlich an der Verfolgung. Ebenfalls am Horizont erschien ein Segelschiff, das sich sehr schnell als der Fliegende Holländer herausstellte. Mit einem Gatling-Gewehr aus dem Bürgerkrieg – weiß der Himmel, wie sie an die gekommen sind, aber immerhin ist der Holländer schon sehr lange auf diesen Meeren unterwegs – feuerte das Segelschiff auf die fliegende Galeone und traf deren Ballons, woraufhin das Militärschiff langsam an Höhe verlor und es so aussah, als werde es bald  auf der Insel niedergehen.

Wir ruderten indessen zum Fliegenden Holländer hinüber – es war höchste Zeit, dass wir mal mit diesem ersten Maat sprachen!
Nachdem wir uns versichert hatten, dass unser bloßes Anbordgehen nicht bedeuten würde, dass wir unter denselben Fluch fallen würden wie die Mannschaft – und nein, anheuern lassen wollte sich keiner von uns, herzlichen Dank – trafen wir an Bord Suki Sasamoto, die uns bestätigte, dass der ganze Gerichtstross morgen hier einfallen wird.

Fritz von Wille selbst stellte sich als durchaus umgänglicher junger Mann heraus. Joseph Adlene kenne er nicht, sagte er: Der Nekromant habe ihn bislang nicht kontaktiert. Bezüglich Miguel de Sangrado begann der erste Maat des Holländers erst durchaus freimütig zu erzählen: Die Fehde mit dem Piraten bestehe bereits, seit er wisse, was Sangrado sei. Was er denn sei, wollte ich wissen. Aber in diesem Moment warf von Wille einen Blick auf Roberto und schien in diesem Moment zu erkennen, wer – oder besser, was – dieser war, und im Beisein von Titanias Richter war kein weiteres Wort aus ihm herauszubekommen. Also ruderten wir wieder zurück zur Insel, ohne Suki Sasamoto allerdings. Die sagte, sie wolle zurück nach Miami und dem Chef bescheid geben, dass es uns gut geht.

Die Anklage hatte ja etwas von „Schwächunng der Insel“ gesagt. Aber wann hat diese Schwächung genau begonnen? Und gibt es sie wirklich, oder war die ganze Anklage nur ein sorgfältig eingefädeltes, aber falsches Spiel von Sir Kieran und Edelia Calderón?
Um das herauszufinden, wirkte Edward ein entsprechendes Ritual, während Alex seine eigenen Fähigkeiten einsetzte. Beide bekamen dasselbe heraus: Es gibt tatsächlich eine Schwächung, und die stärkste Spitze geschah vor ziemlich genau fünf Jahren, gefolgt von kleineren Ausschlägen zwischendrin.

Mierda. Das vor fünf Jahren war dann wohl Maries Trinken aus der Quelle der Jugend, und bei den kleineren Ausschlägen muss es sich dann wohl um die Gelegenheiten handeln, zu denen Antoine hier Kräuter gepflückt hat.
Aber die Idee zu einem Experiment kam uns – Roberto, um genau zu sein. Wenn Mrs Parsen eine Verbindung zu der Insel hat, besteht diese dann auch weiterhin, wenn Marie sich von der Insel entfernt? Um das zu testen, ruderten wir  hinaus und ein Stück von der Insel weg. Dabei stellten wir fest, dass die Verbindung auch dort draußen noch zu spüren ist – aber gut, das war ja auch keine sonderlich weite Entfernung.

Viel interessanter war, dass wir von dort draußen ein Beiboot des Militärschiffs entdeckten, das an einer anderen Stelle der Insel angelegt hatte. Natürlich ruderten wir schleunigst hin, um mit den Leuten zu reden.
Die Matrosen hatten gerade ein Feuer entzündet und waren dabei, Früchte zu pflücken.
Glücklicherweise war der Kapitän ein echter spanischer Edelmann, wie man ihn sich gemeinhin so vorstellt, und so gelang es uns, ihn zu überzeugen, dass die Insel hier eine Energie besitze, der er schade, wenn er hier Obst pflücken ließe, und so machten auch er und seine Leute sich auf zu der nächsten Insel.

Inzwischen ist es Abend geworden, und so haben wir – selbstverständlich unter Einhaltung unseres Versprechens – selbst ein Lager aufgeschlagen. Nach dem Abendessen (natürlich aus Mitgebrachtem) habe ich dann alles aufgeschrieben, was heute so passiert ist, und jetzt ist es ziemlich spät geworden. Schlafenszeit. Mal sehen, ob ich George nochmal erwischen kann. Im Traum ist es vielleicht etwas besser als auf der „Wolkenkuh“.

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Gähn. Guten Morgen. Einmal strecken, bitte.
Ich habe George heute Nacht nochmal getroffen und etwas eingehender befragt. Er konnte mir sagen, dass dieser Ort, diese Traumwelt, wo Spanien „Escamandrien“ heißt und Frankreich „Chartreuse“, nichts Vergängliches ist und nichts, was ich alleine erträumt habe, sondern eine permanente Welt namens „Faurelia“, die immer existiert und in die sich theoretisch jeder hineinträumen kann.

Wie genau man dorthin kommt, das wusste George nicht. Das hätten die Traumfresser noch nicht herausgefunden. Und da war es wieder, dieser bedrohliche Unterton mit den vielen scharfen Zähnen, denn unter dem Gesagten klang unmissverständlich heraus, dass die Traumfresser den Weg nach Faurelia nur allzu gerne finden würden. Denn eben weil diese Traumwelt permanent ist, schmeckt sie offensichtlich besonders lecker und ist besonders verlockend für die Oneirophagen. Natürlich... damals bei der Sache mit Ruiz waren die permanenten Welten, zu denen Antoines Drogen den Träumern Zugang verschafften, ja auch besonders nahrhaft für George und seine Genossen.

Na gut. Mal sehen, was der Tag heute bringt. Wir müssen auf jeden Fall nochmal mit Jugend reden, und später kommt ja auch das Hohe Gericht hier an.
Titel: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 14.10.2015 | 16:24
Aaah! Antoine, dieser verantwortungslose Fae, hat Jugend Poker beigebracht! Ich meine, wenn ich es recht betrachte, ist das keine so große Katastrophe, aber Jugend ist ein Kind, verdammt noch mal! Und dem würde ich ebenso wenig jetzt schon ein Glücksspiel beibringen wie Alejandra! Sie spielten zwar nicht um Geld oder sonst eine Wertsache, sondern nur um Kieselsteine, aber trotzdem. Seufz.

In Sachen Verfahrensplanung und einer möglichen Verteidigung für Antoine haben wir uns vorhin zwar lange und eingehend unterhalten, aber mit keinem echten Ergebnis. Oder zumindest mit keinen großartig neuen Erkenntnissen. Wir werden wohl tatsächlich einfach sehen müssen, wie es läuft. Von Colin als Verteidiger erwarten wir uns, wie schon das eine oder andere Mal erwähnt, nicht sonderlich viel. Andererseits werden wir uns, wenn das Verfahren einmal begonnen hat, schwerlich in den Beweisvortrag einmischen können. Und Roberto und Edward als Richter könnten natürlich theoretisch völlig willkürlich und nach Nasenfaktor urteilen, aber ein derart deutliches Missachten der vorgelegten Punkte hätte auch wieder ganz eigene Konsequenzen, die keiner von uns eingehen möchte.

Dass die Schwächung der Insel tatsächlich besteht und nicht einfach nur erfunden wurde, ist natürlich ein weiterer extrem ungünstiger Faktor. Denn das wiederum heißt, dass...

Da ruft wer.
Es sind Schiffe in Sicht!

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Nur ein paar schnelle Worte, während ich hier am Strand stehe und das Spektakel beobachte. Denn ein Spektakel ist es. Um die ganzen Teilnehmer herzubringen, brauchte es mehr als den Fliegenden Holländer. Der hatte noch weitere Schiffe im Schlepptau, und es kam wirklich jeder. Pan. Seine Ritter. Seine Satyre. Überhaupt fast sein ganzer Hofstaat, hatte ich den Eindruck. Lady Fire in einem eigenen kleinen Boot, das anscheinend entweder aus einem feuerfesten Material bestehen oder sonst irgendwie daran gehindert werden musste, in ihrer Gegenwart in Flammen aufzugehen. Sergeant Book. Eine ganze Schar von Wyldfae. Catalina Snow, auf ihre kühle Weise amüsiert, inmitten des Trubels. Jetzt sind sie gerade dabei, die Schiffe zu entladen und ein Lager einzurichten.

Dass wir so viele Leute hergerufen haben, kommt mir inzwischen vor wie Han-Solo-Klasse, Kategorie II. Mindestens.

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Oh Mann. Mir fallen die Augen zu. Aber ich bin noch viel zu aufgekratzt. War das eine Feier. Eine echte Pansfeier. Da drüben sind auch noch diverse Unverwüstliche am Tanzen, aber ich habe genug.

Die Vorbereitungen hatten Pans Leute ja schon den ganzen Nachmittag lang betrieben, Vorräte von den Schiffen geschleppt und was nicht alles. Mit Einbruch der Dunkelheit rief dann eine Flöte zum Tanz, unwiderstehlich, und das rauschende Fest begann.

Vorher allerdings gab es eine... unschöne Konfrontation mit Lady Fire. Natürlich mit Lady Fire. Wann lerne ich es endlich?!

Wir sahen, wie Pan etwas zu Colin sagte, der daraufhin zu Lady Fire stapfte und dieser augenscheinlich Pans Worte weitergab. Lady Fire explodierte förmlich, schrie etwas, stürmte davon – und zündete einen Baum an. Marie wollte ihr nach, aber die Sommerfae schien so aufgebracht, und ich hatte ja irgendwie immer noch die Hoffnung, doch noch vermitteln zu können. Diesen verdammten Streit endlich irgendwie aus der Welt räumen. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, was ich mir dabei dachte. Im Nachhinein wirkt es so unglaublich dämlich. Aber ich hatte das Gefühl, ich muss selbst mit ihr reden.

Ich ging ihr also hinterher und sprach sie ganz vorsichtig an.

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Während er hinüberging, wuchs er, und so stand er in seiner wahren Gestalt, die des Satyrs, vor der Lady und herrschte diese an: „Jetzt reicht es. Das ist das zweite Mal, dass du das Gastrecht verletzt hast. Im Namen deiner Schuld bei mir: Verschwinde!
Bei diesen Worten schrie Lady Fire auf, wurde zu einem Kometen und schoss davon.

Pan wiederum zuckte die Schultern und klatschte in die Hände. Es war Zeit für die Feier!
Und wie oben schon gesagt: Es wurde ein rauschendes Fest. Aber schrieb ich oben „unwiderstehlich“? Für mich und die meisten war es das zwar, aber so ganz alle ließen sich dann doch nicht mitreißen. Hurricane und Catalina Snow waren als Vertreter des Winters von Natur aus immun gegen das Sommertreiben, und Alex zog los, um den Brunnen zu bewachen, sobald sich die ersten Anzeichen für eine Feier bemerkbar machten.

Und Totilas? Dessen Dämon wurde von Pan ruhiggestellt, und zwar mit einem einzigen Fingeschippen. „Du hältst dich heute abend mal zurück, ist das klar?“, sagte der Herzog des Sommerhofs in befehlendem Tonfall, und ab dem Moment war der Dämon mucksmäuschenstill und völlig zahm. Woraufhin Totilas zwar mitfeierte, ich aber dennoch bemerkte, wie er immer wieder zu Colin hinübersah und diesen im Auge behielt.

Edward hingegen legte sich mit Pan an, und das konnte nicht gutgehen. Der Satyrherrscher brachte nämlich Jugend das Weintrinken bei. Das brachte mich noch mehr auf die Palme als Antoines Pokerlektionen am Morgen, und auch Edward schien das ganz und gar nicht gut zu finden, also schritten wir ein. Auf meinen Protest jedoch wurde Pan sarkastisch. „Ach, du bist jetzt also Experte für Feenkinder? Fein! Ich werde sie dir alle schicken!“ Da ich mir lebhaft vorstellen konnte, dass der Sommerherzog diese Drohung tatsächlich ernst machen würde, lenkte ich seufzend ein. Feige, ich weiß. Aber ich wollte wirklich nicht riskieren, dass eine Armee von kleinen Feen vor meiner Tür steht, wenn ich nachhause komme. Auch wenn Jandra das vermutlich spaßig fände.

Jedenfalls, Edward. Der riskierte auch nach Pans angesäuerter Reaktion weiter eine große Klappe, konnte den Mund einfach nicht halten. Woraufhin Pan wieder den Befehlston annahm, den er auch schon Lady Fire gegenüber an den Tag gelegt hatte. „Das ist jetzt schon das zweite Mal, dass du dich mir widersetzt – langsam reicht es!“
Mit seinen Hörnern gab er Edward daraufhin einen Kopfstoß, der diesen im wahrsten Sinne des Wortes panisch davonrennen ließ. Ich versuchte, ihm zu folgen, aber es gelang mir nicht, Edward einzuholen – und beruhigen hätte ich ihn in dem Moment sowieso garantiert auch nicht können. Unser Lykanthropenfreund stürzte sich ins Wasser und kraulte, völlig außer sich, auf die andere Insel zu.

Ab dem Moment gab es keine größeren Störungen mehr, sondern es wurde gefeiert. Ich selbst ließ mich zwar mitreißen, achtete aber darauf, unser Versprechen nicht zu brechen – und es wurden ja ohnehin die mitgebrachten Vorräte ausgeschenkt. Es gab auch keine weiteren Nymphen-Episoden. Nicht, dass Saltanda, die ebenfalls hier ist, es nicht kichernd angeboten hätte. Aber auch wenn es jetzt zu spät ist – diesen Fehler werde ich nicht nochmal begehen, herzlichen Dank.

Im Verlauf des Abends konnte ich dann nochmal ganz kurz mit Pan sprechen: Ich fragte ihn, ob ich wissen dürfe, was Colin zu ihr gesagt habe, dass Lady Fire so ausgerastet sei. Und was es mit der von Pan erwähnten zweiten Verletzung des Gastrechts auf sich habe.

Klar, erklärte der Sommerherzog: Er habe Colin geschickt, um Lady Fire daran zu erinnern, dass sie in seiner Schuld stehe. Die erste Verletzung des Gastrechts sei damals in seinem Palast geschehen, als Lady Fire uns aus dem Verlies befreit habe. Diese Verletzung habe er ihr damals ungestraft durchgehen lassen, weswegen sie in seiner Schuld stehe.

Mierda y colera! Nach allem, was ich gelernt habe, gibt es nichts, was Feen so sehr hassen, wie in jemandes Schuld zu stehen... und natürlich macht Lady Fire uns – mich! – dafür verantwortlich, dass diese Schuld jetzt auf ihr lastet. Oh, padre en el cielo, steh mir bei.

Die Feuer des Festes machen es hell genug, dass ich das alles schreiben konnte, aber über dem Meer ist es stockfinster. Stockfinster bis auf die Sterne am Himmel – und bis auf die andere Insel, die lichterloh brennt. Oh ciélo, jetzt wissen wir, wohin Lady Fire geschossen ist.

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Guten Morgen. Oder Mittag. Oder was auch immer. Ich fühle mich etwas zeitlos. Edward ist gerade zurückgekommen. Die Vaca des Nueves und die Militärgaleone hatten sich gestern abend noch von der brennenden Insel zurückgezogen und dabei Edward eingesammelt. Dessen Panik ist inzwischen abgeklungen, so dass er seine Richterfunktion nachher wird ausüben können.

Alex war auch da, um zu sagen, dass es am Brunnen die Nacht über ruhig geblieben ist. Allerdings hat er auch erzählt, dass der Wasserstrahl aus dem Brunnen weniger geworden ist. Die Anwesenheit der vielen Leute schwächt die Insel also weiter. Mierda.
Alex hat sich hier etwas ausgeruht, ehe er wieder losgezogen ist. Während der Verhandlung will er nämlich auch wieder Wache am Brunnen schieben – sicher ist sicher. Aber es geht gleich los – später mehr!

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Kurze Notizen, während ich hier sitze und der Verhandlung zuhöre; ich hoffe, ich komme später zum Ausformulieren, falls nötig.

Der erste Anklagepunkt, um den es gerade geht, betrifft Antoine und die Störung des Festfriedens durch die Drogen.
Antoine als Beschuldigter ist an Sir Anders gefesselt worden, der darüber ebenso unglücklich aussieht wie Antoine selbst.
Colin verteidigt eigentlich gar nicht so schlecht: Er bringt ziemlich gute Argumente für eine Intrige seitens des Red Court, basierend auf unserer Rückverfolgung der Substanz zu dieser Kneipe.
Antoine war gerade im Zeugenstand und hat erklärt, er habe nichts mit dem Red Court zu schaffen, habe er noch nie gehabt.
Jetzt hat Colin ruft diverse Zeugen aufgerufen, die Antoines Nicht-Verwicklung mit dem Red Court bestätigen.

Erstes Urteil: Antoine ist der Störung des Festfriedens für nicht schuldig befunden worden!

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Jetzt ist der zweite Anklagepunkt an der Reihe: gegen Sergeant Book wegen Verletzung seiner Aufsichtspflicht über die Insel.

Hurricane hat soeben als Ankläger dargelegt, dass die Lage eindeutig festliege.
Colin hat daraufhin dagegengehalten, dass den Richter exakt dasselbe Vorgehen an den Tag gelegt hätten, dass diese also nicht unvoreingenommen seien und dass folglich ein Verfahrensfehler vorliege.
Autsch. Aber wo er recht hat...
Und eigentlich ist das gar keine so schlechte Strategie.

Jetzt ruft Colin einen Zeugen nach dem anderen auf, die er alle befragt, ob sie eine Schwächung der Insel festgestellt hätten. Alle antworten sie mit „Nein“. „Dann kann es ja so schlimm nicht sein“, wiederholt Colin, „wenn sogar die Richter es für verantwortbar hielten, das ganze Gericht hierher zu beordern und eine eventuelle Schwächung der Insel in Kauf zu nehmen.“

Verdammt, wo ist Jugend? Ich kann den Kleinen nirgendwo sehen… Sollte der nicht hier sein? Immerhin geht es um ihn!

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Heh. Jetzt hat man mich auch in den Zeugenstand gerufen; mein suchendes Umsehen und murmelndes Fragen nach Jugend ist anscheinend nicht unbemerkt geblieben.
Colin fragte mich ebenfalls, ob mir eine Schwächung der Insel aufgefallen sein – was ich glücklicherweise wahrheitsgemäß mit „nein“ beantworten konnte... immerhin waren es Edward und Alex, die mit ihren Experimenten die Schwächung festgestellt haben, nicht ich. Außerdem gelang es mir, Jugend ebenso ins Spiel zu bringen wie die Tatsache, dass der Avatar der Insel nicht hier ist.
Alles sah sich um, aber der Kleine war nirgends zu entdecken, und niemand schien es zu wissen. Also wurde die Verhandlung vertagt, bis Jugend gefunden ist, damit dieser wichtige Zeuge auch befragt werden kann.

Wenn ich mich so umsehe, ist bis auf Sir Anders, der immer noch an Antoine gefesselt ist – wobei sie den jetzt nach dessen Freispruch gerade losmachen – nur Sir Kieran bei der Verhandlung. Wo sind denn Pans andere Ritter alle? Das scheint irgendwie auch niemand zu wissen.
Waren die gestern abend eigentlich bei der Feier? Ich glaube fast nicht, wenn ich mir das so überlege… Wie jetzt… Sommer richtet ein Fest aus, und die Ritter des Sommers nehmen nicht teil?

Ich habe Sir Kieran eben darauf angesprochen, aber er meinte, das Fest sei nicht für die Ritter gedacht gewesen, und sie hätten kein Interesse daran gehabt. Pan kam auch dazu und schickte Sir Kieran los, die anderen Ritter einzusammeln, die sollten auch an der Verhandlung teilnehmen.  Sir Kieran salutierte und zog los. Totilas ist ihm in einiger Entfernung unauffällig nach – gut so!

So, in der Nähe des Verhandlungsplatzes ist Jugend schon mal nicht. Dann muss ich jetzt wohl oder übel den Rest der Insel abs

Was ist das? Hornklänge!
Titel: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 15.10.2015 | 12:17
Es war das Kriegshorn des Sommers, das da geblasen worden war. So sagte jedenfalls Pan, völlig erstaunt, und wollte Colin losschicken, um nachzusehen, was da los war. Aber Colin war nirgends zu sehen. Sir Kieran ebensowenig, denn den hatte der Sommerherzog ja schon zuvor auf die Suche nach den anderen Rittern geschickt.

Was ich da noch nicht wusste, aber später erzählt bekam, war, dass Totilas, der Kieran gefolgt war, den Ritter dabei beobachtete, wie er im Wald mit Sir Anders sprach. Dieser hatte eine ziemlich unglückliche Miene aufgesetzt, und es fielen die Worte „noch nicht“. Totilas beobachtete die beiden weiter, und irgendwann stießen Edward und Roberto zu ihm.

Das war so ungefähr der Moment, in dem die beiden Fae mit den anderen Sommerrittern zusammentrafen und einer von ihnen das Kriegshorn des Sommers blies. Das war das Angriffssignal, mit dem ein heftiger Kampf zwischen den Sommerrittern und den Wyldfae ausbrach.

Ich selbst hatte mich ja gerade auf die Suche nach Jugend machen wollen, als das Horn ertönt war. Ich wusste zwar nicht genau, was das bedeutete, aber etwas Gutes konnte es nicht sein, also war es nur um so dringender, dass ich Jugend fand. Und das tat ich – auf einer kleinen Lichtung tief im Wald, die völlig offensichtlich als Ritualplatz diente. Inmitten eines Kreises aus hoch aufloderndem Feuer befanden sich das Baumkind, Marie Parsen, Sir Kierans Freundin Edelia Calderón... und Lady Fire. War ja klar. Außerhalb des Kreises hielten zwei Satyre Wache.

Edelia Calderón und Lady Fire waren dabei, irgendeine Santería- und Feen-Magie durchzuführen, soviel stand auf den ersten Blick fest. Weder Jugend noch Marie sahen so aus, als könnten oder dürften sie sich bewegen. Edelia wirkte hochkonzentriert. Schweißperlen standen ihr ebenso auf der Stirn wie Mrs. Parsen, und Flammen umzüngelten Lady Fire. Jugend sah irgendwie größer aus, älter, und an seiner Borke waren Blätter und Blüten gesprossen. Was auch immer sie da machten, sah ziemlich... rabiat aus, als würden der Natur mit Gewalt etwas entreißen, was so eigentlich nicht sein sollte.

Ich musste das Ritual irgendwie unterbinden. Aber durch den Flammenkreis würde ich nicht kommen, keine Chance, und die zwei Satyre sahen auch nicht so aus, als würden sie das zulassen. Die standen immerhin nicht umsonst da Wache.

Die beiden wurde ich aber wenigstens los, indem ich ihnen glaubhaft machen konnte, dass der Hornklang, den sie vorhin gehört hatten, das Kriegshorn des Sommers gewesen sei, und das Pan sie dringend brauche. Daraufhin zogen die Satyre ab, was an meinem eigentlichen Problem, dem Unterbrechen des Rituals nämlich, aber dummerweise nichts änderte. Ich versuchte es mit einem in den Ritualkreis geworfenen Stein, um Edelia abzulenken und hoffentlich zu unterbrechen, aber ich traf sie nicht, und sie wirkte auch so konzentriert, dass selbst ein Treffer sie vermutlich nicht aus der Fassung gebracht hätte.

Das brachte so nichts. Ich hatte keine Ahnung, ob sie in den nächsten Minuten damit fertig werden würde oder nicht, aber das Risiko musste ich eingehen. Alleine konnte ich hier nichts ausrichten, und irgendwie wirkte das Ganze auf mich so, als wären sie hier noch eine Weile beschäftigt, also rannte ich los, um die anderen zu suchen.

Meine drei Freunde hatten derweil dem Kampf zwischen Sommer und Wyld nicht lange zugesehen, sondern sehr bald selbst in die Auseinandersetzung eingegriffen. Totilas und Edward, indem sie kräftig auf Seiten des Wyld mitmischten, während Roberto, als Vertreter des Sommers und vor allem in seiner Funktion als Richter, Sir Anders zur Rede stellte, was um alles in der Welt hier los sei. Sir Anders wirkte noch immer mit der Gesamtsituation eher unzufrieden, gab aber seinem Richter bereitwillig (wenngleich etwas ungeduldig) Auskunft. Lady Fire führe mit Hilfe der Santería-Magierin ein Sommer-Ritual durch, um die Insel der Jugend ein für alle Mal an den Sommer zu binden. Die Verantwortung für etwas so Wichtiges gehöre in die Hände des Sommers, nicht des fahrlässigen Wyld. Das habe Books Versagen beim Schutz der Insel ja gezeigt. Die Idee dafür sei von Sir Kieran ausgegangen, der die übrigen Ritter von der Wichtigkeit des Plans überzeugt habe.

Auch wenn Sir Anders vielleicht mit dem Plan nicht hundertprozentig glücklich war, seinen Kampfgefährten beispringen wollte er doch allemal, und so stürzte er sich wieder in den Kampf, sobald Roberto ihn entließ. Es gab Verletzte - auch Tote, fürchte ich - auf beiden Seiten, aber letztendlich gingen die Wyld erfolgreich aus der Auseinandersetzung hervor.

Etwa zu dem Zeitpunkt stieß ich wieder zu den Jungs. Ich berichtete in aller Eile, was ich auf dem Ritualplatz gesehen hatte, die drei erzählten mir, was hier abgegangen war, und wir beschlossen, dass wir Alex brauchten. Also zogen wir gemeinsam zum Zentrum der Insel - wo wir unseren Freund reglos und in einer Art Trance gefangen vorfanden. Die beiden anderen Wächter des Brunnens, unser Trollfreund Bob sowie eine Seehexe, die Sergeant Book vor Beginn der Verhandlung hierher abkommandiert hatte, sahen genauso aus. Nur mühsam konnten wir Alex und die beiden Wyldfae aus ihrer Trance befreien. Colin sei es gewesen, berichtete Alex, sobald er wieder sprechen konnte. Der sei auf die Lichtung gekommen und habe kurz gestutzt. Dann habe er mit einem Achselzucken gesagt: "Schade, dich mochte ich irgendwie" und irgendwas gezaubert, woraufhin Alex sich nicht mehr bewegen konnte. Sehen und hören, was um ihn herum vorging, konnte er aber noch, und so bekam er mit, wie Colin zwei große Kanister mit dem Wasser des Lebens füllte und dann pfeifend wieder verschwand.

Das Ritual, Kierans Machenschaften und Colins Verrat, das war alles zu groß für uns, irgendwie. Davon die anderen Anwesenden erfahren, und zwar schleunigst!

Doch als wir am Strand ankamen, sahen wir, dass wir noch ganz, ganz andere Probleme hatten. Da kamen nämlich gerade drei Schiffe auf die Insel zugesegelt. Noch waren sie nicht sonderlich nah, aber nah genug, dass wir sehen konnten, dass Joseph Adlene im Bug des vordersten Schiffes stand... und dass er eine ganze Armee von Toten bei sich hatte...
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 16.10.2015 | 18:09
Hm, ich gebe zu, es ist ziemlich viel passiert. Das war wohl ein Industrieventilator, in den die Scheiße da geflogen ist.  :fecht:
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 20.10.2015 | 19:59
Ich würd gern wissen, wie's weiter geht! *zappel*


Gut, eigentlich weiß ich, wie es weiter geht, aber ich will es verdammt noch mal aus Cardos Perspektive hören!
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 20.10.2015 | 23:19
Ich bin ja schon dran. :)
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 27.10.2015 | 19:16
*qui-qua-quengel*

Sorry, aber ich hab grad sooo Lust, das zu lesen.  ^-^
Titel: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 30.10.2015 | 16:04
Ricardos Tagebuch: Proven Guilty 4

Oder genauer gesagt, Joseph Adlene stand im Heck des vordersten Schiffes. Die segelten nämlich rückwärts. Wie man es ja muss, um überhaupt zur Insel des Sommers gelangen zu können. Links von ihm stand der Dämon Jack (brrrrrr!), rechts von ihm... wie beschreibe ich das. Eine Gestalt. Soviel ist unbestritten. Weiblich, auch das war mir irgendwie klar, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie ich das wusste. Ihr Äußeres war nämlich ständig im Wandel begriffen, ein wenig wie die Ober-Oneirophaga damals, aber doch wieder ganz anders. Waren da Arme? Und wieviele waren es? Ein Gesicht? Oder eine leere, schwarze Fläche?

Pan sah irritiert auf das Meer hinaus. „Was ist das jetzt schon wieder?“

Ich hatte eben den Mund geöffnet, um ihm zu erklären, was das jetzt schon wieder war, und vor allem, um die ganze Bande auf den Ernst der Situation aufmerksam zu machen, da brüllte Totilas los. „Wir brauchen Verstärkung! Attacke!“

Die Satyre, die auf dem Festplatz um uns herumstanden, brauchten keine zweite Aufforderung. Sofort rasten sie los – dummerweise völlig planlos und unkoordiniert. Ich pfiff gellend auf zwei Fingern und schrie „STOP!“, so laut ich konnte, während auch Pan bereits „Stop!“ rief.
Die Satyre hielten an, und Pan drehte sich wütend zu unserem White Court-Kumpel. Ob der vorhabe, ihn um das Amt als Sommerherzog herauszufordern? Nein? Was sollte das dann eben?!
Totilas machte einen Rückzieher, das sei bei weitem nicht seine Absicht gewesen, während ich nun doch noch dazu kam, Pan in Sachen Exkremente und Ventilator auf den neuesten Stand zu bringen. Dass der Typ auf dem Schiff nämlich an den Jungbrunnen wolle. Und außerdem, dass seine Sommerritter mit den Wyld einen Kampf begonnen hätten, dass Lady Fire gerade ein Ritual durchziehe, um die Insel der Jugend an sich zu binden und dass Colin die Insel massiv verletzt habe, indem er Wasser aus dem Brunnen stahl.

Catalina Snow schien von den Neuigkeiten tatsächlich so etwas wie amüsiert. „Die werden sich wundern“, sagte sie zu Edward und Roberto. „Wenn das Hohe Gericht gestört wird, dann bekommen wir Richter in dem Moment gewisse Fähigkeiten übertragen. Das wird spaßig.“ Sie grinste, und tatsächlich konnte man beinahe sehen, wie ein Ruck durch Edward und Roberto ging, als diese von neuer Macht des Sommers bzw. des Wyld durchflossen wurden.

Pan wiederum wirkte mehr genervt denn verärgert, Marke: 'was denn noch alles?' Wegen seines Verrats enthob er Colin seines Amtes als Ritter, und mit der Aussprache dieser Absetzung erschien mit einem Mal das Schwert des Sommerherzogs in dessen Hand. Es wirkte matt, die Klinge angelaufen. Da hatte Colins Verrat offensichtlich ganz physische Auswirkungen auf die Waffe gehabt. Ich frage mich nur, warum das Schwert nicht auch automatisch in Pans Hand materialisierte, als er damals den cabrón seines Amtes enthoben hatte. Vielleicht, weil Ruiz damals nicht per se offen gegen Pan gehandelt hatte, sondern zwar seine eigene Agenda verfolgte, ihm dies aber nach den Feengesetzen noch nicht als Verrat ausgelegt werden konnte. Oder warum auch immer. Versteh einer die Feen-Regeln.

Pan sah sich um. „Ohne Ersten Ritter wird das hier schwer.“ Sein Blick wanderte von Fee zu Fee, über die Richter, über Totilas, den White Court, über Alex, von Eleggua gezeichnet – und blieb auf mir hängen. Es war kein anderer unmagischer Mensch da, verdammt.
Es. War. Kein. Anderer. Unmagischer. Mensch. Da.
Und vor uns Adlene und Jack und diese komische schattenhafte Gestalt und Lady Fires Ritual und die rebellierenden Ritter und Colin. Das Wort „mierda“ trifft nicht einmal ansatzweise, was mir in dem Moment durch den Kopf ging. Aaaaaaaah!

„Nimmst du das Schwert an?“, fragte Pan, und, Padre en el cielo, perdoname, ich sagte ja. Der Sommerherzog überreichte mir die Klinge mit der Bemerkung "die Formalitäten machen wir später" – und wieder spürte ich, wie diese fremdartige Kraft, die Feenmagie des Sommers, in mich hineinströmte. Sobald ich es in der Hand hatte, veränderte das Schwert auch sein Aussehen: Nicht nur war es jetzt nicht mehr matt angelaufen und etwas schmaler in der Form als zuvor, sondern es hatte auch einen grünlich-goldenen Schimmer.

Ich wog die Waffe prüfend in der Hand. Ich habe zwar keinerlei Ahnung von Schwertern, aber sie fühlte sich leicht und perfekt ausgewogen an. Und in meiner neuen Funktion kam ich jetzt doch noch dazu, die – haha – anfeuernde Rede zu halten, die ich eigentlich vorher schon hatte halten wollen.

Wobei, Rede ist das falsche Wort. Ich fand einfach, es war in diesem Moment völlig egal, ob Sommer, Winter oder Wyld, gegen diesen Gegner mussten wir alle zusammenhalten – und das sagte ich auch so. Es schien als Kampfruf sogar einigermaßen zu funktionieren, denn Pan nickte zustimmend, rief etwas von „Los!“, und der ganze Haufen setzte sich Richtung Strand in Bewegung.

Die Schiffe waren indessen nahe genug herangekommen, dass Adlene, seine zwei dämonischen Begleiter und seine Armee von Geistern an Land hatten gehen können. Nun kam es zwischen dem Sommerherzog und dem Nekromanten zu einem höhnischen Schlagabtausch, in dem Adlene Pan aufforderte, ihn zum Brunnen durchzulassen, dann müsse hier niemand zu Schaden kommen. Natürlich lehnte Pan das ab, woraufhin Adlene beinahe milde den Kopf schüttelte. „Nein? Das habe ich mir gedacht. Auf sie!“
Und damit stürmten die Untoten in einem Sog auf die wartenden Kräfte des Sommers und des Wyld los.

Adlene und die Dämonin zogen sich hinter die Masse der Kämpfenden zurück und machten Anstalten, sich abzusetzen. Jack war erstaunlicherweise gar nicht mehr zu sehen, aber ich hatte überhaupt nicht mitbekommen, wann der Dämon verschwunden war.

Die Frage war, ob wir Adlene durch das Gedränge folgen oder uns lieber in Richtung Brunnen auf die Lauer legen sollten, um den Nekromanten dort abzufangen. Roberto und Alex taten genau letzteres, aber Edward und Totilas stürzten sich ins Getümmel. Ich überlegte kurz, dass ich vermutlich bei Roberto und Alex besser aufgehoben wäre, aber ich konnte Edward doch nicht im Stich lassen – und außerdem überkam mich plötzlich das starke Gefühl, ich könne vor allem meinen Herzog nicht im Stich lassen. Hoboy.

Unten am Strand standen uns einige Untote im Weg, mit denen wir uns herumschlagen mussten, während Adlene sich absetzte. Totilas hatte seinen Gegner sehr schnell beseitigt und konnte so dicht hinter Adlene bleiben, während Edward und ich es mit unseren Gegnern deutlich schwerer hatten.

Oder genauer gesagt, Edward hatte es schwerer. Denn ich merkte sehr schnell, dass ich mit meinem schimmernden neuen Schwert so gar nicht umgehen konnte – oder jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne. Aber es war ja das Schwert des Sommers, und wofür steht Sommer? Genau.

Ich überließ meinen Gegner also erst einmal Edward, während ich mich auf dieses neue Gefühl in mir konzentrierte, versuchte, die Magie meines neuen Amtes hervorzurufen. Und erstaunlicherweise gelang es: Ich habe keinerlei Ahnung, wie, aber mit einem Mal erstrahlte die Klinge in gleißend hellem Licht, dem Licht der Sonne am wärmsten Tag des Jahres, und während das Edward und mich überhaupt nicht störte – hatte ich das so geplant? Offensichtlich... entweder das, oder die Magie hatte für mich erkannt, wer Freund und wer Feind war – lenkte es die beiden Zombies genug ab, dass wir schließlich doch mit ihnen fertig wurden.

Zu diesem Zeitpunkt waren Totilas und die beiden von ihm Verfolgten nicht mehr zu sehen. Seltsam – hatte unser Teil des Kampfes wirklich so lange gedauert? Oder hatte Adlene (oder die Dämonin?) irgendwelche Magie eingesetzt, um schneller wegzukommen? Irgendwas hatte ich mal über eine ähnliche Gestalt gelesen, fiel mir da wieder ein. Es war bei der Recherche gewesen, und ich war dabei auf einer dieser grellbunten und abstrusen Verschwörungswebseiten gelandet, bei denen man nie weiß, ob man nun lachen oder weinen soll. Ich hatte dieses Surferlebnis sehr schnell wieder  verdrängt... bis jetzt. Denn jetzt fiel mir ein, dass ich da etwas von einer „Lady of the Tangled Ways“ gelesen hatte – einem Geisterwesen oder einem Dämon oder etwas in der Art, das so ähnlich beschrieben worden war, wie ich das hier gerade gesehen hatte, und das Wege aller Art finden und öffnen kann. Ein bisschen wie Alex, wenn ich mir das so überlege, nur... böse.

Wir waren nicht so dicht an ihr dran wie Totilas, deswegen bekamen wir das volle Ausmaß davon nicht mit, aber wir konnten hören, wie die Dämonin in unserem Geist zu sprechen versuchte. Wir konnten nicht genau ausmachen, was sie sagte, aber es war beinahe verständlich... und wir wussten genau, wir wollten gar nicht verstehen, was sie da sagte. Irgendwie war uns klar, dass das für unsere geistige Gesundheit gar nicht gut wäre. Ich will auch gar nicht wissen, wie stark Totilas in der Nähe, in der sich zu der Gestalt befand, ihren geistigen Angriffen ausgesetzt war. Glücklicherweise hat der durch seinen eigenen Dämon ja ziemlich viel Erfahrung darin, solchen Einflüsterungen zu widerstehen.

Jedenfalls dauerte es eine Weile, bis Edward und ich Totilas eingeholt hatten. Adlene und die Herrin der Verschlungenen (oder Verschlingenden?) Wege hatten sich tatsächlich immer weiter auf den Brunnen zubewegt, und als wir sie eingeholt hatten, trafen wir dort auch auf Alex und Roberto. Die beiden hatten, während wir mit Kämpfen beschäftigt waren, den Zugang zum Brunnen mit Fallen vermint. Und die Taktik hatte gewirkt: Als wir angerannt kamen, hing Joseph Adlene kopfüber in einem Fallstrick an einem Baum. Dummerweise nur war er gerade dabei, sich schon wieder aufzurichten und sich an dem Seil nach oben auf den Ast zu ziehen, an dem das Seil befestigt war. Der alte Mann sah alles andere als gesund aus und seine Bewegungen alles andere als natürlich – augenscheinlich hatte er soeben einen jüngeren, sportlicheren Geist in sich hineingerufen, der die Turnübung für ihn ausführte. Ob diese unnatürlichen Anstrengungen so gut für den Nekromanten waren, wage ich zu bezweifeln, denn sein dunkles Gesicht hatte einen gräulichen Ton angenommen, und er wirkte ziemlich mitgenommen. Offensichtlich hatte unser White Court ihm bereits schwer zugesetzt, ehe er in die Falle geraten war.

Aber sagte ich eben, Alex und Roberto hätten die Fallen ausgelegt? Auf mich wirkte es so, als hätte Alex die Arbeit alleine vollbracht. Nicht, weil er der handwerklich Begabte von uns ist, sondern weil Roberto ziemlich abwesend wirkte. Er stand einfach da und blickte nach innen, schien in einem ernsthaften Konflikt mit sich selbst gefangen – oder vielleicht genauer: mit einem Konflikt, der in ihm tobte. Nichts so nach außen hin Drastisches und Sichtbares, aber vielleicht ein klein wenig wie diese Szenen in Peter Jacksons Herr der Ringe, wo die zwei Persönlichkeiten von Gollum miteinander streiten. Nur dass es hier nicht die zwei Persönlichkeiten von Roberto waren, sondern die beiden Mächte, die Anspruch auf ihn erhoben: seine Santería-Orisha, Oshun, und Königin Titania des Sommers.

Roberto war also fürs Erste nicht in der Lage, in die Situation einzugreifen. Ich selbst verschaffte mir auch erstmal einen raschen Überblick über die Lage. Aber Edward war schnell – und unberechenbar – wie immer. Er sprang auf die Lady der Verschlingenden Wege los, und mit seinem magisch aufgeladenen Handschuh gelang es ihm tatsächlich, die
Dämonin zu verletzen. Richtig schwer zu verletzen. Mit einem lauten Kampfschrei riss unser Freund ihr einfach einen Arm ab.

Das Problem war nur: Schwerwiegend, wie die Verletzung war, schien sie die Dämonin dennoch gar nicht groß zu beeinträchtigen. Und das viel größere Problem war: Jetzt hatte Edward sie ernsthaft, ernsthaft wütend gemacht.

Einen Moment lang schien die Lady gar nicht zu verstehen, was ihr da geschehen war. Sie stand still und schien die neuen Eindrücke zu verarbeiten, ehe sie sich niederbeugte und den Arm aufhob, ihn durch die wabernden Schatten irgendwie wieder an sich befestigte. Durch ihre wabernden Schatten, ihre sich ständig wandelnde Gestalt, konnten wir dennoch sehen, wie ihre Augen sich glühend in Edward bohrten und sie ihn sich ganz genau einprägte. Er hatte sie wütend gemacht, er hatte ihre Aufmerksamkeit geweckt, und wo sie bislang nur in amüsierter Spielstimmung gewesen war, ging sie jetzt in den ungezügelten Hulk-Modus. Um sie herum begann sich Dunkelheit zu sammeln, schien die Realität zu verschwimmen – das konnte nicht gut gehen.

Ich brüllte „Weg hier!“ und schnappte Edward am Arm, während Totilas den noch immer in seinem inneren Zwiespalt befindlichen Roberto mit sich zog und Alex den alten Nekromanten beinahe trug. Der ließ das eine Weile mit sich machen, ehe er einen weiteren Geist in sich rief und nun wieder in der Lage war, selbständig zu rennen – zumindest kurzfristig. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass sich die Überanstrengung, die geistige ebenso wie die körperliche, später bemerkbar machen würde.

Am Strand rief Adlene laut nach seinem Kumpan Jack. „Wo bist du, verdammt? Komm' und hilf mir gefälligst!“
Wir hätten uns nicht beschwert, wenn der Dämon nicht aufgetaucht wäre, aber natürlich tat er es doch, langsam schlendernd und mit einem arroganten Grinsen im Gesicht. „Na, was sagt ihr? Lasst ihr uns in Ruhe? Dann nehme ich euch die Lady ab, und ihr könnt in Ruhe euren Kram erledigen.“

Und, santísima Madre, es ging nicht anders. Dieser Lady waren wir nicht gewachsen, keiner von uns. Und hinten im Wald war noch immer Lady Fire dabei, dieses Ritual durchzuführen... Mehr als nur wiederwillig ließen wir Adlene und seine beiden Dämonen ziehen, während wir selbst uns schleunigst auf den Weg machten.

Wir waren nicht zu spät: Auf der Lichtung war das Ritual immer noch im Gange. Aber es war knapp, verdammt knapp – sogar ich konnte erkennen, dass Lady Fire und Edelia Calderón kurz vor dessen Abschluss stehen mussten. Jugend, den Marie Parsen noch immer in den Armen hielt, sah inzwischen sehr, sehr schwach aus, als halte ihn kaum noch etwas am Leben. Er war wieder kleiner geworden und wirkte deutlich gealtert. Ganz offensichtlich zog Lady Fire mit dem Ritual die Lebenskraft des Insel-Avatars in sich selbst hinein.

Es war nicht genug Zeit, als dass Edward in Ruhe ein Gegenritual hätte vorbereiten können. Es musste schnell gehen, und ziemlich improvisiert, und alleine würde er es nicht schaffen. Roberto war noch immer mit sich selbst am Hadern, aber Alex stellte sich zur Verfügung, damit Edward die Kraft, die ihm wegen der Störung des Hohen Gerichts vom Wyld her zugeflossen war, durch ihn hindurch in Jugend weiterleiten konnte, um das Baumkind wieder zu stärken.

Und ich? Mit dieser neuen Rittermagie, die ich in mir hatte, konnte ich das Wirken von Lady Fires Teil des Rituals regelrecht spüren, wie ein Kribbeln in der Luft oder das beinahe unhörbare Summen einer Überlandleitung.
Ich wusste – nein, ich hatte eine instinktive Ahnung davon – was sie tat und wie sie es tat, auch wenn ich es in Worten niemals hätte erklären können, und ebenso instinktiv wusste ich, wie ich ihr Tun unterbrechen konnte. Wenn ich es denn konnte. Denn wie gesagt, Zeit hatten wir keine mehr, und ein vergleichsweise einfacher Zauber wie das Rufen des Sonnenlichts vorhin am Strand würde hier nicht ausreichen.

Ich richtete meinen Sinn also wieder nach innen, suchte die Magie in mir, rief sie nach oben und sammelte sie. Und sammelte sie. Ich sammelte so viel davon, wie ich nur irgendwie konnte, und dann, in exakt dem Moment, als Lady Fire ihr Ritual beendete und die Hand hob, um den letzten Rest von Jugends Essenz in einem letzten, großen Schwung in sich hineinzuziehen, im selben Moment wie Edward seine Wyld-Kraft durch Alex in Jugend hineinleitete, ließ ich die Magie auf einen Schlag aus mir hinaus und auf Lady Fire zufließen, wo die Macht des  Sommers einen Schild um sie bildete, eine Barriere, an der die von ihr gesogene Essenz abprallte – und mangels Erreichbarkeit des eigentlich vorgesehenen Ziels unkontrolliert explodierte.

Die Schockwelle warf uns nach hinten. Das Feuer, mit dem der Ritualkreis gezogen worden war, loderte wild hoch. Lady Fire schrie auf wie eine wütende Furie und verschwand. Marie Parson kam, Jugend noch immer eng an sich gedrückt, aus dem Kreis gestolpert. Beide waren ein wenig angesengt, schienen aber keine schlimmen Verbrennungen zu haben, dem Himmel sei Dank, und Jugend sah auch schon wieder etwas besser aus.

Und mir dröhnte der Kopf. Dios, hatte ich Kopfschmerzen. Vermutlich hätte ich für den zweiten von mir in meinem Leben jemals gewirkten Zauber nicht gleich den Leistungssport-Level auffahren sollen, und das war jetzt das magische Äquivalent von einem Muskelkater, der sich gewaschen hatte. Aua. Aber was hätte ich denn machen sollen. Anders hätten wir das Ritual nicht gestoppt bekommen. Aber trotzdem. Au. Au au au.

Wir schafften es alle irgendwie wieder zurück zum Strand. Von den drei Schiffen, mit denen Adlene hier angekommen war, war eines abgebrannt und lag als Wrack im flachen Wasser; von den anderen beiden war nichts mehr zu sehen. Auch vom ehemaligen Ersten Ritter war keine Spur mehr zu finden, aber man sagte uns, der Colin sei dabei gesehen worden, wie er mit dem Nekromanten und dessen zwei Dämonen eines der Schiffe bestiegen habe und weggesegelt sei.

Die Kämpfer aller Seiten – Sommer wie Winter wie Wyld – waren dabei, ihre Verwundeten zu versorgen und ihre Toten – denn auch davon hatte es einige gegeben, aber niemand, den wir näher kannten – zu bergen. Jetzt, wo wieder Ruhe eingekehrt war, schickte Pan seine Ritter, allen voran Sir Kieran als den treibenden Kopf hinter dem Putschversuch, allesamt in die Verbannung. Oder besser, er hätte sie allesamt verbannt, wenn ich nicht für Sir Anders ein gutes Wort eingelegt hätte. Der arme Kerl wirkte so beschämt – und er war ja wirklich nicht glücklich mit Kierans Plan gewesen – dass ich es einfach nicht über mich brachte, ihn ohne wenigstens den Versuch eines Eingreifens ziehen zu lassen.

Tatsächlich ließ Pan ziemlich problemlos mit sich reden, und die Dankbarkeit mir gegenüber stand dem armen Anders förmlich ins Gesicht geschrieben.
Was Lady Fire hingegen betraf, hatte der Sommerherzog die Faxen endgültig dicke. Jugend gegen dessen Willen zu dem Ritual zu zwingen, war nun ihr drittes Vergehen gewesen, und jetzt erklärte Pan sie hochoffiziell zur Brecherin des Gastrechts.

Roberto war inzwischen wieder beieinander – der Krieg in seinem Kopf war offensichtlich zu Gunsten Oshuns und zu Lasten Titanias ausgegangen. Er trat zu Pan und erklärte dem Herzog, er könne nicht länger der Richter des Sommers sein. Mit diesen Worten zog er auch die Kette vom Hals, die er zum Zeichen seines Amtes bis dahin getragen hatte – und tatsächlich sah deren Anhänger nun aus wie billiger Talmi, vollkommen unecht.

Damit gab es nur zwei amtierende Richter, also konnte auch die Verhandlung nicht fortgesetzt werden. Sie wurde vertagt, bis die Sommerkönigin einen neuen Richter ernannt hätte, und dann war es Zeit, endlich von der Insel zu verschwinden. Nur Marie und Antoine wollten fürs Erste hierbleiben, um sich um Jugend zu kümmern, bis der Avatar wieder genesen wäre.

Dummerweise war das mit der Heimkehr aber gar nicht so einfach. Die fliegenden Schiffe der Faurelier waren nämlich inzwischen alle verschwunden – und der Fliegende Holländer gleich mit. Von dem war weit und breit nichts mehr zu sehen, was den Rückweg für den ganzen Haufen etwas... sagen wir kuschelig gestaltete, weil sich alle Besucher für den Rückweg auf deutlich weniger Schiffen zusammendrängen mussten. Uns kümmerte das glücklicherweise relativ wenig, da in der Bucht auf der Rückseite der Insel ja noch immer George auf uns wartete, der uns über die Traumstraßen zurück zu unserem Raddampfer brachte.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 30.10.2015 | 16:18
Juhu, ein Sommerritter.  ;D
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 30.10.2015 | 16:50
Jahaaa. *hmpfgrmpf*

Mal sehen, für wie lange diesmal. :P
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 1.11.2015 | 17:45
Eigentlich ist das ja keine Position für Temps. ;)

...außer in Miami. Wenn das mit dir nix wird, könnte sich Pan ja auch so ein kleines Rittergeschwader vorstellen... die Schönen Frauen oder so. ;D
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 2.11.2015 | 17:54
Hehe. Das fände Pan bestimmt toll, ja.

Die von euch oben angemerkten Korrekturen habe ich übrigens eingearbeitet.

Und anbei der letzte Teil von "Proven Guilty"!
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 2.11.2015 | 18:01
Ricardos Tagebuch: Proven Guilty 5

Tja, und da bin ich jetzt also. Wieder zuhause. Einigermaßen ausgeschlafen und ein bisschen erholt. Der Kopf dröhnt mir noch immer, wenn auch nicht mehr ganz so schlimm wie direkt nach dem Kampf.

Und wenn ich mir das so betrachte, war die ganze Aktion ein Fehlschlag auf der ganzen Linie. Und zwar nicht nur ein Fehlschlag, sondern auch rundum unsere eigene Schuld.

Durch unsere Verlegung des Prozesses und die Anwesenheit so vieler Leute auf der Insel haben wir diese noch mehr geschwächt, und geschwächt wurde sie natürlich auch durch die ganzen Kämpfe und Zerstörungen dort. Wenn wir den Prozess nicht dorthin verlegt hätten, hätte Colin auch nicht gewusst, wie man hinkommt. Er hätte weder Adlene den Weg verraten können, noch wäre er selbst dorthin gelangt und hätte das Wasser des Lebens stehlen können. Was erstens die Insel noch viel, viel stärker geschwächt hat als alles andere – Maries einer Schluck damals hatte schon deutliche Auswirkungen; was machen da erst zwei. Verdammte. Kanister?! – und außerdem: Welchen Schaden kann Colin mit dem Inhalt von zwei Kanistern Lebenswasser anrichten? Das bedeutet Jugend und Leben für viele Jahrhunderte oder gar Jahrtausende entweder für sich selbst oder auch für zahllose Menschen! Und ich schätze Colin für skrupellos genug ein, dass er sich einen Dreck um die moralischen Bedenken schert. Solche Fragen wie die Kleinigkeit, welchen Bösewichten er das Wasser überlässt.

Joseph Adlene ist schon mal einer davon, wie sich heute gezeigt hat – als ob wir noch einen weiteren Beweis dafür gebraucht hätten, nachdem Colin ja bereits mit dem Nekromanten weggesegelt war. In der Zeitung fand sich ein Nachruf auf Joseph Morris Adlene, der betrauert werde von seinem einzigen lebenden Verwandten, seinem Neffen Jonathan Adlene. Das Foto dieses „Jonathan“ war eindeutig Adlene selbst, Mitte 20, fit und munter, aber dennoch nicht sonderlich glücklich aussehend. Schlauer Trick, sich selbst zu seinem eigenen Erben zu machen... und ein weiterer Fehlschlag unsererseits. Jetzt ist er wieder jung und gesund, und er weiß, dass wir uns offen gegen ihn gestellt haben.

Und Lady Fire ist zwar jetzt eine Ausgestoßene, aber dreimal dürft ihr raten, Römer und Patrioten, wen sie für dieses Ausgestoßensein wohl verantwortlich machen wird. Und als ob eine einzelne, ausgestoßene, mächtige Sommerfee nicht genug wäre, werde ich irgendwie den Verdacht nicht los, dass die ihres Amtes enthobenen Ritter sich nun um sie scharen werden. Denn mit denen war die Lady ja schon während des Turniers ein Herz und eine Seele.

Immerhin haben wir Jugend gerettet. Wir mussten Adlene dafür gehen lassen, und Edward hat die Aufmerksamkeit dieser Dämonin auf sich gezogen, und jede Hoffnung, die ich jemals darauf hatte, Lady Fire doch noch zu versöhnen, kann ich mir jetzt wohl ein für alle Mal abschminken, aber wir haben Jugend gerettet. Der immerhin sowas wie Edwards Bruder ist, wenn man sich es recht überlegt. Und wir haben Antoine freigesprochen bekommen. Aber trotzdem.

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Eben hat Yolanda angerufen. Sie will sich im Dora's mit mir treffen. Sie klang, als sei es wichtig.

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Gut, dass das Dora's der Treffpunkt war. Auf Yolandas Neuigkeiten brauchte ich nämlich erstmal einen Kaffee. Einen starken Kaffee.

Dreimal dürft ihr raten, wen Titania zu ihrer neuen Richterin gemacht hat. Aaaaaaaah!

'Landa nimmt das Ganze erstaunlich gelassen, dem Himmel sei Dank. Aber gut, sie hat ja schon damals bei der Sache mit dem cabrón Kontakt mit dem Übernatürlichen gehabt, auch wenn sie die ganze Episode danach völlig verdrängt hatte. Aber heute Nacht hatte sie einen Traum, in dem Titania sie mit dem Richteramt betraute, und beim Aufwachen fand sie die Halskette des Sommerrichters auf ihrem Nachttisch.

Kein Wunder, dass sie verwirrt war. Aber glücklicherweise erinnerte sie sich nach etwas Anstubsen doch wieder an ihre erste Begegnung mit der Sommerkönigin und nahm das neue Amt dann sogar mit amüsierter Neugier an. Nicht dass sie es hätte ändern können, sie hat den Job jetzt, und so leicht rauskommen wie Roberto wird sie da vermutlich nicht. Mierda! Meine kleine Schwester ist die Letzte, von der ich gewollt hätte, dass sie in den ganzen Feenmist mit reingezogen wird! Nicht, weil ich es ihr nicht zutraue, im Gegenteil, aber an meinen eigenen Erfahrungen der letzten Jahre gemessen, hätte ich ihr das verdammt nochmal lieber erspart.

Aber es half ja alles nichts. Sie hat den Job jetzt, also erklärte ich ihr in groben Grundzügen, was es damit auf sich hat und was für eine mierda gerade am Dampfen ist.

Anschließend rief ich Edward und Ms. Snow an, weil ich fand, 'Landa müsse die beiden anderen Richter auch so bald wie möglich kennenlernen. Die kamen also auch noch ins Dora's, und wir hielten Kriegsrat.
Ich wollte mich gerade höflich zurückziehen, weil ich ja nicht zu den Richtern gehöre, da klingelte mein Handy. Es war die Nymphe, Saltanda, die mir fröhlich erklärte, Pan habe gesagt, sie solle mir ausrichten, ich solle jetzt der Verteidiger sein.

Wirklich überrascht war ich nicht, denn ich hätte ja damit rechnen können; Colin war es ja zuvor auch schon gewesen. Überrascht also nicht, aber etwas überrumpelt, also dachte ich nicht nach, und es geschah völlig aus Reflex, dass ich Saltanda für die Nachricht dankte.
Und dann, beim Auflegen, hörte, wie Saltanda fröhlich zwitscherte: „Yay! Er hat Danke gesagt! Dann war es also ein Gefallen!“

Mierda! Wann lernst du es endlich, Alcazár! Ich knirschte mit den Zähnen, gab einen frustrierten Aufschrei von mir und hieb mit der flachen Hand auf die Tischplatte, ehe ich aufsprang und mehrmals mit dem Kopf gegen die Wand hinter unserer Sitznische hämmerte. Nicht so fest, dass ich mir wehgetan hätte, ganz so neben mir war ich dann doch nicht. Aber es war Ausraster genug, dass meine drei Gesprächspartner mich ziemlich entgeistert anstarrten, als ich mich mit einem verlegenen Räusperer wieder hinsetzte. Und bemerkte, dass meine Handfläche auf dem Tisch einen leicht angesengten Umriss hinterlassen hatte, ungefähr so wie ein Bügeleisen, das zu lange mit der heißen Platte auf der Unterlage gestanden hat.

Ich murmelte eine Entschuldigung und versuchte den Ansatz einer Erklärung, gab es aber ziemlich bald auf, weil alles, was ich sagen konnte, einfach nur albern geklungen hätte. Vor allem gegenüber meiner Schwester und der mir ja beinahe völlig fremden Winterrichterin. Irgendwann in einer ruhigen Minute muss ich aber dringend nochmal mit Edward reden. Ich bin es nicht gewohnt, so... so wütend zu werden. Zumindest nicht, ohne beeinflusst worden zu sein, so wie letztes Jahr am Crater Lake. Wobei... oh mierda. Vielleicht war es ja auch diesmal eine Art Einfluss. Das Amt des Ersten Ritters macht irgendwas mit mir. Nicht mal unbedingt auf magischem Wege, auch wenn ich mir das durchaus vorstellen könnte. Aber allein die Tatsache, dass ich diesen Job jetzt habe und mit mir darüber ins Reine kommen muss. Denn in der Hitze des Gefechts auf der Insel habe ich diesmal völlig vergessen, mein Ritteramt zeitlich zu begrenzen. Ich habe Pan gegenüber zugesagt, das Schwert anzunehmen, und zwar ohne Wenn und ohne Aber und ohne Bedingung. AAAAH! Mierda! Doppelte und dreifache mierda!

Dort im Dora's jedenfalls muss ich wohl ziemlich bedröppelt dreingeschaut haben, als ich mich wieder hinsetzte, oder mein Ausbruch erschreckender gewesen sein, als ich dachte, denn mit einem Mal stellte Dora unaufgefordert und mit den Worten „hier, auf's Haus“ einen Cupcake vor mich hin.
Es war letzteres, musste ich dann feststellen, denn etwa zwanzig Minuten später kreuzte Roberto auf, den Dora – die uns inzwischen ja alle kennt und seit unserer Spende zum Wiederaufbau des Lokals auch unsere Nummern hat – angerufen hatte, weil einer seiner Freunde sich so komisch benehme und beruhigt werden müsse. Roberto dachte natürlich erst mal, Edward sei gemeint, und war etwas überrascht, dass der Ausraster auf meine Kappe ging. Mehr Peinlichkeit. Grrrr.

Zum Glück lenkte Edward uns mit der schlauen Idee ab, dass wir Hurricane doch auch noch zu dem Treffen dazu holen könnten, wenn wir schon mal alle hier wären. Zusammen mit dem Ankläger sprachen wir den Fall durch. Dummerweise lag die Beweislage ziemlich eindeutig gegen Sergeant Book, daran konnte ich als Verteidiger so ziemlich gar nichts ändern, auch wenn ich diverse mildernde Umstände anführen konnte. Hurricane machte deutlich, dass ihm vor allem wichtig sei, dass der Kobold nicht völlig unbehelligt davonkomme, und so kamen wir schließlich zu einer Einigung.

Die Verhandlung selbst soll – ein Vorschlag von Yolanda – morgen Abend in einem der Hörsäle an der Uni stattfinden.

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Eben heimgekommen. So richtig müde bin ich noch nicht, außerdem gibt es Dinge zu berichten.

Die Verhandlung ging exakt so aus, wie wir das bei unserem Treffen im Dora's bereits ausgemacht hatten: Der Fall wurde für die neue Richterin des Sommers noch einmal dargelegt. Hurricane führte die belastenden Fakten an, ich nannte die mildernden Umstände. Zeugen wurden keine groß aufgerufen. Die Richter gingen und berieten sich und befanden Sergeant Book in ihrem Urteil dann für schuldig. Daher verhängten sie das Strafmaß, dass der Wyldfae seine Kraft an die Insel der Jugend binden müsse, um diese zu stärken und die erlittene Schwächung wenigstens zum Teil wieder auzugleichen. Außerdem wurde er verpflichtet, von nun an höchstselbst und in Person auf der Insel über diese zu wachen.

Sergeant Book blickte ernst, aber gefasst drein und quittierte das Urteil mit den Worten „das ist fair.“ Dann nahm er, ehe er von je zwei Vertretern des Sommers, des Winters und des Wyld aus dem Saal geführt wurde, noch einmal Edward beiseite. Er erklärte unseren Freund zu seinem Nachfolger als Leiter des SID Miami und deutete auf eine Gruppe von Gnomen, die uns bereits aufgefallen war, weil wir die hier in der Stadt noch nie gesehen hatten und keine Ahnung hatten, wo die plötzlich herkamen und warum sie heute abend hier bei der Gerichtsverhandlung aufgetaucht waren.

Das seien Winterfeen, erklärte Sergeant Book, Frostgnome, und Edward solle bloß ein Auge auf die haben, die klauten wie die Raben. Warum die jetzt plötzlich hier seien? Naja, der Sommer habe in Miami durch die ganze Sache jetzt eine empfindliche Schwächung erlitten, da sei es eigentlich kein Wunder, dass Elemente des Winters sich jetzt hier einnisteten. „Na ganz toll“, knurrte Edward, aber so richtig von Herzen kam sein Gebrumm nicht. Ich glaube, er war etwas überwältigt von der Tatsache, dass Book ihn gerade zu seinem Nachfolger gemacht hatte.

Als die Verhandlung offiziell geschlossen war, klatschte Pan in die Hände: „Zeit für eine Party!“
Roberto kam nicht mit. Der hatte offensichtlich das Bedürfnis, sich nach seiner Entscheidung für Oshun etwas vom Sommerhof fernzuhalten. Was ich ihm absolut nicht verdenken kann. Ich wünschte, ich hätte mich auch absetzen können.

Aber das ging natürlich nicht. Denn da war ja noch die Formalität des Rittereides, den es abzulegen galt, was ich mit ziemlichen Bauchschmerzen hinter mich brachte. Aber immerhin gelang es mir, Pan in diesem Zusammenhang halbwegs ernsthaft und nüchtern zu erwischen und nochmal in Ruhe mit ihm zu reden.

Er freute sich sichtlich, nach all seinem Pech mit den letzten drei Rittern „endlich mal einen kompetenten“ gefunden zu haben, was mir die Sache natürlich nicht gerade leichter machte. Ich nannte ihm aber meine Bedenken, und wir einigten uns darauf, dass ich das Ritteramt so lange nach bestem Wissen und Gewissen ausführen werde, bis ich einen würdigen Ersatz gefunden habe, der dafür mindestens ebenso gut, wenn nicht besser, geeignet ist als ich. Denn so jemanden wie Colin will ich Pan keinesfalls nochmals aufdrücken – mir ist nur allzu bewusst, dass ich schuld daran bin, dass der Sommerherzog wegen meines Wunsches, bloß schnell wieder aus dem Job rauszukommen, einen derart ungeeigneten Ritter bekommen hat. Glaubt nur nicht, dass ich das nicht weiß, Römer und Patrioten!

Langer Rede kurzer Sinn: Bis auf Weiteres habe ich den verdammten Job. Ich will ihn eigentlich nicht haben, aber jetzt, wo ich ihn habe, werde ich auch mein Bestes tun, ihn gut auszufüllen. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf: Irgendwo muss einfach jemand existieren, der für die Aufgabe ideal geeignet ist.

In dem Gespräch mit Pan führte ich auch an, dass der Sommerhof von Miami ja nun außer Sir Anders über keinerlei Feenritter mehr verfüge, dass der Winter diese Schwächung als Chance für einen Versuch ansehen könnte, mehr Einfluss in der Stadt zu gewinnen, und dass es vielleicht angeraten wäre, sich mit neuen Rittern zu verstärken. Ausgezeichnete Idee, erwiderte Pan, kümmere dich darum! Haha. A-hahaha! Sagte ich bereits, dass ich diesen Job nicht haben will?

Meine Gefallensschulden bei Saltanda habe ich übrigens auch noch bezahlt. Indem ich mit ihr tanzte, wohlgemerkt, ehe hier falsche Ideen aufkommen! Das arme Mädchen war sichtlich enttäuscht und schien sich zu fragen, was mit ihr nicht stimmt, dass ich nicht noch ein paar unkomplizierte Stunden mit ihr verbringen wollte. Aber genau das ist es ja gerade. Ich weiß, für sie wäre es vollkommen unkompliziert und der absolute Inbegriff von „no strings attached“, aber für mich hängt zu viel daran. Zu viel Erinnerung an diesen einen Fehler. Von dem ich ja sogar weiß, dass er natürlich nur der direkte Auslöser, nicht die eigentliche Ursache war. Aber trotzdem. Es ging einfach nicht.

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Die Neuigkeit des Tages: Edwards Beförderung ist durch!

Sergeant Book hatte wohl offensichtlich schon damit gerechnet, dass das Verfahren nicht mit einem Freispruch für ihn enden würde, denn er hatte bei der Polizei ein Schreiben hinterlassen, mit dem er seinen Posten dort unter Angabe von Burnout als Grund für den Rücktritt offiziell niederlegte. In dem Schreiben empfahl er Edward als seinen Nachfolger, und angesichts von Books Verdiensten um das Department in den letzten Jahren konnte man sich weiter oben dieser Empfehlung wohl nicht widersetzen.

Also ist Edward seit heute offiziell Leiter des SID Miami, was mit einer kräftigen Gehaltserhöhung und einer Beförderung zum Lieutenant einhergeht. (Book hätte der Rang des Lieutenant wohl ebenfalls zugestanden, aber der alte Kobold hat sich anscheinend immer geweigert. Und die Stadt hat sich natürlich gehütet, ihn zu etwas zu zwingen, was höhere Ausgaben im städtischen Haushalt bedeutet hätte.)

Oh, und ich habe Eileen Fabray kontaktiert. Die ehemalige Erste Ritterin hatte ich ja damals bei der Sache mit dem cabrón schon kennengelernt, und gestern habe ich einfach mal bei ihr angerufen. Von ihr weiß ich immerhin, dass sie etliche Jahre lang eine gute Ritterin war, und ich habe sie unumwunden um Rat und Hilfe gebeten. Am Wochenende wollen wir uns treffen.

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Aaaaah! Sagte ich schon, dass ich diesen elenden Job nicht haben will?

Das Treffen mit Eileen war sehr nett und die alte Dame echt hilfreich. Wir haben uns lange unterhalten, über die Ritterpflichten und -aufgaben und wie man Pan im Zaum hält (Eileens guter Tip: ein für alle Mal klarstellen, dass man nicht mit ihm schlafen wird, sonst kommt er garantiert auf die Idee, das gehöre zum Stellenprofil. Nicht, dass das für mich ein großes Problem werden wird, ich fühle mich für gewöhnlich nur von Frauen angezogen, aber gut zu wissen.)

Eileen hat mich auch dahingehend beruhigt, dass man als Erster Ritter nicht ständig um Pan herumscharwenzeln und sich dauernd in seinem Palast aufhalten muss, sondern durchaus sein eigenes Leben führen kann. Natürlich gibt es bestimmte Tage und Zeiten – der Spring Break zum Beispiel –, an denen man als Ritter definitiv für den Sommer unterwegs sein wird und sich nicht um seine Familie kümmern kann... aber das war ja in den letzten vier Jahren ohne das Ritteramt auch nicht groß anders.

Außerdem hat Eileen sich bereiterklärt, mir ein wenig Unterricht im Schwertkampf zu geben. Ja, sie ist Mitte sechzig und nicht mehr so schnell auf den Füßen, wie sie es zu ihren Ritterzeiten war, aber um mir Kacknoob, um mal in Gamersprache zu reden, die Grundlagen beizubringen, wird es schon noch reichen. Die erste Stunde jedenfalls war schon mal sehr nützlich – wenn auch anstrengend. Ich halte mich ja eigentlich nicht für vollkommen unsportlich, aber das war doch nochmal was ganz anderes. Aber es hat auch Spaß gemacht, und ich freue mich schon auf die nächste Lektion.

Aber – und das ist der Grund für den frustrierten Aufschrei im ersten Satz – Eileen hat mich auch an etwas erinnert, an das ich eigentlich von selbst hätte denken müssen, das ich aber bislang erfolgreich verdrängt hatte.

Padre en el cielo, ayudame, zur Sommersonnenwende ist ja wieder das Ritual fällig, mit dem die jährlichen Opfer an das Coral Castle gebunden werden. Und natürlich ist der Erste Ritter dafür verantwortlich, die Opfer zu beschaffen. Nein, verdammt! Ich werde nicht, wiederhole nicht!, Teil eines solchen geplanten Mordes werden, auch wenn Eileen sagte, dass es ganz, ganz üble Konsequenzen habe, wenn das Ritual ausfalle. Sie habe sich nämlich anfangs auch geweigert, und das Ergebnis sei... sie wollte nicht aussprechen, was genau das Ergebnis war. Aber egal. Nein. Nein, nein, nein!

Ein kleiner Hoffnungsschimmer besteht darin, dass Eileen erklärte, wenn man Freiwillige fände, die sich in vollem Wissen und Bewusstsein auf dieses Schicksal einließen, dann „halte“ das Ritual für die nächsten sieben Jahre, und nicht nur für ein Jahr, wie das bei unfreiwilligen Opfern der Fall ist. Bitte, bitte, bitte, santísima Madre, hilf mir dabei, Freiwillige zu finden. Sonst... sonst muss ich irgendwie aus diesem Amt raus, ehe ich es wirklich angetreten habe. Aaaaaaaaah!
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 4.11.2015 | 20:46
Aaaaaaah!  >;D
Titel: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 5.11.2015 | 13:47
Jahaa. :D Ein gewöhnliches "Mierda" schien mir in diesem Falle einfach etwas unter-angemessen. :P
Titel: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 5.11.2015 | 15:30
Hier erstmal ein wenig "Zwischengeplänkel", ehe es mit dem eigentlichen "Side Job" losgeht.

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Ricardos Tagebuch: Something Borrowed 1

07. April. Das war ein grüblerisches Ostern diesmal.

Ich bin zu den Jungs mit dem Problem. Natürlich bin ich zu den Jungs mit dem Problem; alleine schaffe ich das nicht. Und, bless them, sie haben versprochen, dass sie darüber nachdenken werden, ob sie nicht vielleicht den einen oder anderen passenden Kandidaten kennen, den man mal vorsichtig ansprechen könnte.

Außerdem war ich beim Coral Castle – wohlweislich ohne Totilas – und sprach mit den Guardians. Die gepanzerten Geister versicherten mir, dass es durchaus über die Jahrhunderte etliche Freiwillige in ihren Reihen gegeben habe und dass ein solches freiwilliges Opfer die Wirksamkeit des Rituals tatsächlich auf 7 Jahre ausdehnte. Nicht, dass ich Eileen nicht geglaubt hätte, aber das von den Guardians selbst zu hören, war mir doch auch enorm wichtig.

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09. April

Mir ist jemand eingefallen, cielo perdoname.

Ich stehe seit einiger Zeit in lockerem Kontakt mit einem jungen Mann. Wobei der so jung eigentlich gar nicht mehr ist, wenn man es genau nimmt. Anfang, Mitte Dreißig vielleicht, so ungefähr mein eigenes Alter. Ein bisschen älter.
Kennengelernt habe ich ihn über ein Forum, wo er unter dem Nickname „Megafan37“ postete und sich tatsächlich als überaus interessiert an und sachkundig in bezug auf meine Bücher herausstellte. Irgendwann, nachdem er mitbekommen hatte, dass der Autor der Eric-Albarn-Romane selbst in dem Forum mitpostete, kamen wir ins Gespräch – erst in den Threads selbst, dann per privater Nachricht. Und so pflegen wir seit einer ganzen Weile eine lockere, freundliche Korrespondenz, inzwischen auch per echter Briefpost.

Duane heißt dieser Brieffreund, und der arme Kerl hat es im Leben ziemlich übel getroffen. Ich will jetzt nicht sagen, dass meine Bücher das einzige sind, das ihn aufrecht erhält, das wäre gar zu pathetisch, aber er ist schwer krank und Lesen ganz allgemein eine der wenigen Vergnügungen, die er hat. Dass die Eric-Albarn-Reihe zu seinen absoluten Lieblingsbüchern gehört, war mir anfangs beinahe ein wenig peinlich, freut mich aber natürlich sehr.

Jedenfalls. Duane. Ich traue mich kaum, den Gedanken zuende zu denken, denn auch wenn er schon öfter gesagt hat, dass er eigentlich nicht mehr leben möchte, dass er sogar schon erste Erkundigungen eingezogen hat, wie das in Belgien oder der Schweiz mit entsprechenden Programmen zum begleiteten Sterben aussieht, wäre es doch etwas ganz anderes, wenn so ein Vorschlag von mir kommt.

Ich meine, auch wenn Duane in unserer Korrespondenz trotz seines Forums-Nickname jetzt nicht gerade den Eindruck des durchgeknallten Fans à la Misery auf mich macht, kann ich doch nicht ganz ausschließen, dass er nicht in einem Anfall von für-meinen-Lieblingsautor-würde-ich-alles-tun eine Schnellschussentscheidung treffen würde.

Oh, Madre. Ich werde ihn ansprechen, natürlich werde ich das, er ist – cielo, wie das klingt – im Prinzip ein idealer Kandidat, aber... puh.

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10. April

Ich werde Duane treffen. Wir haben vorhin telefoniert. Er selbst kann nur schwer reisen, aber dann fahre ich eben zu ihm nach Virginia. Das ist nichts, was man einfach mal so schnell über das Internet – oder auch über einen geschriebenen Brief – klärt. Und auch nichts, was man einfach mal so über das Knie bricht. Bis Mittsommer ist, dem Himmel sei Dank, ja noch über zwei Monate Zeit.

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13. April

Puh. Ich weiß echt nicht, was ich ohne die Jungs machen würde. Die haben nämlich auch passende Kandidaten gefunden.

Alex kennt einen traumatisierten Veteranen des Irak-Kriegs, der nach eigener Aussage glaubt, nicht mehr lange durchhalten zu können, bis er austickt und Amok läuft oder „Suicide by Cop“ begeht, wie Steve McNeill es damals vorhatte. Alex hat den Mann angesprochen, und der klang geradezu dankbar dafür, seinem Land noch einen letzten Dienst erweisen zu können.

Eine alte Dame aus Robertos Bekanntschaft, die nie verheiratet war, keine Kinder hat und der im Leben nicht mehr viel geblieben ist, außer im Seniorenzentrum an den wöchentlichen Bingo-Abenden teilzunehmen, äußerte sich ganz ähnlich, wenn auch nicht in ganz so patriotischer Ausdrucksweise.

Und Totilas weiß um eine junge Frau, die dem White Court seit einigen Jahren als Futter dient. Sie ist noch im Besitz ihrer geistigen Kräfte, ist noch nicht so willenlos, dass ihr völlig egal ist, was mit ihr passiert, aber sie weiß, dass es irgendwann soweit kommen wird. Vor einiger Zeit hatte sie die Entourage der Raith‘ mal für eine Weile verlassen, sich selbst auf Entzug gesetzt, sozusagen, aber auch wenn Gerald Raith niemanden zwingt, kam sie doch von selbst zurück, weil sie es ohne die Zuwendungen des White Court nicht aushielt. Und hasst sich selbst dafür und für ihre Schwäche.

Mit dieser Jenny werde aber ich selbst sprechen, nicht Totilas. Es hätte zu sehr den Geschmack von White Court-Überredung, wenn der Anstoß von einem Raith käme.

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19. April

Ich bin aus Virginia zurück. Ich bin zu geschlaucht für einen langen Eintrag; nur so viel: Duane hat sich einverstanden erklärt. Er wird seine Angelegenheiten regeln und einige Tage vor Mittsommer nach Miami kommen. Vielleicht fahre ich auch nochmal hin und hole ihn ab, damit er Gesellschaft hat.

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22. Juni. 03:43 Uhr.

Es ist getan.
Und dass ich jetzt 30 Jahre alt bin, ist mir um Mitternacht zwar kurz durch den Kopf geflogen, war mir aber da – und ist es mir immer noch – gerade mal sowas von vollkommen egal.

Natürlich musste ich als Pans Erster Ritter beim Ritual der Elemente anwesend sein. Es gibt nicht viel, das ich weniger gern getan hätte, aber ich war es nicht nur meiner Ritterspflicht, sondern vor allem mir selbst schuldig. Wie hätte ich je wieder in den Spiegel schauen können, wenn ich diese vier Menschen, die sich auf meine Bitte hin freien Willens in den Tod begeben, nicht auf eben diesem Weg begleitet hätte?

Es war – vielleicht, weil es sich diesmal um Freiwillige handelte und nicht um Mordopfer – erstaunlich würdevoll. Das machte das Ganze nicht viel besser, aber ein klein wenig wohl doch, zumindest, wenn ich mir überlege, wie das die letzten Jahre ausgesehen haben muss. Was ich nach Kräften vermeide. Darüber nachdenken, wie es die letzten Jahre ausgesehen haben muss, meine ich.

Bin ich ein Weichei, wenn ich gestehe, dass ich einen Kloß im Hals hatte und die Sicht vor meinen Augen verdächtig verschwamm? Vermutlich. Aber auch das ist mir gerade ziemlich egal.

Das einzig Gute an der ganzen Sache ist, dass alle vier fest in ihrem Entschluss blieben und das Opfer tatsächlich vollkommen freiwillig erbrachten. Und das wiederum heißt, dass das Coral Castle jetzt tatsächlich für die nächsten sieben Jahre keine weiteren Guardians benötigen wird. Zumindest nicht vom Sommer. Was den Winter angeht…  Oh, Dios, perdoname. Auf Seiten des Winters wird die Praxis mit den Zwangsopfern vermutlich unverändert so weitergehen. Es sei denn… es sei denn, es gelingt mir, die Winterritterin zu kontaktieren und sie dazu zu bringen, dass sie für das Winterritual ebenfalls  Freiwillige sucht.

Ich habe das dringende Bedürfnis, zur Beichte zu gehen. Denn Freiwillige hin oder her, ich habe Menschen in den Tod geschickt, und das lastet auf mir. Aber ich weiß nicht so recht, zu wem. Vor dem Spring Break hätte ich sofort gesagt, Pater Donovan, aber seit wir den Verdacht haben, dass er vielleicht der Mittelsmann zwischen Colin und dem Red Court gewesen sein könnte, und seit Jeff sagte, dass er den Pater von irgendwoher kennt und er ihm unheimlich ist, bin ich dem Priester über nicht mehr so unvoreingenommen eingestellt, wie ich das vorher war.

Vielleicht tue ich ihm unrecht. Ich hoffe sehr, ich irre mich. Vielleicht sollte ich einfach wirklich die Gelegenheit ergreifen, mal mit ihm zu reden. Oder tatsächlich zu beichten. Dass das Sommerritual stattgefunden hat, dürfte er mit seinen Kontakten zum Paranormalen so oder so wissen, und selbst wenn er nicht zu den Guten gehören sollte, kann ich ihm damit eigentlich nichts Wesentliches verraten. Dieses Misstrauen tut mir in der Seele weh. Er ist ein Priester, ein Mann des HErrn; ihm gegenüber misstrauisch zu sein, fühlt sich einfach so falsch an.

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22. Juni, abends.

Die Jungs waren da, um mir zu gratulieren. Und sie haben mich schon vorgewarnt, dass ich zu meinem Dreißigsten nicht ohne Party davonkommen werde. Ich hingegen habe zurückgewarnt, dass ich zwar momentan gerade nicht in Feierstimmung bin, dass sich das bis nächsten Samstag aber hoffentlich geändert haben wird – solange sie nicht auf die Idee kommen, mich in irgendwelche Szeneclubs schleppen zu wollen, jedenfalls. Auf Paparazzi oder ähnliche Begegnungen dieser Art kann ich nämlich herzlich gerne verzichten.

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27. Juni

Keine Szeneclubs, keine Paparazzi. Stattdessen haben wir bei mir zuhause gefeiert. Und das war einfach rundum nett und harmonisch und vollkommen harmlos – vielleicht, weil Mittsommer jetzt doch schon wieder einige Tage her ist. Die Jungs waren da. Alejandra und Yolanda, Mamá und Papá. Jack White Eagle. Ximena. Ximena brachte Monica mit, weil die ja auch Alejandras beste Freundin ist, und da deren Mutter ihr Töchterchen verständlicherweise nicht unbegleitet auf eine Erwachsenenfeier  lassen wollte, war diese ebenfalls eingeladen. Was bitteschön kein Date mit Mrs Salcedo darstellte, wohlgemerkt. Selbst wenn ich ein derart gelagertes Interesse an Lidia hätte, was ich nicht tue: Es war schon seltsam genug, bei der Gelegenheit Dee wiederzutreffen, die Roberto als sein Date mitgebracht hatte. Das gab mir nämlich, bei aller Geburtstags- und Feierlaune, dann irgendwie doch einen gehörigen Stich.

Ansonsten zu erwähnen wäre da allerdings vielleicht noch der kleine Zwischenfall mit den Kerzen auf der Geburtstagstorte, ähem.  Mamá und Papá hatten sich schon verabschiedet, und alle anderen Anwesenden wollten uuunbedingt, dass ich die zuvor bereits ausgeblasenen Kerzen jetzt mit meinen neuen Sommerkräften nochmal entzündete. Seufz. Na gut. Die sind zwar eigentlich nicht zum Spaß da, und eigentlich setze ich sie auch so wenig wie möglich – sprich im Alltag gar nicht – ein, aber, naja, es war an dem Abend schon ein wenig Bier geflossen. Ähem, ja.  Ximena, Alejandra und Monica fanden es jedenfalls toll, wie die Flammen auf einmal emporschossen.

Ich selbst ja nun weniger, aber da die Wohnung nicht abbrannte und alles schnell gelöscht war, sehe ich das jetzt einfach als etwas Lehrgeld in Sachen „nicht mit der Sommer-Power herumspielen, Alcazár“.

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30. Juni

Heute ist mir bei unserem wöchentlichen Spielabend etwas Seltsames untergekommen. Cole aus unserer Runde hatte ein neues Regelwerk dabei, das er sich vor ein paar Tagen gekauft hat, und von dem er sehr angetan ist. Es ist eines von diesen „Indie-Spielen“ aus kleinen, unabhängigen Verlagen und mit wenig oder alternativen Regeln im Vergleich mit den Schwergewichten wie Arcanos, das wir sonst immer spielen.

Faurelia“ hieß das Buch, das Cole dabeihatte, in der zweiten und verbesserten Edition, wie er sagte: Erweiterte Hintergrundbeschreibung, neue Nichtspielercharaktere, neues und hübscheres Artwork.

Bei dem Namen „Faurelia“ klingelten bei mir schon mal gleich sämtliche Glocken, und ich bat darum, mir das Buch etwas genauer ansehen zu dürfen. Und tatsächlich: Es handelt sich um genau das „Faurelia“, von dem ich damals geträumt habe und dessen Bewohnern wir im März erst im Nevernever begegnet sind. Und was das Aller-Interessanteste war: Eines der Bilder zeigte ein uns nur allzu bekanntes Segelschiff, und ein NSC in dem Buch hörte auf den Namen „Fritz von Wille“.

Ich glaube, jetzt wissen wir, wohin Vandermeers erster Maat sich damals abgesetzt hat… Die „Titania“ ist mit den Luftschiffen der Faurelier zurück in deren Traumwelt, und jetzt scheint er permanent dort festzusitzen. Was das für unseren holländischen Freund jetzt genau heißt, vermag ich nicht zu sagen.  Vielleicht ist der ja sogar froh darum, wenn er es erfährt – denn bescheid sagen will und werde ich ihm.

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02. Juli

Ich kann es ja nicht lassen. Ich bin heute tatsächlich hingegangen und habe mir so ein „Faurelia“-Regelwerk gekauft. Einmal, um es Hans zu zeigen, und einmal, weil es irgendwie ein schräges Andenken an die ganze Jugend-Geschichte ist.

Und ich habe in dem Forum, das der Autor hinten bei den „Inspirationen“ erwähnt hat, mal Kontakt mit dem Autor aufgenommen. Ich bin doch neugierig.

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06. Juli

Habe in dem Forum ein paar IMs mit dem Autor von „Faurelia“ ausgetauscht. Natürlich wollte bzw. konnte er nicht mehr sagen, wo genau er die Idee für das Spiel herhatte, aber als ich dann ein wenig nachhakte, kam doch heraus, dass unterem auch ein Traum die Basis für seine Ideen war – vor der ersten Edition bereits, und jetzt, kurz vor der Herausgabe der zweiten Edition, wieder. Nicht, dass ich daran gezweifelt hätte, aber nochmal diese Bestätigung zu bekommen, ist schon nicht schlecht.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 18.11.2015 | 11:42
Anbei das Ende des Zwischengeplänkels und der Anfang des echten Side Jobs.

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Ricardos Tagebuch: Something Borrowed 2

9. Juli

Heh. Edward hat ein Aufklärungsgespräch mit mir geführt. Nicht über die Bienchen und die Blümchen, logischerweise, sondern über die Gesetze der Magie. Nicht dass ich nicht schon mitbekommen hätte, worum es dabei geht, nachdem Edward sich darüber informiert hatte, aber jetzt, wo ich selbst plötzlich mit Magie um mich werfen kann, fand er es doch wichtig, mir nochmal ganz genau und eindrücklich klar zu machen, was die Gesetze der Magie sind und was ich um Himmels willen keinesfalls tun darf. Nicht nur, weil die Todesstrafe darauf steht. Sondern auch weil, wie ich ja am Crater Lake schmerzlich lernen musste, das Brechen der Gesetze einen selbst verändert und langsam aber sicher zu einem Monstrum werden lässt.


Wie dem auch sei. Edward konnte es gar nicht ernst genug darstellen, und ich glaube ihm jedes einzelne Wort. Ich weiß, wie wichtig das ist, und der Himmel stehe mir bei, dass ich nie eines dieser Gesetze breche, solange ich diese Magie in mir habe.

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10. Juli

Ich war bei Hurricane, nach Tanits Erster Ritterin fragen. Der gab sich ziemlich einsilbig, wollte mir nicht mal sagen, wie die Dame heißt. Immerhin versprach er mir, er werde ihr ausrichten, dass ich nach ihr gefragt habe, wenn er sie mal wieder sehen sollte. Wann auch immer das ist. Mierda.

An Pans Hof wussten sie naturgemäß auch nicht viel über mein Pendant auf Winterseiten. Der Herzog selbst fand die Ritterin vollkommen uninteressant – sie hatte offensichtlich nicht mit ihm feiern wollen –, aber Sir Anders wusste immerhin mal ihren Namen. Yahaira Montero. Schon mal etwas.

Puh. Jetzt heißt es warten und hoffen, dass Ms. Montero Hurricane irgendwann in nächster Zeit über den Weg läuft.
Das, oder... Hm. Ich könnte ihr auch schreiben. Genau. Das mache ich.

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11. Juli

Ich habe Hurricane nochmal kontaktiert und ihm den Brief an Ms. Montero übergeben. Er sagte, er werde ihn ihr zukommen lassen. Mehr kann ich nicht verlangen. Mal sehen, wann sie sich meldet.

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28. Juli

Ich bin mit Totem Rise ein gutes Stück weitergekommen. Nicht nur habe ich mich endlich auf den Titel festgelegt, sondern ich habe in letzter Zeit etliche Kapitel geschafft. Wenn es in dem Tempo weitergeht, dann steht bald die erste Rohfassung, und ich kann ans Überarbeiten gehen.

Alejandra ist auch schon ganz aufgeregt. Ein Monat noch, dann kommt sie in die Schule! Da muss ich auch noch diverse Vorbereitungen tr--

Es klopft. Am Fenster? Ich wohne im dritten Stock!

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Es war unser missgelaunter Freund, der Sturmvogel von der Insel. Wenn ich Yahaira sprechen wolle, solle ich meinen müden Arsch, äh, meine müden Knochen bewegen und mitkommen. Bitte. Na das ließ ich mir doch nicht zweimal sagen.

Der Vogel führte mich zu einer Bushaltestelle in der Nähe, wo eine eher kleine, aber sehr kompakte, Latina von Anfang bis Mitte Vierzig auf mich wartete. Was denn so dringend sei. Ich schlug vor, das vielleicht irgendwo im Sitzen zu besprechen, aber das wollte sie nicht. Also gut. Dann halt direkt dort.

Zuerst stellte ich mich mal vor, auch wenn ich das in dem Brief schon getan hatte. Höflich ist höflich. Dann erklärte ich, dass es um das Ritual der Elemente gehe. Dass ich den Job ja erst seit ganz kurzer Zeit innehabe und erfahren hätte, dass Freiwillige das Ritual wirksamer machten. Dass ich wisse, dass es im Sommer zumindest unter meinen letzten beiden Vorgängern, vielleicht auch noch länger, nicht mit Freiwilligen durchgeführt worden sei. Und dass ich – hier drückte ich mich so vorsichtig und diplomatisch aus, wie ich nur überhaupt konnte – anregen wollte, dass der Winter eventuell vielleicht auch an Freiwillige denken könne... falls das im Winter nicht ohnehin schon längst gängige Praxis sei.

Dummerweise brachte die vorsichtige Ausdrucksweise nicht sonderlich viel. Ms. Montero bügelte mich sehr brüsk und sehr ungeduldig ab, dass der Winter sich schon um sein Ritual kümmere. Das „herzlichen Dank“ musste sie nicht dazusagen, das wurde auch so deutlich. Ebenso wie klar erkennbare Unterton: Halt dich da raus, Sommertrottel. Sommertrottel, der noch völlig grün hinter den Ohren ist, dazu.

Oha. Mit Skepsis hatte ich ja gerechnet, aber, wenn ich ehrlich bin, nicht mit ganz so viel offener Verachtung. Mierda.

Irgendwie gelang es mir dann aber doch, sie ein wenig milder zu stimmen. Das brachte sie dann dazu, dass sie mir etwas freundlicher erklärte, dass sie nicht aus dem Winter-Nähkästchen plaudern könne und wolle, was irgendwelche Rituale angehe, weil, naja. Sie Winter. Ich Sommer. Verfeindete Höfe und so.

Gegen diese Argumentation konnte ich natürlich nichts einwenden – außer eben, diesen ganzen Ritterblödsinn mal beiseite zu lassen. Dass mir nichts ferner liege, als dem Winter aufdrücken zu wollen, wie er seine Rituale durchzuführen habe. Aber dass mir, Ricardo, dem Menschen, nicht dem Sommerritter, die ganze Sache ziemlich am Herzen liege und ziemlich an mir nage.

Das brachte sie zum Nachdenken. Allerdings hatte ich das Gefühl, sie muss erst einmal überlegen, was ich überhaupt damit meine. Dann tätschelte sie mir aufmunternd den Oberarm und meinte, ich werde mich schon noch daran gewöhnen. Aber dass ich mir so als Mensch keine Sorgen machen müsse. Was auch immer sie genau damit meinte.

Als ich sie das fragte, zuckte Ms. Montero nur mit den Schultern und sagte nichts weiter. Ich konnte mich nur irgendwie des Gefühls nicht erwehren, dass sie in mir irgendwie etwas sah, das sie an sich selbst erinnerte, wie sie früher war. Dass sie mich – und sich selbst – vor etwas schützen wollte. Und mich in bezug auf meine Sorge beruhigen.

Es blieb mir in dem Moment nicht viel anderes übrig, als höflich zu nicken, ihr für das Gespräch zu danken und es ansonsten dabei zu belassen. Und ich fügte noch hinzu, dass es mich gefreut habe, sie kennenzulernen, Feinde oder nicht.

Ms. Montero nickte höflich zurück und erklärte kühl, dass sie hoffe, wir würden uns so schnell nicht wieder begegnen. Aber immerhin, setzte sie nach kurzem Zögern dann noch hinzu, besser ich als der andere. Woraufhin ich mir dann doch die Frage nicht verkneifen konnte, ob sie mit meinem Vorgänger, meinen Vorgängern, viel zu tun gehabt habe.

Das würdigte sie aber keiner expliziten Antwort. Sie schnaubte nur verächtlich, sprang auf den Rücken des Sturmvogels  (¿Como demonios? Der war doch bis zu dem Moment noch klein genug gewesen, um auf ihrer Schulter zu sitzen!) und flog mit ihm davon.

Und ich konnte ihr nur nachdenklich hinterhersehen, ehe ich schließlich wieder nach Hause ging, um das alles aufzuschreiben. Und nachzudenken.

Mierda. Elendes Fehlen von Klartext! Ich will ja gern glauben, dass Ms. Montero mir auf ihre Weise zu verstehen geben wollte, dass der Winter schon längst Freiwillige für das Ritual rekrutiert. Aber kann ich das? Oder ist das nur wieder Alcazár'sche Naivität?

Ich habe da ja noch diesen Gefallen bei Tanit offen, ist mir eingefallen. Den könnte ich einfordern.

Aber Tatsache ist, ich mochte Yahaira irgendwie, Winter hin oder her. Ich würde ungern... naja. Ungern hinten rum an Tanit gehen und Ms Montero über die Herzogin etwas aufzwingen. Zu weich, Alcazár? Vielleicht. Aber der Gedanke widerstrebt mir wirklich. Und Yahaira hat versucht, mich zu beruhigen, so gut sie konnte, ohne irgendwelche Interna auszuplaudern.

Ah, Mierda. Vielleicht werde ich einfach mal mit den Jungs über das Dilemma reden.

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20. August

Heute haben wir uns im Dora's zum Brunch getroffen, wie wir das gerne mal machen. Oder besser, wir hatten es vor.

Glücklicherweise waren wir schon so gut wie fertig mit dem Essen und saßen nur noch bei Kaffee zusammen, als Alex einen Anruf von Oliver Feinstein aus dem Behind the Cover bekam. Der Troll, der damals – hach ja. Damals. Damals, als alles überhaupt erst anfing, als Ricardo Esteban Alcazár noch fast überhaupt keine Verbindungen zum Paranormalen hatte, von irgendwelchen Ritterjobs ganz zu schweigen – der damals also mit dem Jungen das Buch gestohlen habe, dieser Troll jedenfalls sei eben wieder in den Laden gekommen, habe sich erneut ein Buch geschnappt, diesmal aber Oliver zugerufen, er müsse sich das mal ausleihen, ehe er, offensichtlich in Eile, wieder zur Tür hinausstürmte. Wir hätten den doch damals auch ausfindig gemacht. Ob wir uns da nicht mal drum kümmern könnten?

Heh. Na das würde diesmal leichter sein als bei unserem ersten Fall, da wir ja inzwischen näheren Kontakt zu Bob haben.

Ein Anruf in der Kommune brachte uns ein Telefonat mit einer ziemlich zerstreut klingenden jungen Dame ein, die uns sagte, Bob sei unterwegs, die Sachen für die Hochzeit besorgen. Die Hochzeit? Welche Hochzeit? Was für Sachen?

Na Bobs Hochzeit mit Joelle, war ihre fröhliche Antwort. Ob denn die Einladungen nicht angekommen seien? Sie hätte Umschläge mit unseren Namen darauf gesehen... Nein? Oh. Das war dann wohl das Nusseis.

Ach ja. Ich sollte vielleicht dazu sagen, dass wir das Mädchen tatsächlich flüchtig kennen. Sie ist das Wereichhörnchen, das wir bereits bei unserem allerersten Besuch in der Kommune damals trafen und das auf den Spitznamen 'Scarlet' hört. Genau. Scarlet wie das Eichhornmädchen in diesem genialen Webcomic von diesem britischen Zeichner. Denn sie ist ähnlich verpeilt wie die Scarlet aus den Comics.

Statt den kleinen Wirrkopf zu fragen, was sie damit genau meinte, ließen wir sie lieber Jack ans Telefon holen. Der bestätigte uns, dass Bob tatsächlich in vier Tagen heiraten will und losgezogen sei, um ein paar Dinge zu besorgen.

Autsch. Das erklärte den Anruf aus dem Buchladen. Und das erklärte die anderen drei Anrufe, die wir in kurzer Reihenfolge noch erhielten:

Hilary Elfenbein bei Totilas. Da sei so ein großer Kerl ins Fontainebleu gestürmt gekommen, habe sich eine Topfpflanze von der Deko geschnappt, dabei Vin Raith in den Pool geworfen, und sei wieder verschwunden.
Macaria Grijalva bei Roberto. Ein grobschlächtiger Typ habe einfach einen Tisch aus dem Coral Castle weggeschleppt.
Und schließlich ein sehr kleinlauter Bob bei Edward. „Die haben gesagt, ich hätte einen Anruf frei. Da hab' ich gedacht, ich rufe bei dir an.“

Na yay.

Mit einem Umweg über das Behind the Cover, um Oliver das Buch, das Bob „ausgeliehen“ hatte, regulär abzukaufen, holten wir, oder besser, holte Edward, also unseren Trollfreund gegen Kaution aus dem Gefängnis.
Er habe auf's Gericht gewollt, erzählte Bob dann, um die Heiratserlaubnis zu besorgen. Sein Pass – ein norwegischer übrigens – war aber abgelaufen, und dann hätten sie gesagt, er brauche eine „Green Card“. Na gut, wenn sie partout eine sehen wollten, hatte er eben eine grüne Uno-Karte besorgt. Worauf die Leute beim Gericht etwas ärgerlich geworden seien, ob er sie veräppeln wolle, worauf hin er etwas ärgerlich geworden sei, denn die hätten doch diese grüne Karte verlangt, und dann, ähm ja. Dann sei er auf der Polizeistation gelandet.

Was um Himmels willen das gesollt habe, wollten wir wissen. Na er habe diesem Menschenbrauch folgen wollen, weil Joelle ja ein Mensch sei. Also habe er sich etwas ausgeliehen und etwas Altes, etwas Neues und etwas Blaues besorgt.

Wir erklärten Bob also erstmal die Menschenregeln etwas genauer – dass man nämlich nicht einfach so in einen Laden marschieren kann und dann sagen, man leihe sich etwas aus, das sei nämlich genauso Diebstahl wie alles andere. Und überhaupt geht es bei diesem Hochzeitsbrauch darum, dass die Braut die Dinge anhat, wie ein Strumpfband oder einen BH oder was auch immer! Und wolle Bob etwa, dass Joelle am Altar einen tonnenschweren Tisch mit sich herumschleppe?

Nein, druckste Bob, aber vielleicht könne der Tisch ja der Altar sein? Und überhaupt, er habe doch nur Joelle glücklich machen wollen; es sei doch seine Pflicht, Joelle glücklich zu machen! Ja, verdammt, aber das könne er nun mal nicht, wenn er in einem Menschengefängnis hinter Gittern sitze, hinter Gittern aus ekelhaftem Eisen, wohlgemerkt!

Okay. Das sah der Troll dann widerstrebend ein.

Naja. Dass die Topfpflanze das Blaue und der Tisch aus dem Coral Castle das Alte sein sollten, das hatten wir uns ja schon denken können. Aber was denn das Neue sei, das er sich beschafft habe? Ein Ei, erklärte Bob. Aus dem Nevernever. Da würde ein Pferd rauskommen. Joelle möge Pferde.

Das ließ uns wieder stutzen. Ein Pferd aus einem Ei? Wer habe ihm das denn gesagt? Na der alte Wegelagerer, der im Nevernever immer am Weg lagere und den man alles fragen könne. Aaaah. Ja klar.

Indessen waren wir an dem alten Lieferwagen der Kommune angekommen, mit dem Bob auf seine Besorgungstour gegangen war. Der Van hing hinten ziemlich herunter, eben wegen des schweren Steintischs aus dem Coral Castle. Auf dem Beifahrersitz fanden wir dann auch das Buch, die Pflanze und das angesprochene Ei. Das war grün, mit beige- und erdfarbenen und bläulichen Sprenkeln, und etwa so groß wie eine Mango. Es fühlte sich nass an, wenn man es berührte, das war es aber gar nicht. Bob habe es aus einem Nest im Sumpf, sagte er. Da hätten insgesamt drei Eier dringelegen, aber er habe ja nur eines gebraucht.

Jetzt, wo wir den Tisch im Auto sahen, wurde nur umso deutlicher, dass der nicht als „das Alte“ herhalten konnte. Der musste dringend zurück ins Coral Castle. Bob war schwer enttäuscht, sah es dann aber ein. „Vielleicht bringt meine Mama ja was mit“, meinte er hoffnungsvoll.

Warte. Seine Mama?!

Ja, seine Mama aus Norwegen, freute sich Bob. Die komme morgen mit dem Flugzeug an. Joelle wolle sie abholen fahren, habe sie versprochen. Ob Joelle denn Norwegisch könne? Nein, aber das werde schon irgendwie gehen. Ja klar. Alex erklärte sich also bereit, Bobs Verlobte zum Flughafen zu begleiten. Der kann zwar auch kein Norwegisch, aber bei dem lässt sich das wenigstens kurzfristig ändern.

Während Alex also loszog, um irgendwo den Geist eines Norwegers aufzutreiben, den er morgen zwecks Sprachkenntnissen mitnehmen kann, gingen Edward, Bob und ich los, um den Tisch ins Coral Castle zurückzubringen. Das Ding war echt schwer zu schleppen, auch für einen Troll, und wir konnten Bob schließlich davon überzeugen, dass – nein! – das „Alte“ nichts vom Coral Castle sein könne. Dass man nicht einfach etwas wegnehmen könne, sondern dass man es schon kaufen müsse.

Na gut, Bob hatte $50, also gingen wir für die $50 einen „authentischen alten Stein aus Norwegen“ kaufen. Mit Echtheitszertifikat. Für das „aus Norwegen“ will ich meine Hand nicht ins Feuer legen, aber alt ist so ein Stein mal bestimmt; außerdem war Bob glücklich, der Ladenbesitzer war glücklich, und so waren das doch gut angelegte $50.

Totilas brachte indessen die blaue Blume ins Hotel Fontainebleu zurück und redete bei der Gelegenheit gleich mit seinem Cousin Vin wegen eines falschen Ausweises für Bob. (Was unter anderem auch der Grund war, warum Edward da nicht mitkommen wollte – je weniger er über Vins Aktivitäten in dieser Richtung weiß, um so besser.) Vin, der sich über die Herausforderung eines norwegischen Passes sogar freute, erklärte sich bereit, Bob einen neuen Ausweis und ein Visum zu basteln, meinte aber, es könne eine Weile dauern, und er werde sich melden.

Roberto recherchierte indessen nach Informationen über dieses Ei und fand heraus, dass es sich um ein Kelpie-Ei handeln könnte. Kelpies sind Wassergeister: fleischfressende Wyldfae, die meist in Pferdegestalt erscheinen und versuchen, unwissende Opfer auf ihren Rücken zu locken, um sie dann im nächstgelegenen See zu ertränken und aufzufressen.

Und sowas will Bob seiner Frau zur Hochzeit schenken? Na yay.

Als wir unseren Trollfreund zur Kommune zurückbrachten und uns bei der Gelegenheit alle dort wieder trafen, fanden wir Joelle in heller Aufregung vor. Sie hatte soeben herausgefunden, dass bislang keine ihrer Einladungen angekommen war, und Scarlet gab zu, dass es vielleicht sein konnte, dass sie in ihrer Begeisterung über den Eiswagen und das Nusseis nicht so richtig darauf geachtet hatte, in welchen Briefkasten sie die ganzen Umschläge geworfen habe. Es hätte vielleicht statt eines U.S. Mail-Briefkastens auch was anderes sein können...

Joelle raufte die Haare und schickte das Wereichhörnchen los, sie solle gefälligst nachsehen gehen, ehe sie uns alle dann erst einmal formlos mündlich zu der Hochzeit einlud. Wir sollten aber bitte niemanden verhaften oder anknabbern, setzte sie dann noch mit einem Grinsen in Richtung Edward und Totilas hinzu.

Ich bin mal gespannt, ob Scarlet die Hochzeitspost wiederfindet. Falls nicht, wird Joelle die zweite Ladung Briefe per Eilsendung rausschicken müssen, fürchte ich.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 18.11.2015 | 19:00
Ja, das hätte ein total entspanntes Abenteuer sein können.  ;D
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 19.11.2015 | 17:00
Ricardos Tagebuch: Something Borrowed 3

21. August

Heute ist nicht viel passiert. Alex hat tatsächlich einen norwegischen Geist gefunden, einen jungen Bergsteiger namens Ole, der sich bereiterklärte, Alex seine Sprachkenntnisse zu leihen und ihn an den Flughafen zu begleiten. Dort warteten Alex, Ole und Joelle auf Bobs Mutter, Mrs Trinsdatter, die als letzte aus dem Flugzeug ausstieg und beim Anblick von Joelles Schild heftig winkte. Ihr Menschen-Glamour war der einer sehr alten, aber noch immer sehr rüstigen und fidelen Dame, und glücklicherweise stellte sie sich als alles andere als so, hm, langsam heraus wie ihr Sprößling.

Wir trafen uns alle in der Kommune, wo Joelle eifrig am Kartenschreiben war und Mrs Trinsdatter erzählte, dass Bob damals seine Heimat aufgrund von „Problemen mit einem Schießgewehr“ verlassen habe. Als Alex den Troll darauf ansprach, wurde der verlegen. Das sei lange her, das sei gewesen, ehe seine Aura gereinigt wurde, und heute würde sowas ja nicht mehr vorkommen.

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21. 22. August, nachts.

Eben hat Edward angerufen. Irgendwas mit Bob und der Kommune. Joelle ist entführt worden? Muss hin.

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Joelle ist tatsächlich entführt worden. Bob war völlig außer sich, als er es entdeckte, aber seine Mutter blieb vergleichsweise ruhig. Das sei ein Menschending, und es gälten Menschenregeln, also solle er nach den Menschenregeln die Polizei rufen. Sprich Edward.

In der Kommune fanden wir ein Forderungsschreiben vor. Handschriftlich, in großen, kräftigen Blockbuchstaben: „Wir wollen einen fetten Wohnwagen voller Gold und mit einer mächtigen Klimaanlage. Yo, Bitches!“ In einer anderen Schrift die Ergänzung: „Sonst machen wir die Frau kalt Kühlschrank!“ Das Wort „Kühlschrank“ war in der ersten Handschrift über das durchgestrichene Wort „kalt“ gekritzelt worden. „Übergabe übermorgen am Eiswagen in der Aventura Mall!“

Hmmm. Die Schreibe und vor allem die ganzen Hinweise auf Kälte legen irgendwie den Gedanken nahe, bei den Entführern könnte es sich um die Frostgnome handeln, die wir bei der Verhandlung gesehen haben. Winter und so.

Der arme Bob ist jedenfalls ziemlich neben der Spur. „Meine arme Joelle! Ihr müsst sie wiederfinden!“
Aber ja. Wir werden tun, was wir können. Edward hat Bob jetzt erstmal gebeten, ihm ein Haar oder sowas von Joelle zu besorgen.

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22. August. Morgens.

Mit der Unterstützung von Roberto zog Edward ein Ritual durch, um sie zu finden. Die Spur führte zu einem alten, angeblich leerstehenden Kühlhaus am Hafen, das aber anscheinend doch nicht so unbenutzt war, wenn man nach dem blauen Licht ging, das daraus hervorschimmerte. Und an der Kälte, die aus dem Gebäude waberte – offensichtlich liefen die alten Kühlaggregate drinnen auf vollen Touren.

Mit einem Schweißbrenner dichtete Alex die Seitentüren ab, während Totilas auf das Dach hinaufkletterte. Unglücklicherweise merkte unser White Court-Freund nicht, dass das Dach entweder von sich aus instabil war oder es jemand zu genau diesem Zweck angesägt hatte – so oder so jedenfalls krachte er mit einem Mal in die Tiefe. Von drinnen hörten wir es poltern und dann Totilas' Stimme: „Einmal Stracciatella und einmal Malaga, bitte.“

Als Totilas sich aufrappelte, sah er sich – das erzählte er uns hinterher – einem ziemlich skurrilen Anblick gegenüber. Und zwar standen vor ihm tatsächlich ein paar Frostgnome, allerdings in Rapperaufmachung, Goldketten und alles. Einer davon hatte etwas blau Leuchtendes in der Hand, einen Zauberstab oder dergleichen. Ein anderer Gnom hielt eine Schleuder, zwei weitere waren mit Knüppeln bewaffnet.
Totilas, nicht auf den Mund gefallen, begrüßte die kleinen Kerle mit „Yo, Mann“, was der Wortführer mit „Yo, du bist unsere Geisel, Mann!“ quittierte.

Edward riss indessen die Schiebetür auf. Etwas machte „Klick“, und ehe er ausweichen konnte, wurde er von der Schrotflintenladung getroffen, die beim Öffnen der Tür auslöste.
Während Edward, der glücklicherweise nicht sonderlich schwer verletzt schien, wieder auf die Beine kam, warnte Alex die für uns in dem Moment noch unsichtbaren Gegner, dies sei ihre letzte Chance und sie sollten herauskommen.

Die Antwort von drinnen war höhnisches Gnomenlachen. Und dieses Gelächter löste irgendetwas in mir aus. Das waren Frostgnome, die uns auslachten, Frostgnome hier! Ich war mir selbst gar nicht bewusst, was ich rufen würde, bis ich den Mund aufmachte und die Worte herauskamen. „Ihr befindet euch auf Sommergebiet und habt die hier geltenden Regeln verletzt! Im Namen von Herzog Pan, kommt heraus oder erleidet die Konsequenzen!“

Mierda. Was für ein Geschwafel! Das hätte Sir Anders auch nicht pompöser hinbekommen. So oder so aber wurde als Reaktion darauf das Lachen von drinnen nur noch lauter. Grrr!

Roberto war es schließlich, der die richtigen Knöpfe bei den Gnomen drückte. „Weiß eigentlich Hurricane davon, was ihr hier treibt?“ Das saß. Schlagartig brach das Gelächter ab.

Während wir uns nun vorsichtig in das Lagerhaus hineinbewegten, warf Totilas drinnen den Anführer der Geiselnehmer durch die Gegend, woraufhin zwei der verbliebenen Gnome davonrannten, die beiden letzten ihn aber angriffen. Bei uns kam das in der leicht bläulichen Dunkelheit nur als Geräuschkulisse an, wirklich zu sehen war nichts. In dem schlechten Licht konnten wir es vergessen, uns in irgendeiner Form sinnvoll fortzubewegen – wir konnten nur Schemen sehen, aber es wurde deutlich, dass hier überall Kram herumstand, und zwar gefährlich wackelig aufgetürmt. Keine Chance.

Mir fiel der Feen-Zauber wieder ein, die ich auf der Insel der Jugend gegen die Untoten gewirkt hatte. Ich horchte nach innen und rief die Magie nach oben, und einen Moment später wurde die Lagerhalle von hellem Sonnenschein erfüllt. Damit hatten Totilas' Gegner offensichtlich nicht gerechnet, denn es ertönten Schmerzensrufe und eilige Schritte, als die Winterfeen sich in die Schatten zurückzogen.

Jetzt, wo der Raum hell erleuchtet war, konnten wir sehen, mit was wir es zu tun hatten: mit einem Labyrinth aus zu wackeligen Türmen aufgebautem Kram aller Art. Mit ziemlicher Sicherheit voller Fallen. In einiger Höhe lief oben um die gesamte Wand herum eine Galerie, auf der wir einzelne Gestalten herumhuschen sahen. Die Gnome. Außerdem befand sich oben auf der Galerie in einer Ecke ein Kabuff. Das könnte doch der Ort sein, an dem sie Joelle festhielten...

Totilas sahen wir im Moment nicht, aber wir hörten seine Stimme. Irgendwas von wegen Stracciatella und Malaga. Oh Mann.

Roberto begann, an einem der Kistentürme zu der Galerie hochzuklettern. Er bewegte sich erstaunlich sicher und geschickt – um einiges geschickter als ich jedenfalls. Denn ich erwischte genau den aufgetürmten Einkaufswagen, dem Roberto ausgewichen war, brachte ihn natürlich ins Rutschen, wie die Erbauer das geplant hatten, und landete prompt wieder auf dem Boden. Natürlich auf dem Steißbein. Au. Aber wenigstens war nichts geprellt oder gar gebrochen.

Totilas ließ indessen seine Augen silbern aufleuchten. „Du siehst aus wie Stracciatella!“, sagte er zu dem einen Gnom, der trotz des Sonnenlichts einigermaßen in seiner Nähe geblieben war und ihn weiterhin als Geisel zu bedrohen versuchte. Der Frostgnom bekam es mit der Angst zu tun und huschte davon.

Nun, wo Roberto oben angekommen war, warf Edward ihm ein Seil zu. Nachdem Roberto es – mit Hilfe von Alex, der ihm mit seiner Erfahrung genau sagen konnte, welche Stelle stabil aussah – befestigt hatte, kletterten wir dann auch endlich alle hinauf. Alle bis auf Totilas, versteht sich, der war ja noch immer irgendwo in dem Labyrinth aus Kisten verschwunden.

Unser White Court hatte zwar im Moment keine Gnome direkt bei sich, aber die befanden sich noch immer, wenn auch in einigermaßen sicherer Entfernung, in seiner Nähe. Einer davon – nicht der, der ihn eben noch bedroht hatte – ergriff jetzt das Wort. Friedlich sei doch immer besser, wenn einem die Chakren gereinigt worden seien, und vielleicht könne man ja verhandeln: Die Gnome wollten einen Wohnwagen mit viel Gold und mit einer Klimaanlage.

Aus den Schatten heraus ertönte Gemurmel. Warum denn verhandeln, wenn man die Galerie einstürzen lassen könne?

Auf besagter Galerie waren wir allerdings in dem Moment unterwegs zu dem Bretterschuppen. Alex war es, natürlich, der bemerkte, dass unten einer der Gnome einen Hebel umlegte, woraufhin die ganze Galerie abzustürzen begann. Da Alex rechtzeitig darauf aufmerksam geworden war, gelang es uns, unversehrt auf einem der Türme zu landen und sogar diese eine grüne Kiste zu vermeiden, die laut Alex garantiert eine Falle barg.

In Totilas' Nähe kletterten wir hinunter. Dabei löste Roberto dann allerdings doch noch die Falle in der grünen Kiste aus, was dazu führte, dass etliche Metallkugeln herausrollten, die immer größer und eisiger wurden und beim Auftreffen empfindliche Unterkühlungsspuren hinterließen, was aber eher unangenehm war als gefährlich. Vielleicht, wenn uns mehr von den Dingern getroffen hätten, aber glücklicherweise rollten die Kugeln zum größten Teil von uns weg.

Dann jedenfalls hatten wir unseren Vampirfreund erreicht und sahen uns nun alle den Frostgnomen gegenüber. Und wieder meinte der Wortführer von eben, man solle doch friedlich verhandeln. Die Gnome brauchten den Wohnwagen, um hier zu wohnen, sagte er. Warum sie denn überhaupt hier wohnen wollten, war unsere Gegenfrage. Na zuhause gebe es diese fiesen, hungrigen Wölfe, deswegen seien sie hergekommen, aber hier in Miami sei es viel zu warm. Daher der Bedarf an einer Klimaanlage.

„Friedlich“ schien aber dem Anführer der Gruppe überhaupt nicht zu passen. Das war der Gnom, der noch am allermeisten wie ein Rapper aussah, über und über mit Glitzer behängt. Der baute sich provozierend vor uns auf und begann, uns anzurappen. Die Jungs sahen einander verwirrt an; sichtlich aus dem Konzept gebracht. Aber hey, der wollte eine Rap-Battle? Konnte er haben!

Irgendwie fiel es mir überhaupt nicht schwer, auf jeden der etwas bemühten Reime des Frostgnoms eine passende Erwiderung zu finden, während mein Gegenüber sich zunehmend schwertat und es immer deutlicher wurde, dass er keinerlei Erfahrung mit so etwas hatte. Irgendwann gab er es dann auch auf.

Der friedfertige Gnom grinste seinen Boss an. „Du solltest mal deine Chakren reinigen lassen. Dann ginge das besser.“
Der Rappergnom warf die Arme in die Luft. „Ich kann das Wort ‚Chakren’ nicht mehr hören!“
Und das wiederum war natürlich für uns das perfekte Stichwort. „Dann nehmen wir die Dame mit, und ihr seid sie los!“

Joelle war ein wenig verfroren, aber ansonsten wohlauf und ganz gelassen. Sie hatte die Gnome ja offensichtlich schon die ganze Zeit über belabert, und auch jetzt erzählte sie ihnen von Kräutern und Kristallen für das seelische Wohlbefinden. Sie ließ sich sogar von Roberto eine der Geschäftskarten seiner Bótanica geben und steckte sie den Gnomen mit den Worten zu: „Hier, der hat, was ihr braucht.“

Alex unterhielt sich indessen mit dem Gnom, der die ganzen elektrischen Fallen hier aufgebaut hatte. MC Current nannte der Stromgnom sich, und offensichtlich hatte er in Alex eine verwandte Seele gefunden. Von MC Current erfuhr Alex auch, wie die Gnome überhaupt auf die Idee gekommen waren, Joelle zu entführen. Bei einerm ihrer Diebestouren Streifzüge hatten sie eine Menge weggeworfene goldglitzernde Briefumschläge gefunden und aus den Einladungen entnommen, das da wohl jemand sehr Reiches heiraten musste. Also dachten sie, für seine Braut würde der Bräutigam bestimmt ein lohnendes Lösegeld zahlen.

Super.

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23. August

Zurück von der Hochzeit. Mierda. Mierda y Cólera.

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Ich musste erstmal den Kopf freibekommen und bin laufen gegangen. Eigentlich wollte ich erst einige der Übungen machen, die Eileen mir gezeigt hat, aber... nein. Laufen war besser.

Ja, die Hochzeit hat stattgefunden. Ja, die meisten Gäste hatten trotz der kurzfristigen Einladung noch Zeit. Ja, Joelle ist jetzt Mrs. Bob. Und natürlich ging das mit dem Kelpie-Ei nicht gut. Natürlich hatten wir irgendwann eine wütende Kelpie-Stute auf der Matte stehen. Das ist aber alles nebensächlich.

Nicht nebensächlich ist, was hinterher passierte. Da habe ich mich alles andere als mit Ruhm bekleckert. Und ich muss sehr eingehend darüber nachdenken, was da genau passiert ist, und vor allem, warum.

Nach der Hochzeitsfeier und nachdem wir die Kelpie-Stute samt Ei glücklich wieder losgeworden waren, zeigte Bob uns nämlich den Wohnwagen, den unser Trollfreund und die Leute aus der Kommune bereits für die Frostgnome umzubauen begonnen hatten. Warum auch immer sie das taten; Joelle war doch längst wieder frei.

Edward jedenfalls war überhaupt nicht amüsiert. „Belohnen wir die Kerle jetzt etwa schon für eine Straftat?!“, wetterte er. „Das sind Entführer, und sie klauen wie die Raben!“
Und auch ich sah es überhaupt nicht ein, warum wir der diebischen Bande erlauben sollten, in der Stadt zu bleiben. Nichts als Ärger, jede Wette!

„Ach, lass sie doch“, hielt Roberto Edward entgegen, „die sind doch nicht so schlimm.“
„Das sind Entführer und Diebe!“
„Das sind die Santo Shango auch.“
Und nun kam es zu einem richtig, richtig heftigen Streit zwischen den beiden. Die schlimmsten Spannungen auf der Fahrt nach Oregon waren ein laues Lüftchen dagegen.
Edward tobte los, dass er die Schnauze voll habe. Dass er verdammt nochmal jetzt auch aufhören werde, sich zu kümmern, weil es ja offensichtlich jedem außer ihm völlig egal sei, ob diese Stadt den Bach runterging.
Roberto schrie zurück, dass Edward ja ein schöner Ritter sei, wenn er einfach so die Flinte ins Korn werfe. Die beiden schenkten sich nichts, minutenlang – und Totilas, Alex und ich waren so baff, dass keiner von uns eingriff. Nicht einmal – und dafür schäme ich mich zutiefst – als Edward schließlich ausholte, Roberto einen heftigen Fausthieb mitten ins Gesicht versetzte und dann wütend davonstürmte.

Und dann... dann bekamen auch Roberto und ich uns in die Haare.

Eigentlich wollte ich... nein. Keine Ausreden, Alcazár.

Ich war eben drauf und dran zu schreiben, dass ich eigentlich nur vermitteln wollte. Aber das ist völliger Quatsch, denn Edward war ja schon fort. Und wo bitteschön ist es vermittelnd, Roberto den Vorwurf zu machen, dass er doch wisse, wie Edward drauf sei, und dass er ihn nicht noch hätte provozieren müssen? Warum ich Roberto das an den Kopf warf, weiß ich selbst nicht recht. Aber jedenfalls ging Roberto nun mich an. Dass ich immer nur Edwards Partei ergreifen würde. Woraufhin ich zurückblaffte, mit dem würde ich schon reden, und ich würde dafür sorgen, dass er sich entschuldige. Das müsse er nicht, schnappte Roberto. Das werde er aber, verdammt noch mal, knurrte ich.

Dann gingen wir auseinander, verstimmt und aufgewühlt, alle vier.

Und ich sitze jetzt hier und habe keinerlei Ahnung, was zum Geier in mich gefahren ist. Mierda.

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24. August.

Ich habe mit Edward geredet. Auch wenn der sichtlich wenig Lust auf das Thema hatte.
Er sei mein bester Freund, und ich würde potentiell und grundsätzlich schon immer eher ihm beispringen, wie Roberto mir das ja auch vorgeworfen hat. Aber mit der Aktion gestern sei er deutlich zu weit gegangen. Woraufhin Edward nickte und versuchte zu erklären, dass da irgendetwas in ihm durchgebrannt sei, als Roberto das Verhalten der Gnome als „nicht so schlimm“ bezeichnete.
„Wir haben keine Handhabe gegen sie“, erwiderte ich. „Joelle erstattet keine Anzeige.“
Edward warf die Hände in die Luft und legte den Finger auf das eigentliche Problem.
„Ich kann einfach nicht mit Roberto. Es geht nicht. Er macht mich so unglaublich wütend. Ich muss mich von ihm fernhalten, sonst bringe ich ihn irgendwann um.“
Und dann: „Ich glaube, ich muss raus aus Miami. Mir anderswo einen Job suchen.“

Das erschreckte mich beinahe noch mehr als alles andere. So egoistisch das auch sein mag, der Gedanke, meinen besten Freund zu verlieren, machte mir Angst.
„Ich bin nicht mal sicher, ob das überhaupt geht“, wandte ich ein. „Wir hängen doch alle in diesem Kram mit drin. Wir haben unsere Wurzeln hier in der Stadt – und diese Stadt hat ihre Wurzeln in uns. Und ich könnte mir vorstellen, dass, wenn einer von uns weggeht, irgendwas passiert, das ihn wieder zurückbringt.“
Und außerdem... „Und außerdem brauche ich euch. Euch beide, dich ebenso wie Roberto. Diesen Ritterjob schaffe ich nicht alleine."

Wir redeten dann noch eine ganze Weile weiter, aber so richtig zufriedenstellend war das alles nicht. Seufz.

Vor allem, weil ich irgendwie im Hinterkopf auch mit der Frage beschäftigt war, warum ich so negativ auf Roberto reagiert habe. Und jetzt, wo ich wieder zuhause bin und weiterhin darüber nachgrübele - das Ganze will mir einfach nicht aus dem Kopf, was mich aber auch wenig wundert - stelle ich fest, dass da anscheinend ein ganzes Konglomerat an Dingen zusammenkam.

Irgendwo fuchst mich sicherlich noch immer die Sache mit Dee. Und ja, ich weiß, dass Roberto da nichts für kann. Mir ist bewusst, dass ich selbst zu zögerlich war, dass sich da so ein platonisches Bruder-Schwester-Schulter-zum-Ausheulen-Ding entwickelt hat, zumindest auf Dees Seite, auch wenn ich das nicht merkte oder nicht wahrhaben wollte. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass meine Einstellung Roberto gegenüber momentan etwas ... angespannt ist.
Vielleicht spielt unterbewusst auch die Geschichte vom Crater Lake noch weiter mit hinein. Von Elenas Fremdbeeinflussung bin ich zwar längst befreit, aber vielleicht ist von der Abscheu, die ich empfand, als Roberto Elena tötete, ja doch etwas hängen geblieben, auch wenn ich eigentlich ja inzwischen weiß, dass er es tun musste. Ich habe keine Ahnung.
Dass die Gnome tatsächlich eine Bande von Dieben und Entführern sind und wir in dieser Stadt wahrlich schon genug kriminelle Elemente haben, stimmt sicherlich auch. Im Vergleich zu den Santo Shango und den Latin Raiders und den Latin Kings - oder auch im Vergleich zu Gerald Raith' White Court-Operationen, wenn ich ehrlich bin - sind die Gnome aber wirklich eher kleine Fische.

Aber - und das ist der Unterschied, und das macht mir gerade so viel Sorgen - es sind Frostgnome. Bis zu dem Tag auf der Insel hätte ich die Kerlchen vermutlich eher amüsant gefunden. Und eigentlich, verdammt nochmal, sind mir bislang die Vertreter des Winters, denen ich so begegnet bin, teilweise echt sympathischer als die Sommerfeen, mit denen ich so zu tun hatte und habe. Ich mag Hurricane. Ich mag Tanit. Ich mag Catalina Snow. Ich mag sogar irgendwie, glaube ich, Yahaira Montero. Zugegeben, ich kenne keinen von denen wirklich gut, und ich habe keine Ahnung, wie die alle drauf sind, wenn sie mal nicht nett drauf sind, aber Tatsache ist, bisher hatte ich keine Probleme mit Winter, und ich hätte eigentlich auf die Gnomenbande nicht so heftig reagieren sollen. Wenn nicht, ja wenn nicht, mein Sommerrittermantel mir Dinge eingeflüstert hat. Dass Winter keinen Platz in der Stadt hat, als das eine. Und dass Roberto ein Verräter an ihrer Majestät, Königin Titania, ist und dass es ihm nur recht geschieht, wenn ihm jemand die Fresse poliert, als das andere.

Während des Streits gestern war mir nicht bewusst, dass ich den Gedanken hatte. Das ist mir erst jetzt beim Nachdenken so richtig klar geworden, und das erschreckt mich. Denn dieser Gedanke kommt nicht von mir. Dieser Gedanke kommt von dem Ritterjob. Und wenn der Ritterjob meine Gedanken derart beeinflusst, dann ist er nicht besser als Elena.

Ich muss dringend mit Roberto reden und mich entschuldigen. Wieder einmal.

Und ich muss auf der Hut sein vor dem, was der Rittermantel mit meinem Kopf anzustellen versucht. Und darf so etwas nicht wieder zulassen.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 19.11.2015 | 19:25
Sehr schön. :)

/me wirft Timberwere einen Fatepunkt für den erfolgreich gereizten Ritteraspekt zu.  >;D
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 20.11.2015 | 11:45
Hehe. Den schreibe ich mir auf und behalte ihn mir für die nächste Sitzung! :D
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 20.11.2015 | 18:55
So war das auch gedacht. Ich finde es sehr cool, wie du Cardos Aktionen interpretiert hast!  :d
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 19.01.2016 | 08:49
Ricardos Tagebuch: Something Borrowed (Nachklapp)

27. August

Roberto hat meine Entschuldigung angenommen, auch wenn er sich sichtlich kühl gab. Was ich ihm nicht mal verdenken kann. Ich versuchte jedenfalls, ihm zu erklären, was da alles in meinem Kopf vorgegangen war – naja, das meiste jedenfalls. Das mit Elena ließ ich wohlweislich weg; ich musste nicht noch mehr alte Wunden aufreißen. Das Zucken, das über Robertos Gesicht ging, als ich seine Aufgabe des Richteramtes erwähnte, war schon Hinweis genug, dass ihm das Ganze auch alles nicht in den Kleidern stecken bleibt. Aber dass ich befürchte, dass der Ritterjob mehr Einfluss auf mich hat, als gut ist, das sagte ich ihm sehr wohl.

Ich bat ihn, mir ein bisschen beim Aufpassen zu helfen. Und Roberto sagte dann noch etwas, das mich innehalten ließ. „Du musst so schnell wie möglich einen Nachfolger finden“, erklärte er überzeugt. „Denn momentan bist du ein Ritter, der kein Ritter sein will. Und ein Ritter, der keiner sein will, nützt niemandem was.“

Da hat er nicht ganz unrecht. Das Problem wird es nur sein, den besagten Nachfolger zu finden. Also einen, der a) geeignet und b) willens ist, das Amt zu übernehmen. Keinen zweiten Schnellschuss wie Colin, herzlichen Dank. Also werde ich den Job noch eine Weile weiter machen müssen, fürchte ich. Und ich muss dabei die richtige Balance finden: Akzeptieren einerseits, mich auf die Sache einlassen, mich nicht dagegen wehren, aber andererseits nicht zulassen, dass das Amt mich zu Dingen beeinflusst, hinter denen ich nicht stehe. Oh Freude.

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30. August

Alejandra ist endlich im Bett. Was war sie aufgekratzt. Kein Wunder; ich weiß noch ganz genau, wie ich mich auf meinen ersten Schultag gefreut habe. Um sie ein bisschen runterzubringen, haben wir uns gemeinsam Harry Potter and the Sorcerer's Stone angesehen, frei nach dem Motto: wenn Harry sich an einer Magierschule zurechtfinden muss und kann, dann wird die Grundschule für Jandra ja wohl ein Klacks.
 
Den Film mit ihr zu schauen, war vielleicht nicht so meine allerbeste Idee, weil Jandra danach natürlich gleich wissen wollte, ob Monica da hin käme, wo sie doch zaubern kann, und als ich das verneinte, wollte sie wissen, ob sie das dann hier in der Schule lernen würden, woraufhin ich auch wieder verneinen musste und erklärte, dass Monica das weiterhin von Ximena beigebracht bekäme. Und dass Alejandra in der Schule doch, wenn es geht, Monicas Fähigkeiten bitte nicht ganz so laut herausposaunen möge. Schauen wir mal, ob die Mahnung was hilft. Ansonsten, naja, Tochter eines Schriftstellers, blühende Fantasie und so.

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31. August

Alejandras erster Schultag! Sie und Monica waren stolz wie die Schneeköniginnen. Aber natürlich auch ein bisschen nervös. Und Alex hat vor ein paar Tagen seine Kontakte spielen lassen und sich um eine Sprinkleranlage in der Schule gekümmert. Monica lernt zwar schnell, aber sicher ist sicher.

Jedenfalls war es ein schöner, ein denkwürdiger Tag. Einige Fotos gab es natürlich auch; mal sehen, ob ich dazu komme, eines hier einzukleben.

Eigentlich hatte Edward Schneeball bei uns lassen wollen, weil er (also Edward, nicht Schneeball) nämlich einen Weiterbildungskurs besucht irgendwo. Eigentlich wäre das Sergeant Books Weiterbildungskurs gewesen, aber der ist ja nun im Ruhestand, und der Kurs stand an und war bereits bezahlt. Was lag also näher, als Books Nachfolger an dessen Stelle hinzuschicken? Wen kümmert's, dass die Fortbildung sich um das Thema „Diversity Awareness“ dreht und Edward daher vielleicht nicht ganz die richtige Zielgruppe dafür ist? Egal, der Kurs war gebucht. Und Schneeball musste irgendwo hin.

Im Endeffekt wurde aus „irgendwo“ dann „bei Ximena“, weil ich den ganzen Tag lang unterwegs war. Erst mit Alejandra in der Schule selbst zur Begrüßungsfeier und, sobald die Kinder in der Klasse waren, einem Kennenlern-Empfang für die Eltern, und hinterher gingen wir zur Feier des Tages mit der Familie essen, waren tatsächlich bis abends dort. Ohne Enrique, versteht sich. Dem müssen wir beim nächsten Besuch dann die Bilder zeigen. Mamá und Papá waren jedenfalls gehörig stolz auf ihre große Enkelin. Was sie allerdings mit einem betonten Seitenblick auf Yolanda und mich auch zum Ausdruck brachten, war die Enttäuschung darüber, erst ein Enkelkind zu haben. Und das ausgerechnet von dem einen Sprössling, der im Gefängnis sitzt. Naja. Es ist ja nun nicht so, als wäre das Absicht.

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2. September. Abends.

Edward war gestern schon wieder zurück von seinem Seminar. Es gab da wohl den einen oder anderen kleinen, ähm, Zwischenfall - kein Wunder, wenn die Zielgruppe für die Schulung lauter weiße Cops waren, bei denen es schon einen Grund gab, warum sie hingeschickt wurden, und wenn noch dazu auch noch gerade Vollmond ist. Verletzte gab es wohl nicht, aber anscheinend eine Prügelei, die sich gewaschen hatte, also haben sie Edward heimgeschickt. Um Disziplinarmaßnahmen wird er wohl herumkommen, was einzig und allein seiner Hautfarbe geschuldet sein dürfte.

Nach dem Streit bei der Hochzeit hat Alex ihm gehörig ins Gewissen geredet, hat Edward mir heute erzählt, und er – das vertraute er mir unter dem Siegel absoluter Verschwiegenheit an – hat beschlossen, tatsächlich zu Hilary Elfenbein in Therapie zu gehen. Zumindest fürs Erste. Auf lange Sicht, sagte er beinahe sehnsüchtig, würde er gern eine Lösung finden, um seinen Wutdämon ein für alle Mal loszuwerden. Wünschen würde ich es ihm ja; er wirkt oft so unglücklich in seiner eigenen Haut. Und wenn ich es irgendwie kann, werde ich ihm dabei helfen, gar keine Frage. Falls es denn überhaupt irgendwie geht.

5. September

Schneeball hat mit Ximena anscheinend ein richtiges Abenteuer erlebt, als Edward auf seinem Seminar war. Der Kleine war völlig aufgekratzt, als er zu Edward zurückkam, und erzählte was von bösen Leuten, einem Drachen und lauter Wesen, die sie gerettet hätten. Edward wusste selbst nicht so recht, was er davon halten sollte, nahm die Kapriolen seines Hundes aber gelassen hin. Vermutlich hat der Kleine fürchterlich übertrieben, aber irgendwas wird da schon gewesen sein. Das ist bei Ximena ja jetzt auch nicht so unwahrscheinlich.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 11.02.2016 | 13:59
Ricardos Tagebuch: White Night 1

5. Oktober

Gerald Raith geht es nicht sonderlich gut. Okay, der ist ja seit einer ganzen Weile schon meist in unterschiedlichen Stadien der Trunkenheit anzutreffen, wie wir schon mitbekommen haben, aber seit er dieses – ich will gar nicht wissen, was für eins, legal ist es nicht – Geschäft an den Red Court verloren hat, scheint es schlimmer geworden zu sein.
Aus Loyalität seinem Großvater gegenüber redet Totilas nicht groß davon, aber zumindest hat er erwähnt, dass Marshall Raith versucht habe, Gerald zu motivieren; der habe sich nur nicht so recht motivieren lassen.

Apropos Marshall Raith. Erst höre ich den Namen ewig nicht (seit letztem Día de los Muertos, genauer gesagt, wo Totilas ihm begegnete, als er für das Binderitual Camerones Ehering besorgen musste), und auf einmal kommt er mir ständig unter.
Yolanda, die mit dem Erwerb ihrer Anwaltszulassung und dem Sommerrichterjob und all dem momentan so richtig beschäftigt ist, erzählte nämlich freudestrahlend, sie hätte über Mr Raith einen Praktikumsplatz bei Baker & McKenzie erhalten, einer renommierten Wirtschaftskanzlei. Eigentlich will sie ja Strafverteidigerin werden, wie sie immer erklärt, aber so ein Praktikum mache sich gut im Lebenslauf, meinte sie.

Meine Ohren hatten sich allerdings bei etwas anderem aufgestellt. Was für ein Mr Raith, wollte ich wissen. Na Marshall Raith, erwiderte Landa. Totilas' Cousin. Der sei sowas wie ihr Mentor. Oh. Oh-hoh.

Sagen konnte ich in dem Moment nichts groß, weil das beim monatlichen Familienessen bei den Eltern war, aber bei nächster Gelegenheit fragte ich Totilas nach diesem Marshall. So richtig viel über ihn wusste Totilas allerdings nicht. Er findet ihn langweilig, gar nicht wie einen Raith. Marshall hatte ja damals, als er vor einem Jahr in die Stadt kam, behauptet, er sei übergelaufen, habe den Hof des Weißen Königs verlassen, weil er keine Lust mehr gehabt habe, für Lord Raith immer den Deppen zu geben. Aber ob das auch stimme? Hmmm. Schwer zu sagen, fand Totilas. Er sei ein Langweiler, aber er sei immer noch ein Raith, also dürfe man ihn nicht unterschätzen.

Das war nicht so richtig das, was ich hatte hören wollen. Andererseits, was hätte ich den hören wollen? Am liebsten, dass Marshall zwar Raith heiße, aber kein White Court-Vampir sei, wenn ich ehrlich bin. Aber gut, das war nicht zu erwarten gewesen, also warnte ich als nächstes Yolanda vor Marshall und vor den Raiths im allgemeinen, inklusive wahrheitsgemäßer Begründung, wohlgemerkt.

Ob Yolanda die Warnung allerdings so hundertprozentig ernst nahm, weiß ich nicht. Sie reagierte nämlich mit einem zackigen Salut und der Erwiderung: „Ich werde mich nicht von einem Lustvampir aussaugen lassen, aye, aye!“ Hmpf. Aber gut, das wird wohl fürs erste reichen müssen. Und gnade dem Kerl, wenn er meiner Schwester etwas antut!

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22. Oktober

Totilas kennt Star Wars nicht. Totilas kennt Star Wars nicht!

Ich weiß gar nicht mehr, wie genau wir darauf kamen. Irgendein klassisches Zitat, logischerweise. Aber welches genau, und in welchem Zusammenhang, weiß ich nicht mehr. Nur noch, dass Totilas völlig verständnislos reagierte und dann seine Unkenntnis der Filme gestand. Also wirklich. Eine Bildungslücke vor dem Herrn!

Die Einladung zur Raith'schen Halloweenfeier haben wir übrigens inzwischen auch erhalten. Diesmal müssen noch nicht mal wir die Botenjungen spielen, hurra. Ich bin mal gespannt, was das gibt. Bei unserem Glück garantiert nichts Gutes, wenn man sich die Ereignisse der letzten paar Jahre mal zum Vergleich heranzieht. Diesmal wird die Party jedenfalls mit der feierlichen Einweihung von Raith Manor verknüpft. Denn ja, das neue Anwesen ist fertiggestellt, Römer und Patrioten, man mag es kaum glauben.

Organisiert wird die ganze Sache jedenfalls wieder von Adalind, der Partyplanerin der Raiths, allerdings diesmal in Zusammenarbeit mit – Überraschung – Cousin Marshall.

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25. Oktober

Okay. Irgendwas ist los. Irgendwas hat der Red Court vor.

Wir saßen gestern im Behind the Cover zusammen, als mit einem Mal Angel Ortega reingestürzt kam. Er bewegte sich steif und hatte eine blutige Wunde, und er hielt etwas im Arm, das sich bei näherem Hinsehen als kleine, ängstliche Fee mit verknautschten Flügeln herausstellte. Die Red Courts hatten Christabella die Flügel ausreißen wollen, berichtete Angel auf unsere Frage hin.

Kaum hatte er das gesagt, ging die Tür auf, und zwei Latinos in Anzügen kamen in den Buchladen. Sie bemerkten Angel, nickten einander zu und suchten sich einen Platz halbwegs in unserer Nähe, wo sie sich hinsetzten und anfingen zu telefonieren. Dabei machten sie wenig Anstalten, ihr Interesse an unserem Bekannten und seiner kleinen Begleiterin zu verbergen.

Die arme Blumenfee tat mir wirklich leid, also fragte ich sie, ob ich mir ihre Flügel einmal ansehen dürfe. Ich durfte. Die filigranen Gebilde hingen ihr ganz schief vom Rücken, und Christabella konnte sie sichtlich gar nicht mehr in Bewegung versetzen. Also strich ich mit den Fingerspitzen sachte darüber und leitete etwas von der Sommermagie hinein, die ja nie weit weg ist, deren Anwesenheit ich unterschwellig eigentlich immer spüren kann, es sei denn, ich bin gerade sehr abgelenkt. Ich frage mich, ob ich mich an dieses summende Kribbeln in mir jemals vollständig werde gewöhnen können oder es irgendwann nicht mehr bemerke. Oder ob ich vielleicht den Job loswerde, ehe das passiert.
Wie dem auch sei, die Sommermagie für diesen speziellen Zweck nach oben zu rufen, war einerseits leicht – es ging immerhin um eine Sommerfee in Nöten, und es fühlte sich beinahe so an, als wolle die Magie herauskommen, um ihr zu helfen – andererseits wiederum hatte ich bis dahin noch nie so etwas wie einen Heilzauber versucht, und so war die Sache eben doch gar nicht so ohne. Ich wollte Christabellas Flügel ja nur richten, sie nicht in meinem Überschwang gleich vergrößern oder bunt schillern lassen oder so. Die Anstrengung, genau die richtige Dosierung der Magie zu finden, brachte mir dann doch einen Anflug von Kopfschmerzen ein.

Aber es klappte. Es flogen ein paar harmlose, glitzernde Funken, dann glätteten sich die zarten Gebilde zusehends, bis sie schließlich zu vibrieren begannnen. Die kleine Fee lächelte mich an. „Was möchtest du zur Gegenleistung?“ „Hmm? Gar nichts“, entfuhr es mir erst, aber dann fiel mir ein, wie ungern Feen in der Schuld anderer stehen. „Ähm, ich meine, Euer Dank wäre mir Gegenleistung genug, werte Christabella.“ „Willst du wirklich nur meinen Dank?“ hakte sie nochmals nach, und das ließ mich kurz innehalten und überlegen. Ich könnte einen Gefallen von ihr verlangen, aber... nein. „Ich will wirklich nur deinen Dank“, bekräftigte ich, und sie strahlte förmlich auf. „Danke!!“ Dann begannen ihre Flügel kräftiger zu surren, und sie setzte sich durch ein offenes Oberlicht ab, während die Vampire – oder besser ihre Lakaien, es war ja noch heller Tag – der kleinen Gestalt wütend hinterherstarrten. Und wir uns anschließend aus einem Nebenraum heraus lieber durch das Nevernever absetzten, weil wir uns lebhaft vorstellen konnten, dass die Red Court-Leute nun auch auf uns nicht allzu gut zu sprechen sein würden. Angel Ortega schloss sich uns allerdings nicht an, sondern meinte, er käme schon zurecht.

Oliver Feinstein begleitete uns noch in den Nebenraum, von dem aus Alex sein Tor öffnete. Aber ehe er das tat, hatte Oliver noch ein paar Informationen für uns. „Der Red Court spinnt in letzter Zeit völlig“, erzählte er. Erst hätten sie nach magischer Essenz gesucht. Dann nach magischen Kreaturen. Und schließlich sei jemand aufgetaucht und habe sich subtil, haha, nach den Büchern und Gegenständen von Lafayette duMorne erkundigt.

Der Name sagte mir auf Anhieb nichts. Bei Totilas hingegen klingelte ein Glöckchen, und was das für ein Glöckchen war, erzählte er uns, als wir aus dem Nevernever zurück in der richtigen Welt waren. Und zwar war Lafayette duMorne ein Magier des White Council gewesen, der im Winter 1927 vom White Court ermordet wurde. Nach duMornes Tod griffen die  aufgebrachten Zauberer die Vampire an, und viele von Camerone Raiths Anhängern starben in jener Nacht, aber auch viele Magier. (Was übrigens auch der Grund ist, warum es nur noch so wenige Ratsmagier in der Stadt gibt, anscheinend.) Für seine herausragenden Leistungen in dieser Auseinandersetzung wurde Spencer Declan hinterher zum Warden ernannt, und Gerald Raith gelang es, seine Mutter Camerone als Herrin des White Court der Stadt abzulösen. Interessanterweise war Richard Raith, zu dem Zeitpunkt noch kein Vampir, Lafayette duMornes Lehrling gewesen.
Das ganze Ereignis bekam übrigens den klangvollen Namen „White Night“ verliehen. Wenig verwunderlich, war 1927 doch ein Winter, in dem in Miami Schnee lag. Dazu ein heftiger Konflikt zwischen White Court und White Council, und der Name ergab sich fast schon zwingend.

Hmmm. Spencer Declan wurde zum Warden ernannt. Gerald Raith übernahm den White Court von Miami. Sollten die beiden bei der Gelegenheit vielleicht irgendwie zusammengearbeitet haben?

Totilas zog jedenfalls erst mal los, um sich bei seinen Verwandten unauffällig nach deren Meinung über Marshall Raith zu erkundigen. Als er wiederkam, erzählte er uns, dass so ziemlich alle aus seiner Familie schon gemerkt hätten, dass es Gerald gerade nicht so gut geht, dass sie Marshall so gut wie alle nicht trauten und dass sie ihn hilfesuchend angesehen hätten.

Warum er eigentlich seine Leute nach Marshall ausgefragt habe, wollten wir wissen. Totilas antwortete bereitwillig, aber seine Antwort ließ mir die Kinnlade herunterklappen. Weil er habe herausfinden wollen, ob und inwieweit Marshall als Nachfolger für Gerald in Frage käme, lautete die nämlich. Äh, hallo?!  Hatte unser Freund seinen Großvater doch tatsächlich schon abgeschrieben!
Wir überredeten ihn dann allerdings, dass er doch vielleicht besser mal mit Gerald reden sollte und sehen, ob er ihm irgendwie helfen kann, statt einfach so an- und hinzunehmen, dass ihm nicht mehr zu helfen ist.

Echt jetzt.

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SMS von Totilas. Treffen im Dora's.

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Ooookay. Als ich im Dora's ankam, saßen Totilas und Alex schon da. Totilas sah ziemlich fertig aus. Unausgeschlafen, aber vor allem beinahe, wage ich es zu sagen, verheult? Totilas, der kalte Fisch? Hossa.

Er hat gestern abend noch mit seinem Großvater geredet. Und das lief nicht so übermäßig gut, wie es scheint. Im Gegenteil, es klingt fast so, als habe Gerald sich selbst bereits aufgegeben. Totilas fand Gerald leicht betrunken und in melancholischer Stimmung vor. Auf Totilas' Eröffnung, er habe ein Problem, erwiderte der ältere White Court lediglich: „Du wirst es erledigen.“ Und als unser Freund darauf mit: „Du bist mein Problem“ konterte, erhielt er prompt die Antwort: „Auch das wirst du erledigen.“
Marshall erwähnte Totilas auch. Dass er den Eindruck habe, der wolle Geralds Job. „Ja“, bestätigte Gerald, „das will er. Aber ich bin sicher, du wirst das erledigen.“ Und dass er, Gerald, alles unter Kontrolle habe.
Und dann habe Gerald etwas gesagt, dass sämtliche Alarmglocken bei Totilas klingeln ließ. Und bei uns auch, als er uns das erzählte. „Wenn du deinen Vater siehst, sag ihm, ich hätte ihn geliebt. Und dich auch. Und hör auf deine Freunde. Versprich mir, dass du auf die hörst.“

Das klingt verdammt danach, als habe Gerald vor, sich umzubringen. Oder als rechne er damit, dass er bald von jemand anderem umgebracht werden wird. Wie nannte Edward das so schön? Suicide by third party. Mierda.

Wir theoretisierten eine Weile herum, und Totilas erklärte, er habe beschlossen, Gerald besser zu unterstützen, sich mehr für dessen Geschäfte zu interessieren. Marshall Raith besser kennenzulernen und im Auge behalten zu wollen. Am liebsten würde er seinen Großvater rund um die Uhr überwachen, damit der keinen Blödsinn anstelle, aber da gebe es irgendwie niemanden, dem er diese Aufgabe anvertrauen würde. Cherie? Vin? Alle nicht so wirklich geeignet.

Nach Lafayette duMorne hat Totilas Gerald übrigens auch gefragt. Den habe Spencer Declan umgebracht, habe Gerald erklärt. Mit Magie. Aber Totilas' anschließende Frage, ob er bei der Aktion mit Declan zusammengearbeitet habe, um sich Camerones Posten anzueignen, habe sein Großvater strikt und vehement verneint. Mit diesem Mistkerl? Niemals! Lafayette sei ein guter Mann gewesen und die ganze Sache Camerones Schuld. Und es habe alles irgendwie mit Totilas' Vater zu tun gehabt.

Die Information, dass Declan du Morne mittels Magie getötet habe, ist natürlich eine Bombe. Mit der müssen wir extrem vorsichtig umgehen. Wenn Declan mitbekommt, dass diese Anschuldigung in der Gegend herumfliegt... nicht gut. Gar nicht gut. Ob das vielleicht Geralds Weg sein könnte, sich umzubringen, rätselte Totilas, also eben dafür zu sorgen, dass Declan von seiner Anschuldigung hört, damit der dann zu entsprechenden Maßnahmen greift? Nicht unmöglich, aber doch nicht sonderlich wahrscheinlich, befanden wir bei näherem Nachdenken darüber.

Roberto hatte auch Neuigkeiten. Seine Red Court-Bekannte Lucia sei gestern noch in der Botánica vorbeigekommen, erzählte er, und habe nach magischer Essenz für ein Ritual gefragt. Was für ein Ritual, wollte sie nicht sagen oder wusste es vielleicht selbst nicht so genau, aber die Essenz müsse hochkonzentriert sein, meinte sie. Außerdem habe sie sich dafür interessiert, wer damals die Schriften von Lafayette duMorne eingesammelt habe, und wenn Roberto irgendetwas darüber höre, solle er bescheid sagen.

Naja, dass der Red Court sich für duMorne interessiert, das wussten wir ja schon von Oliver. Und wie es aussieht, sollten wir uns auch für den guten Mann interessieren, und sei es nur, um herauszubekommen, was genau der Red Court da plant. Aus Gerald war vermutlich erstmal nicht sonderlich viel mehr herauszubekommen, als Totilas schon von ihm erfahren hatte. Aber was war mit Camerone? Die war ja damals auch ganz direkt beteiligt gewesen. Die könnten wir ja mal vorsichtig fragen gehen.

Diese Idee fand Totilas gar nicht gut. Wir sollten Camerone nicht unterschätzen, warnte er, sie werde uns nichts sagen, aber von uns alle Informationen aufsaugen, die sie kriegen könne, sogar Dinge, die wir ihr eigentlich gar nicht sagen wollten, aus unseren Fragen entnehmen. Aber das war ein Risiko, das wir wohl eingehen mussten.

Am Coral Castle wurde unser White Court-Freund natürlich erst einmal von den Coral Guardians angehalten, auch wenn sie sich nicht mehr ganz so feindselig verhielten, jetzt wo Natalya nicht mehr der neueste Neuzugang bei ihnen ist und deren gemeinsames Bewusstsein nicht mehr dominiert. Als ich den geisterhaften Wächtern erklärte, dass ich für Totilas bürgen würde – und ich ihm ein „Benimm dich!“ mitgegeben hatte –, ließen sie ihn passieren.

Camerone Raith gab sich entzückt. „Familienbesuch! Schön, dass du da bist, Totilas!“ Und in dieser schleimigen Tonart ging es eine ganze Weile weiter. Subtil. Haha. Schließlich brachten wir das Gespräch aber – unauffällig, wie wir hofften – auf Lafayette duMorne. Oh, der sei ein entzückender alter Herr gewesen, säuselte sie. Irgendsoein Zauberer. Der Red Court zeige gerade ein ziemliches Interesse an duMorne, informierten wir sie.
Camerones Antwort war nichts weniger als eine Meisterleistung im süffisanten Themawechsel. „Der Red Court? Wie niedlich. – Wusstest du, dass deine Mutter wieder in der Stadt ist, Totilas? Wenn dein Vater jetzt auch noch käme, dann könnten wir eine nette kleine Familienzusammenführung feiern!“
Mehr wollte sie nicht dazu sagen, auch nicht zur White Night. „Warum fragt ihr nicht Gerald? Der ist dafür doch die beste Quelle?“
„Der hat zu tun“, erwiderte Totilas knapp.
Camerones Lächeln war lieblich an der Oberfläche und boshaft-wissend darunter. „Ach.“

Wie Lafayette denn so gewesen sei, brachten wir das Gespräch wieder in die richtige Richtung. Die Antwort allerdings überraschte uns etwas, denn Camerone beschrieb den Magier nun nicht als Menschen, sondern erklärte, sie glaube, es sei ihm peinlich gewesen, dass er schwarz gewesen sei. Na gut, was hätten wir von Camerone auch anderes erwarten sollen als eine unerwartete Wendung. Oh, und Richard sei sein Lehrling gewesen, setzte sie noch hinzu, als sei das ebenfalls eine Aussage über Lafayettes Wesensart.
„Aber Richard hat ihn jetzt nicht umgebracht, oder?“, kam Totilas plötzlich die Idee.
Camerone lächelte süß.
„Ich weiß nicht, dein Vater ist ja nun nihct so der mörderische Typ. Aber irgendwen wird er schon umgebracht haben, um zum White Court zu werden.“
„Ach das war damals?“
Wieder dieses Lächeln von Camerone. „So ungefähr zu der Zeit, ja.“

Das war dann der Moment, wo wir uns verabschiedeten. Ganz ehrlich, die Frau ist aalglatt. Vor allem jetzt als Geist, wo ihr der Alkohol nicht mehr das Gehirn vernebelt.

Dann trennten wir uns, weil Roberto Macaria Grijalva besuchen wollte, Totilas sagte, er wolle sich mal mit Jack White Eagle in Verbindung setzen, und ich zu Pan in den Palast fuhr, um mal mit dem zu reden.

Pan wusste aber leider nicht sonderlich viel über Lafayette duMorne. Der sei kein Typ zum Feiern gewesen. Sein Sohn Justin schon eher, aber den habe Pan schon lange nicht mehr gesehen, sagte er. Sir Anders kannte Lafayette gar nicht, der war damals noch nicht hier am Hof. Cólera. Den Weg hätte ich mir auch sparen können.

Roberto und Totilas war es bei Macaria und Jack allerdings nicht viel besser gegangen, erfuhr ich, als wir uns allesamt in Olivers Laden wieder trafen. Macaria hatte Roberto auch nur sagen können, dass Lafayette ein mächtiger Magier gewesen sei, der ermordet wurde. White Eagle kannte sogar nur den Namen, wusste aber immerhin, dass Spencer Declan einen Lehrling namens Cleo duMorne hat. Ob „Cleo“ in diesem Fall ein Männer- oder Frauenname war, wusste keiner von uns so genau, auch wenn wir generell gegen weiblich tendierten. Oliver informierte uns dann, dass es sich bei dieser speziellen Cleo um eine Frau handelt. Cleo duMorne sei Lafayettes Enkelin, sagte er, und lebe äußerst zurückgezogen. Vor irgendwas habe sie anscheinend große Angst und wolle anonym bleiben. Aber Oliver habe vage Möglichkeiten, sie zu kontaktieren – oder ihr zumindest über diverse Umwege eine Nachricht zukommen zu lassen –, und so baten wir ihn, ihr auf diesem Wege mitzuteilen, dass wir gerne mal mit ihr reden würden.

Wohin nach dessen Tod Lafayettes gesammelte Unterlagen gekommen waren, konnte Oliver allerdings auch nicht sagen. Ein Teil habe vermutlich Richard Raith – der ungefähr zu der Zeit zum Vampir geworden sei – an sich genommen, denn ein Teil seiner Forschungen habe wohl auf Lafayettes Studien beruht. Huh. Was Oliver alles weiß.

Als nächstes kontaktierten wir Lila und Danny, weil Jeff ja in Kontakt mit Richard gewesen war. Wobei wir auf deren Antwort auch selbst hätten kommen können, wir Genies: Wir sollten doch Jeff einfach selbst fragen, der sei doch noch da. Ja klar!
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 15.02.2016 | 22:17
Ricardos Tagebuch: White Night 2

Alex zog also los, um Jeff zu suchen. Und während wir warteten, hatte Totilas noch eine andere Theorie. Seine Mutter hatte ja nie ein Monster sein wollen; vielleicht will sie die Unterlagen für sich selbst? Wenn Richards Ritual, mit dem er damals seinen Dämon aus sich entfernt hatte, auf Lafayettes Studien beruhte, will Sancia vielleicht anhand der Dokumente für sich ein ähnliches Ritual wirken, um sich von ihrem Red Court-Sein zu befreien? Falls das denn möglich ist. Aber wer weiß, vielleicht ist es das ja wirklich? Bei Richard Raith hat es ja immerhin geklappt. Und einige der Red Courts hier in Miami, allen voran Orféa Baez, Sancia Canché und Robertos Freundin Lucia, sind noch erstaunlich sie selbst, als hätten sie irgendwelche Möglichkeiten, ihre Persönlichkeit zu bewahren.

Nach den Ereignissen an Halloween vor drei Jahren hatte Sancia Richard ja entführt, bis er irgendwann verschwunden war. Konnte er da fliehen, oder hat sie ihn freigelassen? Roberto äußerte die Vermutung, dass Sancia und Richard vielleicht zusammenarbeiteten, um Sancia wieder zum Menschen zu machen. Immerhin wollte sie ihren eigenen Sohn lieber tot denn als Monster sehen.

Edward rief indessen Vanessa Gruber an, unsere White Council-Bekannte vom Crater Lake. Der Name Lafayette duMorne sagte Ms Gruber zwar nichts, aber zu dem Nachnamen fiel ihr Justin duMorne ein. Der sei ein Ratsmagier gewesen, der sich mit einem Outsider eingelassen habe und von seinem Lehrling in Selbstverteidigung getötet worden sei, einem gewissen Harry Dresden, der nach dem Ausbruch des Kriegs gegen den Red Court – den er wohl anscheinend selbst ausgelöst hatte – zum Warden ernannt worden war.

Harry Dresden? Das war doch dieser Typ in Chicago, mit dem Edward dieses kurze und unerfreuliche Telefonat geführt hat. Und der ist Warden? Na super.

Irgendwann kam dann auch Alex mit Jeff im Schlepptau zurück. Über Alex erzählte der junge Geist uns folgendes: Er hatte Richard Raith in einem Internetforum kennengelernt, einer geschlossenen Community, wo man nur über Einladung reinkommt. Dort hatten Richard und er einige private Nachrichten ausgetauscht, über Magie und Rituale und Jeffs geistige Blockade. Richard hatte geantwortet, darin sei er nicht so der größte Experte, aber er werde sich einmal umhören und schlau machen.

Jeff gab Alex seine Login-Daten für das Forum, damit wir nachsehen konnten, ob Richard sich gemeldet hatte. Er hatte tatsächlich, unter dem Nickname „Widening Gyre“: eine alte PM, die Jeff seines Todes wegen nicht mehr gefunden hatte, in der Richard aber schrieb, dass es für ihn schwierig sei, sich mit Jeff zu treffen, dass Jeff sich aber mit schönen Grüßen von Richard an Totilas Raith wenden solle, einen Verwandten von ihm, der vielleicht Leute kennen würde.

Na gut, das hatte sich ja inzwischen erledigt. Aber immerhin lud Jeff, wo er schon mal eingeloggt war, uns alle auch gleich in dieses Forum ein, damit wir uns selbst einen Zugang erstellen konnten. Das Forum nennt sich „Beyond the Pale“ und hat einen gewissen Goth-Anstrich, aber die Tatsache, dass es auf dem Einladungsprinzip basiert, bedeutet, dass die ganz üblen Spinner größtenteils ausbleiben.

Roberto hatte seinen Forumsnickname schnell gefunden: Theoneandonlyroberto003. Haha. Für Totilas' Nickname witzelten wir ein bisschen herum, mit Vorschlägen wie „Pferdegeist“ und dergleichen, aber er entschied sich schließlich für „Troja“ mit dem Avatar eines Pferdes. Ich selbst grübelte eine Weile herum, ehe ich mich schließlich auf „Endymion“ einschoss. Was Richard Raith kann, kann ich auch. Wobei in meinem Fall die Namenswahl weniger daran lag, dass ich auf ein bekanntes europäisches Gedicht anspielen wollte, sondern eher daran, dass ich gerade Dan Simmons' Hyperion-Romane lese und mir der Name vermutlich deswegen in den Kopf sprang.

Was Edward und Alex für Namen wählten, weiß ich gerade gar nicht, aber Alex hat ja irgendwann extra einen wassergekühlten Rechner in einem Aquarium gebaut, damit auch Edward nicht ganz von den modernen Errungenschaften der IT abgeschnitten ist. Angemeldet hat er sich also.

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31. Oktober – nein, 01. November, früh morgens

Oh Mann. Das muss ich aufschreiben, ehe ich ins Bett gehe. Ich bin gerade von der Halloweenfeier zurück. Es ist nichts abgebrannt, und es gab keine Toten, aber es war, sagen wir mal ... spannend.

Weil es eine Halloween-Feier war, mussten wir uns natürlich verkleiden. Ich hatte mir ein „Horatio Hornblower“-Kostüm besorgt, sprich die Uniform eines englischen Marineoffiziers aus dem 18. Jahrhundert, Edward ging als mittelalterlicher Ritter, Alex als Mafioso aus der Prohibitionszeit und Totilas als Pantomime mit schwarzen Hosen, gestreiftem Hemd, Hosenträgern und weiß geschminktem Gesicht. Roberto hingegen hatte sich mit Dee in ein Partnerkostüm geworfen: er als Indianerin (in pinkfarbenem Lederkleid) und Dee als Cowboy. Oh Mann. Ich will es ihm ja gönnen, wirklich, aber... grrrr.

Yolanda als Sommerrichterin war ebenfalls anwesend; Ximena hatte auch eine Einladung erhalten, kam aber nicht auf die Party, genausowenig wie Joseph – entschuldigung, Jonathan, der „Neffe“ – Adlene. Wobei ich nicht glaube, dass der überhaupt eingeladen war. Spencer Declan hingegen war es: Wie schon die letzten Male, sollte er auch dieses Jahr wieder für magischen Schutz sorgen. Marshall Raith fand das zu teuer, konnten wir hören, aber wie Totilas sagte, findet der alles teuer. Er trug das Kostüm eines Gründervaters: Gehrock, Kniebundhosen, gepuderte Perücke. Cherie Raith hatte sich ausstaffiert wie Marvels Black Widow: rote Haare, hautenger schwarzer Lederanzug.

Raith Manor sieht nach dem Wiederaufbau richtig gut aus. Es war ja früher ein eher klassischer Bau, und Teile davon sind auch noch erhalten, aber größtenteils macht das Gebäude jetzt einen wesentlich modernen Eindruck. Viel Glas, ziemlich kühl, Sonnenpaneele auf dem Dach, aber immer noch ziemlich verwinkelt. Der Partysaal an prominenter Stelle, natürlich: groß und opulent, aber mit zahlreichen kleinen, intimen Nischen.

Eigentlich fing alles ganz harmlos an. Die Band spielte, die Leute unterhielten sich, es wurde getanzt, und es sah nicht so aus, als würden die Nischen für raithsche Vampirspielchen benutzt. Aber irgendwann schob sich jemand neben Gerald Raith. Eine White Court offensichtlich, die Totilas uns als 'Anabel Raith' ausdeutete, in einem Kostüm der Herzkönigin aus Alice im Wunderland. Sie hatte die ganze Zeit schon nicht sonderlich begeistert dreingeschaut, sondern eher frostig, was für Raiths in einer sozialen Situation tatsächlich ja wohl eher ungewöhnlich ist. Jetzt nahm sie Gerald beim Arm, hakte sich bei ihm unter und begann zu sprechen. Sie brüllte nicht herum, aber sie flüsterte auch nicht, sondern war durchaus von den Umstehenden zu verstehen. Der Weiße König habe sie geschickt, denn der White Court sei alles andere als glücklich. Entweder Gerald hole sich bis Weihnachten die Marihuanafelder von den Santo-Shango zurück oder das Kokain-Geschäft vom Red Court, sonst müsste hier in der Stadt jemand anderes die Zügel in die Hand nehmen. Entweder es gebe ein Free-for-All, vielleicht auch nicht, aber auf jeden Fall müsse dann eine andere Lösung her.

Gerald klang sichtlich angetrunken, als er antwortete. Oder vielleicht auch nicht antwortete, denn eigentlich klang es wie ein klassisches Non Sequitur. Dass der Weiße König ihm mit Marshall ein Kuckucksei ins Nest gesetzt habe, dass Marshall nichts weiter sei als ein Spion für den König, und dass er genug habe. „Und weißt du was?“, fuhr er dann mit alkoholgeschwängerter Stimme fort, „Ich fordere dich zum Duell, Marshall, zum Duell auf Leben und Tod, unter den Unseelie Accords. Und weißt du was? Dich, Anabel, fordere ich gleich mit!“

In die Stille, die sich nach dieser Bombe im Saal ausbreitete, fiel kurz darauf Orféa Baez' Stimme. „Ich möchte nur zu Protokoll geben, dass der Rote Hof von Miami sein Geld mit Immobilien und Investmentgeschäften verdient, nicht mit Drogen.“
Anabel lachte hell auf. „Ach, das war natürlich nur ein Partyspiel, alles nur ein Scherz, haha“, säuselte sie und ging ab. Wie von einer Bühne, im wahrsten Sinne.
„Kein Scherz“, rief Gerald ihr hinterher. „Duell in zehn Tagen, hier im Garten am Duellkreis!“

Nachdem Totilas geistesgegenwärtig Adalind beiseite gezogen und die Partyplanerin beauftragt hatte, den ganzen Vorfall  wenn möglich tatsächlich irgendwie wie eine Show aussehen zu lassen, klärte unser White Court-Freund uns schnell über die Gebräuchlichkeit von Duellen in den Vampirhöfen auf. Ja, es gibt sie noch, und ja, auch Duelle auf Leben und Tod sind durchaus gebräuchlich. Aber auch ein Duell auf Leben und Tod muss nicht unbedingt mit dem Tod eines der Teilnehmer enden, denn der Sieger hat zwar das uneingeschränkte Recht, den Verlierer zu töten, aber der Verlierer darf dem Sieger etwas anbieten, um sein Leben doch noch zu retten. Etwa, sich dem Sieger auf alle Ewigkeit zu unterwerfen, oder so etwas. Außerdem müssen die Duellanten nicht selbst kämpfen, sondern haben beide das Recht, jeweils einen Champion für sich zu bestimmen.

Roberto zog dann los, um Lucia zu suchen. Eine Weile später sah ich sie miteinander tanzen, was ich schon irgendwie seltsam fand. Ich meine, Dee ist jetzt deine Freundin, Roberto, also benimm dich gefälligst auch so, verdammt!  Dee wiederum nahm indessen Edward beiseite. „Sag mal, ist der Frau klar, dass ich ein U.S. Marshal bin und du ein Polizist?“ „Das ist ihr völlig egal“, knurrte Edward. „Die wollte einfach nur Gerald in die Scheiße reiten.“

Yolanda stand mit Marshall da und unterhielt sich mit ihm. Oder besser, Marshall redete auf Yolanda ein. Er sah ziemlich gestresst aus, oder er tat zumindest so, und Yolandas Gesicht verfinsterte sich zusehends. Dann trennten die beiden sich, und Marshall Raith machte sich auf in Richtung Cousine Anabel, die von einem ziemlich auffälligen Leibwächter von ungefähr 2,10 m begleitet wurde. Totilas warf mir einen Blick zu und setzte sich ebenfalls in Bewegung – er hatte anscheinend vor, das Gespräch zu belauschen.

Alex ließ die Augen überall herumschweifen, sah ich, daher ging ich erstmal zu Yolanda hinüber. Die war ganz aufgebracht. "Der arme Marshall! Vorspiegelung falscher Tatsachen war das! 'Hier kannst du in Frieden leben, hier gibt es keine Intrigen' - und jetzt? Jetzt fordert der, der ihm das vorgespiegelt hat, ihn selbst zum Duell!" Sie war ernsthaft empört, und nichts, was ich sagte, konnte sie in irgendeiner Form beruhigen, nicht einmal, dass Duelle auf Leben und Tod nicht unbedingt im Tod enden müssen. Ob man Duelle zurücknehmen könne, wollte Landa wissen. Nicht ohne Gesichtsverlust, erwiderte ich, jedenfalls soweit ich wisse. Es müsse jedenfalls der Grundsatz 'in dubio pro reo' gelten, befand meine Schwester, auch für einen White Court-Vampir! "Und überhaupt - hat die Tante gerade wirklich von Drogen geredet? Mit einem Cop und einer U.S. Marshal im Raum? Wie korrupt ist das denn?!"
Da wiederum konnte ich ihr nur zustimmen.

Die erwähnte U.S. Marshal machte auch ein ziemlich unglückliches Gesicht, und ich kannte sie gut genug, um zu wissen, was in ihr vorging. Sie hätte eigentlich auf die Drogengeschichte reagieren müssen, und auch liebend gerne wollen, aber die von Anabel Raith aufgeworfenen Vorwürfe waren so schwammig und nichtssagend gewesen, dass Dee eigentlich gar nichts so wirklich tun konnte. Also biss sie die Zähne zusammen und schwieg - und ging stattdessen mit Roberto tanzen. Das hatte ich zwar gerade vorhin noch angemeckert, aber: grrrrr. Hat keiner behauptet, dass ich in dieser Angelegenheit rational denke. Das war dann jedenfalls der Moment, in dem ich mir lieber etwas zu trinken holen ging.

Später trafen wir uns alle wieder und tauschten Informationen aus.

Totilas hatte tatsächlich Marshall und Anabel Raith bei ihrem Gespräch belauscht. Anabel machte sich offensichtlich wegen der Duellforderung keine großen Sorgen. Es gebe wohl ein paar Kandidaten für Geralds Champion, wie den brutalen Cop zum Beispiel. Sie selbst habe einen Champion, ob Marshall auch schon einen hätte? Marshall hatte offensichtlich noch keinen, denn er erklärte, er könne Hilfe dabei brauchen, einen zu finden, aber das überhörte Anabel geflissentlich. Oder besser, sie weigerte sich rundheraus, ihm zu helfen, weil Marshall ihr nichts im Gegenzug anzubieten hatte.

Etwa in diesem Moment hätten die beiden Totilas dann bemerkt, sagte er. Marshall habe sich verzogen, aber Anabel habe sich schleimig-freundlich gegeben. Totilas habe sie gefragt, ob sie einen guten Champion habe, und sie habe das bestätigt – und ihn dann gefragt, ob er sich anbieten wolle, ehe sie ihn habe stehen lassen. Totilas machte ein etwas seltsames Gesicht, als er das erzählte. Irgendwas war offensichtlich zwischen den beiden noch vorgefallen, das er uns nicht weitergab.

Nach dem Gespräch mit Anabel hatte sich Totilas doch noch mit Marshall unterhalten. Der war erst wenig geneigt, mit seinem Cousin alleine zu sein, aber dann redete er doch. Er habe erklärt, er sei kein Spion. Er habe lediglich versucht, Gerald klarzumachen, dass die Dinge so nicht so laufen könnten, wie Gerald das gerade versuche, aber der habe ja nicht auf ihn hören wollen. Er habe hier in Miami wirklich nur seine Ruhe haben wollen, aber nun habe er das Gefühl, Gerald habe ihn verschaukelt. Und Marshall habe sogar ehrlich gewirkt, als er das sagte.

Alex sagte, angesichts der Neuigkeiten von dem Duell habe Orféa Baez sehr zufrieden dreingeschaut, Spencer Declan ebenso. Der größte Teil des White Court habe ziemlich aufgescheucht gewirkt, während Cherie Anabel beobachtete, als  sei diese der ganz klar definierte Feind.

Mit Cherie hatte Edward dann auch gesprochen: Sie werde Gerald Champion geben. Marshall halte sie nicht für eine Bedrohung. Die wahre Gefahr sei Anabel. Sie hätte dann noch versucht, sein Gewissen reinzuhalten, indem sie meinte, das ganze Gerede sei nur Code für „Kuchen“.

Anschließend hatte Edward eigentlich mit Gerald reden wollen, aber das ging gerade nicht. Der Gute war nämlich gerade dabei, sich zu ernähren. Ähm, ja.

Danach passierte jedenfalls nicht mehr so richtig viel. Ist ja auch nicht so, als wäre die eine Bombe nicht genug gewesen.

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01. November

Wir haben uns auf dem Schiff getroffen. Das kam uns bei den ganzen Neuigkeiten und Dingen, die es zu besprechen gibt, sicherer vor als das Dora's.

Schneeball sei noch nicht wieder zuhause, erzählte Edward. Den hatte er für die Party bei Ximena gelassen, aber bisher hat sie ihn noch nicht zurückgebracht.

Totilas hat heute morgen über das „Beyond the Pale“-Forum eine Nachricht an seinen Vater geschickt. Er habe keine Klarnamen verwendet und alle Informationen verschlüsselt, versicherte er uns. So habe er erwähnt, dass seine Mutter in der Stadt sei und nach den Unterlagen des alten Mathelehrers von Widening Gyre suche. Außerdem habe er um ein Treffen gebeten, es sei wichtig. Sich selbst identifiziert habe er sich mit einem alten Kinderspitznamen, damit Richard auch wisse, das die Nachricht wirklich von Totilas sei.

Dann erzählte Roberto uns, dass er gestern abend tatsächlich mit Lucia gesprochen habe. Ach. Gesprochen also auch, nicht nur getanzt. Von der erfuhr er, dass die ganze Sache mit dem Ritual Sancias Baby sei. Und soweit sie, Lucia, wisse, solle das Ritual auch keinen Angriff auf irgendwen darstellen, sondern Sancia wolle es für sich selbst.

Dann trugen wir nochmal all die Dinge, die wir gestern abend schon kurz besprochen haben, zusammen. Und fingen an zu theoretisieren.
Ob Gerald die ganze Sache mit dem Duell vielleicht geplant haben könnte, war ein Gedanke. Das sehe seiner Meinung nach tatsächlich so aus, fand Roberto. „Ich glaube, Gerald versucht, Totilas in seine Position zu hieven.“
Daraufhin fragte Alex, ob Totilas sich für den Job disqualifizieren wolle – mit Sancias Ritual müsste es ja möglich sein, ihn zu ent-vampirisieren. „Sancia will mich umbringen!“, erwiderte Totilas entgeistert. Ach, da könne er mal vorfühlen, hielt Roberto ihm entgegen.

„Ich kann Gerald nicht im Stich lassen“, sagte Totilas nachdenklich, „aber ich bin auch ein Ritter von Miami. Für Miami wäre es besser, wenn ich dieses Ritual durchzöge.“ „Warum?“ wollte Alex sofort wissen. „Ich weiß nicht...“, kam Totilas' Antwort. „Weil ich dann keine Drogengeschäfte machen müsste.“ „Das musst du ja nicht“, schoss Alex zurück. „Der Weiße König will nur sein Geld. Ob du das legal oder illegal verdienst, ist dem völlig egal.“

Er habe Gerald nie verstanden, fuhr Totilas fort. Der stelle Ansprüche an ihn, sage aber nicht, was für welche.
„Gerald ist eigentlich ziemlich simpel gestrickt“, warf Edward ein. „Geh einfach mit ihm reden.“
„Das habe ich ja versucht“, seufzte Totilas.
Das war natürlich das richtige Stichwort. „Nicht versuchen“, hielt Alex unserem White Court-Kumpel sofort entgegen. „Do or do not, there is no try.“
Da musste ich ihn aber leider enttäuschen. „Vergiss es, Alex, der kennt kein Star Wars!“

Ähm. Ja. Und deswegen machen wir jetzt einen Videoabend. Ich habe Totilas mehr oder weniger am Schlafittchen gepackt und zu mir nach Hause geschleppt; Roberto kam auch mit. Duell hin oder her, Red Court-Rituale hin oder her, den einen Abend kann das jetzt auch noch warten. Totilas' Bildungslücke schließen ist wichtiger, habe ich beschlossen. Alex ist heute abend, am Día de los Muertos, ohnehin damit beschäftigt, sich um die Geister zu kümmern, und Edward bekam auch einen Anruf aus dem Precinct, dass seine Anwesenheit vonnöten sei. Da können wir anderen auch Film schauen.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 20.02.2016 | 20:15
Ricardos Tagebuch: White Night 3

02. November

Der Día de los Muertos ist wohl vergleichsweise ruhig verlaufen, sagte Alex. Außer dass bei diesem Zombie Walk beinahe Dinge schiefgegangen wären, als er gerade woanders nach dem Rechten sah. Es sei aber gerade nochmal alles gut gegangen. Aber wer zum Geier veranstaltet auch einen Zombie Walk am Día de los Muertos?

Aber immerhin hat Richard schon auf Totilas' PM geantwortet. Dummerweise bestand sie aus nicht viel mehr als einem Fluch und einem knappen „bin unterwegs, müssen reden“, aber immerhin, er hat geantwortet. Und immerhin, er ist unterwegs.

Roberto hatte deutlich beunruhigendere Neuigkeiten, die er sofort auf uns losließ, nachdem Alex und Totilas ihre Informationen abgeworfen hatten. Kurz vor Sonnenaufgang rief nämlich Lucia bei ihm an. Sie habe ihm nur sagen wollen, dass das Ritual ein bisschen schiefgegangen sei und nun ein Maya-Eiterdämon frei in der Stadt herumlaufe. Einer der Herren von Xibalba, der Unterwelt der Maya. Ääääh. ¿Como demonios? Im wahrsten Sinne.
Auf Robertos Nachfragen habe Lucia dann noch erzählt, dass der Dämon Ahalphu heiße, in den Everglades beschworen worden sei und Krankheiten verteile.
„Wir sollten uns umbenennen von 'Ritter' in 'Kammerjäger'“, knurrte Edward, als er das hörte. Gute Idee. Mierda.

Als erstes riefen wir in der Waystation an, um Selva Elder zu warnen, dass ein Krankheitsdämon in den Glades herumstreunt. Dann durchsuchten wir das Internet nach Informationen über das Pantheon der Maya. Wir fanden heraus, dass laut den Überlieferungen der Maya deren Götter die Dämonen in einem Ballspiel besiegt und daraufhin in deren Unterwelt verbannt hatten. Genauer gesagt, Roberto, Totilas und ich suchten. Edward hielt sich lieber fern, weil nicht sein wassergekühlter Spezialrechner, und Alex war in eine Art Trance verfallen. Wir beobachteten das erst mit ein wenig Sorge, aber er atmete ganz normal, also hofften wir mal, dass er schon irgendwann wieder zu sich kommen würde.

Das tat er dann nach ein paar Minuten auch. In seiner Trance war Eleggua ihm erschienen und hatte ungewöhnlich ernsthaft mit Alex geredet. Dieser Ahalphu sei eine Totengottheit der Maya, einer von der Sorte 'guckt dich an, und du fällst um', und wir seien völlig unvorbereitet auf eine Bedrohung von diesem Kaliber. Und der Dämon müsse wieder zurück in die Unterwelt gebracht werden, dringend, der gehöre keinesfalls in die Welt der Lebenden. Körperlich gegen ihn zu kämpfen wäre theoretisch möglich, dazu würde Eleggua aber nicht raten, dazu sei der Kerl zu mächtig.

Super. Einfach grandios. Und das, wo die Grenzen zum Nevernever wegen des Día de los Muertos ohnehin gerade schwach sind. Oder vielleicht eben deswegen.

Wie dem auch sei, wir überlegten natürlich des Langen und des Breiten, was wir nun tun konnten. Wir könnten ein Ritual durchführen, um den Kerl zu orten. Und wir könnten ein Ritual durchführen, das vor Krankheiten schützen würde. Aber wir brauchten Hilfe, soviel war klar.

Wir beschlossen, so ziemlich jeden unserer übernatürlichen Kontakte zu informieren, damit die wenigstens gewarnt wären und vielleicht im besten Falle schlaue Ideen hätten. Jack White Eagle. Pan. Das Coral Castle. Macaria Grijalva. Die Santo Shango. Sogar Spencer Declan. Immerhin ist der der Warden der Stadt und sollte zumindest informiert sein, wenn er es schon nicht für nötig halten würde, einzugreifen. Wobei, vielleicht würde er uns ja überraschen und doch etwas tun. Zeichen und Wunder soll es ja bekanntlich immer mal wieder geben.

Macaria Grijalva klang sehr beunruhigt bei der Nachricht, vor allem aufgrund der Tatsache, dass Eleggua höchstselbst es für nötig gehalten hatte, sich einzumischen.
Jack White Eagle sagte, er werde die übrigen Elders informieren und schauen, ob er irgendwelche Maya-Nachfahren in der Stadt finden könne.
Spencer Declan war nicht zu erreichen, dem hinterließ Roberto eine harmlos klingende Mitteilung über dessen Telefondienst.
Cicerón Linares wiederum erklärte, die Santo Shango hätten ja noch immer die Yansa-Maske, falls diese gebraucht werde. Stimmt. Gut zu wissen.

Ich rief dann bei Yolanda an, um sie zu warnen und auch, damit sie vielleicht Alejandra und die Eltern aus der Stadt bringen könnte, aber ich erreichte sie nicht in Miami, sondern mitten in einem Richterauftrag, irgendwo in Connecticut. Mierda!

Na gut. Ich rief also bei Lidia an, immerhin wollten Alejandra und Monica heute nachmittag zusammen spielen, aber die Mädels seien noch in der Schule, sagte sie. Und Lidia selbst sei noch bei der Arbeit und könne nicht einfach so frei nehmen oder die Mädchen aus der Schule holen, selbst dann nicht, wenn ein Terrorist unterwegs sei. Seufz. Wenigstens nahm ich ihr das Versprechen ab, vorsichtig zu sein und größere Menschenansammlungen zu vermeiden, wenn sie die Mädels nachher von der Schule abholen gehe.

Während ich telefonierte, hatte Roberto ein kleines Ritual begonnen, um den Eiterdämon zu lokalisieren. Für uns sah das vor allem so aus, als habe er eine Statue seiner Orisha vor sich hingestellt und Kräuter drumherum gestreut, aber als er zu sich kam, erklärte er, er habe von Erinle, der Orisha der Heilung, erfahren, wo dieser Ahalphu sei: An einem Ort voller Wasser und Palmen. Das Bild, das ihm vor Augen trat, erkannte Roberto als Coral Gables, einer edlen Luxusgegend, wo auch der Red Court residiert.

Lucia konnte Roberto nicht erreichen, weil es ja inzwischen Tag war, aber er rief nochmal bei Macaria an, um ihr die neue Lage in Sachen Coral Gables mitzuteilen und sie zu bitten, zum Anwesen des Red Court zu kommen. Aber die Santería-Älteste meinte, als Orunmila könnten sie nicht viel tun, und verwies an Eleggua.

Alex bat Edward, der solle Suki Sasamoto beauftragen, die Eleggua-Maske für ihn hochzutauchen (die hat Alex ja zur Sicherheit sehr, sehr tief unten im Meer versenkt).
Als Edward dann mit seiner Kollegin telefonierte, berichtete die, nahe Coral Gables sei ein Mann aus unerfindlichen Gründen zusammengebrochen und liege jetzt in kritischem Zustand im Krankenhaus. Mierda.

Kurz überlegten wir, ob Edward vielleicht in der Gegend eine Durchsage wie „es ist ein Gasleck aufgetreten, bitte halten Sie Türen und Fenster geschlossen“ veranlassen könnte, aber den Gedanken mussten wir leider ziemlich sofort wieder verwerfen. Es gab einfach keine Beweise in der Richtung; eine solche Warnung wäre einfach nicht plausibel und würde die guten Bewohner von Coral Gables (reich und von ihren Rechten überzeugt allesamt) nicht sonderlich lange in ihren vier Wänden halten, selbst wenn man das Umweltamt irgendwie davon überzeugen könnte, sie auszugeben.

Inzwischen traten immer weitere Krankheitsfälle auf, überall da, wo sich üblicherweise viele Leute aufhalten: South Beach, Lincoln Street, und so weiter. Unser Eiterdämon bewegte sich offensichtlich recht zügig in der Gegend herum.

Henry Smith, den Edward damit beauftragte, die Situation im Auge zu behalten, meldete sich irgendwann mit der Nachricht zurück, in der Nähe einer der Erkrankten sei ein auffälliger Typ gesehen und fotografiert worden. Das Bild schickte er uns. Es war ein wenig verwackelt, aber darauf war ein älterer Indio mit zerfurchtem Gesicht und mittellangem Haar zu sehen.

Wir sahen uns die Liste der bisherigen Krankheitsfälle an, um festzustellen, ob sich vielleicht ein erkennbares Muster ergab. Aber wenn dem so war, dann konnten wir es nicht finden. Aber es gab bisher auch noch gar nicht so viele Fälle, dass es irgendwie relevant gewesen wäre.

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Gegen Abend klingelte Totilas' Telefon. Richard war dran, gerade in der Stadt angekommen. Totilas wollte seinen Vater gleich vor dem Eiterdämon warnen, aber der meinte, Totilas – gerne auch mit seinen Freunden – solle vorbeikommen und es ihm von Angesicht zu Angesicht erzählen. Oh, und er solle sich nicht wundern: Richard sei der Typ im Zylinder.

Richard trug tatsächlich einen Zylinder, stellten wir im Dora's fest. Das, und ein Goth-Outfit. Begleitet wurde er von einer ganz ähnlich gekleideten Dame, ebenfalls im Zylinder, die er als Hayley vorstellte. Der ältere Raith umarmte seinen Sohn zwar, löste sich dann aber sehr schnell. Ich erinnerte mich daran, dass er ja von Sancia infiziert worden war. Vermutlich war das der Grund, warum er körperliche Nähe zu vermeiden suchte.

Wir erzählten den beiden, was wir von Lucia erfahren hatten. Dass durch das Ritual der Red Courts wohl anscheinend ein Tor in die Unterwelt geöffnet werden sollte, da aber etwas gründlich schiefgegangen sei. Und dass der Eiterdämon dringend zurück nach Xibalba müsse.

Richard hörte zu, nickte verstehend und meinte dann, er könne sich ungefähr vorstellen, was Sancia geplant habe. Mit den Red Courts sei das so, erklärte er: Man werde ja nicht als Red Court geboren, sondern infiziert. Und wenn ein Infizierter dann zum Vampir werde, übernehme dessen Dämon die ehemalige Person vollständig. Deren Seele müsse bei der Übernahme ja irgendwohin verschwinden, und zwar vermutlich eben ins Totenreich, in einen ganz bestimmten Teil des Totenreichs. Diese Seele könne man aber eben nicht so einfach zurückbeschwören. Ergo das komplizierte Ritual, das aber fehlgeschlagen war. Ja klar, das klang plausibel!

Bei der Linie der Canchés sei es jedenfalls schon immer so gewesen, dass deren Dämonen schwächer seien, dass auch nach der Übernahme ein wenig mehr Geist, mehr Seele, in der Person übrig bliebe.
Während seiner Gefangenschaft habe er mit einiger Mühe Sancia davon überzeugen können, dass es doch gut sei, ihre Seele oder wenigstens einen größere Teil ihrer Seele wiederzubekommen. Das würde sie zwar schwächen, aber diese Schwächung könnte sie mit anderen Vorteilen kompensieren.

Richards Langzeitplan sei es gewesen, Sancias Dämon ganz loszuwerden. Das habe er aber natürlich nicht laut gesagt. Jedenfalls hätten seine Frau und er lange geforscht und wüssten nun, in welcher Ecke des Totenreichs die Seelen genau zu finden seien. Nur sie zurückzuholen sei eben schwer.

Nach Lafayettes Unterlagen fragten wir Richard natürlich auch. Die seien bei ... in Sicherheit, erwiderte er. Er wisse, wo sie seien, aber er habe sie nicht.

Dann ließen wir die Bomben platzen. Nummer eins: Camerone Raith sei jetzt der Geist des Coral Castle. Der Lette sei verschwunden, vernichtet worden von Cicerón Linares. Diese Nachricht schockte Richard schon gehörig.
Als Totilas dann herumzudrucksen begann, fragte Alex: „Soll ich dir eine schöne Überleitung geben, oder schaffst du's alleine?“
Totilas sah zu Hayley. „Ist sie vertrauenswürdig?“
Richard erklärte, er vertraue ihr so halbwegs, während Hayley protestierte. „Hey, ich bin total vertrauenswürdig!“
„Es geht um Familienangelegenheiten“, zögerte Totilas weiter, und er wolle nicht, dass das allzuweite Kreise ziehe, und...
„Nun fang endlich an!“

Also erzählte Totilas von der Halloween-Feier, von Gerald und seiner Duellforderung, seiner Aussage, er „hätte Richard und Totilas geliebt“ und der daraus hergeleiteten Befürchtung, er könne Selbstmord begehen wollen.
„Was sagt er denn?“ fragte Richard.
„Er redet ja eben nicht mit mir“, seufzte Totilas.
„Er redet schon mit dir“, hielt Richard ihm prompt entgegen, „du verstehst ihn nur nicht.“

Und dann zog Richard los, um sich selbst mal mit seinem Vater zu unterhalten. Aber vorher theoretisierte er noch, dass Cherie zwar sein Champion sein möge, dass er aber bestimmt einen zweiten Champion als Ersatz in der Hinterhand habe. Oder dass, falls er sich wirklich umbringen wolle, selbst in das Duell gehen könnte, das sei sogar nicht mal so unwahrscheinlich. Der Sieger eines Duells auf Leben und Tod müsse dem Verlierer die Option lassen aufzugeben, aber wenn der Verlierer dies nicht tue, dann müsse der Sieger den Todesstoß setzen.
Und er gab Totilas seine Telefonnummer. Er hat so ein Einweg-Prepaid-Ding, weil Sancia ja noch immer nach ihm sucht. Die beiden sind ja auch tatsächlich noch immer verheiratet, haben sich nie scheiden lassen.

Nachdem Richard gegangen war, blieb Hayley noch im Dora's und gab uns einige weitere Informationen.
Xibalba sei eine der Domänen im Nevernever, die Unterwelt der Maya. Dort sei heute nicht mehr allzuviel los, weil es eben kaum noch Leute gibt, die der Maya-Religion angehören. Es gebe zwölf Herren von Xibalba, zwei oberste und zehn untere, zu denen Ahalphu gehöre, die eben irgendwann besiegt und in diese Unterwelt verbannt wurden.
Die Unterwelt der Maya bestehe aus neun Stufen, wo man sich in Kämpfen und Prüfungen beweisen müsse – mit der Ausnahme von Selbstmördern, Opfern und im Kindbett Gestorbenen, die würden sofort in den Maya-Pantheon aufgenommen. Aber auch alle anderen Seelen müssten sich nicht auf ewig in Xibalba aufhalten, sondern müssten eben die diversen Prüfungen bestehen, wonach sie auch in den Pantheon aufgenommen würden.

Die Eingänge nach Xibalba befänden sich traditionell in Höhlen, und ja, theoretisch könnte man dort auch als Lebender herumlaufen, wenn man den Weg finde. Man brauche aber Affinität zur Kultur der Maya, sonst käme man einfach anderswo hin, wenn man es versuche.

Ahalphu grundsätzlich loszuwerden, sei eigentlich ganz einfach, befand Hayley: „Tor auf, Ahalphu rein, Tor zu.“
Das Tor zu öffnen, sei nun nicht so das Problem. Das Problem sei eher, Ahalphu dahin zu bringen, wo das Tor sei, und eben, das Tor genau am richtigen Ort zu öffnen. Oh, und den Eiterdämon hindurchzubugsieren. Denn der werde sich vermutlich wehren.

Dann wandte Hayley sich direkt an Alex. „Dein Boss ist ein Scherzkeks. Sag' dem bloß, ich will ihn nicht bei mir haben!“
Was auch immer sie damit meinte. Aber Alex erklärte uns später, als sie weg war, er habe an ihr irgendwas gespürt, eine Art Verwandtschaft zu sich selbst, aber mit einem anderen Schirmherrn, und wir sollten ein bisschen vorsichtig sein. Sprich mit irgendeiner anderen Totengottheit als Patron? Oh Freude. So richtig wie ein Mensch ist sie Alex auch nicht vorgekommen. Doppelfreude.

Als wir uns dann trennten, stöberte ich zuhause noch ein bisschen in den Tiefen des Internets. Aber außer, dass es jetzt schon wieder halb drei Uhr morgens ist und mir die Augen brennen, habe ich nicht sonderlich viel herausgefunden. Zahllose Verweise auf Bücher, Artikel, Professoren, sonstigen Maya-Experten. Nichts, was sich nachts weiter verfolgen ließe. Oh, und die Idee, dass Eric es im nächsten oder übernächsten Band vielleicht irgendwie mit den Maya zu tun bekommen könnte, falls sich das einigermaßen gescheit einbauen lässt.

Viel Zeit für Schlaf ist heute nacht jedenfalls nicht mehr. Mierda.

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03. November

Über Nacht sind es mehr Opfer geworden. Es ist noch keine Epidemie, aber der Anstieg an Kranken macht sich inzwischen deutlich bemerkbar. Es gab auch bereits den ersten Todesfall. Das CDC ist auch schon in der Stadt, das war ja zu erwarten. Edward hat Kontakt mit denen und ist daher über deren Stand der Anstrengungen informiert. Dem CDC ist noch nicht so klar, was das überhaupt für eine Krankheit ist, die sich da gerade ausbreitet. Aber immerhin ist es wirklich nur eine Krankheit, nicht mehrere. Die Inkubationszeit muss relativ hoch sein, denken die Experten. Bezüglich des Übertragungsvektors sind sie sich unsicher, aber es könnte sich um Luftübertragung handeln. Die Betroffenen fallen mitten in Menschenansammlungen um – das heißt, entweder, viele Leute sind immun oder sie sind Überträger oder die Inkubationszeit ist tatsächlich richtig hoch, und alle sind schon angesteckt, aber die Krankheit ist einfach noch nicht ausgebrochen. Und das wäre natürlich der absolute GAU.
Aber eine Sache ließ uns aufhorchen. Alle bisherigen Opfer sind Leute, die hervorstechen, auffallen, irgendwie interessant wirken.

Roberto kam gar nicht zu dem Treffen am Vormittag; er hinterließ uns aber eine Nachricht, dass er den Orunmila helfe, die einen Schutzkreis gegen die Seuche um Little Havana ziehen wollten. Gut so. Das beruhigt mich, auch und gerade in bezug auf Mamá und Papá.

Suki Sasamoto schlug kurz bei uns auf und lieferte die Maske bei Alex ab, und kurze Zeit später stieß Richard Raith zu uns. Sein Gespräch mit Gerald gab er folgendermaßen wieder:

Zwischen den Zeilen gelesen, habe Gerald extrem urlaubsreif, wenn nicht gar lebensmüde auf ihn gewirkt. Er wirke, als sei er am Ende seiner Kräfte, und alle, die er liebt, stürben, litten, gerieten in Schwierigkeiten. Aber um Hilfe bitten könne er ja auch niemanden. Nichts davon habe Gerald, wie erwähnt, laut gesagt, aber das sei der Eindruck, den Richard von ihm gewonnen habe.
Seiner Meinung nach sei Gerald auch aufrichtig davon überzeugt, dass Marshall Raith ein Verräter sei.
Cherie werde Geralds erster Champion gegen Marshall sein; gegen Anabel habe er auch einen Champion, habe er erklärt, aber nicht sagen wollen, wer das sei. Das klinge beinahe, als wolle er es selbst machen, sage Richard, und ja, irgendwie tut es das. Richard war sich allerdings nicht ganz sicher, ob Gerald ihm nicht nur eine grandiose Show geliefert habe, um ihn zu täuschen.

Hmmm. Falls es wirklich ein Täuschungsmanöver sein sollte, überlegten wir gemeinsam, dann hätte Gerald Miami mit einem Sieg über Anabel eine Menge Luft verschafft, und wenn er dann wollte, könnte er die Leitung des White Court in der Stadt immer noch an Totilas abgeben.

Wir wüssten zu wenig über Marshall, befand ich. Wenn wir uns sicher sein könnten, dass er unschuldig sei, wäre es vielleicht einfacher, einen Weg zu finden, wie er unbeschadet aus der Duellsache rauskommt. Und wenn er wirklich unschuldig ist, dann verdient er auch einen guten Champion.
Totilas erwähnte nochmal das Gespräch zwischen Anabel und Marshall, das er belauscht hatte, wo Marshall seine Cousine förmlich um Hilfe angefleht, diese ihn aber am ausgestreckten Arm hatte verhungern lassen.
Es könnte ja auch sein, dass Marshall es tatsächlich ehrlich meint, dass er aber trotzdem benutzt wird, weil man – sprich  der Weiße König oder sonstige Raiths vom Weißen Hof – einfach weiß, welche Knöpfe man bei ihm drücken muss.

„Biete du dich ihm doch als Champion an“, schlug Alex Totilas trocken vor. „Damit würde zumindest mal niemand rechnen.“
Da schüttelte unser White Court-Kumpel aber sehr schnell. „Das kann ich Gerald nicht antun. Über die Kante schubse ich ihn nicht.“
Sein unglücklicher Gesichtsausdruck, während er das sagte, ließ aber durchscheinen, dass Totilas den Eindruck hatte, das habe er bereits getan.

Ich könnte Yolanda mal fragen, ob sie seit der Party nochmal mit Marshall über das Duell und seinen Champion gesprochen habe, fiel mir ein.
Als ich ihren Namen erwähnte, horchte Totilas auf. „Vielleicht wäre Yolanda als Richterin ja geeignet.“
Ich sah ihn entgeistert an. Als Champion? In einem Duell auf Leben und Tod? Meine Schwester? Keine Chance, Junge!

Dann rief ich auch nochmal bei meinen Eltern an, um sie vor der grassierenden Krankheit zu warnen. Dass sie für ein paar Tage vielleicht möglichst wenig aus dem Haus gehen sollten. Und dass ich Alejandra, die ja ohnehin gerade bei ihnen war, vermutlich über Nacht bei ihnen lassen würde. Lidia warnte ich dann ebenfalls.
Am liebsten hätte ich auch auch Dee angerufen, hatte sogar die ersten Ziffern ihrer Nummer schon gewählt, aber dann legte ich auf. Das wäre vermutlich nicht so gut gekommen. Stattdessen bat ich Alex, seine Schwester zu warnen. Das tat er auch, wäre aber gar nicht nötig gewesen, denn Dee war mit Roberto in Little Havana und half bei dem Ritual. Hätte ich mir ja denken können, immerhin ist sie Spezialistin für Schutzzauber. Sie war da natürlich schwer eingespannt, aber sie versprach Alex noch, dass sie Edward Zugang zu dem Netzwerk der Task Force verschaffen werde.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 23.02.2016 | 22:21
Ricardos Tagebuch: White Night 4

Richard Raith saß ja auch noch bei uns. Dem sagte Edward rundheraus, er interessiere sich für seine Forschungsergebnisse und dafür, wie er damals seinen Dämon losgeworden sei. Und warum er meine, dass dieselbe Vorgehensweise auch auf einen Red Court-Dämon Wirkung zeigen könne. Und vor allem, warum er glaube, dass Sancia ebenfalls ein Interesse daran habe, ihren Dämon loszuwerden.

Als voller Red Court-Vampir könne Sancia nicht mehr lieben, erklärte Richard. Sie wisse aber, dass ihr etwas fehle, und sie vermisse es und wolle es gerne zurückhaben. Und ja, er glaube ihr schon, dass sie darunter leide. Sancia ihre Seele zurückzugeben, würde den Red Court-Dämon nicht sofort vollständig aus ihr vertreiben, fuhr Richard dann fort, sondern sie eher wieder mehr wie zu einer Infected werden lassen.

Ursprünglich hatte Sancia ihren Mann ja gefangengenommen und ihn tatsächlich auch gefoltert, wie Richard jetzt in knappen Worten erzählte. Er habe sie aber überreden, oder überzeugen, oder beides, können, dass es anders besser sei, und so habe sie ihn freigelassen. Die Idee, ihr die Seele wiederzugeben, habe er nach seinen eigenen Erfahrungen mehr oder weniger improvisiert. Und ja, er hätte Sancia tatsächlich gerne wieder, seine Frau, wie sie früher gewesen war.

Nun gab Richard auch zu, wo seine Aufzeichnungen versteckt seien. Die bewahre nämlich Cleo duMorne zusammen mit Lafayettes eigenen Unterlagen auf. Und Cleo sei gut im Verstecken - sei ihr ganzes Leben lang schon auf der Flucht, mehr oder weniger. Ihr Vater habe sie anscheinend nur gezeugt, weil er irgendwelche magischen Experimente mit ihr habe anstellen wollen oder so etwas in der Art, und ihre Mutter sei dann mit dem Mädchen geflohen.

Ob Richard Spencer Declan kenne, wollte Alex dann wissen. Da wurde sein Gesicht grimmig. "Oh ja."
"Was müssen wir über ihn wissen?"
"Er ist ein Arsch."
"Das wissen wir. Was noch?"
Ich wurde genauer. "Wir haben gehört, Declan könne die Gesetze der Magie ungestraft brechen."
Richard schüttelte den Kopf. "Das geht nicht. Es ist ein kosmisches Gesetz, dass das nicht geht."
"Man hat uns aber davor gewarnt", hakte ich nach.
Das brachte Richard zum Überlegen, und er erzählte uns, dass es im White Council Gerüchten zufolge jemanden gebe, der das könne. Zumindest habe der Magierrat vor einer Weile einen ganzen Satelliten auf eine Ansiedlung des Red Court niedergehen lassen, was garantiert mit Magie erfolgt sein müsse, und dabei ebenso garantiert auch Menschen getötet worden seien.

Beunruhigend, aber es brachte uns im Moment nicht weiter, vor allem nicht in bezug auf unser aktuell drängendstes Problem. Also stellten wir diese Frage fürs Erste hinten an und befassten uns mit dem Seuchendämon aus Xibalba. Die Eingänge in die Maya-Unterwelt befinden sich traditionell in Höhlen. Okay. Wo gibt es Höhlen in Miami?
Alex wusste da ein paar. Etliche unterseeisch - da würden wir Ahalphu vermutlich nur schwer hinlotsen können. Der Camp Owaissa Bauer-Campingplatz hat eine Höhle, aber ein Campingplatz klang uns zu belebt. Dann noch das Salt Cave Medical Spa - vermutlich auch zu belebt - und die Lost Lake Caverns, ein Felsloch in einem See. Alles nicht so wirklich vielversprechend. Zumal letztere vor einer Weile gesprengt wurden und man wohl gar nicht mehr reinkommt. Mierda.

Aber gut. Angenommen, wir nehmen eine der beiden belebten Höhlen für unser Tor zurück nach Xibalba. Wie können wir Ahalphu besiegen? Was ist seine Schwachstelle? Was will er? Er sucht Anhänger, will angebetet werden, waren wir uns alle einig.
"Wir könnten ihm Anhänger versprechen", schlug Totilas vor. "Eine Sekte für ihn gründen."
Ich bin mir nicht sicher, wie ernst er das wirklich meinte, aber ich fürchte fast, ziemlich. Aber auch wenn es ein Scherz gewesen sein sollte, konnte ich das nicht witzig finden. Dass irgendwelche alten Wesen, die früher als Gottheiten angebetet wurden, überhaupt existieren, fällt mir schwer genug zu akzeptieren. Aber die auch noch aktiv zu unterstützen? Da mache ich nicht mit, und das sagte ich den Jungs auch.
"Schön, keine Sekte", knurrte Edward. "Aber können wir bitte irgendwas tun?! Es sterben uns Menschen weg hier!"

Wir beschlossen also, Ahalphu erstmal zu finden und mit ihm zu reden. Vielleicht wollte er ja, E.T.-Style, einfach nur nach Hause und würde anstandslos durch das Tor gehen? Immerhin wurde er gegen seinen Willen hergerufen. Okay, nicht sonderlich wahrscheinlich, aber versuchen mussten wir es.

Die Spur, die sich für Edward nach seinem üblichen Finderitual auftat, führte nach South Beach. Dort saß auf einer Bank ein älterer Mann, Typ südamerikanischer Ureinwohner, einen Gehstock neben sich und eine Pfeife in der Hand, der sich völlig entspannt und zufrieden die Gegend und vor allem die vorübergehenden Menschen anschaute. Zum Baden war es etwas zu kühl, aber es herrschte doch reichlich Leben am Strand. Der Pfeifenrauch rieche seltsam, befand Edward, ziemlich ungesund, deswegen hielten er und ich uns sorgfältig abseits davon und in sicherer Entfernung, aber in Hörweite, während Alex und Totilas auf den Eiterdämon zugingen. Die beiden sind einfach seuchenresistenter als Edward und ich.

Als sie vor ihm anhielten, sah der alte Indio zu ihnen und betrachtete beide interessiert.
„Schönen Tag“, grüßte Alex.
„Es ist wirklich ein schöner Tag, das stimmt“, erwiderte Ahalphu. Er hatte einen undefinierbaren Akzent, sprach ansonsten aber einwandfreies Englisch.
„Sie sind nicht von hier“, sagte Alex ihm auf den Kopf zu.
„Ich bin ... gereist. Ein Tourist.“
„Und?“
„Es gefällt mir gut hier. Sehr gut sogar.“
„Was denn besonders?“, griff nun auch Totilas in das Gespräch ein.
„So viel Leben“, war Ahalphus Antwort. „So viele kleine Leben. So wirklich. Kleine Leben, jedes ein Funken. So viele Funken. Die kann man alle einfangen. Sie laden einen dazu ein, sie einzufangen, so hell sind sie. Na gut, dann sind sie weg, aber das macht ja nichts. Es sind noch andere da. So viele andere.“
Und mit diesen Worten breitete der alte Mann die Arme aus, als wolle er die ganze Welt umarmen.
„Was genau wollt Ihr denn hier?“, fragte Alex.
Der Seuchendämon winkte ab. „Ach, dass ich hier bin, war gar nicht geplant. Aber es ist schön hier. Und jetzt lasse ich mir die Sonne auf den Bauch scheinen und genieße die Funken. Es gibt so viele Menschen und andere Wesen hier, da falle ich gar nicht ins Gewicht. Ich glaube, ich bleibe eine Weile hier.“
„Ein Tourist reist aber weiter“, gab Totilas zu bedenken.
„Das stimmt“, lächelte der Dämon ihn überrascht an, als sei das ein völlig neuer Gedanke. „Die Welt ist ja eigentlich ziemlich groß, nicht wahr? Ich habe viel von New York gehört, da soll ziemlich viel Leben herrschen.“

Er sei doch eine Gottheit, warf Totilas ein, und Ahalphu nickte gemessen. Wie sei es denn dann mit Anhängern, fragte Totilas weiter. Das komme schon noch, winkte der Maya ab. Wenn die Leute die Wahl hätten, ihn anzubeten oder krank zu werden, dann würden sie ihn schon anbeten. Aber ganz ehrlich, immer dieses Anbeten, das sei doch auch anstrengend. Und rein optional.
„Du könntest mich anbeten!“, schlug er Totilas dann vor. Ahalphus Stimme klang dabei ganz beiläufig, plaudernd, aber Totilas stutzte und sah tatsächlich so aus, als denke er ernsthaft darüber nach.
„Was bietest du deinen Anhängern denn?“ wollte er wissen.
„Na dass sie nicht krank werden eben“, kam die Antwort.
„Das ist ganz schön schwach“, erwiderte Totilas.
Ahalphu lächelte. „Ach wirklich? Gib mir doch mal die Hand, Junge.“
Das wollte Totilas dann aber doch nicht. „Okay, vielleicht ist es doch nicht so schwach.“

Dort, in Xibalba, sei alles so anstrengend, klagte der Dämon. Immer diese Prüfungen. Das ewige Ballspiel. Hier scheine die Sonne. Und dann und wann... dann und wann sehe er jemanden an... nehme er jemandes Funken... und lasse ihn wieder los.
Bei diesen Worten blickte er zu einer jungen Frau, die am Strand Volleyball spielte. Hübsch, aktiv... vital. Sie schnaufte plötzlich durch und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Mierda.

Ob es gebe, das ihn davon überzeugen könnte, wieder nach Hause zu gehen, fragte Alex. Ahalphu überlegte einen Moment, legte dann den Kopf schief. Neue Leute in Xibalba. Getränke mit Schirmchen drin. Wenn Xibalba generell mehr wie hier wäre. Neue Spiele.
Da hakte Totilas ein. Wenn Ahalphu ein neues Spiel mit nach Xibalba brächte, wäre er dort der Held, erklärte er überzeugt.
Das ließ den Dämon tatsächlich einen Moment lang stutzen, aber dann schüttelte er den Kopf. Es gebe so viele interessante Spiele hier, die müsse er erst mal alle kennenlernen.

Alex bot an, er könne ihm Material nach Xibalba bringen und helfen, dort ein Sportzentrum aufzubauen. Er würde gerne anschließend wieder nach Hause, aber er wäre bereit, so lange dort zu bleiben, wie der Bau des Sportzentrums eben dauern würde.

„Ich mache euch einen Vorschlag“, sagte Ahalphu gutgelaunt. „Ihr zeigt mir Spiele. Und wenn mich eines davon überzeugt, dann machen wir das so.“
„Und solange nimmst du keine Funken?“ fragte Totilas.
„Wenn du solange auch keine nimmst?“, schoss der Seuchendämon zurück. „Ich werde nicht hungern und darben.“
Darauf erwiderte unser White Court-Kumpel nichts, aber es war klar, dass Ahalphu bei ihm einen Nerv getroffen hatte. Hungern und darben würde Totilas seinen eigenen Dämon wohl auch nicht lassen.

Das war der Moment, in dem die Volleyballspielerin zusammenbrach. Aufregung, Krankenwagen, das CDC kam auch. Dann wurde die Frau abtransportiert, und am Strand wurde es wieder einigermaßen ruhig. Oder eben so ruhig, wie es vorher gewesen war.

Während all dem hatte Ahalphu ruhig auf seiner Bank gesessen und das Schauspiel interessiert beobachtet. Nun klopfte er seine Pfeife aus, griff nach seinem Spazierstock und lächelte uns alle vier an. Ihm sei nach einem kleinen Spaziergang. Ob wir mitkommen wollten?

Was blieb uns anderes übrig?

Alex suchte uns eine Sportbar, die so früh am Nachmittag noch geschlossen hatte, deren Besitzer er aber kannte (natürlich!), deutete Ahalphu einen der Sitzplätze in guter Sichtweite eines der Bildschirme an der Wand aus und fing dann an, für den Dämon durch die Kanäle zu zappen.

Ahalphu mochte Snooker. Und Baseball. Eishockey schien ihn auch ziemlich zu faszinieren – aber dann schaltete Alex zur Formel 1, und davon geriet der Seuchendämon völlig aus dem Häuschen. Wettrennen! Rasende, pferdelose Kuschen, die im Kreis fahren! Er klatschte in die Hände und starrte auf den Fernsehschirm wie ein Kind bei seiner Lieblings-Zeichentrickserie, ehe er erklärte, das müsse er in echt sehen.

Und dann war Ahalphu mit einem Mal verschwunden, und als die Kamera über die Zuschauertribünen an der Rennstrecke schwenkte, war dort die unverkennbare Gestalt des alten Dämons zu sehen.
Cólera. Aber tun konnten wir erst einmal nichts deswegen.

Kurz darauf rief mich Yolanda zurück. Die war immer noch nicht wieder in der Stadt; ihr Richterjob hatte sie aufgehalten. Aber Marshall habe mit ihr gesprochen wegen des Duells, und sie hätte ihm Sir Anders als Champion besorgt. Ähm. Ah. Ahja.
Ich warnte sie dann noch vor dem Eiterdämon, ehe ich nachdenklich auflegte. Sir Anders. Cólera.

Während ich mit Landa telefonierte, hatte Edward mit dem CDC gesprochen. Die eingelieferten Kranken seien mit Entzündungshemmern und Gabe von viel Flüssigkeit einigermaßen gut zu behandeln, hatte er erfahren. Die Lage der meisten Patienten sei kritisch, aber größtenteils stabil, und es sei durchaus möglich, dass sie überleben würden, der modernen Medizin sei Dank. Es ist wohl auch tatsächlich nur eine einzige Krankheit, die Ahalphu da verbreitet, nicht mehrere und unterschiedliche.
Das war doch immerhin schon mal ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Als nächstes ließ ich mir von Totilas Marshall Raiths Nummer geben und bat den um ein Treffen. Er stimmte zu, und wir trafen uns in einem Café in der Nähe seiner Kanzlei.

Anfangs war Marshall zwar ziemlich angespannt, dann aber taute er allmählich doch auf und sprach erstaunlich offen über seine Beweggründe – oder zumindest tat er so. Das weiß man bei den Raiths ja nie so genau.

Jedenfalls erzählte er, er habe früher für Lord Raith und seine älteste Tochter Lara gearbeitet, habe dann aber seine Stellung dort – sein ganzes Leben, eigentlich – aufgegeben und sei nach Miami übergesiedelt, weil er hier neu anfangen wollte. Vor einem Jahr, als er herkam, sei es Gerald auch schon nicht so gut gegangen, also habe Marshall nach besten Kräften versucht, ihn zu unterstützen. Vielleicht sei er dabei nicht immer so diplomatisch gewesen, aber Geralds ganzer Hof habe immer so formlos gewirkt, da habe Marshall gedacht, sein Input sei willkommen. Er habe gedacht, vielleicht könne er die Stadt ein wenig mitgestalten, und der Gedanke habe ihm gefallen. Aber nicht, um an Geralds Stuhl zu sägen, sondern weil er einfach die Möglichkeit, ein wenig gestaltend mitzuarbeiten, als eine interessante Herausforderung empfunden hätte.
Er könne aber verstehen, dass Gerald glaube, Marshall wolle ihn im Auftrag des Weißen Königs absetzen. Das sei ja nur zu erwarten, immerhin sei der Ruf der Raiths ja bekannt.

Bei diesem ganzen Sermon klang Marshall völlig aufrichtig. Das Problem ist nur, aufrichtig oder lügend würde er genau dasselbe erzählen. Und zwar in genau diesem Tonfall. Immerhin machte er einen durchaus freundlichen Eindruck, und als er Yolanda erwähnte, hatte ich das Gefühl, dass ihm ihr Wohlergehen ernsthaft am Herzen lag. Er klang ihr auch aufrichtig dankbar, dass sie sich bei Sir Anders für ihn verwendet hatte.

Apopos Duell. Sollte das nicht zugunsten Geralds ausgehen, sei Marshall bereit, alles mögliche von Gerald zu akzeptieren, auch eine reine Geldsumme zum Beispiel, irgendetwas, das den Anführer des White Court von Miami nicht das Gesicht verlieren lassen würde. Er habe wirklich keine Absichten, die Führung hier zu übernehmen, und das sollte Gerald möglichst erfahren. Das konnte ich ihm zwar nicht versprechen, aber ich sagte, ich werde sehen, was sich tun ließe.

Er habe auch gar keine Veranlassung, sich einen Machtwechsel zu wünschen, erklärte der Anwalt noch. Denn ein Machtwechsel würde bedeuten, dass Anabel Raith die Zügel in die Hand nähme, und das wiederum würde eine Rückkehr zu genau den Machenschaften bedeuten, denen Marshall habe entkommen wollen.

Wer Anabel Raith eigentlich genau sei, fragte ich daraufhin. Was sie seiner Meinung nach wolle. Das sei eine der Töchter von Lord Raith, antwortete Marshall, die der Weiße König bislang an der sehr kurzen Leine gehalten habe. Eine eigene Stadt habe sie bislang nicht geführt, weil das ja bedeutet hätte, unter der Fuchtel ihres Vaters wegzukommen, und das habe der nie zugelassen. Lord Raith sei – bedeutungsschwere Pause – beeindruckend. Sehr beeindruckend. Und er habe seine Töchter gerne in seiner Nähe. Zum Glück sei der Lord strikt auf Frauen geeicht, fuhr Marshall trocken fort, und ich muss gestehen, dass das eine Information war, auf die ich gerne hätte verzichten können. Denn wenn das stimmt, was Marshall da andeutete – brrrr.

Jedenfalls, beendete Marshall seinen vorigen Gedanken, scheine Anabel wohl zu glauben, dass Lord Raith ihr die Stadt lassen werde, wenn sie Gerald stürzen könne. Ob sie damit recht habe und sich nicht selbst nur etwas vormache, bezweifle er allerdings – vermutlich werde der Weiße König stattdessen Anabel zurückbeordern und jemand anderen in Miami als Anführer einsetzen: ihn selbst, Marshall, vielleicht, oder Lord Raiths Sohn. Aber, betonte Marshall noch einmal, er selbst habe keinerlei Interesse an dem Posten, und es wäre ihm wesentlich lieber, der Status Quo bleibe bestehen.

Nach dem Gespräch ging ich dann erstmal heim, denn ehrlich gesagt bin ich nach der kurzen Nacht gestern ziemlich fertig. So früh ist es inzwischen auch schon nicht mehr, und deswegen gehe ich jetzt auch schlafen. Alles andere hat bis morgen Zeit. Nacht.

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04. November

Während ich gestern mit Marshall geredet habe, war Totilas übrigens bei Gerald. Auf die Details ist er nicht eingegangen, aber er hat es wohl tatsächlich geschafft, ein paar nette Stunden mit seinem Großvater zu verbringen. Als er hinkam, saß Gerald anscheinend in einem komplett leeren Zimmer auf einer Kiste und starrte ins Leere: ein ziemlich klares Zeichen von Burnout. Totilas hatte ein Lego Architecture-Set mitgebracht, und während sie das aufbauten, konnten sie sich ein bisschen unterhalten. Irgendwann habe Gerald seinen Enkel dann einen Auftrag gegeben. Nur zur Sicherheit, falls es mit dem Deal schiefgehen solle, solle Totilas Orféa Baez an den Deal erinnern. Was für einen Deal, wollte Totilas daraufhin natürlich sofort wissen. Das werde Orféa - äh, das werde er, Gerald - ihm dann sagen. Aber falls etwas schiefgehen sollte, solle Totilas sich unbedingt vor Lord Raith hüten. Der habe sich lange genug nicht für Miami interessiert, aber das habe sich jetzt geändert.

Nachdem wir von unseren jeweiligen Gesprächen erzählt hatten, überlegten wir, dass sowohl Sir Anders als auch Cherie wissen sollten, gegen wen sie jeweils anzutreten haben. Und vor allem Sir Anders sollte erfahren, dass "Leben und Tod" eben doch Verhandlungssache ist. Ein Duell zu verlieren, ist als solches übrigens erst einmal kein Gesichtsverlust, sagte Totilas. Dem Duell komplett auszuweichen, wäre hingegen schon einer.

Wir waren übrigens nur zu zweit heute vormittag. Roberto war noch mit seinem Ritual beschäftigt - oder vermutlich eher am Ausschlafen nach den Anstrengungen -, Edward arbeitete, und Alex war, kaum dass wir uns getroffen hatten, von Hayley angerufen worden, die meinte, sie hätte einen Ort für das Tor nach Xibalba gefunden, und Alex und Eleggua sollten doch möglichst mal vorbeikommen. Das ließ unser Kumpel sich natürlich nicht zweimal sagen. Ich hoffe ja sehr, der Ort taugt was.

Nach unserem gegenseitigen auf-Stand-bringen trennten Totilas und ich uns, weil er mit Cherie reden gehen wollte und ich mit Sir Anders. Der versuchte sein Entsetzen zu verbergen, wurde aber dennoch bleich, als ihm klar wurde, dass seine Gegnerin im Kampf Eisen einsetzen kann. Aber er habe sein Versprechen gegeben, jetzt einen Rückzieher zu machen, stehe völlig außer Frage. Und das Konzept "aufgeben" kennt er überhaupt nicht. Mierda. Einen Moment lang überlegte ich, ob ich Anders in meiner Funktion als Sommerritter befehlen sollte, nicht an dem Duell teilzunehmen, aber das schlug ich mir ganz schnell aus dem Kopf. Dann hätte er den Befehl zwar von mir und könnte sich nicht widersetzen, aber sein Gesicht hätte er trotzdem verloren, weil er ja dennoch sein Versprechen brechen müsste. Und damit wäre er dann doppelt gestraft. Memo an mich: Marshall muss Anders dringend dahingehend instruieren, dass der als sein Champion nicht bis zum Letzten kämpfen soll.

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Habe gerade wieder mit Totilas gesprochen. Cherie war die über die Info, gegen einen Fae antreten zu dürfen, ziemlich erfreut. Eisen und so.

Mit Gerald hat Totilas auch nochmal geredet. Der glaube immer noch nicht, dass Marshall hier wirklich nur seine Ruhe wolle. Immerhin sei er am Hof des Weißen Königs eine Art interner Cop gewesen, und das sei ja nun nicht so unwichtig. Der sei schon gut in seinem Job, und Lord Raith werde sicherlich nicht Anabel über Miami setzen, sondern Marshal. Der sei ja schon eine ganze Weile hier und kenne die internen Strukturen.

Totilas habe dann gefragt, wie er Gerald am besten unterstützen könne, woraufhin er zur Antwort bekam, er solle auf sich aufpassen und auf der Hut sein, vor allem vor den Verwandten. Trotz dieser Worte hatte Totilas aber dennoch das Gefühl, dass Gerald irgendeinen Plan habe. Immerhin passiere in Sachen White Court nichts in der Stadt, was Gerald nicht geplant hat. Na, es hilft ja alles nichts. Wir können wohl nur abwarten, fürchte ich.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 20.05.2016 | 17:56
Ricardos Tagebuch: White Night 5

05. November. Soll ich wirklich anfangen, einen Countdown zu setzen bis zum Duell? Oder einen Count-Up? Dann wären wir bei Tag 4.

Mamá hat angerufen. Die hatten am Wochenende eine kleine spontane Fiesta im Viertel, nachdem die Orunmila einen Schutzkreis darum gezogen hatten. Schön, freut mich ja für sie. Aber Mamá wollte natürlich gleich wissen, was los sei, sie hätte bei der Feier meinen Freund Roberto mit meiner Freundin Dee gesehen? Ob er mir etwa die Freundin ausgespannt hätte? Aaaarg. Sie war nie meine Freundin. Jedenfalls nie richtig. Genau das war ja das Problem. Das mit dem Ausspannen habe ich schon ganz alleine geschafft, vielen herzlichen Dank. Danke auch für die Erinnerung, Mamá. Und ja, ich bin jetzt dreißig. Ja, du hättest gern einen weiteren Enkel. Ich weiß. Einen Schritt nach dem anderen, okay?

Wie dem auch sei. Es gibt auch ein paar gute Nachrichten, oder wenigstens für den Fall relevante. Haley hat sich gemeldet, sie habe einen Ort gefunden, von dem aus man Ahalphu gut nach Hause schicken könnte. Und Richard Raith hat sich gemeldet. Der würde sich gerne mit uns treffen. Alles klar, heute nachmittag im Behind the Cover.

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Kurz ein paar Notizen, während wir bei Oliver ein Sandwich essen. Richard hatte eine Idee für Gerald. Man könnte mit ihm dasselbe Ritual vollführen, das er, Richard, selbst damals an sich durchgeführt hat, um seinen Hungerdämon loszuwerden. Dann wäre Gerald wieder ein normaler Mensch und könnte neu anfangen, ohne die ganze White Court-Bürde.

Die Frage wäre nur, was mit dem herausgetrennten Dämon passieren würde – den müsste man sofort verbannen, damit der nicht frei herumstreift und ein Massaker anrichtet. Und natürlich können wir Gerald nicht dazu zwingen. Sowas müsste rein freiwillig passieren, und da ist dann die Frage, ob er das überhaupt will. Und falls er es will, wo man ein solches Ritual am besten abhält. Die White Court-Dämonen kamen ja ursprünglich aus Schottland, erzählte Richard, vielleicht müsste man das tatsächlich dort in Schottland machen. Und Gerald könnte dann gar nicht erst mehr mit zurückkommen, der müsste verschwunden bleiben, eben des kompletten Neuanfangs wegen.

Wir saßen noch mit Richard zusammen, da tauchte eine ziemlich unsicher wirkende junge Frau auf. Sehr nett und freundlich, aber scheu wie ein Reh. Und vor allem sehr auf Richard bezogen. Sie freute sich riesig, ihn zu sehen. Dass der ihr Mentor und Ratgeber war und sie sich in allen Dingen an seine Führung hielt, war unverkennbar. Wie ich mir schon fast gedacht hatte, war das Cleo duMorne. Wir hätten sie sprechen wollen, hier sei sie. Was es denn gebe?

Wir fragten sie nach Lafayettes Aufzeichnungen, erzählten, dass Sancía die suche und an sich bringen wolle. Sofort blickte Cleo fragend zu Richard, der den Kopf schüttelte: Nein, Sancía solle die Aufzeichnungen nicht in die Hände bekommen. Aber darum ging es ja auch gar nicht. Wir sind sind diejenigen, die uns die Texte mal anschauen wollen, ob wir Informationen über dieses Dämonenentfernungsritual finden können. Und vor allem den Namen dieses Lochs in Schottland, wo das am besten stattfinden sollte.

Cleo fragte jedenfalls, ob sie die Bücher mal holen solle, und wir baten sie darum – wirklich los ging sie aber erst, als auch Richard zustimmend nickte. Ich dachte, sie müsse jetzt sonstwo hin, aber sie verschwand direkt hier im Laden hinter einem Regal und brachte gleich darauf aus einer verborgenen – sehr gut verborgenen, da muss ein magischer Schleier drauf liegen, denn ich wäre im Leben nicht darauf gekommen, dass hinter dem Regal überhaupt noch irgendwie Platz für irgendwas sein könnte – Ecke eine Kiste zurück.

Ehe wir uns dran machen, die Sachen durchzuschauen, essen wir aber erstmal unsere Sandwiches fertig. Nicht dass die Bücher noch Flecken bekommen.

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Okay. Das ist nicht gut. Wir haben die Bücher durchgesucht – das hat ziemlich gedauert (ich habe mich von Lafayette duMornes Tagebuchaufzeichnungen ablenken lassen, seine Beschreibungen des Lebens in den 1920ern sind unglaublich faszinierend; aber Edward war auch nicht besser, der hat ein Ritualbuch gefunden, das ihn fesselte, natürlich), wir haben dann aber doch gefunden, was wir suchten. Totilas brach auf, um mit Gerald reden zu gehen, kam aber keine Minute später wieder rein. Draußen steht ein Auto, dessen Insassen den Buchladen im Blick haben und ziemlich eindeutig auf etwas lauern. Im Zweifel auf uns. Raubtier-Aura, sagt Totilas. Eine schwarze Limousine. Klar. Es ist inzwischen dunkel draußen. Das ist der Red Court. Mierda.

Totilas ist gerade wieder raus, der wollte nur so tun, als habe er etwas vergessen. Cleo bringt eben noch die Bücher zurück in ihr Versteck – das mit den Ritualen hat Richard aber Edward mitgegeben – und dann raus hier. Cleo sagte, sie kann Richard unter einen Schleier packen, damit die beiden unbemerkt wegkommen.

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Später. Eben heimgekommen, nach kleinem Umweg über den Arzt. Wie heißt es so schön? Bloody and battered, but alive? Irgendwie so. Padre en el cielo, ich danke dir. Das hätte viel, viel schlimmer ausgehen können. Zum Glück ist Jandra nicht aufgewacht, als ich eben reingewankt bin. In einer Dreiviertelstunde ist Aufstehenszeit. Solange noch durchzuhalten, sollte ich hinbekommen.

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06. November

So. Wieder einigermaßen kohärent. Sobald Jandra Richtung Schule losgezogen war – meine ganzen Blessuren hat sie beim Frühstück zum Glück nicht bemerkt – habe ich mich endlich hingelegt und ein paar Stunden geschlafen. Jetzt fühle ich mich erst so richtig steif. Au. Mierda. Aber alles in allem bleibe ich bei dem, was ich sagte: Das hätte viel, viel schlimmer ausgehen können. Memo an mich, dringend: Nicht. Mit. Acht. Red. Courts. Gleichzeitig. Anlegen.

Cleo und Richard verschwanden unter Cleos Schleier. Wir rechneten damit, dass die schwarze Limousine weiter auf uns warten würde, aber die fuhren los, sobald sie den Laden verlassen hatten. Die mussten irgendeine Möglichkeit haben, den beiden zu folgen. Mierda!
Natürlich hängten wir uns an sie.
Nach ziemlich kurzer Zeit schon hielt die Limousine an, und vier Red Court-Vampire stiegen aus und rannten in eine Seitengasse. Edward sprang aus dem Auto und folgte ihnen, während Alex sein Auto eilig um die Ecke fuhr, wir dann von der anderen Seite in die Gasse liefen.
Die vier Vampire rannten geradewegs auf etwas zu – vermutlich Richard und Cleo, noch immer verschleiert. Es sah so aus, als würden weder Edward noch Alex rechtzeitig bei ihnen sein, und wenn die Roten ihre Opfer trotz Unsichtbarkeit so leicht finden konnten...
Ich war zwar ziemlich weit weg, aber vielleicht konnte ich trotzdem etwas tun. Ich rief die Rittermagie nach oben und formte sie zu dem einen Zauber, der erstens so einfach ist, dass ich ihn inzwischen beinahe instinktiv hinbekomme und sich zweitens nun schon mehrfach bewährt hat. Sonnenlicht durchflutete die Gasse, und die vier Red Courts kamen nicht schnell genug aus dem hellen Bereich weg. Ein vage angekokelter Geruch stieg von ihnen auf, und sie sahen zu, dass sie abhauten. Hossa. Das hatte ja besser geklappt, als ich mir zu träumen gewagt hätte!

Dummerweise half das nur nicht viel, denn von draußen war Reifenquietschen zu hören, dann kamen vier neue Vampire in die Seitengasse gerannt. Und vom anderen Ende der Gasse gleich nochmal vier. Acht?! Was zum?
Aber okay. Es hatte ja eben schon so gut funktioniert, also gleich nochmal. Und wenn mein Sonnenlicht vier Red Courts vertreiben konnte, warum nicht auch acht? Da war nur das klitzekleine Problem, dass die acht Angreifer aus zwei unterschiedlichen Richtungen auf uns zugerannt kamen. Hinter der zweiten Gruppe folgte Totilas, konnte ich sehen. Also konzentrierte ich mich auf die erste Gruppe, die uns schon näher war, und sammelte wieder die Magie in mir, ließ sie in dem patentierten Sonnenlichtzauber aus mir herausfließen. Aber woran es auch liegen mochte – an der Eile vielleicht, mit der ich die Magie versuchte, oder daran, dass es mein zweiter Zauber innerhalb weniger Sekunden war – diesmal kam der Effekt ein wenig anders, als ich ihn geplant hatte: kein langanhaltender Lichtkegel, sondern ein kurzer, greller Blitz, der sofort wieder verschwand. Und dem die Vampire mühelos ausweichen konnten. Mierda.
Schon horchte ich in mich hinein, um den Zauber ein drittes Mal zu rufen, da waren sie auch schon bei mir mit ihrer unmenschlichen Schnelligkeit. Alle vier auf einmal. Und die zweite Gruppe gleich mit. Denn ich befand mich zwar hinter den anderen, aber offensichtlich empfanden die Roten mich als die größte Bedrohung. Okay, ich war ja auch der Typ, der gerade tödliches Sonnenlicht gerufen hatte...

Jedenfalls.
Ehe ich irgendwas machen konnte, ehe die Jungs irgendwie eingreifen konnten, waren die Red Courts bei mir. Es waren wohl nur wenige Sekunden, in denen sie mit voller Wucht auf mich einprügelten, aber mir kam es vor wie eine Ewigkeit. Ich war beinahe dankbar, als die Lichter endlich ausgingen, auch wenn mein letzter Gedanke ein Stoßgebet war und die Gewissheit, dass ich nicht mehr aufwachen würde. Das, und im Moment des Untergehens ein ganz seltsamer, sinnlich-lüsterner Schauder, der irgendwie von meiner Kehle auszugehen und meinen ganzen Körper zu durchdringen schien. Wenn das der Tod war, dann war der Tod vielleicht nicht so schlecht.

Ich wachte natürlich doch wieder auf. Offensichtlich, duh. Es war noch nicht mal sonderlich viel Zeit vergangen. Ich befand mich noch immer in dieser Gasse, und alles tat mir weh. Der Geschmack von Blut in meinem Mund. Roberto gerade dabei, mich notdürftig zu verbinden. Und immer noch diese merkwürdige Erregung. Hatte ich mir die also nicht nur eingebildet. Über der ganzen Szenerie blitzten bunt-schillernde Farben auf: eine magische Ablenkung seitens Cleo. Totilas und Edward in einen heftigen Kampf mit den Vampiren verwickelt. Alex war nirgendwo zu sehen, aber eine Sekunde später dröhnte draußen vor der Gasse laut eine Hupe los, ehe wieder etwas später Alex' Van mit quietschenden Reifen und bereits offener Seitentür um die Ecke bog. Edward und Totilas deckten uns den Rücken, bis Richard und Cleo eingestiegen waren und Roberto mir ins Auto geholfen hatte, dann sprangen auch sie in den Innenraum. Nur weg hier!

Aber wohin? Zur Waystation draußen in den Glades, fiel uns ein, das ist neutraler Boden. Das eine ihrer Autos hatte Alex sabotiert, aber in dem anderen folgten uns die Vampire bis zu unserem Ziel. Dank der Fahrkünste unseres Freundes hatten wir gerade genug Vorsprung, dass wir unbehelligt in die Waystation hineinkamen, auch wenn die Jungs mich stützen mussten und ich sie ganz entschieden verlangsamte.

Wie gesagt, viel Vorsprung hatten wir nicht. Kaum hatten wir drinnen einen Tisch besetzt, hielt draußen auch die Limousine der Vampire. Die kamen ebenfalls herein, starrten uns herausfordernd an und ließen sich dann auch an einem Tisch nieder. Die würden uns natürlich jetzt nicht mehr aus den Augen lassen. War ja klar. Aber das waren nur Handlanger. Einer von ihnen zückte sein Telefon und tätigte einen Anruf – der sagte garantiert Sancía Canché bescheid, wo sie hinkommen sollte. Also gut. Dann würden wir eben warten.

Während wir warteten, ging Roberto, frech wie Oskar, zu dem Tisch der Red Courts hinüber, spendierte ihnen ein Bier und flirtete etwas mit deren Anführer. Irgendwann tauchte dann tatsächlich Sancia auf, als Roberto noch drüben am Red Court-Tisch stand. Dem warf Selva Elder einen missmutigen Blick zu – sie erinnerte sich nur zu gut daran, was bei Sancías letztem Besuch hier passiert war – aber diesmal blieb Totilas' Mutter friedlich. Sie wolle Richard und sie wolle Lafayettes Unterlagen, erklärte sie. Roberto nickte und bat sie um einen Moment, kam dann wieder zu uns an den Tisch, damit wir beratschlagen konnten. Irgendeinen Kompromiss mussten wir finden, irgendwas mussten wir ihr geben, nur was? Irgendwas, das sie erstmal soweit zufriedenstellt, das ihr aber auch nicht zu viel weiterhilft. Denn, bekräftigte Richard, Sancía sei so ungeduldig (als ob wir das nicht gewusst hätten) und das Ritual noch nicht fertig. Wenn sie jetzt auf eigene Faust damit experimentierte, würde sie das mit gar nicht so geringer Wahrscheinlichkeit umbringen.

Mit Alex und Roberto ging ich hinüber an Sancías Tisch. Totilas war noch blasser um die Nase als sonst und schüttelte nur stumm den Kopf, als wir aufstanden, und auch Edward wollte den roten Vampiren lieber nicht zu nahe kommen. Ich hätte vielleicht auch besser nicht mitgehen sollen, denn der Anführer des Schlägertrupps – Pablo, wie Roberto ihn nannte – warf mir einen hungrigen Blick zu und leckte sich aufreizend langsam über die Lippen. Klar, fiel mir dummerweise erst in genau diesem Moment ein: angeschlagen und blutig geprügelt, wie ich war, musste ich ja für einen Vampir geradezu nach Festmahl riechen. Schlau, Alcazar. Echt schlau. Aber da war noch etwas anderes. Dieses seltsame, beinahe wollüstige Erschauern, das sich während der Autofahrt zum Glück wieder gelegt hatte, durchfuhr mich bei Pablos Blick von neuem, und ich fragte mich, wie es wohl wäre, wenn der Vampir seine Fänge in mich schlüge, und ich stellte mir vor, wie unglaublich gut es sich anfühlen würde, langsam und genüsslich von ihm ausgesaugt zu werden, mich ihm ganz und gar hinzuge --- waah! Einfach nur jetzt daran zu denken, bringt dieses verdammte Gefühl schon wieder hoch. Das ist doch nicht normal!

Okay. Tief durchatmen. Denk an was anderes, Alcazar. Kaffee, genau. Kaffee ist gut jetzt.

Jedenfalls ließ ich also größtenteils Roberto reden, warf nur hier und da einen Kommentar ein, um ihn ein bisschen zu unterstützen. Und am Ende hatten wir uns tatsächlich mit Sancía auf einen Kompromiss geeinigt. Richard hatte uns ja gesagt, welche Unterlagen seine Frau gefahrlos bekommen bzw. um welchen Teil des Rituals sie sich kümmern könnte.

Alex warf als Teil des Handels noch ein, Sancía solle den an ihre Leute ausgegebenen Dauerbefehl zur Jagd nach Richard aufheben oder zumindest aussetzen, aber dazu war sie nicht bereit. Zumindest nicht sofort. Wir sollen ihn heute abend mit in den Buchladen bringen, damit sie mit ihm reden und von uns die Bücher bekommen kann – und wenn wir nicht kämen, dann wisse sie ja auch, woran sie sei. Aber wir sollten uns keine falschen Hoffnungen machen, sie wisse schon, wo sie uns finde. Und sie sich keine Sorgen, schoss Roberto zurück, wir hätten nicht vor, die Stadt zu verlassen.

Dann war das Treffen vorüber, und nachdem die Vampire abgezogen waren, gingen Edward und ich erstmal zum Arzt. Edward hatte es bei dem Kampf in der Gasse nämlich auch etwas gebeutelt, während er und Totilas uns anderen den Rückzug deckten. Und dank der Anwesenheit von Lieutenant Parsen musste ich nicht mal irgendwelche unangenehmen Fragen zur Herkunft meiner Verwundungen beantworten. Hurra.

Und jetzt, wo ich wieder einigermaßen wach bin, muss ich dringend mit Marshall Raith reden, dass der Sir Anders die Anweisung gibt, sich im Duell nicht umbringen zu lassen.

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Seufz. Marshall und ich waren gemeinsam bei Sir Anders, und es wurde genauso schwierig, wie ich das befürchtet hatte. Der gute Anders ist nun mal ein Feenritter, und die kenne ich inzwischen einfach ein kleines bisschen. Der kapierte erst einfach nicht, was wir da von ihm wollten, denn in der Feenwelt gibt es klare Regeln, und ein Duell auf Leben und Tod ist ja nun wohl ganz eindeutig ein Duell auf Leben und Tod.
Erst mit einiger Mühe bekamen wir ihn dazu, einzugestehen, dass auch eine schwere Verletzung generell unter gewissen Umständen ein akzeptabler Ausgang für ein Duell auf Leben und Tod sein könne; dann nämlich, wenn der Verlierer in ein Koma falle und seine wahre Liebe ihn dann wachküsse. Also gut, gestand er uns dann zu, er werde zusehen, dass er die junge Dame nur in ein Koma schlage, der wahren Liebe wegen. Aber immerhin freute er sich, dass ich mir solche Sorgen um sein Wohlergehen machte. Wie gesagt: Seufz. Nicht so ganz das, was ich erhofft hatte, aber vermutlich das beste Ergebnis, das ich kriegen konnte.

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Im Buchladen. Bis zum Treffen mit Sancía ist noch ein bisschen Zeit. Genug, um kurz zusammenzufassen, was im Laufe des Nachmittags so passiert ist.

Totilas hat in der Zwischenzeit seinen Großvater besucht und war erfolgreicher, als er selbst gedacht hätte, wie er sagte. Er sieht auch tatsächlich deutlich gelöster aus als die ganze Zeit vorher.
Unser White Court-Freund hat es anscheinend wirklich geschafft, Gerald neuen Mut zu machen und ihn von Richards Idee zu überzeugen, zumal Gerald selbst wohl nie zum Vampir werden wollte. Nachdem Totilas Geralds Bedenken in Sachen Gefährlichkeit und Dämon-unter-Kontrolle-halten-sobald-er-freigesetzt-ist etwas zerstreuen konnte, erklärte der ältere White Court, Marshall solle beweisen, dass er es ernst meint, indem er für das Duell einen Aufschub verlange. Am besten zwei bis drei Monate gleich, aber das werde sich wohl kaum durchsetzen lassen, aber dann wenigstens so zwei Wochen vielleicht. Und er müsse unbedingt auf dem Recht des ersten Duells beharren, so dass auch Anabel von dem Aufschub betroffen wäre. Wenn er das tue, dann sei Gerald bereit, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass Marshall vielleicht doch nicht für den Weißen König arbeite.

Alles klar. Dazu sollten wir Marshall ja wohl problemlos kriegen können. Also ging ich gleich nochmal mit Marshall reden. Der klang dankbar und erleichtert und war sofort bereit, auf Geralds Bedingungen einzugehen. Eine plausible Ausrede, die er zur Begründung angeben könnt, fiel ihm auch gleich ein; diese ganze Aufregung um die Panama Papers bedeutet nämlich, dass er als Anwalt für Steuerrecht gerade alle Hände voll zu tun hat. Eine Gegenbedingung stellte er auch: Das Hansen-Konto, was auch immer das ist, müsse unbedingt geschlossen werden. Damit klinge es so, als sei Marshall nur für eine Gegenleistung bereit, auf Geralds Forderung einzugehen, aber in Wahrheit sei die Schließung des Kontos sogar ein Gefallen für Gerald, auch wenn der nichts davon wisse.

Marshalls Gegenforderung gab ich nach dem Gespräch an Totilas weiter, der wiederum sagte, er werde Gerald entsprechend informieren. Na dann hoffen wir mal.

Die anderen haben in der Zeit ihr Google-Fu bemüht und im Netz nach Auftritten oder Spuren von Ahalphu gesucht. Es gab einige Krankheitsfälle in Monaco, aber nichts Definitives. Alles in allem scheint der Eiterdämon von Autorennen zu Autorennen gehüpft zu sein.

Cleo und Richard sind inzwischen auch zu uns gestoßen, haben die Unterlagen für Sancía mitgebracht, und Totilas erzählte seinem Vater auch nochmal, was er bei Gerald erreicht hat. Richard brachte erstmal seinen Stolz auf seinen Sprössling zum Ausdruck („Ich wusste doch, dass du das hinbekommst!“, woraufhin Totilas prompt antwortete „Ich wusste das nicht, aber gut“), hat aber eben auch eine sehr interessante Frage in den Raum gestellt, nämlich ob wir schon wüssten, wer den White Court führen werde, wenn Gerald erstmal wieder ein normaler Mensch sei.

Oho. Red Court im Anmarsch. Nachher mehr.
Titel: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 1.06.2016 | 16:26
Na das lief doch ganz gut. Aber genau für sowas gibt es ja neutralen Boden. Sancía und Richard waren beide fürchterlich nervös und froh über die Anwesenheit einiger Unparteiischer, sprich uns. Sancía merkte nicht mal, dass es bei der Begrüßung beinahe zu Handgreiflichkeiten zwischen Roberto und einem der Red Courts gekommen wäre, so angespannt war sie. Roberto und der Anführer des Schlägertrupps, Pablo, lächelten einander nämlich an, worauf ein weiterer Vampir Roberto finster anstarrte. Dann schenkte unser Kumpel diesem Red Court ein besonders freundliches Lächeln, woraufhin dieser zischte und beinahe auf Roberto losgegangen wäre, wenn Pablo ihn nicht festgehalten hätte. Und mir ging prompt wieder dieser fiese Schauer durch Mark und Bein, nicht um einen Deut abgeschwächt. Irgendwas stimmt da ganz und gar nicht.
Aber wie gesagt: Sancía bekam von all dem gar nichts mit vor lauter Nervosität, und auch Totilas war zur Salzsäule erstarrt, sobald seine Mutter den Buchladen betreten hatte.

Es wurde ein steifes, sehr formelles Gespräch. Richard hätte es fast geschafft, dass seine Frau die Beherrschung verlor, weil er anfing, ihr zu erklären, was sie in Sachen Ritual alles nicht tun dürfe, aber Totilas stellte gerade noch rechtzeitig eine Frage, die Richard aus seinem Redefluss riss.
Es kristallisierte sich dann heraus, dass dieses eine Treffen nicht reichen würde, dass es irgendwann ein weiteres geben muss. Am besten wieder hier im Buchladen, immerhin ist der neutraler Boden. Kontaktieren kann Sancía Richard über uns, wenn nötig, und wir sie über Orféa Baez. Ach nein, besser über Pablo. War ja klar. Der redete übrigens gerade mit Oliver. Daraus, wie der Vampir immer mal zu uns rüber sah und vermeintlich unauffällig deutete, war klar ersichtlich, dass es um uns ging. Na super.

Jedenfalls ging sie dann, nachdem sie uns noch grummelnd zugestanden hatte, den Dauerbefehl gegen Richard erst einmal auszusetzen. Beim Gehen warfen sie und ihr Mann sich einen tiefen Blick zu, der von all den Komplikationen zwischen ihnen sprach.
„Gut, dass es hier keine unsichtbaren Geigenspieler gibt“, murmelte Edward, was ihm einen bösen Blick von Richard einbrachte. „Das wäre jetzt so ein Moment gewesen.“ Diesmal kam der strafende Blick von Roberto. „Edward!“ „Was denn?“

Das Sancía-Problem ist also mal für's Erste soweit gelöst, jedenfalls bis Richard etwas Konkretes vorweisen kann und es an das eigentliche Ritual geht. Vorausgesetzt, Ms. Canché hält sich an den Deal, versteht sich.

Ahalphu ist eine offene Baustelle – aber da konnten wir gerade noch nichts machen, oder besser, eine andere Baustelle schien uns drängender. Da stand nämlich ja immer noch die Frage im Raum, wer Geralds Nachfolge antreten solle. Marshall oder Totilas, eine andere Möglichkeit sahen wir nicht.
Totilas schaute zweifelnd drein. Er wisse nicht, ob er die Kompetenzen habe, den White Court einer Stadt zu führen, und Marshall müsste man auf den Zahn fühlen. Aber wie ich Marshall einschätzte, bleibe der ohnehin lieber der Ratgeber im Hintergrund, gab ich noch zu bedenken. Und Totilas würde ja nicht alleine dastehen, machten wir unserem Freund Mut.

Ideal wäre es, wenn wir Anabel Raith noch irgendwas anhängen könnten, damit sie die Stadt verlässt und Totilas sich nicht länger mit ihr herumschlagen muss. Nur wie, ist die Frage.
Okay... Was will Anabel Raith? Vor allem will sie unter der Fuchtel ihres Vaters weg, und hier in Miami sieht sie eine Chance dazu. Nur hilft uns dieses Wissen dabei, ihr etwas anzuhängen?
Gäbe es in den Panama Papers, mit denen Marshall sich gerade beschäftigt, vielleicht einen Hebel?
Ähm, nein. Da war sehr schnell klar, dass wir mit einem Hebel aus den Panama Papers nicht Anabel Raith, sondern dem Weißen König höchstselbst ans Bein pinkeln würden, und das wollte keiner von uns.

Totilas hatte dann die Idee, Miami für Anabel zu verderben, es ihr zu verleiden und unschmackhaft zu machen. Aber auch hier wieder die Frage: Wie? Denn Miami ist nun mal eine attraktive Stadt, da wird das mit dem Verleiden gar nicht so leicht. Ihr vielleicht die ganzen Probleme zeigen, die wir hier haben?, schlug Alex vor, aber die Idee gefiel Totilas gar nicht. Damit würden wir ihr Schwachstellen aufzeigen, an denen sie ansetzen könnte, und damit hatte unser White Court-Kumpel natürlich nicht unrecht. Ganz abgesehen davon, dass Totilas sich dazu erstmal bei Anabel einschmeicheln müsste, um überhaupt in der Lage zu sein, ihr Dinge zu erzählen.

Edward überlegte, ob es einen Grund gebe, Anabel zu verhaften, aber dummerweise fiel weder ihm noch uns so richtig einer ein. Das mit den Drogen an der Feier war ja nur im Scherz gesagt, haha.

Wir könnten Spencer Declan gegen sie aufbringen, warf Roberto in den Raum, und das war eine Idee, die bei uns allen Anklang fand. Auch und vor allem bei Richard, der meinte, Declan wolle ohnehin keinen anderen White Court, der hier in der Stadt das Sagen habe, denn Gerald kenne seine Geheimnisse, aber mit Gerald habe Declan seit der White Night damals einen Deal. Sie lassen einander in Frieden, und die weißen Vampire verraten dem Magierrat nicht, wie diplomatisch ihr hiesiger Warden mit dem Red Court umgeht.

Totilas überlegte, dass er zu Declan gehen könne und bei dem auf gut Wetter machen, andeuten, dass er an Geralds Stuhl säge, aber nicht vorhabe, es sich mit dem Ratsmagier zu verscherzen. Das wäre doch schon mal ein Ansatz.
Aber, hmmm... vielleicht hätte Gerald selbst ja noch eine Idee, wie man Anabel anschwärzen oder Declan gegen Anabel aufbringen könnte?

Also statteten wir Gerald einen Besuch ab. Richard ging nicht mit, der wollte nach Haley sehen bzw. sich um Cleo kümmern gehen. Als wir in Raith Manor ankamen, empörte dessen Herr sich am Telefon gerade künstlich, aber höchst überzeugend, über den Aufschub, den er Mashall Raith wegen des Duells gewähren müsse. Sobald er aufgelegt hatte, führte er uns in ein Privatzimmer, wo wir ungestört reden konnten.
„Ihr wollt also Anabel an den Karren fahren.“

Edward wurde von Gerald erst einmal aus dem Zimmer komplimentiert, eine rauchen gehen – Edward raucht gar nicht, aber trotzdem, eine rauchen gehen – oder sich die Beine vertreten oder so. Was Gerald zu erzählen hatte, war nämlich nicht für seine Polizistenohren bestimmt. Okay, ich hätte das jetzt auch nicht so dringend hören müssen – ja, ja, ja, ich weiß. Naiv, Alcazár. Es ist ja nun nicht so, als ob ich nicht gewusst hätte, dass Miamis Vampire in Drogen unterwegs sind – aber ich bin wenigstens nicht dazu verpflichtet, Maßnahmen zu ergreifen. Denn Gerald erzählte uns, was es mit diesem Deal zwischen ihm selbst und Orféa Baez auf sich hat, der schon mal erwähnt wurde. Das war nichts weiter als ein Tausch, eigentlich, aber ein für beide Seiten profitabler.
Das Geschäft mit dem Ecstasy für die Touristen hatte Raith im Zuge dieses Deals jedenfalls an den Red Court abgegeben, während die Drogen in der Pornobranche an den White Court gingen.
Gerald habe gewusst, dass der White King kommen bzw. jemanden schicken würde, sagte er, und dann habe er in der Lage sein wollen, etwas vorzuweisen, das dem Weißen Hof einen Vorteil brächte. Was das genau für ein Vorteil sei, darauf ging er nicht näher ein.

Ob und inwieweit das Wissen um dieses Geschäft uns jetzt dabei hilft, Anabel Miami zu verleiden oder nicht, bin ich mir noch nicht ganz sicher. Aber es ist vielleicht schon mal gut, es zu haben. Als Edward aber dann wieder im Raum war, wandten wir uns weiteren Möglichkeiten zu, die junge Dame aus der Stadt zu ekeln.
Unsere Idee, Spencer Declan auf sie anzusetzen, fand der ältere Raith gar nicht übel. Der Warden sollte vielleicht von Geralds designiertem Nachfolger, sprich Totilas, erfahren, dass Anabel in dieser Stadt eine ganz schlechte Idee wäre.

Totilas' Großvater wusste außerdem, dass Anabel mit Cicerón Linares gesprochen hat. Ohooo. Und die Erwähnung von Linares brachte mich auf einen Gedanken. Dass es interessant wäre zu wissen, ob Anabel am Coral Castle mit Camerone gesprochen hat, nämlich.
Unwahrscheinlich, befand Gerald, oder wenn, dann vermutlich nicht sonderlich erfolgreich. Camerones Ziel im Leben wie im Geistertum sei es, ihm selbst das Leben schwer zu machen, aber für Totilas habe sie schon immer eine kleine Schwäche gehabt. Den würde sie vermutlich sogar gegen Anabel unterstützen, wenn er sie darum bäte, Geister schicken, um Anabel Steine in den Weg zu legen und dergleichen.
Ob es wirklich so schlau ist, bzw. wieviel es schaden kann, wenn Totilas sich bei seiner Urgroßmutter wirklich auf diese Weise in Schuld bringt, das ließen wir mal dahingestellt.

Wann sollte es eigentlich bekannt werden, dass es im White Court von Miami einen Führungswechsel gegeben hat, überlegten wir dann. Spätestens, wenn das Duell nicht stattfindet, weil Gerald verschwunden ist, passiert das ganz von selbst. Wobei das Duell vielleicht doch stattfindet, weil die Champions ja erscheinen werden und ihre Kämpfe auch in Abwesenheit des Hauptbeteiligten austragen können. Aber vielleicht können wir Cherie ja auch davon überzeugen, eben nicht anwesend zu sein. Das darf dann aber nur ganz kurz vorher passieren, sonst stellt die noch eine Dummheit an. Wie Anabel erschießen zu wollen, zum Beispiel.

Ich weiß gar nicht mehr, wie es genau kam, aber plötzlich waren wir beim Herrn der Ringe. Ich glaube, wir hatten es gerade nochmal von Spencer Declan und dem White Council, und mit einem Mal fing Gerald an, laut darüber nachzugrübeln, ob der Weiße Rat im Herrn der Ringe oder der Magierrat in Edinburgh zuerst da gewesen sei. Ach was, korrigierte er sich sofort, den Rat der Magier gebe es ja schon seit Jahrhunderten. Aber vielleicht hatte J.R.R. Tolkien Verbindungen zu einem Ratsmagier, warf ich ein, und kam auf diese Weise an die Inspiration für den Namen?

Vom Weißen Rat und Tolkien landeten wir bei Gandalf, der erst der Graue war, ehe er zum Weißen wurde. Ob White Court-Virgins dann erst als „grau“ zählen, ehe sie zu echten White Courts werden? Hey, warte, ging es von da aus weiter. Dann wäre ja unser Versuch, Gerald wieder zum Menschen zu machen, eine Art 'Operation Gandalf'? Nein, das passte nicht so recht. Gandalf wurde ja erst zum Weißen. Lieber 'Operation Saruman'. Der wurde vom Weißen zum Nichts.

Okay, dann wäre die Sache mit Anabel vielleicht 'Operation Gollum'?, schlug Totilas vor. Dem (zumindest innen) hässlichen Gegenspieler etwas abjagen/verweigern, das dieser haben möchte? Und Ahalphu zurück nach Xibalba zu schicken, könnte man 'Operation Valinor' nennen, fiel uns ziemlich schnell ein. Ein nicht-menschliches Wesen nachhause bringen und so. Nur was wäre dann die Aktion mit dem Ritual für Sancía? 'Operation Kankra', warf Totilas in den Raum, aber da war ich nicht so überzeugt von. Klar, man könnte sagen, Sancía hat ihre Finger im Red Court wie ein Spinne im Netz, aber... hmmm. Nein. Nicht so richtig.

Gerald hörte sich unser Gefrotzel eine Weile mit zunehmender Belustigung an, bis er schließlich in gespielter Verzweiflung den Kopf schüttelte. „Ihr seid so schlimme Nerds!“
Hey, ich bin Schriftsteller! Ich schreibe Fantasy-Romane! Was erwartet er? Ganz abgesehen davon, dass Gerald selbst lustig – und durchaus sachbewandert – mitmischte, so ist es ja nun nicht.
Das Nerd-Spielchen setzten wir dann noch ein bisschen fort, indem wir über Ringe der Macht philosophierten, bis Gerald genug davon hatte, seufzte und mit Anabel reden ging.

Während wir auf Gerald warteten, stellten wir auch fest, dass Roberto den Herrn der Ringe noch gar nicht kennt. Edward grinste und meinte, er hätte nie gedacht, dass er das mal sagen würde, aber vielleicht sollten wir Roberto zum Geburtstag das Buch schenken? Hmmm, brummelte Roberto, dann doch lieber eine lange Filmnacht. Aber erst, wenn unsere derzeitigen akuten Baustellen einigermaßen geklärt sind. Alles klar, kann er haben - Totilas' Bildungslücke in Sachen Star Wars haben wir ja auch gestopft!

Im Zusammenhang mit unseren diversen Baustellen brachte unser White Court-Kumpel dann noch eine andere Idee ins Spiel. Wir wollen doch im Red Court von Miami in nächster Zeit grundlegend etwas verändern - wäre das vielleicht ein Argument, um Anabel die Stadt zu verleiden? Hmmm. Mal ein ganz anderer Gedanke, aber keiner, mit dem wir anderen uns so recht anfreunden konnten, aus mehreren Gründen. Erstens: Das ist ein sehr langfristiger Plan; Richard wird bestimmt nicht morgen oder auch nächste Woche mit seinen Forschungen erfolgreich sein. Zweitens: Der Plan ist streng geheim. Wenn bekannt würde, dass man aus Vampiren einfach so ihre Dämonen herausholen - oder es zumindest versuchen - kann, dann könnte das Konsequenzen haben, die wir jetzt so noch gar nicht in ihrer vollen Tragweite absehen können. Machtkämpfe, die darüber ausgetragen werden, dass man dem Gegner gewaltsam den Dämon entfernt... aber, nein, das ginge schonmal nicht, denn den Dämonen herausholen kann man ja anscheinend nur, wenn das Versuchsobjekt auch willig mitmacht. Aber trotzdem. Das ist garantiert nichts, von dem ich wollte, dass Anabel Raith - und somit auch der Weiße König - es erfährt. Und der Weiße König würde das mit ziemlicher Sicherheit als Gefährdung ansehen und Schritte unternehmen. Ähm... nein.

Irgendwann kam Gerald wieder, erstaunlich guter Laune und ein Grinsen unterdrückend. "Sie hatte genug von mir", erzählte er amüsiert, ehe sich sein Grinsen doch Bahn brach. "Sie wird keinerlei Ahnung haben, was ihr von ihr wollt - und das wird sie wahnsinnig machen!"

Mehr konnten wir dann erstmal nicht tun, also trennten wir uns; es war ja auch schon ziemlich spät. Totilas kontaktierte noch Declans Telefondienst, dass er gerne mit ihm sprechen wolle. Wir haben keine Ahnung, wie lange der Warden brauchen wird, um sich zurückzumelden, also haben wir beschlossen, morgen erst einmal Operation Valinor anzugehen. Für mich ist es jetzt auch langsam Zeit ins Bett zu gehen, es war ja doch ein langer Tag.

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Ha! Hahaa! Wir wollen dafür sorgen, dass Sancía ihre Seele wiederbekommt - ist doch klar, wie die Sache heißen muss. Operation Théoden, ganz eindeutig!
So, jetzt aber. Gute Nacht!

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07. November

Römer und Patrioten, ich berichte voller Stolz: Operation Valinor ist geglückt!

Als wir uns heute vormittag trafen, gingen wir ernsthaft das Problem an, was wir mit Ahalphu denn nun genau tun sollten, welcher Sport ihn wohl dazu verleiten würde, nach Hause zurückzukehren. Alex schlug vor, eine mechanische Rennbahn zu bauen. Mechanisch deswegen, weil es in Xibalba ja keinerlei Technik gibt, sogar Dampftechnologie sollte schon zu modern sein. Aber Kettcars zum Beispiel werden ja nur von Muskelkraft angetrieben, und die zu besorgen, sollte kein Problem sein.

Irgendwer (Roberto?) hatte noch den Gedanken, ob man Ahalphu vielleicht diverse Kartenspiele beibringen sollte, aber der Gedanke an Skelette mit Karten in den Knochenhänden ließ uns von dieser Idee dann doch Abstand nehmen. Also Kettcar-Rennbahn, alles klar.

Ich stiftete ein bisschen Kapital, Alex ließ seine Kontakte spielen, und so dauerte es gar nicht lange, bis wir einen überaus ansehnlichen Haufen an Rennbahnmaterial zusammen hatten. Fehlten nur noch die Ritualzutaten, um Ahalphu auch zu uns zu rufen. Die waren ziemlich ekelhaft, wenn ich das mal so sagen darf, immerhin reden wir hier von einem Seuchendämon.
Irgendwelche garstigen Bilder, die ich mir gar nicht genau anschauen wollte, von rotten.com. Das Geräusch eines Otto-Motors. Verdorbenes Hundefutter für das Schmecken und medizinische Abfälle zum Riechen - und ja, beides ist so widerlich, wie es klingt. Roberto brachte noch etwas esoterisches Räucherwerk für die Seeele und die kleine Statue eines Maya-Dämons zum Berühren, und ein alter Maya-Text war für den Geist.

Mit all diesen Sachen fuhren wir hinaus zu der Grotte, die Haley entdeckt hatte. Sie war auch schon dort, zusammen mit Eleggua. Der sah gerade sehr jung und vital aus und erklärte, sie würden eigentlich bestimmt auch zu zweit mit so einem Eiterdämon fertig, aber besser, sie müssten es nicht. Nein, setzte Haley noch hinzu, das wäre nicht so gut. Denn lauter Totengötter, die sich da prügelten, das täte der Landschaft sicherlich nicht so gut.

Ääääähm. Das war dann wieder mal so ein Moment, wo dem imaginären Comic-Cardo die Kinnlade runtergeklappt wäre. Also eigentlich hätte ich es mir ja denken können. Dass Haley kein normaler Mensch ist, war mir ja klar. Aber ich hatte eben so in Richtung Emissary gedacht, so wie Alex etwa, nur halt... ich weiß nicht. Übernatürlicher. Aber irgendwie machte es da jetzt erst 'klick'. Haley, Hel, natürlich! Totengötter. Seufz.

Es war also besser, dass wir auch da waren, um mit Ahalphu fertig zu werden. Aber erst einmal mussten wir ihn überhaupt herbekommen.
Das Ritual war gar nicht so leicht. Beinahe wäre es Edward entglitten, hatte ich den Eindruck, aber mit Robertos Unterstützung bekam er es dann doch unter Kontrolle.
Irgendwann erschien der Eiterdämon, aber er ließ sich Zeit, damit es bloß nicht so aussähe, als springe er sofort, wenn man nach ihm pfeife, schaute vermutlich erst sein Autorennen zuende oder so. Sonderlich begeistert war er nicht, dass wir ihn gerufen hatten, aber doch einigermaßen höflich. Was wir denn von ihm wollten?

Alex erklärte ihm unsere Idee von den Rennen mit den mechanischen Kettcars. Ach nein, befand der alte Maya, das sei ja langweilig, wenn alles nur an den Kämpfern selbst hinge und die gar keine Hilfsmittel zur Verfügung hätten! Aber gerade das mache es doch gerade so spannend, erwiderte Alex: Es komme eben ganz allein auf die Wettkämpfer an, auf deren Muskelkraft und deren Ausdauer und deren Durchhaltewillen! Und Hilfsmittel hätten sie ja in den Tretautos, nur eben keine so schnellen wie in der Formel 1.

Tatsächlich ließ Ahalphu sich überzeugen. Er fing sogar leicht an zu grinsen, als Alex von ‚nicht so schnell‘ sprach. In Xibalba gebe es so viel Magie, da ließe sich schon was machen.
„Ihr habt mich beeindruckt“, sagte er schließlich. „Ihr habt mir einen Gefallen getan, und das passiert nicht allzu oft. Wenn ihr je mal einen alten Eiterdämon brauchen solltet…“ Und mit diesen Worten überreichte er Alex einen Ring. Dann steckte er die ganzen Materialien in die Jackentasche – und ja, ich weiß, dass ich das gerade geschrieben habe. Er steckte die ganzen Materialien, Kettcars, Holz, Nägel, Werkzeuge, das ganze Programm, in seine Jackentasche. Fragt mich einfach nicht, wie – und sah uns erwartungsvoll an.

Haley und Eleggua legten ihr menschliches Aussehen ab. Beide wurden größer, präsenter, beeindruckender, Eleggua tiefschwarz und Haley – Hel – knochenbleich, ehe sie ein vollkommen präzises Tor öffneten. Ahalphu ging hindurch, das Tor schloss sich, die beiden Totengötter nahmen ihre Menschengestalt wieder an, und damit war Operation Valinor beendet.

Bis auf die Frotzeleien, die unweigerlich folgten. Bei uns folgen immer Frotzeleien. Ich glaube, wir haben sogar in Ruiz‘ Kerker damals blöde Witze gemacht. Wobei, nein. Da vielleicht nicht.
Aber diesmal jedenfalls fingen wir an, zu sinnieren, dass, wenn die Tretautos in Xibalba ein Erfolg werden, vielleicht irgendwann alle Unterwelten welche haben wollen. „Martin's Kettcars – We take you (N)Everywhere!” Nur im Hades wäre das mit den Kettcars vermutlich etwas schwierig. Aber hey, Tretboote für den Styx!

Haley fragte dann sogar durchaus ernsthaft, ob Alex ihr sowas für Helheim bauen würde, und unser Kumpel versprach ihr, sich darum kümmern zu wollen. Aus Konkursmassen von Sportgeschäften und ähnlichem sollten sich ja wohl genug Tretautos auftreiben lassen, um das hinzubekommen!

Oh, und von meinen komischen Wallungen, wenn ich diesen Pablo sehe oder nur an ihn denke, habe ich den Jungs auch erzählt. Die wussten, dass es wohl irgendwas mit dem Speichel der Rotvampire auf sich hat. Brrrr. Gut zu wissen. Aber irgendwann habe ich das Zeug ja dann hoffentlich auch mal wieder aus mir raus.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 1.06.2016 | 20:14
Falls sich übrigens jemand fragt, wie dieser ominöse Comic-Cardo so aussehen könnte, der gelegentlich erwähnt wird: Ich konnte es nicht lassen. Nachdem mir der Gedanke jahrelang im Kopf rumging, habe ich eine sehr nette und sehr talentierte Zeichnerin gefunden (Vielen Dank an Nocturama für den Tip!). Das Ergebnis ihrer Anstrengungen findet sich im Anhang. :D
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 26.09.2016 | 00:39
Das Folgende ist ein Experiment. Im Juli konnte ich an einer Miami-Runde nicht teilnehmen, also haben Bad Horse und ich als Ersatz ein kleines Soloabenteuer für Cardo in Schriftform verfasst. Da wir das eben wie gesagt nicht am Tisch spielten, sondern abschnittweise in Schriftform festhielten, ist der Schreibstil ein klein wenig anders als das, was man in den Diaries hier normalerweise findet. (Den allerletzten Teil, der in der Sommerhalle selbst angesiedelt ist, haben wir dann bei unserer letzten Session doch wieder richtig ausgespielt, mit den anderen Gruppenmitgliedern als NSCs. Wenn also ab der Sommerhalle ein Bruch im Schreibstil festzustellen ist, liegt es daran.)

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Ricardos Tagebuch: Side Job - Heorot

Es war früher Morgen, als das Telefon klingelte. Sehr früher Morgen - die Sonne war gerade erst aufgegangen.
“Kannst du kommen?”, fragte Geralds Stimme aus dem Hörer, sobald ich abgenommen und mich gemeldet hatte. “Ich würde gern kurz mit dir - mit dem Sommerritter - sprechen.”

‘Sommerritter’. Mierda. Ich hätte eigentlich mit sowas rechnen können, wenn nicht vermutlich sogar müssen, aber irgendwie traf mich Geralds Formulierung trotzdem wie aus heiterem Himmel. Um die Uhrzeit denke ich einfach von mir noch nicht als Feenritter gleich welcher Couleur. Aber gut. Ich bin es nun mal, also sollte ich mich wohl besser auch daran gewöhnen, dass Hinweise darauf zu jeder möglichen und unmöglichen Tages- und Nachtzeit passieren können.
Ich hatte auch grundsätzlich kein Problem damit, dass Gerald so früh anrief - nur Jandra musste ich trotzdem erst wecken und in die Schule schicken. So lange musste der gute Mr Raith noch warten.

Raith Manor sah spektakulär aus im Morgenlicht: Der weiße Stein golden angehaucht, die Herbstblumen wie überzogen von einem Lichtschleier. Eine Gruppe aus drei Personen, die im Garten schweigend Tai Chi oder Yoga praktizierten, und noch ein Hauch nächtlicher Kühle in der warmen Luft. Obwohl es schon nach Halloween war, sah man an diesem Tag nicht, dass der Sommer starb - aber das tat er in Miami ohnehin nur sehr langsam, wenn überhaupt.

Gerald stand in einem weiten, weißen Gewand an dem großen Panoramafenster, ein Glas Whisky in der Hand. Als er sich zu mir umdrehte, waren seine sonst so dunklen Augen grau, fast silbrig. Offenbar hatte er länger gefastet.

Nach einer kurzen Begrüßung kam er sofort zur Sache. “Es geht um das Ritual”, fing er an. “In Schottland. Am Lochan Dubh nan Geodh, zwischen Altnabreac und Westerdale, mitten in den Highlands.” Gerald nahm einen Schluck aus seinem Glas. “Das ist der Ort, an dem wir das am besten durchführen sollten - das ist aber leider auch ein Ort, der vom Weißen Rat bewacht wird. Wir können da nicht einfach auftauchen und starke Magie wirken, ohne das vorher abzuklären. Nur - ich kann da nicht als Vertreter des Weißen Hofs um Erlaubnis bitten. Schon gar nicht für das, was wir beabsichtigen.” Er schüttelte den Kopf. “Richard hatte damals einen Kontakt, aber der - die - ist im Krieg gefallen.” Jetzt schaute er mich direkt an. “Ich brauche deine Hilfe, Sommerritter. Ein Abgesandter des Sommers, der dort ein Ritual machen möchte… ich könnte mir vorstellen, dass der Rat damit weniger Probleme hat.” Ohne eine Antwort abzuwarten, deutete er auf den Tisch. “Ich habe ein Flugticket für dich nach Edinburgh gebucht. Dort kannst du im Old Cauldron nach David Hawkins fragen. Das Old Cauldron ist neutraler Boden, eine Wegbeschreibung liegt bei. Auf einer Karte findest du das nicht.” Er zuckte die Schultern. “Neutraler Boden hin oder her, du findest im Pub hauptsächlich Ratsmagier. Aber als Sommerritter solltest du ja keine Probleme haben. Erzähl nur nicht zu viel über Miami und unsere… Angewohnheiten.”

Gerald atmete tief durch. “Falls du überhaupt bereit bist, das zu tun, solltest du besser allein gehen… Totilas wird hier gebraucht, und weder ein Santero noch ein Abgesandter eines Trickstergottes werden da sehr hilfreich sein. Ein Lykanthrop schon gar nicht - das sind alles Gruppierungen, mit denen die Ratsmagier eher weniger anfangen können.”

<Em>Cólera. Das kam plötzlich. Und in irgendwelchen magischen Angelegenheiten ohne die Jungs losziehen zu sollen, fühlte sich auch seltsam an, gelinde gesagt. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, gab mir das ein nicht unbeträchtliches mulmiges Gefühl in der Magengrube. Aber trotzdem bestand kein Zweifel daran, dass ich Geralds Bitte erfüllen würde. Immerhin wollten wir ja alle dieses Ritual durchziehen. Und ja, ich bin der Sommerritter, verdammt nochmal, und mit dieser Autorität im Rücken würde ich ja wohl nach Europa fliegen und diesen Ratsmagiern die Erlaubnis für das Ritual aus den Rippen leiern können!

Also nickte ich Gerald zu. “Ich mache das. Solange der Flug nicht sofort in zwei Stunden geht - ich muss ein paar Sachen klären, ehe es losgeht. Meine Tochter bei meinen Eltern abliefern, zum Beispiel.” Und ein paar Sachen musste ich noch von Gerald in Erfahrung bringen. “Dieser David Hawkins ist Ratsmagier? Und das Old Cauldron liegt in Edinburgh selbst?” Hmmm. “Hast du Erfahrung mit dem Rat, Gerald? Wie genau werden die wissen wollen, was wir bei dem Ritual alles vorhaben? Und wie genau können sie verfolgen, was wir da tatsächlich abziehen? Ich würde sie ungern anlügen, aber falls sich das nicht umgehen lässt, wäre es unangenehm, wenn sie mit dem ersten Wort des Zauberspruchs durchschauen würden, das was nicht stimmt, und vor allem, was.”

“Okay, ‘Flugticket’ war vielleicht irreführend.” Gerald konnte ein Grinsen nicht verbergen. “Ich habe eine Maschine gechartert. Es geht los, sobald du bereit bist.”
Er schenkte sich aus einer halb leeren Flasche nach, ehe er mir auch einen Drink anbot - den ich allerdings höflich ablehnte. Keinen Whiskey um acht Uhr morgens, herzlichen Dank.
“David Hawkins ist ein ziemlich hohes Tier im Rat”, erklärte Gerald dann. “Warden, natürlich. Meinen Informationen nach ist er derjenige, der sich um die Sicherheit in Schottland kümmert, also muss er einigermaßen mächtig sein. Vermutlich auch einigermaßen beschäftigt, aber angeblich trifft man ihn trotzdem jeden Abend im Old Cauldron an. Der liegt in der Altstadt von Edinburgh, mitten drin. Wegbeschreibung hast du ja.”
Er nahm einen langsamen Schluck von seinem Drink. “Der Rat, hm? So viele Erfahrungen habe ich nicht mit denen, von Declan und DuMorne mal abgesehen… lustigerweise klingt das gälische ‘Dubh Mor’ - groß schwarz - ganz ähnlich wie DuMorne. Das fand Lafayette aber nicht so witzig.” Gerald schnaubte und verzog das Gesicht. So ganz nüchtern war er offensichtlich nicht mehr. Aber wenn er die ganze Nacht hindurch wach gewesen war und während dieser Zeit natürlich auch getrunken hatte, und so kam es mir beinahe vor, war das ja auch kein Wunder. “Ansonsten weiß ich so viel wie du - ‘Misch dich nicht in die Angelegenheiten von Zauberern ein, denn sie sind empfindlich und leicht zu verärgern.’” Er zwinkerte mir zu, und einen Moment lang konnte ich das silbrige Licht in seinen Augen aufblitzen sehen. “Ich kann dir nicht sagen, was die wissen wollen. Soviel wie möglich, schätze ich. Andererseits sind sie es wahrscheinlich gewöhnt, dass Feen ihnen nicht alles erzählen. Was die Magie angeht: Soweit ich weiß, basiert Edwards Magie ja auch ähnlichen Prinzipien wie ihre eigene, oder? Kann mir nicht vorstellen, dass sie Einwände haben. Ansonsten: Schick eine Sommerfee mit, die das Ritual mit einem Glamour belegt, damit es aussieht wie Sommermagie.” Er zuckte die Schultern. “Keine Ahnung, ob das funktioniert, aber das sollte doch möglich sein. Oder erzähl Hawkins eine hübsche Geschichte davon, wie du, der edle Sommerritter, eine verlorene Seele von ihrem Fluch erlösen willst. Ist ja auch fast wahr.” Sein Lächeln wurde breiter, die Augen noch heller, und er kam einen Schritt auf mich zu. Er war schon ein sehr attraktiver --
Nein, verdammt. Aus, Alcazár! Dieser komische Speichel von den Red Courts letztens war schon schlimm genug, da musste ich mich nicht auch noch von den Pheromonen eines White Court einfangen lassen.

Und auch Gerald schien zu merken, dass er seine White-Court-Pheromone da nicht mehr ganz unter Kontrolle gehabt hatte, denn er drehte sich abrupt um. “Ich glaube, ich habe einen dringenden Termin”, sagte er zu der Panoramascheibe, und die Anspannung in seinen Schultern war nicht zu übersehen. “Wenn du noch etwas brauchst - irgendetwas - sag Bescheid.”
Ich nickte. “Mach ich. Und ich melde mich, ehe ich losfahre, in Ordnung?”

So richtig viel war eigentlich gar nicht zu erledigen. Nach der Schule Jandra zu Máma und Pápa bringen, die sich riesig dafür interessierten, dass ich nach Europa musste. Den Grund hielt ich eher allgemein. Eine Lesereise. Ja klar würde ich ihnen etwas aus Schottland mitbringen. Echt schottischen Whisky vielleicht? Und Jandra natürlich auch. Die hätte am liebsten eine Nessie, meinte sie. Jahaa. Das konnte ich ihr gerade noch ausreden mit der Begründung, dass Nessie ein Wassertier sei und unsere Badewanne dann doch ein bisschen zu klein.

Den Jungs bescheid geben. Die waren nicht so richtig begeistert, dass ich alleine losziehen würde, hatte ich den Eindruck, aber Gerald hatte mit seiner Einschätzung schon recht gehabt. Das war eine Aufgabe, wo sie tatsächlich vermutlich eher hinderlich als hilfreich wären. Aber ich musste versprechen, regelmäßig in Kontakt zu bleiben, Zeitverschiebung hin oder her. Richtig, die Zeitverschiebung. Fünf Stunden weiter. Merken.

Für ein paar Tage packen. Das stellte kein Problem dar, und die Tatsache, dass ich mit einer Chartermaschine unterwegs sein würde, nicht mit einem Linienflug, hieß, dass ich auch Jade problemlos mitnehmen konnte, ohne allzu anstrengende Sicherheitsprozeduren über mich ergehen lassen zu müssen.
Mierda. Mir ist immer noch nicht ganz klar, wann mein Ritterschwert anfing, einen eigenen Namen zu haben. Vor allem nicht, weil ich nie darüber nachdachte, ob ich ihm einen Namen geben wollte und wie der lauten sollte. Sondern weil ich einfach eines Tages wusste, und zwar völlig selbstverständlich wusste, als hätte ich es schon immer gewusst, die Klinge heißt ‘Jade’. Und sie ist eine ‘sie’.
Jedenfalls. Dank des Charterflugs konnte ich Jade leichter mitnehmen, als das sonst möglich gewesen wäre. Zwar genausowenig im Handgepäck, aber das hätte ich ohnehin nicht gewollt.

Abends gegen 20 Uhr saß ich dann endlich im Flieger. Schriftsteller oder nicht, Lesereisen oder nicht, einen Privatjet hatte ich bis dahin noch nicht erlebt. Das war schon ziemlich edel. Zehn Stunden Flug, genug Zeit, um ein bisschen an Totem Rise weiterzuarbeiten, einen Film zu schauen und ein paar Stunden zu schlafen, gerade genug, dass ich einigermaßen ausgeruht in Edinburgh ankam. Mittags nach Ortszeit. Perfekt.

Ein Zimmer im Sheraton Hotel hatte Gerald ebenfalls für mich reservieren lassen. Das lag schön zentral in der Nähe der Altstadt, und mein Zimmer hatte zwar keine Aussicht auf das Schloss, aber dafür ansonsten alle Annehmlichkeiten, die man sich in einem Hotel so vorstellen kann. Dort warf ich meine Sachen ab und machte einen kleinen Spaziergang durch die Stadt - wenn ich schon mal hier war, konnte ich auch ein bisschen den Touristen geben, Souvenirs kaufen inklusive - ehe ich mich im Hotel noch ein, zwei Stunden auf’s Ohr legte, bis es an der Zeit war, diesen ‘Old Cauldron’ suchen zu gehen.

Ohne die Wegbeschreibung wäre ich tatsächlich völlig aufgeschmissen gewesen. Der Pub lag nämlich in einer eigentlich unbenamsten Gasse, in die man nur durch einen Durchgang kam, der auf den ersten Blick wie eine private Toreinfahrt wirkte. Und ja, ich habe Harry Potter gelesen. Natürlich habe ich <Em>Harry Potter gelesen. ‘Leaky Cauldron’, ‘Old Cauldron’ - es hätte mich gewundert, wenn die Ratsmagier auf ihren neutralen Boden nicht eine Art Schleier gelegt hätten, damit die Muggles den nicht so leicht finden.

Beim Eintreten in die dämmrige Kneipe hatte ich tatsächlich die erste Beschreibung des Leaky Cauldron aus dem Sorcerer’s Stone im Kopf und rechnete beinahe mit Dedalus Diggle, Doris Crockford und Professor Quirrell in seinem Turban. Die waren natürlich nicht da, und ob der Wirt Tom hieß oder nicht, das konnte ich so auf den ersten Blick nicht beurteilen.

Der Rest der Klientel sah auf den ersten Blick enttäuschend normal aus - aber es war eine sehr gemischte Truppe, die hier herumsaß: Eine Frau im Business-Kostüm am Tisch mit einem Punk und einem alten Mann, der aussah wie das Vorbild für Waldorf aus der Muppets Show, ein blasser Gruft vertieft im Gespräch mit einer unauffälligen Frau mittleren Alters und einem knallbunt gekleideten Schwarzen mit Rastas, eine Gruppe Inder, die sich unglaublich ähnlich sahen, aber ganz unterschiedlich gekleidet waren, und die sich anscheinend ein Getränk teilten.

Der Wirt hingegen entsprach weitgehend meinen Erwartungen: Beleibt, rot im Gesicht, abgehetzt, aber freundlich. Vielleicht war das eher Gerstenmann Butterblume als Tom? Immerhin kannte er David Hawkins, als ich nach dem fragte, und wies mir den Weg zu einem kleinen Tisch in der Ecke.
An dem Tisch saß ein Mann in den Fünfzigern, kräftig gebaut, mit buschigen Brauen und einem gewaltigen Schnurrbart. Im Näherkommen konnte ich sehen, dass sein dunkelbrauner Anzug gar nicht so gewöhnlich war, wie er mir zunächst geschienen hatte: Der Stoff war mit Runen und Glyphen durchwirkt, die schwach golden schimmerten. Die Manschettenknöpfe in Form von zwei Greifen wirkten auch nur auf den ersten Blick normal - bewegten sich die Tiere nicht schwach? Genauso wie der bronzene Raubvogel, der den Knauf eines altmodischen Spazierstocks zierte?
Genau wie Gandalf rauchte Hawkins eine Pfeife, und genau wie Gandalf hatte er einen stechenden, wachen Blick. Barsch nickte er Tom? Butterblume? dem Wirt zu und bedeutete mir, sich an den Tisch zu setzen.

“Hmm”, machte er. “Sie sehen aus wie ein Spanier. Kommen Sie aus Cordoba?”

Ich ließ mich auf der Bank dem Ratsmagier gegenüber nieder und neigte höflich den Kopf. “Nicht ganz Spanier, aber beinahe. Mein Name ist Ricardo Alcazár, und ich komme aus den Vereinigten Staaten. Ich bin der Erste Ritter des Herzogs vom Sommerhof der Fae aus Miami, Florida.”
Mit diesen Worten streckte ich Hawkins die Hand hin. Ich hatte wenig Ahnung, wie es Angehörige des Weißen Rates mit Handschlägen halten mochten, aber die Geste schien mir angebracht.
“Ich hatte gehofft, Sie hier zu finden, Mr. ... Warden Hawkins. Ich brauche Ihre Hilfe.”

Bei dem Wort ‘Sommerhof’ merkte Hawkins auf. Kurz sah ich fast so etwas wie Erleichterung in seinen Augen, und ich konnte beinahe mit ansehen, wie sich die Rädchen im Kopf des Magiers drehten.
Als ich erwähnte, dass ich Hilfe brauchte, lehnte sich Hawkins zurück und unterdrückte ein erfreutes Lächeln. Statt dessen klopfte er umständlich seine Pfeife aus.
“Pfff”, schnaubte der alte Mann bärbeißig. “Hier in Europa tragen die Ritter ja noch richtige Titel… Sir Ricardo. Nur nehme ich an, bei Ihnen heißt das dann ‘Abgeordneter’ oder so ein Unfug. Bah!” Er schüttelte seinen Kopf, um zu zeigen, was er von derlei Unfug hielt.
“Hilfe, hm? Na, dann mal raus mit der Sprache, junger… Sir Ricardo. Wie Sie sicher wissen, sind wir im Krieg! Aber für unsere Freunde vom Sommerhof… da lässt sich unter Umständen etwas machen.” Sein Gesichtsausdruck war allerdings skeptisch.

Bei der Amerika-kritischen Bärbeißigkeit des britischen Magiers musste ich schmunzeln, gab mir aber Mühe, ein höflich-verstehendes Lächeln daraus zu machen. “Oh, auch bei uns werden Ritter der Höfe mit Sir angesprochen, Warden. Ich denke, da dürften sich die Fae zu beiden Seiten des Atlantiks relativ ähnlich sein.”

Hawkins’ kalkulierender Gesichtsausdruck, als ich von ‘Hilfe’ sprach, war mir allerdings auch nicht entgangen. Ganz schlau hast du das gemacht, Alcazár. Bring Pan doch gleich in die Schuld des Weißen Rats. Okay. Mierda. Mal sehen, ob ich den Fuß wieder einigermaßen aus dem Fettnapf raus bekam.

“Ich muss meine Bitte ein wenig relativieren, Warden Hawkins. Ich bin nicht im Auftrag des Herzogs von Miami hier, auch wenn das eingangs vielleicht so geklungen haben mag. Sondern es geht um eine Aufgabe - eine Queste, wenn man so will - die ich mir selbst gestellt habe. Ein, nun, guter Freund unterliegt einem Fluch, und um diesen Fluch von ihm zu nehmen, wollen wir - genauer gesagt mein bester Freund, der auf derartige Magie spezialisiert ist - ein Ritual wirken. Ich komme deswegen damit zu Ihnen, weil der beste Ort für dieses Ritual offenbar der Lochan Dubh nan Geodh ist” - vermutlich sprach ich das ziemlich falsch aus, auch wenn ich natürlich gehört hatte, wie Gerald den Namen sagte, aber damit musste der Warden jetzt leben - “und wir selbstverständlich nicht einfach auf dem Gebiet des Weißen Rates ein Ritual abhalten können, wollen und werden, ohne die Erlaubnis dafür eingeholt zu haben.”
So gewinnend und vertrauenswürdig ich nur konnte, sah ich den Briten an.

Hawkins’ Gesicht verdüsterte sich bei der Erwähnung des Ortes. “Ein Ritual”, sagte er mit gerunzelter Stirn. “Am Lochan Dubh nan Geogh. Um einen Fluch zu lösen. Junger… Sir Ricardo, wenn ihr einen Fluch lösen wollt, dann ist das kein guter Ort dafür. Jemanden verfluchen? Das könnte ich mir eher vorstellen. Würde ich aber nicht zulassen.” Er kaute kurz auf seiner Pfeife herum. “Der Lochan Dubh nan Geogh ist einer der dunkelsten Orte Schottlands. Dort ein Ritual durchzuführen… dein Spezialist ist kein Ratsmagier, nehme ich an, sonst würde der mit mir reden.” Er wartete mein Nicken kaum ab, sondern fiel mir direkt ins Wort, als ich dazu noch etwas ergänzen wollte. “Also ein Dilettant. Gut, das könnte mir ziemlich egal sein - wahrscheinlich bringt er hauptsächlich sich und den Rest deiner Freunde in Gefahr. Er wird nicht wecken können, was da im See liegt. Falls das sein Plan sein sollte. Kannst du ihm gern bestellen.” In seinem Gesicht arbeitete es.

“Zu schade, dass du nicht als Vertreter des Sommerhofs hier bist”, fügte er schließlich hinzu. “Einem Sommerritter hätte ich vielleicht vertraut… ein Sommerritter hätte etwas für mich tun können. Aber irgendein Kerl aus Miami, dessen Freunde am Lochan Dubh herumhexen wollen? Ich denke zwar nicht, dass ihr da großen Schaden anrichten könntet, aber ich müsste den Dreck hinterher aufräumen. Warum sollte das die Mühe für mich wert sein?” Fast lauernd blickte er mich unter seinen buschigen Augenbrauen an.

Seufz. Dass die Ratsmagier auf die ‘Dilettanten’ herabsehen, das war uns ja schon vorher bewusst. Das war eine der Prämissen, unter denen ich hergekommen war. Aber das so unverblümt von dem Warden zu hören, versetzte mir dennoch einen Stich. Und dass er unvermittelt vom ‘Sie’ zum ‘Du’ übergegangen war, das war mir genausowenig entgangen.
Ganz ruhig. Lass ihn Edward unterschätzen. Und lass dich vor allem nicht von ihm provozieren. Du bist als Diplomat hier. Sei diplomatisch.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 26.09.2016 | 00:47
Ich schenkte ihm einen möglichst verbindlich-freundlichen Blick. “Wir haben nicht vor, irgendwelchen Dreck zu hinterlassen, den Sie aufräumen müssten”, erklärte ich milde. “Hatten Sie da etwas Spezielles im Sinn?”
Das war jetzt mit ziemlicher Sicherheit nicht das, was er hören wollte. Der wollte eindeutig ein Quid pro Quo. Und vermutlich würde eine signierte Ausgabe meiner Bücher in der Beziehung nicht reichen. Na gut. Mal sehen.
“Und was das andere angeht... Ich weiß nicht, ob Sie jemals in den Staaten zu tun haben, Warden Hawkins. Aber es wäre Ihnen zumindest meine persönliche Dankbarkeit sicher. Und ich würde mich selbstverständlich erkenntlich zeigen, wenn es etwas gäbe, dass ich in meiner Funktion als Privatperson für Sie oder für den Weißen Rat tun könnte - so es denn mit meinen Pflichten als Ritter des Sommerhofs und meinen privaten Überzeugungen in Einklang zu bringen wäre und dessen Erfüllung in meiner Macht stünde. Davon abgesehen kann ich in dieser Angelegenheit zwar weder für meinen Herzog sprechen noch Verpflichtungen für ihn eingehen, da ich rein privat hier bin, auch kann ich ihm selbstverständlich nicht meine Sicht der Dinge aufdrängen oder ihn zu bestimmten Handlungsweisen zwingen, aber er schätzt mich als Ratgeber.”

So. Das sollte hoffentlich Andeutung genug sein. Entweder das, oder...
“Gäbe es denn etwas, das ich in meiner Funktion als Privatperson für Sie oder den Weißen Rat tun könnte?”

Bei diesen Worten lachte Hawkins auf. “An Arroganz fehlt es dir schon mal nicht!”, sagte er amüsiert. Dann wurde er wieder ernst. “Du weisst nicht, was im Lochan schläft. Oder?” Ich zögerte - Gerald hatte etwas vom ‘Ursprung der Weißen Dämonen’ gesagt, wenn ich mich recht erinnerte. Irgendwas in der Art. Hawkins jedoch interpretierte mein Zögern falsch. “Natürlich weißt du das nicht. Wenn du es wüsstest, müsste ich dich umbringen.” War das ein Scherz? Nein, so sah Hawkins nicht aus. Der meinte das bitterernst.
Mit dem Daumen wies ich auf die Plakette, die über der Bar hing. “Ist das hier nicht neutraler Boden?”, fragte ich ruhig.

Hawkins grinste unfreundlich. “Neutraler Boden gilt zwischen einem Angehörigen des Sommerhofs und einem Angehörigen des Weißen Rats… du hast gerade sehr deutlich gesagt, dass du als ‘Privatperson’ hier bist.” Sein Grinsen wurde noch etwas breiter, und er spielte kurz mit der Greifenmanschette, die sich aufrichtete und mich drohend anzischte.
Aber dann wurde er wieder ernst. “Pass auf”, sagte er. “Ich habe den Eindruck, du hast nicht viel Erfahrung mit solchen Verhandlungen. Das erweckt nicht allzu viel Vertrauen in deine Freunde und ihr Ritual. Und ganz ehrlich: Ich habe keine Verwendung für eine Privatperson. Oder kannst du ohne die Kraft des Sommers ins Nimmernie gehen? Kannst du ohne die Kraft des Sommers den Respekt der Einwohner des Nimmernies gewinnen? Gelangst du ohne die Kraft des Sommers in die Sommerhalle der Einherjar? Kannst du ein Haar der Sonne anfassen, ohne dir die Hand wegzubrennen, wenn du die Kraft des Sommers nicht benutzt? Ich glaube nicht, Ricardo.” Er lehnte sich vor. “Ich will keinen Gefallen deines Herzogs, junger… ach, junger Mann. Ich - der Rat - will einen Gefallen von dir, dem Sommerritter, nicht von dir, dem…” Er sah mich abschätzend an. “...dem Playboy, oder dem Miami Vice Detective, oder was auch immer so eine Privatperson eben ist.”

Jetzt konnte ich mir die Spitze doch nicht verkneifen. “Schriftsteller”, sagte ich trocken. “Vielleicht haben Sie schon mal das eine oder andere Buch von mir im Laden stehen sehen. Ich könnte Ihnen eine signierte Erstausgabe meiner gesammelten Werke anbieten, falls das hilft.”
Ich grinste ihn an, um ihm zu zeigen, dass das ein Scherz gewesen war, dann wurde ich wieder ernst und suchte offen den Blick des Magiers.
“Aber Sie haben ganz recht. Ich weiß nicht, was im Lochan schläft. Und viel Erfahrung mit derlei Verhandlungen wie dieser hier habe ich bislang tatsächlich noch nicht. Aber das ist meiner Unerfahrenheit geschuldet, nicht der meiner Freunde. Vielleicht habe ich mich auch falsch ausgedrückt, als ich so auf das ‘privat’ pochte. Ich hätte besser ‘persönlich’ sagen sollen. Was ich damit klar machen wollte, war, dass ich meinen Herzog in diese Sache nicht hineinziehen werde. Aber einen Gefallen, den ich persönlich - Schriftsteller oder Sommerritter oder was auch immer - Ihnen und dem Rat tun kann... und der weder meiner eigenen Ehre noch der Ehre des Sommerhofs oder meinen eigenen Überzeugungen widerspricht... darüber können wir reden.”

Hawkins verdrehte die Augen, als ich von meinen Büchern sprach. “Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, keine Werke von Schriftstellern zu lesen, die nicht mindestens seit zehn Jahren tot sind”, erklärte er kategorisch. “Und ich bin damit immer sehr gut gefahren, dankeschön.”
Umständlich stopfte er seine Pfeife und zündete sie dann mit einem Fingerschnippen an. Einen Moment lang dachte ich, dass Hawkins mich mit der Geste vielleicht beeindrucken wollte, aber vermutlich war es tatsächlich nur ein Reflex, eine vollkommen gewohnte Handlung, derer er sich gar nicht mehr bewusst war.
“Na gut”, sagte der Ratsmagier schließlich. “Ich will mal nicht so sein. Hab ja ein Herz für seltsame Gestalten.” Das ließ mich schmunzeln, auch wenn ich gar nicht so genau sagen konnte, warum. Hawkins dachte vermutlich, es sei Dankbarkeit für sein Einlenken.
“Also gut”, fuhr er dann fort. “Vor einiger Zeit - Feenzeit, wann auch immer das nun war - hat Loki oder einer seiner Nachfahren der Sonne drei Haare gestohlen. Die hat er dann beim Kartenspiel mit einem Einherjar verloren. Heißt es.” Er räusperte sich. “Die Einherjar wohnen ja traditionell in Walhalla, wo sie den ganzen Tag saufen. Dann gehen sie kämpfen, torkeln nach dem Kampf wieder in die große Halle und saufen weiter. Ein bisschen wie Fussballfans in Manchester.” Er winkte den Wirt heran und bestellte zwei Bier. Dann runzelte er nachdenklich die Stirn. “Eigentlich genau wie Fussballfans in Manchester. Scheußliche Stadt. Fahren Sie lieber nicht dahin.” Ein paar Minuten schwieg er, und ich schwieg höflich mit ihm, ließ mir das Gesagte durch den Kopf gehen. Von europäischem Fußball habe ich nicht viel Ahnung, aber bei dem Vergleich konnte ich mir schon ungefähr vorstellen, was er meinte. Dann kam das Bier, zwei große Krüge. Beinahe schon Pitcher-Größe, wie ich sie von zuhause kannte. Hawkins nahm einen und erhob ihn, um mit mir anzustoßen. Ich nahm einen Schluck. Huh. Lecker. Aber starkes Zeug. Da würde ich aufpassen müssen, dass ich mir nicht das klare Denken vernebelte.

“Na gut, Walhalla ist ein Prügel-Pub”, fuhr Hawkins fort, als hätten nicht mehrere Minuten Pause zwischen seinem letzten und diesem neuen Satz gelegen. “Jetzt gibt es viele Einherjar, die das toll finden, aber nicht alle. Die haben sich schon vor langer Zeit nach Heorot zurückgezogen, in Beowulfs Halle, wo sie außer saufen und prügeln auch mal reden, ein Lied anhören oder philosophieren können. Ich war noch nicht da, aber ist wohl eher ein Gentleman’s Club. Mit Walküren, nehme ich an. Falls die Zutritt haben.” Sein Gesichtsausdruck zeigte Zweifel - entweder, weil er den Einherjar eine so fortschrittliche Einstellung nicht zutraute, oder weil er selbst kein großer Freund von weiblichen Gästen in einem Club war.
“Jedenfalls soll sich der Einherjar, der die Haare gewonnen hat - Sigthor Oddson - hauptsächlich in Heorot aufhalten. Sie nennen den Ort auch ‘Sommerhalle der Einherjar’; ich vermute, im Winter müssen auch die weniger rauflustigen Krieger gegen die Jötunn antreten. Wie dem auch sei, ich glaube nicht, dass sie die Haare der Sonne da dringend brauchen, die Halle stand ja auch schon lange vorher - wir vom Weißen Rat jedoch liegen im Krieg mit den Rotvampiren, und ich nehme an, dass du weißt, wie schlecht diese Mistviecher auf Sonnenlicht reagieren. Deswegen wäre es sehr hilfreich, wenn du uns diese Haare bringen könntest.” Er lächelte zufrieden und trank noch einen Schluck des starken Gebräus. Dann fiel ihm etwas ein.
“Hmpf”, machte er. “Kannst du die Zeit in den Reichen beeinflussen? Gah, vermutlich nicht, niemand kann das.” Hawkins schüttelte ungeduldig den Kopf. “Also gut, Bursche… Ritter, Schriftsteller, was auch immer, gib mir dein Wort, dass du wirklich versuchst, an die Haare der Sonne zu kommen, und ich lasse deine Freunde ihr Ritual versuchen. Einverstanden?”

Ich musste nicht lange überlegen. Was wollte ich auch tun? Genau das war der Grund, warum ich hier war, quid pro quo, und Hawkins sah mir nicht so aus, als würde er sich umstimmen lassen. Immerhin hatte er gesagt ‘wirklich versuchen’ und nicht ‘unter allen Umständen bringen’.
“Einverstanden”, erwiderte ich. “Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht, um diese Haare der Sonne zu beschaffen dafür, dass Sie uns die Erlaubnis für das Ritual am Lochan Dubh nan Geogh geben. Ich hoffe allerdings, ich bekomme noch ein paar Informationen von Ihnen.”

Heorot. Beowulfs Halle. Natürlich hatte ich davon gehört, ich hatte mich immerhin während meines Studiums ziemlich eingehend mit dem Epos beschäftigt. “Ich nehme nicht an, dass Sie die Ruinen des Langhauses in Lejre in Dänemark meinen, wenn Sie von ‘Heorot’ sprechen”, mutmaßte ich. “Vor allem, da Sie ‘die Reiche’ erwähnen. Ich vermute mal, das ist ein britisches Synonym für das Nimmernie?” Ich überlegte kurz. Ins Nevernever bringen sollte auch George mich können, siehe die diversen Gelegenheiten, wo er das schon früher getan hatte, da musste ich Hawkins nicht danach fragen und mich noch inkompententer aussehen lassen, als er mich ohnehin schon einschätzte. “Kann man ungefähr sagen, wo im Nevernever die Halle liegt? Und weiß man irgendetwas über diesen Sigthor Oddson, außer dass er kein Anhänger von Manchester ist?”

Hawkins lehnte sich zurück und betrachtete mich nachdenklich. “Du bist wirklich sehr neu als Ritter, was?”, sagte er langsam. “Es ist eine Sommerhalle. Sie liegt im Nimmernie. Ich nehme an, sie liegt irgendwo im Sommer - die Richtung sollte dir ja vertraut sein. Wenn ich ganz genau wüsste, wo sie ist und wie man hinkommt, bräuchte ich keinen Sommerritter, der sich in dieser Gegend hoffentlich frei bewegen kann, ohne alle fünf Minuten von irgendwelchen Viechern belästigt zu werden.” Er fing wieder an, mit seiner Pfeife zu spielen, aber bedächtiger als vorher. “Die Reiche - die Feenwelten - sind ein Teil des Nimmernies, aber nicht genau dasselbe. Ich würde dir raten, nicht über die Summerhall zu gehen, es sei denn, du willst die Grüne Herrin unbedingt treffen. Die ist zwar relativ freundlich, aber auch sehr neugierig und besitzergreifend, wenn jemand auch nur einen Hauch künstlerisches Talent besitzt. Geh über den Brighton Park in der Nähe vom Portobello Beach, da sollten noch ein paar Sonnenblumen stehen.”
Er runzelte die Stirn. “Über Sigthor Oddson kann ich dir wenig sagen. Scheint gern Karten zu spielen, und nicht einmal schlecht, wenn er Loki besiegen konnte. Falls die Geschichte überhaupt stimmt und Sigthor sie nicht nur erfunden hat. Keine Ahnung, ob die in Heorot Fußball spielen, das würde ich dir überlassen.” Hawkins lehnte sich zurück. “Bist du sicher, dass du der Sache gewachsen bist? Könnte gefährlich sein, und ich will ehrlich sein: Ich habe keine Ahnung, wie weit du mit Diplomatie kommst. Aber wenn du das wirklich machen willst, fein. Gib deinen Freunden die Adresse vom Old Cauldron. Ich würde sie gern treffen, bevor sie zum Lochan Dubh Nan Geogh gehen.”
Er legte seine Pfeife auf den Tisch und trank den letzten Schluck Bier. “Um das ganz klar zu sagen: Wenn ich das Gefühl habe, dass sie sich und andere mit ihrem Gezaubere nur in Gefahr bringen, dann werde ich nicht zulassen, dass sie an einem der dunkelsten und gefährlichsten Orte Schottlands ein Ritual durchführen. Um mal deine Worte zu verwenden: Ich setze meine Ehre für diese Sache genauso wenig aufs Spiel wie du deine.”

‘Summerhall’. ‘Grüne Herrin’. Mierda. Ich hatte tatsächlich keinerlei Ahnung, wovon er da redete, aber ich würde den Teufel tun und das zugeben. Stattdessen hob ich auf seine Worte hin die Schultern. “Ob ich der Sache gewachsen bin oder nicht, das werde ich dann wohl sehen, wenn es soweit ist. Aber ich habe zugesagt, dass ich es nach besten Kräften versuche, also werde ich genau das tun.” Ich nickte dem Ratsmagier zu. “Und ich werde meinen Freunden bescheid geben, dass Sie mit ihnen sprechen möchten. Edward Parsen, damit Sie den Namen schon mal gehört haben.”

Während wir unser Bier austranken, fingen die Rädchen in meinem Kopf schon an, sich zu drehen, und noch viel mehr, nachdem ich mich von dem alten Zauberer verabschiedet hatte und zurück im Hotel war. Ehe ich loszog, musste ich einige Vorbereitungen treffen.

Ich rief bei den Jungs an und gab die neuesten Entwicklungen weiter. Vor allem das mit dem ‘dunkelsten Ort in Schottland’ und dass im Lochan irgendwas Fieses schlief. Und die Wegbeschreibung zum ‘Old Cauldron’. Ich rief bei Eileen Fabray an zwecks Informationen über diese ‘Summerhall’ und die ‘Grüne Herrin’ - bei meiner Mentorin in Sachen Sommerritterei hatte ich, ganz anders als bei dem ach so von sich eingenommenen Warden, keinerlei Hemmungen bezüglich meiner Unwissenheit.

Eileen nahm nach kurzem Klingeln ab. Offenbar war sie noch wach - aber zuhause war es zum Glück ja auch erst früher Abend. “Puh”, machte sie nachdenklich, als sie meine Frage hörte. “Von europäischen Fae habe ich leider nicht so viel Ahnung… Summerhall, Summerhall, das sagt mir etwas... Ist das nicht ein Kunstmuseum oder so etwas in Edinburgh? Ich glaube, ich habe mal einen schottischen Ritter getroffen, der mir davon vorgeschwärmt hat. Wer die Grüne Herrin ist, kann ich dir nicht sagen. Klingt nach einer Feenherrscherin - die sind auf den britischen Inseln  etwas weniger freizügig mit Namen und verwenden eher Bezeichnungen wie ‘Friedliche Herrin’ oder ‘Ritter von der Roten Hand’ oder so. Könnte die Herrin des Sommerhofs in Edinburgh sein… Wenn du ein echter Feenritter wärst, müsstest du ihr deine Aufwartung machen, aber so - ich würde dir davon abraten. Die meisten Feenhöfe sind wesentlich intriganter als Pans, Pan ist kein Sidhe, sondern ein Faun, und dann auch noch aus Amerika? Du kannst dir auch eine Zielscheibe auf dein T-Shirt malen.” Sie lachte. “Gut, das ist alles Sommerhof, aber trotzdem. Würde ich an deiner Stelle vermeiden, wenn es geht.” Ich nickte, auch wenn Eileen das am Telefon gar nicht sehen konnte. “Davon hat Warden Hawkins mir auch abgeraten”, erklärte ich dann. “Er meinte etwas von wegen, die Grüne Herrin könne ziemlich besitzergreifend sein. Von daher muss ich das nicht so dringend haben, glaube ich.” Eileen lachte leise ins Telefon, ehe ihre Stimme wieder sachlich wurde. “Hab ich dir eigentlich schon gezeigt, wie du auch außerhalb eines Feenhofs ins Nimmernie kommst? Nein? Oh. Ist aber nicht weiter schwierig, zumindest nicht, wenn du in Richtung Sommer willst - geh einfach an einen Ort, der irgendwie nach Sommer aussieht, schließ die Augen, konzentriere dich auf den Sommer, geh los und lass deiner Macht freien Lauf. Das haben wir ja schon mal geübt.” Nach ein paar Tipps, wie man im herbstlichen Edinburgh einen Sommerbezug finden könnte - Treibhäuser, Blumenläden, Saunas - beendete Eileen das Gespräch mit den Worten: “Du wirst das schon schaffen. Denk daran, dass du Pans Ritter bist - was auch immer du tust, eine Fee kann dir das ansehen. Pan ist bei vielen Sidhe nicht sehr gut angesehen, aber das ist nicht immer nur ein Nachteil: Du kommst wahrscheinlich mit sehr viel mehr durch als andere.” Irgendwo im Hintergrund piepte ein technisches Gerät. “Meine Muffins! Ich muss los. Viel Glück, Cardo!”

Okay. Das war ja immerhin schon mal etwas. Zusammen mit Hawkins’ Hinweis auf die Sonnenblumen am Portobello Beach würde sich da ja wohl hoffentlich was machen lassen.

Als nächstes versuchte ich, Haley zu erreichen - wenn mir jemand etwas über Einherjaren sagen konnte, dann sie, hoffte ich. Aber dummerweise kam ich unter der Nummer, die wir letztens in Miami benutzt hatten, um mit ihr in Kontakt zu bleiben, nicht durch. Mierda. Naja, da konnte ich wohl nichts machen. Also tätigte ich einen Gute-Nacht-Anruf bei Jandra und vertrieb ich mir noch ein bisschen mit meinem Laptop und dem schottischen Fernsehen die Zeit, ehe ich schlafen ging. Und zwar mit dem festen Vorsatz, im Traum mit George zu reden - meinen kleinen Wyldfae-Kumpel würde ich drüben im Nevernever mit Sicherheit brauchen können.

Gerade, als ich mich hingelegt hatte, klingelte das Telefon. Aus dem Hörer kam zunächst ein schrilles Pfeifen, dann ein schwaches “Hallo? Hallo?”, viel elektronisches Gekrächze, schließlich “Halloooo?”, ganz laut und klar. Eine Frauenstimme. Haley.
“Geht das jetzt so?”, fragte sie genervt, wenn auch vermutlich - hoffentlich - nicht von mir. “Ich hab nicht viel Zeit, Sigbjörn kann nicht lange so stehen… was gibt es denn?”
Als ich sie nach den Einherjar fragte, lachte sie laut auf. “Schätzchen, dass sind die, die nicht zu mir kommen, weißt du? Die hocken in Walhalla und saufen und raufen - ‘bezwingen das bauchige Bierfass baldig’ und so weiter.”

Auf meine nächste Frage, die nach Heorot nämlich, reagierte sie mit einem unfreundlichen Schnauben. Kurz krächzte die Leitung wieder. “Mist”, sagte sie. “Das ist echt nicht so einfach hier… höher, Sigbjörn, höher! Okay, Heorot… Blödes Ding, früher - als es nur Walhalla gab - sind ab und zu Einherjar in Helheim aufgetaucht, weil ihnen das ständige Saufen, Kämpfen, Poppen auf die Nerven ging. Jetzt gehen sie nach Heorot, wo sie Stabreime aufsagen, Schach spielen und sich über Bücher unterhalten können. Gut, das könnten sie in Helheim auch, aber hier scheint halt nie die Sonne und das Dekor ist ein bisschen trist. Dafür haben wir demnächst Kabelfernsehen… vielleicht. Willst du dahin? Vermutlich nicht auf die gute alte Art und Weise, bei der du in der Schlacht stirbst, was?”

Jetzt war ich dran mit dem Schnauben. “Ich will nicht dahin, aber ich muss, fürchte ich. Ist eine Aufgabe im Zusammenhang mit der Sache von letztens noch. Und richtig, ich würde ganz gerne lebendig von dort zurückkommen. Ohne vorher gestorben zu sein, wenn es geht. Sagt dir ein Sigthor Oddson etwas? Den soll - muss - ich dort treffen.”

“Sigthor Oddson?” Hayley lachte. “Ja, der sagt mir was. Er hat meinen Vater im Kartenspiel besiegt, sagt er. Ich habe eine andere Geschichte gehört, was er da mit meinem Vater gemacht hat… sollte ich wohl nicht erzählen, so als getreue Tochter und so.” Man konnte ihr Grinsen förmlich durchs Telefon hören. “Aber ich kann dir versprechen: Bodenturnen war es nicht.” Die Leitung rauschte einen Moment ganz fürchterlich.
“Tut mir leid”, erklang ihre Stimme dann wieder, diesmal deutlich lauter. “Sigbjörn musste lachen. Dann mal viel Spaß in Heorot. Soll ganz lustig dort sein, und nicht sehr gefährlich, eigentlich. Die Einherjar da sind angeblich eher friedfertig, aber halt alles Veteranen. Mit denen legt sich vor Ragnarök so schnell keiner an. Eh, wenn du wissen willst, wie du dahin kommst: Folge den Stabreimen. Die sind ein untrügliches Zeichen für Einherjar. Sie nennen es auch ‘gebetteter Drachentraum’ oder ‘Klingenherd’, und die Straße nach Heorot heißt ‘Weg der Sonnendolde’. Keine Ahnung, was das heißt. Aber mach dir nichts draus, im Nimmernie laufen lauter Gestalten herum, die du fragen kannst. Lass dich nicht fressen, und wenn etwas kichert, dann trau ihm nicht.” Sie kicherte. “Wenn du willst, schicke ich dir eins meiner Geschwister vorbei, damit es dir hilft!”

Ich fing an, ihr etwas zu antworten, aber aus der Leitung kam nur ein Rauschen. Dann hörte ich doch wieder etwas.  “...klar. Sigbjörn… Reise… bald… meinem Vater.”
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 26.09.2016 | 00:48
Mierda. Dann musste ich wohl darauf verzichten, herauszufinden, welches ihrer Geschwister Haley mir hätte zur Seite stellen wollen - auch wenn es vermutlich besser so war. Fenriswolf oder Midgardschlange, wenn mich mein Wissen über die nordische Mythologie nicht im Stich ließ; da war keines von beiden eine sonderlich angenehme Alternative, was mich betraf.

Na gut. Mehr würde ich wohl nicht herausfinden können, ehe ich mich nicht selbst auf die Reise begab. Ich musste nur noch entscheiden, wo. Der Wetterbericht sagte für den nächsten Tag zwar einigermaßen trockenes Wetter voraus, aber wie Herbst oder gar wie Sommer wirkte das hier so gar nicht. Deswegen würde ich auch nicht über diesen komischen Brighton Park gehen, den Hawkins erwähnt hatte. Dass da im November noch Sonnenblumen stehen sollten, das glaubte ich dem Ratsmagier nicht so recht, und vor allem, was würden mir halb verfrorene Sonnenblumen an einem ansonsten winterlich trüben Strand helfen?

Nein. Das Tropenhaus der Royal Botanic Gardens war von 10:00 bis 15:00 Uhr geöffnet, wie mir das Internet verriet, und da musste es sich ja wohl zwischen den ganzen Palmen irgendwo eine versteckte Ecke finden lassen, wo ich unauffällig ins Nevernever hinüberwechseln konnte.

Mit diesem Vorsatz ging ich jetzt endgültig schlafen und bat George, mich am nächsten Tag zu treffen, sobald ich das Nimmernie betrat. Bis mir allerdings die Augen zufielen, grübelte ich über etwas nach, das Haley gesagt hatte. Was zum Geier meinte sie mit “folge den Stabreimen”? Sicher, was Stabreime waren, wusste ich; die waren fester Bestandteil des Kurses “Lyrik im Wandel der Zeiten” gewesen. Und außerdem gefiel mir bei Tolkien der Schlachtruf der Rohirrim immer besonders gut. Aber wie konnte man Reimen folgen? Doch eher den Leuten, die sie aussprächen? Oder meinte Haley damit, die Reime wären irgendwo aufgeschrieben? Naja, wenn ich dem ersten begegnete, würde ich hoffentlich merken, was sie gemeint hatte.

Ich weiß nicht mehr viel von dem, was ich träumte - vermutlich tat George sich in Vorbereitung auf eventuelle Strapazen gütlich daran. Oder ich erinnerte mich am nächsten Morgen einfach nicht, das kann ja auch mal sein. So oder so jedenfalls frühstückte ich ausgiebig, ehe ich mich auf dem Weg in den botanischen Garten machte. Ein Taxi brachte mich in einer Viertelstunde an mein Ziel, und dann stand ich im Zentrum des alterwürdigen Palmenhauses vor der ältesten Palme Schottlands. Schon 1834, als sie hierher verpflanzt wurde, war die Sabal Bermudana ausgewachsen, informierte mich eine Tafel neben dem Baum, auf der auch ein Bild aus eben jener Zeit zu sehen war. Schon beeindruckend - und irgendwie genau richtig für das, was ich vorhatte.

Ich trat also hinter die Palme, als wolle ich sie von allen Seiten bewundern, und so aus der Sicht eventueller anderer Besucher. Dann holte ich Jade aus der lederverstärkten Corduratasche, die ich vor einer Weile extra für diesen Zweck angeschafft hatte, und gürtete die Klinge um, ehe ich mich auf das besann, was Eileen am Telefon zu mir gesagt hatte. ‘Schließ die Augen, konzentriere dich auf den Sommer, geh los und lass deiner Macht freien Lauf.’ Na gut. Wenn ich dabei mit irgendeinem Besucher zusammenstieß, würde ich sehr albern aussehen, aber ich war sehr früh dran und außer mir kaum jemand hier. Das würde schon gehen.

Wie Eileen es mir erklärt hatte, schloss ich die Augen und rief die Magie des Sommers in mir nach oben. Als ich die ersten Schritte machte, legte ich zusätzlich noch die Hand an Jades Griff, und das Heft schien sich unter meinen Händen zu erwärmen, je weiter ich ging. Oder kam mir das nur so vor? Nein, denn die Wärme der Sommermagie breitete sich auch in mir selbst aus, verwob sich mit dem feuchtwarmen Klima des Tropenhauses -- und dann wurde die Luft mit jedem Schritt weniger feucht, und dann veränderte sich mit einem Mal die Qualität des Lichts, das durch meine geschlossenen Augen drang, und auch die Geräusche wandelten sich. Und als ich die Augen wieder öffnete, war ich an einem anderen Ort.

Ich stand auf einer Sommerwiese - einer europäischen Sommerwiese, soweit ich das beurteilen konnte. Neben mir stand ein hellgraues Pferd, gesattelt, aber ohne Zügel. George natürlich, der die Umgebung aufmerksam beäugte und dann anfing, skeptisch an einem Grashalm zu knabbern.

Sehenswert war die Umgebung allemal: Die Wiese lag unter strahlend blauem Himmel auf einem Hochplateau. Einige Schritte vor mir lag die Kante einer steilen Klippe, und darunter rauschten die hohen Wellen eines graublauen Ozeans. Ich glaubte sogar, in der Ferne den grünen Hügel einer Insel zu erkennen. Zu meiner Rechten stand ein wilder Sommerwald voll knorriger Bäume mit ausladenden Ästen, darunter beerenbehangene Büsche und malerisches Moos. Oben, in den Wipfeln, bewegte sich etwas, und ab und zu meinte ich, rotpüschelige Schwänze sehen zu können. Eichhörnchen? Falls ja, mussten die relativ groß sein.
Hinter mir lag ein spektakulärer Sonnenuntergang,  zu hell, um viel zu erkennen. Die Wiese schien sich noch lang zu strecken und in ein welliges Hügelland überzugehen, soweit ich das in der hitzeflirrenden Luft erkennen konnte. Ein warmer Wind wehte aus dieser Richtung, und in der Entfernung konnte ich einige Reiter in rostroten Roben sehen, die gemächlich auf die Sonne zuritten.
Auf der linken Seite schließlich lag ein kurioser Karneval: Zahlreiche Zelte zierten eine ausgedehnte Aue, abenteuerliche Artisten arbeiteten andauernd an allerlei Albernheiten, und mutige Maiden machten munteren Müßiggang.

...wie bitte? War das jetzt mein eigenes Hirn, das mich ständig mit Stabreimen stichelte? Oder gab mir die laue Luft gar gefährliche Gaukelreime… Was. Zum. Geier?

Warte. Wie hatte Haley gesagt? ‘Folge den Stabreimen’. Zu der Steilküste hin hatte ich nicht in Alliterationen gedacht, auch nicht in Richtung des Waldes - oder zumindest nur ansatzweise. Aber zu dem vielgestaltigen Varieté mit seinen protzigen Pavillons und seinen bewegtbunten Buden zogen mich die zahlreichen Zeilen mit alliterierenden Anfängen hin wie ein Seeman sein Schiff an einem soliden Seil.

Okay. Das war ein zweifelloses Zeichen, schien es mir sicher. Also machte ich mich wagemutig auf den Weg.
¡Mierda! ¡Esto tenía que parar!
Ich biss die Zähne zusammen, und mit Mühe machte ich mich - Cólera noch eins! - auf den Weg zu dem jauchzenden Jahrmarkt, Georges graue Gestalt an meiner Seite.

Schon von fern dünstete der Duft liebreizender Lammkeulen und deftiger Delikatessen. Gebratene Gänse gackerten… Moment, was? Gackerten? Doch, tatsächlich, die kopflosen Tiere über den Flammen gackerten laut und deutlich. “Labe dich, Liebling!” Huch.

Unschlüssig schritt ich über den begrasten Boden, sah eine taumelnde Tänzerin, einen jungen Jongleur, einen bierseligen Bären und einen quakenden Cowboy. Nein. Der quakte nicht, und er war auch kein Cowboy. Tatsächlich war er hauptsächlich beschwipst und beduselt, ein braungekleideter Barbar mit einem beidhändigen Beil. “O Walhalla Wanderhalla, wanderte ich wahnbefreit...”, krächzte er unmelodisch. Als er mich sah, kam er schwerfällig auf mich zugeschwankt. “Freundlicher Freund, ein fröhlicher… Freudengruß! Respektabel reist du, und spektabel, und vielleicht gar spendabel? Ein einsamer Einherjar eilt eilig ein… bei, um dich zum Gastgeber zu gießen. Zu kiesen. Zum Kastgeber… ach, was soll’s. Gibst du mir einen aus, Freund?” Er lächelte breit und atmete mir seinen alkoholgeschwängerten Atem ins Gesicht.
Weiter hinten kam eine gewappnete und gerüstete Kriegerin kraftvoll geschritten. Ihr Blick schweifte umher, und der bärtige Barbar bemühte sich um ein verstohlenes Versteck hinter mir. “Schweig, mein freundlicher, mein friedlicher Freund! Das wunderbare Weib dort zürnt zauberhaft… nee, die wilde Walküre säuert sonderbar… ich brauch ein Bier! Schnell!”

Oh. Aber ich schwieg doch schon sowieso stille, was wollte der Wicht? Ein Bier, bekanntermaßen. Na dann sollte er sein Bier bekommen. Ich winkte der Wirtin und bestellte gegorenen Gerstensaft für meinen struppigen Sozius.

“Prosit, Pontonier!” wünschte ich ihm wohlwollend - und fragte mich dann, wie bei allen grünen Geistern ich jetzt auf dieses Wort gekommen war. “Lasst es Euch laben. Und dann sagt, warum bangt Ihr vor der Blonden dort?”

“Bangt?!? Einem Oddson bangt vor keiner Blage… Plage… ach, was soll’s.. Prost!” Hastig hob er den bierigen Becher und schüttete den schäumenden Inhalt schnell in seinen Schlund. In der Zwischenzeit hatte die Blonde ihn allerdings entdeckt.
“Halfðan Oddson!”, rief sie rau. “Hier bist du nun und säufst, während in Heorot die Helden harren?” Irritiert runzelte sie die strenge Stirn. “Diese Reime sind echt reiz… ich meine, nervtötend. Weiche, Wicht der windigen Worte, von dieser… äh… biergeschwängerten Bank baldig!” Mit einem Fuss trat sie gegen ein Tischbein, und ein winziger Wichtel verzog sich zeternd. Natürlich in Stabreimen.

In dem Moment konnte ich spüren, wie ein gewaltiges Gewicht… eine unsichtbare Bürde von mir abfiel. Es fühlte sich an, als würden sich ein paar Gehirnwindungen entknoten, dann konnte ich wieder denken, ohne ständig in Alliterationen zu verfallen. Tío, war das eine Erleichterung.

“Astrid”, murrte Halfðan. “Was willst du denn schon wieder? Ich trinke hier mit meinem Freund … äh … na, mit meinem Freund Dingsda! Wir haben wichtige Männerdinge zu besprechen!”
Astrid sah uns beide skeptisch an.
“Sei gegrüßt, Dingsda”, sagte sie mit ironischem Unterton zu mir. “Freut mich, deine Bekanntschaft zu machen.”

Ich nickte der Kriegerin höflich zu. “Ricardo. Erster Ritter des Herzogs Pan. Aber ‘Dingsda’ tut es auch. Es freut mich, dich kennenzulernen, Astrid.” Interessiert betrachtete ich sie einen Moment lang - ob es das tatsächlich eine Walküre sein konnte? Eigentlich sah sie ganz normal aus - naja, so hochgewachsen und auf strenge Weise schön, wie sie war, konnte man das nicht wirklich als ‘normal’ bezeichnen, aber auf den ersten Blick jedenfalls nicht nichtmenschlich. Ehe ich sie zu lange anstarren konnte, wandte ich mich dann zu dem Krieger mit dem großen Durst. “Und Halfðan. Das freut mich ebenso.” Ich hob meinen eigenen Bierkrug und prostete ihm zu, nahm aber nur einen kleinen, vorsichtigen Schluck. Besser einen klaren Kopf bewahren. “Halfðan Oddson? Zufällig verwandt oder verschwägert mit Sigthor Oddson? Falls ja, hätte ich da eine Frage.”

Halfðan und Astrid wechselten einen Blick, den ich nicht recht deuten konnte. “Sigthor ist mein Bruder”, sagte der große Mann dann durch seinen Bierbart. “Ihr Vater.” Mit dem Daumen zeigte er auf die Walküre (wenn sie denn eine Walküre war), die die Augen verdrehte.
“Meiner, und der von ungefähr 300 anderen Leuten”, erklärte sie. “Sigthor lässt wenig anbrennen.”
“Noch weniger, seit Loki ihn verflucht hat, dass jeder, mit dem er schläft, ein Kind von ihm bekommt.” Halfðan lachte bei diesen Worten kräftig und spuckte etwas Bier durch die Gegend. Astrid schnaubte genervt.
“Mein Vater ist ziemlich speziell”, erklärte sie. “Und egal, wie viele Riesen ich erlege, wie viele Zwergenschätze ich erbeute und wie viele Maiden ich flachlege - das ist immer die allererste Geschichte, die jeder über mich erfährt.”
“Er hätte Loki die Sonnenhaare nicht abnehmen sollen”, sagte Halfðan mit einem Kopfschütteln.
“Hätte er nicht, nein”, stimmte Astrid zu. “Und dann diese Geschichte mit dem Kartenspiel… als wäre Papa in der Lage, irgendwen im Kartenspiel zu besiegen.”
“Ich hab immer gegen ihn verloren”, protestierte Halfðan empört.
“Du hast auch Bier im Gehirn.” Astrid drehte sich zu mir um. “Nun, Sir Dingsda… Ricardo, meinst du, du kannst meinen Onkel dazu überreden, mit mir nach Heorot zu reisen und seine Aufgabe zu erfüllen?”
“Meine Aufgabe?”, knurrte Halfðan. “Ich muss das Feuer hüten… das ist so langweilig, es ist ein magisches Feuer, es kann nicht ausgehen. Was soll ich denn da hüten?”
“Es ist auch nicht ausgegangen”, erwiderte Astrid spitz. “Im Gegenteil: Es ist gewachsen, kokelt alles an und wenn man ihm etwas sagt, gibt es Widerworte. Die anderen Einherjar finden, es ist deine Sache, es zu erziehen.”
“Ich… äh… also, Astrid, weißt du, ich würde ja gern, aber ich habe Sir Dings… Rikado versprochen, ihm bei seiner Queste zu helfen.” Verstohlen blinzelte Halfðan mir zu.
Astrid verschränkte die Arme und sah uns genervt an.
“Und hat das etwas mit Bier zu tun, Sir Ricardo?”

“Es hat nichts mit Bier zu tun, werte Astrid”, versicherte ich ihr. “Zumindest nicht, soweit es mich betrifft. Es hat allerdings zu tun mit diesen drei Haaren, die du erwähnt hast.”
Vielleicht war es unvernünftig, gleich so mit der Tür ins Haus zu fallen, aber wenn Hawkins List und Tücke gewollt hätte, hätte er einen White Court schicken sollen. Außerdem, wer sagte denn, dass dieser Ansatz nicht funktionieren würde?
Ich sah die beiden Nordländer fragend an. “Habe ich das jetzt richtig verstanden? Sigthor wurde verflucht, weil er die Sonnenhaare an sich gebracht hat? Und seit diese Sonnenhaare in Heorot sind, lässt sich das magische Feuer nicht mehr kontrollieren? Irre ich mich, oder klingt das nach einem Zusammenhang?” Astrid nickte mir ernsthaft zu. “Und genau deswegen brauchen wir Halfðan. Es ist seine angestammte und hochheilige Aufgabe, sich um das Feuer zu kümmern.”
Das magische Feuer. So langsam wunderte es mich nicht mehr, dass Hawkins einen Vertreter des Sommers geschickt hatte. “Was machen diese Haare eigentlich genau?” entgegnete ich. “Sonnenlicht?”
Die blonde Kriegerin nickte wieder. “Unter anderem. Und die Wärme dazu. Das kann ganz praktisch sein für kühle Sommernächte. Oder gegen die Eisriesen.”

Oh. Oho. Cólera. Ja klar. Wäre ja auch zu einfach, wenn sie keinerlei Motivation hätten, die Dinger hier zu behalten.
“Ich will gar nicht lange drum herum reden. Ich bin wegen dieser Haare hier. So wie ich das sehe, könnten wir alle was davon haben, wenn ich die an mich nehme. Das Feuer käme wieder unter Kontrolle, und vielleicht würde Sigthor sogar seinen Fluch los?” Ich zögerte, als mir ein sehr hässlicher Gedanke kam. “Wie funktioniert dieser Fluch eigentlich genau? Ich hätte herzlich wenig Lust, mir selbst einen einzufangen, sobald ich diese Haare an mich nähme.”

Astrid lachte auf. “Nee, den Fluch wird Sigthor nicht los - das hat was damit zu tun, wie er an die Haare gekommen ist. Ich weiß nicht, wie dein Verhätlnis zu Loki ist, aber dafür, dass er Leute so gern übers Ohr hat, hat er bemerkenswert wenig Sinn für Humor, wenn ihm selbst das passiert.”
Halfðan kicherte mit. “Hab doch schon gesagt, was der Fluch ist - jeder, der mit Sigthor schläft, kriegt ein Kind von ihm. War unglaublich lustig, als er mit Knud... Au!” Empört hielt sich Halfdan den Fuss, auf den ihm Astrid gerade getreten war.
“Wofür brauchst du die denn?”, fragt die blonde Frau hastig. “Ich weiß nicht, ob das Feuer wegen den Haaren ausser Kontrolle ist oder weil dieser Blödbommel da” - sie deutet auf Halfðan - “seine Pflichten vernachlässigt. Aber wäre vielleicht gut, wenn die weg wären. Wenn das Feuer sich wieder benimmt, hätten wir ja alle Wärme, die wir brauchen.”
“Pfff”, macht Halfdan. “Das Feuer geht mir auf die Nerven. ‘Mir ist langweilig’ hier, ‘Ich hab Hunger’ da, ‘Meine Asche muss raus’, ‘Kann ich auch mal andere Feuer treffen’ und so weiter.” Er zieht die Nase hoch. “Früher war das einfacher.”
“Jaja”, sagte Astrid und verdrehte die Augen. “Was hältest du davon, Sir Ricardo: Du kommst mit uns nach Heorot, hilfst deinem netten Freund da mit dem Feuer und dann reden wir über die Haare? Sie sehen ja schon recht hübsch aus da in der Halle…”

Ich nickte der Kriegerin zu. “So ungefähr habe ich mir das gedacht, ja. Wenn ich irgendwas tun kann, um mit dem Feuer zu helfen, tue ich das gerne.”
Astrid lächelte. “Schön. Dann komm mal mit.” Sie warf ihrem Onkel einen strengen Blick zu. “Und du auch, Halfðan Oddson. Denk nicht mal daran, hierzubleiben, während wir gen Heorot ziehen.”
Der Einherjar warf seiner Nichte einen missmutigen Blick zu, trank aber sein Bier in einem letzten langen, geräuschvollen Zug aus und erhob sich dann von seiner Bank. Ich stand ebenfalls auf und winkte George, der zu mir getrottet kam, als wir aufbrachen.

Unser Weg führte uns an dem Jahrmarkt vorbei weiter weg von den Klippen, tiefer ins Land hinein, bis schließlich in einiger Entfernung eine Struktur auftauchte, ein langgezogenes Wikingergebäude mit einem Dach wie ein Drachenboot. Heorot, die Sommerhalle.
Je näher wir kamen, desto langsamer wurde Halfðan. “Komm schon”, versuchte ich ihn aufzumuntern. “Das Feuer bekommen wir schon irgendwie gebändigt.”
Halfðan brummelte etwas herum, aber er folgte Astrid und mir in die große Halle.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 13.11.2016 | 21:13
Von außen mochte die Halle aussehen wie ein Wikingerlanghaus, aber innen hatte sie mehr Ähnlichkeit mit einem britischen Gentleman’s Club: Ein breiter Eingangsbereich, wo ein großer Haufen Waffen säuberlich in Regalen geordnet war, dann führten ein paar Treppenstufe nach unten in einen großen Saal. Im Raum verteilt standen kleine Sitzgruppen, mehrere Ständer mit Magazinen und Dutzende von Bücherregalen. Etliche Leute saßen auf gemütlichen Sesseln oder eleganten Bistrostühlen, spielten Schach oder Kartenspiele, diskutierten über alles mögliche und aßen Flammkuchen. Auf den Tischen stand Bier, aber nicht in großen Krügen, sondern in künstlerisch geformten Flaschen mit merkwürdigen Etiketten.

Es war warm in Heorot. Sehr warm. Die Anwesenden trugen größtenteils dünne Bademäntel, manche auch Boxershorts oder überhaupt nichts. Das war nicht immer allzu schön anzusehen - ein Großteil der Leute war männlich, nicht allzu jung und behaart wie ein Yeti. Die wenigen Frauen unter ihnen schienen sich an dem Anblick aber nicht zu stören. Einen Bikini trug trotzdem nur eine, der Rest hatte etwas mehr an.

Schuld an der Hitze war das große, wild lodernde Feuer in dem weiten Kamin. Ein paar… was waren das für Wesen? Zwerge? Gnome? “Hauselfen”, schoß es mir durch den Kopf. Dem Harry-Potter-Thema hatte ich ja schon in Edinburgh nicht entgehen können, nur waren diese Wesen hier besser gekleidet als Ms. Rowlings Hauselfen. Sie huschten durch den Raum, füllten hier ein paar Getränke auf, brachten da ein paar Pastetchen, räumten Bücher zurück in die Regale… und schleppten gerade einen halben Baumstamm, der viel zu schwer für sie war, zum Kamin.
Selbst über das Murmeln der Einherjar hinweg konnte ich die Stimme des Feuers hören: “Kssss… issst dassss etwa Eichenholz? Dasss isssst gar nicht heisssss… ich wollte doch Buche! Buche!” Ein paar missmutige Flammen schlugen nach den ... Hauselfen, und die kleinen Wesen sprangen hektisch beiseite. Den Baumstamm ließen sie fallen und huschten davon.

“Holder Halfðan, willkommen zurück in Heorot”, sagte eine leise Stimme. Neben der Gruppe stand ein ...wasauchimmer... Hauself mit einem geschwungenen Schnurrbart, hinter dem das alte, faltige Gesicht fast verschwand. Aus irgendeinem Grund schien er einen britischen Akzent zu haben, wie ein Butler aus einem Upper-Class-Krimi. Einer von denen, wo der Detektiv es unglaublich schwer hat, weil er reich ist und gut aussieht und das Gefühl hat, die Leute würden ihn allein darauf reduzieren. Dieser Butler-Elf hier trug sogar eine Art Anzug, und er hatte definitiv Schuhe und Socken an. Und irgendwie schaffte er es, Halfðan gleichzeitig respektvoll und missbilligend anzusehen.
Der Einherjar hatte ihn gar nicht bemerkt und zuckte bei seinen Worten zusammen.
“Hallo, Ranulf”, sagte er lahm und lächelte unsicher. “Bringst du mir bitte mal ein Bier?”
“Gewiss, holder Halfðan”, erwiderte Ranulf mit einer leichten Verbeugung. “Das wird Euch nach der Erfüllung Eurer Pflichten gewiss munden.”
Dann wandte er sich von dem stämmigen blonden Krieger ab, begrüßte Astrid mit einem aufrichtigen Lächeln und verneigte sich schließlich vor mir. “Seid gegrüßt, Fremdling. Ein Ritter des Sommers, wie ich sehe? Darf ich euch etwas abnehmen? Etwas bringen?”
Es war ja nett gemeint, aber ich lehnte dankend ab. Erstens hatte ich gerade andere Dinge im Kopf, und zweitens war das hier immer noch das Nevernever. Was mich daran erinnerte, dass ich Eileen bei Gelegenheit mal fragen muss, wie das mit Essen und Trinken hier ganz grundsätzlich läuft.

Aber erstmal das Wichtigste. Das Feuer. Es wurde ziemlich schnell deutlich, dass das es nicht nur eine Persönlichkeit besaß, sondern die Persönlichkeit eines ziemlich verzogenen Teenagers. Es konnte Halfðan sichtlich nicht ausstehen, und Astrid noch viel weniger.
Den grünhäutigen Orc – Moment. Was? Orc? Tatsächlich. Der sah aus wie der sprichwörtliche Fantasy-Orc. Eindeutig mehr Arcanos oder World of Warcraft als die Herr der Ringe-Filme  – der beim Kamin saß, schien dessen flackernder Insasse hingegen tatsächlich zu mögen. Und mich erstaunlicherweise auch, denn mich blaffte es nicht an, sondern mit mir redete es ganz friedlich.

Dabei kam heraus, dass das Feuer tatsächlich ein Bewusstsein hatte und nicht einfach nur magisch animiert war. Auf mich wirkte es wie ein Kind, oder vielleicht besser wie ein Teenager; wie ein ziemlich verzogener Teenager dazu. Den blonden Krieger redete es mit „Onkel“ an und sprach von Astrid als seiner „Schwester“, was mich erst stutzen ließ und dann fieberhaft nachdenken. Wenn Sigthor Oddson jemanden geschwängert hatte – denn jeder, mit dem Sigthor Oddson schlief, wurde ja immerhin schwanger, wie ich gelernt hatte – wer zum Nether war dann die Mutter? Ich hatte da einen ganz, ganz, ganz schrecklichen Verdacht. Was, wenn es Lady Fire wäre? Oh, santísima madre.
Andererseits, das Feuer schien ja ganz nett. Wer weiß, vielleicht wäre das ein allererster Schritt zu einer möglichen Aussöhnung?

Jedenfalls stellte sich sehr schnell heraus, dass es weder in Heorot bleiben, noch die Einherjar es weiter dort sehen wollten. Astrid sprach den Gedanken aus, der mir flüchtig durch den Kopf gegangen war, den ich aber nicht zuende zu denken gewagt hatte: ob ich das Feuer vielleicht mitnehmen könne in meine eigene Welt.
Unser zickiger Halbwüchsiger war gleich – nein, ich sage jetzt nicht 'Feuer und Flamme', das wäre zu billig – ziemlich begeistert von der Idee. Hauptsache hier wegkommen, meinte es, und auch die diversen Umstehenden waren durchaus ebenfalls dieser Meinung.
Na gut, sagte ich, aber nicht in meine eigene Welt. Ein lebendes Feuer in mein Apartment zu holen, kam so überhaupt nicht in Frage. Nicht mit Jandra, die seit ihrem Erlebnis mit Lady Fire ohnehin auf Feuer fixiert ist, die ständig von ihrer besten Freundin Monica besucht wird, welche wiederum ganz am Anfang ihrer Magierausbildung steht – Spezialisierung Feuer, wohlgemerkt – und bei all dem Papier in der Wohnung? Lasst mich nachdenken... Ähm, nein.
Aber in Pans Palast ginge es vielleicht. Da ist dieser riesige Kamin in Pans Großer Halle, der ohnehin nie benutzt wird und wo sich ein Bewohner vielleicht ganz wohl fühlen würde.
Dieser Alternativvorschlag war für das Feuer auch in Ordnung – egal was, nur weg hier, nehme ich an. Lustigerweise wollten die anderen sich ebenfalls alle anschließen: Den Fantasy-Orc (der übrigens selbst nicht wusste, wie er hierher gekommen war, und der keinen anderen Namen kannte als Orc Nummer Vier) wollte das Feuer ja schon ganz gern dabeihaben, aber auf Halfðan und Astrid hätte es gerne verzichten können, wie es uns lautstark wissen ließ. Da war aber nichts zu machen, die beiden wollten auch mit, und wer war ich, um sie daran zu hindern? Außerdem konnte keiner der drei vermutlich ewig in Pans Palast bleiben, oder überhaupt wollen. Der Orc fragte mich schon, ob es dort viel zu kämpfen gebe. Naja, zwei Gelegenheiten zum Kämpfen im Jahr konnte ich ihm immerhin versprechen (wobei die Kämpfe zur Winter- und Sommersonnenwende bei uns ja meist auch nicht so blutig daher kommen, wie ein kriegerischer Orc das vermutlich gerne hätte), aber ich zweifelte doch immer noch ziemlich daran, dass unsere Begleiter es sonderlich lange in Pans Hofstaat aushalten würden.

Ehe wir gingen, erinnerte ich Astrid aber noch an ihr Versprechen mit den drei Sonnenhaaren. Die Kriegerin wollte sich erst etwas zieren, aber das Feuer loswerden wollte sie dann doch lieber, und den Einherjaren in der Halle war es auch lieber, die Haare und ihre wärmende Wirkung zu verlieren, als das Feuer behalten zu müssen, also bekam ich sie am Ende dann doch.
Eines meiner Bücher durfte ich dann zu dem Zweck sogar auch noch signieren. Wobei ich die Haare vermutlich auch ohne Autogramm bekommen hätte, aber der Einherjar, der es sich im warmen Licht der Haare in einem Lehnsessel gemütlich gemacht hatte, las lustigerweise gerade Cuban Ghosts, und die Tatsache, dass dessen Autor die Haare haben wollte und ihm eine ausführliche Widmung ins Buch schrieb, war der Sache sicherlich nicht ganz abträglich.

George, noch immer in Pferdegestalt, hatte die ganze Zeit über geduldig draußen vor der Halle gewartet. Jetzt bat ich ihn, uns zurück in Pans Reich zu bringen, und schwang mich in den Sattel. Warum, weiß ich gar nicht so genau; vielleicht, weil ich dachte, so könnte George uns den Weg leichter zeigen. Oder warum auch immer. Vielleicht wollte ich auch einfach nur eine vornehme Gestalt abgeben, so hoch zu Ross.

Jahaaa. Y una leche. Kaum saß ich im Sattel, galoppierte George los, und das war es dann mit meiner vornehmen Gestalt hoch zu Ross. Ich zog einige Male am Zügel, wollte meinem kleinen Wyldfae-Freund aber auch nicht zu fies im Maul herumzerren, ganz abgesehen davon, dass ich alle Mühe hatte, mich oben zu halten. Ich rief George zu, er solle anhalten, aber der dachte gar nicht daran, und sehr schnell waren die anderen hinter uns verschwunden. Und zwar nicht einfach nur hinter uns, weil George so schnell galoppierte. Sondern die Landschaft veränderte sich rapide, und dann waren wir schon wieder an einem ganz anderen Ort. Und ich fiel unsanft zu Boden, weil da nämlich plötzlich kein Pferd mehr unter mir war. Überhaupt kein George, egal in welcher Gestalt. Ich war wieder in meiner eigenen Welt.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 13.11.2016 | 22:23
Der Orc Nummer Vier wurde übrigens aus einer dieser "Darf der SL die SCs an den Haare ziehen"-Debatten geboren. :D

(Schöne Zusammenfassung!)
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 21.11.2016 | 16:26
*Kopfkratz* Zusammenfassung?
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 22.11.2016 | 17:48
Vom letzten Teil, der ja nicht mehr geschrieben, sondern gespielt wurde. "Zusammenfassung" im Sinne von "konzise, gut lesbare Verschriftung des Geschehenen". ;)
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 24.11.2016 | 21:26
Ja, nur es war ja ein Diary wie alle anderen, die nicht gerade ein SST waren, auch. :)
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 24.11.2016 | 21:27
Ricardos Tagebuch: White Night 6

Ich befand mich also wieder in meiner eigenen Welt. Soviel zumindest war klar, denn sonst wäre George noch da gewesen. Aber wo war ich? Ich rieb mir das schmerzende Hinterteil und sah mich um. Ich befand mich auf einer kleinen Anhöhe, unter bleigrauem Novemberhimmel. Vor mir, unterhalb der Anhöhe, eine Wasserfläche von beachtlicher Größe, umgeben von Moor- und Heidelandschaft auf der einen Seite, einem Waldstück auf der anderen. Berge – oder waren das noch keine Berge, sondern nur Hügel? – in einiger Entfernung. Das sah mir aus wie Schottland. Ich war in den Highlands. Und dann musste das da unter mir der Lochan Dubh nan Geodh sein. Aber warum hatte George mich gerade jetzt hierher gebracht?

Stimmen machten mir klar warum. Denn als ich in die entsprechende Richtung sah, erkannte ich unten am Ufer sechs mir nur allzu wohlbekannte Gestalten. Das waren die Jungs mit Gerald und seinem Sohn, und offenbar wollten sie genau jetzt das Ritual abhalten. Okay, George, alter Kumpel, ich nehme alles zurück.

Dass ich so plötzlich aus dem Nichts auftauchte, wunderte die Jungs natürlich genauso wie mich, und da die Nerven etwas angespannt waren, konnte ich vermutlich ganz froh sein, dass ich nicht von einem Zauber empfangen wurde. Aber als sie mich dann mal erkannt hatten, waren sie doch ganz froh, mich zu sehen, glaube ich.
Ehe es losging, ließ ich mir aber erstmal erzählen, was ich alles verpasst hatte, und berichtete selbst von meinen Erlebnissen in der Sommerhalle. Als ich erzählte, dass ich es für grundsätzlich möglich hielt, dass das Feuer das Kind von Sigthor und Lady Fire sein könnte, sah Alex mich an, als sei ich völlig verrückt geworden. „Und dann hältst du es für eine gute Idee, Lady Fires Kind in den Thronsaal ihres Feindes zu bringen? Was, wenn es für seine Mutter spioniert?!“
Oh oh. So weit hatte ich in meinem Bemühen, an die Sonnenhaare zu kommen, natürlich wieder mal nicht gedacht. Ganz schlau, Alcazár, echt.

Ich selbst hatte auch ein paar Sachen verpasst. Seit meinem Aufbruch ins Nevernever waren hier in der echten Welt einige Tage vergangen. Den erfolgreichen Abschluss von Operation Valinor hatte ich ja noch mitbekommen, und als ich dann abgereist war, fingen die anderen an, die Ritualzutaten für die Aktion hier zu besorgen. Oh, und sie hetzten Camerone Raith gegen Anabel auf. Muahahahaha. Da wäre ich gern dabei gewesen. Aber es klang auch schon aus den Erzählungen der Jungs ziemlich cool, ein echtes Raith'sches Meisterstück seitens Totilas. Der überzeugte seine Tante nämlich, dass er Gerald absetzen wolle, dass er die Geschäfte übernehmen wolle und dass Gerald, wenn er mit ihm fertig sei, keinen Fuß mehr nach Miami werde setzen können – und Gerald werde keinerlei Zweifel daran haben können, dass es Totilas gewesen sei, der ihm das eingebrockt habe.
Ich wiederhole mich, aber: Muahahahahaha. Perfekt mit der reinen Wahrheit über den Tisch gezogen.

Spencer Declan hetzten sie auch Richtung Anabel, frei nach dem Motto, dass es für die Stadt nicht gut wäre, wenn da jetzt plötzlich so ein ganz neuer Mitspieler auftauchen würde. Anabel, die Declan um ein Treffen gebeten hat, hat wohl einen Termin in zwei Wochen genannt bekommen. Und noch ein kleines Muahahaha.

Jetzt, hier am See, hatten die Jungs schon so gut wie alles fertig. Richard und Roberto würden mit ihren eigenen Ritualen beginnen: Roberto würde die Umgebung vorbereiten, wenn ich das richtig verstanden hatte, Richard würde den Dämon aus Gerald herausziehen, und Edward den Dämon in den See treiben. Und das würde richtig schwierig werden, das konnte er jetzt schon sagen. Die Jungs hatten schon einige Dinge dafür eingesammelt, während ich im Nevernever war, aber ob das ausreichen würde? Ich bot eine Blutspende an, weil ich von Edward ja weiß, dass Blut ein Ritual tatsächlich erleichtert, aber so weit würde es nicht kommen müssen, meinte er. Soweit er sagen könne, hätten sie genug Sachen vorbereitet. Aber falls es hart auf hart kommen würde, wollte er nochmal darauf zurückkommen, meinte er. Si, claro, weil das in der Hektik auch gerade so gut gehen würde. Aber gut, mir in die Hand schneiden und etwas Blut wohin auch immer tropfen lassen, könnte ich vermutlich tatsächlich auch in einiger Eile.

Ehe es losging, warnte Richard uns, dass wir ihn auf jeden Fall im Auge behalten müssten. Immerhin würde das Ritual vermutlich ziemlich an den Kräften zehren, und das wiederum würde mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit Richards Red Court-Infektion hochkochen lassen. Erkennen könnten wir das daran, dass seine Tätowierungen die Farbe verändern würden: je greller rot, desto kürzer stünde er davor, die Kontrolle zu verlieren. „Alles klar“, sagte Alex, „darum kümmere ich mich“, und bastelte aus der Batterie des Mietautos einen Taser, um Richard falls nötig ausknocken zu können. Totilas und ich hingegen wollten Richtung Klippe und Richtung See die Umgebung sichern beziehungsweise Edward schützen, so gut wir konnten.

Richard und Roberto begannen zuerst mit ihren jeweiligen Teilen des Rituals, dann kam Edward dazu. Ich konnte gar nicht genau sehen, wann es soweit war, aber dann wurde mit einem Mal sein Dämon aus Gerald herausgezwungen. Es war ein ziemlich beunruhigender Anblick, weil der Dämon tatsächlich haargenau so aussah wie Gerald selbst, nur eben etwas blasser. Die Kreatur zögerte kaum einen Herzschlag lang, dann rannte sie davon, was das Zeug hielt. Totilas, der Richtung See die Stellung hielt, war dem Dämon sofort auf den Fersen, aber der kam gar nicht weg. Er prallte von der unsichtbaren Barriere ab, die Edward mit dem Ritualkreis vorher gezogen hatte, fauchte wütend auf und hatte sich im Nullkommanichts von dem Hindernis abgewandt, ehe er auf Edward zustürmte. Damit hatte ich nun wiederum so halbwegs gerechnet, und vor allem stand ich auch so, dass ich mich dem Dämon ziemlich gut in den Weg stellen konnte. Glücklicherweise, denn der war richtig schnell. Ich hatte auch ein wenig den Eindruck, dass er zurückprallte – weniger vor mir, aber vor der Sommerklinge in meiner Hand. Ob er an Jade vielleicht nicht vorbeikonnte?

Während der Dämon zurückzuckte und ich ihm, so drohend ich konnte, mein Schwert entgegenhielt, warf Totilas sich von hinten auf ihn. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, dass der See zu brodeln begann: Irgendetwas darin schien zu erwachen, oder vielleicht war es auch schon wach und kam jetzt einfach an die Oberfläche geschwommen.
Jetzt überwand der fahle Dämon seinen Schrecken, oder vielleicht besann er sich auch einfach auf seine unglaubliche Schnelligkeit. Jedenfalls tanzte er einfach um mich herum und auf Edward zu, und ich hatte keinerlei Chance, ihm hinterherzukommen.
Aber glücklicherweise waren Roberto und Alex ja auch noch da. Alex tat dasselbe, was ich auch getan hatte, und warf sich dem Gerald-Abbild in den Weg, während Roberto irgendwas rief. Ich weiß gar nicht, ob es ein Zauber war oder einfach nur Robertos Persönlichkeit, aber er... mierda, wie sage ich das, er machte sich wichtig. Plötzlich wirkte es so, als sei Robertos Anteil am Ritual der größte und wichtigste – sogar für mich, obwohl ich ja wusste, dass Robertos Part eigentlich schon getan war und nur Edward die Sache am Laufen hielt.
Jetzt packte der White Court-Dämon Alex und warf ihn nach Roberto, um ihn aus dem Tritt zu bringen – hatte dessen Ablenkungsmanöver also geklappt. Sehr gut. Also nicht gut für Alex und Roberto, die beide davon zu Boden gingen, aber gut für Edward, dessen Ritual nicht unterbrochen wurde. Dafür bekam Totilas plötzlich silbrige Augen, als dessen eigener Dämon die Kontrolle übernahm und ganz offensichtlich die Essenz von Geralds dämonischem Ebenbild in sich aufnehmen wollte, um sich selbst zu stärken. Derweil versuchte ich, die Aufmerksamkeit des wirtslosen Schemens auf mich zu ziehen, aber ich hätte genauso gut meilenweit weg stehen und leise flüstern können: Totilas' Dämon war einfach ungleich wichtiger und gefährlicher für Geralds Abbild als ein kleiner Cardo mit seinem Sommerschwert.

Das war der Moment, in dem Edward noch einmal alle Kraft zusammennahm und das Ritual mit einem Paukenschlag beendete. Der Dämon heulte auf und wurde unerbittlich in Richtung See gezogen, dessen Brodeln und Zischen in den letzten Minuten stark zugenommen hatte. Aber da die White Court-Dämonen ja angeblich alle aus genau hierher gekommen waren, hofften wir, dass der See, oder besser der Schutzmechanismus, der auf ihm lag, den Neuankömmling nicht abstoßen würde.
Totilas, dessen Augen noch immer silberfarben waren, dessen Dämon also noch immer zumindest zum Teil die Kontrolle hatte, wollte dem  Gerald-Schatten hinterher. Von uns allen stand ich ihm am nächsten, und ich konnte nicht zulassen, dass unser Freund ebenfalls in den See gezogen werden würde, also hielt ich ihn zurück. Der Dämon drehte sich um, und seine silbernen Augen bohrten sich in meine, und ich war mir sicher, dass er jetzt über mich herfallen würde, hungrig, wie er sein musste. Schon hatte er mich gepackt, aber dann fuhr er mit einem Mal herum. Von Roberto ging noch immer diese Aura der Wichtigkeit aus, und so ließ Totilas mich los, machte die paar Schritte hinüber und küsste Roberto, was unseren White Court-Freund nach ein paar Sekunden des Stärkens wieder genug zu sich kommen ließ, dass seine Augen ihre normale Färbung annahmen und er sich von seinem Opfer löste. Und ich bin mir nicht zu fein zu gestehen, dass ich massiv dankbar dafür war, so davongekommen zu sein.

Erst jetzt hatten wir wieder Augen für Gerald selbst. Der war zusammengebrochen, und sein Sohn kniete über ihm. Richards Schutztätowierungen waren hellrot, und seine Zähne traten bereits größer und spitzer hervor, als Zähne das eigentlich tun sollten. Alex schnappte seinen Autobatterie-Taser und verpasste dem Infizierten einen Stromstoß, während ich ihm mit dem Schwertknauf einen Schlag überbriet. Als Richard daraufhin verwirrt zu uns aufsah, begann ich, auf ihn einzureden, und es gelang mir tatsächlich, ihn wieder einigermaßen zur Vernunft zu bringen. Aber das kräftezehrende Ritual hatte seine Spuren hinterlassen: Totilas' Vater brauchte Nahrung, um nicht doch wieder auszuticken, und zwar schnell. Also kam ich doch noch zu meiner Blutspende, auch wenn wir natürlich nicht zulassen konnten, dass Richard mich biss. Stattdessen ließ ich Blut in die Schale tropfen, die Roberto für seinen Teil des Rituals benötigt hatte – genug, um den Infizierten zu sättigen, und genug, dass mir ziemlich schwummrig vor Augen wurde, aber es ging.
Gerald erholte sich auch ziemlich bald, zumindest so viel, dass wir ihm aufhelfen konnten. Er war zwar völlig erledigt, wirkte aber unsagbar glücklich. Kein Wunder, so sehr, wie er sich danach gesehnt haben musste, endlich kein Vampir mehr zu sein.

Im See war irgendetwas auf uns aufmerksam geworden, sagten Edward und Roberto, das hätten sie während des Rituals gespürt. Und oben an der Klippe waren drei Gestalten aufgetaucht, bemerkten wir jetzt. Schwarze Gestalten, irgendwie baumartig, aus einem Holz, das keiner von uns näher bestimmen konnte, wobei wir ja auch alle zu weit weg waren, um Näheres darüber sagen zu können. Gruselig jedenfalls, sehr gruselig. Wie Ents aus Mordor, wenn man so will. Um sie herum konnte Alex eine Art Verzerrung spüren, ließ er uns wissen: sowohl hier in der echten Welt als auch im Nevernever. Und irgendwie hatte Alex ein ähnliches Gefühl wie bei Jack, also dem bösen Jack von den Outer Gates, wohlgemerkt. Er würde sich nicht wundern, wenn diese Gestalten ebenfalls von den Outer Gates kämen, meinte er. Sie wirkten jedenfalls keineswegs freundlich, eher das Gegenteil, aber so, wie sie da oben standen und beobachteten, schien es uns, als wollten sie erst einmal abwarten und nur schauen, was hier unten passierte. Trotzdem sahen wir zu, dass wir uns schleunigst davonmachten. Im Auto erklärten Edward und Roberto dann, dass keiner von beiden je irgendwas von solchen oder auch nur ähnlichen Kreaturen gehört hatte, und das ist für sich genommen schon seltsam genug.

Im Wegfahren konnten wir sehen, dass die drei Figuren inzwischen den Abhang herunter gekommen waren. Sie bewegten sich auf den See zu, aber sie trauten sich nicht ganz bis an dessen Ufer. Es sah nicht so aus, als würden sie an eine unsichtbare Barriere stoßen, sondern eher so, als wüssten sie selbst nicht so recht, was sie tun sollten, also bewegten sie sich widerwillig und unentschlossen vor und zurück.

Am See selbst hatte es die ganze Zeit kein Handynetz gegeben. Irgendwann auf halbem Weg Richtung Wick, wo der Privatjet stand, den Gerald für die Aktion hatte springen lassen, gab Totilas' Telefon plötzlich Laut. Es war eine SMS seiner Cousine Cherie: „Anabel Katze Kanarienvogel, sagt Hilary. Komm schnell heim!“ Oh, mierda. Das klang dringend. Keine Zeit für die Sonnenhaare, keine Zeit für mein Gepäck in Edinburgh, wir mussten sehen, dass wir nach Hause kamen. Also rief ich im Hotel an und bat sie, mir meinen Koffer schicken zu lassen, und die Haare behielt ich auch erst einmal bei mir. Gerald ließen wir in Edinburgh zurück: Er will sich hier ein paar Tage ausruhen und dann weitersehen, meinte er. Aber wir sollten uns keine Sorgen um ihn machen, ihm gehe es prima. Und so sah er auch aus. Richtiggehend erlöst im Vergleich zu vorher.

Ehe wir abflogen, rief ich noch bei Yolanda an und bat sie, doch bitte Pan vorzuwarnen, dass da jemand käme: ein lebendes Feuer, ein Einherjar und ein Orc. Und ja, mir war völlig bewusst, wie das klang, da brauchte mein Schwesterchen nicht erst ungläubige Geräusche zu machen. Aber immerhin erklärte sie sich bereit, Pan bescheid zu sagen. Ich rief auch im „Old Cauldron“ an, um Warden Hawkins zu informieren, dass ich erfolgreich gewesen sei und ihm die Haare demnächst bringen werde, aber irgendwie war der Barkeeper etwas schwer von Begriff oder hatte keine Lust, dem Warden etwas auszurichten, und ich hatte nicht den Eindruck, dass ich zu ihm durchdrang. Also schickte ich von Wick aus kurzerhand ein Telegramm nach Edinburgh.

Und jetzt sitzen wir hier in unserem Privatjet, und ich habe die Zeit genutzt, um das alles aufzuschreiben. Und das Essen ist auch richtig gut. An dieser Art des Reisens könnte ich echt Gefallen finden.
Aus, Alcazár. Erfolgreicher Schriftsteller oder nicht, jedesmal Privatjet ist trotzdem nicht drin. Gewöhn' dich besser nicht daran.

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Oh oh. Eben bekam Totilas wieder eine SMS von Cherie. „Erdbeben. Nur hier. Nichts kaputt. Seltsam.“
Totilas schrieb sofort eine SMS zurück: „Wo ist 'hier'?“, und Cherie antwortete ebenfalls umgehend: „Raith Manor“.

Mierda. Wir haben noch zwei Stunden bis zur Ankunft, können rein gar nichts machen. Wir können ja schon froh sein, dass das Flugzeug überhaupt mit Netzverbindung ausgestattet ist und Nachrichten durchkommen.

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Wieder eine SMS gerade. „Noch ein Erdbeben. Wir evakuieren.“
Totilas hat uns erklärt, 'evakuieren' ist der Plan, um die menschliche 'Herde' – wie ich das Wort hasse, aber so nennen die Vampire es nun mal, cólera – in Sicherheit zu bringen. Es gibt keinen festen Treffpunkt, kein koordiniertes Sammeln an einem Punkt A oder B, sondern die menschlichen Bewohner des Hauses sollen einfach ein paar Stunden shoppen oder ins Kino gehen oder ihre Zeit sonstwie verbringen.

Eine Stunde noch. Wir sitzen wie auf Kohlen. Lenk dich irgendwie ab, Alcazár. Schreib was. Mach Übungen mit Jade. Haha.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 25.11.2016 | 23:26
Sehr schön. :)

...ich bin mir aber nicht sicher, ob Edwards Teil des Rituals wirklich als "Hauptarbeit" im Vergleich zu Richards und Robertos Ritualen zählt. Das klingt, als wäre der Teil, bei dem der Dämon aus seinem Wirt herausgelöst wurde, irgendwie simpel oder zweitrangig gewesen.  :P

Ich freu mich jetzt schon auf Cardos Gefluche, wenn er diesen Abschnitt nach McCoys Besuch noch mal liest. :D
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Barbara am 25.11.2016 | 23:49
Ich auch. Mal sehen, ob er das Nichtmehrwissen mit dem Besuch in Verbindung bringt, oder mit seiner blühenden Phantasie begründet. :)
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 29.11.2016 | 11:09
das mit Vorbereitung und Hauptarbeit kam bei mir irgendwie so an, sorry. Mal sehen, ob sich das noch elegant ändern lässt.

Edit: So, jetzt.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 29.11.2016 | 11:17
Okay. Das war... 'schräg' wäre untertrieben. Und viel zu harmlos ausgedrückt. Sagen wir: Das war übel. Es gab Verluste. Und Raith Manor liegt wieder mal in Trümmern.

Sofort nach unserer Landung fuhren wir zum Anwesen der White Courts. Vor dem Gelände hatte sich eine ziemliche Menschenmenge angesammelt, dazu mehrere Polizeiwagen, auch ein oder zwei Einsatzfahrzeuge des Katastrophenschutzes, die aber alle mit abgestelltem Motor einfach nur dastanden und nichts taten – die Fahrzeuge ebensowenig wie ihre Besatzungen. Oh, und die Presse war auch da. Fernsehübertragungswagen, gestylte Reporterinnen, wie man das so kennt. Und warum? Weil über Raith Manor ein Schneesturm wütete. Und zwar nur über Raith Manor. Eine einzige, örtlich begrenzte Wolke über dem Haus, die der Meteorologe, der von der gestylten Reporterin gerade interviewt wurde, der geneigten Zuschauerschaft gerade mit dem Begriff 'Mikroklima' zu erklären versuchte.

Bei dem ganzen Chaos war es ziemlich leicht, sich unbemerkt auf das Gelände zu schleichen. Dort, außer Sicht der Gaffer draußen, aber noch vor der Wolke, hielt Totilas an und überlegte laut, ob der Schneesturm vielleicht von der Anwesenheit des lebenden Feuers ausgelöst worden sein könnte, um das Gleichgewicht zu wahren gewissermaßen? Aber das hielt ich nicht für sonderlich wahrscheinlich. Denn das Feuer und seine Begleiter hatte ich ja zu Pans Palast geschickt, also warum sollte die Auswirkung, falls es denn eine Auswirkung gäbe, sich ausgerechnet hier zeigen? Na gut, es könnte natürlich auch sein, dass das Feuer eben nicht in Pans Palast herausgekommen war, sondern hier, aber das hielt ich ebenfalls für ziemlich weit hergeholt. Nicht völlig ausgeschlossen, aber doch ziemlich fragwürdig.

Mit dem ersten Schritt in den Schneesturm hinein befanden wir uns in einem eisigen Inferno. Der Wind – von dem wir außerhalb der Wolke keinen Ton gehört hatten – blies uns mit voller Wucht um die Ohren, und wir kamen dagegen kaum an, wurden unerbittlich zurückgedrängt, wenn wir nicht mit allen Kräften dagegenhielten. Schon bald hatte Totilas uns andere abgehängt – er ist nun mal einfach der Ausdauerndste und Stärkste von uns.

Im Gebäude ließ das Getöse des Sturms etwas nach – aber gut sah es da drinnen nicht aus. Die große Vorhalle war ein Trümmerfeld, und um uns herum knackste und knarzte es, als werde gleich alles einstürzen. Die Marmorstatuen in Lebensgröße, die sonst immer zu beiden Seiten des breiten Treppenaufgangs gestanden hatten, lagen zerborsten herum, von den Wänden und der Decke war Mörtel gebröselt, und der Boden war von Schutt übersät.
Mitten in der Halle stand Totilas. Er hielt eine Kreatur am Schlafittchen gepackt – ein Eisgoblin, wie mir später klar wurde – und zischte den gerade wütend an. „Es gibt zwei Möglichkeiten. Du rufst deine Freunde, und ihr haut ab... oder es ergeht euch wie deinem Kumpel da.“
Der 'Kumpel da' war die reglose Gestalt eines weiteren Eisgoblins, der verkrümmt an einer Wand lag. Das sah schwer danach aus, als habe Totilas ihn einfach gepackt und gegen die Mauer geschleudert. In einem derartigen Badass-Modus habe ich unseren White Court-Freund selten gesehen.
„Ok, ok, ok“, winselte der Goblin. „Wir sind ja schon weg!“
Totilas brach ihm noch ein Stück Zahn ab und hielt es ihm vor das Gesicht. „Jetzt weiß ich immer, wo du bist. Also keine Tricks!“
„Ok, ok, ok“, jaulte der Goblin wieder. „Lass uns gehen, wir wollten doch nur Party machen! Sie haben gesagt, wir könnten hier Party machen!“
„Wer hat das gesagt?“ hakte Totilas nach.
„Die Menschenfrau und der Ritter! Und jetzt lass uns gehen!“
Tatsächlich ertönten in diesem Moment Schüsse von weiter hinten im Gebäude, die schnell näher kamen. Irgendwer lieferte sich da ein Rückzugsgefecht.
Wir gingen in Deckung und machten uns kampfbereit, aber es waren keine Gegner, die in die Halle gewankt kamen, sondern einige Raiths. Einer von ihnen trug Cherie über der Schulter, die schwer mitgenommen war, richtig schwer verletzt. Edward erklärte sich sofort bereit, ihr als Nahrung zu dienen, aber Roberto erklärte, Edward sei zu wichtig, zu schlagkräftig, um jetzt außer Gefecht gesetzt zu werden. Das ließ mich stutzen – Roberto, der so etwas über Edward sagte? Aber gut, er hatte ja recht, und Roberto ist nichts, wenn nicht pragmatisch. Also blieb Roberto zurück, und Totilas blieb bei ihm, um aufzupassen und Cherie rechtzeitig von Roberto wegzuziehen, weil sie ihn sonst vermutlich umbringen würde. Alex, Edward und ich hingegen machten uns auf den Weg tiefer in das Gebäude hinein.

Wir mussten gar nicht weit gehen, ehe wir den Grund für all die Zerstörung sahen: eine junge blonde Frau, offensichtlich Magierin, und ein Feenritter. Ein Winter Sidhe, eindeutig. Und beide hoben die Hände und machten Anstalten, irgendwelche fiesen Winterzauber auf uns loszulassen. Wir machten uns schon bereit, irgendwo in Deckung zu hechten, aber die Magierin fluchte deutlich hörbar „Scheiße, Menschen!“, als sie uns zu Gesicht bekam, und ließ ihren Stab sinken, ehe sie auch dem Sidhe ein Zeichen gab, innezuhalten. „Wer seid ihr, und was wollt ihr hier?!“

Klar. Wir waren Menschen, sie als Magierin durfte uns also nicht einfach angreifen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollte, einen von uns umzubringen und das erste Gebot der Magie damit zu verletzen. Die ganzen White Courts indessen, gegen die sie bis eben vorgegangen waren, zählten alle nicht als Menschen... und mit einem Mal war ich sehr froh, dass Totilas zurückgeblieben war, um auf Roberto und Cherie aufzupassen.

„Was wir hier wollen?“ Ich glaube, der Blick, den ich der blonden Frau zuwarf, muss zu gleichen Teilen empört und verwirrt gewesen sein. „Genau das könnten wir auch fragen.“ Meine Stimme klang etwas scharf, als ich das sagte. Aber dieser Winter Sidhe ließ mir – ließ der Sommermagie in mir – sämtliche Nackenhaare hochstehen und weckte das Bedürfnis in mir, auch ja sicherzustellen, dass der Sommer hier, an seinem angestammten Ort, nicht untergebuttert wurde, cólera noch eins. Am liebsten wäre ich ja auf den Kerl los, aber das konnten wir uns nicht leisten. Und außerdem wäre das der Sommermantel gewesen, nicht ich. Ich hielt den Drang zurück und gab mich bewusst höflich. „Und wer wir sind? Gestatten, Alcazár. Ich bin der Sommerritter in dieser Stadt.“
Oh. Erst im Nachhinein fiel mir auf, dass das tatsächlich das erste Mal war, dass ich mich aus freien Stücken selbst mit diesem Titel vorgestellt hatte.

Bei meinen Worten fuhr der Winter Sidhe auf. „Sommerritter! Ich fordere Euch zum Duell, mein Herr!“ Ich starrte den Fae an, während die Magierin auch schon abwehrend die Hand hochhob, um ihren Kämpfer zurückzuhalten. „Kein Duell“, beschied ich dem Feenritter, ehe ich mich wieder seiner menschlichen Begleiterin zuwandte. „Wer sind Sie eigentlich?“
„Wir wollen Warden Declan!“ spuckte die Magierin.
Ähm. Wie bitte? Sie musste mir meine Verwirrung angesehen haben, oder vielleicht hielt sie sie auch für vorgespielt, denn sie wiederholte lauter und heftiger: „Rückt Warden Declan raus!“
Ich atmete tief durch, hob in einer besänftigenden Geste die Hände und lächelte sie an. „Nochmal zurück, bitte. Ganz ehrlich, wir haben keinerlei Ahnung, wovon Sie reden. Würden Sie uns vielleicht erst einmal verraten, wer Sie sind?“

Es brauchte noch etwas Überzeugungskraft, aber ich bekam die Dame dann doch zum Reden. Sie hieß Kirsten Lassiter und war Warden für Kanada, wie ihr Akzent schon angedeutet hatte. Naja, entweder Kanada oder Kalifornien, aber irgendwie konnte ich mir nicht vorstellen, dass eine Kalifornierin sich einen Winter Sidhe zur Unterstützung mitgebracht hätte. Sie erklärte, sie habe Hinweise darauf bekommen, dass Warden Declan vom White Court entführt worden sei.
Das ließ mich wieder vor Überraschung blinzeln. Warden Declan, vom White Court entführt? Und was für Hinweise darauf hatte Kirsten bekommen, wie und wo und von wem?
Über das Paranet, meinte sie, und sie habe dem natürlich nachgehen müssen. Also habe sie Declans Adresse aufgesucht, aber dort hätten zwei Männer, die wirkten, als seien sie gehirngewaschen worden, sie erst nicht zu ihrem Kollegen vorgelassen, während später ein Mann, der sich für den Warden ausgab, ihr einen Termin in zwei Wochen angeboten hätte. „Das war eindeutig nicht Declan“, spie die Kanadierin, „also! Wo! Ist! Er!“
„Äh, doch“, schaltete Edward sich hier ein, „das klingt schon nach Warden Declan, wie wir ihn kennengelernt haben.“
Die Magierin stutzte. „Wie meinen Sie das?“
Also brachten wir ihr vorsichtig bei, dass der gute Warden Declan hier in der Stadt Steuern von den Nicht-Rats-Praktizierern erhebt und sich fürstlich dafür bezahlen lässt, Leute in die Magierlehre zu nehmen.
„Was?!?“ empörte sich Lassiter, „Warden Declan ist ein Held!“
Wir antworteten nichts darauf, was sollten wir auch antworten? Lassiter mochte vielleicht trotzdem etwas in unseren Gesichtern gelesen haben, denn sie erklärte, sie wolle sich das mal ansehen gehen.
„Aber seien Sie vorsichtig“, warnte Alex.
„Immer. Aber wer sind Sie überhaupt?“
Edward sah sie mit einem gemessenen Blick an. „Wir? Wir sind die Ritter von Miami.“
Das ließ die Kanadierin laut auflachen. „Ahahahaha. Ja klaaar!“
„Das ist unsere Stadt“, ergänzte Edward, ohne sich von ihrem Spott stören zu lassen. „Wir achten auf sie, und wer ihr schaden will, bekommt es mit uns zu tun.“
Lassiter seufzte. „Na gut. Ich werde mir das ansehen.“
„Also kein Duell?“ Ihr Winter Fae klang enttäuscht. „Nein“, sagte die Warden fest. „Los jetzt.“ Der Sidhe war gar nicht glücklich, aber er fügte sich. „Na guuuuut.“
Und sie gingen. Während sie sich abwandten, konnte ich den Feenritter noch grummeln hören, dass er trotzdem gerne gesehen, hätte, was der – also ich – drauf habe. Tja, Kumpel. Pech gehabt. War aber vermutlich ganz gut so; ich brauche dringend mehr Stunden bei Eileen, wenn mich öfter irgendwelche Wintertypen zum Duell fordern wollen.

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Zwei Tage später. Eigentlich hatte ich das vorgestern noch fertig aufschreiben wollen, aber dann musste Alejandra ins Bett, und Sheila rief an wegen der aktuellen Fassung von Totem Rise, und dann setzte ich mich daran und arbeitete noch einige Änderungen ein, die mir ohnehin schon die ganze Zeit durch den Kopf schwirrten, und... wie das halt so ist. Ich kam nicht weiter dazu. Aber jetzt sitze ich wieder mal im Flieger nach Schottland. Mir graust schon vor dem Jet Lag, den ich mit ziemlicher Sicherheit bekommen werde, nachdem ich zweimal in so kurzer Folge nach Europa und zurück fliege, aber ich muss ja immer noch die Sonnenhaare bei Warden Hawkins abliefern. Kein Privatjet diesmal, sondern ganz normale Business Class. Ist schon ein Unterschied, aber ich wie ich schon sagte: Nicht dran gewöhnen, Alcazár, der Privatjet war die Ausnahme.
Macht aber nichts, so unbequem ist die Business Class jetzt auch nicht, und so habe ich wenigstens Zeit, den ganzen Kram von vorgestern noch fertig aufzuschreiben. Ahí va.

War das mit der kanadischen Warden also soweit geklärt. Aber das Haus schien kurz vor dem Einsturz: Lassiter und ihr Feenritter hatten ganze Arbeit geleistet. Wir sahen zu, dass wir abhauten, ehe uns noch das Dach auf den Kopf fallen konnte. Verluste hatte es auch gegeben: Cherie war am Leben, aber zwei andere Raiths, die wir nicht näher kannten, hatten den Kampf mit der Warden und dem Sidhe nicht überstanden.
Da Raith Manor schon wieder hinüber war – die Baufirma, die ihre Arbeiten ja eigentlich gerade erst abgeschlossen hat, wird sich freuen, dass es gleich schon wieder so viel zu richten gibt –, besorgte Totilas seinem Clan wieder mal eine Unterkunft im Hotel. Nicht im Fountainebleu diesmal, sondern in dem etwas kleineren, aber ebenso luxuriösen Hotel Marbella. Außerdem plante unser White Court-Freund einen neuen Ort für das Duell, da Raith Manor für diesen Anlass ja ebenso ausfiel, und beauftragte die raithsche Eventplanerin Analind mit der Organisation.
Mit Cherie sprach Totilas auch und teilte ihr mit, dass das Duell nicht stattfinden werde, dass sie auch nicht in Geralds Abwesenheit als sein Champion antreten müsse, dass sie aber überrascht tun solle, wenn Gerald nicht auftauche.

Ich selbst stattete indessen endlich Pan einen Besuch ab. Ich war etwas beunruhigt, weil ich die Gruppe aus dem Nevernever ja nicht selbst angekündigt und begleitet hatte, aber der Herzog war ganz angetan von den neuen Gästen – vor allem von Astrid. Von ihrem Vater Sigthor hatte er sogar auch schon gehört und erklärte, den würde er zu gerne mal treffen: Er sei noch nie schwanger gewesen und würde das gerne mal ausprobieren. Ay una leche. Satyre. Echt jetzt.

Außerdem befand Pan, es wäre doch eine ganz tolle Idee, sich Einherjar als kämpfende Truppe zu besorgen statt Rittern: Einherjar lieben es zu kämpfen, zu saufen und Sex zu haben, also perfekt! Mit dieser Idee konnte Sir Anders sich nun so gar nicht anfreunden und warf mir einen hilfesuchenden Blick zu, woraufhin ich versuchte, möglichst beruhigend dreinzusehen. Ich war – ich bin – mir nicht so ganz sicher, was ich von der dem Einfall halten soll, ob eine Meute von Einherjar nicht etwas arg söldnermäßig rüberkäme. Aber andererseits braucht Pan spätestens zur Wintersonnenwende wieder eine schlagkräftige Truppe, sonst wird es uns nicht gelingen, Winter zurückzudrängen, nicht mal in Miami. Na gut, die Satyre sind ja noch da, aber darüber muss ich mir langsam echt mal Gedanken machen.

Halfðan erklärte jedenfalls, er werde bleiben – immerhin ist er der Hüter des Feuers, und er meinte auch, es gefiele ihm hier ganz gut –, aber Astrid und der Orc werden sich wohl demnächst wieder verabschieden. Das war aber zu erwarten gewesen.
Mit dem Feuer sprach ich auch, das hatte sich in seinem neuen Kamin schon ganz gut eingerichtet. Wir unterhielten uns ein bisschen, und es erzählte mir, dass es Sigthors Kind von Loki sei. Also nicht Lady Fire. Puuuuh. Gracias a Dios! Alex' Bemerkung wegen des Spionierens hat mir doch mehr zugesetzt, als ich mir selbst eingestanden habe. Irgendwann braucht der Kleine auch mal einen Namen, wenn er jetzt für länger hier wohnt. Vielleicht sollte ich Roberto fragen, ob er eine Idee hat. Das ging bei George ja auch ganz gut.

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Zurück vom Treffen mit Warden Hawkins. Ich habe ihm die Sonnenhaare übergeben, aber die schienen ihm mit einem Mal gar nicht so wichtig. Er nickte einen knappen Dank und meinte, sie würden hoffentlich im Kampf gegen den Red Court ein bisschen helfen. Für Edwards Ritual am See hingegen hatte er fast so etwas wie Respekt. Zumindest zeigte er sich beeindruckt davon, von beiden Ritualen, auch von der guten Verzahnung zwischen Edward und Roberto. Ich nickte und erklärte, es sei alles gut gelaufen, soweit ich das habe beurteilen können. Die drei Gestalten, die uns gegen Ende beobachtet hatten, erwähnte ich auch. Dass sie uns zwar nur beobachtet hatten, aber nicht sonderlich freundlich wirkten, weswegen wir dann relativ schnell den Rückzugweg antraten. „Ja, das war sicherlich besser“, erwiderte Hawkins. Irgendetwas ging über sein Gesicht, aber was genau, war schwer zu deuten. Besorgt, irgendwie. Hmm, und ich hatte gedacht, die drei Gestalten wären Aufpasser des Magierrates gewesen, damit wir keinen Unfug anstellen an diesem 'schwärzesten Ort Schottlands'. Anscheinend waren sie das wohl doch nicht, wenn ihre Erwähnung den Warden derart beunruhigte. Er meinte jedenfalls, er wolle sich das einmal ansehen gehen. Gut; wenn er über die wirklich noch nicht bescheid wusste, ist das bestimmt besser.

Hawkins gratulierte uns nochmals zu dem erfolgreichen Ritual und erklärte, wenn der Wirker es wolle, dürfe er sich gerne einmal beim White Council melden. „Das Geld hat er nicht“, hielt ich dem Magier entgegen. Okay, ich hätte es; nicht in der Portokasse, aber zusammen bekäme ich es irgendwie, und wenn Edward es wirklich wollte, und wenn es ihm wirklich helfen würde, in diesem Magierrat zu sein, dann gäbe es sicherlich schlechtere Arten und Weisen, eine Million zu verprassen. Aber das sagte ich Hawkins nicht. Vielleicht haben die bei diesem Rat ja auch sowas wie Stipendien für die weniger begüterten Anwärter?
Aber der Warden sah mich nur verblüfft an. „Von welchem Geld sprechen Sie?“
Jetzt muss ich ihn ebenso verblüfft angesehen haben wie er mich eben. „Na von dem Lehrgeld. Den Steuern.“
„Junger Mann?“
„Ja, die Ausbildungsgebühr, die Warden Declan von seinen Lehrlingen nimmt.“
Hawkins Stimme war anzuhören, dass er wohl eher mich für verwirrt hielt als sich selbst, aber er sagte, er wolle dem nachgehen lassen. Oh, im Zusammenhang mit Declan erwähnte ich auch, dass Warden Lassiter bedauerlicherweise wohl einer Fehlinformation aufgesessen sei, als sie Declans Entführung vermutete. Meine Karte hinterließ ich auch mit der Bemerkung, dass er gerne auf mich zukommen dürfe, falls ich dem Rat auf irgendeine Weise helfen könne.

So, und da der Flieger zurück erst morgen nachmittag geht, habe ich morgen früh noch Zeit, ein paar Souvenirs zu besorgen. Die Plüsch-Nessie für Jandra, den Butterscotch für Mamá und den Whisky für Papá habe ich zwar schon beim letzten Mal gekauft, aber mal sehen, was ich noch so Schönes finde. Oder ich gehe mich einfach noch ein bisschen in Edinburgh umsehen.

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Na das war doch ganz erfolgreich. Jetzt sitze ich wieder im Flieger, und der Flug ist schon wieder halb vorüber. Ich wollte eigentlich was an meinem Manuskript machen, bin aber doch bei ein paar Filmen hängengeblieben und habe etwas gedöst. Im Flugzeug ticken die Uhren einfach anders. Gleich bringen sie auch schon wieder was zu essen, glaube ich. Na, vielleicht komme ich hinterher noch ein bisschen zum Arbeiten.

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Zuhause. Dieser Jetlag vom doppelten Reisen ist wirklich so heftig, wie ich das befürchtet hatte. Schlafen konnte ich kein Stück, und Kopfschmerzen habe ich auch. Und eben hat auch noch Warden Hawkins angerufen. Irgendwas von wegen, dass ein gewisser Wizard McCoy sich wegen der Sache in Schottland mit uns treffen wolle. Nachher in Stout's Bar and Grill. Ich hätte ja eher das John Martin's vorgeschlagen, aber gut. Das ist ja auch eher was für Einheimische. Ob er was rausgefunden hat wegen der drei Mordor-Ents? Hm. Unwahrscheinlich, dass ein Ratsmagier gleich zu kleinen Praktizierern wie uns kommen würde, um uns über deren Nachforschungen in Kenntnis zu setzen. Ich tippe eher auf Fragen zu unserem Ritual bzw. dem Zweck dahinter – denn ich glaube, davon, dass die Jungs dort einen White Court-Dämon austreiben wollten, ist bisher kein Wort gefallen. Zumindest habe ich in meinem Gespräch mit Hawkins kein Wort davon gesagt; keine Ahnung, ob die anderen so offen waren, als sie in Edinburgh mit Hawkins geredet haben. Irgendwie glaube ich nicht, dass der Weiße Rat so begeistert wäre, wenn er davon erführe.
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 29.11.2016 | 22:36
Autsch. Au, war das böse. Und dabei ist kein einziges Wort über Geralds Entdämonisierung gefallen.
Wir waren pünktlich zu dem Treffen im Irish Pub, dieser McCoy – zumindest nehme ich an, dass er das war; er stellte sich nicht vor – kam ein paar Minuten später. Nicht viel später, aber gerade so viel, um zu zeigen, wer hier das Sagen hatte. Ein fitter alter Mann in den späten 70ern oder frühen 80ern vielleicht, mit schütteren grauweißen Haaren, Stoppelbart, Farmerkleidung und einem Akzent aus dem Mittleren Westen. Er hatte einen schwarzen Stab bei sich, aus Ebenholz oder sowas in der Art: ein Magierstab, wie Vanessa Gruber und Kirsten Lassiter ihn auch gehabt hatten, nur dass deren Stäbe aus hellerfarbigem Holz gemacht waren. Er machte einen ziemlich griesgrämigen und auch ziemlich zähen, knallharten Eindruck.
Wir sagten freundlich hallo; er würdigte uns keiner Begrüßung. Er setzte sich nicht einmal hin. Statt dessen starrte er uns nur böse an und verkündete mit eiskalter Stimme, wenn er noch einmal mitbekäme, dass wir schlecht über Warden Declan geredet hätten, dann werde der hören, was wir gesagt hätten, und dann werde der handeln. Habe er sich klar ausgedrückt?
Kristallklar, das konnte man nicht anders sagen.
Dann wandte McCoy sich ohne ein weiteres Wort zum Gehen . Alex wollte ihm noch die Liste mit Declans Lehrlingen mitgeben, aber der Magier winkte nur ab. Die wolle er gar nicht haben. Nicht von so kleinen Praktizierern, die den Ruf der Wardens in den Schlamm zögen. Sprach's und verschwand. ¡Tío, que pelmazo!

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Der Tag des Duells.

Eigentlich dürfte nichts passieren. Gerald ist sicher in Schottland, und wenn der Herausforderer nicht auftaucht, müssen die Champions nicht ran. Aber ich habe ein mulmiges Gefühl im Magen. Anabel Raith hat es mit ihrem kleinen Spielchen schon geschafft, Raith Manor wieder in Trümmer legen zu lassen, und ich würde mich überhaupt nicht wundern, wenn sie noch irgendwelche Fiesheiten in Petto hätte. Aber wenigstens hat Totilas in der Zwischenzeit mit fast allen Raiths aus Miami reden können und sie überzeugt, dass die Dinge so weiterlaufen werden wie bisher, wenn sich demnächst an der Spitze eine Veränderung einstellen sollte.

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Sie hatte tatsächlich Fiesheiten in Petto. Erstaunlicherweise wurde es nur doch nicht ganz so schlimm wie befürchtet, denn Totilas hatte ja gute Vorarbeit geleistet und reagierte, als es hart auf hart kam, einfach schneller als sie. Aber der Reihe nach.

Am neu organisierten Ort des Duells – eine alte, leere, entwidmete Kirche, damit auch der Red Court Abgesandte schicken konnte – wartete alles gespannt auf Gerald. Cherie ist leider keine sonderlich gute Schauspielerin, der konnte man ansehen, dass sie nicht überrascht war, aber vielleicht kam mir das auch nur so vor, weil ich selbst ja bescheid wusste und ein besonderes Auge darauf hatte. Der vereinbarte Zeitpunkt kam, aber kein Gerald tauchte auf. „Ha!“ triumphierte Anabel keine fünf Minuten nach Verstreichen des Termins, „ich habe gewonnen!“
„Ich habe das Recht des ersten Kampfes“, erklärte Marshall Raith erstaunlich souverän, „und ich sage, wir warten noch eine Stunde!“
Also warteten wir noch eine Stunde. Als Gerald dann immer noch nicht erschienen war, ergriff Anabel sofort wieder das Wort. „Aber jetzt habe ich gewonnen. Also: Alle Raiths ins Biltmore Hotel!“
„Ins Hotel Marbella“, entgegnete Totilas fest. „Ich spreche für Haus Raith in Miami, und ich sage: Hotel Marbella!“
Anabel schnaubte verächtlich. „Wer im White Court verbleiben möchte, der kommt ins Biltmore Hotel.“ Und mit diesen Worten rauschte sie aus dem Saal.
Die versammelten Raiths waren drauf und dran, ihr zu folgen, aber jetzt fuhr Totilas das schwere Geschütz auf. „Haaaalt!“ donnerte er und brachte mit einigen wohlgesetzten, aufmunternden Worten tatsächlich die meisten seiner Leute ins Marbella, auch wenn einige wenige tatsächlich dort dann durch Abwesenheit glänzten. Die waren wohl doch lieber ins Biltmore zu Anabel gegangen.

Von unterwegs, noch ehe wir ins Marbella kamen, rief Totilas bei Lara Raith, der Tochter des Weißen Königs, an.
„Ist der Weiße König abgesetzt?“ fragte er brüsk.
Eine Sekunde lang klang seine Cousine geschockt. „Was redest du da?“
„Anabel behauptet, sie entscheide, wer im White Court sein dürfe und wer nicht. Ist das so?“
„Ich bin sicher, das ist gedeckt“, kam Laras Stimme aus dem Lautsprecher, jetzt wieder ruhig und gefasst. „Hat sie gewonnen?“
„Durch Geralds Abwesenheit, ja.“ Und dann schuf Totilas kurzerhand Fakten. „Die Geschäfte hier in Miami habe ich übernommen.“
„Ach?“ machte Lara spitz, aber unser White Court-Kumpel ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Ja“, erwiderte er, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, und seine Cousine gab den spitzen Tonfall auf, gratulierte Totilas herzlich und warm zu seinem Erfolg. Sie ist eine Raith, die Wärme war nicht echt, soviel war klar, und sie wird ihren Cousin fallenlassen, sobald sie dafür den ersten Anlass sieht, aber zumindest für den Moment stand, steht, sie hinter Totilas als Anführer der Raiths von Miami.

Im Hotel Marbella dann hielt Totilas eine Rede. Eine flammende, aufmunternde Rede, in der er wiederholte, was er seinen Leuten in den ganzen Einzelgesprächen zuvor auch schon gesagt hatte. Dass Anabel die Dinge grundlegend umwälzen würde, wenn sie hier an die Macht käme. Dass er selbst die Dinge so fortführen würde, wie Gerald das immer getan hatte. Dass die Raiths von Miami so weitermachen könnten wie bisher. Dass alles unter Kontrolle sei. Und vor allem, dass er die Geschäfte in Geralds Sinne fortführen werde. Das wirkte.

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13. November

Ha. Anabel Raith ist aus Miami abberufen worden. Von den Leuten, die ihr ins Biltmore gefolgt sind, haben zwei Miami ebenfalls verlassen; vermutlich haben die Anabel begleitet. Zwei andere 'Abtrünnige', die bei Anabel im Biltmore waren, sind noch in der Stadt. Totilas meinte, er wolle sie im Auge behalten, aber ihnen ansonsten keinen Ärger machen, falls sie das auch nicht tun. Vernünftige Einstellung, wenn ihr mich fragt, Römer und Patrioten. Falls sie doch noch zum Problem werden sollten, kann er sie immer noch zurechtstutzen.

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15. November

¿Que demonios? Ich habe eben gerade nochmal die Einträge der letzten Tage durchgelesen, und eines ist seltsam. Ich schreibe da ein paarmal von 'Mordor-Ents' und 'schwarzen Baumgestalten', die wir in Schottland an dem See gesehen haben wollen. Und hier ist das Seltsame: Ich habe keine, keinerlei, Erinnerung an diese Gestalten. Ich habe null Ahnung, was ich da beschrieben habe und warum. Wir waren in Schottland, klar, da war das Ritual, Geralds Dämon wurde aus ihm herausgezogen und in den See getrieben, der See brodelte, und Edward und Alex hatten das Gefühl, darin sei etwas aufgewacht, etwas Ungemütliches, Unfreundliches, Gefährliches, und deswegen haben wir zugesehen, dass wir möglichst schnell Land gewannen. Ich sehe die Szene noch ganz genau vor mir, und da sind keine schwarzen Gestalten!

Das ist nicht mal wie bei manchen Träumen, die ich vor Jahren, ach was, Jahrzehnten, mal hatte und die ich aufgeschrieben habe. Ich habe sie inzwischen komplett vergessen, aber wenn ich die entsprechenden Tagebucheinträge nochmal lese, dann kommen einzelne Bilder, manchmal auch zusammenhängende Szenen, aus diesen Träumen wieder zum Vorschein. Nicht so wie echte Erinnerungen, aber etwas. Und hier ist das eben komplett anders. Aber warum zum Geier sollte ich sowas aufschreiben, wenn es nicht da war? Und wenn es da war, warum zum Geier erinnere ich mich nicht daran? Also so gar nicht?

Ich wiederhole mich, aber: Was? Zum? Geier?
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Bad Horse am 7.12.2016 | 18:51
Ja, sehr schön. Danke. :)

Generell noch mal vielen Dank fürs Mitschreiben, Timber. Ich benutze die Diarys ziemlich intensiv bei der Vorbereitung! :)
Titel: Re: [Dresden Files] Miami Files - Die Ritter von Miami (a.k.a. "Die schönen Männer")
Beitrag von: Timberwere am 12.03.2017 | 16:18
Ricardos Tagebuch: Intermezzo

18. November

Ich habe den Jungs die Einträge zu den Mordor-Ents gezeigt. Sie waren ebenso verwirrt wie ich, weil sich auch keiner von den anderen an unheimliche schwarze Baumgestalten erinnern konnte, und natürlich kamen wir ins Diskutieren. Ob ich mir das Ganze nur eingebildet habe. Ob ich es vielleicht nur geträumt habe. Oder ob da jemand tatsächlich an unserem Gedächtnis herumgespielt hat. Totilas hatte die geniale Idee, mal Richard und Gerald zu kontaktieren, ob die irgendwas von Mordor-Ents wissen. Immerhin waren sie am See auch dabei.
George, den ich nachts mal dazu fragte, erklärte, dass ich durchaus von solchen schwarzen Gestalten geträumt hätte, ja, aber dass er die nicht angerührt habe, die hätten 'nicht lecker' ausgesehen. Und so, wie mein kleiner Traumfresser-Freund sich bei den Worten 'nicht lecker' schüttelte, glaube ich, er meinte mit dem Ausdruck nicht 'Junk Food statt Gourmetmenü', sondern eher 'Giftcocktail'.

Wir waren uns alle einig, dass wir in dieser Sache den Ball ganz, ganz flach halten müssen. Wenn wirklich jemand an unserem Gedächtnis herumgeschraubt hat, dann sind die Mordor-Ents, falls es sie gibt, ein richtig heißes Eisen. Der einzige, dem wir genug vertrauen, um es ihm gegenüber anzusprechen, ist Jack White Eagle. Den wollen wir mal zu dem Thema befragen.

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Zurück aus der Kommune. Jack hat unsere Bitte um Stillschweigen sehr ernst genommen und uns nicht nur einen ruhigen Ort zum Reden gesucht, sondern sogar einen Ritualkreis um uns herumgezogen, damit auch wirklich niemand lauschen kann. In dem Kreis las ich meine Aufzeichnungen noch einmal vor und beschrieb noch einmal, was es damit auf sich hatte, woraufhin Jack erklärte, er habe eine Vision von den Viechern gehabt: sie seien extrem gefährlich und überhaupt nichts Gutes. Wegen dieser Vision sei Jack überhaupt erst von South Dakota nach Miami gekommen, denn er habe das Gefühl, wegen dieser Viecher müsse er dringend hier sein. Oh. Ob er meine, dass sie aus Schottland herkommen würden? Sie seien schon hier, erklärte er daraufhin grimmig. Mehr wollte er uns darüber aber erst einmal nicht sagen, denn wir seien – ich zitiere – „zwar nett, aber ungestüm“. Aber wenn 'es' denn käme, wenn er etwas erfahre, das wichtig sei, dann würden wir es zuerst erfahren, versprach Jack, oder zumindest mit zuerst.
Alles klar. Und bis dahin halten wir uns in dieser Beziehung komplett bedeckt.

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27. November

Gerald und Richard haben sich gemeldet. Es hat ein paar Tage gedauert, aber jetzt haben wir von beiden die Bestätigung: Sie wissen beide noch von den Mordor-Ents am See. Demonios. Es hat wirklich jemand an unserem Gedächtnis herumgespielt. Ich meine, das hatten wir uns ja schon gedacht, aber diese Bestätigung ist schon nochmal... hossa. Sagte ich schon, dass ich es hasse, wenn jemand in meinem Kopf herumschraubt?

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01. Dezember

Mierda. Bei all dem Stress, der in letzter Zeit los war, habe ich es komplett vernachlässigt, aber irgendwann muss ich Pan Ersatz für seine desertierten Ritter gefunden haben, denn alleine werden Sir Anders, die Satyre und ich nicht gegen Winter bestehen können, wenn es das nächste Mal rund geht. Es stellt sich nur die Frage, werde ich überhaupt irgendwo Sidhe-Ritter finden, die a) frei sind für einen neuen Einsatzort und b) bereit sind, an Pans unkonventionellen Satyrshof zu kommen? Das könnte schwierig werden, befürchte ich. Aber ich hatte letztens noch eine andere Idee. Vielleicht lassen sich ja einige der Einherjaren aus Heorot dazu überreden, an den Sommerhof zu kommen? Immerhin sind es (okay, bis auf Asleif) ja kultivierte Einherjar, die nicht jede freie Minute mit Saufen und Köpfeeinschlagen verbringen.Vielleicht kann man die für Pans Palast interessieren? Einen Versuch wäre es wert. Ich muss nur bald los, damit noch genug Zeit für andere Optionen ist, falls diese fehlschlägt.

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06. Dezember

Ich vermelde: Einherjar in Miami! Okay, in Pans Palast, sprich im Nevernever, das an Miami angrenzt. Es erforderte gar nicht so viel Überredung, sie zur Unterstützung zu gewinnen. Dreizehn neue Streiter hat Pan jetzt insgesamt, Sigthor nicht gerechnet. Der kam zwar auch mit, aber ich habe das Gefühl, der wird nicht lange bleiben, sondern sich hier nur eine Weile umsehen und dann wieder weiterziehen. Asleif ist auch mitgekommen; dem war es in Heorot wohl zu kultiviert, und er hofft hier auf mehr Action. Na, für zwei Gelegenheiten im Jahr konnte ich ihm Action versprechen, aber da müssen wir sehen, ob und inwieweit ihn das hier hält.

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09. Dezember

Es war ja so klar. Pan war neugierig und ist im vollen Bewusstsein dessen, was passieren wird, mit Sigthor in seinen Privatgemächern verschwunden. Ich bin schwer begeistert, denn dreimal dürft ihr raten, Römer und Patrioten, wer dann so in ca. einem Dreivierteljahr – wobei, wie lange dauern eigentlich Schwangerschaften bei Satyren bzw. Naturgottheiten? – das Kindermädchen wird spielen dürfen. Pan find