Autor Thema: [SoA 1. & 2. Akt] Lewi's Blatt  (Gelesen 732 mal)

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[SoA 1. & 2. Akt] Lewi's Blatt
« am: 24.11.2017 | 17:59 »
Freitag, 16. Sept. 1927

LEWI'S BLATT LINDENALLEE

Anton geht etwa hundert Meter die Lindenallee* zurück zu dem kleinen Laden für Tabakwaren und Zeitungen.

Als Du die Tür öffnest klingelt ein kleines Glöckchen über der Tür und sogleich kommt ein älterer, kleiner Mann hinter einem braunen, abgewetzten Vorhang hervor, der gewiss in die hinteren Räumlichkeiten führt.

Er hat einen abgebrannten Zigarrenstumpen im Mundwinkel.
Er nuschelt "Tachchien" und Du suchst die Zeitungen des Tages für Deine Herrschaft zusammen.

[ erst ab 1934 Theodor-Fritsch-Allee ]
« Letzte Änderung: 5.03.2019 | 15:17 von Der Läuterer »
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Re: [SoA 1. & 2. Akt] Lewi's Blatt
« Antwort #1 am: 24.11.2017 | 18:52 »
LEWI'S BLATT LINDENALLEE

Der Mann hinter dem Tresen deutet auf das Bild in der NEUEn PREUSSISCHEn ZEITUNG.
"Det is er. Dit is det Aas, det in der Klapsmühle 'n Abjang jemacht hat."

Er tippt auf das Bild.
"Ihmchen kenn ick! Der Physiker! Nebolowski!"
« Letzte Änderung: 5.03.2019 | 15:18 von Der Läuterer »
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Re: [SoA 1. & 2. Akt] Lewi's Blatt
« Antwort #2 am: 24.11.2017 | 19:42 »
LEWI'S BLATT LINDENALLEE

"Ick hab ihmchen 'n paarmal hier jeseh'n."

Er kaut auf dem Stummel herum.
"Det is so 'n abjebroch'ner, abjehalftater Zwerch jewes'n."

"Aba der hat janz schön jeackat in der Sternwarte und 'r war schwer uff Draht. Dit is amtlich. Und da hatta sich jesundjestossen mit. Dann is 'r in so 'n Bonzen-Viertel jezog'n."

"Und 'r hat irj'ndwat entdeckt; jab ooch an wie 'ne Tüte Mücken. Ick fand det affich."

"Taje spät'r is' 'r in die Klapsmühle umjezoj'n. Det war so vor drei, vier Jahr'n."

Du suchst Dir drei Zeitungen heraus.
"Macht 4 Groschen und 5 Pfennje."
« Letzte Änderung: 5.03.2019 | 15:18 von Der Läuterer »
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Joran

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Re: [SoA 1. & 2. Akt] Lewi's Blatt
« Antwort #3 am: 4.12.2017 | 18:59 »
LEWI'S BLATT LINDENALLEE

"Juten Tach! ... Ker' war det 'ne Husche1 eben!", begrüße ich den Inhaber, als dieser aus dem Hinterzimmer kommt.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass kleine Krämer ihre Nachbarschaft gut kennen und derartige Lädchen Umschlagplatz für Klatsch und Tratsch sind. Diese Informationen lassen mich aber doch aufhorchen. "Redet der nur Makulatur? Oder is' da wat dran?"

"Ach nee? Det is ja ma interessant! Ick meene, det mit dem jesundstoßen und so ... Der Herr Professor von Eisenstein - Jott hab' ihn selich - soll nämlich nur Nasse mitte Sternwart jemacht haben, bevor er über'n Jordan jeschippert is'! Und det nich zu knapp! Muss 'n janzes Vermöjen vabrat'n haben. Saß jehörich inne Bredullje, wenn Se mich frajen. Wenn Se sich im Haus umkieken, täten's sich nich wundern, wenn der jute Mann mit Bolln2 inne Socken bejraben worden wär. ... Janz egal, wie hochnäsich die jebildete Bagasche och tut. Ick meene allen voran den Atze3 mit den Rollen unterm Hintern."

"Ob der Nebolowski dem Professor die finanzielle Misere einjerührt hat? Wat meenen Se?"

"Uff jeden Fall jehört der nich mehr innen Klapper4, sondern innen Kahn5 und zwar dalli! ... Die arme Krabbe6! Besser, der jerät nich an jemanden wie mich! Icke hätt 'ne andere Lösung parat, det können Se jloben!"

"Is 'Jraf Kacke' denn eher stumpich7 oder 'n Heemeken8?"



1 Husche = Platzregen
2 Bolle = Loch
3 Atze = Bruder
4 Klapper = Klapsmühle, Irrenhaus
5 Kahn = Knast, Gefängnis
6 Krabbe = junges Mädchen
7 stumpich = klein, untersetzt
8 Heemeken = kleiner Dünner, Leichtgewicht
« Letzte Änderung: 5.03.2019 | 15:19 von Der Läuterer »

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Re: [SoA 1. & 2. Akt] Lewi's Blatt
« Antwort #4 am: 4.12.2017 | 21:21 »
LEWI'S BLATT LINDENALLEE

"Ick könnt ma beöl'n!"

Der Alte lacht lauthals los.
"Mahn Junge, na dit mit dem Jeld abknöppen is doch Asbach! Klar hat 'r den Professor anjekohlt. Det war 'n falscher Fuffziger. Und der Professor musst' blech'n. Sin janzes Einjemachtet."

"Doch dit is nich der Clou von't Janze."

"Der Professor war 'n alta jeila Bock. Det jing um sonne Kleene mit endlos lange Beene."

"Aba dit dicke Ende koomt noch. Die Kleene hat' 'nen Braten in der Röhre jehabt!"

"Wenn Se ma fraj'n. Ick wees nüscht. Und ick sach nüscht."
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Joran

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Re: [SoA 1. & 2. Akt] Lewi's Blatt
« Antwort #5 am: 5.12.2017 | 11:50 »
LEWI'S BLATT LINDENALLEE

"Beede Beene waren bene", frotzel ich und grinse breit. "Tja, dit Jebrüda Beeneken hab'n schon so manchem 'n Kopp vadreht ... und eh man sich et versah hatte's ihn schon rinjelasse, das lecka Mädel ..." Ich seufze verständnisvoll.

"Uii ... da wird seene Alte 'n jehöriches Menkenke1 veranstaltet haben! Oder hat se keene Lunte jerochen?"

"Wat is denn us'm Knopp jeworden, den er mit'te Kleenen jemacht hat?"

"Und warum hat Nebolowski die Penunsen bekommen? Dit war doch nich der Jroßvatta? Oda hat det eene nüscht mit'm andern zu schaffen? Haben se ihn beede abjezogen?"


1 Menkenke = Geschrei
« Letzte Änderung: 5.03.2019 | 15:19 von Der Läuterer »

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Re: [SoA 1. & 2. Akt] Lewi's Blatt
« Antwort #6 am: 5.12.2017 | 16:07 »
LEWI'S BLATT LINDENALLEE

"Ick sach et dooch. Ick wees nüscht. Ick sach nüscht."

"Schön' juten Tach ooch, meen Junge."
« Letzte Änderung: 5.03.2019 | 15:20 von Der Läuterer »
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Re: [SoA 1. & 2. Akt] Lewi's Blatt
« Antwort #7 am: 5.12.2017 | 18:33 »
LEWI'S BLATT LINDENALLEE

"Dit is jebongt! ... ... Schade eijentlich. ... Weil, ich meene, de Chefin is ne jutmütije Frau und de Chef war'n Freund vom Professor ... ham ihn jrade bejraben. Könnt mir denken, dass se nem armen Jör 'n paar Pimpalinge zustecken tun würd'n, ohne groß Rabaz davon zu machen. Dass beede sich mal 'n Knüppel koofen können. Wo doch de Alte 'n Abjang jemacht hat und nich mehr blech'n kann ... Schließlich kann de Knopp nüscht dafür. ..."

Dann zucke ich gleichgültig die Schultern: "Aber ick wees et ja selba: Eenmal Küche ausjefeecht und schon hast'n prima Soljanka ... Dit hat schon meene Mutta jesacht, Gott hab' se selich. Und icke bin ooch jroß jeworden, newa? ... Und jenaujenommen hätte dit junge Jemüse ne jehöriche Tracht Prüjel verdient. Vonwejen weil se den armen Professor jelackmeiat hat: Erst hat se ihm schöne Oogen jemacht und ihm dann 'n Kejel anjehängt. Aber nu is det Kind ja schon innen Brunnen jefallen, nich wahr ... und wat willste da machen?"

Umständlich zähle ich das Geld ab und lege die Zeitungen aufeinander, um Lewi noch die Möglichkeit zu geben, etwas zu erwidern.


« Letzte Änderung: 15.04.2019 | 11:25 von Joran »

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Re: [SoA 1. & 2. Akt] Lewi's Blatt
« Antwort #8 am: 5.03.2019 | 15:21 »
Sonntag, 18. Sept. 1927

LEWI'S BLATT LINDENALLEE

"Tachchien, men Jung." Der kleine Mann beäugt Dich.

"Mir laust der Affe. Ick glob, ick kenn dir. Bis'te nich der..." Er kratzt sich am Kopf.

"Det is'n Ding. Allet in Butta? Kann ick irj'ndwat für dir tun?"
« Letzte Änderung: 5.03.2019 | 15:43 von Der Läuterer »
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Re: [SoA 1. & 2. Akt] Lewi's Blatt
« Antwort #9 am: 11.03.2019 | 13:51 »
Du kommst mit Lewi ins Plaudern. Er berichtet Dir vom unerwarteten Tod der Frau von Eisenstein. Es soll Gerüchte geben, dass Elfriede den Tod ihres Mannes und die Trauerfeier nicht verwinden konnte und sich umgebracht habe.
"Ick wunda mir ooch. Aba... de Frau Elfi sisch umjebracht? Det gloob ick keen bisken."

Aber er ist auch skeptisch, weil die zwei Tode so dicht nebeneinander liegen, dass das nur Zufall gewesen sei.
"Det war de olle Mumie in die Droschke. De übernimmt dit Haus jetz."
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Re: [SoA 1. & 2. Akt] Lewi's Blatt
« Antwort #10 am: 15.04.2019 | 11:23 »
Ich pflichte Lewi bei. Trudi hat in ihrem Brief zwar die offizielle Todesursache zwischen den Zeilen in Zweifel gezogen, jedoch nichts angedeutet, was auf einen Selbstmord der Frau von Eisenstein hindeuten könnte. Gleichzeitig nähre ich mit einer beiläufigen Bemerkung die Gerüchte aber auch 'versehentlich' ein wenig und bringe neue Spekulationen ein, um den Anreiz für Lewi zu erhöhen, ein wenig mehr von seinem Wissen preiszugeben.

"Nee, de Frau Professor war'n bisschen wuschich inne Omme, zujejeben, ... is ja och verständlich ... aber Freitod ... niemals nich' hätte se sich versündicht! ... Die Leut quaseln halt viel! ... Nur weil die erste Frau vom Professor ooch schon ... Aber lassen ma det."

"Da steckt was anderes dahinter. Keene Ahnung. Ne Krankheit vielleicht ... die Tochter vom selijen Professor ... die Tocher aus erster Ehe ... hat ihm 'n Päckchen aus Britisch Indien geschickt ... Keena kann sajen, was da mitjereist is! ... Die Schwarze Pest haben ooch Flöhe übertrajen. ... Ick will nichts jesacht haben, aber ick mach mir Sorjen um det Fräulein Trudi. ... Will ihr jleich mal die Blümchen verehren, um se uff andere Jedanken zu bringen."

"Jedenfalls will icke wissen, was hinter det janzem steckt! Det hab' ick mir uff de Fahnen jeschrieben! ... Zwee tote Leichen sind jenug. ... Ich war schließlich ooch bei det Frau Professor, als se zusammenjebrochen is ... beim Leichenschmaus. ... Hab ihr jeholfen, bis 'der Herr Doktor' mit jroßem Jewese daherkam. Da war aber schon wieda allet paletti. Ich war Sanitäta, weeste ... im Kriech und danach ooch noch."

"Meenste mit de 'ollen Mumie' den Krüp... hm, den Pastor? Hieronymus von Eisenstein? Der is ma' jruselig, wa? ... Aber wie soll er det jemacht haben? Jebete werden da nüschts nutzen."
« Letzte Änderung: 2.05.2019 | 10:50 von Joran »

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Re: [SoA 1. & 2. Akt] Lewi's Blatt
« Antwort #11 am: 9.05.2019 | 15:10 »
"Ick wett, da war ne Schlange drin." Er krümmt Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand und bewegt sie auf und ab. "Na, in dem Päckchen. Se wisse scho. Sonne Jiftschlange. Schnappidischnapp."

"Et jibt keene Liebe unter die Menschen." Levi schüttelt den Kopf.

"Se sind een Schnüffler, stimmts? Se sind uff ner heessen Spur, stimmts? Und et jibt fett Kohle, stimmts? Oder nich?"

"De olle Trude? De is resulut. Und zäh. De beesst de Schlange, nich andersrum. Saget se de olle Trude een Grüsschen von de kleene Nick."
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Re: [SoA 1. & 2. Akt] Lewi's Blatt
« Antwort #12 am: 20.05.2019 | 21:28 »
Die Idee, eine Schlange habe in der Schachtel gesteckt, ist auf den ersten Blick so einfach wie plausibel. Ich selbst habe schon ähnliche Überlegungen: ein Insekt oder eine Spinne oder ein giftiger Frosch etwa. Ich versuche mich darauf zu besinnen, was ich darüber weiß, wie das Paket geöffnet wurde. "War Frau von Eisenstein dabei, als ihr Gatte die Schachtel öffnete? Hätte sie eine Schlange ... oder ein anderes Tier ... nicht bemerken müssen? Hätte ein Tier auf einer so langen Reise nicht offensichtliche Spuren in der Schachtel hinterlassen ... wie z.B. Hautreste, Kot? Hätte es eine solche Reise überlebt?"

"Hätten ein Biss nicht Spuren wie Einstiche von Zähnen und Gift nicht Verfärbungen der Haut hinterlassen?"

"In der Tat spricht der Umstand, dass die Schachtel leer gewesen zu sein scheint, für einen Inhalt der sich verflüchtigen oder fortbewegen kann."

Ich nehme mir vor, diese offenen Fragen einmal bei den Lohensteins anzusprechen.

"Oh, nee, da is nüscht für mich drin! Leida! Is die Neujier ... 'n Zeitvertreib ... wie bei Trudi, die Krimis liebt. Und ooch für meenen Chef, der wo mit den Eisensteins befreundet war."

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Re: [SoA 1. & 2. Akt] Lewi's Blatt
« Antwort #13 am: 29.05.2019 | 23:05 »
Viel Nützliches an Informationen scheint der 'kleine Löwe' nicht mehr für Dich bereit zu halten.
Und so wechselst Du noch ein paar nette, letzte Worte, um Dich dann vom Acker zu machen.

Dein Weg führt Dich die Strasse entlang in Richtung des Hauses derer von Eisenstein.

Deine Gedanken kreisen noch um irgendein giftiges Kleingetier, das für den Tod des Ehepaars verantwortlich sein könnte, als Du das schrille Geräusch einer Sirene hörst, die Dich aus Deinen Gedanken reisst.

Entlang der Strasse voraus sammeln sich Menschen. Eine Gruppe ist bereits dort und von überall her, aus allen Strassen, strömen sie zusammen. Neugierige. Schaulustige. Aasgeier.

Auf der Strassenseite gegenüber des Hauses Waldseebrücke 14 stehen sie, schauen nach oben und deuten mit den Fingern am ausgestreckten Arm nach oben.

Du folgst ihren Blicken hinauf und siehst schwarzen Rauch aufsteigen.
Feuerzungen lecken über die Ziegel und züngeln sich dem Himmel entgegen.
« Letzte Änderung: 29.05.2019 | 23:15 von Der Läuterer »
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Joran

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Re: [SoA 1. & 2. Akt] Lewi's Blatt
« Antwort #14 am: 12.06.2019 | 10:30 »
Der Qualm steigt getrieben von der Hitze der lodernden Flammen in dicken, sich windenden Säulen empor. Weiter oben in der kälteren Luft verliert er an Geschwindigkeit und quillt zu pilzförmigen Köpfen heran, die in allen Schattierungen von Grau auf die Schaulustigen herabzublicken scheinen. Als seien die Geister aus den grauen Portraitzeichnungen im Wohnzimmer ein letztes Mal aus dem Papier gefahren, um gereinigt vom Feuer mit den Seelen der von Eisensteins in den Himmel zu fahren. Kleine Ascheflöckchen lösen sich aus dem Rauch und sinken wie winzige, schmutzige Schneeflocken lautlos zu Boden.

Ich reiße mich von dem Anblick los, als ich die Gruppe der Nachbarn und Passanten erreiche, die ihre Köpfe in die Höhe recken. "Ist Trudi unter ihnen?" Ich versuche das bekannte Gesicht der freundlichen Köchin zu entdecken. Dann packe ich eine Frau, die noch ihre Schürze trägt und daher vermutlich aus einem der Nachbarhäuser stammt, bei den Schultern und rufe so laut, dass alle es hören müssen: "Ist das Fräulein Massmann noch im Haus? Haben Sie Trudi gesehen ... die Köchin?"

Die Frau stammt vermutlich aus einem Haus auf der dem Brand gegenüberliegenden Straßenseite. Bei den direkten Nachbarn der Villa der von Eisensteins hat bereits ein geschäftiges Treiben eingesetzt, um Vorkehrungen gegen ein Übergreifen des Brandes zu treffen und einige Schätze zu sichern. Winzige rote Funken tanzen in der Luft, wie Glühwürmchen in einer heißen Juninacht. Nicht mehr lange, dann wird der Brand sich zu einer Feuersbrunst steigern, von der eine gewaltige Hitze ausgeht. Ich habe schon viele Häuser brennen sehen ... in Frankreich. Aber noch ist es nicht so weit. Ich bin mir nicht sicher, ob das Feuer auch das Erdgeschoss erfasst hat, aber das Tiefparterre ... die Küche ... sieht jedenfalls noch unbetroffen aus. Auch dort haben die Scheiben begonnen, sich vom Ruß schwarz zu färben.

Ein Schrecken durchfährt die Menge, gefolgt von einem vielstimmigen Seufzen, als im Giebel eine Scheibe platzt und sich ein Schauer von Splittern über den Boden ergießt.
« Letzte Änderung: 13.06.2019 | 13:38 von Joran »