Autor Thema: [Die Liebe in den Zeiten des Seiðr] Norwegische Nächte  (Gelesen 324 mal)

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Offline Chiarina

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Heute haben wir den ersten Teil einer Runde „Die Liebe in den Zeiten des Seiðr“ gespielt. Hier unser Spielbericht.

I

Es ist Nacht. Eine einsame Gestalt befindet sich in der uralten Halle des Königs. Sie steht in einer Nische des Raums und verbrennt in einer Schale auf einem Gestell Rauchkräuter. Mit beschwörender Stimme ruft sie die Namen der Verstorbenen: „Brandt, alter Meister, hörst du mich?“ Aus dem Rauch bildet sich ein menschliches Antlitz heraus und antwortet mit hohler Stimme: „Jarl Borg, du suchst Rat, wie du zum Nachfolger König Grimurs werden kannst. Ich will es dir sagen: Nur durch Taten wirst du zum König! Zieh in den Krieg gegen das Königreich im Osten! Beweise dich als erfolgreicher Feldherr und Führer, dann wird der Thron dein sein.“ Die Gestalt an der Schale ruft ein zweites Mal: „Ragnar, mein Urahn, steh mir bei!“ Ein zweites Gesicht bildet sich aus dem Rauch und spricht: „Borg, ich war feige in der Schlacht und wurde verbannt, du hast feige deine Frau umgebracht, bist aber noch vor Ort! Nutze die Gelegenheit um deinen guten Ruf zu retten! Ziehe in den Krieg und beweise deinen Mut!“ Ein drittes Mal erhebt der Mann an der Schale seine Stimme: „Alf, du treuer Diener König Grimurs, erteil mir deinen Rat!“ Zu den zwei Rauchgesichtern gesellt sich ein drittes und spricht: „Borg, steh dem Königreich gegen seine Feinde bei! Zieh in die Schlacht und der Ruhm wird dir sicher sein!“ Nach einer Weile spricht Jarl Borg halblaut zu sich selbst: „So sei es! Und wenn ich zurück bin, werde ich Prinzessin Kadlin zur Frau bekommen. Wenn König Grimur dann immer noch dagegen ist, werde ich dieses Hindernis aus dem Weg räumen!“ Mit einem maliziösen Lächeln greift der Jarl unwillkürlich zu seinem Dolch. Da erscheint plötzlich ein viertes Gesicht im Rauch und spricht mit heller Stimme: „Was für eine Ehe willst du führen, Borg, wenn du auch noch zum Mörder am Vater deiner Ehefrau geworden bist?“ Borg verzieht das Gesicht und stößt mit gepresster Stimme folgende Worte hervor: „Das lass meine Sorge sein, Asny!“ Das zornige Frauengesicht aber erwidert: „Nein, Jarl Borg! Das ist auch meine Sorge! Ich werde meine Tochter Kadlin vor deinem skrupelloses Wesen warnen.“ Mit einem Windhauch verschwindet das Gesicht der verstorbenen Königin Asny, etwas später lösen sich mit dem versiegenden Rauch auch die übrigen Gesichter auf. Jarl Borg blickt finster und schreitet an den Wänden, an denen die Schwerter toter Könige hängen, vorbei. Nach einem entschlossenen Blick auf den leeren Thron verlässt er den grausigen, gruftähnlichen Ort.

II

Einige Stunden später trifft sich Prinzessin Kadlin mit ihrer Lehrerin, der Seiðkona Nidbjorg, im alten Gewächshaus ihrer verstorbenen Mutter. Während einer Lehrstunde über Giftpilze und halluzinogene Kräuter raschelt es in einer in der Nähe wachsenden Weinranke und eine Stimme ist vernehmbar: „Kadlin, mein Kind! Es ist deine Mutter, die zu dir spricht!“ Wie vom Donner gerührt lauschen die beiden Frauen der Stimme der Verstorbenen. „Wisse, dass Jarl Borg Übles im Schilde führt! Er will deine Hand und die Macht über das Königreich an sich reißen, zur Not auch über die Leiche deines Vaters!“ Die Prinzessin braucht einen Moment, bis sie sich wieder gefangen hat. Dann spricht sie: „Was soll ich tun, Mutter?“ Die Stimme der verstorbenen Königin Asny antwortet: „Dein Vater ist alt und schwach. Wende dich an jemanden, der Tatkraft und Loyalität besitzt. Bitte den Ritter Mort um Hilfe, aber tue es an einem Ort, wo ihr nicht belauscht werden könnt. Verabrede dich mit ihm in der Höhle am Wasserfall!“ Die Prinzessin errötet leicht, sagt dann aber: „Ich danke dir, o Mutter! Ich werde deinen Rat befolgen!“

III

Am Abend steigt die Seiðkona Nidbjorg im Gästehaus des Königs aus dem Bett von Jarl Borg. „Ist es wahr, Nidbjorg, dass der Ritter Mort ein Gestaltwandler ist und vor Jahren als Wolf seinen Bruder gerissen hat?“, will Borg wissen. „So heißt es“, antwortet die Seiðkona. „Ich habe einen Plan gefasst“, fährt der Jarl fort. „Wenn der nächste Vollmond am Himmel steht, werde ich den Ritter damit beauftragen, den Hof der Jansens anzugreifen. Es sind untreue Gegner des Königs, die nichts als Ärger machen. Wenn Gerüchte über einen brutalen Wolfskiller laut werden, wissen wir, dass an den Gerüchten etwas dran ist. Hinterher ziehe ich dorthin, werde eine vergnügliche Wolfsjagd veranstalten und mich dann als Sieger über die gefährliche Bestie präsentieren können.“ „Du bist ein kluger Mann“, sagt die Seiðkona und verlässt mit einem verächtlichen Zug um die Lippen den Raum.

IV

Währenddessen bringt Prinzessin Kadlin ihrem Vater den Kräutertee der Seiðkona gegen seine Gicht. Der alte Mann richtet das Wort an sie: „Kadlin, mein Kind! Hast du davon gehört, dass unser Feind im Osten Truppen an der Grenze zusammenzieht? Wir müssen reagieren!“ Kadlin ist erstaunt: „Wie kommt es, dass ihr über solche Dinge zu mir sprecht, o Vater?“ König Grimur nutzt die Gelegenheit um herauszufinden, ob seine Tochter bereits ihr Herz vergeben hat. Er hat vor vielen Jahren im Wochenbett seiner sterbenden Frau einen Eid darauf geleistet, dass er seiner Tochter eine Ehe mit einem Mann, den sie liebt, ermöglichen wird. „Ich will wissen, was du davon hältst, wenn wir Jarl Borg unsere Truppen anführen lassen. Er ist ein guter Heerführer, aber wenn er siegreich zurückkehrt, wird er eine Belohnung verlangen. Möglicherweise fordert er deine Hand und will mein Nachfolger werden!“ Prinzessin Kadlin erbleicht: „Oh, Vater! Ich kann nicht die Gattin Borgs werden. Mir graut vor den kalten Augen des Mannes!“ König Grimur runzelt die Stirn: „Wir können auch Ritter Mort schicken. Er ist allerdings noch jung und steht vor einer großen Aufgabe!“ Prinzessin Kadlin wird noch bleicher: „Vater! Lässt es sich nicht vermeiden, dass Ritter Mort einer solchen Gefahr ausgesetzt wird?“ König Grimur lächelt müde, dann fällt sein Blick auf ein altes Horn an der Wand. Er spricht: „Geh, Kadlin, und bring das Horn der Ahnen zur Seiðkona. Sie wird Jarl Borg auf seinem Feldzug begleiten und die Verstorbenen zur rechten Zeit zu ihrer Unterstützung herbeirufen können.“ „Aber Vater...“, ruft Prinzessin Kadlin. „Tu, was ich sage!“, befiehlt der König mit strenger Stimme. Prinzessin Kadlin nimmt das Horn, verbeugt sich und verlässt die düstere Halle.

V

Ein paar Wochen später greift Ritter Mort den Hof der Jansens an. Es ist eine Vollmondnacht, weshalb er seinen Männern sagt, dass sie den Angriff um einen Tag verschieben werden. Während seine Männer in der Nähe lagern, schlägt er in dieser Nacht in Wolfsform zu. Zum Erstaunen seiner Männer finden sich am darauffolgenden Tag eine Handvoll Toter im Haus, der Rest der Bewohner scheint geflohen zu sein. Auf dem Rückweg kommen Ritter Mort Gerüchte zu Ohren. In einem nahegelegenen Sumpf ist der weiße Hirsch gesichtet worden. Ritter Mort ist sofort wie angestachelt. Der weiße Hirsch ist das Tier seiner Träume, immer wieder hört er Berichte über das Tier, es taucht sogar in seinen Prophezeiungen auf. Ritter Mort ist überzeugt, dass er es zur Strecke bringen muss. Mit seinen Männern bricht er in den Sumpf auf. Nachts lagert er mit seinen Männern auf einer Grasnarbe zwischen mooserstickten Ulmen. Hin und wieder blinken sonderbare Lichter auf und die ausgehungerten Tiere des Sumpfes lassen sich nur durch ein großes Lagerfeuer auf Distanz halten. Während die Männer sich mit einem heißen Tee aufwärmen, ist plötzlich ein lautes Röhren zu hören. Ritter Mort schreckt auf, ergreift seinen Speer und sein Schwert und stürzt nach davon. In einiger Entfernung steht aufrecht ein gewaltiger geisterhafter, weiß leuchtender Hirsch. Ritter Mort schleudert seinen Speer nach dem Tier... aber ohne Erfolg. Scheinbar verächtlich wirft ihm der Hirsch einen Blick zu, dann springt er ein paar Meter weiter. Der Ritter verfolgt ihn, hat aber schon bald den Eindruck, dass der Hirsch nicht vor ihm flieht. Er führt ihn vielmehr an irgendeinen bestimmten Ort. Ritter Mort erreicht das Tier zwei oder drei Meilen weiter weg. Der Hirsch blickt ihn mit sanften Augen an. Mort lässt sein Schwert sinken. Es ist unmöglich dieses Tier anzugreifen. Dann ertönt eine sonore Stimme, die direkt aus dem Tier zu kommen scheint: „Grabe hier“. Die Gestalt des weißen Geisterhirschen löst sich auf. Ritter Mort zieht einen großen Dolch und schaufelt Erde zur Seite. Schließlich stößt er auf Knochen. Er gräbt noch weiter und findet eine skelettierte Hand, an der ein Ring steckt... er gleicht dem Ehering von Jarl Borg bis aufs Haar. Nachdenklich nimmt Ritter Mort den Ring an sich.

VI

Auf einsamen Bergpfaden ist Jarl Borg mit der Seiðkona Nidbjorg und den Männern des Königs über einen schneebedeckten Pass an den Rand des Landes gelangt, wo unheilverkündende Grenzsteine häufig ihre Position wechseln. Borgs Siegesgewissheit hat etwas gelitten und er versucht sich daher der Loyalität der Seiðkona zu vergewissern. „Höre, Nidbjorg, wenn wir hier morgen einen Sieg erringen sollten und ich erst einmal Prinzessin Kadlin geheiratet habe, dann soll dir ihr Herz gehören.“ Irgendetwas gefällt der Seiðkona nicht an der Ausdrucksweise des Jarl. Sie legt ihre Stirn in Falten und umklammert nachdenklich das Horn der Ahnen, dass König Grimur ihr für diesen Feldzug mit auf den Weg gegeben hat.

VII

Währenddessen wartet Prinzessin Kadlin in der Höhle am Wasserfall ungeduldig auf Ritter Mort. Wieder ist Vollmond und der Ritter wollte die Prinzessin auf einen anderen Tag vertrösten, aber diese hat auf das Treffen bestanden. Bei Sonnenuntergang betritt der Ritter daher schnell die Höhle und hofft darauf, dass es im Höhleninneren zum Treffen kommen wird. Prinzessin Kadlin empfängt ihn in der gepflegten und üppig ausgestatteten Vergnügungshöhle. Sie erzählt ihm von den finsteren Plänen des Jarls und Ritter Morts Verdacht erhärtet sich. Er nimmt ein Lederband von seinem Hals an das er den Ehering Borgs geknotet hat. Den Ring presst er mit ganzer Kraft, bis seine Fingernägel seine Handflächen blutig ritzen. Dann schleudert er voll Wut den Ring davon. Es scheint, als erwachten animalische Triebe in dem Ritter. Als er sich sicherheitshalber ein paar Meter von der Prinzessin entfernen will, fällt sein Blick auf eine Pfütze am Höhleneingang, in der sich das Mondlicht spiegelt. Da vollzieht sich die Verwandlung und aus Ritter Mort wird ein gewaltiger, bestialisch wirkender Wolf, der in großen Sprüngen davon eilt. Es dauert geraume Zeit, bis Prinzessin Kadlin wieder zu sich kommt. „Was ist geschehen?“, fragt sie sich. „Ist mein Geist verwirrt? Täuschen mich meine Augen? Oder täuscht mich mein Herz?“ Langsam und ächzend macht sie sich auf den Heimweg.

Wir werden eine zweite Sitzung brauchen, um die Geschichte abzuschließen.
« Letzte Änderung: 4.05.2019 | 23:36 von Chiarina »
[...] the real world has an ongoing metaplot (Night´s Black Agents, The Edom Files, S. 178)