Ich habe mir mittlerweile die Neufassung von Umdaar selber mal angesehen. Persönlicher Ersteindruck:
-- Das ist ja ganz schön dick geworden -- immerhin 464 PDF-Seiten (wenn auch "nur" im DIN C5-Format, wenn ich mir noch zehn Millimeter Seitenstreifen für die Bindung dazudenke). Das ist mehr als weiland Fate Core selbst, wo ja auch schon ein paar Leute gequengelt haben. Schön, dafür kriege ich ein Standaloneprodukt, das im Gegensatz zum ursprünglichen dünnen Büchlein nicht erst noch an einen separaten Regelband andocken muß, weil die Regeln (hauptsächlich Fate Condensed mit Zusatzanleihen vom Adversary Toolkit/Antagonisten-Handbuch) bereits enthalten sind, aber was gibt's
sonst an Mehrwert?
-- Dave Joria (der ursprüngliche MoU-Autor, hier mit sichtbar mehr Unterstützung) hat die Zeit seit Erscheinen seiner Erstversion) und den zusätzlichen Platz mMn recht gut genutzt, um seiner Welt ein Stück mehr Kontur zu verpassen, ohne sie andererseits in zuviel "offiziellem" Kanon zu ersticken. So haben wir beispielsweise -- aus meiner Sicht zum Glück! -- immer noch keine verbindliche Weltkarte und wissen immer noch nicht, wer
genau die Demiurgen eigentlich waren.

Aber wir kriegen ein gutes Stück mehr Atmosphäre, mehr auf Umdaar zugeschnittene Archetypen anstelle der noch stark D&D-inspirierten "Klassen" von früher, Anregungen zum Spiel von mehr als "nur" Archäonauten (deren Rolle jetzt auch ein wenig spezialisierter daherkommt als nur "alle SC sind das halt"), mehr Beispiele für alles wie freie Länder, Wildnis, Domänen, NSC einschließlich diesemal tatsächlich einer Reihe von Meistern samt Gefolge, eine Gruppe von Beispiel-SC, sechs Beispielabenteuer...plus Ratschläge, wie man das alles aus Sicht des/der Verfasser(s) am besten kombiniert. Außerdem gibt's ein paar obligatorische Zusatzregelvorschläge ("Rückübersetzung" auf FAE/Turbo-Fate eingeschlossen) und, na ja, Werbung für andere Fate-Produkte, die zu Umdaar passen oder wenigstens als Inspirationsquellen taugen sollen.

Es addiert sich einfach.
-- Was manche Leute etwas ankeksen mag: Umdaar ist so wie präsentiert ein Stück weit darauf ausgelegt, daß man tatsächlich die einigermaßen
Guten spielen soll, und die Verfasser erfrechen sich doch wirklich, "woke" Themen wie Repräsentation, Coding, und nicht ganz unproblematische klassische Tropes wie das vom Großen Weißen Retter anzusprechen und Ideen zu liefern, wie man's besser machen könnte. Wen's ernsthaft stört, der hält vielleicht besser Abstand -- persönlich sage ich mir, daß ich Umdaar, wenn ich den Bedarf jemals fühlen sollte, ja auch immer noch
bewußt "politisch unkorrekt" beackern könnte. (So was wie ein Banner, d.h., halbwegs förmlichen und auch mit Regelelementen untermalten Kampagnenschwerpunkt, für Handlanger eines Meisters gibt's beispielsweise noch nicht.)
-- Brauche ich jetzt mein altes Masters of Umdaar nicht mehr? Hmm..."brauchen" ist ein großes Wort, aber direkt unterschreiben würde ich das erst mal nicht. Ein paar Sachen aus dem Erstprodukt, die ich zwar nicht unbedingt essentiell, aber doch interessant fand, sind nämlich weggefallen -- so beispielsweise die Bioformen-Zufallstabellen (und sei es nur als Inspirationsquelle) und die Regeln für Cliffhanger. Wobei ich das bei letzteren noch nachvollziehen kann, weil ich es mir nicht ganz trivial vorstelle, Schwierigkeitsgrade für statt sechs Methoden gleich achtzehn Fertigkeiten auf einmal einigermaßen spontan festzulegen, und einige der letzteren je nach Situation auch leicht einfach
gar nicht funktionieren dürften (gegen eine rein mechanische Todesfalle etwa bringt zumindest gelegentlich auch das tollste Social-Fu nicht viel), aber rein persönlich und subjektiv ist im ersten Gefühl doch auch ein wenig "verlorengegangen".
Ich denke, das war's erst mal so im Wesentlichen. Für mich spricht für die Qualität des Produkts, daß ich auf allen diesen Seiten nur einen richtigen spontanen Augenverdreher gefunden habe, und das ist ein bestimmter Meister, der aus meiner Sicht ausgerechnet mit den schon angesprochenen Coding-Vorschlägen
selbst hart genug zusammenrasselt (männlich mit schon regelrecht überbetontem Sex-Appeal und potentiell homosexuellen Untertönen, natürlich böse und intrigant), daß ich nicht recht weiß, wie er seinen Weg ins Buch überhaupt gefunden hat. Aber selbst der ist relativ leicht korrigier- oder ersetzbar (vor allem bräuchte er einen besseren
Namen...!) und vielleicht bin ich auch einfach nur selbst mittlerweile zu alt und überempfindlich. Insgesamt definitiv vier bis viereinhalb von fünf Fate-Punkten.