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Autor Thema: Kagematsu / Bewertung & Rezensionen  (Gelesen 2539 mal)

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Ucalegon

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Kagematsu / Bewertung & Rezensionen
« am: 25.11.2016 | 19:14 »
Hier könnt ihr eure Meinung zu Kagematsu abgeben und nach Punkten bewerten.



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Kagematsu

Regel/Quellen-Bände-Übersicht
Hier gelangt ihr zu der Auswertung und Übersicht bereits bewerteter Regel- und Quellen-Bände:
http://www.tanelorn.net/index.php/topic,96807.0.html

Klappentext:
Wir schreiben das Jahr 1572 und die blutigste Epoche der japanischen Geschichte neigt sich dem Ende zu. Die streitenden Reiche rekrutieren jeden waffenfähigen Mann und zurück bleiben wehrlose Dörfer voller Frauen, Kinder und den Alten.Ein kleines Dorf leidet unter dem Schrecken einer grauenvollen Bedrohung. Ohne einen Verteidiger sind die Dorfbewohner dem Untergang geweiht.

Da erscheint Kagematsu, ein eigensinniger Ronin. Hier wäre jemand, der das Dorf verteidigen könnte – wenn man ihn nur von seinem ziellosen Weg abbringen könnte. Und so versuchen einige Frauen des Dorfes die Zuneigung des Ronin zu erringen und ihn für ihre Sache zu gewinnen…

Kagematsu ist ein schnelles Spiel für vier bis sechs Spielerinnen und Spieler, das man an einem Abend spielen kann.

Ucalegon

  • Gast
Re: Kagematsu / Bewertung & Rezensionen
« Antwort #1 am: 27.11.2016 | 21:22 »
5/5 Punkten.

Ich fange mal mit der Kritik an. Negativ fällt auf, dass die Regeln schlecht organisiert sind. Das macht sie schwerer zu merken und zwischendurch nachzuschlagen. Einen Punkt abziehen will ich dafür nicht, weil mir das angesichts des Umfangs von Kagematsu kleinlich erscheint. Es sind wirklich nicht viele Regeln und man hat sie schnell im Griff. Also eher eine Einstiegshürde.

Weitere Punkte:
Die allermeisten Szenen spielen sich zwischen Kagematsu und einer einzelnen Frau ab. In meiner Runde auf der Geekmansion gab es durchaus Ausnahmen, in denen mal 2 bis selten 3 Dorffrauen (von insgesamt 5) interagiert haben, nachdem Kagematsu die Szene entsprechend geframed hatte - und das kann man sicher forcieren, wenn man darauf achtet - aber im Grunde bleibt es aufgrund der Prämisse des Spiels so fragmentiert. In Verbindung mit der grds. sinnvollen Regel, dass die Frau mit der höchsten Furcht Vorrang bei den Szenen bekommt, kann das dazu führen, dass Einzelne länger auf eine Szene warten müssen, wenn Anderen der Erfolg und damit das Furcht-Absinken versagt bleiben. Wir haben uns deswegen nicht durchweg an die Regel gehalten und Szenen irgendwann nach Gefühl verteilt. Der Vorteil an der Fragmentierung ist andererseits, dass man keine Spotlight-Probleme hat. Alle Frauen stehen abwechselnd im Mittelpunkt. Gestört hat mich das nicht.

Gegen Ende, bei uns nach ca. 4h, hatte zudem noch niemand versucht, Kagematsu das Versprechen zu entlocken und es schien recht offen, wann das Spiel in die Konfrontations-Phase eintreten würde. Letztlich entscheiden die Spieler(innen) der Dorffrauen ja frei, wie früh oder spät sie den Versuch wagen. Theoretisch kann es mit ein paar "freigespielten" Verzweiflungstaten klappen oder man spielt so viele Szenen wie möglich, in der Hoffnung, mehr Liebe zu bekommen. Auch das ist aber kein wirklicher Kritikpunkt, weil das Pacing durch die klar strukturierten Szenen und gelegentliches Foreshadowing der Bedrohung trotzdem einwandfrei ist.

Eine Liste mit Elementen für die Dorfbeschreibung und mehr liebsten Orten/Personen/Dingen der Dorffrauen hätte überdies sicher auch nicht geschadet. Da ist das Buch in der Tat etwas knausrig.

Ein weiterer Tipp wäre, auf dem Dorffrauen-Bogen (der in der deutschen Übersetzung aus unerfindlichen Gründen fehlt) eine Zuneigung nicht nur als "verbraucht" anzustreichen, sondern festzuhalten, ob sie gewonnen wurde oder Kagematsu ablehnend reagiert hat. Die entsprechende Verzweiflung wird nämlich nur im ersten Fall "freigespielt."

Kagematsu braucht keine Vorbereitung und dürfte bei durchschnittlich langen Szenen etwa 4-6 Stunden laufen.

Das Pacing wird von den Zuneigungen bestimmt, die die Dorffrauen in ihren Szenen von Kagematsu erhalten wollen und es ergibt sich mit der bisweilen auftauchenden Bedrohung und den eher gegen Ende vorkommenden Verzweiflungstaten der Frauen eine runde Geschichte.

Die Geschichte von Kagematsu bzw. eigentlich die Geschichte der Dorffrauen (siehe unten) ist durch und durch romantisch, vom Setting über die Zuneigungen, die dafür sorgen das sanfte Töne und zärtliche Momente das Spiel dominieren bis zum verklärten Ende, wo seine wahre Liebe dem Ronin Kagematsu hilft, die Bedrohung zu bezwingen. Das tragische Ende, in dem die Dorffrauen es nicht schaffen, Kagematsu zur Verteidigung des Dorfes zu bewegen oder einige von ihnen sterben ist die andere Seite dieser Medaille. Da Kagematsu aber keine der Frauen wirklich lieben muss - und die Frauen im Angesicht der Tatsache, dass sie auf die Hilfe des Ronin angewiesen sind schon gar nicht - ist eine sehr zynische Variante der Geschichte zumindest theoretisch denkbar. Ein bisschen davon scheint bei den Verzweiflungstaten durch, meine ich.

Kagematsu ist immer spannend, weil man - verstärkt durch den geheimen Liebe-Bonus - nie weiß, wie eine gespielte Szene ausgehen wird. Die Zuneigungen sind zwar festgelegt, aber die Spieler(innen) müssen kreativ werden und - oft auch in kleinen Gesten oder Bewegungen statt dem Rollenspiel-typischen grandstanding - zeigen, wie die Dorffrauen versuchen sie von Kagematsu zu bekommen und eine Szene, in der sich eine Frau und Kagematsu nahekommen und der Funke überzuspringen scheint, kann durch den Zufall der Würfel immer gedreht werden. Dann liegt es wiederum an der Spielerin von Kagematsu die Reaktion des Ronin glaubhaft darzustellen. Eingeschränkt ist sie dadurch nur auf den ersten Blick, denn was Kagematsu wirklich fühlt, unterscheidet sich schließlich von seiner äußerlichen Reaktion.

Diese doppelte Interpretation macht das Drama (iSv Robin Laws petitioner-granter Modell aus Hillfolk) von Kagematsu besonders interessant, weil Auftreten/Handeln und Fühlen eben auseinandergehen können. Inwieweit man gerade als Mann angesichts des Rollenwechsels daraus etwas lernen kann, ist pauschal kaum zu beantworten. Ich fand meine Dorffrau Mitsuko das letzte Mal eine interessante Rolle, die ich so noch in keinem Rollenspiel hatte und das Spiel lässt dich auf jeden Fall überlegen, wie deine Dorffrau in ihrem Auftreten und Charakter nun tatsächlich bei Kagematsu (und dessen Spielerin) angekommen ist.

Aufrund dieser Punkte in Verbindung mit dem gemeinsam entworfenen Setting aus Dorf und Bedrohung hat Kagematsu hohen Wiederspielwert, vor allem natürlich in wechselnder Besetzung.

Auf den Punkt bringt es allerdings dieses Review:

Zitat
I’ve never seen a game that told stories from a female perspective this well and this lovingly. These are not super sexy rocket scientists or superheroes, these are just normal women looking to get by and the entire game is about them, their lives, their ambitions and their dreams and how they deal with adversity. To me Kagematsu is just a figurehead who brings out these stories. By the end of the game, you are really rooting for these women.

Ein hervorragendes Rollenspiel und ein persönlicher Favorit.

---

Interessieren würde mich ein Review von einer Spielerin in der Kagematsu-Rolle, gerade, weil ich diese Seite des Spiels ja nicht sehen werde.
« Letzte Änderung: 27.11.2016 | 21:40 von Ucalegon »

Offline CiNeMaNcEr

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Re: Kagematsu / Bewertung & Rezensionen
« Antwort #2 am: 28.11.2016 | 00:26 »
Danke für die ausführliche Rezi und die Anmerkungen.

Mein Eindruck nach dem Lesen überschneidet sich mit den meisten deiner Kritikpunkte aber auch den positiven Faktoren.
Allerdings fehlt noch, dass entscheidene Spielgefühl welches durch die Kostellation/Prämisse von Kagematsu entstehen soll/te.

Daher vorläufige 4/5 Punkten.

Sehr schade ist der fehlende Dorffrauenbogen, die wenigen Beispiele sowie die nicht ideale Struktur und der größte Kritikpunkt, mehr bzw. größere Tabellen/Vorschläge für Dorfbeschreibungen und ähnliches wäre wirklich Praktisch.

Gesamtfazit wird erst nach 1-2 absolvierten Spielrunden gegeben.
- Leitet: One-Shots, wöchentlich (CoC7, UA2+3, Nemesis)
- Obsession: Kingdom Death:Monster.
- Passsion: Cthulhu Wars.

Ucalegon

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Re: Kagematsu / Bewertung & Rezensionen
« Antwort #3 am: 11.12.2016 | 01:08 »
Allerdings fehlt noch, dass entscheidene Spielgefühl welches durch die Kostellation/Prämisse von Kagematsu entstehen soll/te.

Da habe ich nochmal drüber nachgedacht, auch wegen der Filmtipps von System Matters.

Ich würde Kagematsu zwischen Liebesgeschichte und Drama einsortieren. Auf den ersten Blick geht es ja die meiste Zeit ums "Flirten" und darum, welche der Frauen Kagematsu am Ende wirklich liebt. Dagegen stehen allerdings die Umstände, die die Dorffrauen dazu zwingen, sich die Hilfe des Ronin zu sichern und sie bisweilen bis zu verzweifelten Bitten und Drohungen treiben. Darin, dass sie in ihren Möglichkeiten, sich zu retten (Charm/Innocence; die Auswahl der Affections) so eingeschränkt und von Kagematsu abhängig sind, liegt der Unterschied z.B. zu Breaking the Ice (Emily Care Boss' Dating Rollenspiel).

Soweit ich das verstanden habe, ist Kagematsu aber nicht unbedingt als Spiel gedacht gewesen, dass japanische Samurai- bzw. Historienfilme emuliert. Insofern wird man da schwerlich etwas passgenaues finden - mir ist als "historisches" Beispiel nur der Mythos von den Frauen von Lemnos eingefallen, die die Argonauten verführen, nachdem sie sich ihrer Ehemänner entledigt haben. Andererseits sind die Sieben Samurai oder Yamadas Samurai-Filme natürlich auf jeden Fall eine super Inspiration.

Ich hänge mich da mit folgenden Filmen dran:

Ugetsu monogatari - Japanischer als Kurosawa. Passt für mich insgesamt am besten zu Kagematsu.

When a woman ascends the stairs - Hat mit dem Setting zeitlich nichts zu tun, aber die Situation der Dorffrauen und die Frage nach Scham-/Ehrgefühl/Liebe, die Kagematsu eingangs stellt, findet man hier hervorragend umgesetzt wieder.

The Sea is watching - basiert auf einem Skript von Kurosawa. Für die melodramatische Seite.

Onibaba und Kuroneko - Horrorfilme. Mehr für die verzweifelte Liebe und das Chaos der Zeit.

und singende Samurai (Oshidori utagassen. Leider kaum zu kriegen.)

Offline CiNeMaNcEr

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Re: Kagematsu / Bewertung & Rezensionen
« Antwort #4 am: 21.01.2017 | 01:10 »
Thx für die Filmempfehlungen.

Endlich nun auch mal einen Praxistest gehabt, hat hungrig auf mehr gemacht.

Das Setting ist hervorragend und der Rollentausch ist grossartig.

Was uns am meisten gestört hat und den Spielfluss etwas gebremst hat,
war das die meisten Szenen nur von 2 Spielern (Kagtematsu+1xDorffrau) ausgespielt werden und so teilweise lange Phasen der Inaktivität (bzw. eher passive Zuhörer der Szene werden) andere Spieler entstehen (dies kann man abmildern wenn die Szenen Narration der Kagematsu-Spielerin an eben diese Spieler abgegeben wird).


Spielbericht einer Mitspielerin (jedoch nicht der Kagematsu-Spielerin)
http://black-oracle.blogspot.de/2017/01/kagematsu-eine-erste-testrunde.html

PS:
Ebenso fehlt etwas mehr Struktur im Aufbau des Buches, aber es gibt ja glücklicherweise die Regelzusammenfassung die Super hilfreich ist!
THX an La Cipolla
http://www.tanelorn.net/index.php/topic,58714.50.html
(Link ist irgendwo auf Seite 3)
« Letzte Änderung: 21.01.2017 | 01:15 von CiNeMaNcEr »
- Leitet: One-Shots, wöchentlich (CoC7, UA2+3, Nemesis)
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Ucalegon

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Re: Kagematsu / Bewertung & Rezensionen
« Antwort #5 am: 23.01.2017 | 10:24 »
https://www.nerds-gegen-stephan.de/index.php?/archives/421-Kagematsu-Japanische-Seifenoper-zum-Selberspielen.html#extended

Zitat
Der Zauber von „Kagematsu“ liegt dabei auch weniger in der (allerdings tatsächlich gut funktionierenden) Spielmechanik als vielmehr in der Interaktion der Spieler miteinander. Spielen alle Teilnehmer ihre Rollen gut aus, erlebt man gemeinsam eine dramatische Japano-Seifenoper. Selten habe ich ein Rollenspiel erlebt, bei dem die Spielfreude daran so abhängig von der darstellerischen Kompetenz der Mitspieler war.

Eine interessante Beobachtung, welche ich dabei in den letzten Wochen machen durfte, ist dass das Setting von „Kagematsu“ in meinem Bekanntenkreis primär Frauen ansprach, gerade auch solche, welche mit „klassischen“ Rollenspielen eher wenig am Hut hatten. Oft war deren Interesse allein schon durch das sehr schöne Artwork des kleinen Heftchens geweckt; nach der Lektüre der flüssig lesbar geschriebenen und mit vielen Beispielen versehenen, gut lektorierten Texte kamen sie von selbst auf mich zu, um dieses Spiel mal auszuprobieren. Allein dafür haben sich die 12,95 € für ein 52-seitiges Softcover schon gelohnt :-P Das Büchlein bietet zusätzlich auch einen interessanten Anhang mit Beispielnamen, Glossar und historischen Informationen. Vermisst habe ich lediglich eine Regelzusammenfassung, aber die kann man hier (Link) nachlesen.

Fazit: Ich persönlich tue mich ja immer ein wenig schwer mit Charakterspiel, aber „Kagematsu“ (Link) hat mich mitgerissen und begeistert. Eine echte Indie-Perle :-D

Offline Swafnir

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Re: Kagematsu / Bewertung & Rezensionen
« Antwort #6 am: 23.01.2017 | 14:27 »
Also uns hat das Spiel auch sehr sehr viel Spaß gemacht. Da passt einfach alles zusammen: Artwork, Setting und Spieldesign. Mit ner spielfreudeigen Gruppe hat man da eine echte Perle in Händen. Unglaublich dass sich das Ding in deutsch erst ca. 50 mal verkauft hat (zwei davon hab ich  ~;D) - sofern ich das im System Matters Podcast richtig gehört hab. 
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Offline Dr. Clownerie

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Re: Kagematsu / Bewertung & Rezensionen
« Antwort #7 am: 23.01.2017 | 15:37 »
Kommt ungefähr hin, darum freue ich mich über jede Besprechung des Spiels :)

Vielen Dank also!
Ein Experiment, das in seiner bewußt dilettantischen Machart die Geduld des Zuschauers herausfordert, ihn aber immerhin nicht für dumm verkauft.

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Offline Thallion

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Re: Kagematsu / Bewertung & Rezensionen
« Antwort #8 am: 20.07.2018 | 13:55 »
http://www.ringbote.de/rezi-einzelansicht/news/kagematsu.html
Zitat
Fazit: „Kagematsu“ ist ein sehr spezielles Spiel, das wohl nicht ohne weiteres für jede Spielgruppe geeignet sein wird. Wer sich mit den oben aufgeführten Prämissen anfreunden kann, erhält ein handwerklich gut gemachtes Buch mit einem stabilen Regelwerk.

Online Chiarina

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Re: Kagematsu / Bewertung & Rezensionen
« Antwort #9 am: 24.08.2019 | 13:40 »
Im Großen und Ganzen ist das ein schönes Erzählspiel. Wir haben zwei Abende gebraucht, um eine Runde abzuschließen. Am Ende war die Furcht unserer Dorffrauen ziemlich niedrig und eine von uns hat sich auch noch geopfert, von daher war unser Sieg leicht... vielleicht etwas allzu leicht. Unser Spiel hatte einen schönen, dramatischen Spannungsbogen, hat alles in allem funktioniert und zu einer netten Geschichte geführt. Ich hatte tolle Mitspieler, die gezeigt haben, dass japanische Dorffrauen auf ganz unterschiedliche Art und Weise unschuldig oder liebreizend sein können. Einer von uns kannte sich auch mit dem historischen Japan ganz gut aus und konnte uns ohne klugscheißerisch zu wirken immer mal wieder ein paar hilfreiche Zusatzinformationen zukommen lassen.

Ein paar Kleinigkeiten nerven mich allerdings:
- das Spiel ist sehr monothematisch. Es geht immer nur um das Eine (becircen des Kagematsu). Das fand ich streckenweise anstrengend.
- das Spiel ist dialogisch. Es besteht aus einer Szenenfolge, in der der Kagematsu mit einer der Dorffrauen interagiert. Gruppenszenen sind zwar möglich, werden aber vom Regelmechanismus nicht unterstützt. Deshalb gab es sie bei uns auch nicht allzu oft. Etwas schade.
- die erspielten Verzweiflungstaten sind teilweise recht speziell und passen manchmal nicht gut zu den Situationen, in die die Dorffrauen geraten. Hier ist Kreativität gefragt, manchmal haben die Erklärungsversuche für mich aber auch ein wenig konstruiert gewirkt.
- der dramatische Aufbau der Begegnungen ist, abgesehen von der Ausgangsfrage ob da eine Frau eher unschuldig oder liebreizend ist, für meinen Geschmack zu linear. Eigentlich gibt es für eine Dorffrau im Wesentlichen nur eine Strategie, die sie verfolgen kann. Besonders ärgerlich ist das in Kombination mit dem Mechanismus der 3 Sechsen (Szene wird abgebrochen, Bedrohung kommt näher). Das ist in unserem Spiel etwa 5 mal eingetreten. Tendenziell geschieht das natürlich eher gegen Spielende, wenn die Anzahl der Würfel steigt. Ich verstehe, dass dadurch Spannung gesteigert werden soll, aber bei uns führten die Ergebnisse manchmal zumindest ansatzweise auch ein bisschen zu einer Ratlosigkeit. Da versucht eine Frau dem Kagematsu einen Kuss zu entlocken, baut mit vollem Elan Drama auf, dann fallen 3 Sechsen, die Szene wird abgebrochen... und dann bleibt dem Spieler nicht viel anderes übrig, als in der nächsten Szene nochmal zu versuchen, dem Kagematsu einen Kuss zu entlocken? Ich will mehr Alternativen!

Und auch, wenn es ein heißes Eisen ist, muss die Frage gestattet sein: Was gewinnt das Spiel eben nochmal dadurch, dass der Kagematsu unbedingt von einer Frau gespielt wird? In unserer Runde hat das funktioniert, aber ich kann nicht erkennen, dass das mit einem Mann als Kagematsu-Spieler schlechter gelaufen wäre.

Wir hatten ein gutes Spielerlebnis und ich fand die Sache sehr interessant. Ein bisschen nachdenklich bin ich bei der Frage des Wiederspielwertes. Mein Verlangen nach einer zweiten Runde ist nicht allzu groß.

Ich lande bei der Bewertung zwischen 3 und 4 Punkten, weil ich auch die innovativen Regelmechaniken zu schätzen weiß. Und da im Zweifelsfalle für den Angeklagten plädiert wird, runde ich mal auf.
« Letzte Änderung: 24.08.2019 | 14:25 von Chiarina »
[...] the real world has an ongoing metaplot (Night´s Black Agents, The Edom Files, S. 178)