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HeroQuest Glorantha - ein Schicksalsbericht
Chiarina:
In diesem Strang erzähle ich von meinen Erlebnissen mit Glorantha und HeroQuest. Vielleicht beende ich den Strang wieder noch bevor ich ein einziges Mal HeroQuest gespielt habe. Vielleicht stellt sich im Nachhinein aber auch heraus, dass ich hier meinen Einstieg in ein für mich neues Spiel beschrieben habe. Derzeit ist nicht abzusehen, wie sich meine Beschäftigung mit HeroQuest und Glorantha entwickelt. Mitfühlende Worte und Beileidsbekundungen sind gern genommen.
Chiarina:
1984 stand unsere erste Rollenspielrunde und ich war sofort fasziniert. Wir spielten Midgard mit rotierendem Spielleiter und erschufen Abenteuer für Abenteuer eine eigene Welt.
Etwa zwei Jahre später fuhr ich zusammen mit zwei meiner Mitrollenspieler in den Urlaub. Unser Ziel war ein neu erworbenes Ferienhaus der Eltern eines meiner Freunde. Es handelte sich um eine renovierungsbedürftige Bauernhütte in den französischen Alpen, direkt an einem abgelegenen, sehr ruhigen Bergpass. Wir halfen etwas bei den Renovierungsarbeiten, kletterten hin und wieder in den umliegenden Bergen herum, besorgten leichten Rotwein von einer nahe gelegenen Zapfstation (so eine Art Tankstelle für Wein) und beschäftigten uns mit Rollenspiel. Oft waren wir ganze Tage für uns. Neben Midgard kannten wir inzwischen auch ein paar andere Systeme. DSA 1 hatten wir uns angeschaut (und abgelehnt), immer mal wieder haben wir aber auch irgendwelche Sachen aus Amerika bestellt (und beispielsweise ein paar D&D Abenteuer konvertiert und gespielt). Auf der Berghütte hatten wir neben Midgard noch AD&D dabei (und waren eher amüsiert), einer meiner Freunde zeigte uns aber auch Runequest. Ich nehme mal an, dass es Runequest 3 war... vielleicht aber auch Runequest 2. Auch ein oder zwei Abenteuer waren vorhanden. Wir lasen uns ins System ein und ich war an einigen Stellen verblüfft: beispielsweise vom Auswürfeln, welcher Körperteil getroffen wird! Das war neu für mich. Die Regeln erschienen uns an einigen Stellen etwas umständlich, aber wir gaben dem Ganzen eine Chance, machten ein paar Charaktere und schickten sie auf Abenteuer. In der wohl längsten Spielsitzung meines Rollenspielerlebens saßen wir vor der Tür der Bauernhütte und unsere Unterlagen lagen auf einer ausrangierten Tür, die wir mit zwei Böcken zu einem Tisch gemacht hatten. Den Tag über kam vielleicht zweimal ein Auto vorbei. Hin und wieder zeigte sich ein großer Raubvogel, das war´s. Wir hatten keinen Spielleiter und erzählten einfach völlig zwanglos reihum, was geschieht. Es gab auch Regeln und Setting nur insoweit, wie wir sie während unserer vielleicht zweitägigen Einlesezeit begriffen hatten. Was fehlte, wurde hineinimprovisiert. Wir träumten Glorantha und erlebten Dinge, die wir beim Rollenspiel bisher noch nie erlebt hatte: Wir begegneten beispielsweise aufgebrachten Enten oder mysteriösen Drachenmolchen, die schmetterlingsartig in immer neuen Existenzformen Glorantha bevölkerten. Während wir Spieler den Duft der französischen Lavendelfelder einatmeten ritten unsere Figuren als grimmige Steppenkrieger über windzerzauste Ebenen und nahmen an einer Clanversammlung teil, in der so heftig intrigiert wurde, dass wir hinterher selbst nicht mehr wussten, zu welcher Fraktion sie eigentlich gehörten. Während unseres Spiels tranken wir verdünnten Rotwein. Nicht in Mengen, aber immer mal wieder... über 15 oder 16 Stunden hinweg. Als es dunkel wurde spielten wir in der Hütte weiter. Am nächsten Morgen wusste ich nicht mehr genau, wer es eigentlich war, der da eine Heldenqueste erlebt hat: meine Figur oder ich selbst? Fest steht, dass es sich um ein mythisches Erlebnis gehandelt hat... mit einem Spiel um Mythen.
Nach einer fulminanten Anfangszeit waren meine Rollenspielerlebnisse etwa ab Mitte der 90er Jahre immer weniger aufregend. Ich dachte öfter daran, das Hobby aufzugeben. Wenn ich mir heute überlege, warum ich das damals nicht getan habe, fällt mir manchmal mein Erlebnis in Frankreich wieder ein. Was Runequest angeht blieb es bei mir bei dem einen transzendenten Erlebnis. Vielleicht war gerade das der Grund, warum sich in mir eine Sehnsucht nach Glorantha entwickelt hat. Ich bin dieser Sehnsucht nie nachgegangen und hatte weder Regelhefte noch Gelegenheiten dazu, irgendwo mitzuspielen. Immer mal wieder dachte ich aber an diesen einen Tag in den Alpen, wo wir auf unseren Pferden die Ebene von Prax durchquert haben. Und immer mal wieder dachte ich auch darüber nach, wie alles gekommen wäre, wenn ich bei Runequest geblieben wäre.
Erst 2014 veränderte sich einiges: Ich meldete mich bei Tanelorn an, kehrte Midgard den Rücken, lernte minimalistische Erzählrollenspiele kennen und schätzen und experimentierte mit spielleiterlosem Rollenspiel. Das Rollenspiel wurde wieder spannend. Nach all diesen Entdeckungen war für mich übrigens die ganze Aufregung um das Editionswirrwarr bei Chaosium völlig uninteressant geworden. Ich hatte das zwar am Rande mitverfolgt, aber ob Mythras oder Runequest Glorantha, beide Systeme schienen mir viel zu sehr genau den Regelmonstern zu entsprechen, die ich eigentlich hinter mir lassen wollte.
Vor vielleicht drei Jahren zeigte mir dann allerdings während eines kurzen Smalltalks vor einer Ars Magica Runde ein Mitspieler sein neu erworbenes deutsches HeroQuest. Ich sah mir die Sache mit Interesse an. Ein narratives System mit Option auf Glorantha? Erinnerungen an unseren mythenträchtigen Nachmittag in den französischen Alpen wurden wieder wach. Ich recherchierte noch ein wenig nach dem System... aber so ganz packte es mich noch nicht. Offenbar wollte HeroQuest vor allem ein Universalsystem sein. Warum? Ich wollte doch Glorantha! Immerhin gab es aber wohl auch dort einen Bezug zum Setting. HeroQuest machte sich langsam in meinem Unterbewusstsein breit.
Chiarina:
Vor einigen Wochen ist etwas geschehen. Ich klicke durchs Tanelorn, nehme einen Link mit, lande irgendwo bei rpg.net und stolpere über die dortigen Rezensionen. Es stellt sich heraus, dass zwei aktuelle Quellenbände zu HeroQuest geradezu überschwänglich besprochen sind: „The coming storm“, ein Settingbuch, und „The eleven lights“, die dazugehörige Kampagne. Ich lese die Rezensionen und stelle fest, dass sie mich ansprechen. HeroQuest... da war doch mal ´was? Um eine Übersicht zu bekommen, informiere ich mich darüber, wie die aktuelle Produktpalette des Systems aussieht. Da wäre zunächst das Grundregelwerk. Es heißt inzwischen "HeroQuest Glorantha"... warum eigentlich? Ich recherchiere noch ein wenig und finde heraus, dass es eine Neuauflage gibt, die den universellen Ansatz wieder in die Tonne getreten hat und das Spiel jetzt gezielt auf Glorantha ausgerichtet hat... eigentlich genau das, was ich mir gewünscht habe. Dann finde ich noch den dicken, fetten „Guide to Glorantha“. 800 Seiten in zwei Bänden mit entsprechend stolzem Preis. Ich erschrecke ein bisschen. Irgendwie freue ich mich aber auch. War nicht immer wieder bei Tanelorn zu lesen, dass der Zugang zu Glorantha so schwierig sei? Jetzt scheint mit diesen ausgesprochen schweren Wurfwaffen alles in einer Veröffentlichung abgehandelt zu sein. Dann stoße ich noch auf die beiden Sachen, die bei rpg.net rezensiert wurden. Sie umfassen knapp 150 Seiten und sind auch nicht billig. Alle anderen Produkte scheinen etwas älter und auf vorangegangene Editionen ausgerichtet zu sein. Da ich kein Sammler bin, macht das die Geschichte überschaubar. Und noch während ich diese Informationen zusammentrage, ertappe ich mich dabei, wie ich in meinem Hirn irgendwelche Kosten hin und her wälze. Moment! Das ist nicht dein Ernst! Du willst jetzt nicht wirklich da einsteigen, oder?
Ich will besonders vorsichtig sein und mache erstmal eine Bestandsaufnahme:
- Glorantha ohne dickes Regelmonster. Hört sich doch nicht schlecht an! Der Rezensent bei rpg.net schrieb, dass man nach einer nicht allzu langen Eingewöhnungszeit tatsächlich die Regeln so draufbekommt, dass Blättern unnötig wird. Trotzdem hat der Regelband noch gut 250 Seiten. Eigentlich zu viel, oder?
- Ist Fantasy überhaupt noch mein Ding? Eigentlich nicht. Mir fällt dann aber wieder mein mythisches Alpenerlebnis ein. Das war doch keine normale Fantasy, oder? Ehrlich gesagt weiß ich es nicht mehr so genau. Das Ganze ist mehr als 30 Jahre her. Eigentlich zu lang, oder?
- HeroQuest hört sich aktuell für mich nach einem System mit fest installiertem Spielleiter und üppigem Setting an. Im Vergleich zu dem, was ich in letzter Zeit gespielt habe eigentlich ein Schritt zurück, meldet mir mein Hirn. Immerhin aber soll es ja ein narratives System sein. Brauche ich in dieser Hinsicht etwas Neues? Eigentlich nicht unbedingt, oder?
- "The coming storm" und "The eleven lights" klingen in der rpg.net Rezension wie eine Kampagne, mit der man alt werden kann. Mir geht der Gedanke durch den Kopf und ich muss lachen. Erstens habe ich Probleme zuverlässige und engagierte Spieler für längere Runden zu finden und zweitens bin ich bereits alt! Außerdem habe ich Angst mich festzulegen. Will ich diese Kampagne immer noch spielen, wenn ich die Bände vor mir habe? Bin ich in einem Jahr noch derselben Ansicht? Wahrscheinlich nicht.
Obwohl ich die Sache eigentlich abgehakt habe, geistert sie mir weiter durch den Kopf. Wider besseres Wissen beschließe ich, wenigstens einen kleinen Schritt zu wagen: ich bestelle beim Sphärenmeister einfach mal das Grundregelwerk. Ich nehme mir vor, das Ding aufmerksam durchzulesen und dann zu entscheiden, ob ich das spielen will oder nicht.
Lord Verminaard:
Schön geschrieben! Danke fürs Teilen, bin gespannt, wie es weitergeht. :)
Gbaji:
Dein Thread ist aus der Zeit gefallen.
HQ:G ist schon ein etwas älter und wird bzgl. Glorantha zukünftig wohl weniger bis nicht mehr unterstützt.
Wer sich für Glorantha interessiert, der kann HQ:G getrost ignorieren.
Das Augenmerk von Chaosium liegt auf RQ:G, für das auch die zukünftigen Produkte erscheinen; z.B. Bücher, die damals noch für HQ:G angekündigt waren.
RQ:G bietet all das, was Du willst: den besten Zugang zur Spielwelt sowie diverses Abenteuermaterial in Glorantha.
Die besagte Red Cow-Kampagne ist für Glorantha-Fans nice2have. Für Einsteiger aber nur zur Inspiration zu gebrauchen, da extrem aufwändig und komplex. Desweiteren spielt man nur Ereignisse nach, die längst stattgefunden haben.
RQ:G beginnt chronologisch, wo die Red Cow-Kampagne aufgehört hat. Anstatt die Historie von Glorantha nachzuspielen, kann man bei RQ:G endlich frei agieren.
Der Guide2Glorantha ist für Glorantha-Fans ein Pflichtexemplar, für Casual Gamer, die in Glorantha einsteigen und spielen wollen, im ersten Schritt unbrauchbar.
Statt HQ:G und dem G2G würde ich eher das Glorantha Source Book empfehlen sowie RQ:G.
Selbst wenn man die RQ:G-Regeln nicht verwenden will, ist diese Produktlinie in allen Bereichen weit über HQ:G hinaus und die beste Glorantha-Reihe, die jemals geschaffen wurde.
Ansonsten gibt es bei Chaosium alle alten Sachen (Kampagnen, Settingbücher) als PDFs für schmales Geld. [Ergänzung: Die sogenannte RQ Classic-Reihe bereitet alle alten RQ2-Materialen als PDF und Print auf. Demnächst erscheint Trollpak wieder, im Dezember wurde Borderlands neu rausgebracht. Die Produkte aus der RQ3-Ära werden irgendwann auch folgen]
Rückblickend enthält HQ:G rein nichts, was sich in den anderen Bücher nicht oder nicht besser wiederfände (inklusive Artwork).
Übrig bleiben die nackten HeroQuest-Regeln.
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