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Quo vadis, Cyberpunk-RPG?

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Spidey:

--- Zitat von: YY am  2.02.2019 | 17:54 --- aber die Generation Smartphone sagt da halt nur "Hihi, Computer mit Kabel, wie doof" und damit die auch ja keinen Zentimeter aus ihrer Alltagserfahrung raus müssen und als Käufer erhalten bleiben, ist man dieser Fehlbewertung nachgerannt - mMn auch abseits der missratenen Umsetzung kein sonderlich cleverer Zug.

--- Ende Zitat ---

Ich glaube irgendwie weniger, dass das die Generation Smartphone ist, wenn damit vor allem jüngere Leute und die digital natives der letzten Generationen gemeint sind. Ich hab eher das Gefühl, dass Computer mit Kabel = überholt eher eingestandene Semester mit einer verwirrten Auffassung davon sind, wie ein Setting angepasst werden muss um "up to date" gehalten zu werden.

Ich würde behaupten: gerade wenn man mit unserer heutigen Alltagstechnik aufwächst, sind die klassischen Cyberpunk-Spielereien interessant, weil fremdartig und retro-chique.

YY:
Das betrifft beide Altersgruppen und bezieht sich hauptsächlich darauf, dass viele nicht über ihren Tellerrand gucken können oder wollen.

Ich halte aber davon ab den Gedanken vom "digital native" für eine Luftnummer.
Wenn ich mir die jungen Leute anschaue, mit denen ich so zu tun habe, dann ist da eher weniger Medienkompetenz und Technikverständnis gegeben als flächendeckend und biographisch "erwartungsgemäß" mehr.

Aedin Madasohn:
um zum Thema zurück zu kommen,

ein "Wünschdirwas" CP müsste für mich im Sicherheitsbereich wieder stark auf verkabelt und geschlossene Systeme umschwenken.
das sich ein Lohnsklave seine Abendunterhaltung kabellos auf sein Com holt, geschenkt

aber dass die (verboten "militärische") Cyberware wifi on sein soll? Überwachungskamera, Sensoren, Zugangserfassungsterminals?
halte ich nichts von.
SR 5 macht das alles wifi on und haut dann (damit der Hacker dem Magier nicht die show stiehlt) mit einer omnipotenten Matrixüberwachung (GOD) drauf.

um einen Mehrwert für das Spiel zu haben, wäre es hier jetzt interessant, das "Einklinken" (mit physischer Komponente) in den Sicherheitsbereich durch einen Vorort-Hacker aufzunehmen.
dann kann man Beinarbeit (in welchem Schaltschrank/Kabelkanal läuft was mit durch, kann man was auf dem Schwarzmarkt kaufen? etc.pp.) bzw. der Johnson liefert so welches Interna (da er eine Quelle im Zielkonzern hat) mit ins Spiel nehmen.

Hochofensabotage in der BRD
(Klicke zum Anzeigen/Verstecken)wir leben ja in einem Land zu einer Zeit, wo selbst Hochöfen im Internet sind (ordern ihren Koks selbstständig nach?) und nur darauf warten, dass ein feindlicher Geheimdienst mit ihm seinen Sabotage-Referenzen unleugbar (weil der Hochofen ungekühlt halt seine Verkleidung ruiniert hat) auch dem einfältigsten Internet-"ist ja für uns alle Neuland"-Manager aufzeigt.
Da wusste jemand sehr gut bescheid, wie man die Temperatursensoren überschreibt und das Kühlwasserventil zu lässt, ohne dass das im Leitstand auffällt  ;)

schneeland (n/a):
Also zunächst mal: sehr schöner Rant :d ... trifft mein Empfinden in vielerlei Hinsicht sehr genau.

Aber mal im Einzelnen:
Ich fokussiere mich hier mal auf Weltenbau und Hintergrundkonzeption - dass bei den Regeln auch viel verschlimmbessert wurde hatten wir ja in Deinem SR Reboot-Thread schon ausgebieger.

Zunächst mal:
Ich bin der Meinung, dass Cyberpunk-Spiele extrem davon profitieren würden, wenn die Designer sich zunächst mal sehr grundsätzlich Gedanken machen würden, welches Spielgefühl und -ziel gewünscht ist; und anschließend darüber, wie die Welt eine passende ökologische Nische erlaubt. Wie schon von Dir erwähnt: wenn man die Schrauben zu fest anzieht, die Konzerne zu mächtig macht, die Überwachung praktisch total, dann ergibt das ein System, wo eine Gruppe von Typen, die halb- bis illegale Aufträge erledigt, nicht so richtig Sinn. Vor allem müsste unter diesen Umständen vermutlich jeder Fehlschlag letal sein, da es kaum möglich sein dürfte den Konzern oder der überwachenden Staatsmacht zu entkommen - vielleicht nicht das, was man sich als Spieler wünscht.
Man kann so ein Szenario schon bespielen, aber dann vielleicht eher als Widerstandsgruppe, die versucht sich dem Zugriff der Mächtigen zu entziehen (so ein wenig Half Life 2-mäßig). Man kann sich auch ein transhumanistisches Szenario mit alles durchdringendem Augmented Reality-Netz vorstellen und sich dann die Frage nach Identität und Menschlichkeit unter diesen Umständen stellen (bzw. kann so etwas konkret mit The Veil bespielen). Gerade Letzteres ist aber etwas, das m.E. nur für eine begrenzte Zeit reizvoll ist (ist aber vielleicht auch nur persönlicher Geschmack).
Ich persönlich halte das angesprochene Zwischending aus Punk Lifestyle, Heist-Action und Gratwanderung zwischen Kriminalität und Robin-Hood-Allüren für sehr spieletauglich, weil es
a) gruppenabhängig ermöglicht, recht flexibel zwischen herausforderungsorientiertem und charakter-/dramalastigem Spiel zu variieren
b) eine Progression ermöglicht von den Typen in Lederjacken, die mal ein kleines Ding rund um ihren Kiez drehen zu den (Unterwelt-)bekannten Söldnern, die man gerne anheuert, wenn es darum geht, relativ geräuschlos ein paar Forschungsunterlagen aus der gegnerischen Konzernzentrale zu hole
Ein Stück könnte man sagen, dass es sich damit um das Cyberpunk-Äquivalent zu (recht populären) Fantasy-Murder-Hobo-Truppe handelt, die durch die Lande zieht, alte Gemäuer plündert und nach eigenem Ermessen böse Typen verkloppt.

Durch diesen Spielstil ergeben sich dann aber auch Konsequenzen:
1) Eine Balkanisierung wie in Shadowrun (zumindest den ersten beiden Versionen, ab SR 3 nimmt mein Wissen ab) hilft, dass die Charaktere auch mal untertauchen können, indem sie sich in eine andere Jurisdiktion verkrümeln
2) Überwachung und Zugriff durch die Staatsmacht dürfen allenfalls lokal eine dystopische Totalität erreichen, ansonsten wären die Charaktere einfach zu schnell hin/hinter Gittern (s.o.)

Wenn es dann um das konkrete Technologielevel geht, würde ich ebenfalls zustimmen, dass man sich man sich einen Gefallen tut, wenn man Cyberpunk nicht als bloße Fortschreibung der heutigen Situation versteht, sondern als Überspitzung bestimmter Aspekte und Realisierung gängiger Themen durch bestimmte behauptete technologische Durchbrüche. Dann vermeidet man auch, dass man immer weitere neue Technologie draufwerfen muss, um ein Gefühl von Aktualität zu erhalten.

Wo ich umgekehrt aber Verbesserungsbedarf an existierenden Settings sehe:
1) Gerade was cybernetische Gliedmaße und Verbesserungen angeht, ist das m.E. oft nicht sauber durchdekliniert. Es wäre schön, wenn mehr Gedanken in die Frage flössen, welcher technologische Durchbruch es ermöglicht hat, dass solche, teilweise deutlich gegenüber den biologischen "Standardbauteilen" verbesserten Gerätschaften relativ verbreitet sind. Insbesondere stelle sich m.E. die Frage danach, wie die Energieversorgung passiert - wenn ich bspw. annehme, dass es Mini-Fusionsreaktoren gibt, ist umgekehrt eine regelmäßige Energieknappheit eher unwahrscheinlich; wenn ich dagegen postuliere, dass die Energie irgendwie aus dem Körper kommt, stellt sich die Frage, ob der voll-vercyberte Straßensamurai jetzt die ganze Zeit Protein-Riegel futtert, damit ihm nicht die Puste ausgeht, o.ä.
2) Mal grundsätzlich überlegen, welche Art von Sicherheitskonzepten, vor allem, was IT-Sicherheit man vernünftigerweise postuliert, so dass einerseits ein gewisser Schutz da ist, andererseits aber eine realistische Chance zur Überwindung durch die SCs besteht. Im Zweifelsfall auch nicht überkonkret werden, sondern sich einfach überlegen, was man für ein Netzkonzept hat, welche Bandbreite man dafür braucht und welche Schutzmaßnahmen man den Gegenspielern der SCs grob zugesteht.
3) Man auch mal überlegt, wie viel übernatürlichen Kram man gern im Setting hätte, um es spannend zu halten, es dann aber nicht übertreibt - ich mag ja z.B. die schamanistische Magie in Shadowrun und das Vorhandensein von übernatürlichen Gegnern (Ghoule, Wendigos, Insektengeister, etc.), aber da wird das Rad schon fast zu weit gedreht; bei CP2020 gibt's dagegen m.W. nur das Vampire in Chrom-Supplement, aber Elfen, Zwerge und alles Andere magische Kroppzeug muss halt draußen bleiben.

Im Endeffekt:
Ich bin der Meinung, dass der Prozess zu einem guten/besseren CP-RPG grundsätzlich einfach wäre: gewünschten Spielstil wählen, Technologiegrundpfeiler einziehen, nach persönlichem Geschmack Übernatürliches hinzufügen. Die eigentliche Herausforderung ist: man muss das dann auch mal wirklich mal zu Ende denken und solange über das Setting iterieren, bis man nicht an jeder zweiten Ecke auf Widersprüche stößt.

Jetzt müssen wir das Ganze hier ja nicht kommerziell betreiben, aber was mir vorschwebt wäre ein System mit kompakten Regeln auf mittlerem bis hohem Abstraktionsgrad. Neben dem Grundregelbuch, das eben diese Regeln wie auch einen Grundstock an Ausrüstung enthält, wäre denkbar: ein Weltenband, der die Eckpfeiler der Welt beschreibt und ein Gefühl für die Situation verschiedener Bevölkerungsgruppen und die Interessen zentraler Figuren/Konzerne gibt, ein Spielleiterhandbuch, das Unterstützung bei der Gestaltung von Abenteuern und der Anpassung der Welt an eigene Bedürfnisse gibt (v.a. diverse Zufallstabellen, die dem SL das Leben leichter machen; außerdem vielleicht eine Stange nützlicher generische NSCs o.ä.). Für mein Wunschsystem kämen außerdem semi-regelmäßig Abenteuer/Kampagnen raus, die auch tatsächlich auf's Spielen und nicht auf's Lesen optimiert sind.

So, das soll's erstmal gewesen sein.

TEW:

--- Zitat von: YY am  2.02.2019 | 17:54 ---Der Knackpunkt ist der "richtige" Matrix-Zugang, sprich Decking.
--- Ende Zitat ---

Es gibt in SR allerdings auch nur das eine Computernetz (eben die Matrix).


--- Zitat ---Da habe ich wohl verpasst, dass unsere heutigen optischen Computer, die sich ein einzelner ans Gehirn hängen und damit komplette Firmennetzwerke in Sekunden bis Minuten übernehmen kann, auch schon bessere Funkverbindungen haben als es ein Glasfaserkabel könnte.
--- Ende Zitat ---

Komplette Firmennetzwerke übernehmen ist wohl schon etwas fern der ingame-Realität. Eigentlich ist es doch eher so, dass man sich hineinschleicht und versucht unentdeckt zu bleiben, weil man eben nicht in der Lage ist komplette Netzwerke mal eben zu übernehmen. Also, im Prinzip auch nicht so fern von dem was RL-Hacker machen. Sich irgendwo reinschleichen und Daten stehlen oder manipulieren.

Und wer sagt denn etwas davon, dass die Funkverbindung schneller/besser oder sonstwas ist? Klar, die SR5 Wifi Boni wollen das irgendwo (jedenfalls teilweise, eigentlich ist der Grundgedanke ja ein anderer und hat nichts mit Geschwindigkeit zu tun), aber um die geht es ja auch garnicht. Geschwindigkeit ist in keinster Weise das Thema, warum es Sinn macht, dass die Matrix kabellos ist.

Eine Welt ohne "wireless" ist nach heutigem Stand undenkbar. Und das wegzunehmen ist schlichtweg ein Rückschritt, den es bei "Near Future" nicht geben sollte.


--- Zitat ---Wir haben diese Anwendung schlicht nicht (u.A., weil sie reine Fantasterei ist  ;)) und allein deswegen kann da schon nichts überholt werden.
--- Ende Zitat ---

Natürlich gibt es die Matrix inkl. Direktinterface so nicht, aber es ist im Endeffekt auch nur eine Cyberpunk-Weiterentwicklung des heutigen Standards (Internet). Also, dass es das garnicht gibt, ist auch nicht so wirklich richtig. Es unterscheidet sich nur in Details. Und auch die kriminellen Anwendungen (s.o.) sind nicht so weit voneinander entfernt.

Und auch die Geschichte mit "Computer mit sensitiven Daten hängt nicht an der Matrix / am Netz" ist keine Erfindung von SR / Cyberpunk. Das gibt es heute ganz genauso (von der kleinen Steuerberaterkanzlei bis zum Pentagon).


--- Zitat ---Da passiert ja schon ein bisschen mehr als etwas schickere VR*, ...

*die übrigens heute aus gutem Grund noch nicht wireless ist...
--- Ende Zitat ---

Uhm... Oculus Go?

Allerdings ist das "heutige VR" ja auch nicht wirklich das, was man in SR / Cyberpunk unter VR versteht...

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