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Quo vadis, Cyberpunk-RPG?
Scurlock:
Interessante Gedanken. Ich kann die Bauchschmerzen hinsichtlich des härter/böser/düsterer der CyberPunk Settings nachvollziehen, sehe dies aber als lösbar an. Es sind halt die Werbeslogans der Publisher, um eben zu zeigen, dass sie noch härter/böser/düsterer können. Für das eigene Spiel kann man mit wenig Aufwand auf diese Spirale verzichten, sich die Dinge rauspicken, die passen oder das Altbewährte leicht modernisieren oder gar mit 1kg schweren Telefonen weiterspielen.
Ich habe zumindest für mich die Erfahrung gemacht, das eigentlich keine Welt, kein Setting und kein Rollenspiel für mich ohne Anpassung funktioniert. Ich habe mich also mittlerweile daran gewöhnt, dass ich Anpassungen vornehmen muss. Mal mehr, mal weniger.
Wenn ich also die Passage bei Interface Zero 3.0 nehme, dann sind das übertragen in mein CP-Setting extreme Auswüchse in Teilen der Welt, die meine Spieler nicht unbedingt oder eben gerade kennen lernen werden. Ich achte aber bei diesen Auswüchsen darauf, dass der Hintergrund irgendwie noch Sinn ergibt.
Ich sehe also diese Settings als Inspirationsquelle und nehme mir immer die Freiheit, sie bei Nichtgefallen auch anzupassen.
YY:
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--- Zitat von: Aedin Madasohn am 1.02.2019 | 20:33 ---Gewandheitssteigerung (in SR 5 gehen die ja auch in den Schießpool) kann ich in Cyber über die "Feinsensorische Ansteuerung(=Ausrichtung der Hand ) der synthetischen Myomere" begründen und aus die Maus.
--- Ende Zitat ---
Metall wackelt auch nicht und gibt unter Rückstoß nicht groß nach - da gewinnt Formanpassung des Griffes (oder umgekehrt der Hand) eine neue Dimension.
Viel grundsätzlicher sollte man das Setting so gestalten, dass Cyberware (also richtig offensichtliches Metall) völlig normal und alltäglich ist. Dann kommt nämlich der Samurai auf einmal leichter mit ungewolltem Kram irgendwo rein als die Unvercyberten 8)
In der Hinsicht war und ist der übertrieben effektive Cyberwarescanner der konzeptionelle Sündenfall ;)
Denn überhaupt irgendwas finden ist eine Sache, aber erkennen/korrekt bewerten die andere - und schon ist man bei einer Schwerpunktverlagerung von Detektion zur Intervention, was für ein (auch) actionorientiertes Spiel nicht verkehrt sein kann.
--- Zitat von: Aedin Madasohn am 1.02.2019 | 20:33 ---für das Spiel mit seinem regelmäßigen Konflikt mit den Sicherheitskräften würde ich mir eine bessere Ausarbeitung der Balkanisierung der Sicherheit wünschen.
--- Ende Zitat ---
Da hat gerade SR ja eher Rückschritte gemacht; das war mal besser erklärt und mittlerweile wird diese negative Seite der Exterritorialität für die Konzerne gar nicht mehr angesprochen.
--- Zitat von: Aedin Madasohn am 1.02.2019 | 20:33 ---da kann ich sogar für weniger Bigbrother in der Tiefe des Sprawls argumentieren, als für ein mehr ;)
--- Ende Zitat ---
Das muss man angesichts der Umstände sogar fast. Zumal das ohnehin großteils Augenwischerei ist, wenn im zweiten Schritt die Interventionskräfte fehlen, um das gigantische Arbeitsaufkommen bewältigen zu können.
Diese Überwachung ist letztlich (wie heute auch) nur gegen jene wirklich effektiv, die sich nicht gezielt dagegen wehren.
--- Zitat von: Haukrinn am 1.02.2019 | 20:48 ---Wer was "realistisches" spielen möchte, der ist mit Sicherheit bei Spielen, die in der Jetztzeit spielen, besser aufgehoben.
--- Ende Zitat ---
Richtig paradox wird das da, wo CP als überholt/veraltet und damit unglaubwürdig eingeordnet wird, aber im nächsten Schritt ein Setting hingestellt wird, dem man sein "Verfallsdatum" noch viel deutlicher ansieht oder das völlig absurd ist. Oder beides gleichzeitig.
--- Zitat von: Scurlock am 1.02.2019 | 21:59 ---Ich sehe also diese Settings als Inspirationsquelle und nehme mir immer die Freiheit, sie bei Nichtgefallen auch anzupassen.
--- Ende Zitat ---
In dem Zusammenhang habe ich die Erfahrung gemacht, dass zumindest mit Spielern, die aus "klassischen" CP-Systemen kommen, die Methode der erzählerischen Systeme hervorragend funktioniert.
Da wird das Setting oft nur ganz grob angerissen oder es wird ein Baukasten geliefert, mit dem man sich mal eben was Spielfertiges zusammenstellen kann - wenn alle atmosphärisch auf einer Linie sind, klappt das wunderbar.
Aber bei neuen, klassisch/konventionell ausgerichteten CP-Systemen ist wohl die vermutete Erwartungshaltung der Zielgruppe eine andere und die kommen ausnahmslos mit ziemlich dicken Setting-Brocken mit dem angesprochenen härter/böser/düsterer-Faktor daher, wo man an der einen oder anderen Stelle entsprechend nur noch den Kopf schütteln kann.
The Sprawl krankt in der Hinsicht für mich nur an der Regel-Engine, aber an vielen anderen Stellen ist es auf dem richtigen Weg.
So ein Hybrid aus klassischem Regelwerk und modern-narrativem Settingbaukasten...das wär was. Macht aber keine Sau :-\
TEW:
Cyberpunk ist doch vom Konzept her schon ein recht fixes Setting, was sich garnicht weiterentwickeln muss.
Dieser Wunsch kommt ja eigentlich nur daher, dass jeder Verlag natürlich versucht, da etwas eigenes oder besonderes reinzubringen.
Cyberpunk ist nunmal Neuromancer (und die ganzen anderen Geschichten aus den 80ern, die dieses Genre geschaffen haben; aber William Gibson ist da sicherlich der bekannteste und auch einflussreichste Vertreter, wenn auch nicht der erste).
Eine alternative Realität, wo die Entwicklung eben noch nicht so weit fortgeschritten ist, wo ein Fernsehgerät noch rauschen darf, wenn man einen toten Kanal anwählt, geht zwar, aber irgendwie ist im Hinterkopf dann doch der Gedanke da, dass das irgendwie nicht so ganz richtig ist, wenn es doch heutzutage alles schon besser geht. Also, alles natürlich nicht (die im CP Genre nicht ganz unwichtige Cyberware z.B.), aber eben doch einiges.
Grundsätzlich finde ich den Weg, den man bei Shadowrun (auch wenn das natürlich kein reines Cyberpunk RPG ist, sondern eher ein Hybrid mit Cyberpunk-Elementen) seit diversen Editionen geht, aber auch nicht vollkommen verkehrt, also dass man eben die aktuellen Entwicklungen mit einbezieht. Das fördert auf jeden Fall einen gewissen Pseudo-Realismus, der es wiederum einfacher macht, sich in einem solchen Setting wiederzufinden. Es wirkt halt schon etwas lächerlich, wenn das "Near Future" RPG in manchen Aspekten vollkommen veraltet und von der Realität überholt worden ist. Und da man sich nunmal zwangsläufig recht nah an der echten Realität bewegt, darf man diesen Vergleich auch nicht scheuen. Dass das nicht alles immer auf dem besten Wege geschieht, ist auch klar. Und gerade die SR-Publikationen aus der jüngeren Zeit sind größtenteils schon ziemlicher Humbug.
Wichtig ist aber doch vor allem, dass die Kernaspekte eines Genres erhalten bleiben. Wieviel ein Telefon wiegt, ist da im Grunde doch ziemlich egal.
Die wesentliche Frage ist dann: Was sind die Kernaspekte von Cyberpunk? Welche Aspekte kann man nicht verändern, wenn man sich weiterhin in dem Genre bewegen will?
Der Oger (Im Exil):
Erst mal Danke, der Faden hier könnte wichtig werden.
--- Zitat von: YY am 1.02.2019 | 19:27 ---Aus aktuellen Anlässen...
Althergebrachten CP-Settings wird gerne spöttisch vorgeworfen, wie überholt sie doch wären - ohne eine umfassende Modernisierung ist da angeblich nichts mehr zu holen.
--- Ende Zitat ---
Nuja.
Einige stilistische Elemente des Cyberpunk - Genres wie die Nipponisierung waren in den späten Achtzigern / frühen Neunzigern popkulturell stärker vertreten und hatten einen größeren Einfluss, als Beispiel seien Black Rain und der erste Stirb-Langsam-Film genannt. Auch die sozialen Einschnitte in der Reagan -Ära und das Wettrüsten spiegeln sich wieder.
Der Bezug zur damaligen Zeit war also schon da, und es ist für mich jetzt nicht so verwunderlich, dass das heute nicht mehr so passt.
(Wenn ich Cp heute schreiben würde, nähme ich vermutlich einen ähnlichen Weg. Ich würde Japan durch China ersetzen, allerdings auch einen Zeitraum wählen, indem das Imperium der Seidenstraße im Niedergang begriffen ist.)
--- Zitat ---Auch sonst sind die üblichen Kritikpunkte vorhersehbar: Cyberaugen, -gliedmaßen, Riggersteuerung - gibts ja alles heute schon. Klar. In den allerkleinsten Kinderschuhen und auf einem Niveau, dass es genau besser ist als nichts. Aber bestimmt nicht in einer Form, dass man sich freiwillig funktionierende Körperteile ersetzen ließe, was nach offizieller CP-Linie übrigens oft völlig triviale Eingriffe sind, die man mal eben machen lässt (was schon nicht mehr SF, sondern eher reine Fantasy ist).
--- Ende Zitat ---
Mein Ansatz war und wäre da ein anderer. Ich würde schon den Unterschied zwischen kleiner Arztpraxis im schmierigen Hinterhof und hypermoderner Privatklinik haben wollen, mit den jeweiligen Risiken, Kosten und Nebenwirkungen.
--- Zitat ---Datenvolumen und Speicherkapazitäten sind natürlich auch lächerlich und müssen an moderne Verhältnisse angepasst werden, wobei man gleichzeitig unterschlägt, dass man da von Hardware und Anwendungen spricht, über die man schlicht keine sinnvolle Aussage machen kann und deshalb lieber komplett die Finger von konkreten Angaben lassen sollte, wenn einem an der Stelle Glaubwürdigkeit wichtig ist ;)
--- Ende Zitat ---
Geht es da wirklich um Realismus oder um Balancing? Gerade bei Sr V mit den eingeschränkten Programmplätzen denke ich eher an letzteres.
--- Zitat ---Gleichzeitig ist ein Grafikbrecher (-blender?) wie CP2077 dann doch gefühlt topaktuell und cutting edge, obwohl da im Grunde nur die Jahreszahl geändert ist und ansonsten fast alles 1:1 aus CP2020 stammt...
--- Ende Zitat ---
Wenn es denn mal tatsächlich irgendwann rauskommt.
--- Zitat ---Politisch und sozial ist es genau das Gleiche. Statt sich die kritisierten Settings tatsächlich mal näher anzuschauen, wird einfach unreflektiert behauptet, dass es heute ja schon viel, viel schlimmer ist, als sich diverse CP-Autoren jemals ausdenken konnten (in Verkennung z.B. des Umstandes, dass das eine oder andere Element klassischen CP-Konzernverhaltens im 19. und frühen 20. Jahrhundert deutlich weiter ausgeprägt war als heute).
--- Ende Zitat ---
Kleiner Diskurs:
Es wird ja immer Kapitalismus vs. Anarchosozialismus gestellt. Dabei wird nicht differenziert zwischen der Amerikanischen, Rheinischen und Chinesischen Spielart...oder den Myriaden von anarchistischen Gesellschaftssystemen.
Ich muss darüber noch nachdenken.
--- Zitat ---Allgemeine Zustimmung reihum, da muss unbedingt die Schraube weiter aufgedreht werden...mit dem Ergebnis, dass dann solche Fluff-Texte und Teaser rauskommen [...]
--- Ende Zitat ---
Etwas meta, aber: Ist diese "schneller, härter, bunter" - Attitüde nicht auch ein Cyberpunk - Merkmal ( und ein Zeichen, daß wir uns auf auf solche Zeiten zu bewegen?)
Davon mal ganz abgesehen, dass mir Artwork seit spätestens Pathfinder auf den Sack geht. Mit wenigen Ausnahmen.
--- Zitat ---Vielleicht könnte man ja zuerst überlegen, was man für ein Spiel machen will und dann die Technik passend postulieren, anstatt einfach alles auf einen großen, unsortieren Haufen zu kippen? :P
--- Ende Zitat ---
Die Frage für mich ist: Ist das eine Entscheidung aus der Abteilung Design oder Vertrieb? Will man sein eigenes, in sich geschlossenes Ding machen oder möglichst viele Käufer abholen?
--- Zitat ---Auch wenn man sich die Fragen wohl schon denken konnte:
Wo kann CP-Rollenspiel eurer Meinung nach noch groß hin gehen - sowohl in Sachen Setting (und da speziell in Sachen Technik) als auch in Sachen Regelwerk?
Müssen/sollten die Settings auf der Stelle treten? Wo seht ihr eure persönliche Abrisskante, d.h. bis wohin ist es für euch noch CP und wann wird es etwas anderes?
Ist das Feld mit den alten Klassikern und den neueren Erzählspielen nicht weitgehend abgearbeitet?
Sollten neue CP-Spiele nicht zusehen, in ihrer Untersparte die bekannten Macken loszuwerden, anstatt ständig den Versuch zu unternehmen, das Genre in "moderner" Form neu zu erfinden?
--- Ende Zitat ---
Dazu mache ich mir später noch mal ausführlicher Gedanken :-)
Nur soviel: Man kann mit den innewohnenden Kernkonflikten arbeiten. Reich gegen Arm, Ordnung gegen Chaos, Transhumanisten gegen Cyberware - Gegner usw usf
Und das dann neu zusammenwürfeln.
nobody@home:
Nebenbei (und als Schlußpunkt für heute nacht) denke ich auch noch, daß es sich natürlich lohnen dürfte, mal ein paar der gängigsten Cyberpunkklischees noch mal auf den Prüfstand zu stellen und zu hinterfragen. Wir leben nicht mehr in der Welt der Achtziger und Neunziger, aber die Allmacht der Megakonzerne hält sich trotzdem immer noch in Grenzen, und ob sich daran in den nächsten Jahrzehnten drastisch was ändern wird, bezweifle ich mittlerweise auch leise. :) Statt dessen gibt's dieser Tage ganz andere Probleme und Problemchen...wie wahrscheinlich klingt es also beispielsweise tatsächlich noch, daß der "Durchschnittscyberpunk" unserer hypothetischen Zukunft durch jemanden verkörpert wird, der sich regelmäßig von dem einen oder anderen Mr. Johnson als Handlanger anheuern läßt, um gegen Bezahlung schwerbewaffnet und -vercybert aufzubrechen und einfach nur glorifizierte Wirtschaftsspionage oder -sabotage zu betreiben? Nee, ich denke, der "moderne Punk" aufbauend auf der Gegenwart der ausgehenden 2010er hätte wohl doch eher andere Prioritäten...
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