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Reading Challenge 2025

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Menthir:
#28 Emanuele Arioli - Ségurant. Die Legende des Drachenritters. Das vergessene Mitglied der Artusrunde

Zunächst einmal ist es ein schönes Buch, welches der Autor hier ediert hat, und der Abschluss einer spannenden Forschungsgeschichte, die in der deutschen Variante aber auf das Notwendigste reduziert ist. Dasselbe gilt für die Einordnung des Werkes, welche zwar spannend zu lesen ist, aber durch die Einkürzung für Nichtkenner der Materie - zu denen ich auch gehöre - in der Luft bleibt und den Anschluss an andere Artussagen schwierig macht; und es dem Grund nach auch bleiben wird, da Ségurant eher eine Ergänzung als alter Kern der Materie ist.

Die Geschichten zu Ségurant sind ansprechend und sinnfällig kompiliert, und wie in der Übertragung von Texten aus Mittelalter und früher Neuzeit üblich natürlich nicht abschließend, so dass manche Fäden der Geschichte ins Nichts laufen, sich teils widersprechen oder Vorwissen benötigen, welches wir 500 bis 700 Jahre später nicht mehr ohne Weiteres vorhalten können.

Das Werk wird als Weltsensation gepriesen. Ob es das ist, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall ist es ein lesenswerter Exkurs in den (spät-)mittelalterlichen Ritterroman. Der Editor versucht damit ein Stück weit durch die Übertragungsgeschichte auch die Lücke zwischen den Zeiten zu schließen, sozusagen von Sigurd/Siegfried im Sinne der Nibelungen/nordischen Mythologie über Ségurant bis Don Quijote, was aber nur sehr ansatzweise gelingt.

Spannend für mich selbst war eher der Aufbau und die Symbolik der Haupterzählung, in der Ségurant zwar unbesiegbar erscheint, aber eben nur was das Ritterhandwerk angeht, dann aber durch Zauber einer Illusion erliegt und einen mehr oder minder imaginären Drachen jagt und darüber verloren geht. Bei aller körperlicher Unantastbarkeit, eben doch anfällig bleibt; und damit insgesamt das Rittercredo spielerisch hinterfragt. Noch spannender war für mich der Charakter des Dinadan, der nicht nur spöttisch ist, wie im Begleittext beschrieben, sondern eher sogar starke, kynische Züge trägt, und selbst eine eher graue Gestalt ist. Darüber hinaus werden die Gestalten der klassischen Artusrunde in diesen Erzählungen eher kritisch behandelt, allen voran der unreflektiert folgsame Lancelot (Grüße gehen raus an Niniane ;)), welcher der Dame vom See blind und uneingeschränkt folgt, und der als äußerst schwach und semidebil dargestellte König Artus, der seine Schwester Morgana einfach nicht in den Griff bekommt.

Die Ausgabe ist ausnahmslos schön gestaltet und ansonsten gut kompiliert. Es ist jedoch mitnichten eine kritische Ausgabe, sondern eben eine Grundlagenkompilation, die eher ein Lesevergnügen sein darf und soll; und sicher eines Tages durch eine kritische Ausgabe ergänzt werden wird.

7 von 10 Punkten

Menthir:
#29 Ray Nayler - The Mountain in the Sea

Dieses Buch hakt viele Checkboxen bei mir ab. Sci-Fi, teils sogar Cyberpunk-Elemente, Enviromentalism, der Umgang mit Sprache, die Bemühung alle Fäden der Geschichte zu verknüpfen und zumindest ansatzweise zu erläutern, philosophisch-wissenschaftliche Einwürfe, Entwicklungsgeschichte und die Beschäftigung mit der Frage, was Bewusstsein überhaupt ist, sowie last but not least: Oktopoden.

Anders ausgedrückt, es hätte - zumindest was meinen Geschmack und meine Vorlieben angeht - ein Meisterwerk werden können. Und doch zündet es nicht. Bei all den guten und vielleicht sogar sehr guten Elementen, drehen diese sich gegeneinander. Was meine ich damit?

Naylers Werk reißt letztlich alles an, führt die Fäden aber entweder nicht konsequent zu Ende oder schlägt sie unzeremoniell ab. Er verliert sich zu sehr in Symbolik und nicht in den Notwendigkeiten seiner begonnenen Erzählung. Beispiel: In einem der Subplot fährt ein KI-gesteuertes Schiff, welches vollständig auf zerstörerischen, ausbeuterischen Fischfang ausgelegt ist, hier wendet er die Frage nach Bewusstsein nicht an, während er das an seiner fast menschlichen KI Evrim tut. Auf der Insel leben augenscheinlich viele Affen, die aber bis auf Lärm keine Beachtung in dieser Hinsicht bekommen, und selbst die Oktopoden werden eher am Rande in ihrem Bewusstsein gestreift und bleiben Werkzeug/Vehikel seiner Geschichte, obwohl die Ansätze da sind. Dasselbe gilt für den KI-Companion der Protagonistin, wo sogar noch Verknüpfungen zu anderen Charakteren in der Geschichte gegeben sind, aber nicht verfolgt werden. Wären alle im Spiegel des Bewusstseins beleuchtet worden, hätte das ganze Werk leuchten können.

Am Ende versucht Nayler vielleicht ein paar zu viele Einflüsse konzise zu verbinden, und damit verbleibt das Buch in seinen unausgeschöpften Möglichkeiten gefangen. Darüber hinaus liest es sich dann nur als mäßig spannender Sci-Fi/Eco-Thriller, dessen Spannungsszenen dann jedoch wieder zu seicht und zu vorhersehbar sind, um wirklich zu begeistern. Insgesamt ist es akzeptables Buch. Hätte es seine Möglichkeiten ausgeschöpft, wäre viel mehr drin gewesen. Schade.

5 von 10 Punkten

Menthir:
#30 - Andrew Roberts - Churchill - Walking with Destiny

An diesem Werk habe ich mich eine ganze Weile abgearbeitet, das liegt allen voran an der Länge (in der von mir gelesenen Variante 1105 Seiten) und der Detailtiefe. Davor ist zunächst einmal der Hut zu ziehen. Andrew Roberts hat ein außergewöhnlich dichtes, faktenbeladenes Buch geschrieben, welches sich auch immer wieder mit der inneren Haltung und der Reaktion Churchills als auch mit den äußeren Haltungen und den Reaktionen auf Churchill befasst.

Das Buch ist allerdings ein kleiner Churchill-Kosmos mit sehr singulärem Fokus, deswegen muss beachtet werden, dass viele historische Zusammenhänge - trotz der epischen Breite des Werkes - nur angerissen werden können und von dem Leser entweder eine grundsolide, historische Vorbildung erwarten oder zumindest die Aufgabe stellen, sich nebenher in die historischen Zusammenhänge einzulesen.

Gerade zu Beginn liest man das Buch aber mit Gewinn, weil man das Gefühl hat, Churchill in seiner Entwicklung kennenzulernen. Im Mittelteil ist dieses Verfahren, auch weil die Persönlichkeit Churchills in der Betrachtung von Roberts ab einem gewissen Punkt fixiert scheint, überfrachtet. Und dann erscheint bisweilen die Detailtiefe so groß, dass der Lesegewinn nicht mehr so groß sein kann. Aus der Entwicklung von Churchills Persönlichkeit wird ein Verharren in den Kontinuitäten seiner Persönlichkeit und damit aus der Faktenlage bisweilen Zuschreibung.

Das ändert aber nichts an dem Gesamteindruck, dass hier ein sehr wichtiges, wenn auch mit gewissen Caveats versehenes Buch entstanden ist. Churchill - auch wenn ich das jetzt ein wenig aus dem Zusammenhang reiße - hat einst gesagt: For my part, I consider that it will be found much better by all parties to leave the past to history, especially as I propose to write that history myself. Dieser Satz wird oftmals verkürzt zu: History will be kind to me. For I intend to write it. Dieser Teil wird sinngehaltlich sehr gut bearbeitet von Roberts, da er sorgsam herausarbeitet, wie Churchills eigene Beschäftigung mit Geschichte (bspw. mit seinem Vorfahren John Churchill, dem 1st Duke of Marlborough oder eben auch in anderen Werken) immer einerseits Geschichtswerk, und andererseits selbst politische Stellungnahme zu Themen seiner Zeit ist. Aber hier und da versucht Roberts das auch durchscheinen zu lassen, wenn er Churchill indirekt für den Brexit in Beschlag nimmt. Roberts - das darf bei der Lektüre nicht vergessen werden, auch wenn es meist stark in den Hintergrund tritt - ist am Ende konservativer Politiker.

Dieses wird dem Buch bisweilen vorgeworfen und sicher zurecht, dennoch gelingt Roberts m.E. der Drahtzeilakt zwischen Heldenverehrung (die ganz sicher beabsichtigt ist) und ausreichend kritischer Haltung, da die vielen Fehleinschätzungen und Fehlentscheidungen Churchills durchaus kritisch (auch in ihren Auswirkungen) thematisiert werden. Hier hätte noch ein bisschen mehr Kontextarbeit gut getan, um diese Punkte deutlicher zu machen; aber dann hätte das Werk ganz sicher noch mehr Volumen gehabt, und wäre vielleicht auch noch streitbarer gewesen.

Insgesamt bleibt es ein sehr gutes Werk, da es zudem eine enorme Quellen-Fundgrube ist. Es bleibt aber auch ein herausforderndes Werk. Und eines, welches selbstverständlich auch nicht gänzlich neutral ist. Der Guardian hat es am besten ausgedrückt: Churchill becomes the mirror in which bewildered Britons can find consoling fantasies of national greatness.
Und damit schließt sich eben auch die zeitgeschichtliche Einordnung dieses Werkes.

8 von 10 Punkten

Albrun Gebikung:
Soooo, das vorletzte Buch des Jahres ist auch geschafft: "Miss Gladys und ihr Astronaut". Hat mir wirklich gut gefallen und war auch durchaus spannend. Dementsprechend schnell hatte ich es auch gelesen.
Jetzt "nur noch" Acacia" das ist ein 3in1-Wälzer mit 800 Seiten. Fantasygenre, soweit ich das einschätzen kann. Hoffe sehr, es ist einigermaßen spannend..

Weltengeist:
So, hier der vorletzte Lesebericht von mir, diesmal für den November 2025:

* Jim Butcher – Warriorborn.
Eine Novelle (rund 130 Seiten) aus dem "Cinder Spires"-Universum. Anfangs war ich vor allem davon begeistert, dass sich mal ein Autor die Mühe macht, die Welt wirklich durch die Sinne einer nichtmenschlichen Spezies zu beschreiben. Im Laufe der Geschichte ging es für mich aber immer mehr in Richtung "naja, ganz nett" über.
* Michael Moorcock - Elric von Melniboné (Elric 1).
Ein Klassiker, den ich einfach mal wieder lesen wollte. Und für mich immer noch so viel cooler und ideenreicher als das ganze 08/15-Fäntelalter-Zeug, das später das Genre in den zähen Brei verwandelt hat, als der er heute meist daherkommt. Wenn ich solche Welten schreiben könnte, hätte ich längst eine eigene Rollenspielwelt veröffentlicht...
* Terry Pratchett - Witches Abroad.
Ein Re-read. Und es hat mich erstaunt, an was ich mich fast 30 Jahre nach dem ersten Lesen noch alles erinnern konnte. Vor allem aber mache ich mir Sorgen, langsam ein alter Sack zu werden, wenn ich jedesmal beim Pratchett-Lesen denke: "They don't make them like this anymore"...
* George Simenon – Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet.
Ich hatte echt noch nie einen Maigret gelesen, aber das Buch hat mir gut gefallen. Vor allem auch die Tatsache, dass es mal Zeiten gab, in denen man auf 200 Seiten ein halbes Dutzend Figuren mit Tiefgang und eine komplette Handlung unterbringen konnte...
* Manfred Spitzer und Norbert Herschkovitz – Wie wir denken und lernen.
"Buch" ist schon fast übertrieben, eher ein Heftchen mit einigen Gedanken zur Entwicklung des Gehirns jenseits des 20. Geburtstags. Vom Hocker gerissen hat es mich nicht, aber manches habe ich doch dazugelernt. Quellenangaben wären allerdings nett gewesen...
* Emmanuel Carrère – Ich lebe und ihr seid tot: Die Parallelwelten des Philip K. Dick.
Ein Zufallskauf, der mich vom Start weg so richtig begeistert hat. Man merkt, dass Carrère kein Biograf, sondern Romanautor ist: der weiß einfach, wie man schreibt. Und auch wenn das Buch irgendwo in der Mitte auch mal Längen hatte (fand ich jedenfalls), bot diese Romanbiografie ein beeindruckendes Portrait eines wahrhaft getriebenen Meisters der Science Fiction.
Und ohne Abbrüche geht es scheinbar nicht:

* Fred Saberhagen - Das erste Buch der Schwerter
Das Buch habe ich als Jugendlicher mal gelesen, konnte mich aber überhaupt nicht mehr daran erinnern, als im Rolemaster-Bereich die Rede davon war, dass die Welt der Shadow World ähneln würde. Also habe ich mal wieder reingelesen. Es hat mich aber nicht mehr genug fesseln können, um es (oder gar die ganze Romanreihe) zu Ende zu bringen.
Zwischenstand zum Leseziel: 12.177 Seiten (von 12.000). Leseziel für 2025 erreicht! :cheer:

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