Medien & Phantastik > Hören
Was hört Ihr gerade so?
Chiarina:
DJ Hells „Teufelswerk“ von 2009 kenne ich als Doppelalbum. Eine CD heißt „Night“ und enthält Clubsounds mit trockenen, extrem drögen Four-On-The-Floor-Rhythmen, Vocoder-Gedöns und Synthetikklängen. Am besten auf Drogen und tanzend zu ertragen.
Die zweite CD heißt "Day" und enthält einen Gemischtwarenladen von Kraftwerk über Klaus Schulze und Yello bis zum aktuellen Sportstudio: Abwechslungsreicher, aber für mich trotzdem keine reine Freude.
Die Tracks haben blödsinnige Titel wie „Electronic Germany“ oder „I prefer women to men anyway”. Na gut.
Der letzte Track heißt „Silver Machine“ und ist eine Coverversion des gleichnamigen Hawkwind Hits von 1972. Überraschenderweise finde ich ihn besser als das Original... auch wenn ich mich frage, ob ich im 21. Jahrhundert am Ende eines Tracks wirklich noch 40 Sekunden pathetische Gewittersounds brauche. Na, was weiß ich...
Verlinkt ist die rare Japan-Version (mit Billie Ray Martin als Sängerin).
DJ Hell: Silver Machine
kelko:
Roses (Imanbek Remix) - SAINt JHN
https://music.apple.com/de/album/roses-imanbek-remix/1482621265?i=1482621326
rillenmanni:
Mobius - Dark Murmuration - Agent Fresco & Gogo Penguin mashup
Da habe ich mit Mobius also ganz persönliche meine Band, die keiner kennt gefunden. Das Album-Glanzlicht Kala habe ich hier ja schon ein paar mal verlinkt. Da schon Kala, das zweite Album der Band, um Längen besser war als das erste, bin ich voller Hoffnung, dass die Entwicklung hin zum dritten Album noch sehr viel Dynamik und Überraschungen haben wird. (Aber wer weiß.)
Das Lied hier ist eine Adaption des Lieds Dark Water (das Album) von Agent Fresco, einer isländischen ProgRock-Band, und der Band Gogo Penguin, einer britischen Jazz-Band (hier habe ich noch nicht herausgefunden, welche Anteile des Lieds von Gogo Penguin sind, hier habe das aktuelle Album). Dark Water hat deutlich mehr Temperament und wird viele wahrscheinlich eher abholen als "Dark Murmuration" (der Titel klingt für mich echt, als könnten ihn sich nur Franzosen ausdenken. :) Aber begründen kann ich die Assoziation nicht.) Mir geht es hier aber auch nicht um besser oder schlechter, sondern um den kurzen Einblick in das musikalische Weltbild von Mobius: wie werden gegebene Stoffe interpretiert? Die Fassung hier ist ja auch nur ein Experiment, ein Duett, und ich habe keine Idee, wie groß der Einfluss der drei übrigen Bandmitglieder auf den Schaffensprozess ist.
Chiarina:
Ich höre "The Blank Generation" von Richard Hell & The Voidoids, einen der großen, ikonischen Generationensongs der Rockgeschichte.
Auch wenn die Harmonien einfach nur aus einem weiteren Aufguss der andalusischen Kadenz besteht (wie z. B. auch "Hit the road, Jack"), wartet der Song mit ein paar interessanten Extras auf:
- dieser weitgehend vom Takt befreite, schrille Sprechgesang. Richard Hell klingt, als würde er sich nur schwer in die Songstruktur einpassen lassen und stehe ständig kurz davor, in Panik zu verfallen.
- eine schwer dissonante Lead-Gitarre, die in ihrem kurzen Solo die ganze Krankheit der Moderne zum Ausdruck bringt
- und dann natürlich der Text. Er handelt davon, dass für den Sänger das Leben eigentlich schon von Geburt an verloren war, weil er niemanden gekümmert hat. Selbst der Arzt nennt ihn bei seiner Geburt: "God's consolation prize!" Im Refrain wird das auf seine gesamte Generation bezogen, eine Generation der Leere, die niemanden kümmert, die deshalb aber auch machen kann, was sie will und sich daher leicht aus der Realität verabschieden kann, wenn ihr danach ist ("I can take it or leave it each time"). Richard Hell ist so cool, dass er sogar seine Band eine Pause machen lässt, wenn er "blank" singt. Und später lässt er selbst das Wort auch weg. So entsteht eine kleine Leerstelle, wenn er über die leere Generation singt.
Ich finde Generationensongs spannend. Musiker machen eine Aussage über ihre Sicht auf die Generation, in der sie aufwachsen. Bei "The Who" steht die Absage an das Establishment und der Ausstieg aus dem Spießertum im Zentrum. Die Zeichen stehen auf Rebellion. ("My Generation", 1965), Richard Hell geht es weniger um die Aggression. Er ist bereits Außenseiter von Geburt an und äußert eine hysterische Art von Freude darüber, dass er sich den Spießern immer wieder entziehen kann. ("The blank generation", 1975). Vierzehn Jahre später veröffentlichen The The mit dem Song "The beat(en) generation" die Klage über eine phantasielose Jugend, die von Vorurteilen, engstirnigen Idealen und Falschinformationen geprägt ist. Eine Generation, die sich zwar eigentlich ganz gern um den schlechten Zustand der Welt kümmern möchte, die aber stattdessen so sehr Teil von ihr ist, dass sie dazu gar keine Möglichkeit hat. Von Ausbrechen ist keine Rede mehr, auch die brave Popmusik mit dem dezenten Retroswing spiegelt das nicht wieder. Es ist schon schwer genug, die Augen aufzumachen und Ideen zu entwickeln. Der Song gipfelt in den Worten: "But can you still walk back to happiness / When you've nowhere left to run?" Das war im Prinzip eine Kapitulation - die Kapitulation meiner Jugend.
Und heute? Gibt es neue Generation Songs? Ich werde mich mal auf die Suche machen.
The Who: My generation
Richard Hell & The Voidoids: The Blank Generation
The The: The Beat(en) Generation
6:
Würde Royals von Lorde als Generations-Lied passen?
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