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Was hört Ihr gerade so?

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Chiarina:
Blue Bossa ist längst ein Jazz Standard, von unzähligen Musikern gecovert. Das Original von 1963 stammt von Joe Henderson und spielt bereits auf allerhöchstem Niveau. Die ausdrucksstarke Aufnahme hat ein grooviges Latin Feeling, wird aber nie aufdringlich.

Nach einem guten Solo des Trompeters Kenny Dorham (1:01) folgt mit Joe Hendersons Solo (2:36) sicherlich der Höhepunkt der Aufnahme. Hört euch an, wie dem Mann ständig neue Ideen kommen, die er auf kontrastierende Weise in schneller Folge hintereinander zu Gehör bringt: kurze Schnörkel, lange Liegetöne, kleine Muster, die er ein paarmal aufwärts oder abwärts verschiebt, und dann aber auch immer mal wieder so eine bewährte Standardfloskel, im wirkungsvollsten Moment eingesetzt. Für meine Begriffe befinden sich Unvorhersehbares und Bewährtes hier in perfekter Balance. Es folgt ein Klaviersolo von McCoy Tyner (3:58) und dann noch ein gelungenes Solo des Bassisten Butch Warren (5:20), zu dem die Bläser hin und wieder Backings abliefern. Erwähnenswert ist auch das dezente und sehr präzise Spiel von Pete La Roca am Schlagzeug (toller Typ, von dem es leider nicht allzu viele Aufnahmen gibt). Ab 6:52 erklingt zum Abschluss noch zweimal das Thema und ein frei gestaltetes Fade Out. Klassiker.

Joe Henderson: Blue Bossa

Crimson King:
Eine Ten Years After-Compilation

Die hatte ich mir vor Jahren mal zugelegt, weil TYA schon zu den Klassikern im Bluesrock zählen. So richtig angemacht hatte mich die Scheibe damals aber nicht. Keineswegs schlecht, aber eben schlechter als andere Sachen. Also ist die in die Kiste mit den aussortierten Sachen gewandert. Beim Aufräumen vor einigen Monaten habe diese Kisten dann mal nach Sachen durchforstet, denen man nach Jahren noch mal 'ne Chance geben könnte. Ich stelle jetzt aber fest, meine Meinung zur Musik hat sich nicht geändert. Solide, plätschert aber zu sehr.

Chiarina:
Ich bin für einen Moment bei Hendrix angelangt. Meine Schüler fragen manchmal, warum er so ein Idol geworden ist, denn sooo unglaublich virtuos auf seinem Instrument ist er doch nun auch wieder nicht...

Ich kann die Irritation verstehen. Man kann von ihm aber lernen, dass Schnelligkeit nicht alles ist...

Der Typ schlägt einen Akkord an, wirklich nur einen..., und du weißt sofort, dass er der Coolste von allen ist. Das kenne ich in der Intensität bei niemandem sonst.

Hier erstmal seine Version meines Lieblingscoversongs. Daran führt kein Weg vorbei. Später vielleicht noch ein, zwei andere einschlägige Nummern, bei denen das noch deutlicher wird.

Studioaufnahmen von Hendrix sind bei Youtube irgendwie nur schwer zu bekommen. Ich verlinke mal den Monterey-Auftritt... bei dem das meiste zu sehen ist, was man sich als sensationsgieriger Hendrix-Jünger so wünscht... nur die brennende Gitarre - die gab´s dann erst bei "Wild Thing".

Jimi Hendrix: Hey Joe

Crimson King:
Hendrix hat meines Wissens das Gitarrenspiel mindestens in Bezug auf Mehrstimmigkeit revolutioniert, und er hat natürlich in einer für Mitte der 60er ungewohnten Art und Weise mit Effekten gearbeitet, um die klanglichen Möglichkeiten der E-Gitarre auszuloten. Wenn man sein Gitarrenspiel in den zeitlichen Kontext setzt, ist das schon sehr innovativ. Dazu kommt der Funk-Einfluss, der für die Zeit äußerst ungewöhnlich war.

Al di Meola und Steve Vai haben sicherlich die schnelleren Finger, aber ich kann deren Musik nicht ertragen.

Chiarina:
Diese Effekte-Besessenheit ist auf jeden Fall auch ein Aspekt. Das ist völlig richtig.

...und Mehrstimmigkeit? Kommt ein bisschen drauf an, was man darunter versteht.
Grundsätzlich gibt´s ja zwei traditionelle Rollen:
-Leadgitarre: Spielt Soli, Licks und Riffs - Melodien eben
-Rhythmusgitarre: schrubbt Akkorde

Ich kann bei Hendrix nicht erkennen, dass er irgendwie zwei Leadgitarren gleichzeitig simuliert hätte (wie das möglicherweise der Fall ist, wenn klassische Gitarristen Bach spielen).

Was aber erkennbar ist, ist das Bemühen darum, die beiden traditionellen Rollen aufzulösen.
Die simplen Akkorde werden eben nicht einfach nur geschrubbt, sondern ständig durch kleine Verzierungen angereichert, immer wieder ein bisschen anders rhythmisiert, immer wieder unterschiedlich gebrochen. Für Hendrix ist das Musizieren aus dem Affekt heraus, der hat darüber mit Sicherheit nicht nachgedacht. Andere müssen sich diese Lässigkeit erarbeiten und wirken dann oft weniger spontan. Das dürfte auch noch ein wichtiger Punkt sein.

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