Medien & Phantastik > Hören
Was hört Ihr gerade so?
tartex:
--- Zitat von: Chiarina am 19.09.2021 | 23:46 ---Ich höre The Crystals "He´s a rebel". Netter Song von 1963, in dem die Damen von ihrer Liebe zu einem rebellischen Outlaw berichten. So scheint es zumindest auf den ersten Blick, denn eigentlich ist der Typ gar kein Rebell, sondern ein ganz Lieber. Er wird nur von der Umwelt falsch beurteilt. Na dann...
--- Ende Zitat ---
Mag auch einfach an der nicht ganz mit dem 21. Jahrhundert kompatiblen Wahrnehmung der Crystals, was Liebe ausmacht, liegen. >;D :P
The Crystals - He Hit Me (And It Felt Like A Kiss)
Swafnir:
WARDOG - The Clouds of Magellan
https://www.youtube.com/watch?v=wblb43K-uqk
Metal in klingonisch.
Chiarina:
Mal wieder Diamanda Galas.
Was habe ich von Diamanda Galas zu erwarten? Vokalexperimente von wahnsinnigen Schreien zu avantgardistischen Elektroklängen über deformierten Blues und Gospel bis hin zu Gothic. Ihre Themen kreisen eigentlich immer um den Tod. Anfänglich war es der Tod in der Subkultur, die von Aids bedroht war. Später der Tod der Sklaven, der in Gospeln zum Ausdruck kommt. Noch etwas später tauchten auch Serienmörder und Hinrichtungen als Todesstrafe im Themenkatalog auf.
Derzeit höre ich immer mal wieder in größeren Abständen ein Diamanda Galas Album aus ihrem Backkatalog. Kürzlich war es "Defixiones: Will and Testament". Das Album wird durch eine sechsteilige Suite mit dem Titel "The Dance", die über eine halbe Stunde lang ist, eröffnet. [Verlinkt ist das gesamte Album in aufeinanderfolgenden Einzelclips. Die Stücke nach den sechs Clips von "The Dance" sind auch hörenswert]. Ich bin voller Bewunderung. Eigentlich dachte ich ja, ich wisse langsam, was mich erwartet. Dann aber ist diese Angelegenheit von einer derartigen Intensität und dabei doch auch neuartig, dass ich hinterher völlig geplättet bin.
Die geschrieenen, gesungenen, gemurmelten und geächzten Texte handeln von Völkermord und Krieg. Den Rahmen bilden dabei zwei Gedichte des Armeniers Atom Yarjanian, in denen der Dichter aus seinem ägyptischen Exil zu Beginn des 20. Jahrhunderts sein Entsetzen über den Genozid der Türken an den Armeniern schildert. Die mittleren vier Sätze beinhalten allgemeiner gehaltene Gedichte über Greuel und Tod im Krieg, eines von ihnen ist von Pasolini.
Beeindruckend ist neben dem Grauen der Texte, dem Trommeln, Wirbeln und Dröhnen auch die glasklare Akustik der Aufnahme, in der jede Pause für meine Ohren nach Totenstille klingt.
Für mich ist Diamanda Galas das beste Klageweib, das die Welt sich wünschen kann. Und das ist viel, denn es gibt viel zu beklagen.
Diamanda Galas: Defixiones: Will and Testament
Crimson King:
Feminist Improvising Group - Radioaufnahme Funkhaus Hamburg 1980
Musikalisch will ich das echt nicht bewerten, dazu fehlt mir definitiv fachliche Kompetenz. Interessant finde ich, dass sich hier spezifisch eine feministische Gruppe zusammengefunden hat, um improvisationelle Avantgarde zu machen, ein ansonsten massiv von Männern dominierter Bereich. Die gelegentlich als Instrumente verwendeten Haushaltsgeräte wie Staubsauger und Töpfe dürfen durchaus als politisches Statement verstanden werden. Leider gibt es von FIG keine CDs im Handel. Die Musik ist jetzt nicht wirklich meins, aber ich würde da schon aus Prinzip zugreifen.
Annemarie Roelofs, Georgie Born und Lindsay Cooper kannten sich bereits von Henry Cow, einer aus dem Linksaußenspektrum der Canterbury-Szene stammenden Avantgarderock-Band um Fred Frith und Tim Hodgkinson, die ich Menschen, die sich mit Avantgardemusik auseinandersetzen möchten wärmstens empfehlen kann.
Chiarina:
Hier ein vorläufig letzter Song von Kraftwerk... einer, den ich sehr mag.
Ich liebe den Text, der zunächst behauptet, dass wir alle Schaufensterpuppen sind: hinter Glas gefangene Objekte, die aber ihren Puls spüren, schließlich die Scheiben zerschlagen und auf ihrem Marsch in die Freiheit schließlich in der Disco landen, wo sie tanzen und... noch immer Schaufensterpuppen sind.
Ich empfinde das als ziemlich düster, diese Vergeblichkeit auf der Suche nach sich selbst und seinem Inneren. Und wenn mir das bewusst wird, merke ich plötzlich, dass Ralf Hütter in diesem Song die Kraftwerk-übliche seelenlose Roboterstimme kaum strapaziert. Für meine Ohren klingt der Gesang eher nach verbissener Emphase, auch ein wenig Zorn ist zu hören. Da staut sich etwas in jemandem, aber es kommt nicht zum Ausbruch. Zu Bruch geht nur an einer Stelle das Schaufenster.
Die Musik ist ein wenig melancholisch und besteht aus einem primitiven Rhythmus und einer ebenso primitiven Bassfigur, zu denen sich zwei kleine Melodien in einer Art Frage- und Antwortspielchen abwechseln. Nach dem Bruch des Schaufensters ist ein kleines Solo zu hören und gleichzeitig wechselt die Tonart. Ich denke dabei an den Streifzug der Schaufensterpuppen durch die Stadt. Ganz am Schluss erklingt ein kontinuierlich durchlaufendes Pattern, irgendwie ein Sinnbild für die unerträgliche Seichtigkeit des Scheins, der niemand zu entkommen vermag.
Kraftwerks Meisterwerk, wie ich finde.
Kraftwerk: Schaufensterpuppen
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