Der Bunker
In meinen ersten Rollenspieljahren traf sich unsere Gruppe jeden Freitag in einem alten Luftschutzbunker, den ein bereits berufstätiges Gruppenmitglied kurzerhand für diesen Zweck angemietet hatte. Der überwiegende Teil der Gruppe bestand aus führerscheinlosen Gymnasialschülern, die dafür den Raum sauber gehalten, den Müll rausgestellt und für Getränke gesorgt haben. Der Bunker war von der Schule aus in 20 Minuten fußläufig erreichbar, von meinem Wohnort aus mit dem Fahrrad in 30 Minuten. In Spuckreichweite gab es ein Tegut und eine öffentliche Toilette, Dönerladen, Pizzabringdienst, Chinarestaurant und Pommesbude. Kurzum: wir waren versorgt.
Die Wände waren vollgehängt mit Heavy Metal Postern und Filmplakaten, wir hatten ein Paar ausrangierte Sofas, Tische, Stühle, ein Regal für Rollenspielbücher. Der Boden war ausgelegt mit Teppichboden, die Wände teilweise damit verkleidet, da vor uns eine lokale Band den Raum als Proberaum verwendet hat.
Oft haben wir ganze Wochenenden im Bunker verbracht, LAN-Parties, Rollenspielmarathon, Geburtstagsfeiern. Einmal waren wir drei Wochen lang in den Ferien jeden Tag dort, um Starwars D20 zu spielen. Ich habe mehrmals auf einem der alten Bunkersofas übernachtet. Wir waren eine Gruppe von vielleicht 10 Leuten und haben praktisch Open Table gespielt. Wer Zeit hatte, machte mit. Dazu gab es traditionell die "FamPizTürk", Familienpizza Türkei, eine Dönerpizza vom nahen Dönerladen. Der Geschmack der Pizza ist zu 100% mit der Location verbunden. Ungefähr einmal im Jahr esse ich eine Pizza Türkei vom immer noch existierende Dönerladen, das bringt mich jedes mal zurück in die Bunkerzeit.
Die Location hatte auch ihre Nachteile: Essen bestellen war dort immer etwas knifflig, weil der Bunker keine Klingel hatte und man an eine Stahltür hämmern musste (wir hatten extra einen Hammer an einer Kette neben der Tür befestigt). Aber selbst das haben wir bei erhöhtem Lärmpegel im Bunker durch die 4 bis 5 Meter dicken Betonwände nicht immer gehört. Außerdem war es im Winter nicht gerade warm, aber wir haben zunächst einen Heizlüfter, dann noch einen Ölradiator angeschafft, damit ging es. Im Hochsommer war es dort aber angenehm Kühl.
Was das Rollenspiel angeht, bin ich eigentlich heute zufriedener als damals, konstante Gruppe, wenige Terminschwierigkeiten, kein Systemhopping - trotzdem denke ich gerne zurück an die unbeschwerte (nostalgische Verklärung) Bunkerzeit.
Das war übrigens nicht der einzige Luftschutzbunker, in dem ich jemals Rollenspiel betrieben habe.