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Gibt es zu viele neue Systeme? Oder: Wer soll das alles spielen? (rant-ish)

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Chiarina:
Das "Neue" könnte meiner Meinung nach in diesem Falle sein:

Verlagerung der Ungewissheit und Spielspannung weg vom einzelnen Würfelwurf hin zu längeren Spielphasen (sprich: reichen die Punkte für den Tag / das Abenteuer / etc.).

6:
@Alexandro&Archoangel:
Auf der TV-Trope-Seite gibt es eine hilfreiche Unterteilung in Urexample, Trope Maker und Trope Codifier. Ich denke mit dieser Unterscheidung könnt Ihr wesentlich präziser miteinander diskutieren.

EDIT: Ach ja. Rollenspiele sind dort unter Tabletop Games versteckt.

Archoangel:

--- Zitat von: KhornedBeef am  3.02.2017 | 22:23 ---Naja,  viel Neues unter der Sonne muss man ja auch nicht erwarten. ;)
Was ist mit Systemen bei denen man poolpunkte nach Gutdünken für Proben ausgibt?

--- Ende Zitat ---

Das Problem mit dem Neuen ist, dass man vorher nicht draufkommt und nachher sagen kann:"da hätte ich auch draufkommen können". Oft ist es schwer sich bewusst an eine Zeit "vorher" zu erinnern. Oder anders gesagt: versuche mal dich an eine Zeit zu erinnern, bevor du das Wort "abstrakt" kanntest.

Und übrigens doch: ich erwarte von den vielen neuen Systemen schon ein Stückweit eben, dass sie mir etwas Neues bringen. Sonst sind sie obsolet. Warum sollte ich mir denn die drölfzigste generische Fantasywelt kaufen? Nur weil "Stärke" jetzt "physische Kraft" und Wille "mentale Kraft" genannt wird, ich statt dem "Talent" "Taschendiebstahl" die "Befähigung" "Langfinger" habe und mich im "Handbuch der Bewohner&garstigen Kreaturen" ein "Zaungast" mit seinen zehn Augenstielen anschaut? Oder weil ich statt "1W20+X" jetzt "2W12-Y" würfeln darf? Nur weil "neu" drauf steht ist ja nicht auch gleich "neu" drinn. Und viele Leute die einmal eine gute Idee hatten, haben leider auch kein zweites Mal eine gehabt (siehe GG oder Mark Rein Hagen).

Insofern - auch um den Bogen zurück zur Ursprungsfrage zu spannen: ja, es gibt irgendwo schon zu viele "neue" Systeme. Nur das sie eben nicht halb so neu sind, wie sie gerne wären. Viele wollen das Rollenspiel neu erfinden, tun dies aber eben nicht. Manche wollen einzelne Aspekte verbessern, wirken dabei aber nur wie ein Abklatsch. Professionelle Designer konkurrieren mit semi- und un-professionellen über Verlage, Crowdfunding und kostenlose Downloads. Den Nachwuchs überlässt man "den anderen" - und zwar so ziemlich jeder - womit die Szene langsam aber sicher altert. Wer Geld machen will wechselt die Branche. Und irgendwie warten alle auf den nächsten großen Wurf von irgendeiner großen Firma, der schon wieder alles mit- und hochziehen wird, nur um dann mit dem eigenen System an der Zersplinterung kräftig mitzuwirken.

Sind wir mal ehrlich: das "golden Age" und das "silver Age" haben wir bereits erlebt. Bleibt also noch die Hoffnung auf ein "Bronzeage". Und dann? Hoffentlich bin ich dann schon kurz vor der Rente - Eingedeckt mit all dem Rollenspiel, dass ich für meine restliche Lebenszeit dann noch brauche ... und meine Enkel und Urenkel können sich dann eines Tages wundern über die seltsamen Bücher, die sie in meinem Nachlass gefunden haben und vielleicht, aber nur vielleicht sagt dann einer:"Boah - solche tollen Spiele gab es als mein Uropa ein kleiner Junge war? DAS würde sich doch bestimmt auch heute gut verkaufen ..."

... und dann beginnt sich das Rad von neuem zu drehen.

ErikErikson:
Es gibt sehr viele Spiele aus den 80ern und 90ern die heute keiner mehr kennt. Teils sehr cool und innovativ. Fast alle vom amerikanischen markt. allein die durchzuwühlen würde genug Material für ein Leben liefern. Bsp. Gurps fantasy2 krasses zeug. Wir erleben also nicht die erste Welle rollenspielpberflutung. Teils sind das auch sehr elegante und einfache systeme die sich heute nicht verstecken müssen.

Chruschtschow:
Ich habe ein leichtes Problem mit dem Innovationsbegriff hier. Vor so ca. 112 Jahren hat ein junger Physiker eine Theorie zur Beschreibung von thermischer Strahlung gegriffen, mit einigen experimentellen Daten kombiniert, die vordergründig damit nichts zu tun haben, und dann das damalige Verständnis von Physik auf links gezogen. Aber nach obigen Erklärungen hat Einstein damit nichts sonderlich innovatives getan. Die Theorie stammt eigentlich von Planck (der übrigens einige Jahre noch Einsteins Idee für weit hergeholt hielt, als er Einstein schon protegierte). Von den anderen drei Arbeiten von 1905, die teils ähnlich bahnbrechend waren, aber nicht zu Nobelpreisen führten, kann ähnliches behauptet werden. Das ist bei vielen anderen Innovationen ähnlich. Ich muss nicht das Rad neu erfinden. Es genügt damit was anzustellen, das bisher noch keiner so gemacht hat.

Ich habe zwischen 2005 und 2010 ziemlich wenig Rollenspiel betrieben. Als ich zurück kam, war die Forge passiert. Ja, eine Menge Zeug der Forge war vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber die Spiele, die ich vorfand, waren teils wirklich massiv anders und deutlich wohlüberlegter als viel Kram, mit dem ich mich vorher rumgeärgert habe. Dazu Crowdfundings, viel mehr RPG und RPG-Entwicklung über's Netz. Die Szene war schlicht eine andere. Ob mir das so aufgefallen wäre, wenn ich an einem Stück aktiv geblieben wäre? Ich glaube nicht. Was aktive Spieler vielleicht als kleinteiliges Rumgebastel sehen, ist im Nachhinein beim Blick vom Außen eine Revolution.

Entsprechend unaufgeregt schauenich drauf, wenn mal wieder jemand Stillstabd bekrittelt. Und der hohe Ausstoß an Systemen erhöht letztlich die Chance darauf, dass es mal wieder eine Idee gibt, dass ein paar Leute das spielen, dass irgendwann auch mal irgendwo tatsächlich sinnvoll eingebaut wird usw., bis es dann irgendwann mal zu den tollen modernen Sachen gehört. Und natürlch wird irgendwer bekritteln, dass es das irgendwo in Nischensystem X schon mal gab. So wie Planck für thermische Strahlung eine Theorie einführte, die heute Grundlagen der kompletten verdammten Quantenmechanik ist, ohne dass er die Bedeutung selbst erkannte. So funktioniert halt Innovation.

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