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RANT: Warum interessiert euch bei Filmen und Serien die Meinung von Muggeln

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KWÜTEG GRÄÜWÖLF:
Grey:  :headbang:

tarinyon:
Zur Frage, wo ist der Unterschied zwischen Nerdtum und Mainstream-Kultur bzw. Nicht-Nerds.

So Sachen wie Star Wars (war ich mal Riesenfan) und Marvel (bin ich kein Riesenfan) schauen natürlich viele Leute, aber sie bleiben an der Oberfläche. Vielleicht stellen sie sich ihr Haus mit LEGO-Sets usw. zu. Aber sie nerden sich nicht rein, weil sie das komisch finden würden bzw. mit ihrer Zeit lieber was sinnvolles anstellen. Exemplarisch kann man das mit der Szene in der Serie "Clerks" veranschaulichen, wo sie darüber philosophieren, ob die Zerstörung des Zweiten Todessterns moralisch problematisch war, weil da ja die ganzen Bauarbeiter gestorben sind. Objektiv ist das einfach Zeitverschwendung und Quatsch. Aber das ist es, was es für mich ausmacht.

Zum Thema "wir gegen die" - lolol, ich habe meine Eltern als Beispiel genommen - wer sich da jetzt drüber aufregt, dem kann ich auch nicht mehr helfen. Und wenn ich sage, Leute "checken es nicht", dann heißt das nicht, dass ich denke, dass sie dumm sind. Sie verstehen nur nicht den Appeal, den die Sachen für mich haben.


Und das bringt mich eigentlich zum zentralen Kern meines Anliegens: mir ist nämlich total bewusst, dass unter "objektiven" Standards die Sachen, die wir so rezipieren, keine "Meisterwerke" sind. Und genau da liegt des Pudels Kern. Ich will überhaupt nicht, dass die Mehrheit auf diese Nischensachen schaut. Ich will nicht, dass so Sachen wie Warhammer etc. in die Öffentlichkeit gezerrt werdne, wo es dann Riesendrama gibt. Seit wann ist Marvel denn Mainstream? Doch erst seit es mit "Iron Man" und Nachfolgern auf cool getrimmt wurde. Vorher wärst du ausgelacht worden, wenn du irgendwelche lächerlichen Superhelden von annodazumal cool gefunden hättest. Diese Öffentlichkeit führt aber dazu, dass die Sachen einer Bewertung unterzogen werden, der sie einfach nicht standhalten können. Dazu kommt, dass sich die Muggel nicht mit Franchises identifizieren. Ob jetzt Vin Diesel über die Leinwand düst oder irgendein noname-Actor die xte Iteration von Captain Kirk gibt, das ist den Leuten doch scheißegal.  Mir ist es aber nicht egal. Daher gibt es keine Übereinstimmung zwischen meinem Bewertungsraster und dem Bewertungsraster der breiten Öffentlichkeit.


P.S. Ich erinnere mich übrigens noch an die späten 90er, wo ich in Deutsch ein Referat gehalten habe über "Der Herr der Ringe" und die Leute nix gecheckt haben (auch wegen meinem wirren Referat lol), aber am Ende hat mich dann jemand gefragt: "hEy, dA gIbTs dOcH jETzT bAlD eInEn kInOfILm, oDeR?" - und ich nur: "raaage"!!!!

First Orko:
Ich antworte mal mit einem provokanten Gegen-Rant auf die konkrete Frage  8]:

Weil Nerd-Filme schlecht sind!

ALLE! IMMER!  ;D Nee, ist so natürlich Quatsch  >;D Aber ein kleines bisschen vertrete ich die Meinung mittlerweile. Haltet ein, bevor ihr den Druck von eurer Halsschlagader in die Tasten haut, liebe mitlesenden Nerd!  ^-^ Ich erkläre mich:

Ich habe in meinem Leben einen guten (aber weit weg von vollständigen) Teil des typischen Nerd-Kanons in meinem Leben konsumiert, sei es Fantasy von Zauberer von Oz, Goonies, Willow über Masters of the Universe bis zu Goonies, im SciFi-Bereich von Forbidden Planet, Silent Running und Alien, 2001 über Star Wars bis zu Marsianer und Interstellar oder im Superheldenbereich über Superman (der mit Richard Donner) über Blade, Liga der außergewöhnlichen Gentleman bis zu den ersten Ironman-Filmen und zu Into the Spiderverse. Ich habe also meinen fair share of Nerdom-Filme in mir, erkenne Referenzen usw. und würde mich nicht im Sinne des Threads als "Muggel" einstufen  8) Mit Vielen - aber längst nicht allen- davon hatte ich Spaß und ein paar gucke ich immer wieder gern. Andere davon habe ich gesehen, weil Nerds sie mir empfohlen haben - meist mit einem dezenten "WAAAS DEN KENNST DU NICHT??!" - und ich wurde massiv enttäuscht, weil ich eben nicht die für den Genuss notwendige Nostalgie mitgebracht habe sondern den Film halt insinktiv mit aktuellen oder gar guten Filmen aus derselben Zeit verglichen und festgestellt habe: Ist schlecht gealtert. Parallel dazu ging die Marvel-Reihe los mit ihren immer dichter werdenden Netz aus Andeutungen, Anspielungen, Querverweisen, Pre-Teaser und Post-Credit-Scenes mit augenzwinkernden Referenzen an die Comiclesenden im Publikum... während die Filme nach einem immer ähnlicher werdenden Muster verliefen.

Rücksprung in die späten 80er: Ich bekomme ein großes A4-Buch in Hochglanz geschenkt Die 100 besten Filme aller Zeiten (die Ausgabe findet man nicht mehr online, nur den Neudruck) , kuratiert von einer relativ beliebigen Auswahl damaliger großer Regisseure, Produzenten und Schauspielenden voller bunter und für mich angehenden Teenager beeindruckender Bilder! Diese Buch begleitet mich seitdem und immer wieder mal habe ich Filme daraus gesehen, per Zufall oder absichtlich. Manchmal habe ich auch einen Film, der im TV lief erkannt und deshalb geschaut. Und immer wieder habe ich gemerkt: Die Filme sind alle zu recht darin. Vielleicht sind sie nicht (mehr) alle die "Besten" aller Zeiten (sowieso ein ebenso anmaßender, wie vergänglicher Titel) aber sie sind alle auf ihre Art zeitlos gut. Das habe ich mit der Zeit erst zu schätzen gelernt, als ich immer mehr gelernt habe, einen (sehr) alten Film im Rahmen des Zeitkontext zu betrachten, in dem er erschien und nicht direkt mit dem neusten Marvel-Machwerk zu vergleichen. Außerdem habe ich mich immer mehr mit dem Hintergrunden der Filmkunst beschäftigt, vor allem Tricktechnik und Kamera interessieren mich bis heute und das hat mir einen anderen Blick beschert und eine andere Herangehensweise an Filme per se. Meine Freizeit ist aktuell sehr sehr knapp bemessen und wenn ich mit mich hinsetze und mir 2h Zeit für passiven Konsum reserviere, dann will ich diese Zeit möglichst nicht mehr mit Mittelmäßigkeit verschwenden.

Und mit diesem Blick verlieren tatsächlich viele Filme aus dem Nerd-Kanon an "objektiver" Qualität, wenn man sie bewusst nochmal guckt - was nicht heißt, dass mich ein Starship Troopers nicht doch noch unterhalten könnte, trotz seiner Schwächen! Aber so eine Art von Filmen wird mich kaum noch gleichermaßen unterhalten können, wie die Meisten aus dem Beste-Filme-Buch, einfach weil sich mein Anspruch (Ha! DA ist es das Pfuiba-Wort  ;D) verändert hat und ich (Oftmals - nicht immer!) mehr von einem Film erwarte, als kurzweilige Unterhaltung mit möglichst vielen augenzwinkernden Referenzen und ein paar klug gesetzte Stellen, an denen ich wissend vor mich hin giggeln kann. Und da gibt es außerhalb der Nerd-Geek-Blase eben einen ganzen Haufen an wirklich exzellenten Meisterwerken, die völlig zu recht eine breite Masse an Menschen anspricht - weil sie eben auf breiter Linie und nicht nur in einem Nischenbereich Anknüpfunkte anbieten und dazu noch auf allen Ebenen (Erzählung, Schauspiel, Musik, Kinematografie usw) einfach handwerklich sehr gut gemacht sind.

Vor nunmehr >10 Jahren habe ich die damalige IMDB Top 250-Filme-Liste heruntergeladen (Die Liste ist ja dynamisch) und seitdem ~70% davon geguckt. Dazu schau ich immer mal wieder in die aktuelle Liste und vergleich und habe mittlerweile ein paar Erkenntnisse gewonnen:


* je älter der Film, desto zeitloser seine Qualität
* sehr alte Filme kann man nur im Kontext ihrer Zeit sehen, dafür muss man einen gewisse Art des Filmschauens entwickeln (wollen), dafür können Sie aber eine ganz eigene Art von Faszination mit sich bringen
* Film die ungefähr in den letzten 10 Jahren zum Zeitpunkt des Downloads der Liste dort sind, sind meist sehr gute Filme des Zeitgeschehens von denen einige, wenige ein paar der alten Klassiker in den unteren Rängen bald verdrängen werden, die Meisten davon fliegen in den nächsten 10 Jahren raus von den besten Filmen des späteren Zeitgeschehens verdrängt
* die Qualität der Filme dort entspricht einer Breite des Filmgeschmacks des Publikums auf IMDB - man wird da Filme abseits des Mainstreams eher weniger finden - dafür gibt es wieder andere Listen
* Von 10 Filmen dort unterhalten mich ~9 sehr gut, und ca 2-3 begeistern mich
* keinen der alten Filme von dort, die mich enorm überrascht und begeistert haben, hätte ich ohne diese Liste entdeckt
* die Wenigsten der Filme von dort, die mir am Nachhaltigsten in Erinnerung geblieben sind, werden oder wurden hier im Filmbereich mal diskutiert
Mit "Muggel" sind wohl Leute gemeint, die mit Filmen aus der Geek-Nerd-Blase nix anfangen können. Doch nur weil Muggel in dieser Hinsicht unbedarft sind, heißt das nicht, dass so ein Muggel keine Ahnung von Filmen hat. Umgekehrt ist ein Geek-Filmfan nicht unbedingt jemand, der einen "neutralen" Blick auf filmische Qualitäten hat und zum Beispiel mehr Fehler bereit ist zu übersehen, wenn das eigene Lieblingsfranchise auf der reinen Faktenebene gut bedient wird (andererseits aber wiederum sehr empfindlich bzwl Veränderung dieser Fakten zugunsten von Zugeständnissen für andere Aspekte des Films, auf denen er trotzdem sehr gut sein kann..ist aber egal, wird verrissen weil die Frisur des Bruders des Antagonisten der Hauptfigur, gezeigt in Ausgabe 43991 der Comicvorlage, falsch ist).

Und trotzdem gibt es nicht wenige Überschneidungen zwischen sehr guten Mainstream-Filmen und sehr guten Geek-Nerd-Filmen - weil diesen neben dem Abfeiern von Insider-Wissen und einer vorlagetreuen Umsetzung der Vorlage eben exzellentes Filmhandwerk in sich haben und auf breiterer Ebene überzeugen.

Weil Nerd-Filme auch gut sind!
... aber eben nicht nur. Und schon gar nicht sind sie zwingend die besten Filme, die man finden kann.

Und deshalb interessiert mich zumindest die breite, langfristige Meinung von Film-Nerd-Muggeln eben doch mehr als die aus den althergebrachten Nerd-Kreisen - weil es mir für meine des Filmgenusses in der Tendenz auf lange Sicht sicherere Ergebnisse geliefert hat.

KWÜTEG GRÄÜWÖLF:
First Orko: Du weißt, was mit Leuten passiert, die unangenehme Wahrheiten, die keiner wissen will, laut aussprechen?   ^-^

Ich habe selber gerade erst die Filme von Wes Anderson entdeckt, hab inzwischen auch eine schöne Sammlung an Stummfilmen der 20er (Nibelungen! Golem! Metropolis! Caligari! Nosferatu! WOOOHOOOO!), und mutiere immer mehr zu einer Mischung aus kulturellem Snob und Schmock.
Da kommst du mit deiner Tirade gerade richtig, ich kann nicht wirklich widersprechen.  :)

Insgesamt bin ich der Meinung, wir sollten es mal bleiben lassen, das Nerdtum zu einer elitären Gruppe zu erklären, uns weniger ernst nehmen, und auch mit den Imperfektionen von Dingen gut zu leben, die wir trotzdem lieben.

nobody@home:
Hey, manche meiner eigenen Lieblingsfilme fallen definitiv wenigstens ein Stück weit in die Kategorie "So schlecht, daß sie schon wieder gut sind" -- und dazu stehe ich auch! :D

Und ja, das Sich-selbst-zu-ernst-Nehmen ist definitiv eine der Hauptkonfliktquellen der Weltgeschichte schlechthin. Ich erwische mich zwar durchaus immer mal wieder auch dabei, aber für eine gute Gewohnheit halte ich es auch bei mir nicht.

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