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Computer in Rollenspielwelten
sma:
Mit dem LGP-30 habe ich einen neuen faszinierenden Computer von 1956 entdeckt. Er ist "nur" so groß wie eine Kommode, in der ein Magnettrommelspeicher für 4096 31-Bit-Worte, die CPU bestehend aus 113 Röhren und 1450 Dioden sowie die Stromversorgung und ein Lüfter eingebaut sind. Dazu kommt dann eine elektrische Schreibmaschine mit Lochstreifen als Ein- und Ausgabegerät. Die CPU beherrscht 16 Befehle (inklusive Multiplikation und Division!) und konnte bis zu 30.000 Befehle pro Sekunde ausführen. Und das alles für nur $47.000 (ohne die Schreibmaschine).
Lt. Wikipedia wurden 300 bis 500 Geräte hergestellt, 40 davon zwischen 1958 und 1962 in Lizenz in Westdeutschland.
Die Diode hat Ferdinant Braun 1874 erfunden, bekannt geworden ist für die von ihm erfundene Röhre (also den Bildschirm) 1897. Beides könnte daher plausibel im einem Elektropunk Rollenspiel in einer alternativen Zeitlinie um 1900 vorkommen.
Der Magnettrommelspeicher, der es der LGP-30 erlaubt, eine für die damalige Zeit riesigen Arbeitsspeicher zu haben, wurde 1932 von Gustav Tauschek erdacht. Den hatte ich bei meinem letzten Text nicht auf dem Zettel und dachte da noch, Kernspeicher (1949 von An Wang am MIT erfunden) wäre das Mittel der Wahl. Diese kamen aber erst ab 1954 auf und wurden z.B. beim Apollo Guidance Computer (AGC) für RAM und ROM genutzt, wo unzählige Arbeiterinnen dann über 600.000 winzige Ringe auf dünne Fäden fädeln mussten (pro Computer).
Den Elektromotor datiert man auf 1834. Gehen wir einfach mal davon aus, dass dann auch schon präzise gefertigte Scheiben mit 3600 Umdrehungen pro Minute drehen konnte und dabei Magnetimpulse auslesen oder setzen konnte. Fernschreiber wurden ja zur selben Zeit (1832) erfunden. Magnetaufzeichung wurde in unser Welt allerdings erst 1898 von Poulsen erfunden. Magnetbandgeräte kamen 1928 auf. Diese bieten aber keinen wahlfreien Zugriff (das R in RAM).
Elektrische Schreibmaschinen gibt es seit 1902. Diese mit einem Lochstreifen zu kombinieren kann nicht so schwer sein, sage ich mal. Die Friden Flexowrite des LGP-30 stammt von 1940.
Daher: Elektromechanischer Computer denkbar ab Anfang/Mitte des 19. Jahrhunderts und elektronischer Computer Anfang des 20. Jahrhunderts, z.B. 1901.
Aber gehen wir nach Griechenland um 100 BCE.
Man kann sehr präzise Zahnräder herstellen daraus auch Rechenwerk herstellen (das beweißt der Antikythera-Mechanismus). Vielleicht weiß man sogar Dampfkraft zum Antrieb noch größerer Maschinen zu nutzen (und nicht nur Tempeltüren öffnen).
Nehmen wir nun an, dass Gelehrte dort die richtigen Idee hatten und Dualzahlen und Boolsche Algebra erfinden. Und dazu die Notwendigkeit der Null erkennen. Ohne Null hat man nichts. Dualzahlen machen es einfacher, aber Babbage hat auch dezimal gerechnet und wenn wir's exotisch haben wollen, dann babylonisch Sexagesimal, dder Duodezimal. Mit Mechanik und Sperrwerken kann man zählen. Und damit addieren, bzw. subtrahieren. Jetzt muss man auf die Idee kommen, dass man Operationen schrittweise ausführen muss. Statt Lochkarten aus Papier stelle ich mir abtastbare Messingplättchen ähnliche wie Schlüssel vor, die damit nacheinander mechanische Effekte auslösen können, etwas das Heron (200 Jahre später) für bestimmte Automaten beschrieb. Bewege ich diese Karten auf Schlitten und können diese zurückfahren, abhängig davon, ob ein Zähler nicht null ist, dann habe ich die beiden Bestandteile für einen turingvollständigen Rechner zusammen. Vielleicht ist es so, dass Leute bereitstehen, die immer wieder einfach Operationen wie Wasser nachfüllen, Hebel zurückziehen oder eine Feder spannen ausführen, aber selbst nicht verstehen müssen, wie man "rechnet". Das wäre dann den "Maschinenpriestern" überlassen. Sie erdenken die Algorithmen, die dann in die Messingplättchen geschnitten werden und in der richtigen Reihenfolge eingesteckt werden müssen.
Entscheidend wäre, schneller als ein geübter Mensch mit dem Abakus zu sein. Dann könnte man z.B. Planetenkonstellationen für einem bestimmten Ort vorausberechnen und so genauere Orakelsprüche bekommen, die entscheidend für Sieg oder Niederlage in einem Krieg wären.
Und wenn man Dampfkraft hat, könnte man damit Druckkanonen für Schiffe bauen und für diese müsste man dann vielleicht die Flugbauen der Geschosse berechnen, ein klassisches Einsatzgebiet für Computer.
Schließlich könnte ein wichtiger Herrscher auch wissen wollen, wann genau ein bestimmtes kataklystisches Ereignis eintritt, um entsprechend vorbereitet zu sein und benötigt dafür ein exaktes Datum in der Zukunft. Vieleicht, weil der Untergang von Thera immer noch im kulturellen Gedächtnis ist und die archäologischen Funde wohl eine für 1600 BCE ungewöhnlich hochentwickelte Kultur (die hatten ein Abwassersystem mit WCs im Haus) hatten. Vielleicht ja auch schon Computer? Oder ihre Nachfahren (man fand bislang keine Toten wie in Pompei, daher geht man davon aus, dass die Leute evakuiert haben bevor die Insel explodierte) wollen berechnen, wie zornig die Götter sind, um sie besänftigen zu können, damit das kein weiteres Mal passiert…
Candero:
Einfach mal bei Heron von Alexandria (1. Jhd.) nachschauen.
Z.b. sein automatisches Theater.
nobody@home:
Ist natürlich auch ein bißchen die Frage, was für Ansprüche genau wir an unsere Computer stellen. Der angesprochene Abakus ist als Rechenhilfe halt tatsächlich schon alt, und den Begriff "Computer" gab's im Englischen auch schon lange vor der Erfindung der heutigen Maschinen...ein Punkt mag also auch schlicht darin bestehen, ob die Leute im Setting überhaupt einen Bedarf für eine frei programmierbare "Denkmaschine" sehen und für wie groß sie ihn halten.
sma:
--- Zitat von: Candero am 26.03.2026 | 10:16 ---Einfach mal bei Heron von Alexandria (1. Jhd.) nachschauen.
--- Ende Zitat ---
Was willst du mir damit sagen? Heron und die beschriebenen Automaten erwähne ich doch!?
Entscheidend ist hier aber nicht die Mechanik, sondern dass man als Konstrukteur erkennen muss, dass man ein Rechenwerk und ein Speicherwerk braucht, die so zusammenarbeiten, dass wir Turingvollständigkeit nachweisen können um den Beweis zu haben, dass das ein Computer ist. Ohne es zu sagen, habe ich statt der von uns heutzutage verwendeten von Neumann-Architektur (Programm und Daten liegen im selben Speicher) die einfachere Harvard-Architektur (da ist's getrennt) angenommen, wo die Befehle über Schlüsselkarten gesteckt werden, die dann abgetastet werden.
--- Zitat von: nobody@home am 26.03.2026 | 10:34 ---Ist natürlich auch ein bißchen die Frage, was für Ansprüche genau wir an unsere Computer stellen.
--- Ende Zitat ---
Das habe ich ganz am Anfang definiert: Eine programmierbare universelle Rechenmaschine.
Dass es für so eine Erfindung erst mal einen Bedarf geben muss, ist plausibel. Daher hatte ich am Ende meines Text ja ein bisschen herumgesponnen, um diese Bedarf zu konstruieren.
WeepingElf:
--- Zitat von: nobody@home am 26.03.2026 | 10:34 ---Ist natürlich auch ein bißchen die Frage, was für Ansprüche genau wir an unsere Computer stellen. Der angesprochene Abakus ist als Rechenhilfe halt tatsächlich schon alt, und den Begriff "Computer" gab's im Englischen auch schon lange vor der Erfindung der heutigen Maschinen...ein Punkt mag also auch schlicht darin bestehen, ob die Leute im Setting überhaupt einen Bedarf für eine frei programmierbare "Denkmaschine" sehen und für wie groß sie ihn halten.
--- Ende Zitat ---
Das hat Frank Herbert weiter ausgesponnen, mit den Mentaten in Dune. Das menschliche Gehirn ist eben auch Turing-vollständig ;)
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