Medien & Phantastik > Sehen, Lesen, Hören
Beobachtung in Blogs, Rezensionen usw.: Warum geht es nicht ohne Abwertung?
First Orko:
--- Zitat von: Skyrock am 27.03.2026 | 10:51 ---Hassklicks gehen gut, und Princess Bride ist ein grottenschlechter Film den nur sehr dumme und geschmacksverirrte Menschen mögen.
--- Ende Zitat ---
Nicht so offensichtlich! Man will doch unter dem Hausordnungs-Radar bleiben, da muss man sich schon etwas mehr Mühe geben:
Ich kann mir persönlich nicht vorstellen, wie jemand mit gerade mal durchschnittliche entwickeltem Intellekt und einem einigermaßen gesunden Geschmack sich einen Film wie [setze Filmtitel ein] antun kann, ohne dabei komplett zu verblöden.
>;D
korknadel:
Ich würde bei diesem Phänomen aber nicht nur von Haschen nach Aufmerksamkeit, Narzissmus und derlei ausgehen. Man darf auch nicht unterschätzen, dass es zu dem Prozess der Bewusstmachung des eigenen Geschmacks eben auch dazu gehört, sich von anderem abzugrenzen. Vor allem, wenn das sehr beliebte Dinge sind. ich habe mir vor inzwischen über zehn Jahren ja mal "Winter Soldier" angetan -- vielleicht heißt der Film auch anders, jedenfalls so ein Marvel (oder DC?) Teil, das für einen Hugo nominiert war und von dem manche behaupteten, es sei der beste Superheldenfilm schlechthin. Und gerade dann, wenn viele den so toll finden, muss ich mich doch fragen, warum ich den scheiße fand. Ich kann da doch nicht einfach drüber weggehen, weil ich mich mit meinen ästhetischen Bedürfnissen ja irgendwie in der Masse der Filmschauenden einordnen muss. So viel Narzissmus sollte man den Individuen ja noch zugestehen, dass sie ihren Geschmack behaupten. Von daher würde ich einen Teil der Verrisse -- um die es Vash im Eingangspost ja eigentlich auch nicht geht, sondern er moniert ja das Abwatschen von Dingen im Vorübergehen -- diesem Phänomen zuschreiben. Oder anders: Ich stelle fest, dass ich den Großteil der Superheldenfilme nicht mag, aber um die Gründe dafür zu benennen, muss ich zwangsläufig Negatives über diese Filme äußern. (Eigentlich ist dieser Vorgang ja genau das, was man unter "Kritik" versteht ...)
Zed:
Ich stimme Deiner Beobachtung und Analyse voll zu, Vash.
Es gibt wichtige Unterschiede zwischen „Rezension und Geschmack/Meinung“ und Kritik an Filmen und Kritik an Rollenspielen.
Bei Filmen haben wir alle den ungefähr gleichen Bezugsrahmen, nämlich das Genre. Wenn wir eine Filmkomödie sehen, dann wollen wir lachen. Wenn wir einen Actionfilm sehen, dann können wir Action erwarten. Schlecht ist ein Actionfilm, wenn er zu wenig Action hat, oder auch, wenn er alte Muster zu sehr kopiert und uns nicht mehr überrascht. Das können auch alle Rezensierenden erkennen, unabhängig davon ob sie Actionfilme lieben oder hassen.
Das Publikum kennt den Bezugsrahmen des Filmgenres, und Kritiken/Rezensionen können diesen Bezugsrahmen voraussetzen und sich daran orientieren.
Ein Rollenspielsystem muss aber erstmal seinen eigenen Bezugsrahmen definieren: klassische Fantasy oder ein anderes Genre oder ein Genre Mix oder ein Universalrollenspiel? Low Fantasy oder High Fantasy? Kampforientiert oder nicht? Schlank oder Komplex? Beginnen die Charaktere als Noobs oder als Expert:innen?
Faire Rezensionen, die den Anspruch haben mehr als eine persönliche Geschmackmeldung zu sein, müssen Rollenspielsysteme an den Maßstäben messen, die diese Systeme sich selbst setzen, und nicht daran, was die Rezensent:in gut finden:
Wer zum Beispiel nicht-tödliche Systeme grundsätzlich blöd findet, aber ein Spiel rezensiert, in dem nur selten SC-Tode stattfinden, darf das dem System nicht vorhalten finde ich.
Falsch wäre auch, den persönlichen Systemgeschmack rhetorisch zu einem Standard zu erheben und diesen erfundenen Standard dann als vorgeblich allgemein gültigen Bezugsrahmen für „Rezensionen“ zu nutzen.
KWÜTEG GRÄÜWÖLF:
--- Zitat von: korknadel am 27.03.2026 | 11:18 ---Ich kann da doch nicht einfach drüber weggehen, weil ich mich mit meinen ästhetischen Bedürfnissen ja irgendwie in der Masse der Filmschauenden einordnen muss.
--- Ende Zitat ---
Wieso "musst du dich irgendwie in der Masse der Filmschauenden einordnen"?
Ich selber verspüre das eigentlich gar nicht, ich nehme nur zur Kenntnis, dass anderen Leuten Dinge gefallen, die mir nicht gefallen. Irgendwie den Geschmack der anderen abzuwerten, um den eigenen Geschmack zu rechtfertigen - da muss man sich aber seines eigenen Geschmacks sehr unsicher sein.
Und irgendwie steckt in dem Ganzen dann die Idee drin, dass der Wert einer Person irgendwie von ihren Geschmäckern abhängen würde, und das ist doch Blödsinn.
First Orko:
--- Zitat von: KWÜTEG GRÄÜWÖLF am 27.03.2026 | 11:31 ---Wieso "musst du dich irgendwie in der Masse der Filmschauenden einordnen"?
--- Ende Zitat ---
Ich gehe da mal von mir selbst aus und liefere zwei mögliche Ansätze:
1) Ich schaue Filme nach einer bestimmten Liste, die als Mittel der Bewertung von sehr vielen Leuten entstanden ist. Diese Liste hat sich bewährt, um mich absichtlich mit Filmen zu fordern, die ich sonst nie geguckt hätte - ich habe aber mittlerweile ein Grundvertrauen, wenn ich einen Film dieser Liste gucke. Wenn da nun einer ist, wo ich gar nicht verstehe, warum der in der Liste ist, dann frage ich mich natürlich, ob mir da was entgeht. Ich selbst recherchiere dann und stelle fest, dass ich zum Beispiel bestimme zeitgenössich-kulturelle Vorbedingungen nicht habe oder so - aber man kann auch in die Falle tappen und feststellen "Nein, mit mir ist alles in Orndung - der Rest der Welt liegt falsch!" und das so herausposaunen. Das geht gern einher mit...
2) Identifikation und Gruppending
Unterhaltungsprodukte aller Art laden dazu ein, darüber einen Identifkationsersatzu zu schaffen. "Ich bin ein Science-Fiction Fan!" könnte ich zum Beispiel sagen (und hätte damit insofern recht, dass ich bestimmte Arten von Science-Fiction mag) und dabei den Fehler machen, nicht ausreichend zu differenzieren. Und dann stelle ich irgendwann fest: "Oh da kommen jetzt lauter SciFi-Filme.. die find ich aber alle scheiße!" und dann nagt natürlich das Selbstbild: Ist man kein "richtiger" SciFi-Fan mehr..? Checkt man da was nicht? Muss man vielleicht seine Haltung öffnen, Toleranz üben, einen neue Sichtweise auf die neuen Filme erarbeiten..? Oder gibt es einen leichten Weg - AHA! Ich kann einfach behaupten, dass alle Anderen Idioten sind und ich den richtigen Geschmack habe!
Tja, wofür entscheiden sich wohl die meisten Menschen...? 8] Ein ganz altes Ding, psychologisch tief begründet und stetiger Quell vielen Missmutes, je mehr Leute mit mehr Meinungen aufeinander treffen :-\
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