Pen & Paper - Spielsysteme > Systemübergreifende Themen

Funktionierender Sozialismus

<< < (12/13) > >>

Eleazar:
Nähmen wir an, es gäbe einen funktionierenden Sozialismus, das muss doch aber nicht bedeuten, dass alle Bewohner in einem solchen System leben wollen:
Da gibt es Egoisten, die das System austricksen und sich bereichern. Da gibt es Leute, die sich mehr Reichtum versprechen, wenn sie kapitalistisch handeln und ihre Mitmenschen ausbeuten könnten. Da gibt es (Nachfahren der) ehemalige(n) Eliten, die die Uhr zurückdrehen wollen. Da gibt es benachbarte, kapitalistische Unterdrückerstaaten, denen ein funktionierender Staat in der Nachbarschaft ein Dorn im Auge ist und die den funktionierenden Sozialismus sabotieren wollen.

Ich sehe da genügend Abenteuerpotential.

Die Sache ist nur, dass man eben etwas von unserer Realität abstrahieren muss. Denn ich denke, dass in unserer Realtität der Kommunismus nicht funktioniert, weil er eben auch gar nicht funktionieren kann. Marx ist von einem falschen Menschenbild ausgegangen und er hat die Erzieh- und Formbarkeit von uns Menschen überschätzt. Für einen funktionierenden Kommunismus bräuchte man bessere Menschen als es sie tatsächlich gibt.

Und die bräuchte man dann auch eigentlich in einer fiktiven Rollenspielwelt, wenn sie dann vollkommen logisch aufgehen sollten. Wenn alle Menschen von den Vorzügen des Kommunismus überzeugt wären und wenn ihr Gemeinsinn so stark wäre, dass sie dieses System unterstützen würden, dann wäre die Welt wohl tatsächlich paradiesisch und das Abenteuerpotential ginge gegen Null. Wenn es aber fiese Leute gibt, gegen die Abenteurer vorgehen könnten, dann würde es die in Abstufungen ja überall geben und das System könnte nicht funktionieren.

Also muss man zwei Annahmen zusammenpacken, die eigentlich nicht zusammengehen. Und man muss im entscheidenden Moment ein bisschen die Augen verschließen.

Swanosaurus:

--- Zitat von: Eleazar am  3.04.2026 | 08:03 ---
Die Sache ist nur, dass man eben etwas von unserer Realität abstrahieren muss. Denn ich denke, dass in unserer Realtität der Kommunismus nicht funktioniert, weil er eben auch gar nicht funktionieren kann. Marx ist von einem falschen Menschenbild ausgegangen und er hat die Erzieh- und Formbarkeit von uns Menschen überschätzt. Für einen funktionierenden Kommunismus bräuchte man bessere Menschen als es sie tatsächlich gibt.

--- Ende Zitat ---

Na ja, dann diskutiere ich halt doch politisch, wenn alle anderen es machen, und nehme Marx da in Schutz: Er hat ja aus gutem Grund den Kommunismus als einen Horizont formuliert. Das wird dann oft als Wolkenschloss-Utopismus ausgelegt, aber eigentlich war es die sehr realistische Einschätzung es historischen Materialisten: Aller Wahrscheinlichkeit nach war bisher keine Gesellschaftsform in der Lage, auf sie folgende Gesellschaftsformen vorherzusagen und sie mit ihrem Menschenbild zu vereinen. Ich glaube nicht, dass irgendein Mönch aus dem 14. Jahrhundert sich den Kapitalismus hätte ausmalen können oder dass er, wenn man ihn dessen gesellschaftliche Funktionsweise erklärt hätte, geglaubt hätte, dass sie mit Menschen funktionieren könnte.

Deshalb kann der Anspruch bei realer gesellschaftlicher Gestaltung nicht sein: Wir malen aus, wie die kommunistische oder auch nur sozialistische Gesellschaft aussehen wird (und wenn wir das machen, werden sowieso alle sagen, dass das mit den "Menschen nicht geht", weil so eine Gesellschaft ja zwangsläufig nicht dazu passen kann, wie Menschen gegenwärtig gezwungenermaßen im Allgemeinen so "sind"). Es kann immer nur darum gehen, zu überlegen, welche Werte und Ziele einen bei den konkreten gesellschaftlichen Veränderungen leiten sollen.

Das ist eigentlich ganz selbstverständlich. Und so würde ich mir dann auch sozialistische Settings im Rollenspiel vorstellen - da sind wir schon wieder sehr nah am Solarpunk und letztendlich bei fiktiven Welten, die sich bereits stärker in Richtung nachhaltig solidarisches Miteinander entwickelt haben als unsere und auch das Potenzial haben, sich weiter in eine solche Richtung zu entwickeln (aber immer auch die Möglichkeit bergen, dass es in andere Richtungen weitergeht).

Und DAS ist dann so selten nicht fiktiven Universen und birgt genug Konfliktstoff fürs Rollenspiel. Wie gesagt finde ich Tchaikovsky Children-of-Time-Reihe zum Ende hin ein gutes Beispiel dafür; Bei den Rollenspielen geht Blue Rose auf eine zugegebenermaßen sehr einfach gestrickte Weise in diese Richtung; das schon erwähnte Mindjammer hat auch entsprechende Anteile (wobei da das Fortschrittsideal vielleicht höher hängt als das des menschlichen/sophontischen Wohlergehens). In der SF Literatur sonst noch vieles von Iain M. Banks, Ursula LeGuin, Kim Stanley Robinson ... die haben alle spannende und konfliktreiche Romane geschrieben.

WeepingElf:
Ich bin da raus. Viel Spaß beim weiteren Diskutieren, und schöne Osterfeiertage!

nobody@home:
Nebenbei vermute ich stark, daß genauso wie ein "funktionierender Kapitalismus" (haben wir den eigentlich?) auch ein funktionierender Sozialismus nach wie vor seine Probleme haben wird, denn selbst, wenn materiell für alle gesorgt ist, sagt uns das noch nicht viel darüber aus, wer den Laden eigentlich mit was für Methoden regiert. Und ja, dann wird's daneben auch immer noch Leute geben, die aus unterschiedlichen Gründen "mehr" wollen, als es automatisch gibt, oder auch nur anderen ihrs nicht gönnen und also die Mechanismen des Verteilungssystems mehr oder weniger geschickt auszuhebeln versuchen...ebenso wie solche, die mit den in ihrem eigenen Kopf besten Absichten den katastrophalsten Blödsinn anstellen werden, wenn man sie läßt. Das sollte als Potential selbst für rein interne Konflikte eigentlich erst mal reichen.

Auch da bietet Mindjammer schon ein bißchen Vorbild: die "New Commonality of Mankind" mag rein vom alltäglichen Lebensstandard des Durchschnittsbürgers auf einer voll erschlossenen Standardwelt her durch unsere Augen betrachtet paradiesisch aussehen, ist aber gleichzeitig auch funktionell eine Kolonialmacht, die die dank Überlichtflug wiedergefundenen "verlorenen Kinder" der Menschheit da draußen mit der Überlegenheit ihrer eigenen Kultur beglücken will, auch sonst durchaus ihre eigenen Ziele verfolgt und interne Fraktionen und Konflikte hat, und sich nebenbei der schieren Stabilität und Konformität willen auch mit so altmodischen Memen wie Demokratie und (natürlich) freiem Handel nicht mehr abgibt. Speziell die Kernwelten um unser eigenes Sonnensystem herum sind dank zehntausend Jahren praktisch ungestörter Kontinuität stockkonservativ und selbstverliebt und frönen Philosophien, mit denen selbst viele ihrer Zeitgenossen nicht unbedingt klarkommen.

YY:

--- Zitat von: Feuersänger am  2.04.2026 | 23:08 ---Naja, DDR und SSSR waren eben keine funktionierenden Sozialismusse. Beweisstück A: sonst wären sie ja nicht wegrevoltiert worden bzw hätten sich nicht nur durch Einschüchterung, Gewalt und Willkür überhaupt so lange halten können.

--- Ende Zitat ---

Wenn man den Zeithorizont lang genug ansetzt, funktioniert aus der Perspektive keine Regierungs- und Gesellschaftsform :think: ;D
Oder andersrum: die haben genau so lange funktioniert, bis sie nicht mehr funktioniert haben - und das länger als andere. Da kann man auch eher schlecht von konkreten Beispielen auf die Allgemeinheit schließen, wenn die Erscheinungsformen und Zeitspannen so unterschiedlich sind.



Ansonsten sei der hiesige und der sozialistische Bruderthread abschließend beackert mit:

Paranoia.

Navigation

[0] Themen-Index

[#] Nächste Seite

[*] Vorherige Sete

Zur normalen Ansicht wechseln