Es geht um ein schwierig zu kommunizierendes Thema, das mir schon lange im Kopf umherschwirrt und das ich hier noch nie angesprochen habe. Beim Hören der
jüngsten Folge "Spielen Subversiv" von Lena Falkenhagen und Marina Weisband zum Thema "Wessen Ziele verfolgen wir im Liverollenspiel?" hat es dann "Klick" gemacht und eine Tür zu dem Thema aufgestoßen.
Es geht bei diesen Überlegungen auch um einen fundamentalen Unterschied zwischen Live-Rollenspiel und Pen-and-Paper-Rollenspiel.
Rolle, Charakter und Spieler:in im KonfliktEs dreht sich in dieser Folge viel um Immersion und das Spannungsfeld zwischen Rolle, Charakter und Spielerin beim Liverollenspiel. Während bei Pen-and-Paper sehr häufig die Spielleitung Deine erste Partnerin ist, die die Geschichte mit der Gruppe gemeinsam weiterspinnt, ist es im Live-Rollenspiel zumeist Dein:e Mitspieler:in, die mit Dir die Story kreiert.
Gerade wer im Liverollenspiel eine Hochstatus-Person spielt, muss sowohl die Rolle erfüllen, die die Hochstatus-Person hat ("Sagt uns, Königin, was wir jetzt tun sollen!"), als auch schwingt wohl nicht selten mit, dass gerade diese Figur für das Fortschreiten der Geschichte und den Spaß vieler Anderer verantwortlich ist. Hier kann es passieren, dass die Spieler:in sich unwohl fühlt, wenn sie den Plot voran treibt - vielleicht auch gegen das, was die Figur "eigentlich" machen würde.
Es kann im Live-Rollenspiel also vorkommen, dass für das Wohl des Großen und Ganzen (das Vorantreiben des Plots) ein:e Spieler:in gegen ihre eigene Immersion handelt. Ich habe nur eine einzige Liverollenspielerfahrung gehabt, aber das erscheint mir nachvollziehbar.
Marina in dieser Folge ab Minute 14:
"Ich spiele ja LARP, um 1000 Leben zu leben."Was im Liverollenspiel notwendig ist, kann beim Pen-and-Paper im Wege stehenSchwenk zum Pen-and-Paper: Ich hatte bislang keine Worte dafür, dass ich bei meinen SCs (bei den von mir gespielten und bei denen, die in meiner Runde spielen) allzu "gespielte", vielleicht sogar exaltierte Figuren unangenehm finde und warum.
Ich fühle mich am wohlsten mit SCs, die charakterlich zwar gerne etwas entfernter vom Spielenden sein dürfen, aber eher keine "aufdringliche" Agenda haben sollten. Ich denke, das ist gemeint mit den viel gescholtenen "Taschenlampen-Fallenlassern". Das normale Würfelpech und die nach bestem Wissen und Gewissen getroffenen falschen Entscheidungen sind in meinen Pen-and-Paper-Runden genügend Teil der Plotmaschine, den die Spielenden beisteuern. Taschenlampen-Fallen-Lassende sind im LARP vielleicht Gold wert, weil sie den Plot voranbringen, aber bei Pen-and-Paper verletzen sie das Prinzip, dass die Gruppe das aktuelle Plotproblem bestmöglich lösen möchte. Analog zu Marinas LARP-Bekenntnis:
"Ich spiele Pen-and-Paper, um meine Figur kleine, mittlere, große, epische und kosmische Probleme ... weiter entwickeln zu lassen." (Um das große Wort "lösen" einmal außen vor zu lassen.)
Kurz: Mir fällt die Immersion leichter, wenn mir die Figur näher ist, als wenn sie ein von mir entferntes Konzept ist.
Nehmt das aber nicht zu eng: Die Figur kann natürlich lauter, leiser, lustiger, ernster, sensibler, unsensibler sein als ich - nur das halt nicht zu extrem und bitte umso weniger, je schwerer oder bedrohlicher der Konflikt ist, in dem sich die Figur befindet.
Die These als tl;drEine Nähe zwischen Spieler:in und Figur erleichtert Immersion bei P&P (beim LARP mag das Gegenteil gelten).
Geht es Dir ähnlich? Oder versage ich mir ohne Not laute, bunte, extreme Spielerlebnisse am Spieltisch?