Medien & Phantastik > Hören
Was hört Ihr gerade so?
Crimson King:
Herbie Hancock - Sunlight
Ok, Head Hunters war ja schon Easy Listening-Jazzfunk, hier kann man den Jazz weitgehend streichen. Der Großteil des Albums besteht aus überlangen Funk-Kompositionen, gelegentlich wird auch mal in Disco-Gefilde abgedriftet. Sunlight ist auch Hancocks erstes Album mit Gesang. Die Stücke No Means Yes und vor allem Good Question sind dann zum Abschluss jazziger. Bei Good Question wirkt mit Bassist Jaco Pastorius von Weather Report auch eine der absoluten Größen der Fusion-Szene mit. Das Stück ist dann auch deutlich fordernder für den Hörer.
Ich finde solche Alben, und noch viel mehr die in den Folgejahren erschienenen von Jazz praktisch völlig befreiten Alben Monster und Future Shock vor allem dahingehend interessant, wie sie Alben wie Takin' Off und Maiden Voyage, zwei absolute Klassiker des modernen Jazz, kontrastieren.
Lyonesse:
Silly - So 'ne kleine Frau
DONOTS feat. Frank Turner - So Long
LUCKY_Seb:
Ótta von Sólstafir
https://youtu.be/v92o9-4E_hc
Mentale Vorbereitung für unseren Spielabend heute - Parlainth, die Vergessene Stadt - steht auf dem Programm.
Crimson King:
John Coltrane - My Favorite Things
Ich bin ja nun echt kein Fachmann für Jazz und könnte nicht mal ansatzweise erläutern, warum dieses Album als so bedeutend gilt. Das ändert nichts an dem Umstand, dass es mir sehr gut gefällt. Generell erscheint es mir so, dass Modaler Jazz so ein bisschen einen Sweet Spot für mich bildet. Bebop und Hardbop ist mir zu viel Virtuosität um der Virtuosität Willen, schnelle, technisch anspruchsvolle Soli dominieren. Free Jazz wie z.B. von Ornette Coleman ist mir tendenziell zu hektisch. Beim modalen Jazz treffen zumindest die Klassiker wie dieses Album, Kind of Blue oder Maiden Voyage dagegen voll meinen Geschmack. Die Musik wirkt stärker wie eine Gruppentätigkeit auf mich, das Tempo ist reduziert, die Musik klingt einfach entspannter.
Chiarina:
Beim traditionellen Jazz wurde über die den Stücken zugrundeliegenden Akkorden improvisiert.
Das heißt, dass im Prinzip für jede neue Harmonie eine neue Tonskala als Tonvorrat für die Improvisationen zur Verfügung stand und verwendet wurde.
Beim modalen Jazz wechseln die Harmonien tendenziell weniger oft als beim traditionellen Jazz (allerdings wird oft mit unkonventionellen Akkordzusammensetzungen experimentiert. Paradebeispiel: Maiden Voyage).
Obwohl es in der Regel durchaus noch Akkorde und Akkordwechsel gibt, werden sie in ihrem Wechsel beim Improvisieren nicht berücksichtigt. Deswegen wird der modale Jazz auch als erster Schritt zum Free Jazz betrachtet (...auch wenn der für unsere Ohren noch weit entfernt sein mag).
Entscheidend ist für einen Solisten, dass er sich beim modalen Jazz auf eine einzige Tonskala (einen "Modus") konzentriert.
Das hat mehrere Folgen:
- Die seltener wechselnden Harmonien wirken flächiger, stärker geerdet, manchmal meditativer, manchmal grooviger.
- Der Solist gewinnt Freiheiten, weil er die Akkordwechsel bei seinen Soli nicht mehr zu berücksichtigen braucht. Er kann frei die Töne seiner Skala verwenden, was allerdings auf die Dauer auch etwas langweilig werden kann. Fortgeschrittene Jazzer umspielen daher häufig die Töne ihrer Modi oder spielen bewusst "off" (außerhalb ihres Modus´), um sich dann effektvoll wieder in den zugrundeliegenden Modus zurückzubegeben. Die Improvisationen wirken dadurch freier... und erscheinen mir auch irgendwie individueller.
Coltranes "My favorite things" liegt eine alte Musicalnummer zugrunde, die für sich genommen recht traditionell ist. Während der Improvisationen wird aber der normale Harmonieverlauf der Nummer über Bord geworfen (was ungewöhnlich war) und ein einziger Grundton bleibt, über dem sich die dazugehörigen Dur- und Moll-Akkorde frei abwechseln (man kann das ganz gut an der Klavierbegleitung hören, deren Akkorde zwar grooven, aber harmonisch eher statisch wirken - Rhythmus ist hier viel wichtiger als harmonische Spannungsverläufe). Dass Coltranes Solo sich trotzdem nahtlos aus der Musicalmelodie ergibt, zu seinen "Sheets of Sound" steigert und dann doch die verdurte Schlusswendung aus dem Musical für das Ende der Nummer nutzt, ist für meine Ohren großes Kino.
Ich liebe diese Nummer sehr. Es ist eine Nummer, die ich seit mehr als zehn Jahren immer wieder höre.
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