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Was hört Ihr gerade so?

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Chiarina:
Ich habe in den letzten Tagen relativ viel Louis Armstrong gehört und stelle hier gerade mal einen langsamen Blues von ihm ein. Das Original von 1916 ist von W. C. Handy (aka "Father of the Blues") und berichtet von seinem Aufenthalt in Memphis. Der Text erzählt von der titelgebenden Straße, einem etwas anrüchigen Vergnügungsviertel mit seinerzeit vielen schwarzen Anwohnern. Interessanterweise beginnt der Song erstmal als irgendeine beliebige Ballade. Dann aber heißt es: "...the blind man on the corner singing "Beale Street Blues!" und erst dann beginnt der eigentliche Blues, gesungen also quasi vom Blinden an der Ecke, deutlich abgesetzt durch eine eigene Tonart. Was aber singt der Mann über seine Straße? Zum einen behauptet er, er würde sie nie verlassen, dann aber heißt es, er würde ins Wasser gehen, denn die Beale Street sei ausgedörrt ("gone dry"). Vielleicht ist das ein Hinweis auf die Prohibitionszeit, ganz sicher bin ich aber nicht.

Nach der Vokalversion schließt Louis Armstrong ein Solo an. Es beginnt relativ gesanglich, nah an der Melodie. Hört euch an, wie die Posaune und die Klarinette mitmischen, das sind noch ein paar Dixieland-Einflüsse, die zur Zeit der Aufnahme (1954) eigentlich schon längst passé waren. Aber Louis Armstrong spielt sich frei, die Rhythmusgruppe gerät in Schwung und es kommt trotz des bedächtigen Tempos am Ende noch zu einem recht emphatischen Höhepunkt. Für meine Ohren ist die Nummer ein vollendeter Klassiker!

Louis Armstrong: Beale Street Blues

Sidekick-Kai:
Tom Waits - Hoist That Rag

Ich höre mich gerade ein wenig in die Diskographie von Tom Waits ein. Vielleicht liegt es an meinem fortgeschrittenene Alter, aber mittlerweile kann ich mit solcher Musik sogar einiges anfangen. :)

Chiarina:
Noch ein Link zu György Kurtág, der neben seinen bekannteren Kafka Fragmenten auch noch eine Reihe von Fragmenten des ungarischen Dichters Attila József vertonte.

Diese Stücke sind noch reduzierter: Statt Sopran und Violine sind sie für eine unbegleitete Sängerin: Eine Frauenstimme also, mehr nicht. 20 Miniaturen, die zusammen eine Viertelstunde lang dauern.

Die Stimmtechniken sind ziemlich exakt notiert: Soll gesungen oder gesprochen werden oder irgendetwas dazwischen? Eher mehr gesprochen oder mehr gesungen? Das ist alles ziemlich präzise notiert. Der Rhythmus hingegen ist nur annäherungsweise notiert (z. B.: lange Pause oder sehr lange Pause?). Der Klang ist also genau kalkuliert, die Zeitgestaltung überlässt einer Interpretin Freiheiten... die sich auszahlen, wie ich finde.

Die Themen sind die Liebe, der Tod, Aggression, einfache bäuerliche Existenzen, Verwirrungen und die Suche nach Auswegen.

Adrienne Csengery hat diese Fragmente so wundervoll eingesungen, dass ich regelmäßig ganz andächtig werde: eine glasklare Stimme, jeder Ton sitzt genau und doch klingt alles irgendwie beiläufig, als sei es ein kurzer Zufallseinblick in ein ungarisches Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Ich höre die Stücke oft.

György Kurtág: Attila József Fragmente

Crimson King:
Nach acht reichtlich bekackten Tagen, die zugegebenermaßen beinahe noch viel bekackter gewesen wären, komme ich endlich mal wieder zum einigermaßen entspannten Hören. Da muss es jetzt nichts zu Schwergewichtiges sein. Ich packe das erste der Fillmore East Konzerte der Allman Brothers auf die Ohren und hänge dazu Wäsche auf. Vor allem die Version von In Memory Of Elizabeth Reed von diesem Konzert hat es mir angetan. Die finde noch mal einen Tacken besser als die, die schlussendlich auf Live at Fillmore East gelandet ist.

Chiarina:
Hier eines dieser Endlosstücke von dem bekannten nigerianischen Musiker Fela Kuti. Es findet sich auf seinem allerletzten Album. Außer ein paar allgemein bekannten Informationen weiß ich nichts über den Mann und auch über nigerianische Musik und die Entstehung des (bescheuerten) Begriffs "Afrobeat" weiß ich zu wenig. Daher nur ein paar Anmerkungen zum verlinkten Stück:

Es ist ein flotter Track, der fast eine halbe Stunde dauert. Alles ist in reger Betriebsamkeit. Eine groovige Rhythmusgruppe, extatische Backgroundsängerinnen, eine knarzige Bläsersection. Der Backgroundchor ist ein bisschen unsauber, was sein hörbarer Enthusiasmus wieder wett macht.

Interessant finde ich die Dramaturgie des Songs. Ich habe den Eindruck, die Rhythmusgruppe und die anderen bilden Lager, die dem Song fast unabhängig voneinander eine Form verleihen.
Hier also eine Weile lang die Backgroundsängerinnen, später dann ein Saxophonsolo, nach 13 Minuten irgendwann plötzlich Text und Gesang, dann Call-and-Response... Dort ein langes Groove-Kontinuum, dann ein plötzlicher Stop, aber es geht dann weiter wie zuvor, dann ein plötzlicher Lautstärkekontrast und Neuaufbau. Warum geschieht was und in welcher Beziehung zu den anderen Bandmitgliedern?

Etwas rätselhaft bleibt mir die Sache. Dennoch eine schöne Musik, zu der man sich eine gute Portion Groove und Trance abholen kann.

Fela Kuti: Underground System

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