Medien & Phantastik > Hören
Was hört Ihr gerade so?
Chiarina:
Es wird mal wieder Zeit für eine Coverversion von "Hey Joe".
Hier sind "The Cryan´ Shames", die den Song 1967 eingespielt haben.
Alleinstellungsmerkmale sind zunächst mal die beiden Gongschläge, die den Song einrahmen und dann noch ein etwas elegisches Gitarrenintro.
Ansonsten ist das hier mehr oder weniger Business as usual, das Tempo ist flott, der Schlagzeuger scheint hyperaktiv zu sein, es wird ein bisschen mit Triolen gespielt, die ziemlich genau in der Mitte des Songs (ab 1:28) für einen kurzen Moment kontrastierend die gerade Begleitung ersetzen.
Insgesamt ganz nett, wenn auch nicht bahnbrechend, wie ich finde.
The Cryan´ Shames: Hey Joe
Lyonesse:
Rachel Hardy - The Last Goodbye Cover von Billy Boyd - Battle of the Five Armies
The Last Farewell - Cover by Tim Lewis
Da sich selbst Elvis schon an diesem Evergreen abgearbeitet hat ohne Whittaker wirklich zu erreichen, ist dies hier
ein sehr ehrenwerter Versuch.
Chiarina:
"The World Greatest Tenor" - wieviele davon gibt es eigentlich?
Einer von ihnen war jedenfalls Mario Lanza. Er war im 2. Weltkrieg als Italoamerikaner für die U.S. Truppenbetreuung zuständig und machte hinterher auch Karriere. Allerdings hat er auf der Opernbühne keinen dauerhaften Erfolg gehabt. Seine Titelauswahl deckte durchgängig sehr populäre Nummern aus Oper und Operette und auch ein paar Popsongs ab. Er spielte auch in ein paar mehr oder weniger belanglosen Filmen mit. Insgesamt war er damit Mainstream. Für eine tiefgehende Interpretation einer Opernfigur bekam er keine Gelegenheit. Die Story endet auch etwas tragisch und läuft über die Stationen Alkohol, zweiter Karriereversuch in Italien, früher Tod mit 38 Jahren durch Herzinfarkt - steht zumindest im Totenschein.
Mein Vater hat mir hin und wieder von dem Mann erzählt. Er hatte nach dem Krieg auch hier in Deutschland einen Namen, den man kannte. So richtig auf ihn aufmerksam geworden bin ich aber erst durch Peter Jacksons großartigen Film "Heavenly Creatures". Hier ist eines der beiden neuseeländischen Mädchen, die sich in eine Fantasiewelt hineinträumen, Fan von Mario Lanza. Der Sänger ist im wahrsten Sinne des Wortes der Held ihrer Träume. Es gibt eine großartige Szene in dem Film, in der der Vater des Mädchens nach Hause kommt, Mario Lanza läuft auf dem Grammophon, und der Mann parodiert den Sänger, indem er ihn pantomimisch nachahmt und einen Fisch nimmt, den es zum Essen geben soll, ihn schüttelt und in sein offenes Maul singt. Das Mädchen schmollt natürlich, die Szene zeigt aber sehr toll, wie überkandidelt Mario Lanza eigentlich damals schon war.
Zwei unglaubliche Nummern von Mario Lanza sollte man kennen, wie ich finde. Es ist zum einen das bekannte "Funiculi, Funicula" und zum anderen die nicht minder bekannte "Donkey Serenade" (beide gehören auch zum Soundtrack von Peter Jacksons Film).
Immer wenn ich "The Donkey Serenade" höre, muss ich an Monty Pythons "Ritter der Kokosnuss" denken, denn das, was in diesem Song das Hufgeklapper des Esels darstellt, hört sich für mich nach einem direkten Vorläufer der Kokosnusshälften an, die auch die britischen Komiker in ihrem Film für die Reittiere verwendet haben.
Die Story des Songs ist schnell erzählt: Da gibt es den armen Eseltreiber, der vor dem Fenster seiner schönen Señorita ein Ständchen zum Besten gibt. Da ihm aber scheinbar niemand zuhört behauptet er, für seinen Esel zu singen.
Aber dann geschieht etwas Merkwürdiges. Mario Lanza scheint mit sich selbst zu sprechen, sogar ein Chor stimmt von irgendwoher aus dem Off mit ein und verwickelt den Sänger in ein Gespräch. Es scheinen wohl auf gewisse Art und Weise innere Stimmen zu sein, die ihm vorgaukeln, sein Liedchen würde doch sein Ziel erreichen. Ständig aber vermischt sich dabei der Wunsch mit der Realität: Ja, da hört jemand aufmerksam dem Liedchen zu, aber diese Person hat ein entzückendes, zierliches Wiehern! Ja, da freut sich jemand, dass der Sänger den weiten Weg bis zu dem Fenster gemacht hat und würde gern in das Liedchen mit einstimmen, aber leider hat diese Person einen kleinen Stimmfehler und das einzige, was ihre Stimme hergibt ist ein langes -
...und dann folgt zweimal in diesem Stück der Traum eines jeden Tenors: ein wirklich sehr lang gehaltenes "Iaaaaahhhhh!"
Man kann über diesen Song sagen, was man will. Dieser Witz funktioniert bei mir immer wieder. Vielleicht bin ich ein allzu anspruchsloser Humorist. Dass sich aber ausgerechnet der tenorhafteste aller Klänge - der sehr, sehr lang ausgehaltene, alles durchdringende, laute, hohe Ton - sonst Erkennungszeichen für alle feurigen Liebhaber auf den Opernbühnen der Welt - hier als Eselschrei entpuppt, das gefällt mir doch sehr...
und mit mir lachen sogar die Karpfen!
Mario Lanza: The Donkey Serenade
Swafnir:
Judas Priest - Painkiller
Chiarina:
Ich höre "La Roux", ein allerliebstes Pflänzchen aus diesem Oldschool-Revival, ach nee, Elektropop-Revival, das es vor gut 10 Jahren mal gegeben hat. Uncharmanter ausgedrückt: eine der damals durchs Dorf getriebenen Säue, nach denen heute kein Hahn mehr kräht.
Ich nehm´s zum Anlass, mal zwei Sätze dazu zu schreiben, was ich mir von einem Revival verspreche.
Der Sozialist Jean Jaurès äußerte 1910 im französischen Parlament gegenüber konservativen Abgeordneten: "Wir sind die wahren Erben der Herde unserer Vorfahren: wir haben daraus ihre Flamme geholt, ihr habt nur die Asche bewahrt." Da wird also unterschieden: ein brennendes Feuer ist noch zur Ausbreitung fähig, mit der Asche ist nur noch ein Stillstand zu haben.
So weit, so gut. Natürlich wählen wir das Feuer und nicht die Asche, wenn wir die Wahl haben. Aber wie hält man das Feuer am Brennen? Es ist ja mit dem Feuer genauso wie mit dem Fluss, der nie zweimal derselbe ist, wenn man in ihn hinein steigt. Ein altes Feuer, das weiter brennt, braucht immer wieder neuen Brennstoff.
Was für Brennstoff? Da gibt es unterschiedliche Möglichkeiten: manchmal funktioniert eine Aktualisierung, manchmal ironische Distanz, manchmal ein Aufgreifen in unterschiedlichen Zusammenhängen, manchmal eine Verwendung eines historischen Elements als Bestandteil einer Montage, manchmal Übertreibung bis hin zur Groteske, manchmal vielleicht auch ein Verdeutlichen der Historizität aus heutiger Sicht. Solche Vorgehensweisen erlauben ein traditionsbewusstes Handeln, das trotzdem nicht zu musealer Erstarrung führt.
Im Elektropop der 80er muss ich das Feuer allerdings erst suchen... und viel gefunden habe ich bisher nicht. Ein Revival hätte trotzdem mehr als eine reine Kommerzveranstaltung gewesen sein können, es hätte dann aber deutlich machen müssen, dass durchschaut wird, wie dünn das Brett ist, das da gebohrt wird. Vielleicht wäre also ein ironisches Augenzwinkern angebracht gewesen? Das funktioniert sogar manchmal beim Oldschool-Revival!
Ich höre den größten Hit von "La Roux" und muss bedauernd feststellen, dass hier zwei Musiker ihre traditionellen, langweiligen Elektroklänge völlig ernst nehmen. Dumm gelaufen: Das ist Anbetung der Asche.
La Roux: Bulletproof
(nur die Mondrian-Jacke aus dem Video... die mag ich... aber die ist auch nicht gerade 80er).
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