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Was hört Ihr gerade so?

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Chiarina:
Ich höre Leonhard Lechner, einen deutschen Komponisten der Spätrenaissance. Sein Werk "Deutsche Sprüche von Leben und Tod" steht spannungsvoll zwischen der Polyphonie der italienischen Renaissance und der protestantischen Kirchenmusik. Außergewöhnlich ist aber vor allem die Intensität, mit der Lechner den Text durch musikalische Floskeln unterstreicht. Das Stück besteht aus insgesamt fünzehn extrem kurzen Vertonungen von Texten eines unbekannten Dichters. Lechner schreibt keinen Ton zu viel. Auch diese Kürze steigert die Intensität des Stückes. Ein Musikwissenschaftler hat behauptet, Lechner habe "einen Totentanz komponiert, für den es in der gesamten deutschen Musikgeschichte keine Parallele gibt."

Ich will zwei Stellen herauspicken und wenigstens ansatzweise zeigen, wie die Musik gestaltet ist.

Zunächst der Anfang. Der Text des ersten Teils lautet:
Alles auf Erden
stets mit Gefährden
des Falls sich wendet
hin und her ländet.
Jeder Vers wird einfach und gleichsam genial vertont. "Alles auf Erden" beginnt mit ruhigen Blockakkorden und scheint tatsächlich "alle Zeit der Welt zu haben". Die Gefährdung wird durch eine polyphone Auffächerung und Aufwärtsführung der vier Stimmen umgesetzt. Der Fall wird durch versetzte Abwärtsläufe dargestellt. Das "hin und her" wird auf eine synkopische Wechselnote gesungen. An sich ist der Einsatz solcher "musikalischer Affekte" zu Lechners Zeit nicht ungewöhnlich, wenn auch eine relativ neue Idee. Zu bedenken ist allerdings, dass der Teil insgesamt nur ca. 45 Sekunden dauert. Eine derart verdichtete musikalische Ausgestaltung des Textes ist dann doch ungewöhnlich und beeindruckend.

Der Text des siebten Teils lautet:
Wenn sich erschwinget
das Glück, dir g´linget
thu nit d ´rauf bauen,
ihm z ´viel vertrauen.
Die Musik legt dem Text entsprechend einen schwungvollen Dreiertakt ein, der aber am Schluss durch eine kleine polyphone Verirrung wieder aufgelöst wird. Das Glück war von allzu kurzer Dauer. Der Teil ist der kürzeste von allen und dauert nur 16 Sekunden (3:49 - 4:05).

Das sind nur zwei Beispiele aus einem komprimierten Werk, das von Anfang bis zum Schluss mit äußerster Akribie durchgestaltet ist. Es dauert je nach Interpreten um die 10 Minuten insgesamt.

Leonhard Lechner: Deutsche Sprüche von Leben und Tod

JPJ:
Bo Burnham - Welcome to the Internet
Paradise - The Gray Havens

Zwei extrem unterschiedliche aber geniale Lieder :D

Chiarina:
Ich mache mal wieder das Spielchen "Originale neu hören". Diesmal mit "Light my fire" von den Doors.
Habe ich schon ewig nicht mehr aufgelegt. Und bewusst zugehört habe ich dem Song vielleicht noch nie.

Also los, ich starte mit dem Text.
Zunächst fordert Morrison ein Mädchen zu gemeinsamer Extase auf, die Metapher dafür ist das entzündete Feuer. Warum? Nicht nur, weil es eine heiße Angelegenheit ist. Das Feuer besitzt auch eine verzehrende Kraft, die alles zu Asche verbrennt. Dadurch wird der Song auch zum Statement gegen Spießerroutine. Es wird vom intensiven Leben und der schnellen Extase gesungen. Darin schwingt aber bereits das Ende mit, denn nach der Aufforderung zur Extase ist vom Scheiterhaufen (funeral pyre) der Liebe die Rede. Das Ganze ist natürlich sehr Sechziger Jahre, auch ein bisschen einfach, ein bisschen albern, ein bisschen pennälerhaft. Interessant finde ich aber, wie die Gefahr bezeichnet wird: "No time to wallow in the mire". Das ist der Gegenentwurf zur brennenden Extase: Suhlen im Morast. Ein schönes Bild, wie ich finde: Der Morast hält seine Opfer gerne fest, er ist feucht und klebrig, oft auch kühl, in vielerlei Hinsicht das Gegenteil vom Feuer. Dennoch ist der Morast ein Bild, das auch eine positive Interpretation erlaubt: Wie ist das beispielsweise mit den Schweinen, die sich gern im Schlamm wälzen? Da geht es um die Kühlung, die der Schlamm verschaffen kann. Bei der Frage "Feuer oder Schlamm?" hängt wohl auch viel von der Umgebungstemperatur ab, der jemand ausgesetzt ist.

Und die Musik? Das Intro finde ich knackig: Kurz, auf den Punkt, einigermaßen originell, wesentliche Bestandteile des Songs werden vorweggenommen: Ein Erkennungszeichen.
Dann kommen zwei Strophen und Refrains. Es ist bereits der gesamte Text, der am Ende lediglich noch einmal wiederholt wird. Wie ein Jazzthema. Ansonsten ist das musikalisch gesehen ein ziemlich normaler Song. Die Strophen pendeln etwas minimalistisch zwischen zwei Akkorden, der Refrain bringt als Kontrast dazu ein bisschen Bewegung. Die nudelnde Orgel nervt mich etwas, ist aber Geschmackssache.

Im Zentrum des Songs stehen aber zwei lange Soli.
Das Orgelsolo ist absolut klassisch aufgebaut, fast wie aus einem Rezeptebuch: minimalistischer Beginn, Steigerung durch Erweiterung des Tonraumes, gegen Ende quasi-Extase durch Aufbrechen des Grundtempos (durch Triolen). Ich habe ein paar Liveaufnahmen des Songs gehört. Ray Manzarek hat dieses Solo immer wieder gleich - oder doch fast gleich - gespielt. Das passt zum Klangeindruck. Hier hat jemand versucht ein perfektes Solo zu komponieren und ist dann dabei geblieben.
Das Gitarrensolo endet auch mit einem Aufbrechen des Grundtempos durch Triolen. Bis es aber soweit ist, unterscheidet es sich doch ziemlich stark vom Orgelsolo: Es ist ziemlich fragmentartig, vertraut mehr auf den spontanen Einfall, probiert auch ein paar Spieltechniken aus (Slides, parallel  hin und hergeschobene Doppelgriffe). Folgerichtig unterscheidet sich dieses Solo bei den Liveaufnahmen auch stärker. Robbie Krieger improvisiert. Sein Solo läuft nicht in Gefahr auseinanderzufallen, weil seine Ideen doch recht begrenzt sind, außerdem werden sie auch durch die als Backing dazu dudelnde Orgel zusammengehalten.

Nach Abschluss der Soli erklingt erneut das Intro - etwas ungewöhnlich, etwas Come together, etwas mehr als 7 Minuten eben. Das Erkennungszeichen signalisiert uns: Jetzt kommt der ganze Song nochmal. Unverändert? Nein, die beiden Strophen sind vertauscht. Diesmal beginnt der Song mit dem Scheiterhaufen und endet mit dem extatischen Feuerzauber (und einem letzten, abschließenden Intro). Diese Spiegelung zeigt für mein Verständnis, dass diese Extase in zyklischen Verläufen immer wieder zu bekommen ist. Fire und funeral pyre folgen stetig wiederkehrend aufeinander. Ein bisschen Phönix, Wiedergeburt, Transzendenz, ein bisschen Unendlichkeit also. Insgesamt wirkt das auf mich heute zwar etwas wie Klangschalen aus dem Esoterikshop, aber ich lebe auch in einer anderen Zeit und ich mag immerhin, dass Morrison für seine "großen Ideen" so einfache Mittel verwendet. Manchmal mag ich sogar diesen naiv-sympathischen Mystizismus  ...manchmal allerdings sehne ich mich auch mal nach einem kühlen, feuchten Schlamm.

The Doors: Light My Fire

psycho-dad:
Antti Martikainen Music - Kalevala ( 25 min. 'Instrumental Black Metal Folk'... was auch immer das sein soll. Klingt Super :d :D )



P.S.:
Wo is der zwinkernde Daumen-Hoch-Smiley hin?  :o

Chiarina:
Hier noch ein Doors Song, diesmal ein kürzerer.
"Strange Days" ist der Opener des zweiten Albums, und ich finde den Song relativ spannend.

Er handelt wohl erst einmal von der Hippieszene, der sich Morrison zugehörig fühlt und die vom Establishment argwöhnisch betrachtet wird. Das Ergebnis sind die titelgebenden "Strange Days". Die ersten beiden Strophen beginnen mit vier Versen, in denen Morrison über die missbilligende Gesellschaft klagt und zwei Versen, in denen er seine Reaktion schildert: Ignorieren, Weggehen, Anprangern.

Die Harmonien dieses Songs sind bemerkenswert.
Jeweils zwei Verse lassen sich einer Tonart zurechnen.
Dabei stehen die klagenden Verse in Molltonarten. Die beiden Schlussverse stehen im Gegensatz dazu in Dur und ihre ungewöhnliche Akkordfolge wird hinterher noch dreimal durch eine beschleunigte Instrumentalvariante verstärkt.

Wenn das alles wäre, wäre es ein netter Song, mehr aber nicht. Es wäre ein Song, der auf relativ intelligente Art und Weise die eigene Weltanschauung verklärt: die böse Außenwelt wird mit düsterem Moll untermalt, die eigene Reaktion mit einer helleren, wenn auch etwas bizarren Folge von Durakkorden.

In der dritten Strophe aber wird die Versunterteilung aufgegeben, und das hat Konsequenzen. Der Text lässt sich als Fluchtversuch von Morrison und seinen Gefährten in die Drogennacht interpretieren. Und interessanterweise wird auch die Nacht, die ja eigentlich das Gegenstück zu den "Strange Days" sein sollte, als "strange night of stone" bezeichnet. Zwar erklingen auch hier wieder die Durakkorde, die Worte deuten aber an, dass der Sänger mit ihnen offenbar nichts Zuversichtliches mehr verbindet.

Vielleicht waren die Pforten der Wahrnehmung hier bereits (1967) verschlossen.

The Doors: Strange Days

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