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War in True Grit: Western-Smalltalk/Filmemacher & Gesellschaft
Chaosdada:
--- Zitat von: Lyonesse am 2.03.2011 | 16:51 ---Dennoch ist mir ein guter Western alle paar Jahre lieber, als eine Horde doch oft recht durchschnittlicher Produktionen vergangener Zeiten
--- Ende Zitat ---
Ja, wenn ich an Filme mit Titeln wie aus einem versatzstückgespeisten Zufallsgenerator, oder Titeln, die von coolen Sprüchen aus anderen, erfolgreichen Filmen oder gar den Namen von Stücken des Soundtracks anderer Filme abgeleitet sind, denke, muss ich dir da zustimmen.
Wenn ich andererseits an einen gewissen österreichischen Baron/Gunslinger mit Pickelhaube denke, bin ich doch ganz froh, dass auf die Darstellung nicht-angelsächsischer oder -mexikanischer Figuren zumeist verzichtet wird.
Und ich habe nicht gesagt, dass in Deutschland gute Actionserien gemacht werden.
Lyonesse:
--- Zitat von: Chaosdada am 2.03.2011 | 18:05 ---Wenn ich andererseits an einen gewissen österreichischen Baron/Gunslinger mit Pickelhaube denke, bin ich doch ganz froh, dass auf die Darstellung nicht-angelsächsischer oder -mexikanischer Figuren zumeist verzichtet wird.
--- Ende Zitat ---
Das ist aber eher eine Parodie oder ein Klischee, als eine adäquate Darstellung, wie sie mir vorschwebt. Aber was soll's, der Western ist eben WASP-Refugium, angefüllt mit ur-amerikanischen Gestalten von Ronald Reagan bis John Wayne. Dann darf sich aber auch niemand darüber wundern, wenn das nicht mehr als zeitgemäß angesehen (und abgelehnt) wird, was es eigentlich - zumindest in Bezug auf den realen Wilden Westen - auch nie war.
korknadel:
Ich gehöre zu den wenigen, die KDD gesehen haben und gebe Lyonesse in diesem Punkt völlig recht :d.
(Wobei ich dem deutschen Kino noch mehr zutraue als dem deutschen TV.)
Zum Thema Western: Ich hatte eigentlich schon den Eindruck, dass der Italo-Western da sehr viel korrigiert und (siehe Erbarmungslos) auch auf den amerikanischen Western abgestrahlt hat. (Pat Garrett and Billy the Kid von Pekinpah (1973) ist übrigens auch ein schönes Beispiel eines antiheroischen Westerns).
Und was den Umgang mit dem Cowboy-Mythos angeht und der propagandistischen Glorifizierung, da sehe ich eigentlich auch eine erfreuliche Entwicklung zu einem enorm hohen Grad an Kritik (wie sie in dieser Form in Deutschland nicht vorkommt). Wenn auch kein klassischer Western, aber Brokeback Mountain bricht schon gehörig mit dem Heimatfilm-Idyll alter Schule, und vollends wird der klassische Western in Deadwood von HBO dekonstruiert. Sehr viel realistischer und kritischer (und dabei auch noch intelligent und unterhaltsam) kann man wohl kaum zeigen, auf welchem verrohten Fundament der glorreiche Westen gegründet ist. Nimmt man dann Carnivale und Boardwalk Empire als Fortsetzung und landet schließlich bei Wire, Six Feet Under, Big Love, Sopranos, dann hat man ein Geschichtspanorama der USA, wie es differenzierter und kritischer kaum sein könnte, solange es noch irgendwie Spaß machen soll.
Von daher sehe ich das Problem nicht so sehr, dass dem kritischen Blick zu wenig und der "Propaganda" zu viel Platz eingeräumt würde. Freilich sieht das bei Hollywood-Produktionen anders aus, vor allem, wenn es um Quietschbuntes oder Actionknalliges geht. Was will man denn bitte von Filmen wie Star Wars oder Fluch der Karibik erwarten? Aber in Hollywood tummeln sich ja auch Leute wie die Coen-Brüder oder Ang Lee, die durchaus auch mal den Finger auf die Eiterbeulen der amerikanischen Geschichte bzw. Realität legen.
Und dann darf man auch nicht immer alles auf die "Konzerne" oder "Lobbys" oder "Zensoren" schieben, die vermeintlich die Medien knebeln. Es soll vorkommen, dass Scheiße auch einfach aus Überzeugung heraus verzapft wird. Und einen enormen Einfluss haben halt auch die Konsumenten, die per Nachfrage das Angebot regeln. Und es gibt eben auch hierzulande mehr Leute, die sich an bushistischem "24" erfreuen als an gesellschaftskritischem Deadwood oder Carnivale oder The Wire. Auch ein Buch von Sarrazin wird nur dadurch zum Bestseller, dass es zu viele Leute gibt, die es kaufen.
Ich finde, dass es, was das Film- und TV-Schaffen angeht, in Deutschland viel finsterer aussieht. Etwas wie Deadwood halte ich hierzulande für undenkbar. Der "Deutsche" hat seine Vergangenheit ja schließlich bewältigt und will nicht mehr damit belangt werden. Wenn es historisch sein muss, dann bitte gefälligst bummsblöd (Störtebecker) oder gar nicht wirklich (Niebelungen). Und dann ist natürlich alles willkommen, wo gezeigt wird, wie toll die Deutschen in der Nazi-Zeit waren (Sophie Scholl). Noch erfolgreicher sind die Serien und Filme, in denen Deutsche als Opfer daherkommen, nämlich die ganzen Flüchtlingsdramen, Bombennächte, und sowieso waren ja alle Opfer des gemeinen (Ver-)Führers. Was wirklich selten (und wahrscheinlich gar nicht so gern gesehen) ist, sind Deadwood-artige Sachen wie Das weiße Band, in denen gezeigt wird, wo die Wurzeln unsrer "Nation" so liegen.
Chaosdada:
--- Zitat ---Zum Thema Western: Ich hatte eigentlich schon den Eindruck, dass der Italo-Western da sehr viel korrigiert und (siehe Erbarmungslos) auch auf den amerikanischen Western abgestrahlt hat. (Pat Garrett and Billy the Kid von Pekinpah (1973) ist übrigens auch ein schönes Beispiel eines antiheroischen Westerns).
--- Ende Zitat ---
Ich sagte ja schon Ursprungsfaden, dass das in den letzten Jahrzehten im Western nicht mehr wirklich geschieht. Aber das liegt, denke ich, vor allem daran, dass der Western kein "Mainstream-Genre" mehr ist, denn es gibt ähnliche Figuren immer noch, nur in modernen Actionfilmen. Und Erbarmunngslos ist kein klassischer Italo-Western.
Der Italo-Western ist mMn so ein Mittelding: Die Protagonisten sind oft amoralisch, sie sind - wie der Rest der Welt - dreckig und schäbig, sie führen ganz sicher kein erstrebenswertes Leben, aber sie sind eben dennoch die Identifikationsfiguren und ungemein cool, wodurch sie schon als eine Variante des romantisierten, idolhaften Revloverheldens betrachtet werden können.
Ich schaue übrigens gerne 24, zumindest solange sich nicht alles wiederholt. Gesellschaftskritisch in einer Fernsehserie zu sein, halte ich für in manchen Kreisen extrem überbewertet, erst recht bei Kritik an der Gesellschaft von vor 100 Jahren.
Das weiße Band habe ich nicht gerne gesehen, weil er langweilig war. Und die Vergangenheitsbewältigung der Deutschen findet im Übermaß zwangsweise in der Schule statt, da ist es wohl kaum überraschend, dass es nicht gern gesehen wird, wenn man den Leuten damit auch noch in Filmen und Serien auf den Wecker geht - was in Geschichtssendungen (Guido Knopp präsentiert: Hitlers Helfer - Die Kloputzer) und Ami-Filmen sowieso noch häufig genug geschieht.
Suro:
Ich muss mich zum Wohle des weißen Bandes sehr wehren, wunderbarer Film, sowohl inhaltlich als auch für sich stehend. Und die "Vergangenheitsbewältigung" bei Guido Knopp und auch leider viel zu oft im Geschichtsunterricht finde ich zwar auch größtenteils furchtbar, aber hauptsächlich deswegen weil man sich zu sehr an den bösen Nazis aufhängt - gerade die Zeit vor dem 2. Weltkrieg oder die Zeit des ersten Weltkriegs wird wirklich nur als Einleitung gesehen, viel zu häufig nur nach dem "Warum?" und nicht nach dem "Was?" gefragt. Ich habe eben erst ein Buch über den Deutschen Bürgerkrieg (1918-1923) gelesen, und diese Zeit ist so voll von interessantem Material, dass ich eine weitere mediale Aufarbeitung nur allzu gerne sehen würde.
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