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Cypher-System - leichte Ernüchterung
Achamanian:
Ich blättere jetzt schon seit einer Weile immer wieder etwas eklektisch im Cypher-System-Regelbuch rum und stelle fest, dass ich das ganze als Universalsystem gar nicht besonders reizvoll finde.
Die Gründe:
1. Leider scheint das Regelbuch es zu versäumen, die Charakterklassen aufzubohren und brauchbare und einfache Anleitungen zum Eigenbau zu geben - stattdessen bekommen wir Flavors, die es erlauben, wählbare Fähigkeiten zu ersetzen, das Ganze zu einer Frickelei und dabei wahrscheinlich auch nicht viel flexibler machen.
2. Das ganze Descriptor-Type-Focus-System ist halt sehr settinggebunden. Man bekommt - das ist wohl auch das typische am Cypher-System - massenhaft Bausteine, die oft auch tolle, verrückte Ideen als Anknüpfungspunkte darstellen, aber ich wüsste gar nicht, aber auf der Grundlage eigene Konzepte umzusetzen, die schon etwas weiter gediehen sind, wäre sicher eine elende Such- und Modifizierungsaufgabe, für die das System eher wenig konkrete Anleitungen gibt.
3. In eine ähnliche Kerbe: Ich finde es nervig, dass praktisch alle Sonderfähigkeits-Systeme komplett in die Klassenaufstiege integriert sind, anstatt die mal an anderer Stelle zu systematisieren (Kampf, Magie - bzw. Psi oder Wunder oder welcher Flavor auch immer, Soziales) und den Klassen dann beispielsweise einfach Zugriff auf Fähigkeiten des entsprechenden Levels in der entsprechenden Kategorie zu geben. Auch das kommt einem Selberbasteln überhaupt nicht entgegen.
Kurz als Disclaimer: Ich spiele gerade eine tolle Numenera-Runde, in der ich bis auf ein paar ganz kleine Nervigkeiten absolut glücklich mit dem System bin. Nur: Es passt eben für Numenera, ein Setting, das darauf basiert, dass man die verrückten Ideen nimmt, mit denen man da geradezu totgeschmissen wird, und was Lustiges mit ihnen macht, ohne sich groß um die Zusammenhänge zu scheren. Um ein Universalsystem draus zu machen, dass auch für konzeptionell etwas "strengere" Settings brauchbar ist, hätte man das viel grundsätzlicher aufbohren müssen.
So würde ich das System wohl immer noch empfehlen, wenn es darum geht, einfach einen Haufen bunter Bausteine zu bekommen und auf der Basis was Spaßiges zusammenzuwerfen. Aber ein eigenes Setting würde ich damit nicht umsetzen, dafür erscheint mir so was wie Fate, Savage Worlds viel brauchbarer (sogar Fantasy Age, das zwar auch völlig starr ist, bei dem die Einzelteile aber zumindest so leicht erkennbar sind, dass man damit basteln kann ...).
Antariuk:
Klingt als wenn das Cypher System deinen Spielgeschmack nicht wirklich trifft! ;)
--- Zitat von: Rumpel am 29.01.2016 | 15:24 ---1. Leider scheint das Regelbuch es zu versäumen, die Charakterklassen aufzubohren und brauchbare und einfache Anleitungen zum Eigenbau zu geben - stattdessen bekommen wir Flavors, die es erlauben, wählbare Fähigkeiten zu ersetzen, das Ganze zu einer Frickelei und dabei wahrscheinlich auch nicht viel flexibler machen.
--- Ende Zitat ---
Verglichen mit Numenera sind die Types durchaus aufgebohrt, bzw. enthalten neue Fähigkeiten. Was an Flavors jetzt frickeliger sein soll als an den Types selber erschließt sich mir aber nicht - beides basiert darauf Listen durchzugehen die einem bestimmten Thema und Tier zugeordnet sind. Und wieso wird es dadurch "wahrscheinlich auch nicht flexibler"? Dank der Flavors kann z.B. ein Warrior auf Tier 1 jetzt "detect magic" machen, das ging vorher nicht. Was ist daran unflexibel? Vor allem weil man je nach Lust und Laune mal eine magische Option, mal extra Skills, mal eine alternative Kampftechnik wählen kann.
Eine Anleitung zum Eigenbau wäre allerdings wirklich schön gewesen, da muss man leider auf Fanartikel wie z.B. Creating Foci ausweichen.
--- Zitat von: Rumpel am 29.01.2016 | 15:24 ---2. Das ganze Descriptor-Type-Focus-System ist halt sehr settinggebunden. Man bekommt - das ist wohl auch das typische am Cypher-System - massenhaft Bausteine, die oft auch tolle, verrückte Ideen als Anknüpfungspunkte darstellen, aber ich wüsste gar nicht, aber auf der Grundlage eigene Konzepte umzusetzen, die schon etwas weiter gediehen sind, wäre sicher eine elende Such- und Modifizierungsaufgabe, für die das System eher wenig konkrete Anleitungen gibt.
--- Ende Zitat ---
Da die vorhandenen Fähigkeiten echt eine Menge an klassischen Ideen und Archetypen abdecken, kann ich diesen Punkt nur schwer nachvollziehen. Für meine CyhperRun-Runde wo wir im Shadowrun Universum spielen sind die Spieler einerseits mit vorhandenen Ideen durch die Optionen gegangen und haben sich passende Sachen rausgesucht, andererseits haben bestimmte Optionen gleich Assotiationen geweckt. Für meine Idee eines Superheldenspiels kann ich mich ebenfalls nicht über einen Mangel an Möglichkeiten beklagen. Die vorhandenen Optionen decken eigentlich alles ab, von Horror über SciFi und Fantasy bis hin zu Modern. Den Hinweis des Rulebooks, ein GM sollte den kompletten Kram durchgehen und eine bestimmte Liste an erlaubten/verbotenen Dingen für seine Runde erstellen, halte ich an der Stelle auch für komplett verfehlt - zumindest wenn man gemeinsam Charaktere erstellt, weil dann kann man das viel besser live abklären anstatt da Unmengen an Lebenszeit mit dem Erstellen von Listen zu verbringen. Bei den vorhandenen Optionen wurde eigentlich schon an die meisten Umstände gedacht :)
--- Zitat von: Rumpel am 29.01.2016 | 15:24 ---3. In eine ähnliche Kerbe: Ich finde es nervig, dass praktisch alle Sonderfähigkeits-Systeme komplett in die Klassenaufstiege integriert sind, anstatt die mal an anderer Stelle zu systematisieren (Kampf, Magie - bzw. Psi oder Wunder oder welcher Flavor auch immer, Soziales) und den Klassen dann beispielsweise einfach Zugriff auf Fähigkeiten des entsprechenden Levels in der entsprechenden Kategorie zu geben. Auch das kommt einem Selberbasteln überhaupt nicht entgegen.
--- Ende Zitat ---
Gerade das finde ich eigentlich sehr sympathisch, weil mir die "vereinheitlichten" Systeme die ich bisher viel gespielt habe oftmals irgendwann auf die Nerven gegangen sind weil es dann sehr schnell dedizierte Spezialisten für alle diese Bereiche gibt wo keiner der anderen Charaktere mehr eine Schnitte hat. Beim Cypher System dagegen ist es ziemlich einfach für Hybride auch auf höheren Tiers noch relevant zu bleiben und sich nicht irgendwann über die vergeudeten Ressourcen zu ärgern. Bei neuen Spielern habe ich bisher auch beobachtet dass sich für diese ziemlich lange ein "sense of wonder" erhält was das System angeht weil es so viel zu entdecken gibt. Sicherlich auch ein Nachteil auf der anderen Seite, aber bei der insgesamt sehr überschaubaren Komplexität des Systems halte ich das nicht für einen Dealbreaker.
Wie genau fühlst du dich denn am Selberbastel gehindert? Mit den variierten Listen von Types/Foci hat man doch eigentlich eine prima Auswahl was z.B. die Mächtigkeit von Tier-3 Fähigkeiten angeht und kann seine Eigenkreation da entsprechend einsortieren. Es hätte tatsächlich bastelfreundlicher aufgeschlüsselt werden können, aber insgesamt finde ich das Bauen von eigenen Inhalten im Cypher System extrem viel einfacher als z.B. für Pathfinder, wo man überhaupt keine offiziellen Angaben hat was ein Feat so ungefähr können darf/kann/soll.
--- Zitat von: Rumpel am 29.01.2016 | 15:24 ---Um ein Universalsystem draus zu machen, dass auch für konzeptionell etwas "strengere" Settings brauchbar ist, hätte man das viel grundsätzlicher aufbohren müssen.
--- Ende Zitat ---
Wo denn? Abgesehen von den namensgebenden Cyphers, die auch mit alternativen Erklärungen wie göttliche Gunst oder so teilweise etwas aufgepropft wirken oder komplett ignoriert werden könnten, sehe ich keinen Bedarf am Grundsystem zu rütteln. Das funktioniert schon ziemlich gut so wie es ist. Jedes System hat halt sein eigenes Spielgefühl, das zu ändern nimmt doch den Reiz eben jenes System zu benutzen. Zumal die Hinweise aus den Genre-Chapters auch alle sehr brauchbar sind, von den Power Shifts für Superhelden bis zu Schock für Horror geben die alle Hinweise wo man am System noch herumschrauben kann.
--- Zitat von: Rumpel am 29.01.2016 | 15:24 ---So würde ich das System wohl immer noch empfehlen, wenn es darum geht, einfach einen Haufen bunter Bausteine zu bekommen und auf der Basis was Spaßiges zusammenzuwerfen. Aber ein eigenes Setting würde ich damit nicht umsetzen, dafür erscheint mir so was wie Fate, Savage Worlds viel brauchbarer (sogar Fantasy Age, das zwar auch völlig starr ist, bei dem die Einzelteile aber zumindest so leicht erkennbar sind, dass man damit basteln kann ...).
--- Ende Zitat ---
Auch hier: wo sind die Bausteile des Cypher Systems nicht erkennbar? Wo ist Fantasy Age wirklich besser zum selber bauen?
EDIT: Ich will das Cypher System nicht als das ultimative Übersystem hinstellen, aber deine Kritik liest sich als wenn da sehr viel spontane Enttäusching drinsteckt die vielleicht etwas an den Tatsachen vorbeigeht. Oder ich verstehe dich momentan einfach nicht, was auch gut möglich sein kann.
Achamanian:
--- Zitat von: Antariuk am 29.01.2016 | 16:16 ---
EDIT: Ich will das Cypher System nicht als das ultimative Übersystem hinstellen, aber deine Kritik liest sich als wenn da sehr viel spontane Enttäusching drinsteckt die vielleicht etwas an den Tatsachen vorbeigeht. Oder ich verstehe dich momentan einfach nicht, was auch gut möglich sein kann.
--- Ende Zitat ---
EDIT: Ersteres kann gut sein - ich hatte mir tatsächlich mehr versprochen. Ich habe auch den Eindruck, dass das System durchaus gut die Archetypen abdeckt und noch einen ganzen Haufen verrückte Ideen draufliefert - wenn ich jetzt aber eine eigene verrückte Idee habe, die schon relativ durchdacht ist, oder wenn ich ein existierendes Setting (sagen wir mal Mittelerde ...) umsetzen will, dann muss ich mich doch entweder durch einen Riesenhaufen Flavors und Foki wühlen, bei denen ich oft anhand der Namen gar nicht feststellen kann, ob sie passen könnten, und die dann eventuell noch auf irgendwelchen einzelnen Tiers Kräfte haben, die gar nicht ins Konzept passen - oder halt gleich alles selbst erfinden, wofür das System dann aber auch nicht richtig Werkzeuge liefert, oder? (Kann falsch sein, ich habe bisher nur quergelesen und dabei ein bisschen nach solchen Baukasten-Sachen gesucht).
Ich weiß nicht, vielleicht ist das auch einfach nur meine Tausend-levellingbasierte-Klassensonderfertigkeiten-Allergie - wo dann bei Cypher im Prinzip halt auch noch alles in Richtung Magie mit reingepampt ist; Bei Numenera passt das für mich irgendwie - auch das mit dem von dir angesprochenen "Fähigkeits-Sense-of-Wonder". Wenn ich ein Setting selberbastele oder adaptiere, dann kann ich aber genau das als SL überhaupt nicht brauchen.
Zugegebenermaßen, der Fantasy-Age-Vergleich war vielleicht übertrieben, Cypher ist da sicher schon das bessere Universalsystem (auch, weil es eben nicht nur ein Fantasy-System ist). Und wie gesagt bin ich auch längst noch nicht durch. Aber das Cypher-System weckt bei mir halt gar nicht den Impuls, was eigenes damit zu machen und mich dafür erst mal damit zu befassen, wie ich jetzt die Klassen und Foki anpasse.
Achamanian:
--- Zitat von: Antariuk am 29.01.2016 | 16:16 ---Klingt als wenn das Cypher System deinen Spielgeschmack nicht wirklich trifft! ;)
--- Ende Zitat ---
Doch doch, wie gesagt - ich habe damit derzeit meine längste und spaßigste Runde seit langem und finde es unglaublich leicht und angenehm zu spielleiten!
Aber das Cypher-System-Regelbuch macht auf mich halt den Eindruck, mir nicht so sehr Werkzeug zu geben, um ähnliches oder auch anderes selbst umzusetzen - es bewirft mich eher mit allem möglichen coolen Zeug; lauter Puzzleteile, aus denen man vielleicht ein tolles Bild basteln kann, aber die nicht unbedingt dazu geeignet sind, ein bestimmtes Bild, das einem schon vorschwebt, damit zu erschaffen.
Selganor [n/a]:
Also eher eine Sammlung von "fertigen" Lego-Bausaetzen (Auto, Raumschiff, ...) als ein grosser Haufen kleiner bunter (oder selbst bemalbarer) Teile aus denen man sich genau das zusammenbauen kann was man will ;)
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