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Nahezu unverwundbare Plattenrüstung und verwandtes
Quaint:
Ich habe mich in den letzten Tagen verstärkt mit mittelalterlichen Dingen beschäftigt, Artikel gelesen und Youtube Videos geschaut. Und das bringt mich auf den Gedanken, dass in den mir präsenten Regelwerken Plattenrüstung oft recht inadäquat dargestellt wird. Soweit ich das Überblicke war sie mit den Waffen der Zeit kaum zu durchdringen. Selbst stark panzerbrechende Waffen wie Kriegshämmer fügten meist nur kleinere Wunden zu - wenn überhaupt. Mir scheint, man hatte zwei wesentliche Wege jemanden in Plattenrüstung zu besiegen: Man konnte gekonnt Schwachstellen angreifen, aber so arg viele gab es da nicht und teils waren die dann zumindest noch mit Kette geschützt. Oder man konnte zusehen, dass man den gepanzerten wiederholt mit möglichst viel Gewalt traf und zudem auslaugte (den so eine Plattenrüstung, gerade mit geschlossenem Visier, schien der Ausdauer recht abträglich zu sein - man neigte zum Überhitzen und bekam schlecht Luft). Irgendwann fiel der Gepanzerte dann um oder konnte sich nichtmehr recht wehren - dann hatte man je nach Gusto einen Gefangenen oder einen toten Feind. Denn einmal wehrlos, war es recht problemlos möglich, den Gerüsteten zu erledigen. Es gab da sogar speziell konzipierte Dolche, etwa Ballocks-Dagger, Misericorde/Gnadgott.
Hat jemand Leseempfehlungen für Rollenspiele, die das adäquat umsetzen? Hat jemand Ideen, wie man sowas gut umsetzen könnte? Also die Stärke von Plattenrüstung darstellen, ohne sie gleich völlig unbesiegbar zu machen und ohne allzuviel Aufwand zu treiben, so dass Kämpfe nicht unnötig ausgebremst werden.
In einem meiner Homebrewsysteme (FAF) bin ich da vielleicht schon auf einem nicht ganz schlechten Wege: Dort ist es so, dass Rüstung vom Schaden abgezogen wird, und eine Plattenrüstung, je nach Ausführung, zieht so etwa 8 bis 12 vom Schaden ab. Wieviel Schaden jemand anrichtet, ist aber auch sehr stark von dessen Werten abhängig - ein unerfahrener Kämpfer mit einem (einhändigen) Speer mag sowas wie 1d6+4 anrichten, ein mäßig erfahrener Kämpfer mit einem (einhändigen) Schwert vielleicht 1d8+6 und ein erfahrener, kräftiger Typ mit einem Zweihandhammer vielleicht 1d12+10. Sprich wenn es um normale Angriffe geht, wirkt eine Plattenpanzerung schon etwa so, wie ich mir das vorstelle - wenn man nicht eben zu sehr brachialen Mittel greift ist da kaum ein durchkommen (so 30 bis 50 Lebenspunkte sind normal).
Nun gibt es aber auch Sonderfertigkeiten, die den Schaden teils massiv erhöhen (etwa x2 vor Rüstung). Somit ist es dann möglich, selbst jemanden in schwerer Platte, wenn man ihn gut mit einem solchen Spezialangriff trifft, relativ rasch auszuschalten. Das ist manchmal wünschenswert, oft aber auch etwas unrealistisch. Ich erwäge nun, die Möglichkeit zu schaffen, die Sonderfertigkeit einzuführen, dass man als Rüstungsträger in begrenztem Umfang auch mehr oder weniger das Gegenteil machen kann, also durch geeignete Gegenmaßnahmen irgendwie den Schaden senken (man mag sich da sowas vorstellen wie den Schlag mit einem besonders stark gepanzerten Rüstungsteil aufzufangen, in den Schlag zu gehen, so dass er noch nicht die volle Wucht entwickelt oder dergleichen). Ich bin aber noch unsicher ob das, wie etwa der Wuchtschlag, etwas kosten sollte, oder ob man es wie Paraden oder Ausweichmanöver ohne Kosten an Kraftpunkten realisiert und nur in der Anzahl der Anwendungen pro Runde begrenzt. Und ich bin mir auch unsicher, wie die Auswirkung dann genau sein sollte (etwa den Schaden vor Rüstung halbieren, den Schaden nach Rüstung halbieren, den Schaden um einen festen Wert senken, die Rüstung gegen diesen Angriff verdoppeln etc.)
Ideen und Hinweise, sowohl zu der allgemeinen Thematik als auch der Umsetzung in meinem Homebrewsystem wären mir sehr willkommen.
Weltengeist:
Naja, die Frage ist ja, ob du wirklich ganz realistisch spielen willst. Wenn ja, dann solltest du dein Regelbuch auch so aufstellen, dass man an einem einzigen Messertreffer sterben kann und dass so gut wie jede Verletzung 3 Monate braucht um zu verheilen, wenn überhaupt. Oder dass die SC nach einem Pfeiltreffer gleich am Wundfieber draufgehen, weil meist irgendwelche Fasern im Körper zurückbleiben und sich entzünden.
Wenn dir das Spaß macht - nur zu. Bei den meisten Spielern ist das aber nicht so, und deshalb setzen die meisten Rollenspiele das so auch nicht um.
Die Diskussion, ab welchem Jahr ein Ritter in Rüstung keinesfalls mehr hilflos war, wenn er erstmal vom Pferd gefallen war, überlasse ich Schwerttänzer ;).
Arldwulf:
Generell ist die Frage wohl auch was Schaden bei dir bedeutet, wenn dies eine Ansammlung von aufgebrauchtem Glück, gerade so den tödlichen Schlägen entkommen, Erschöpfung und tatsächlichen Verwundungen ist, so macht es durchaus Sinn auch in der Plattenrüstung verwundbar zu sein, da der Trefferpunkteverlust dann auch die Erschöpfung und die Frage abdeckt ob der Gegner die passende Gelegenheit zum abstechen fand,
Deep_Impact:
--- Zitat von: Weltengeist am 15.06.2016 | 06:03 ---Die Diskussion, ab welchem Jahr ein Ritter in Rüstung keinesfalls mehr hilflos war, wenn er erstmal vom Pferd gefallen war, überlasse ich Schwerttänzer ;).
--- Ende Zitat ---
Niemals, denn dann wäre niemand so irre so eine Rüstung zu tragen. Und man mag es kaum glaube, aber eine volle Plattenrüstung ist leichter gewesen als die Ausrüstung eines modernen Infantristen.
Generell muss man einfach mal überlegen, dass Rollenspiele eine Ansammlung von Klischees, Missverständnissen, Misskonzeptionen und teilweise Übersetzungsfehlern sind. Und viel davon hat uns eingewisser G. Gygax eingebrockt, wie:
- Plattenrüstungen sind unbeweglich
- Schwere Helme erlauben kaum Sicht
- Langbögen sind besser als Kurzbögen (so man den Begriff akzeptiert)
- Kompositbögen sind hochtechnische Waffen... (alles nach der Steinzeit waren komposit. Komposit ungleich Compoundbogen!)
- Schleudern sind einfache, ineffektive Bauernwaffen
- Zweihandschwerter werden wie Schwerter benutzt
- Dungeonräume sind quadratisch mit flachen Decken
- Zu jeder Zeit und gegen jede Rüstung wurde eine beliebige Waffe eingesetzt
- ... und so weiter und so fort....
(lässt sich für moderne Feuerwaffen beliebig weiterschreiben)
Man muss eben verstehen, dass wir die Rüstungen und Waffen der Zeit aus unserer Sicht begreifen. Ich habe zum Beispiel Miniaturen aus dem HYW und mich immer gefragt, warum die Ritter keine Schilde haben. Lösung: Sie empfanden es einfach als unnötig! Im Spätmittelalter - und vorher gab es keine Plattenpanzer - glaubte man eben, dass 2mm Stahl effektiver sind als ein Schild und das ist auch korrekt. Lieber einen schlagkräftigen Rabenschnabel, um überhaupt durch die Rüstung kommen zu können.
Man muss sich glaube auch vom Konzept der Lebenspunkte = Blutverlust etwas trennen. Ein Hammer auf einem Bascinet richtet kaum direkten Schaden an, der Schlagschock ist aber gewaltig. Ein Schwert auf einem Kreuzfahrerhelm kann dagegen schnell das Genick brechen, so dass man sich fragt, wie es jemals zu dieser Helmentwicklung gekommen ist.
Es gibt wohl Rollenspiele, die das abbilden können, aber die sind als "zu crunchy" relativ unbeliebt. Es bleibt dabei: Will man das Klischee spielen oder die Realität simulieren. Ich habe mich für ersteres enschieden und so darf ein Gegner von der Schrotflinte getroffen gerne mal dramatisch durch die Gegend fliegen....
Wer nicht so die Leseratte ist, dem kann ich einige gute Youtuber empfehlen:
LindyBeige: Wohl der bekannteste, mir persönlich sind sein Video zu reißerisch und gleiten schnell in nen Rant ab. Nimmt dafür das eine oder andere RPG-Thema mal auf.
Scholagladiatoria: Schon etwas ruhiger der Vetreter. Hauptsächlich geht es bei ihm um die Waffen.
Knyght Errant: Mein persönlicher Liebling, wenn es um Rüstungen geht. Sehr detailiert und ruhig. Orientiert sich an historischen Fakten und Reproduktionen und versucht nicht sich selber als den einzigen darzustellen, der dabei war.
Chiungalla:
--- Zitat von: Deep_Impact am 15.06.2016 | 07:16 ---Niemals, denn dann wäre niemand so irre so eine Rüstung zu tragen.
--- Ende Zitat ---
Es sei denn der erste Teil der Schlacht besteht traditionell daraus auf Pferden mit Kriegslanzen aufeinander loszugehen, und ohne die Rüstung hätte man so gut wie keine Überlebenschance.
--- Zitat von: Deep_Impact am 15.06.2016 | 07:16 ---Und man mag es kaum glaube, aber eine volle Plattenrüstung ist leichter gewesen als die Ausrüstung eines modernen Infantristen.
--- Ende Zitat ---
Erst einmal vergleichst Du da Äpfel mit Birnen: komplette Ausrüstung vs. Rüstung.
Und zudem stimmt das so nicht wirklich. Es gibt Plattenrüstungen die unter der Gesamtausrüstung moderner Infanteristen liegen. Aber es gab auch schwere Infanterierüstungen weit jenseits der 50 kg (zuzüglich Zweihänder, Stangenwaffe, o.ä.) und vergleichbare Plattenpanzer für Reiter.
Und gerade wenn wir von "unverwundbaren Plattenrüstungen" sprechen, dann wohl kaum von einer 1 mm dicken Alurüstung.
Aber ich gebe Dir in so weit Recht, dass vieles was im Rollenspiel als Allgemeinwissen durchgeht schlicht falsch oder wenigstens klischeebeladen ist.
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