Das Tanelorn spielt > Albtraum in Norwegen

Irgendwo in IRLAND

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Joran:
Clive

Der Kies knirscht unter unseren Schuhen, als wir am Manor entlanggehen.

"Nein, ich glaube nicht, dass Collins Dich von meinen Besuchern schützen will. Ich glaube er gehört zur gleichen Gruppe.

Auch mich nennen die Fremden 'Auserwählter' und benehmen sich dabei in befremdlicher Weise servil. Auch sie sprechen von Azathoth. Und sie kamen auch nicht gemeinsam. In meinem Salon sitzen
- ein deutsches oder österreichisches Zwillingspärchen namens Hölderlin,
- einen Araber namens Karim und
- eine Äthiopierin, von der ich dachte, es könne jene Frau aus dem Auktionshaus sein, von der ihr mir in London berichtet habt sein.
Sie alle sind fast gleichzeitig aufgetaucht. Sie alle scheinen das gleiche Ziel zu verfolgen und sehen keine Konkurrenten in sich. Darum würden sie vermutlich auch Collins akzeptieren. Nur Mr. Braddock scheint der Gegner dieser 'Huldiger' zu sein. Wir müssen unbedingt noch einmal versuchen, mit Braddock zu reden!

... Es fragt sich, ob wir beide die zweifelhafte Ehre haben, Auserwählte zu sein, oder ob einer von uns gleich entthront wird. ... Wäre es nicht so errschreckend surreal, müsste man darüber lachen. ... Was mag uns beide verbinden, was diese Menschen glauben lässt, wir seien auserwählt?"

Wir erreichen das Portal des Manor und ich halte Ove die Tür auf.

Puklat:
Ich halte noch einen Moment an.
Ich denke, dass es Zeit wird Clive von den Symptomen endlich zu berichten. Vermutlich ist es nun zu spät, aber ich habe Ihnen vorher ja auch kaum eine echte Bedeutung zugemessen.

"Warte noch..."
Ich bedeute Clive die Tür noch kurz zu schließen. Als er das nicht tut, da meine Geste offensichtlich zu unauffällig oder missverständlich war, flüstere ich ihm zu

"Surreal... sicherlich. Aber ich habe das Gefühl das mit der "rechten Hand", hat einen realen Sinn. Ich habe es damit nicht in Verbindung bringen wollen, aber ... seit England, seitdem Kristine in dem Privatkrankenhaus war, habe ich immer wieder ein Jucken, Brennen und ein ungewöhnliches Gefühl in meiner rechten Hand. Auch als dieser Mr. Collins auftauchte war das so. Und gerade eben wieder. Vielleicht bin ich irre oder mir steigt diese "Auserwählten-Sache" schon zu Kopfe.... aber ich fürchte es könnte was mit der verfluchten Hand aus dem Auktionshaus zu tun haben. Ich habe sie vermutlich berührt... direkt... und ich habe sie eine ganze Weile mit mir herumgetragen... du ja auch... vielleicht "färbt sie ab"? Sind wir angesteckt?!"

Ich merke wie eine gewisse Panik in mir aufsteigt. Ich kann es kaum glauben, was ich dort sage, doch ergibt es für mich in einer beängstigenden Art Sinn.

Joran:
Clive

Die Angst beginnt von Ove Besitz zu ergreifen. Ich habe diesen Ausdruck schon so oft auf den Gesichern anderer Menschen, selbst gestandener Männer, gesehen. Sei es an der Front oder auf meinen Expeditionen. Die Angst macht auch vor dem kräftigsten Mann nicht halt. Und Ove zählt eher zu den sensiblen Gemütern.

Also halte ich inne und schließe die Haustür noch einmal, auch wenn ich kein gutes Gefühl dabei habe, die Fremden in meinem Haus so lange unbeaufsichtigt zu lassen.

Es kostet mich einige Überwindung, nach Oves Hand zu greifen, um diesen zu beruhigen ... um ihm das Gefühl zu geben, ich als Arzt habe keinerlei Bedenken, was seine Hand angeht. Ich habe gelernt, meine Gefühle vor Patienten zu verbergen, Ekel, Abscheu oder (mitunter irrationale) Sorge vor Ansteckung unter einer Maske aus Rotine zu verbergen. Die Sicherheit, die ich ausstrahle, ist jedoch nur eine Fassade. Tatsächlich bin ich mir nicht sicher, welche Auswirkungen der Kontakt mit der Hand hatte. Zwar sagt mein Verstand mir, dass die Berührung von Oves Hand natürlich ungefährlich ist. Ich habe sie in den vergangenen Monaten unzählige Male geschüttelt. Kristine hat ihn ständig berührt. Und doch prallen Oves Worte nicht völlig an mir ab, so dass ein Restzweifel getragen von irrationalen, urtümlichen Instinkten verbleibt.

Lange schon habe ich beobachtet, wie Ove unbewusst nach seiner rechten Hand greift, sie kratzt oder reibt oder einfach nur hält. Dieses Verhalten hat schon im Montgomery Spital in Crawles begonnen. Aber ich hielt es eher für ein psychosomatisches Leiden, irgendein durch die noch nicht abschließend verarbeiteten traumatischen Erlebnisse in London ausgelöstes, kompensatorisches Verhalten.

"Ich glaube nicht, dass mit Deiner Hand irgendetwas nicht stimmt. ... Was Du empfindest, ist vermutlich nur Ausdruck Deiner nur zu verständlichen Ängste aus der Zeit in London. ... Manche Erlebnisse brauchen viel Zeit, um von uns verarbeitet zu werden ... sehr viel Zeit.

Ich habe die Hand nie direkt berührt. Dennoch sehen mich diese Fremden auch als einen 'Auserwählten' an. Vielleicht sind sie in Wahrheit nur gekommen, um nach dem Verbleib der Hand zu forschen, liefern uns hier eine große Show, um uns zu verunsichern und zu unbedachten Äußerungen zu verleiten.

Was Azathoth betrifft ... nun, ich sehe da eher einen Bezug zu den Ereignissen auf Herm, was mich betrifft."

"London bringe ich eher mit Yog Sothoth in Verbindung, was sich natürlich nicht gegenseitig ausschließt", ergänze ich lediglich in meinen Gedanken.

"Wenn es mit London im Zusammenhang steht, möchte ich herausfinden, ob ich etwas über Cainnechs Verbleib erfahren kann.

Ich will verstehen, wo Paul in den Jahren seit Herm war und wie er die Insel damals verlassen konnte.

Es hilft nichts, wir müssen aufklären, worum es hier geht! Diese Besucher sind alle von unterschiedlichen Orten zur gleichen Zeit hier angekommen. Das muss etwas bedeuten. Wir können sie nicht einfach fortschicken und unsere Augen davor verschließen. Wir müssen die Ursache feststellen und bekämpfen, wenn das möglich ist. ... Ich bin mein Leben lang auf der Flucht gewesen. Und ich bin es leid! ... Willst Du so ein Leben? Für Dich? Für Kristine? ... Ich will, dass Matilde zurückkehrt! Ich will einen sicheren Ort für Marie!

Wir müssen da jetzt durch! Wir müssen diese Fremden kontrollieren. Und wir müssen mit Braddock reden. Wir sind nur zu zweit. Ich muss mich auf Dich verlassen können, Ove! Alleine schaffe ich das nicht!"

Ich denke an mein Herz und die seit Monaten vor Matilde verborgenen Symptome. "Wieviel Zeit verbleibt mir? Wenn ich Matilde nicht zurückbekomme, was soll dann werden? Die Zeit läuft mir davon!" Vor meinem inneren Auge sehe ich die Alternative: das lichterloh brennende Manor, das Feuer, das all mein Wissen und meine Habe verschlingt, das den Virus endgültig auslöscht und vollendet, was schon vor über dreißig Jahren hätte geschehen sollen.

Ich warte Oves Antwort nicht ab, sondern öffne die Tür erneut, ohne Raum für einen Widerspruch zu lassen.

Ich weiß, dass es nicht fair ist, Ove weiter in diese Angelegenheit einzubinden. Ich weiß, was das vermutlich bedeutet ... was es für die meisten meiner Gefährten bedeutet hat. "Aber ich habe keine Wahl, wenn ich meine Ziele erreichen will. Ich MUSS das hier klären und Matilde zurückholen, um welchen Preis auch immer. Der Fetisch, SIE, meine Forschungen ... sind wichtiger als das Leben einzelner Menschen. Auch wichtiger als mein Leben." Aber ich weiß, dass es immer die anderen trifft, nicht mich ... auch wenn ich mir wünschte, es wäre anders.

Als wir den Salon betreten, stelle ich Ove meinen 'Gästen' vor.

Puklat:
Clive lässt mir keine Chance etwas zu sagen. Aber was hätte ich noch sagen können?

Hätte ich sagen sollen, dass das Jucken auch dann auftaucht, wenn ich in unbeschwerten Momenten lockeren Gedanken nachhänge? Gut, das passiert leider nicht sehr oft. Aber selbst dann wird das Jucken immer stärker, oder die Wärme  in der Hand nimmt zu. Oder sie beginnt sich taub, wie eingeschlafen anzufühlen. Hätte das etwas daran geändert?

Nein! Wir müssen zu den "Gästen", ich muss Clive helfen. Er hat einiges für uns, Matilde, Kristine, Marie, und mich getan. Da ist es sein gutes Recht eine Gegenleistung einzufordern.

Ich würde Clive gerne noch sagen, dass die eigenartigen Gefühle in meiner rechten Hand nicht durch meine Stimmung oder Gedanken gesteuert sind. Sie tauchen aus für mich nicht klar nachvollziehbaren Gründen auf. Und ebenso plötzlich verschwinden sie wieder. Ich habe auch Harry noch nicht davon erzählt. Ich halte es doch nicht für eine Geistesstörung.

Ich hätte ihm auch gerne gesagt, dass die Frau Marquard doch meinte, dass eine längere räumliche Nähe zu diesem Artefakt einen Einfluss auf die Personen hat. Ich dachte es wäre nur ein vorübergehender Einfluss. Nein, eigentlich dachte ich es wäre ein Hirngespinst. Aber der Einfluss hält bald 3 Jahre an. Das kann nicht mehr normal und nur ein Hirngespinst sein.

Was ist, wenn Clive bei der Vernichtung der Hand etwas davon aufgenommen hat... sei es materiell oder stofflos?!

Ja, Ove, was wäre dann?
Nichts wäre dann! Nichts! Nichts, was jetzt, in diesem Augenblick, eine Rolle spielen würde. Wir müssen so oder so mit den Leuten im Haus reden. Oder sie zumindest aus dem Haus schaffen. Und  auch wenn ich Clive nicht abnehmen kann, dass er so locker und gelassen ist, wie er tut, muss ich ihm jetzt beistehen. Nein, gerade deshalb.

Als Clive die Tür zum unmissverständlichen Zeichen öffnet, dass es keine Zeit mehr zu verlieren gilt, nicke ich ihm zackig zu. Als Zeichen dass ich bereit bin und auch um mir selber noch mal einen neuerlichen Energieschub zu geben.

Kurz überlege ich, ob es vielleicht sinnvoller gewesen wäre William Collins zurückzurufen. Aber wenn er mein Wächter wäre und tatsächlich von diesem Azatoth geschickt und gelenkt wird, dann hätte er eine negative Präsenz in den Personen, die Clive hier her geführt hat, sicher bemerkt und wäre nun an unserer Seite.

Als Clive mich vorstellt, fällt mir wieder ein, dass Mr. Collins es als unmöglich und frevelhaft erachtet hat mein Haus zu betreten. Wären diese "Gäste" also wirklich ebenfalls von Azatoth geschickt und würden den gleichen Regeln folgen, dann wären sie doch nicht hier drinnen. Als ich das realisiere, schrillen einige Alarmglocken in meinem Geist. Doch keine dieser Glöckchen schrillt so laut und durchdringend wie die Alarmglocke, die wie die Sturmglocke in der Kirche von Bengstfors in meinem Kopf läutet. Diese Sturmglocke wird von einer dunkelhäutigen Frau geläutet, die mit ihrer Gazellen-haften Eleganz vor mir steht.
In meinem Geiste läutet sie mit Leichtigkeit die Sturmglocke von Bengstfors und lächelt mich dabei freundlich und frech an.

DIESE Frau kenne ich... das ist die Frau, die Baxter verfolgt aber verloren hat. Was hat sie hier zu suchen?

Ich ärgere mich, dass ich mit Clive über meine Hand, aber nicht über ein geheimes Zeichen zur Verständigung für den Fall, dass ich hier wen wiedererkenne, gesprochen haben.

Joran:
Clive

Ich gieße nun auch Ove eine Tasse Tee ein. Das Aroma des Tees vermag nicht, den schweren Duft der Frau zu überdecken. Als ich vorgebe, das Aroma des Tees zu inhalieren, sauge ich ihre Anziehungskraft in mich auf. Ich versuche es zu unterdrücken, aber die afrikanische Schönheit zieht immer wieder meinen Blick auf sich. Gegenwart und Vergangenheit vermischen sich in meinen Gedanken. Ich ertappe mich bei dem Wunsch, dieser Frau zu helfen, wenn ich schon SIE nicht retten konnte.

"Ist sie nicht auch nur ein Opfer fremder Mächte? Von falschen Priestern zu einem Dienst für die falschen Mächte verführt? Aber wofür steht Azathoth? Kann ich wirklich behaupten, an ihn zu glauben sei schlechter als andere Religionen, die auf dieser Welt praktiziert werden?"

"Ich bin unverändert nicht sicher, ob Sie bei mir an der richtigen Adresse sind", knüpfe ich an unser vorheriges Gespräch an. "Um ehrlich zu sein: Ich bin mir eigentlich sicher, dass Sie hier nicht richtig sind. Mein Freund beispielsweise hatte heute Besuch von einem Mr. William Collins. Auch er erklärte, Azathoth zu dienen, und er bezeichnete Mr. Eklund als den 'Auserwählten'. Und Ove ist es vermutlich genausowenig wie ich. So klar scheinen die Dinge also offensichtlich nicht zu liegen.

Darum bitte ich Sie, jeden einzelnen von Ihnen, noch einmal genau zu berichten, woher Sie kommen, wie Sie hierhergereist sind, wer Sie gegebenenfalls geschickt hat, warum Sie mich für einen 'Auserwählten' halten und was Sie nun von mir erwarten. Bitte seien Sie ganz offen. Ove genießt mein vollstes Vertrauen."

Ich setze mich in meinen Sessel und schaue Ayana Kebede aufmerksam an, um ihr zu signalisieren, dass sie den Anfang machen soll. Und es ist wieder kein Zufall, dass mein Blick zuerst auf sie fällt. Ich will sie in Ruhe betrachten, ohne dass dies unangemessen oder anzüglich wirkt ... wenngleich sie damit offenbar kein Problem hätte. Ich will ihrer Stimme lauschen und gleichzeitig ihre Mimik und Gestik studieren. Und ich will in ihren dunklen Augen versinken, um sie zu ergründen. Ich will in ihre Seele zu blicken ... um dort nach möglichen Antworten auf jahrzehntealte Fragen zu forschen.

"Was bist Du? Eine Falle? Eine Antwort? Eine Wiedergeborene Seele? Ein neues Gefäß für IHRE Seele?"

Mir kommt ein Gedanke, der mich selbst erschrecken lässt:
"Ich besitze ihn noch, den Zauber von Herm, mit dem Annephis in den Körper von Matilde eindrang. ... Was wäre, wenn ich das Ritual vollzöge? Könnte ich IHRE Seele in Ayana Kebedes Körper senden?
Wäre das eine Wiedergutmachung? Würde damit früheres Unrecht ungeschehen gemacht oder wäre das neues Unrecht? Wer ist Ayana Kebede, über deren Seele ich richten würde?
Wie muss ich das Versprechen auf Leben interpretieren? Ich wünschte ich hätte den hölzernen Sarkophag noch zur Verfügung, hätte ihn genauer studieren können ...
Meine Seelenverwandte in einem neuen Körper ... sie war eine .... weise Frau, eine Priesterin vielleicht ... die Optionen, die das eröffnen würde ... für die Zukunft ... für MEINE Zukunft, nachdem Matilde mich verlassen hat ...
Aber dafür müsste ich SIE erst in mir wiederfinden ... seit dem Vorfall der Änderungsschneiderei ist SIE verborgen ... aber irgendwo ist SIE noch, das fühle ich ..."

Ich muss schlucken angesichts der Macht der Versuchung, die diese Phantasie auf mich ausübt.

"Aber ist es nur eine wahnwitzige Phantasie ... oder könnte ich es wahr werden lassen? Dieser Körper und IHR weiser Geist ... könnten sie mein sein? Am Ende meines Lebens eine Erfüllung, die mich für alles vorausgegangene entschädigen würde? ... Bis hin zu einem Kind vielleicht? ..."

Mir ist klar, dass die Ereignisse dieses Tages mich aus dem Gleichgewicht geworfen haben: Nichts scheint heute begreiflich zu sein, nichts hält sich an die Gesetze der Natur, nichts scheint unmöglich ... "Dieser Tag ist ein einziges Traumgespinst aus Schrecken, Ängsten und Hoffnungen, doch mag sich daraus eine neue Zukunft weben lassen ..."

Doch dann machen mir die Zwillinge einen Strich durch die Rechnung und kommen Ayana zuvor. "Ist dies lediglich übertriebener Eifer oder das Buhlen um meine Gunst? Oder steckt vielleicht eine ganz andere Absicht dahinter? ... Wollen sie mich ablenken, um zu verhindern, dass ich etwas erkenne, was mir verborgen bleiben soll?"

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