Das Tanelorn spielt > Albtraum in Norwegen
Irgendwo in IRLAND
Joran:
Clive
Mit zwiespältigen Gefühlen blicke ich Karim nach.
Einerseits bin ich froh, wenn dieser Tag ein Ende nimmt. "Vielleicht kann am Ende dieses Tage alles wieder sein, wie zuvor? Vielleicht war dies nur ein kurzes Aufflackern, eine vorübergehende tektonische Entladung der Spannungen in Zeit und Raum? ... Aber nein, es kann nicht alles wieder werden wie zuvor. Matilde ist fort, das spüre ich. ... Und Braddock erwartet offenbar auch, dass dies nur der Anfang ist."
Andererseits nimmt Karim das Geschenk mit ... und seinen geheimnisvollen Trank. Beide Geheimnisse würde ich gerne entschlüsseln. "Vermutlich werde ich mich schon morgen für meinen mangelnden Mut selbst verfluchen. Welche Möglichkeiten hätte mir dieser Trank geboten? Wieviel zusätzliche Lebenszeit hätte er für mich bedeuten können? Wieviele Menschenleben hätte ich retten können, wenn ich sein Geheimnis entschlüsselt hätte? ... Oder wieviele Seelen hätte ich verdammt? ... Ich werde es nicht mehr erfahren und so wird diese Ungewissheit an mir nagen, wird der Wissensdurst in mir brennen. ... Ebenso wie ich mich ab heute immer fragen werden, ob Karims Geschenk Cainnechs Flöte war. ... Wenn ich sie jezt gehen lasse, werden wieder nur unbeantwortete Fragen zurückbleiben."
Kurz bin ich versucht, Karim zurückzurufen. Die Zwillinge schienen mir nutzlos. Aber Karim ... "Er wirkte nicht bedrohlich ... genaugenommen habe ich ihm vermutlich mein Leben zu verdanken."
Aber gleichzeitig fürchte ich mich vor der Tragweite der Erkenntnis, falls sein Geschenkt tatsächlich Cainnechs Flöte sein sollte.
Da werde ich mir der Tatsache bewusst, dass Ayana nicht den Raum verlassen hat. Ich meine, Ihren Blick in meinem Rücken zu spüren. Da zuckt ein Blitz direkt über dem Manor und der Donner kracht so laut, dass ich sorgenvoll zur Decke blicke. "Ein Blitzeinschlag im Manor ... das fehlte heute noch!"
Ich denke an Mathilde, die irgendwo dort draußen dem Unwetter ausgesetzt ist. "Vielleicht mit Paul. Ich hoffe, er steht ihr bei. Sie scheiden aus meinem Leben, wie sie gekommen sind."
Völlig unbekümmert meldet sich Ayana wieder zu Wort. Die Melodie ihrer samtenen Stimme sendet losgelöst von den gesprochenen Worten eigene Botschaften.
"Ja, sie ist eine Hexe. ... Und gerade das fordert mich heraus! ... Nein, sie wäre kein passendes Gefäß. ... Aber sie ist trotzdem wertvoll. ... Vielleicht könnte ich sie ... anleiten, sie auf den rechten Weg führen? ... Als wüßte ich, welcher das ist." Ich muss plötzlich an Merlin und die Fee denken. "Der weise alte Mann, der hilflos den Verlockungen jenes heidnischen Wesens erliegt ... Nimue, Viviane, Elaine, Niniane, Herrin vom See ... gleichgültig, bei welchem Namen man sie nannte, immer war sie für die Kraft ihrer Verführung bekannt. Merlin wusste das. Und doch konnte er sich ihrer Verführung nicht entziehen. ... Ayana ist kein keltischer Wassergeist. Sie ist eine Katze des alten Reiches. ... " Ich blicke Ayana nachdenklich an, wie sie sich in dem Sessel räkelt. "... Was bringst Du? Freude oder Verderben? Fruchtbarkeit oder Siechtum? Bist Du eine Tochter der Bastet oder der Sachmet?"
Ich betrachte Luni. Der Wolf, der die Katze leckt. Und irgendwie ist es damit entschieden. Matilde ist fort. Ayana wird bleiben.
"Dann sei es so. Es steht Dir frei zu bleiben ... vorerst. Du bist mein Gast und meine ... Dienerin ..." Das letzte Wort kommt mir schwer über die Lippen. Aber es scheint mir ... notwendig. "Du wirst mit mir Dein Wissen teilen. Und Du wirst mir schwören, mich nicht zu hintergehen ... Verstehst Du mich? Ich werde Dich mit all meiner Macht verfluchen, wenn Du es tust! ... Wenn Du Dich entschließt, bei mir zu bleiben und mir zu dienen, dienst Du ab heute niemandem sonst mehr!"
Das Unwetter verleiht meinen Worten Nachdruck und ich selbst bin einen Augenblick versucht zu glauben, dass ich in diesem Moment mit einem Wink über die Naturgewalten gebieten könnte. Dann blicke ich tief in diese dunklen Augen und frage mich, ob ich nur die Maus bin, mit der Ayana spielt, oder ob sie das Kätzchen in meiner Hand ist. Ich könnte nicht sagen, welche Vorstellung mich mehr erschreckt.
Der Läuterer:
Ayana streckt Dir ihre Hand entgegen. Ihr makelloser, dunkler Arm gleitet aus ihrem weiten Ärmel, wie eine süsse Schokolade aus ihrer Verpackung. Eine Versuchung ohne gleichen. "Ich werde Euch auf jegliche Weise so dienen, wie Ihr es verdient, Doktor. Ihr seid mein ehrwürdiger Meister. Ich bin Eure getreue Sklavin und werde Euch auf jede erdenkliche Weise Vergnügen bereiten und Euch eine Hilfe und Stütze sein."
Sie schaut an die Decke des Zimmers, als würde sie dort hindurchsehen können. "Ihr habt Macht über die Elemente. Ihr spült die Schwachen und die Zweifler hinfort und ertränkt sie in Euren Tränen. Ich werde Euch folgen, wohin Ihr auch geht. Ich werde Euch nicht verlassen."
Joran:
Clive
Ich nicke kurz. "Sie will mir dienen, wie ich es verdiene? Bleibt die Frage, was ich verdiene.
Mir fällt wieder ein, dass wir nicht alleine sind. Ohne den Blick von Ayana abzuwenden, frage ich Ove, der schweigend die Szenerie beobachtet und sich vermutlich gerade wenig freundliche Gedanken über mich macht.
"Ayana ist nicht eingeladen. Kristine würde sie vermutlich auch nicht gleich ins Herz schließen... Ayanas Anwesenheit widerspräche auch den eigentlichen Zweck des gemeinsamen Essens, nämlich Kristines Fragen zu beantworten, soweit wir das können."
"Ove, ich vermute es wäre gut, wenn Du schon vorgehst ... bis ich Ayana ihr Zimmer gezeigt und hier Klarschiff gemacht habe. Ich komme dann später nach. Bitte richte Kristine meine Entschuldigung wegen der Verspätung aus und wartet nicht auf mich."
Puklat:
Das Gewitter untermalt sehr treffend, was sich hier abspielt.
Ein Wendung wie ein Paukenschlag.
Ich glaube meinen Sinnen nicht trauen zu können.
Was ist nur in Clive gefahren? Wo ist Matilde und was zu Henker passiert hier?
Mir ist völlig unklar, was dieser Schwur soll. So habe ich Clive noch nicht erlebt. Ich habe Clive nie etwas schwören müssen. Ich musste ihm versprechen gut auf Kristine aufzupassen. Aber das ist selbstverständlich für mich.
Aber wie soll ich dieses Versprechen einlösen? Sind wir jetzt nicht in größerer Gefahr als je zuvor? Clive hat eine mysteriöse Fremde ins Haus geholt - im Haus gelassen. Hatte er mich nicht wegen der Fremden geholt? Damit ich ihm Rückendeckung bieten kann?
Wem kann ich denn hier überhaupt noch vertrauen?
Am liebsten würde ich mit Kristine nun sofort abreisen. Aber das wäre nicht angemessen. Ich würde Clives Gefühle und seine Gastfreundschaft verletzen. Und wüsste ich doch auch nicht wohin. Doch zu Kristines Eltern, wie sie es so lange nun schon fordern? Vielleicht wäre das sicherer.
Ich muss zuvor Clive um Erklärungen bitten. Sie einfordern. Etwas was ich von Clive noch nie gewollt habe. Er war mir nie Erklärungen schuldig, ich ihm und Matilde aber zu tiefem Dank verpflichtet.
Ich muss auch wissen, was mit Matilde ist. Warum ist Luni hier, sie aber nicht?
Mir stellen sich die Haare auf den Armen und im Nacken auf.
"Wir... würden uns dennoch sehr freuen, wenn du uns nachher zumindest kurz besuchen könntest, Clive."
"Ich wünsche dann einen guten Abend... und eine gute Nacht."
Meine Gedanken überschlagen sich.
FLUCHT FLUCHT!
Dann verlasse ich vielleicht etwas zu hastig den Raum und gehe sofort zu Harry und Kristine. Sie schauen mich erwartungsvoll an, doch ihre Minen spiegeln schnell Sorgen wider. Ich stehe bleich und rastlos vor ihnen. Mache Anstalten mich zu setzen, gehe dann aber doch im Raum auf und ab.
"Clive... wir haben Gäste... Clive hat Gäste. Collins war auch da. Ich sollte aber in Ruhe anfangen!", fasel ich zuerst. Dann schenke ich mir einen Whiskey ein. Ein Getränk, das mir nicht zusagt. Doch es ist ein Geschenk von Clive, soweit ich mich erinnere. Und ich brauche nun einen Drink.
Dann setze ich mich und sehe nun das erste mal den gedeckten Abendbrottisch. Doch ich habe keinen Appetit.
Ich fasse kurz zusammen, was im Salon passiert ist. Als ich zu der Stelle kommen an der er Ayana einlädt zu bleiben, obwohl alles in mir danach schrie sie sofort aus dem Haus zu werfen, stehe ich auf und verriegel alle Türen und Fenster in unserem Bereich des Hauses. Der Revolver von Collins gibt mir noch Sicherheit.
Ich verriegel auch die Tür zu Clives Teil des Anwesens.
Harry und Kristine versuchen mich zur Mäßigung aufzurufen, doch ich bleibe hektisch. Erst als alles verschlossen und verriegelt ist, komme ich zur Ruhe und berichte den Rest.
Harry kann meine Sorgen offensichtlich nur begrenzt teilen, doch Kristine ist ebenfalls in Unruhe, das merke ich ihr an.
"Ich weiß nicht, was wir tun sollten. Wir sollten aber ... auf alles gefasst sein. Diese Frau versprüht UNHEIL.... alles an ihr versprüht die Aura von Gefahr. Ich lasse nicht zu, dass wir in ihrer Nähe wohnen bleiben werden. Wir müssen hier fort, doch zuvor muss ich wissen was Clive vor hat und ich muss wissen wo Matilde hin ist. Das sind alles zu viele Zufälle für einen Tag."
Ich sacke auf meinem Stuhl zusammen und greife mir einen kleinen Apfel aus dem Obstkorb und beiße hinein. Langsam und nachdenklich kaue ich den säuerlichen Apfel.
Ich muss unwillkürlich an den Sündenfall denken und verschlucke mich fast an dem Apfel. Ich würge ihn hinunter und frage mich, ob dies nun der Punkt ist, an dem wir aus dem Paradies, das uns Clives Anwesen die letzten Jahre wohl bot, fliehen müssen.
Joran:
Clive
Auch nachdem Ove fort ist, ruht mein Blick weiter auf Ayana. Das Bild, das sie bietet, wie sie lasziv im Sessel liegt, ist eine einzige Herausforderung. Die Szenerie ist absurd, berücksichtigt man mein Alter. Nichts an mir ist für eine solche Frau tatsächlich anziehend. Mit Emma war es anders ... Emma war auf der Suche nach Zuneigung und Zärtlichkeit. Ayana sieht etwas anderes in mir und sie will etwas anderes von mir. Ihr lächeln wirkt auf mich fast schon spöttisch, als sich unsere Blicke wieder treffen. Sie scheint sich ihrer Sache gewiss.
Und ich kann nicht leugnen, dass mir ihre Selbstsicherheit imponiert. "Sie ist eine Ahnung dessen, wie Matilde einmal gewesen sein muss ... wie sie wieder hätte werden sollen: stark und unabhängig. Ayana ist bereit alles zu tun, um ihre Ziele zu erreichen. Nur welche Ziele sind dies? Und wird sie bereit sein, von mir zu lernen ... einen neuen Weg zu gehen? Wenn nötig alten Götzen abzuschwören?"
"Wir werden sehen, wie wir miteinander zurechtkommen. ... Dein Dienst für mich wird zunächst einmal darin bestehen, mir von Dir zu erzählen, von Deinem Leben, Deinen Fähigkeiten, Deinen bisherigen Lehrern oder Meistern, was Dich tatsächlich zu mir geführt hat. Ich muss Dich kennen, bevor ich Dir etwas zurückgeben kann.
Du wirst also tatsächlich in einer Beziehung dienen müssen: Du wirst Dich meinen Weisungen und Regeln beugen müssen, wirst akzeptieren müssen, was ich Dir auftrage ...
Wir werden einander Vertrauen müssen. Verstehst Du mich? Noch kann ich Dir nicht vertrauen und eine gemeinsame Nacht könnte daran nichts ändern. Ich bin zu alt, um mich von körperlichen Genüssen noch um den Verstand bringen zu lassen. Und gesund wäre es für mich vermutlich auch nicht. Vor allen bin ich jedoch hoffentlich zu klug, um mich noch wie ein Gockel aufzuführen.
Und ich glaube, Du bist zu klug, um das nicht zu erkennen! Andernfalls wärst Du nutzlos für mich. Also benutze Deinen Kopf, nicht Deinen Körper, um mich zu beeindrucken."
Ich versuche, meine Worte zwar bestimmt, aber nicht zu scharf klingen zu lassen.
Dann zeige ich Ayana ihr Zimmer ... Cainnechs altes Zimmer ... direkt neben meinem. Die wenigen Habseligkeiten von Cainnech sind ohnehin zusammengepackt, so dass ich sie mitnehmen kann. Das Bett ist dennoch bezogen und nur mit einem Leinentuch abgedeckt. Ich zeige Ayana die Waschmöglichkeiten und was sonst im Alltagsleben von Bedeutung ist. Dann lasse ich Sie auf ihrem Zimmer allein und wünsche ihr eine gute Nacht.
Nochmals kontrolliere ich, dass mein Arbeitszimmer gesichert ist. Erst dann verlasse ich das Manor durch den Nebeneingang, durch den Braddock von ein paar Stunden gekommen ist, und begebe mich zu Ove und Kristine. Dort ist alles verriegelt: Die Fensterläden sind geschlossen. Auf mein Klopfen höre ich, wie der Schlüssel herumgedreht wird. Mir kommen Zweifel, ob uns Schloss und Riegel schützen können, aber einen besseren Rat wüßte ich im Augenblick auch nicht.
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