Das Tanelorn spielt > Albtraum in Norwegen

Irgendwo in IRLAND

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Puklat:
Ich bin gerade damit fertig geworden Harry und Kristine die drängensten Fragen zu beantworten, die Fensterläden zu schließen und zu verriegeln und Harry zu überzeugen heute hier zu bleiben. Ich vermute, dass er nur hier geblieben ist, weil er sich um unseren Geisteszustand sorgt. Vermutlich noch mehr um meinen als um den von Kristine. Aber das ist mir egal. Ich bin froh noch jemanden im Haus zu wissen, der auf unserer Seite steht. Ich habe keine andere Wahl als Harry zu unterstellen, dass er auf unserer Seite ist. Wenigesten wird er wohl mehr auf unserer Seite stehen, als auf der irgendwelcher wirrer Abgott-Anbeter. Und ob ich Clive noch trauen kann, kann ich gerade nicht beantworten. Zu viele Antworten ist er mir schuldig geblieben.

Ich habe den Revolver von Collins bei mir und ich habe noch eine Hand voll normaler Kugeln dabei. Ich hatte allerdings noch nicht die Zeit und Ruhe diese an Stelle der von Collins geladenen Kugeln auszutauschen. Vielleicht will ich es auch gar nicht, weil mir seine verwirrenden Worte und sein Schutzversprechen vielleicht doch etwas Vertrauen schenkten.

Habe ich die Freiheit an seinen Worten zu zweifeln?

Kann man es sich leisten dem Feuerwehrmann zu misstrauen, der einem versucht klar zu machen, dass man in seiner Wohnung nicht mehr sicher ist, weil es im Stockwerk darüber brennt?!

Ich habe Kristine überzeugen können, dass sie meine Pistole nehmen soll. Die handliche Faustfeuerwaffe, die ich noch aus meiner Zeit bei Kilmister und Stratton habe. Hoffentlich wird sie diese nie brauchen.

Ich bin gerade dabei die Haustür ein zweites mal zu überprüfen, als ich einen Schemen durch unseren Garten gehen sehe. Ich schrecke kurz zusammen. Ich schaue ich durch einen Spalt im Fensterladen und meine Clive zu erkennen, wie er auf die Haustür zuhält. Je näher er kommt, desto deutlicher erkenne ich ihn. Er sieht nicht gut aus.

Als er klopft, warte ich einen Moment. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn hineinlassen sollte. Ich noch immer wütend, aber er schuldet mir zu viele Antworten, als dass ich es mir erlauben könnte ihn nun abzuweisen. Ist er doch der einzige echte Verbündete, der über alles bescheid weiß und mir jetzt gerade geblieben ist. Erneut frage ich mich, wo Matilde nun ist.
Das ist also auch noch seine Frage, auf die Clive mir eine Antwort liefern könnte, wenn nicht gar sollte.

Schließlich drehe ich den Schlüssel im Schloss herum und öffne den zusätzlichen Riegel. Ich fühle unnötiger Weise erneut nach, ob ich Collins Revolver noch immer bei mir habe - ja.
Dann öffne ich die Tür, und bitte Clive mit einer knappen Geste ins Haus.

Er bedankt sich ebenso knapp und wortlos mit einer Geste und tritt ein. Er sieht älter aus, als gestern. Viel älter.

Ich schließe und verriegel die Tür sofort wieder. Ich vermeide es dabei Clive anzusehen.
Dann wende ich mich ihm wieder zu - hinundhergerissen, ob ich ihn anbrüllen sollte, so tun sollte als wäre nichts oder ihn gleich wieder rauswerfen sollte. Oder sollte ich einfach nur nüchtern nach Antworten verlangen?

Ich kann mich nicht entscheiden. Ich bitte Clive zunächst in die Küche. Dort sitzt Harry noch immer vor einer inzwischen erkalteten Tasse Tee. Kristine hat sich im Nebenzimmer auf einen Sessel gesetzt. Sie ist inzwischen in einen unruhigen Schlaf gefallen. Sie zuckt immer wieder zusammen und gibt leise Stöhnlaute von sich. Es ist ein Anblick an den ich mich gewöhnt habe, auch wenn es mir jedes Mal wieder das Herz aus dem Körper zu reißen scheint, wenn ich sie so sehe.
Dieser Tag hat sie erneut sehr angestrengt und ermüdet. Sie sollte vermutlich ins Bett gehen, doch kann ich nur zu gut verstehen, dass sie nicht alleine im Obergeschoss sein mag.

Harry schaut auf und fragt sofort, ob er gehen soll.
"Nein! Bleib bitte hier", sage ich nur knapp.

Dann drehe ich mich zu Clive: "Setz dich!"
Ich sage es nicht im Befehlston und doch fehlt meinen Worten die sonst bei einem guten Freund als Gast gebotene Wärme und Freundlichkeit. Ich klinge als würde ich mit einem Fremden oder gar einem Vertreter reden.

Dann setze ich Tee Wasser auf. Es dauert eine Weile, bis das Wasser kocht. Solange sage ich nichts. Und auch Clive und Harry scheinen die Worte zu fehlen.
Als der Tee vor uns zieht setze ich mich ebenfalls.
Ich falte meine Hände. Ringe mit ihnen und lehne mich dabei im Stuhl zurück.
 
Ich habe mir viele Fragen überlegt. Vieles ist mir durch den Kopf geangen.

Dann lehne ich mich wieder etwas vor, lege meine Hände ruhig auf die Taschplatte, schaue Clive in die Augen und frage:

"Nun?"



Joran:
Clive

Ich spüre den gereizten Unterton in Oves Worten. Seine Verärgerung ist greifbar. Es wird nicht einfach werden, ihn zu beruhigen, denn sein Zorn basiert auf Angst. Angst vor dem Unbekannten und vor allem Angst um Kristine...

Harry Blackberry ist mir weitgehend fremd. Ich kenne ihn nur flüchtig. Es ist mir unangenehm, vor ihm über die Ereignisse zu reden. Ich bin mir unsicher, wie sehr ich ihm vertrauen kann. Es ist nicht zu erwarten, dass er meinen Worten überhaupt glauben schenkt. Vermutlich wird er mich für einen Irren halten und am liebsten einweisen lassen. Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass Ove Mr. Blackberry gerade deshalb bittet zu bleiben, um mir die Situation ruhig ein wenig schwerer zu machen. Vielleicht will er mir auch einfach zeigen, dass er Blackberry mehr vertraut als mir.

Ich rufe mir in Erinnerung, wie unterschiedlich mein Lebensweg von dem Oves ist. Vermutlich ist es Ove überhaupt nicht möglich, meine Entscheidungen nachzuvollziehen oder gar zu billigen.

Mir bleibt nur, so viele Karten auf den Tisch zu legen, dass Ove eine Chance hat, meine Verhalten zu verstehen.

Für die Dauer meiner Überlegungen hängt ein unschlüssiges Schweigen im Raum.

Dann beginne ich langsam und stockend:

"Nun, Ove, ... Du bist offensichtlich verärgert über mich. ... Vermutlich weil ich Ayana nicht fortgeschickt habe. ... Ich begreife das. Du willst verstehen, warum ich so entschieden habe. Du hast ein Recht auf eine Erklärung ... und Kristine auch. Aber es ist nicht eben wenig, was Du von mir erwartest! Um mich wirklich verstehen zu können, müsste ich Dir sehr viel aus meiner Vergangenheit erzählen ... und selbst dann wäre es nur ein Bericht, der nur ein schwaches Abbild der Ereignisse darstellen könnte.


Ich könnte an Deine Ehre appelieren und darauf hinweisen, dass Ayana nur eine einzelne Frau ist, vor der ein Mann sich nicht zu fürchten braucht. Ich könnte auf Lunis Instinkte verweisen und darauf, wie zutraulich er zu dieser Frau war. Eine Frau zudem, die in diesem Land für jeden erkennbar fremd ist. Eine schöne Frau, die kein Gentleman bei einem solchen Unwetter und bei Einbruch der Nacht schutzlos ins Freie jagd. ...

Aber wir wissen beide, dass Ayana sehr genau weiß, was sie tut, und wahrscheinlich gefährlicher ist als jeder hiesige Mann, der sich gegen ihren Willen an ihr zu vergreifen versuchen könnte. Solche Kerle würden vermutlich in größerer Gefahr schweben als Ayana.


Ich denke, Du kennst mich auch gut genug, dass ich Ayana nicht aus unmoralischen Motiven heraus bei mir behalten habe. Auch wenn ich einräumen muss, dass sie etwas in mir berührt ...


Was waren also meine Gründe?"

Ich halte eine Weile inne und überlege. Es ist schwer, eine spontane Entscheidung zu erklären, die vor allem auf einem Gefühl basiert, selbst wenn dieses Gefühl seinerseits wieder das Ergebnis einer Fülle von Erlebnissen ist. "Weiß ich selbst überhaupt, warum ich Ayana aufgenommen habe?"


"Ove, ich kannte Dich nur flüchtig und Kristine überhaupt nicht, als ich Euch hier aufgenommen habe. Das wenige, was ich von Euch wusste, reichte mir, Euch hierher einzuladen.

So bin ich mein ganzes Leben zumeist verfahren: Ich habe sehr schnell Menschen eingeschätzt und ich habe mich selten geirrt.

Hat Dir Matilde einmal von Herm erzählt ... wie wir uns kennengelernt haben? Nein? Also, wir waren dort beide im Böcklin Haus, einer Klinik. Wir waren damals beide auf der Flucht ... irgendwie. Matilde vor 'La Main Droit' und ich vor ... etwas, das man schwer in Worte fassen kann und von dem ich glaube, dass es mich seit Jahrzehnten beharrlich sucht.

Ich hatte mir mit dem Böcklin Haus den abgelegendsten Ort gesucht, den ich finden konnte, um zumindest eine Weile, vielleicht sogar für immer von der Bildfläche zu verschwinden. Ein Ort, an dem jeder Neuankömmling sofort auffallen würde. Ein Haus auf einer Insel, nicht viel mehr als ein karger Felsen im Meer. Auch in der Klinik habe ich lange keinen Kontakt zu anderen Gästen aufgenommen. Ich wollte mich frei machen von allen äußeren Einflüssen ... von Farben, dem zunehmenden Lärm der Menschen in den Städten, dem Trubel. Ich hätte auch in ein Kloster gehen können ... aber das schien mir unpassend, drehten sich meine Gedanken doch vor allem um Erkenntnisse über heidnische ... zutiefst unchristliche Lehren, die ich auf meinen Reisen gewonnen hatte.

Auf Herm kam es zu ... Anomalien ... die Realität schien sich irgendwie zu verschieben. Der Klinikleiter, Dr. Livingstone, sprach plötzlich in einer fremdartigen Sprache ... Ich habe schon so manche Sprache gehört, aber keine wie diese! Ich war nicht der Einzige, der das bemerkte. Auch Paul Anderson, ein Patient, den ich wenige Minuten zuvor kennengelernt hatte, nahm dies wahr. Und wir hörten eine Frau schreien. Wie sich später herausstellte, war das Matilde. Paul erkannte ihre Stimme sofort und war sehr besorgt. Paul ... liebte Matilde ... auf eine schmerzhafte, hoffnungslose Weise.

Ich bin Paul gefolgt, lernte Matilde kennen und überstand mit ihnen die nächsten Stunden, in denen fast alle Bewohner der Insel verschwunden waren. Sie waren einfach fort, als hätte sich die Realität wie die Schienen bei einer Weiche aufgespalten und unser Wagon hätte sich losgerissen, um auf dem falschen Gleis weiterzufahren ... Die ganze Insel machte diese Veränderung durch ... die Tiere ... waren tot und lebten doch ... der Wind in den Bäumen wisperte mir zu ... Mehrere Menschen verschanden an diesem Tag ... oder starben. Unter ihnen auch Paul. ..."

Ich werfe einen vorsichtigen Seitenblick auf Harry Blackberry, als ich merke, was ich hier erzähle und mir bewusst wird, wie unglaubhaft das alles klingen muss.

"Aber ich schweife ab. Was ich sagen will: Wir waren in einer Notlage und ich habe Matilde und Paul vom ersten Augenblick vertraut. Es bedurfte keiner Worte dafür. Ich WUSSTE einfach, woran ich mit ihnen war. Das war für mich ganz selbstverständlich. Ich habe keinen Moment gezweifelt. Und ich wusste, wem ich NICHT trauen konnte."

Meine Züge verhärten sich, als das immer noch verschwommene Bild von Amandas Gesicht in meiner Erinnerung erscheint. Gleichzeitig merke ich, wie mich noch heute ein Schauder packt, wenn ich an Amanda ... an Annephis ... denke. Ich wische die Erinnerung mühsam fort.


"Ayana hat einen starken Willen. ... Ein wenig so wie Matilde ... bevor ... nun, bevor sie ..." "... sich aufgab?"

Ich blicke Ove direkt in die Augen. "Matilde ist fort, Ove! ... Ich glaube nicht, dass ich sie wiedersehen werde! Es ist nur ein Gefühl ... aber Paul war ganze sechs Jahre fort, bevor er heute plötzlich im Dorf erschien. Sechs Jahre wie vom Erdboden verschwunden ... ohne irgendeine Spur zu hinterlassen ... ohne dass es für ihn einen Möglichkeit gegeben hätte, die Insel zu verlassen. Da war kein Schiff und kein Flugzeug ... rein garnichts.

Heute haben sich hier merkwürdige Dinge ereignet, die mich an Herm erinnert haben: Die Veränderung der Pflanzen ... die Farben ... das merkwürdige Verhalten der Dorfbewohner. Das waren nicht alles Zufälle! Wie sonst hätte Paul hier plötzlich erscheinen sollen, wenn es keine Verbindung zu den Ereignissen auf Herm gibt? Und wie hätten die Fremden hierher gelangen können ... alle zur gleichen Zeit?

Ich glaube, Paul hat Matilde mit sich genommen. Wo auch immer sie nun ist, ich hoffe es geht ihr dort gut ... besser als hier ... und sie findet sich selbst wieder."

Noch einmal verliere ich mich für einen Moment in der Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft mit Matilde auf dem Manor. Ich brauchen einen Augenblick, um den roten Faden in meinen Ausführungen wiederzufinden.

"Matilde ist fort. Und mir bleibt nicht mehr viel Zeit, Ove. Ich bin alt ... und krank. Mein Körper ist ausgelaugt von den Jahren. Ich brauche jemanden, mit dem ich mein Wissen und meine Erlebnisse teilen kann." Ich vermeide es, Ove bei diesen Worten anzusehen. "Ove ist nicht der Mensch, der von den Schrecken hören möchte, um die ich weiß. Er ist nicht der Mensch, der mit dem Wissen umgehen könnte. Wenn er ehrlich zu sich selbst ist, wird er das selbst erkennen. Und doch könnten ihn meine Worte verletzen."

"Und Ayana könnte so ein Mensch sein ... Sie könnte stark genug sein! Ich weiß es nicht. Noch nicht. Aber ich möchte es herausfinden, kannst Du das verstehen?

Möglicherweise verfolgt sie im Moment keine Ziele, die wir als ... 'gut' oder 'nobel' bezeichnenen würden. Und ihr Benehmen ... entspricht nicht unseren hiesigen Vorstellungen von Moral. Sicher! ... Aber, dürfen wir sie überhaupt an diesen christlichen, europäischen Maßstäben messen, Ove? Bedenke woher sie stammt und wer sie ist! Sie verkörpert eine ganz andere Kultur und ich lehne es ab, diese als primitiv abzutun, nur weil der Wissenschatz solcher Kulturen sich von unserem unterscheidet!

Wir können nicht wissen, was Ayana zu dem Menschen gemacht hat, den wir heute hier kennengelernt zu haben glauben. ... Du kannst Dir nicht ausmahlen, wie sehr der schwarze Kontinent einen Menschen formen ... und verändern kann. ..." Wieder strömen Erinnerungen aus Afrika auf mich ein und meine Mimik spiegelt die Anstrengung deutlich wieder.

"Sie hat diese ... Veränderungen ... genutzt, um hier her zu kommen. Vielleicht kann sie mir helfen, die Ereignisse hier und auf Herm zu verstehen. Vielleicht kann sie mir helfen, etwas über Matildes Verbleib herauszufinden.

Ich möchte Ayana einfach kennenlernen. Etwas sagt mir, dass Ayana ANDERS ist als Karim oder Collins oder die deutschen Zwillinge. Sie ist MEHR. Sie befolgt nicht nur Befehle. Auch wenn sie jemand hergeschickt haben mag, handelt sie eigenständig. Sie ist nicht so ... servil ... ja, sklavisch, wie die anderen. Das lässt sie bedrohlicher wirken ... aber es macht sie auch wertvoller!

Urteilen wir nicht vorschnell über diese Frau, so fremd sie Dir auch erscheinen mag. Ich möchte herausfinden ... ob ich sie noch anleiten und auf den rechten Weg führen kann ..." "... oder ob sie mächtiger ist als ich."

"Wir können noch nicht einmal behaupten, Ayana in den wenigen Minuten 'kennengelernt' zu haben. Also bleibt uns nur unser Gefühl. ... Und mein Gefühl sagt mir, dass ich sie nicht fortschicken sollte ... anders als bei Matilde und Paul ... und doch irgendwie ähnlich."


"So ist es mir mit anderen Menschen in meinem Leben oft gegangen. Meine teuersten Freundschaften habe ich in wenigen Augenblicken geschlossen."

Ich denke an Ruairí und an Cainnech und an all die anderen toten Gesichter meiner Vergangenheit.

"Als ich jung war, mein Studium abgeschlossen und eine Erbschaft gemacht hatte, begann ich mit meinen Reisen. Das war Ende des vorigen Jahrhunderts. Ich habe die ganze Welt umsegelt, ferne Länder besucht, die man sonst nur aus Büchern kennt, ... und ich habe auch solche Orte gesehen, die noch auf keiner Landkarte verzeichnet waren oder deren Darstellung alleine auf Vermutungen und Gerüchten basierten ... in Afrika, in Asien und in Südamerika. Ich lernte unter anderem Sir Roger Casement ... oder Ruairí Dáithí Mac Easmainn, wie er tatsächlich hieß ... kennen. Auch diese Freundschaft entstand in Sekunden. Ruairí fragte mich und ich begleite ihn auf seiner berühmten Expedition im Auftrag der britischen Regierung in den Kongo ... Ich war damals noch jung und diese Reise veränderte mein ganzes Leben. ..."

Ich halte einen Augenblick inne und mein Blick schweift durch Oves realen Körper hindurch an weit entfernte Orte in eine lang vergangene Zeit.

"Es ist ... eine Qual, sich an diese Reise zu erinnern und sich den schrecklichen Bildern jener Tage zu stellen ... und doch vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht dorthin zurückkehren würde ...

Du weißt, ich war im Großen Krieg. Zu Beginn des Krieges befand ich mich im Osmanischen Reich. Später war ich in Flandern und habe den ganzen Schrecken des Krieges erlebt ... Es war schlimm. Menschen verwandelten sich in gesichtslose Monstren. Ein Kommandeur, der ... in seinem militärischen Ehrgeiz ... Grenzen überschritt ... Überall Tote und Sterbende ..."
Ich halte kurz inne und mein Mund formt still die Worte: "Mkubwa Mkongwe Moja Mchinjaji"
"Ich konnte vielen nicht helfen, weil meine Kräfte nicht reichten, weil die Versorgung mit Medikamenten und Verbandsmaterial unzureichend war oder weil das Gas keine Chance auf Heilung gewährte.

Aber Flandern war ... nichts ... im Vergleich ... zum Kongo ...

Vielleicht empfinde ich das nur aus dem Grunde so, weil ich in Flandern älter war und schon so viel Leid davor gesehen hatte." Ich fühle mich plötzlich sehr müde und streiche mir über das Gesicht. "Ja, vielleicht ...", versuche ich mich selbst zu überzeugen.

Ich schüttele resigniert den Kopf, als könnte ich damit die Geister der Vergangenheit vertreiben.

"Der Kongo hat mich damals verändert. ... Er hat mich BERÜHRT!" Mich schaudert angesichts der Mehrdeutigkeit dieser Aussage und ich verdränge das Bild der pulsierenden schwarzen Adern aus meinen Gedanken.

"Ayana erinnert mich an eine Begebenheit im Kongo ...
... an eine afrikanische Frau ...
... den TOD einer afrikanischen Frau. ...
... Ich habe noch eine Rechnung offen ... eine Schuld zu begleichen, weil ich dieser Frau nicht helfen konnte ...
... und ich habe das Gefühl, dass Ayana der Schlüssel sein könnte, um diese Fessel zu lösen, die ich seit bald vierzig Jahren mit mir herumschleppe."

 
Ich blicke Ove ernst an:

"Ich verstehe es, wenn Du weglaufen möchtest ... wenn Du mit Kristine schnellstmöglich das Weite suchst ... Ihr beiden seid noch jung! Und ich selbst bin die meiste Zeit meines Lebens davongelaufen ... vor meine Erinnerungen ... vor dem, was ich im Kongo gefunden habe ... vor dem Tod.

Aber mein Weg ist bald zuende. ... Ich will nicht mehr fortlaufen.

Ich habe mich dem Tod im Pentonville Prison gestellt und ihm getrotzt. Und ich habe daraus gelernt, dass ich mit der Vergangenheit nur abschließen kann, wenn ich ihr entgegentrete, nicht wenn ich davonlaufe. Was bedeutet es für mich schon noch, wenn ich durch eine Flucht noch paar Monate oder wenige Jahre gewinnen sollte? Was ich will, sind Antworten! Ich will verstehen, was in London geschehen ist und davor. Ich will wissen, warum 'La Main Droit' Matilde verfolgt und gequält hat, damit ich ihr vielleicht doch noch helfen kann. Ich will wissen, was in der Änderungsschneiderei mit mir geschehen ist. Ich will WISSEN! ... Und glaube mir, niemand ist sich mehr bewusst als ich, dass das WISSEN, nach dem ich strebe, keine Heilsbotschaft ist. ..."

"Nein, es ist ein VIRUS ... ohne Chance auf Heilung!", stelle ich nur in Gedanken klar. An Ove gewandt resümiere ich lediglich:

"... Aber ich kann nicht so weitermachen wie bisher. Ich bereue es, mein Leben lang fortgelaufen zu sein.

Du musst entscheiden, ob Du um den Moment willen fliehen willst oder ob Du der Gefahr ins Auge blicken und kämpfen willst. Egal, wie Du Dich entscheidest, ich werde Dich verstehen und Dir helfen, wenn ich es vermag. Du kannst mit Kristine fortgehen ... aber ... es tut mir aufrichtig leid, Dir das sagen zu müssen ... wo auch immer Ihr hingeht ... ich fürchte, das hier wird Euch früher oder später wieder einholen.

Ihr würdet ÜBERLEBEN, aber Ihr könntet nie wirklich LEBEN. Ihr würdet immer fruchtsam über Eure Schultern blicken und könntet an keinem Ort in Ruhe etwas Beständiges aufbauen."

"Wie soll man auf der Flucht an Kinder denken? Wie kann man auf der Flucht eine Liebe leben? Ich konnte es nicht ...", erinnere ich mich.

"Glaub mir, ich weiß wovon ich rede!", schließe ich traurig meinen Monolog, worauf es am Tisch still wird. Erst nach einer kleinen Weile traue ich mich, Ove wieder in die Augen zu sehen.

Puklat:
Endlich fängt Clive an zu reden. Doch schnell merke ich, dass ich nicht zu hören will. Ich will nicht hören, was er da sagt. Ich kann es nicht glauben, ich will es nicht glauben.
Ich verkrampfe. Ich möchte ihn unterbrechen. Doch merke ich, dass er sich öffnen will, dass er erklären WILL. Auch wenn seine Erklärungen in mir nur den Drang erhöhen ihn wach zu schütteln und zu sagen, dass es die Einbildung eines senilen alten Mannes ist, der sich ein Traumschloss herbeigedacht hat.

Doch ich kann es nicht.
Er hat sich mir noch  nie so geöffnet. Tatsächlich hat er sich so gut wie gar nicht geöffnet. Er hat eher berichtet. Wie ein Naturforscher einen Bericht abhält. Er erzählte knapp und ohne viel Emotionen. So von dem was ihm und Matilde vor wenigen Jahren in London passiert ist. Und danach berichtete er ebenso nüchtern von Irland. Allerdings ließ seine Art der Erzählung zumindest den Schluss zu, dass er Irland sehr tief verbunden ist und war. Aber er hat sich nie emotional geöffnet. Und genau das lässt mich fasziniert zuhören, meine Wut mehr und mehr vergessen und fängt mich ein.

Nach langem Schweigen, das den Tisch und den Raum ergriffen hat, nachdem Clive endete, setze ich an.

"Clive... Danke!"


"Danke, für deine Offenheit. Ich habe noch immer viele Fragen, sehr viele... es sind sogar mehr geworden. Zum Beispiel diese: Wieso und wohin ist Matilde gegangen? "

Bevor Clive zu einer Antwort ansetzen kann, fahre ich fort:
"Ich vermute du weißt es selber nicht so genau. Aber ... Clive. Du lässt diese Frau... und mir ist es dabei egal... ernsthaft egal, welche Hautfarbe sie hat.... aber du lässt diese Frau hier übernachten. An einem Tag voller sehr vieler, verstörender...", ich betone dieses Wort, "...ZUFÄLLE! Du scheinst in ihr eine Möglichkeit der Erlösung oder der Wiedergutmachung zu sehen. Aber woran machst du das fest? An deinem BAUCHgefühl? An deinem reichlichen Erfahrungsschatz im Umgang mit Personen? All diese Personen, die heute zu Besuch kamen - außer Harry - sind mindestens von zweilhafter Glaubwürdigkeit ... oder noch erschreckender... von beängstigendem Antrieb gesteuert.

Und du sagst selbst, dass diese Frau vermutlich die gefährlichste von allen ist. Ich neige dazu diese Leute als Spinner zu bezeichnen, aber nach allem was vorgefallen ist, in den letzten Jahren und heute und zusammen mit dem was du erzählt hast, ist VIEL mehr dran an dem was sie sagen, als ich mir eingestehen möchte. Ich muss damit zu leben lernen. Einen Weg finden damit umzugehen. Das schaffe ich aber nicht heute abend... dazu brauche ich mindestens .... " Ein Leben? Ein Jahr? Ein Jahrzehnt? Eine Nacht? Ich weiß es nicht

"... dazu brauche ich Zeit.
Aber der Punkt ist: Diese Frau ist die berechnendste, vermutlich gefährlichste Person all diese "Jünger". Und lässt sie sich hier nicht nur einnisten. Du hofierst sie. Weil du dir von ihr Erlösung versprichst."
Auch wenn ich das Wort einnisten mit Absicht gewählt habe, so ist meine Schlussfolgerung über die Erlösung nicht als Vorwurf formuliert. Es ist lediglich eine Feststellung, in neutralem Ton formuliert.

"Aber... hast du mal darüber nachgedacht, dass Ayana oder wer auch immer diese Frau wirklich ist, genau DESHALB hier ist? Sie sticht aus der Masse aller heraus, sie ist dreist, sie spricht dich genau an... sie berechnet. Sie weiß genau was sie tut... und vielleicht will sie nicht dich, nicht etwas ... ein Ding ... sondern dein Wissen?!

Clive, ich weiß... oder zumindest ahne ich es ... ich kann von deiner Entscheidung nicht abbringen."
Ich hatte vor seinem Monolog gehofft er würde es selbst einsehen. Doch das ist nun nicht mal mehr eine Utopie. Das wird nicht machbar sein.

"Aber bitte ... mach nichts, nur weil du das Gefühl einer Verpflichtung hast. Du hast keine Verpflichtung. Nicht zu dieser Person. Zu niemanden dieser Leute, die uns heute unaufgefordert 'besucht' haben. Du hast eine Verpflichtung dir selbst gegenüber. Und wenn dein Wissen so wichtig ist, so gib es nicht leichtfertig her.

Wenn wir... nein!"
Ich kann nicht für die anderen sprechen. Nicht in einer so wichtigen Sache.

"Wenn ICH dir helfen kann... egal wie. Werde ich es tun. Aber ich kann nicht gegen meine Überzeugungen handeln... ebenso wenig, wie du es wohl kannst. Aber gib mir zumindest das Gefühl, dass du dir die Sache gut überlegst.

Rede nicht vom Ende deines Lebens, wenn bis dahin noch Zeit ist. Lass den Teufel nicht ins Haus, nur weil es dir gerade eine gute Idee schien."

Der letzte Satz tut mir leid, sobald ich ihn ausgesprochen habe, doch merke ich, dass es mir wichtig war es zu sagen... vielleicht sogar es so zu sagen.

"Es tut mir leid. Das war unangebracht. Aber ich kann mein Unbehagen nicht verstecken. Heute gab es viel zu viele Zufälle. Zu vieles kam zusammen, als dass ich dem ganzen etwas Gutes abgewinnen könnte."

Ich habe noch viele, viele Fragen, aber am wichtigsten ist mir die Antwort, die ich von Clive nun erwarte.

Joran:
Clive

"Wie soll ich nicht über das Ende meines Lebens nachdenken, wenn ich dem Tod heute ins Auge geblickt habe?", denke ich und streiche mir dabei unbewusst über die Brust, die noch immer schmerzfrei ist. "Noch schlägt es ... NOCH ... aber wie lange noch?"

"Du hast Recht, wenn Du Unbehagen empfindest Ove. Und ich glaube - wie gesagt - nicht an Zufälle, was die heutigen Ereignisse angeht.

Es muss einen Grund für die Geschehnisse des heutigen Tages geben. Und wir wissen nicht, ob es schon vorbei ist ... Wir wissen nicht, was heute nacht oder morgen geschieht. ... Wir wissen nicht, ob uns die Zeit bleibt, die Du zu brauchen meinst! Und die einzige, die uns den Schlüssel zu diesem Rätsel vielleicht geben könnte, schein mir Ayana zu sein.

Und was erwartest Du von mir? Ayana hat mir nichts getan, sondern mir bisher nur ihre Dienste angeboten. ... Soll ich diese Frau wirklich nachts in dieses Unwetter jagen?"

Mein Blick sucht Kristine in der Hoffnung, von ihr den Beistand einer mitfühlenden Frau zu erhalten.

"Sind das tatsächlich die Gründe, aus denen ich Ayana nicht fortschicken will?", überlege ich. "Sicher nicht die einzigen! Noch nicht einmal die wichtigsten!" Ich empfinde eine wachsende Verärgerung bei der Vorstellung, mich für meine Entscheidung rechtfertigen zu müssen. Oves Worte gehen mir noch einmal kurz durch den Kopf und komme für mich zu dem Schluss: "Du sagst es selbst, Ove. Ich habe keine Verpflichtung gegenüber irgendjemanden! ... Auch nicht gegenüber Dir oder Kristine! ... Wenn ich entscheide, Ayana bei mir zu behalten, dann ist das mein gutes Recht!" Aber ich schlucke diesen Impuls herunter und versuche es stattdessen weiter mit vermittelnden Worten:

"Zunächst einmal nehme ich Ayana nur bei mir auf ... Ich werde sie beobachten. Ich glaube nicht an Teufel, Ove. Das Böse wohnt nach meiner Erfahrung in den Menschen selbst, ohne dass wir einen gefallenen Engel dafür verantwortlich machen könnten! Ich werde Ayana kennenlernen. Und ich hofiere sie entgegen Deinem Eindruck ganz sicher nicht, Ove. Sie hat gesagt, dass sie mir dienen will. Du weißt, dass ich kein Mensch bin, der sich mit Dienern umgeben würde. Aber Ayana habe ich klar gesagt, dass sie mir ... und NUR MIR ALLEINE ... gehorchen muss, wenn sie bei mir bleiben will.

Es kann sein, dass ich sie schon bald fortschicke. Es kann sein, dass sie schon in den nächsten Tagen von selbst wieder verschwindet. Ich kann es nicht sagen. Und ich kann es heute nicht entscheiden. Schickte ich sie heute fort, wäre das eine endgültige Entscheidung. Wir würden möglicherweise eine Chance vergeben. Wäre das eine rationale Entscheidung? Wäre es nicht ebenso eine Entscheidung aufgrund eines Gefühls ... aus FURCHT? Dein Wunsch, Ayana fortzuschicken, ist mindestens genauso emotional, wie meiner, sie zunächst einmal aufzunehmen.

Natürlich kann es sein, dass Ayana wegen meines Wissens hier ist. Aber es ist nicht leicht, mir mein Wissen zu entlocken. Oder hast Du mich in den letzten Jahren als besonders redseligen Menschen empfunden? Ich glaube auch eigentlich nicht, dass sie mit der Absicht gekommen ist, von mir zu lernen. All die anderen 'Huldiger' sind nicht gekommen, weil Sie uns für weise, sondern weil Sie uns für 'auserwählt' hielten, was immer das bedeuten soll.

Wir sollten uns morgen früh erst einmal anhören, was Braddock uns zu sagen hat ... falls er diesmal überhaupt etwas sagt. Viel Hoffnung setze ich nicht in ihn. Aber das ist vermutlich unsere letzte Gelegenheit für ein Gespräch mit ihm. Vielleicht täusche ich mich und wir sind danach schlauer.

Ich muss morgen auch nach Marie sehen ... ob sei bei Matilde oder bei ihrer Großmutter ist. Es gibt viel zu tun."

Ich blicke einmal in die Runde. Dann ergänze ich: "Mr. Blackberry, bleiben Sie doch über Nacht hier. Ich denke, das würde Ove beruhigen. Und bei dem Wetter sollten auch Sie keinen Fuß mehr vor die Tür setzen!"

Der Läuterer:
Harry nickt Dir zu. "Vielen Dank, Doktor..."

Der Mann stutzt kurz, so als müsste er überlegen, was er als nächstes sagen soll. Ein verlegenes Lächeln, dann erhebt sich Blackberry und kratzt sich gedankenverloren am Kinn. Wieder ein verlegenes Lächeln, nur diesmal noch gekünstelter und unbeholfener als zuvor. "Nach allem, was ich gehört habe, bzw. was ich glaube davon verstanden zu haben, wäre das Schicksal des Ertrinkens eine möglicherweise erstrebenswerte Alternative zu einer Übernachtung."

"Und dennoch, meine professionelle Neugierde ist wahrhaftig geweckt. Ich bin darum mehr als interessiert, wie es weitergeht und was noch geschehen wird."

"Ausserdem... Wenn ich jetzt noch raus müsste, würden mir wohl Schwimmhäute und Kiemen wachsen."

Erneut ein unbeholfenes Lächeln. "Ich würde mich in der Tat über ein Zimmer hier bei Ihnen freuen, Doktor, obwohl ich nicht glaube, dass ich ein Bett benötigen werde. Ich habe über vieles nachzudenken und werde wohl kaum einen erholsamen Schlaf finden. Ich habe über zu vieles nachzudenken."

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