Das Tanelorn spielt > Albtraum in Norwegen
Irgendwo in IRLAND
Joran:
Clive
"Was würde ich ändern wollen?", überlege ich und frage mich, ob Ayana meine Gedanken lesen kann ... oder ob es so offensichtlich ist, was ich mir wünsche. "Was würde ich ändern wollen? Vielleicht hätte ich meinen Frieden, wenn ich nie gelebt hätte? Was würde Ayana zu diesem Wunsch wohl sagen? Wie sollte sie hier sein, gäbe es mich nicht?
Ich würde mir vieles anders wünschen, aber es KANN NICHT SEIN. Es folgte alles einem Zweck, auch wenn ich ihn nicht immer verstehe. Wie hätte ich IHRE Seele retten können? Wie hätte ich IHN bergen und in dem Tabernakel schützen können? Wie hätte ich Matilde kennenlernen sollen, wäre ich nicht nach Herm gegangen? Was wäre aus Matilde geworden, wäre ich nicht bei ihr gewesen? Selbst das Unrecht, das Ruairí widerfahren ist, hatte positive Folgen. Ich darf die Vergangenheit nicht ändern. Das ist uns Menschen nicht gegeben. Ich kann nur versuchen, jetzt das richtige zu tun."
Ich überlege, ob ich Ayanas Vergangenheit verändern könnte? "Was wenn ich sie früher getroffen hätte? Was wenn ich sie in meine Obhut genommen hätte, BEVOR sie in den Einfluss anderer geriet? Wäre sie dann so stark, wie sie jetzt ist? Hätte ich sie nicht von all dem ferngehalten, um sie zu schützen?"
Ich frage mich, ob Ayanas Frage nur der Versuch ist, mir ein anderes Geschenk zu machen. Bietet sie mir einen Zauber anstelle eines Körpers, um mich auf diese Weise 'einzufangen'? Ich versuche mir vorzustellen, über welche Macht Ayana verfügen müsste, um tatsächlich die Vergangenheit verändern zu können.
"Es gibt NICHTS, dass ich ändern könnte oder ändern dürfte. ... Es bleibt mir nur, in die Zukunft zu blicken und jetzt das richtige zu tun.
Ich wünschte mir, dass Du die Antwort auf meine Fragen bist. Ich wünschte mir, dass Du verkörperst, was ich mir für meine Zukunft erhoffe. Du bist der Strohhalm, an den ich mich jetzt, verlassen und alt, klammere. Aber Du verfolgst andere Ziele ... und Du brauchst mich wohl auch nicht lebend, wenn Du die Macht besitzt, die Vergangenheit zu ändern.
Darum ist die eigentliche Frage doch, was DU von MIR willst! Du weichst mir aus ...
Du hast versprochen, mir zu dienen. Und meine erste Bitte ist, dass Du mir die ganze Wahrheit sagst, warum Du hier bist und was das für mich bedeutet."
Der Läuterer:
"Ich bin nicht hier, Doktor, um Deine fleischlichen Gelüste zu befriedigen."
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"Wenn Du das glaubst, bist Du ein Narr. Würde ich mich zu Dir legen, dann nur weil es MIR gefällt."
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"Du möchtest nichts an Deinem Leben ändern, Doktor? Nichts rückgängig machen? Nichts ungeschehen machen? Nicht doch etwas tun, was nicht von Dir getan wurde?"
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"Das ist interessant. Überrascht mich aber nicht."
"Wenn Du etwas Konkretes wissen willst, Doktor, dann solltest Du auch konkrete Fragen stellen."
Sie streckt sich lasziev, geschmeidig wie eine Katze. "Ich werde Dir alles sagen, doch Du musst mich auch alles fragen, Doktor."
Joran:
Clive
Ich muss leise lachen, als Ayana ihre Krallen ausfährt und mir meine Grenzen aufzeigt. Damit kann ich umgehen. Das ist zumindest plausibel. Diese Sprache verstehe ich. Und in ihrem verletzten Stolz hoffe ich einen Blick auf den Menschen, bar jeder Maske, werfen zu können.
"Nun, Du hast Dich zu mir gelegt ... in mein Bett, oder nicht? Ich entschuldige mich, dass ich diese für mich nicht ganz alltägliche Situation missdeutet habe. Aber ich habe auch nie behauptet, kein alter Narr zu sein. Eigentlich war es ungefähr das, worauf ich Dich hinweisen wollte."
Dann werde ich wieder ernst: "Es gibt so vieles in meinem Leben, von dem ich wünschen würde, es wäre nicht geschehen oder anders verlaufen. Aber es IST geschehen. Es zu ändern würde bedeuten, mein ganzes nachfolgendes Leben zu verändern ... mich zu ändern. Und das erschiene mir nicht richtig. Wozu auch noch? Für die kurze Zeit, die noch vor mir liegt?"
Ich betrachte Ayana und die geschwungenen Konturen, die ihr Körper der Decke gibt. Ich möchte sie berühren, über ihre samtene Haut streichen. Ich versuche mir vorzustellen, welche Katze Ayanas geschmeidigen Bewegungen gleichen könnte. Zu den Großkatzen, die ich in Afrika beobachtet habe, gesellt sich in meiner Vorstellung schließlich auch Lord Penhews Katze1 und ich muss angesichts der enttäuschenden Vorstellung, Ayana verwandele sich in Penhews nackten Stubentiger, nochmals leise lachen. Es erstaunt mich selbst, dass ich angesichts dieser Situation so entspannt und gelassen bin. Aber ich fühle mich durch Ayanas Gegenwart nicht bedroht ... eher herausgefordert.
"Ich frage mich zunächst einmal, was mir die Ehre Deines Besuchs beschert", fahre ich fort und lasse mit der Formulierung zunächst offen, ob ich Ayanas Anwesenheit auf dem Manor allgemein oder ganz konkret ihren Besuch in meinem Bett meine.
"Wenn Du wie Karim und die Hölderlin-Zwillinge glauben solltest, ich sei auserwählt, Azathoth zu dienen, für ihn die Flöte zu spielen und zu tanzen, muss ich Dich enttäuschen: Ich bin ein diletantischer Flötenspieler und vermutlich ein noch schlechterer Tänzer. ... Ich hatte in meinem Leben nicht viel Zeit, mich mit solchen Dingen zu beschäftigen."
Erneut ernsthaft setze ich hinzu: "Außerdem habe ich das unbestimmte Gefühl, dass schon ein anderer Dämon Anspruch auf mich erhebt. Azathoth müsste sich da schon hinten anstellen."
Ich drehe mich zu Ayana herum und stütze meinen Kopf auf eine Hand.
"Dein Wunsch sei mir Befehl. Ich schätze, wir sollten uns auf eine lange Nacht einstellen. Ich habe viele Fragen. Hoffentlich sind diese ersten Fragen konkret genug, meine schöne Blume2: Was erhoffst Du Dir von Deinem Besuch bei mir? Was konkret willst Du hier erreichen? Und was würde das für mich bedeuten?"
1 vgl. 'Wieviel Pharao braucht der Mensch?'
2 Ayana = die schöne Blume (äthiopisch)
Puklat:
Ove
Durch meinen Kopf rasen viele bruchstückhafte Gedanken.
Nachdem Kristine und ich wortlos für Harry das Zimmer bereitet hatten, sind wir ebenso wortlos in unser Zimmer gegangen. An der Tür dreht ich mich noch einmal um und wünschte Harry eine gute Nacht.
Ich hatte mich versichert, dass alle Türen und Fensterläden gut verrriegelt sind und ich legte Collins Revolver in die oberste Schublade meiner Nachttischkommode, auf der eine kleine Lampe steht und auf die ich für gewöhnlich den Roman lege, den ich noch im Bett, bis kurz vor dem Einschlafen, lese.
Heute liegt dort kein Roman. Lediglich ein Wasserglas vom Vorabend steht dort noch. Halb leer getrunken steht es da.
Ich kann meine Gedanken kaum sortieren. Ich sehe immer wieder unseren "Einbruch" in die Ausstelllungshalle vor mir. Ich spüre wieder, wie die Maske tief in mich schaut, durch meinen Geist schneidet, wie ein heißes Messer durch warme Butter und dabei ein Stück aus meiner Geist heraus nimmt. Wie ein Schlachter mit gekonnter Bewegung das Filet aus dem Rind trennt: geschmeidig, fließend, schnell, routiniert, ohne etwas anderes zu beschädigen oder anzuschneiden als das, was er schneiden will. Am Ende hält er ein sauber herausgetrenntes Stück Fleisch in der Hand - so wie die Maske nun ein klitzekleines aber sauber herausgetrenntes Stück meines Geistes bei sich hält.
Ich sehe die afrikanische Schönheit, die in der Auktionshalle war. Ich stelle mir vor, wie Baxter es nicht schafft sie aufzuhalten. Ich sehe mich die Hände einsammeln. Die furchtbaren Hände, dir ich gleich vor Ort hätte verbrennen sollen. Oder die Maske, die wir hätten zertrümmern müssen. Aber hätte das irgendwas verändert? Vermutlich nicht.
Ich bin mir nicht sicher, ob Kristine wach liegt. Doch ich glaube es nicht. Wir liegen schon so lange hier. Sie muss eingeschlafen sein. Ich überlege mehrfach, ob ich mach dicht an sie schmiege, meinen Körper an ihren drücke, um ihre Wärme und Nähe zu spüren. Aber ich entscheide mich dagegen. Sie kann jede Minute an Schlaf gebrauchen. Ich will sie nicht aufwecken.
Ich zucke innerlich zusammen, als ich Kristines klare Stimme höre.
Ihre Worte haben eine überzeugende Kraft und Stärke.
Während ich überlege, was ich ihr antworten soll, schiebe ich mich näher und nehme sie in den Arm. Ich halte ihren ganzen Körper mit meinem... oder ist es umgekehrt? Vermutlich geben wir uns gegenseitig Halt. Ich genieße ihre Nähe und es beruhigt mich ihre Wärme zu spüren.
"Ja, ... du hast sicher Recht. Ich hatte gehofft, wir könnten weglaufen. Aber es ist immer nur eine Frage der Zeit, bis 'Es' uns einholt. Ich weiß nicht, was 'Es' ist, aber... niemand kann ihm entfliehen. So sehr ich es mir auch wünsche. Wir müssen uns dem Unvermeidlich.... wir müssen uns 'ihm' stellen. ICH muss mich ihm stellen."
Mir ist völlig unklar, wie ich das tun soll. Aber ich weiß, dass ich es zumindest versuchen muss.
"Und wo Matilde ist, weiß ich nicht. Clive sagte mir nur, sie sei fort gegangen. Ich weiß aber nicht wohin und warum. Ob sie etwas gespürt hat? Ob sie sich "ihm" ebenfalls stellt? Ich weiß es nicht, Stine. Ich weiß es nicht. Sie hat aber sogar Luni hier gelassen. Ich kann nur hoffen, dass sie bald wohlbehalten zurückkommt. Wir sollten Clive morgen nach ihr Fragen und sie Suchen gehen. Vielleicht weiß sie mehr als wir."
Ganz sicher weiß sie mehr als wir. Sie hat viel mehr erlebt. Schlimme Dinge. Gute Dinge. Unverständliche Dinge. Aber weiß sie was sie zu tun hat? Weiß sie in der Hinsicht mehr als wir? Ich glaube, wir sollten sie suchen. Ich habe das Gefühl, sie kann uns der Lösung dieser Misere näher bringen.
Oh Matilde, warum hast du nicht mehr gesagt, bevor du verschwunden bist? Du hättest uns doch Hinweise geben können. Oder habe ich die übersehen?!
"Stine, hast du eine Ahnung, wo Matilde hin sein kann? Hat sie zu dir etwas gesagt, was nach einem Grund für ihre Abreise klang?", ich will das Wort "Verschwinden" vermeiden.
Der Läuterer:
Ove
"Ich weiss auch nicht, wohin sie gegangen sein könnte. Sie hat mir nichts gesagt. Das letzte Mal habe ich sie, glaube ich, zur Mittagszeit gesehen."
"Aber sie ist auch immer so schrecklich in sich gekehrt. Ich konnte nie richtig warm mit ihr werden."
"Vielleicht ist sie ja nur für einen Einkauf in die nächste Stadt gefahren und wurde durch das schlechte Wetter aufgehalten? Was denkst Du?"
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