Autor Thema: Nach 25 Jahren zurück als Spieler (Erfahrungsbericht)  (Gelesen 732 mal)

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Offline Namo

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Nachdem ich vor etwa 2,5 Jahren nach 20 Jahren Pausen zurück ins Hobby als Spielleiter gefunden habe, war es gestern soweit. Vermutlich nach sogar mehr als 25 Jahren durfte ich bei einer Anfängerrunde D&D 5 als Spieler teilnehmen. Davon möchte ich hier einfach mal berichten. Ein wenig hat sich das auch herrlich nach back to the roots angefühlt. Ganz unbedarft, einfach und "roh".

Gespielt wurde D&D 5 bei einem Freund. Die Runde war eine herrlich bunte Mischung: zwei ältere Herren (mein Freund und ich), sein 15-jähriger Sohn und dessen etwas jüngere Schwester sowie zwei Arbeitskollegen von ihm Anfang 30. Einer der Kollegen leitete die Runde. Die Voraussetzungen waren dabei durchaus spannend und wild. Die Kinder hatten noch nie Rollenspiel gespielt, genauso wie mein Freund. Die beiden Kollegen spielen zwar seit einigen Jahren Rollenspiele, aber ohne festes System. Wirklich viel D&D-Erfahrung war also insgesamt nicht vorhanden.

Zu meiner Freude hatte der Spielleiter das „Todeshaus“ aus der Strahd-Kampagne ausgewählt. Das war für mich besonders interessant, weil ich dieses Abenteuer vor etwa einem Jahr selbst als Grundlage für meine Gruppe verwendet, aber damals stark umgeschrieben hatte. Ich wusste also noch grob um den Aufbau des Gebäudes, hatte aber die meisten Details längst vergessen. Das Ganze nun einmal aus Spielersicht zu erleben, fand ich interessant.

Ich bin mit recht geringen Erwartungen an die Runde herangegangen. Für mich war das eher als Bier-und-Brezel-Runde gedacht – wobei es am Ende eher eine Sprudel-und-Chips-Runde wurde. Mit Pizza, Gesprächen und Spiel saßen wir etwa vier Stunden zusammen. Und was soll ich sagen? Es hat einfach Spaß gemacht.

Natürlich mussten wir uns als Gruppe erst finden. Wie spielt man überhaupt? Wie funktioniert das System? Wann rede ich als Spieler, wann als Charakter? Das war alles noch etwas holprig. Aber das machte auch den Charme aus. Fast so wie in unseren damaligen Jugendrunden.  Für mich als Spielleiter war besonders interessant zu erleben, wie sich das Spiel auf der anderen Seite des Schirms anfühlt. Man verbringt als Spielleiter so viel Zeit mit Vorbereitung, mit Gedanken über Abenteuerdesign, Dramaturgie, NSCs und Details. Und dann sitzt man plötzlich als Spieler am Tisch, bewegt sich in gemütlichem Tempo von Raum zu Raum, untersucht jeden Schrank, jede Tür und jeden Gegenstand und hat dabei einfach eine gute Zeit.

Ein großes Lob geht dabei auch an den Spielleiter. Ich weiß nicht, ob ich das selbst so entspannt hinbekommen hätte. Gerade die Kinder waren zeitweise ziemlich aufgedreht und sorgten stellenweise dafür, dass die Runde ein wenig an eine Zoom-Konferenz aus den ersten Pandemie-Monaten erinnerte. Trotzdem blieb er ruhig, gelassen und führte die Gruppe souverän durch das Abenteuer. Ich selbst kam mir manchmal ein wenig wie ein „Silberrücken“ vor. Nach einigen Jahren als Spielleiter und vielen Gedanken über Rollenspieltheorie hätte ich vermutlich in der Runde problemlos jede Unterhaltung mit den NSCs an mich reißen können. Das wollte ich aber bewusst vermeiden und habe nur ein paar punktuelle Dialoge für mich gesetzt und habe die anderen machen und erkunden lassen. Trotzdem hat mir gerade das Ausspielen meines Charakters am meisten Spaß gemacht.

Dabei wurde mir wieder einmal klar, dass mich Werte, Optimierungen oder Ausrüstung oft deutlich weniger interessieren als manch anderen Spieler. Mein Vergnügen bestand vor allem darin, den Charakter in der Spielwelt zu verkörpern und auf Situationen zu reagieren. Das passte auch hervorragend zur Gruppe. Wir waren weit entfernt von einer Powergamer-Runde. Eigentlich wusste kaum jemand so genau, was er tat. Der Spielleiter hat den Schwierigkeitsgrad spürbar abgesenkt und viele Dinge großzügig gehandhabt. Statt Regeln, Taktiken und Optimierungen standen die Aktionen der Spieler und deren Ideen im Mittelpunkt. Das war angenehm und genau richtig für diese Runde.

Da wir so langsam vorankamen, haben wir das Abenteuer natürlich nicht abgeschlossen. Im Juli soll es weitergehen, worauf ich mich tatsächlich freue. Und mein Charakter ist mir schon direkt ans Herz gewachsen. Verrückt.

Im Nachgang habe ich meinen Bekannten gefragt, ob es dem Spielleiter denn ebenfalls Spaß gemacht hat. Wir Spieler hatten offensichtlich alle Freude daran. Selbst die Kinder waren nach einer gewissen Eingewöhnungsphase voll dabei – auch wenn sie gegen Ende natürlich müde wurden. Mein Bekannter hatte ebenfalls seinen Spaß, und bei mir war das ohnehin der Fall. Ich glaube, ich bin als Mitspieler auch einigermaßen pflegeleicht. Mir war völlig egal, wer welche Gegenstände bekommt oder wie die Beute verteilt wird. Mein Fokus lag einfach darauf, den Charakter zu spielen und die Situationen auszukosten, die sich ergeben haben. Das kommt wohl auch ein wenig aus meiner eigenen Runde, bei der die drei Spieler diesbezüglich keinerlei Allüren und Neidgefühle haben. Das finde ich einfach ein total angenehmes spielen. Das ist mir über den Abend gestern auch nur nochmal mehr bewusst geworden. Was wir da für eine coole Runde und eigene Welt für uns haben.

Wobei wir als Gruppe vermutlich schon eine gewisse Herausforderung für die Spielwelt/den Spielleiter darstellen. Wenn Strahd gesehen hat, was wir mit seinem Todeshaus angestellt haben, dürfte er vermutlich bereits einen Sommerurlaub in der Karibik gebucht haben. Die Begegnung mit unserer Truppe wird er sich vermutlich noch einmal gut überlegen.

Mein größtes Fazit nach diesem Abend ist aber: Es war unglaublich angenehm, einfach einmal Spieler zu sein. Nach der Arbeit ins Auto steigen, zum Spielabend fahren, Charakterblatt auspacken, spielen, wieder einpacken und nach Hause fahren. Keine Vorbereitung, keine Karten, keine NSCs, keine Handouts, keine Sorgen darüber, ob die Spieler den Plot mögen. Einfach nur spielen und ein paar Stunden den Alltag vergessen. Dabei wurde mir erneut bewusst, wie wenig man aus Spielersicht eigentlich braucht, um einen richtig schönen Rollenspielabend zu erleben.

Auch mit dem Spielsystem von D&D konnte ich vor dem Hintergrund überraschend viel anfangen. Für so eine Runde fühlte sich das super an. Es kann recht einfach gespielt werden, so wie wir es gemacht haben. Da besteht dann bis auf die Zauberei keine große Eingangshürde. Ich denke aber, dass es ebenso gut mit skaliert wenn alle erfahrener im System werden. Fand ich auch eine Positive Erkenntnis.

Offline Megan

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Re: Nach 25 Jahren zurück als Spieler (Erfahrungsbericht)
« Antwort #1 am: 9.06.2026 | 12:57 »
Sehr cool, dass du so eine positive Erfahrung erleben durftest! Und dann auch noch mit so einer wilden Gruppe (was das Alter angeht)!  ;D

Ich finde es eigentlich super wichtig, dass man immer wieder mal die "Tischseite" wechselt, also als immerwährender SL mal die Spielerposition einnimmt und als Spieler die SL-Position. Da werden einem dann doch wieder einige Dinge bewusst, z.B. Wertschätzung für die SL-Arbeit, Mitgestaltungsrecht für die Spieler, Verantwortungsgefühl, Rücksichtnahme, Erzählrechtverteilung ... gerade als SL die Spielersicht zu erfahren, kann einen nur zur besseren SL machen.

Offline Namo

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Re: Nach 25 Jahren zurück als Spieler (Erfahrungsbericht)
« Antwort #2 am: 9.06.2026 | 16:00 »
Das ist absolut wahr und wirkt schon auch nach. Ich weiß nicht recht wie ich bezeichnen soll, aber selbst der Zeitfluss ist auf der anderen Seite ein ganz anderer. Als SL ist man ja dauerhaft im "Stress", weil man ständig gefordert ist und wird. Als Spieler hast du viel angenehmer immer mal "off" Phasen. Dadurch wirkt alles viel relaxter. Und dennoch fliegt die Zeit auf Spielerseite auch mit simpelsten Sachen. Wie lange man einen Raum als Gruppe betrachten kann, in dem eigentlich nichts ist, war z.B. so ein Aha Moment für mich.

Als Spielleiter bist du geneigt Räume in denen nichts nennenswertes ist uninteressant zu finden. Als Spieler weißt du das ja aber nun nicht und jeder Raum ist besonders. Wenn da ein ungegessener Apfel auf einem Tisch liegt, ist das für den SL einfach nur ein Dekorationsgegenstand. Als Spieler wittert man etwas Besonderes daran.  ~;D Und auch wenn es dann doch nur ein Apfel ist, war es doch nicht langweilig. Weil es hätte ja etwas sein können.

Ich bin da schon ein wenig auf die weiteren Erfahrungen gespannt muss ich zugeben.


Offline Smoothie

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Re: Nach 25 Jahren zurück als Spieler (Erfahrungsbericht)
« Antwort #3 am: 9.06.2026 | 17:03 »
in der Tat ein spannender Bericht. So ein Seitenwechsel ist eine gute Sache.

und ich werde ab jetzt in jedem Raum einen angebissenen Apfel unterbringen. Mal sehen, wo sich das hin entwickelt.
Inzwischen bin ich geneigt zu glauben, dass an der DnD Satanic Panic in den 80ern was dran war. Allein, es waren nicht die Inhalte. Es waren die Regeln, die aus der Hölle kommen...


Online nobody@home

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Re: Nach 25 Jahren zurück als Spieler (Erfahrungsbericht)
« Antwort #5 am: 9.06.2026 | 20:45 »
in der Tat ein spannender Bericht. So ein Seitenwechsel ist eine gute Sache.

und ich werde ab jetzt in jedem Raum einen angebissenen Apfel unterbringen. Mal sehen, wo sich das hin entwickelt.

Ich sehe mindestens ein eigenes Abenteuer. "Auf der Suche nach dem geheimnisvollen Apfelbeißer". :D

Offline flaschengeist

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Re: Nach 25 Jahren zurück als Spieler (Erfahrungsbericht)
« Antwort #6 am: 9.06.2026 | 21:48 »
Dabei wurde mir erneut bewusst, wie wenig man aus Spielersicht eigentlich braucht, um einen richtig schönen Rollenspielabend zu erleben.

Amen! Die meisten Spieler sind nach einer Session zufriedener als viele Spielleitungen denken. Keine Macht der perfektionistischen Seite ;), denn vom Thron aus schafft sie es sogar, einem das schönste Hobby der Welt zu verleiden.
Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern dann, wenn man nichts mehr weglassen kann (frei nach Antoine de Saint-Exupéry). Ein Satz, der auch für Rollenspielentwickler hilfreich ist :).
Hier findet ihr mein mittel-crunchiges Rollenspiel-Baby, das nach dieser Philosophie entstanden ist, zum kostenfreien Download: https://duodecem.de/download