Autor Thema: Chiarina sieht Film Noir  (Gelesen 4672 mal)

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Offline Skyrock

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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #25 am: 23.09.2018 | 00:52 »
Einige Klassiker wie Double Indemnity sind inzwischen gemeinfrei auf Archive.org zu finden, andere waren zeitweise als DVD zu haben und tauchen immer wieder mal billig gebraucht auf den einschlägigen Plattformen wie Elektrobucht oder Amazonen-Marktplatz auf, wenn man Geduld mitbringt.

Die wirklich großen Klassiker wie Maltese Falcon oder The Third Man sind sowieso Dauerbrenner und generell problemlos auffindbar.
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Ein freier Mensch muss es ertragen können, dass seine Mitmenschen anders handeln und anders leben, als er es für richtig hält, und muss es sich abgewöhnen, sobald ihm etwas nicht gefällt, nach der Polizei zu rufen.
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Offline Chiarina

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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #26 am: 23.09.2018 | 12:14 »
Ach, ich habe keinen Anspruch auf Vollständigkeit in irgendeiner Form. Ich habe noch nichtmal einen Anspruch auf cineastische Authentizität. Ich bestelle hin und wieder mal einen von den halbwegs erschwinglichen, den es außerdem mit deutscher Synchronisation gibt, auf DVD. Das war´s dann auch schon. Der Strang ist keine Hausarbeit für Studium oder sonstwas. Trotzdem ein interessanter Hinweis auf Archive.org von Skyrock. Danke!
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Offline Lyonesse

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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #27 am: 25.09.2018 | 08:52 »
Mit Der Polizist und das Mädchen lief erst gestern ein sehr gelungener, deutscher Film Noir oder Heimat Noir
wie der Regisseur es nennt. Zwar keine Großstadt sondern Dorf, ändert aber nix an den Genrestrukturen, die hier
genial rausgearbeitet wurden.
Ist auch noch in der ZDF-Mediathek abrufbar:
Ganzer Film
« Letzte Änderung: 16.08.2020 | 18:55 von Lyonesse »
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Offline Chiarina

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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #28 am: 4.10.2018 | 17:46 »
The Glass Key (dt. "Der gläserne Schlüssel", 1942)

Film Noir? Mit Abstrichen, würde ich sagen.

Wir haben zunächst einmal zwei halbwegs spiegelsymmetrische Familien:
1. Die Madvigs, bestehend aus Bruder Paul und Schwester Opal (genannt "Snip"). Paul ist ein korrupter Lokalpolitiker aus Baltimore, der unaufhaltsam auf dem Weg nach oben ist.
2. Die Henrys, bestehend aus Schwester Janet, Bruder Taylor und Vater Ralph. Ralph ist ein Politiker einer Reformpartei, Taylor ist ein Taugenichts und Verschwender, Janet ist gutaussehend (ja... so einfach war das damals...(?)).
Eine entscheidende Rolle in dem Film spielt auch noch Ed Beaumont, Paul Madvigs Kompagnon und Berater.

Es geht damit los, dass wir als Zuschauer mit einem Netz von Zuneigungen konfrontiert werden. Paul Madvig verliebt sich in Janet Henry, Opal Madvig liebt Taylor Henry. Kompliziert wird es, weil auch Ed Beaumont Gefallen an Janet Henry findet. Der versucht seine Zuneigung aber zu unterdrücken, weil er seinem Kompagnon Paul nicht in die Quere kommen möchte (...vielleicht auch, weil er Angst vor Pauls gewalttätigen Vergeltungsaktionen hat). Um an Janet Henry heranzukommen biedert sich Paul Madvig an ihren Vater Ralph an. Damit kehrt er aber seinem bisherigen Verbündeten Nick Varna, einem Gengster, der eine stadtbekannte Tageszeitung kontrolliert, den Rücken zu.

Schließlich stirbt Taylor Henry und niemand weiß so recht, wie es geschehen ist. Paul hat kurz zuvor entdeckt, dass seine Schwester Taylor liebt. Wollte er sie vor dem Nichtsnutz schützen und hat ihn deshalb umgebracht? Gefunden wurde der Tote von Ed. Hat er ihn im Auftrag von Paul umgebracht? Auch Nick Varna könnte der Täter sein. Er könnte Taylor umgebracht haben, um Paul etwas anzuhängen.

Paul gerät durch den Todesfall in  gewaltige Schwierigkeiten. Es tauchen anonyme Briefe auf, die beim Staatsanwalt einen Verdacht auf Paul lenken, er muss die Justiz fürchten und auch sein politischer Erfolg steht auf der Kippe. Im Zentrum des Geschehens steht lange Zeit Pauls Kompagnon Ed Beaumont, dem die Schergen Nick Varnas übel zusetzen. Der Gangster hofft, dass Ed auspackt und der Justiz entlarvende Hinweise über Paul übermittelt. Das allerdings tut Ed nicht.

Im Laufe der Ermittlungen wird zudem noch ein wichtiger Zeuge erschossen. Auch hier stellt sich die Frage, wer für den Mord verantwortlich ist. Wollte Paul den Mann aus dem Weg räumen oder wollte Nick (oder jemand anderes) Paul etwas anhängen?

Schließlich gelingt es Ed, einen ausreichend massiven Druck auf die Justiz auszuüben, dass diese Janet Henry verdächtigt. Immerhin kann Ed beweisen, dass die anonymen Belastungsbriefe von Janet stammen. Da sie von Paul inzwischen einen kostbaren Verlobungsring angenommen hat, drängt sich auf, dass sie ein falsches Spiel treibt. Als Janet festgenommen werden soll, packt aber ihr Vater Ralph aus und gesteht der Polizei, dass es bei einer Auseinandersetzung zwischen ihm und seinem Sohn zu einem Unglücksfall kam. Taylor ist gestürzt, auf die Bordsteinkante gefallen und daran gestorben.

Paul ist nun aus dem Schneider, Ed hat von der Provinz die Nase voll und will nach New York. Janet sagt Ed daraufhin ins Gesicht, dass er sie liebe, und verlangt, dass er sie nach New York mitnehme. Nach einigem Zögern erklärt sich Ed dazu bereit. Paul hat das Gespräch mit angehört, verzichtet auf eine gewalttätige Vergeltung und lässt die beiden ziehen... nicht ohne vorher seinen kostbaren Verlobungsring zurückgefordert zu haben.

Tja. Auffällig fand ich Folgendes:
1. Die erste Szene. Der Film beginnt mit einem echten Kracher. Paul äußert sich in der Öffentlichkeit despektierlich über den Tagedieb Taylor Henry und fängt daraufhin eine Ohrfeige von dessen Schwester Janet. Diese Ohrfeige (!) ist der Auslöser für Pauls Verliebtheit gegenüber Janet.
2. Gewalt. Die Schergen Nicks sind übel. Ed wird heftig malträtiert, fast schon gefoltert. Das sieht man nicht direkt, während der heftigen Fausthiebe des massigen Totschläger-Schergen ist die Kamera aber auf das Gesicht eines zweiten Schergen gerichtet. Der Betrachter erkennt anhand dessen Mienenspiel, wie übel Ed mitgespielt wird. Ed kommt nur knapp mit dem Leben davon, wird mit verquollenem Gesicht gezeigt und liegt im Anschluss eine Weile im Krankenhaus. Für 1942 relativ heftig.
3. Humor. Einige Szenen sind witzig, z. B. die Szenen, in denen Ed mit seiner Krankenschwester flirtet. Die Atmosphäre des Films ist dadurch wechselhaft. Düstere Intrigen und Verbrecherszenen wechseln sich mit heiteren Intermezzi ab.
4. Keine skrupellose Femme Fatale. Janet ist zwar gerissen und versucht Paul ans Messer zu liefern, aber sie tut das, weil sie in Paul den Mörder ihres Bruders Taylor vermutet. Am Ende hört sie auf ihr Herz und folgt Ed nach New York (...und das, obwohl sie dieser wenige Szenen zuvor noch als Mörderin der Polizei ausliefern wollte!). Die Liebe ist scheinbar stärker als alle Intrigen!
5. Der Film ist vor allem eins: ein Loblied auf Loyalität, Treue und Männerfreundschaft. Auch nachdem Ed erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit Pauls gekommen sind und er sich eigentlich schon von ihm losgesagt hat, verrät er ihn nicht und lässt sich sogar auf´s Übelste für Paul zusammenschlagen. Dafür darf er am Schluss mit Pauls Janet abziehen. Das ist der in meinen Augen unglaubwürdigste Aspekt des Films.

Gemischter Eindruck.
« Letzte Änderung: 4.10.2018 | 18:12 von Chiarina »
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Offline Coltrane

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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #29 am: 4.10.2018 | 19:26 »
Wie ich finde ein absoluter Klassiker: Goldenes Gift(Out of The Past), 1947. Von Jacques Tourneur mit Robert Mitchum, Jane Greer und Kirk Douglas.
Neben Boulevard der Dämmerung einer meiner Lieblingsnoirs.

Offline Chiarina

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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #30 am: 22.06.2019 | 20:21 »
This Gun For Hire (dt. Die Narbenhand, 1942)

Eine Geschichte aus dem 2. Weltkrieg: Der Auftragskiller Raven bringt für den Nachtclubbesitzer Willard Gates einen Chemiker und dessen Frau um. Dadurch kommt er an eine chemische Formel, die er Gates gegen Bezahlung in die Hand drückt. Raven fliegt auf, weil sein Honorar aus gefälschten Scheinen besteht, von nun an ist er auf der Flucht vor der Polizei. Die Verfolgung übernimmt Lt. Michael Crane.

Gates hat die chemische Formel nicht für sich besorgt, er ist vielmehr ein Mittelsmann des Industriellen Alvin Brewster, des Präsidenten von Nitro Chemical. Dieser Typ verkauft die Formel an die Japaner, verhilft ihnen damit zu einer neuen Waffe und begeht somit Hochverrat.

Gates hat sich aber auch um seinen Nachtclub zu kümmern. Er will die Sängerin und Trickmagierin Ellen Graham engagieren, die den Job seiner aufdringlichen Art wegen zunächst ausschlägt. Dann aber wird Ellen Graham von einem Senator engagiert, der herausfinden will, wer den Japanern Giftgas verkauft. Irgendwie scheint Gates dabei seine Hände im Spiel zu haben, daher nimmt Ellen Graham das Engagement im Nachtclub an und reist nach Los Angeles umihn auszuspionieren. Ellen ist zufälligerweise auch die Verlobte Lt. Michael Cranes.

Auf dem Weg nach Los Angeles lernen sich Ellen Graham und Raven im Zug kennen. Raven ist nicht nur auf der Flucht, er will sich auch an Gates rächen, den er aufgrund der gefälschten Geldscheine für sein Unglück verantwortlich macht.

Gates bekommt schnell mit, dass Ellen Graham nicht nur als Nachtclubsängerin auftreten, sondern auch herumspionieren will. In seinem Haus lässt er sie von einem Handlanger fesseln, der sie auch umbringen soll. Allerdings kommt ihm Raven zuvor, der sich zwar nicht so schnell an Gates rächen kann, aber zumindest Ellen Graham rettet. Auf seiner weiteren Flucht ist sie an seiner Seite... einerseits als Geisel, andererseits aber auch aus Dankbarkeit für ihre Rettung.

Lt. Michael Crane verfolgt Raven und erfährt davon, dass sich seine Verlobte bei ihm befindet. Er muss sich fragen, ob er sie entführt hat, oder ob sie seine willige Komplizin ist. Mehrfach hilft Ellen Graham dem Killer, der Polizei zu entwischen. Allerdings erfährt Raven von den dreckigen Geschäften des Industriellen Alvin Brewster. Ellen Graham versucht an Ravens Gewissen zu appellieren und nimmt ihm das Versprechen ab, nicht mehr zu morden, sondern stattdessen dem verbrecherischen Industriellen das Handwerk zu legen.

Am Ende konfontiert Raven den Industriellen und Gates mit deren verbrecherischen Taten und lässt sie ein Geständnis unterschreiben. Brewster bringt sich daraufhin um, Gates versucht sich zu wehren, wird aber von Raven erschossen. Am Schluss taucht die Polizei auf, der sich Raven nicht widersetzt, weil Ellen Graham dabei ist und er sie einer Gefahr aussetzen würde. Daher wird er von der Polizei erschossen.

Der Film ist zum einen fragwürdig... ein geläuterter Krimineller, der seine höhere Berufung ausgerechnet darin entdeckt, dass er Landesverräter auffliegen lässt und sich dafür sogar opfert? Naja...

Der Film hat aber auch eine ganz schöne Schlüsselszene. Auf ihrer Flucht will Ellen Graham wissen, warum Raven nie schläft. Raven will es ihr zuerst nciht erzählen, dann aber fragt er, ob es stimme, dass man böse Träume, die man jemand anderem erzähle, nicht mehr träumen müsse. Ellen Graham pflichtet ihm bei und ermuntert ihn zu erzählen. Raven berichtet daraufhin von seinen früh verstorbenen Eltern, seiner unglücklichen Kindheit und seiner grausamen Tante (von ihr stammt seine "Narbenhand"), die er letztlich umgebracht hat, worauf er den Rest seiner Jugend in einer nicht weniger grausamen Besserungsanstalt zubrachte.

Natürlich ist das extrem vereinfacht, aber schließlich hören wir hier keine Psychologievorlesung an der Uni, sondern schauen einen Film. Wenn man mal annimmt, dass durch Ravens Bericht die bösen Träume tatsächlich weg sind, dann wird die Läuterung plausibler.

Am Schluss wird Raven durch Kugeln der Polizei tödlich verwundet. Als Ellen Graham mit ihrem zukünftigen Ehemann an ihrer Seite vor ihm auftaucht, fragt Raven sie in seinen letzten Zügen: "Hab ich es richtig gemacht?" Nachdem Ellen nickt, verklärt sich sein Gesicht und er stirbt.

Der Patriotismus nervt - die tragische Notwendigkeit ist aber ziemlich knallhart durchgezogen und dafür kann ich den Film schätzen.
« Letzte Änderung: 22.06.2019 | 20:34 von Chiarina »
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Offline Chiarina

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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #31 am: 3.08.2019 | 00:54 »
Shadow of a doubt (dt.: Im Schatten des Zweifels, 1943)

Das ist ein Hitchcock Film: Onkel Charlie ist ein Killer und auf der Flucht vor zwei Detektiven. Er sucht Zuflucht bei der weit entfernt wohnenden Familie seiner Schwester, die von seinen kriminellen Machenschaften nichts ahnt. Die älteste Tochter des Hauses heißt auch Charlie und ist seine Lieblingsnichte. Erst freut sie sich über den Besuch ihres Onkels sehr, aber der Killer macht ein paar Fehler: Er schenkt seiner Nichte einen echten Smaragdring, hat aber übersehen, dass sich in dessen Innenrand eine Gravur mit irgendwelchen Initialen befindet. Die Nichte entdeckt diese Initialen und wundert sich. Etwas später bemerkt sie, wie der Onkel eine Seite aus einer Zeitung versucht verschwinden zu lassen. Noch später gelingt es der Nichte, die Zeitung in der örtlichen Bibliothek einzusehen und stellt fest, dass dort ein Artikel über einen Witwenmörder zu finden ist. Der Name seines letzten Opfers hat dieselben Initialen wie die auf dem Ring.

Der Rest des Films bringt nichts wirklich Neues, steigert aber (hin und wieder) die Spannung: Die Detektive spüren den Onkel auf, können ihm aber nichts nachweisen und versuchen die Nichte zur Mitarbeit zu bewegen (dabei verliebt sich einer der Detektive in die Nichte). Die Nichte ist noch eine Weile hin und hergerissen und weiß nicht recht, ob sie ihren Onkel ans Messer liefern soll. Vorerst wäre sie auch einverstanden damit, wenn er die Stadt verließe. Doch das ist nicht so einfach. Dem Onkel gelingt es nämlich, im Ort eine gewisse Beliebtheit zu erlangen. Er merkt aber bald, dass seine Nichte ihm auf der Spur ist und redet mehrfach auf sie ein. Als er merkt, dass er sich auf ihr Stillschweigen nicht mehr verlassen kann, versucht er sie umzubringen: eine angesägte Treppenstufe und eine abgesperrte Garage bei  laufendem Motor.

Zuletzt trägt die Nichte demonstrativ den Ring und zeigt ihm so, dass sie bereit ist auszupacken, wenn er nicht geht. In dem Moment kündigt er an, am nächsten Tag mit dem Zug abzureisen. Als der Zug hält werden die Koffer des Onkels verstaut und währenddessen inspizieren die jüngeren Kinder der Familie noch kurz die Abteile. Die Nichte ist mit dabei, schickt dann aber die Kinder nach draußen, weil der Zug gleich abfahren muss. Sie selbst wird vom Onkel allerdings festgehalten. Der Zug fährt an und es kommt zu einer tätigen Auseinandersetzung zwischen Onkel und Nichte. Der Onkel will seine Nichte umbringen indem er sie aus dem fahrenden Zug wirft. Im Endeffekt kommt es aber anders, der Onkel verliert den Halt und fällt selbst aus der Waggontür, direkt vor einen aus der Gegenrichtung herannahenden Zug.

Bei der Beerdigung des Onkels unterhält sich die Nichte mit dem Detektiv (inzwischen wahrscheinlich ihr Verlobter), der alles bereits geahnt hatte. Die Botschaft, die das Publikum auf den Weg bekommt, besteht in der Aussage, dass die Welt nicht gar so schlecht sei, wie sie der zynische Onkel gesehen habe, und dass man ein bisschen auf sich achten muss, um nicht so zu enden wie er.

Puh. Ich wundere mich. Das ist ein Hitchcock? Das einzig Bemerkenswerte an dem Film ist die bruchlose Entwicklung der Nichte, die sich zuerst einfach nur über ihren Onkel freut, dann misstrauisch wird, dann ängstlich wird und hinterher eine gewisse Entschlossenheit an den Tag legt. Die Schauspielerin ist Teresa Wright und sie macht ihre Sache gut. Ansonsten sind die Bösen böse und die Guten gut. Der Detektiv hat kein Alkoholproblem, die begehrenswerte Frau ist keine femme fatale, der Killer ist wenig dafür geeignet, Verständnis oder Mitleid zu erregen und zeigt nie einen Moment der Schwäche. Dazu kommt, dass der Vater der Heldin und dessen Freund Trottel sind und ihre Mutter eine unerträgliche tüchtige Hausfrau ist, deren Geschnatter für lange Passagen des Films zu hören ist. Auch der Sinn für Dramatik ist seltsam. Da entsteht ein bisschen Spannung und ich beginne mich gerade eben ein wenig aufrechter hinzusetzen und aufmerksamer zuzuschauen, da ist auch schon wieder die Entspannung da und meine Erwartung ist verpufft. Ist das ein Film Noir? Eher nicht, würde ich sagen.

Sicherlich – es gibt filmisch ein paar schöne Einstellungen... z. B. eine Seitensicht auf eine Treppe, an deren oberen Ende der Killer steht und nach unten schaut. Dort unten ist die geöffnete Haustür zu sehen, an der die Nichte steht und einen langen Schatten ins Innere des Hauses wirft. Das ist schon gekonnt gemacht.

Trotzdem war ich doch ziemlich ratlos und musste dann auch noch auf der DVD-Hülle entdecken, dass das wohl der Film seines Œevres ist, den Hitchcock am meisten geschätzt hat. „Wie bitte?“, dachte ich und recherchierte noch ein bisschen weiter. Auf der Wikipediaseite zu dem Film findet sich dann auch der Grund. Hitchcock behauptete, es sei sein Lieblingsfilm „weil es eine dieser raren Gelegenheiten war, wo man die Charakterstudie mit Spannung verbinden konnte. Normalerweise ist in einer spannungsreichen Geschichte keine Zeit für Charakterentwicklung.“ Gut, das kann ich ein Stück weit nachvollziehen. Dafür lässt der Film in meinen Augen ansonsten aber doch einiges zu wünschen übrig.
« Letzte Änderung: 3.08.2019 | 01:14 von Chiarina »
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Offline Chiarina

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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #32 am: 23.12.2019 | 03:00 »
Journey into fear (dt.: Von Agenten gejagt, 1943)

Das ist ein Film von und mit Orson Welles. Die Handlung ist schnell erzählt. Der amerikanische Waffenexperte Graham ist mit seiner Frau in der Türkei unterwegs und gerät in Istanbul ins Fadenkreuz zweier deutscher Naziagenten, die ihn umbringen wollen. Mit Hilfe eines türkischen Ermittlers flieht er vor ihnen, kann sie aber nicht abschütteln und gerät immer wieder in Gefahr, einmal sogar in ihre Gewalt, aus der er sich aber wieder befreien kann. Im Showdown kommen alle wichtigen Protagonisten wieder zusammen und verfolgen und belauern sich im Regen auf den Simsen einer Hausfassade. Die beiden Deutschen stürzen sich dabei zu Tode, der türkische Ermittler wird angeschossen (oder erschossen?), Graham überlebt.

Ist das ein Film Noir? Es gibt eine Art Femme Fatale, die aber zur Handlung nicht viel beiträgt. Sie bildet den Gegenpol zur gutbürgerlichen Ehefrau Grahams, ohne dass sie ihn in ernsthafte emotionale Konflikte bringt. Der Held fürchtet zwar um sein Leben, hat aber keine Probleme mit dem Glauben an das Gute in der Welt. Seine Verfolger sind böse Nazis und sonst nichts. Der türkische Ermittler hat außer etwas Starthilfe für Graham nichts zu bieten und wirkt seltsam ohnmächtig. Insgesamt fehlt dem Film jegliche psychologische Tiefe. Es ist eher ein Actionfilm - leider kein guter, denn viele Szenen wirken unglaubwürdig und konstruiert.

Es gibt überhaupt nur drei Gründe, den Film zu sehen: In einer Szene zu Beginn befindet sich Graham in einem Nachtclub, in dem ein Zauberkünstler auftritt. Der Zauberer bittet Graham um Assistenz und fesselt ihn an ein schrägstehendes Kreuz. Dann verschwindet der Zauberkünstler in einem Sarg. Bei seinem Zaubertrick will er seinen Aufenthaltsort mit dem von Graham vertauschen. In dem Moment, in dem er den Trick durchführt, fällt ein Schuss. Hinterher befindet sich wie geplant der Zauberkünstler an dem Kreuz und Graham liegt im Sarg. Der Zauberkünstler ist tot. Erst nachträglich wird klar, dass der Schütze eigentlich Graham treffen wollte, der aber offensichtlich Augenblicke zuvor seinen Aufenthaltsort gewechselt hat. Das ist schon eine schöne Szene, aus der man aber viel mehr hätte machen können.

Der Showdown auf den Simsen des Hauses im Regen ist relativ spannend und wird ausnahmsweise auch nicht durch hanebüchene Handlungsverläufe entwertet. Man wundert sich allerdings, wie schlecht berühmt-berüchtigte Killer mit ihrem Revolver zielen.

Dieser deutsche Killer ist ansonsten allerdings eine tolle Figur! Es ist dick, legt sich gern Musik auf einem Grammophon auf, wenn er keine Waffe trägt isst er (fast ständig hat er ein Butterbrot in der Hand), er spricht den ganzen Film über kein Wort und trägt eine bullaugenartige, dickwandige, runde Brille. Eine tolle Gestalt, die ich gern in einem anderen Zusammenhang gesehen hätte.

Orson Welles scheint selbst nicht zufrieden gewesen zu sein. Er hat begonnen für den Film Regie zu führen, die Aufgabe dann aber an einen anderen übergeben und behauptet, der Film sei von den Produzenten "massakriert" worden.

Eher schwach.
« Letzte Änderung: 23.12.2019 | 03:04 von Chiarina »
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Offline Chiarina

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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #33 am: 21.03.2020 | 19:24 »
Double Indemnity (dt.: Frau ohne Gewissen, Regie führte Billy Wilder), 1944

Der Film ist in eine Rahmenhandlung gebettet. Am Anfang sieht man, wie ein leidender, offensichtlich verletzter Mann sich in ein Büro schleppt und dort ein Aufnahmegerät bespricht. Er heißt Fred und berichtet von einem Verbrechen, das er begangen hat. Seine Geschichte geht folgendermaßen:

Fred ist Versicherungsvertreter. Eigentlich will er nur einen reichen Typen daran erinnern, dass er seine Autoversicherung verlängern muss, aber der Mann ist nicht da und da verliebt er sich in dessen Frau Phyllis. Als das Liebchen eine Unfallversicherung für ihren Mann abschließen will, dämmert es Fred, dass sie vielleicht nicht allzu glücklich mit dem Kerl ist. Erst ist er schockiert, aber ein Kuss reicht und er beginnt mit Phyllis einen Plan zu entwickeln: Sie wollen den Mann zum Unterzeichnen der Unfallversicherung bringen, ihn dann um die Ecke bringen und hinterher die Versicherungssumme kassieren. Sie legen es sogar darauf an, die Tat nach einem Sturz von einem Zug aussehen zu lassen – ein außergewöhnlicher Umstand, für den in der Versicherung eine besonders hohe Summe ausgelobt ist.

Fred hat zunächst zwei Probleme:
Sein Chef Barton Keyes ist ein echter Spürhund in Sachen Versicherungsbetrug und mit allen Wassern gewaschen... Vorsicht ist geboten!

Phyllis´ ist bereits die zweite Ehefrau des reichen Typen. Fred lernt auch die Tochter aus erster Ehe kennen. Sie heißt Lola und ist ein nettes Mädchen, das sich heimlich mit einem eifersüchtigen einfachen Kerl von der Straße trifft. Über Lola erfährt Fred, dass Phyllis ursprünglich zur Pflege von Lolas Mutter angestellt war. Sie hat wohl auch bei strengsten Temperaturen immer gut gelüftet und so ist Lolas Mutter schließlich an einer Lungenentzündung gestorben. Fred ist irritiert... möglicherweise schafft sein Liebchen nicht zum ersten Mal unliebsame Mitmenschen aus dem Weg!

Dennoch: die Frau ist heiß und die Aussicht auf die Kohle ist verlockend. Der Mord wird durchgezogen. Als ihr Mann nach einem kleinen Unfall beim Gehen auf Krücken angewiesen ist überredet sie ihn, zu einer Geschäftsbesprechung den Zug zu nehmen. Fred hat alles in die Wege geleitet, um sich ein Alibi zu verschaffen, dann versteckt er sich im Fußraum vor dem Rücksitz im Auto des reichen Typen. Phyllis fährt ihren Mann zum Zug. Dann aber nimmt sie einen Umweg – offensichtlich eine einsame Gegend – und Fred zieht dem Mann von hinten übel einen über den Schädel. Die Leiche kommt nach hinten in den Fußraum vor den Rücksitz, Fred verkleidet sich als Phyllis´ Ehemann und nimmt als Blickfang auch die Krücken an sich. Am Bahnhof verabschiedet er sich von Phyllis und humpelt zum Zug.

Im Zug selbst kommt es zu einer kleinen Schwierigkeit. Eigentlich will Fred an einer ganz bestimmten Stelle vom Zug springen. Als Fred aber die kleine Plattform am Zugende betritt, sitzt dort jemand und genießt die schöne Aussicht. Fred wendet ihm den Rücken zu, beginnt ein Gespräch und schafft es irgendwann, den Mann dazu zu bringen, ihm aus seiner Kabine aus seiner Jacke Zigaretten zu holen. Der Mann tut es ohne sich etwas dabei zu denken, weil Fred ja seine Krücken dabei hat. Er ist hilfsbereit. Sobald er weg ist, springt Fred vom Zug. In der Nähe parkt Phyllis mit dem Toten, der nun auf die Gleise gelegt wird.

Zunächst sieht es danach aus, als kämen Phyllis und Fred damit durch. Natürlich wird der Fall untersucht, aber Freds Alibi ist ziemlich wasserdicht und Phyllis spielt die Unschuldige auf überzeugende Art und Weise.

Dann aber geschehen einige Dinge: Freds Chef bekommt heraus, dass der Zug an der besagten Stelle nur eine Geschwindigkeit von 15 km/h fährt. Unwahrscheinlich, dass sich da jemand zu Tode stürzt! Er lässt den Mann suchen, der sich mit dem vermeintlichen Opfer unterhalten hat. Der Typ erzählt ihm, dass er den Eindruck hat, er habe sich mit einem jüngeren Mann unterhalten... sicher ist er allerdings nicht, weil ihm sein Gesprächspartner fast ununterbrochen den Rücken zugekehrt hat.

Fred wechselt mit Phyllis ein paar Durchhalteparolen. Das Liebchen will die Versicherungssumme trotzdem erstreiten. Niemand kann ihnen nachweisen, dass sie dort Hand angelegt haben.

Dann aber erfährt Fred von Lola, dass ihr Freund mit ihr Schluss gemacht hat, sich aber jetzt mit Phyllis trifft! Ein Schock für den armen Fred! Die Frau ist schon beim nächsten angelangt... wird er jetzt auch entsorgt?

Er verabredet sich mit Phyllis bei ihr zuhause und hat einen Revolver dabei... Phyllis aber auch. Phyllis schießt zuerst und verletzt Fred schwer. Er schießt zweimal und tötet Phyllis. Als er das Haus verlässt, taucht der Typ auf, der Lolas Freund war, jetzt aber offensichtlich ein Techtelmechtel mit Phyllis hat. Fred verbirgt seine Verletzung und schickt ihn weg indem er ihm erzählt, wie sehr Lola noch an ihm hängt. So verhindert er, dass die tote Phyllis vorschnell gefunden wird.

Dann schließt sich die Klammer. Fred sitzt verletzt im Zimmer seines Chefs und beendet seinen Bericht. Dann taucht sein Chef auf, der ihm sagt, dass sein Spiel aus ist. Fred will fliehen, aber der Chef prophezeit ihm, dass er mit seinen Verletzungen nicht mal mehr bis zum Aufzug kommen wird. Vor dem Aufzug bricht Fred zusammen. Der Chef kommt zu ihm und zündet ihm eine letzte Zigarette an.

-

Wow! Das ist ein düsterer Film. Fred hat anfänglich ein paar Skrupel und bekommt als Liebender auch ein paar Sympathien der Zuschauer, dann aber mausert er sich zum eiskalten Killer. Phyllis ist eine großartige Femme Fatale und von Anfang an völlig gewissenlos und berechnend. Beide schrecken keinen Moment davor zurück auch einander eine Kugel in den Bauch zu jagen. Am Ende haben sie sich beide gegenseitig vernichtet.

Ein wenig offen bleibt die Frage, warum Fred dieses Geständnis auf das Band seines Chefs spricht. Er sagt am Anfang, was folgt klinge wie ein Geständnis, aber eigentlich wolle er ihm nur sagen, dass er sich diesmal geirrt habe. Wenn man ihm das abnimmt, dann ist die Aufnahme lediglich dazu da, Fred das Gefühl des Triumphes über die Spürnase seines Chefs zu verschaffen. Als der Chef ihn in seinem Büro überrascht ist der Moment gekommen, an dem in anderen Filmen die Bösewichter aufgeben und sich bußbereit zeigen. Nicht so Fred: er will fliehen.

Das ist das Krasse an dem Film: die beiden Killer haben keinerlei Reue. Sie werden aus eigensüchtigen Gründen zu Verbrechern und steuern geradewegs ohne nach rechts oder links zu schauen in ihr Verderben. Ich war beeindruckt.
« Letzte Änderung: 21.03.2020 | 19:33 von Chiarina »
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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #34 am: 5.05.2020 | 01:17 »
The Woman in the window (dt.: Gefährliche Begegnung, Regie führte Fritz Lang), 1944

Das ist vielleicht der hellste Film noir, den ich je gesehen habe.

Der Film beginnt mit dem Juraprofessor Wanley, der eine Vorlesung über Notwehr hält. In der zweiten Szene verabschiedet er sich von Frau und Kindern, die irgendwohin verreisen. Die Frau ermuntert ihn dazu, während ihrer Abwesenheit nicht zu versauern, sondern doch bitte auszugehen. In der dritten Szene tut Wanley das, er ist auf dem Weg zu seinem Herrenclub. Neben dem Club ist das Schaufenster einer Gemäldegalerie, in dem das Portrait einer hübschen Frau ausgestellt ist. Wanley schaut es lange an. Als er sich abwendet um dann doch in seinen Club zu gelangen, stößt er auf zwei befreundete Mitglieder, die sich über seine sehnsüchtigen Blicke dem Frauenportrait gegenüber ein wenig lustig machen. Im Club kündigen Wanleys beiden Bekannten an, zu fortgeschrittener Stunde noch irgendwo anders hin zu wollen. Sie fordern Wanley auf mitzukommen, denn er sei ja Strohwitwer und könne sich das heute leisten. Wanley lehnt aber ab. Als die beiden gegangen sind, greift er in den Bücherschrank und erwischt Salomos Hohelied der Liebe. Er beginnt zu lesen, ein Steward bringt ihm einen Drink, worauf Wanley ihn bittet, ihm Bescheid zu sagen, wenn es halb elf Uhr sei.

Genau damit beginnt die nächste Szene. Für Wanley ist es spät genug, er macht sich auf den Nachhauseweg. Bevor er sich aber seinen Wagen bringen lässt, wirft er noch einen letzten Blick auf das Portrait im Schaufenster der Gemäldegalerie. Dabei spiegelt sich plötzlich eine Dame im Fensterglas. Wanley dreht sich um und steht zu seinem Erstaunen vor dem Modell des Bildes, das er betrachtet hat. Die beiden wechseln einige freundliche Worte, dann lässt sich Wanley darauf ein, noch ein Getränk mit der Frau zu sich zu nehmen. Er lässt sich von einem Bediensteten des Clubs seinen Wagen bringen und fährt mit der Dame in eine Bar. Noch später lädt ihn die Frau zu sich nach Hause ein. Sie will ihm ein paar weitere Portraitskizzen von sich zeigen, die sie zuhause aufbewahrt. An der zurückhaltenden Reaktion Wanleys lässt sich aber erkennen, dass er sich der Versuchung bewusst ist, die im Haus der Dame auf ihn lauert. Eine Weile wehrt er sich, dann willigt er ein.

In der Wohnung der Frau betrachtet er zunächst die Portraitzeichnungen. Noch bevor sich die beiden näher gekommen sind, kommt es aber zu einem Zwischenfall. Ein anderer Mann betritt die Wohnung der Frau, ist sofort von Eifersucht besessen und greift den gnadenlos unterlegenen Wanley brutal an. Die Frau schreit, aber der Eifersüchtige hält weiterhin Wanley auf der Couch fest und schlägt auf ihn ein. Daraufhin reicht die Frau Wanley eine Schere, die dieser mehrfach in den Rücken des Angreifers sticht. Der Mann ist tot. Wanley will zunächst die Polizei anrufen, zögert dann aber erst einmal und fragt seine Bekannte über den Mann aus. Er erfährt, dass es ein reicher Gönner sei, der öfter vorbei käme. Seinen Namen habe die Dame nie erfahren, was ein interessantes Licht auf ihre Lebensweise wirft. Wanley wird bewusst, in was für einer Situation er ist. Als verheirateter Mann mitten in der Nacht den eifersüchtigen Nebenbuhler einer zweifelhaften Zufallsbekanntschaft um die Ecke gebracht – selbst wenn ihm die Polizei die Notwehr abnimmt, glaubt er sein Leben als Juraprofessor und Ehemann ruiniert. Auch die Frau ist unsicher. Sie hat Wanley immerhin die Mordwaffe zugesteckt und hängt in der Angelegenheit tief mit drin. Beide beschließen daher, die Leiche verschwinden zu lassen und sich danach nie wieder zu sehen. Sie wissen noch nicht einmal, wie sie heißen.

Nach dieser Exposition folgt die Beseitigung der Leiche. Der Film zeigt, wie amateurhaft sich die beiden anstellen. Die Dame ist völlig ahnungslos, wie sie sich verhalten soll. Wanley gibt ihr Anweisungen, aber auch er macht viele Fehler, hinterlässt jede Menge Spuren und erweckt auch die Aufmerksamkeit des ein oder anderen potentiellen Zeugen. Letztlich kippt Wanley den Toten in ein Wäldchen am Stadtrand. Die Dame säubert ihre Wohnung.

In der nächsten Phase des Films wird Wanleys erstes Problem gezeigt: Die Polizei ist ihm auf den Fersen. Der Zuschauer erfährt, dass einer von Wanleys Freunden aus dem Club Polizist ist. Selbstverständlich führt er die Ermittlungen im Fall des ermordeten Großindustriellen. Wanley zeigt sich auch hier als naiv und unüberlegt. Er erfährt von seinem Polizistenfreund, wie die Gesetzeshüter die von ihm hinterlassenen Spuren verfolgen und ihm immer näher kommen. Im Gespräch macht er dabei weitere Fehler. Höhepunkt dieser Phase ist ein Ausflug an den Fundort der Leiche, zu dem sich Wanley breitschlagen lassen hat. Hier will die Polizei eine Verdächtige mit dem Schauplatz konfrontieren. Wanley muss befürchten, hier seiner unvorbereiteten Bekannten gegenüberzustehen, was er noch abwenden kann. Dafür macht er hier aber weitere hanebüchene Fehler. Eigentlich wird er nur deshalb nicht sofort überführt, weil es undenkbar ist, dass ein intelligenter Mann mit derart gutem Ruf wie er so einen Mord begangen hat und sich danach auch noch so dumm anstellt.

In der nächsten Phase des Films taucht eine zweite Bedrohung auf. Die Dame bekommt Besuch von einem Erpresser. Es ist ein Mann, der dem bekannten Großindustriellen gefolgt ist und herausbekommen hat, dass er sich regelmäßig in das Haus der Dame begibt. Dreist verschafft sich der Erpresser Zugang zur Wohnung der Dame und wühlt vor ihren Augen so lange in ihren Schubladen herum, bis er ein paar Hinweise auf den Ermordeten bei ihr findet. Er verlangt 5000 Dollar, dann wird er auf einen polizeilichen Hinweis verzichten. Interessanterweise entdeckt die Dame in der Zeitung einen Bericht über eine akademische Preisverleihung. Der Artikel enthält ein Bild des Mannes, der den Preis verliehen hat: Wanley. Jetzt ruft die Dame ihn an und erzählt ihm, dass sie erpresst wird. Wanley verspricht, einen Teil des Bestechungsgeldes zu übernehmen, aber er macht der Dame wenig Hoffnung. Entweder man zahlt immer und immer wieder, oder man meldet sich eben doch bei der Polizei... oder man bringt den Erpresser um. Die beiden versuchen es zunächst mit der dritten Möglichkeit. Wanley besorgt irgendein giftiges Pulver, die Dame gibt sich dem erneut erscheinenden Erpresser gegenüber erstaunlich freundlich, lässt sich sogar küssen und drückt ihm dann einen Drink in die Hand, in dem sich das Gift befindet. Die Aktion geht gnadenlos in die Hose. Der Erpresser fordert die Dame auf, aus seinem Glas zu trinken, es kommt zu einer Szene, dann findet er das versteckte Geld, außerdem einen wertvollen Anhänger mit den Initialen des Ermordeten. Er nimmt alles mit und befiehlt der Frau, am kommenden Abend weitere 5000 Dollar bereitzuhalten. Sobald er weg ist, ruft die verzweifelte Dame Wanley an, der auch keine Lösung mehr kennt. Wir müssen mit ansehen, wie Wanley daraufhin selbst eine Überdosis von dem giftigen Pulver schluckt und in einem Sessel langsam das Bewusstsein verliert.

In der vorletzten Szene hört die Dame vor ihrem Haus plötzlich Schüsse. Sie eilt auf die Straße und sieht, wie Polizisten einen Toten durchsuchen. Es ist ihr Erpresser. Die Polizei findet den kostbaren Anhänger mit den Initialen des Großindustriellen und glaubt dessen Mörder vor sich zu haben. Damit wären Wanley und die Frau aus dem Schneider. Erfreut eilt die Dame zurück in ihr Haus und ruft Wanley an. Das klingelnde Telefon erzeugt eine letzte Regung seines Körpers, aber das Gift ist schon zu weit fortgeschritten. Es gelingt ihm noch nicht einmal mehr, den Hörer abzunehmen.

Nun erfolgt die überraschende Schlusswendung. Wanley erwacht. Der Steward aus dem Club erzählt ihm, dass es halb elf Uhr ist. Wir begreifen, dass alles nur ein Traum war. Wanley erhebt sich leicht benommen, holt seinen Mantel, stellt fest, dass der Garderobier wie der Großindustrielle aussieht, lässt seinen Wagen holen, stellt fest, dass der Bedienstete wie der Erpresser aussieht und könnte sich eigentlich jetzt auf den Weg nach Hause machen. Ein letztes Mal aber will er noch einen Blick auf das Portrait im Schaufenster der Galerie werfen. Dabei spiegelt sich plötzlich eine Dame im Fensterglas. Diesmal ist es eine andere Dame, die Wanley aber eine Zigarette entgegen hält und ihn um Feuer bittet. Das Interesse an unbekannten Damen ist Wanley aufgrund seines Traums allerdings gründlich vergangen. Er sagt: „Um Himmelswillen, nein!“ und begibt sich zu seinem Auto.

Film noir? Nein, nicht wirklich... hier sind alle Figuren ganz liebe, nette Menschen. Auch die Erzählweise des Films ist lieb, nett und bodenständig: Obwohl die polizeilichen Ermittlungen und die Erpressung sicherlich parallel voranschreiten, wird hier sauber und ordentlich alles schön nacheinander erzählt. Exposition, Thema 1, Thema 2, Eskalation, Katastrophe, Schließen der Erzählklammer (dies allerdings mit einer kleinen Überraschung): ein echter Klassiker. Multiperspektivische Montagetechniken sind so weit weg, wie man es sich nur vorstellen kann. Die Botschaft des Films ist ähnlich konservativ: Bleib brav zuhause, lass dich auf gar keinen Fall mit fremden Frauen ein, dann passiert dir auch nichts! Interessant ist aber, dass der brave Wanley, der diesen Ratschlag nicht zu beherzigen scheint, zwar entwaffnend amateurhaft vorgeht (das macht ihn sympathisch), sich aber eben auch furchtbar dumm anstellt (das lässt uns den Kopf über ihn schütteln). Auch die (nur leicht) verruchte Frau ist naiver als die Polizei erlaubt.

Letztlich sind alles nur stinknormale Menschen in ihrer begrenzten Existenz: diejenigen, die zuhause bleiben, diejenigen, die einen Kick suchen und auch diejenigen, von denen alle glauben, dass sie ein aufregendes Leben führen. Das ist eine Message, die ich sympathisch fand.

Der zweite Grund, den Film zu sehen, ist Joan Bennett.
« Letzte Änderung: 5.05.2020 | 05:50 von Chiarina »
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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #35 am: 8.05.2020 | 23:12 »
Laura (1944, Regie: Otto Palminger)

Der Film beginnt mit den polizeilichen Ermittlungen zum Mord an der New Yorker Werbeagentin Laura Hunt (Gene Tierney). Die Frau wurde am Eingang ihrer Wohnung durch einen Schuss in ihr Gesicht getötet. Der zuständige Inspektor ist Mark McPherson. Er befragt zunächst den zynischen, älteren und elitären Waldo Lydecker, einen Radiokolumnisten, der Laura seit langem liebt. Als nächstes geht McPherson der Spur Shelby Carpenters nach. Shelby ist ein reicher Lebemann mit einem etwas zweifelhaften Ruf, der Laura eine Beschäftigung in ihrer Werbeagentur zu verdanken hat. Dort versucht er, durch die Arbeit seinem Leben einen Sinn zu geben. Einen ersten Erfolg konnte er durch eine Werbekampagne erzielen, für die er das Model Diane Redfern gewinnen konnte. Mit Shelby hat sich Laura kürzlich verlobt, aber auch ihre reiche Tante Ann Treadwell hat ein Auge auf ihn geworfen.

Eine Weile lang können wir als Zuschauer den Fortschritt der Ermittlungsarbeit verfolgen. Viel spannender ist aber, dass Inspektor McPherson am Tatort so sehr von einem Portrait Laura Hunts gefesselt ist, dass er es schließlich kauft.

Nachdem die Hälfte des Films vergangen ist, taucht einigermaßen überraschend Laura auf. Sie ist gar nicht tot, sondern kommt von einem verlängerten Wochenendurlaub zurück. Schnell stellt sich heraus, dass das Opfer aufgrund des zerstörten Gesichts nicht korrekt identifiziert wurde. Eigentlich ist es das Model Diane Redfern. Die Ermittlungen müssen nach dieser neuen Sachlage von neuem aufgerollt werden. Dabei kommen sich McPherson und Laura näher. Am Ende muss McPherson Laura gegen einen Mordversuch Lydeckers beschützen. Es stellt sich heraus, dass es bereits der zweite ist. Lydecker hat auch Diane Redfern umgebracht, weil er dachte, es handele sich um Laura. Der besessene und krankhaft eifersüchtige Lydecker konnte es nicht ertragen, seine Liebe einem anderen zu überlassen.

Generell macht es der Plot des Films McPherson nicht leicht. Immer wieder stößt der Polizist auf falsche Spuren, die auch an den Zuschauer einige Ansprüche stellen. Dies im einzelnen aufzudröseln halte ich an dieser Stelle für unnötig.

Bemerkenswert sind McPhersons erwachende Gefühle gegenüber dem häufig in Szene gesetzten Portrait der scheinbar ermordeten Laura. Liebe zu einer Toten? Ich hätte in dem Zusammenhang gern etwas mehr über McPhersons Innenleben erfahren, der Kriminalplot lässt dafür aber leider nicht viel Raum.

Bemerkenswert ist auch eine sehr schöne Szene, in der McPherson Laura auf dem Polizeirevier verhört. Er schaltet dazu zwei grelle Lampen ein, die ihr ins Gesicht leuchten. Das ausgeleuchtete Gesicht Lauras ist aber nicht das einer Verbrecherin, sondern das der glamourösen Göttin. Wenig später schaltet McPherson die Lampe wieder aus und der Star im Scheinwerferlicht wird zur Versuchung im Halbdunkel. Deutlicher kann man kaum demonstrieren, was eine femme fatale ausmacht.

Trotzdem ist Laura keine kalte, berechnende Frau und Lydecker und Shelby sind Karikaturen, die als Lebensgefährten für sie kaum in Frage kommen. Daher darf sie am Schluss auch mit McPherson glücklich werden. Der Film hat einen winzigen sozialkritischen Touch, weil er zeigen will, wie zwei Menschen aus ganz unterschiedlichen Milieus trotzdem miteinander glücklich werden: McPherson ist als Polizist ein wenig Underdog und sagt zu den Frauen „Puppe“ und „Biene“. Mit solchen Männern lässt sich Laura eigentlich nicht ein. Hier erkennt sie aber letztlich, dass der Polizist ihr ehrlich zugetan ist und das macht über alle Standesgrenzen hinweg den Ausschlag.

Der Film Noir ist relativ deutlich zu erkennen. McPherson arbeitet oft mit schonungslosen Gegenüberstellungen und Schockmomenten, denen er die Verdächtigen aussetzt. Die Plotidee des falsch identifizierten Opfers ist einigermaßen hart. Immerhin ist der Fehler auf das völlig zerstörte Gesicht der Toten zurückzuführen. Das wird nicht gezeigt, schon die Vorstellung reicht aber für ein wenig Gänsehaut. Am Ende wird gezeigt, wie Lydecker von einem Kollegen McPhersons erschossen wird und kläglich stirbt.

Insgesamt würde ich sagen: Empfehlenswert. Intelligente Handlung, genretypische Elemente, eine hübsche Frau und ein Polizist der Sorte „Harte Schale, weicher Kern“.

Vielen Dank an First Orko, der den Film am Anfang dieses Stranges empfohlen hat.
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Offline Chiarina

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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #36 am: 25.05.2020 | 01:43 »
Murder, my sweet (dt.: Mord, mein Liebling, 1944, Regie: Edward Dmytryk)

Das ist die Verfilmung eines Philip Marlowe Krimis von Raymond Chandler.

Der Film ist in eine Rahmenhandlung gebettet. In ein Verhörzimmer der Polizei wird Privatdetektiv Philip Marlowe gebracht. Er hat einen Verband um den Kopf, auch seine Augen sind verdeckt. Nach einigen Wortwechseln beschließt er seine Geschichte zu erzählen. Der Großteil des Films stellt als Rückblick seinen Bericht dar.

Ein Clou des Films besteht darin, dass Marlowe in zwei Fällen ermittelt aber irgendwann erkennt, dass sie miteinander zu tun haben.

Für den riesenhaften Ex-Sträfling Moose Malloy soll Marlowe dessen verschwundene Freundin Velma Valentino suchen, die ehemals in einem Nachtclub als Sängerin arbeitete.

Dann erhält Marlow einen Auftrag des dandyhaften Lindsay Marriot. Marlowe soll Marriot bei der Geldübergabe für den Rückkauf einer gestohlenen Jade-Halsbandes als Leibwächter beistehen. Bei der Aktion bekommt Marlowe allerdings einen Schlag über den Schädel und Marriott wird umgebracht. Als Marlowe wieder zu sich kommt sieht er noch halb betäubt, wie eine junge Frau vom Tatort flieht. Marlowe bekommt eine Warnung von der Polizei. Er soll sich aus dem Fall heraushalten und Jules Amthor, der als „Heiler“ bezeichnet wird, aus dem Weg gehen.

Dann erscheint Ann Grayle in Marlowes Büro. Sie will wissen wo das Jade-Halsband ist. Marlowe begleitet Ann zum palastartigen Haus ihres Vaters Llewellyn Grayle und lernt dort neben ihm auch ihre Stiefmutter Helen kennen. Helen ist viele Jahre jünger als ihr Mann Llewellyn und beauftragt Marlowe damit, das Halsband und Marriotts Mörder zu finden. Dann taucht überraschend Jules Amthor im Haus der Grayles auf. Marlowe warnt ihn vor der Polizei.

In einem Nachtclub trifft sich Marlowe dann wieder mit Malloy, der ihn zwingt, ihn ins Haus von Jules Amthor zu begleiten. Marlowe erkennt hier, dass Malloy als Schläger für Amthor arbeitet. Die beiden Fälle beginnen sich zu vermischen. Marlowe beschuldigt Amthor, gemeinsame Sache mit Marriott gemacht und einen Erpresserring betrieben zu haben. Amthor will von Marlowe wissen, wo das Halsband ist. Da es Marlowe nicht weiß, wird er niedergeschlagen und unter Drogen gesetzt. Es folgt eine wundervoll surrealistische Halluzinationsszene mit kreiselnden Deckenleuchten, Blicken durch gesprungenes Glas, vielen Hell-Dunkel-Kontrasten und einiger filmischer Tricks mehr, die für 1944 sicherlich beachtlich waren. Etwa drei Minuten begleiten wir als Zuschauer Marlowe in seinem Drogenwahn. Marlowe erwacht schließlich in der fragwürdigen Privatklinik Amthors, kann fliehen und taucht bei Ann Grayle unter. Jetzt erkennt er in Ann die Frau, die am Ort von Marriotts Ermordung auftauchte. Ann bestreitet, mit dem Verbrechen irgendetwas zu tun zu haben.

Marlowe fährt mit Ann zum Strandhaus der Grayles. Hier wohnte Marriott zuletzt. Die beiden kommen sich näher, streiten sich dann, aber schon taucht Anns Stiefmutter Helen auf und Ann verlässt das Haus. Helen erzählt Marlow, dass sie das Halsband Amthor geben wollte. Er hat ihr versprochen, dass er im Gegenzug über Helens Untreue Stillschweigen bewahren würde. Leider sei das Halsband vor der Übergabe gestohlen worden. Helen behauptet, Amthor habe Marriott umgebracht. Sie bittet Marlowe, Amthor in das Strandhaus zu locken, wo sie ihn dann ermorden will. Marlowe willigt zum Schein ein, begibt sich zu Amthors Haus und findet ihn dort tot. Offenbar wurde er von jemandem mit großen Kräften erschlagen. Sein Verdacht fällt naheliegender Weise auf Malloy und er ahnt wohl auch hier schon, dass es sich bei seiner Velma um Helen Grayle handelt. Marlowe geht in sein Büro, wo Malloy bereits auf ihn wartet. Malloy ist aggressiv, aber Marlowe beschwichtigt ihn, indem er ihm erzählt, er werde ihn zu Velma bringen.

Einen Abend später fahren Marlowe und Malloy ins Strandhaus der Grayles. Marlowe geht vor und will Malloy ein Zeichen geben, wenn er nachkommen soll. Im Haus wartet Helen, zeigt Marlowe das Halsband und erzählt seinen Diebstahl nur vorgetäuscht zu haben. Sie wurde von Marriott erpresst und wollte die fingierte Übergabe nutzen um Marriott zu töten. Marlowe vermutet, dass auch er getötet worden wäre, wenn nicht Ann dazwischen gekommen wäre. Dann erscheinen Ann und ihr Vater. Als Helen Marlowe töten will, erschießt ihr Mann sie. Malloy eilt herbei und erkennt in der toten Helen seine gesuchte Velma. Malloy und Grayle schießen aufeinander, Marlowe geht dazwischen und wird vom Mündungsfeuer geblendet.

Damit ist Marlowes Bericht beendet. Die Polizisten lassen ihn gehen, weil seine Aussage sich mit der von Ann, die bei der Schießerei anwesend war, deckt. Weil es Monate dauern wird, bis er wieder sehen kann, begleitet ihn ein Polizist nach Hause.  Aber auch Ann war bei Marlowes Bericht anwesend. Sie folgt ihm und dem Polizisten zum Auto, komplimentiert den Polizisten weg und setzt sich zu Marlowe ins Auto. Marlowe glaubt, den Polizisten neben sich sitzen zu haben und erzählt ihm, er werde sehen müssen, wie er sich während seiner Augenprobleme die Zeit vertreibe. Dann aber riecht er, dass es Ann ist, die neben ihm sitzt und er sagt, scheinbar noch immer dem Polizisten zugewandt, er werde es mit Küssen versuchen, ob er nicht direkt mit ihm anfangen könne? Lächelnd küssen sich Ann und Marlowe.

Der Film ist toll gefilmt und selten langweilig. Die Halluzinationsszene ist sehenswert. Marlowe zeigt starke Nerven, Helen ist eine wirklich bösartige femme fatale, die Gangster sind brutal. Der Fall ist etwas verwickelt, aber auch wenn man nicht jede Schlussfolgerung Marlowes und falschen Geständnisse seiner Verdächtigen nachvollziehen kann, bekommt man doch ganz gut mit, was los ist. Der Beschützer der Unschuldigen und Underdogs, zu dem Marlowe hier einiger Filmkritiker zufolge stilisiert worden sein soll, lässt sich in meinen Augen allerdings nur selten erkennen. Marlowe wird vielmehr selbst als Detektiv vorgestellt, der knapp bei Kasse ist und jeden Job nehmen muss. Die linke Gesinnung des Regisseurs konnte ich aber stärker im wirklich anrührenden Geständnis von Llewellyn Grayle erkennen, der davon erzählt, wie er sich immer in die Vorstellung hineingeträumt habe, seine Frau hätte ihn auch geheiratet, wenn er weniger wohlhabend gewesen sei. Grayle ist hier ganz typisch der "arme, reiche Mann"... dennoch eine tolle und überzeugend gespielte Szene. Ich habe nur ein Problem mit dieser idiotischen Ganovensprache, die auch Marlowe verwendet. Das soll wohl cool und irgendwie witzig sein... vielleicht war es das 1944 auch. Mir kommt das leider sehr aufgesetzt vor... abgesehen von kleinen Highlights wie diesem hier:

„Mike Florian hatte den Laden bis 1939, er starb 1940 als er gerade ein Glas Bier trank. Seine Freundin Jessie trank es für ihn aus.“

Kann man sich anschauen.
« Letzte Änderung: 25.05.2020 | 12:56 von Chiarina »
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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #37 am: 20.06.2020 | 14:27 »
Bin zufällig gerade in der U-Bahn auf Werbung gestoßen zu folgendem Buch:
Film Noir
von Paul Duncan und Jürgen Müller
Taschen-Verlag

Ich kenne es nicht, aber vielleicht wäre es ja eine passende literarische Ergänzung zu deinem Trip durch den Film Noir.
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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #38 am: 1.07.2020 | 04:35 »
Ministry of Fear (dt.: Ministerium der Angst, 1944, Regie: Fritz Lang)

1944 wird Stephen Neale aus der Nervenheilanstalt Lembridge entlassen. Er sehnt sich nach Gesellschaft und will mit dem Zug nach London, trotz der Bombenangriffe, die die Nazis gegenwärtig dort durchführen. Weil sein Zug eine Weile auf sich warten lässt, besucht er eine Wohltätigkeitsveranstaltung auf dem Bahnhofsvorplatz, die die „Mütter der freien Nation“ veranstaltet haben. Neale nimmt an einem Ratespiel teil: Für einen Shilling darf er das Gewicht eines Kuchens schätzen. Der Teilnehmer, dessen Schätzung der Wahrheit am nächsten kommt, gewinnt den Kuchen. Dann besucht er eine Wahrsagerin, die er irgendwann auffordert: „Vergessen Sie die Vergangenheit, verraten sie mir die Zukunft!“ Mit diesem Satz hat er offenbar zufällig ein Schlüsselwort getroffen. Die Wahrsagerin verrät ihm das wahre Gewicht des Kuchens und sonst nichts mehr. Neale ist verwirrt, geht aber zum Kuchenstand und rät ein zweites Mal. Als er das von der Wahrsagerin angegebene Gewicht nennt, händigt man ihm den Kuchen aus. Bevor er zum Zug geht, kommt allerdings ein Mann, der zielstrebig zur Wahrsagerin geht. Wenig später wendet sich eine Frau vom Kuchenstand an Neale und bedauert, dass sie sich geirrt habe. Der Kuchen habe ein anderes Gewicht, der andere Herr sei näher dran, sie müsse ihm den Kuchen wieder abnehmen. Neale fragt, welches Gewicht der andere Mann denn angegeben habe und kann den Beleg vorweisen, dem sich entnehmen lässt, dass er mit seiner ersten Schätzung noch näher dran war. Neale kann den Kuchen behalten und setzt sich in den Zug. Dieses ganze Vorspiel deutet darauf hin, dass in dieser Torte irgendetwas versteckt ist, was eine Untergrundbewegung an sich bringen oder irgendwohin bringen will. Die „Mütter der freien Nation“ scheinen in irgendwie in diese Machenschaften verwickelt zu sein.

Im Zug setzt sich ein Blinder zu Neale. Dessen Behinderung ist aber nur gespielt. Neale teilt ein Stück des Kuchens mit ihm, verdächtiger Weise isst der Blinde aber kaum, sondern zerbröselt einen Großteil des Kuchens. Wenig später muss der Zug halten. In der Nähe fliegen Bomber der Nazis einen Luftangriff auf eine Munitionsfabrik. Während Neale noch aus dem Fenster späht, bekommt er von dem Blinden einen Schlag über den Kopf. Der Mann stiehlt die Torte und rennt davon. Neale kommt wieder zu sich und verfolgt ihn. Der Mann sucht in einer ruinösen Hütte Zuflucht, die aber kurz darauf von einer Bombe getroffen wird und in die Luft fliegt. Neale schaut sich in dem zerbombten Gebäude um, findet aber im Schutt nur noch die Pistole des Mannes.

In London besucht Neale ein Detektivbüro. Wir erfahren, dass jemand im Hotel sein Zimmer durchwühlt hat. Er engagiert den skurrilen und saufenden Privatdetektiv Rennit, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Mit Rennit besucht Neale dann das Londoner Hauptquartier des Wohltätigkeitsvereins „Mütter der freien Nation“. Rennit wartet vor der Tür, Neale geht hinein und will von der Sekretärin die Adresse von Mrs. Bellane, der Wahrsagerin, herausbekommen. Die Sekretärin erteilt ihm zunächst keine Auskunft, aber als Neale ihr erzählt, dass Mrs. Bellane ihm zu einer Torte verholfen hat, die ihm eigentlich nicht zusteht, verschwindet die Sekretärin in einem Nachbarraum. Neale nutzt die Gelegenheit, den Brief zu lesen, den die Sekretärin gerade schreibt. Es ist das Schreiben einer Frau, die sich bei einer anderen Frau für Tee und Mehl bedankt. Dann wird Neale in den Nachbarraum hineingebeten und lernt die österreichischen Geschwister Carla und Willie Hofer kennen, die ebenfalls für die Organisation arbeiten. Die beiden glauben zunächst an ein amouröses Interesse Neales und rücken irgendwann mit der Adresse von Mrs. Bellane heraus, die aber nicht in Lembridge, sondern in London wohnt. Neale fragt, ob es vorstellbar sei, dass ehrenamtliche Mitarbeiter die „Mütter der freien Nation“ als Deckorganisation für irgendwelche Verbrechen nutzen könnten. Die Hofers können sich das nicht vorstellen, aber Willie bietet Neale an, ihn zu Mrs. Bellane zu begleiten. Neale ist einverstanden. Detektiv Rennit folgt den beiden heimlich.

Beim Treffen mit Mrs. Bellane macht Neale eine überraschende Entdeckung: Es ist eine hübsche, verführerische junge Frau, eine andere Mrs. Bellane als auf der Wohltätigkeitsveranstaltung in Lambridge. Trotzdem berichtet die Dame von den Einnahmen in Lambridge und ihrer Tätigkeit dort als Wahrsagerin. Irgendetwas stimmt hier nicht. Dann wird sie von einem Mann gerufen, um eine Séance zu leiten. Sie lädt Willie Hofer und Neale ein dabei zu sein. Auf den letzten Drücker kommt noch ein weiterer Gast, Mr. Cost. Neale kennt ihn aus Lambridge. Es war der Mann, der die Torte abholen wollte. Während der Séance fassen sich alle an den Händen und das Licht geht aus. Eine flüsternde Frauenstimme klingt wie Neales verstorbene Frau, die ihn namentlich als Giftmörder bezeichnet. Neale ist daraufhin außer sich, springt auf und ein Schuss fällt. Als das Licht wieder entzündet wird, befindet sich Blut an der Stirn von Mr. Cost. Er ist tot und fast alle Anwesenden betrachten Neale als seinen Mörder. Die Polizei wird gerufen und die ängstlicheren der Gäste ziehen sich in die Bibliothek Mrs. Bellanes zurück. Neale bleibt mit Willie Hofer allein. Die Pistole enthält, wie es Neale bereits sagte, nur noch einen letzten Schuss. Willie Hofer weiß allerdings nicht, ob er Neale glauben kann. Schließlich erklärt er sich einverstanden, ihn fliehen zu lassen. Damit er aber selbst nicht als Fluchthelfer belangt wird, bittet er Neale, ihn niederzuschlagen. Neale verpasst ihm einen Kinnhaken, nimmt die Pistole an sich und springt aus dem Fenster.

Auf seiner Flucht steuert Neale zuerst das Detektivbüro von Rennit an. Es ist menschenleer, aber völlig durchwühlt. Neale entdeckt bei der Gelegenheit, dass ihm auf der Straße offenbar ein Mann auflauert. Statt nach draußen zu gehen ruft er Willies Schwester Carla an. Sie erzählt Neale, dass ihn die Polizei sucht. Willie sei auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung in Bloomsbury und schaue dort nach, ob er auf ähnliche Umtriebe wie in Lambridge stoßen könne. Als Carla erfährt, wo sich Neale befindet, kommt sie zu ihm. Kurze Zeit später ertönt Fliegeralarm. Die Menschen verschwinden in einer U-Bahn-Station. Neale trifft sich mit Carla, die ihm zwar ein Versteck organisiert hat, es ist nur aufgrund des Fliegeralarms derzeit nicht erreichbar. Den beiden bleibt nichts anderes übrig, als wie die anderen Menschen auch in der U-Bahn-Station zu verschwinden. Neale dankt Carla für ihre Hilfe und beide kommen sich etwas näher. Neale vertraut sich bei dieser Gelegenheit Carla an und erzählt ihr, dass er vor zwei Jahren verurteilt wurde, weil er seiner totkranken, leidenden Frau ein Mittel für ihren Suizid besorgt hat. Vor Gericht wurde daraufhin verfügt, dass Neale in eine Nervenheilanstalt gebracht wird. Neale berichtet davon, wie er noch immer von seinem schlechten Gewissen geplagt wird. Kurz danach kommt ein Mann in die U-Bahn-Station hinab. Es ist der Mann, der Neale schon vor Rennits Detektivbüro aufgelauert hat. Neale zieht seinen Hut ins Gesicht, der Schnüffler erkennt ihn nicht und fährt schließlich in einer U-Bahn davon.

Am nächsten Morgen gehen die Menschen wieder nach Hause. Carla bringt Neale zu einem Buchladen dessen Besitzer Neale verstecken will. Neale wundert sich, dass in der Zeitung nichts von seinem angeblichen Mord zu finden ist. Bei ihrem Gang durch den Laden werden ein paar Bücher sichtbar, deren Umschlag ein Hakenkreuz trägt. Neale schaut näher hin: Es trägt den Titel „The Psychoanalysis of Nazidom“. Sein Autor ist der Psychiater Dr. Forrester, einer der Männer, die bei Mrs. Bellanes Séance dabei waren, der auch im Sicherheitsministerium tätig ist und Propagandaschriften verfasst. Der Buchhändler weist Neale und Carla schließlich ein Hinterzimmer zu und verschwindet wieder in seinen Laden. Hier erzählt Neale Carla erneut von seinem Verdacht, dass es sich bei einigen der ehrenamtlichen Helfer der „Mütter der freien Nation“ um einen Spionagering handeln könnte. Mrs. Bellane war immerhin in der Kartei verzeichnet. Sind es noch ein paar mehr von den Teilnehmern an der Séance? Neale nennt ein paar Namen der damals Anwesenden und Carla wird unruhig, weil sich auch eine Malerin darunter befindet, die sie kennt.

Neale fährt zu dieser Malerin, trifft aber zunächst auf Mrs. Bellane. Neale nimmt einen Damenrevolver aus ihrer Handtasche und befragt sie ein wenig über die Vorgänge in Lambridge. Mrs. Bellanes Ausreden wirken nicht allzu glaubwürdig, aber Neale erfährt noch immer nicht, was es mit dem Kuchen auf sich hatte.

Währenddessen überprüft Carla die Kartei im Hauptquartier der „Mütter der freien Nation“ nach den anderen Teilnehmern der Séance. Dabei wird sie allerdings von ihrem Bruder Willie überrascht. Sie erzählt ihm, dass alle Teilnehmer an der Séance ehrenamtliche Mitglieder bei den „Müttern der freien Nation“ sind und dass sie alle von Dr. Forrester, dem Mitarbeiter aus dem Sicherheitsministerium, empfohlen wurden. Carla behauptet, dass es sich bei diesem Kreis wohl um einen Spionagering handeln müsse und will wissen, wie diese Karteikarten ins Hauptquartier der "Mütter der freien Nation" gekommen seien. Die herbeigerufene Sekretärin behauptet, Carla habe ihr diese Karteikarten selbst geschickt. Carla wird unsicher und ihr Bruder warnt sie vor voreiligen Schlüssen. Dann aber will Carla die Karteikarten Neale bringen. Das ist der Moment, in dem Willie erfährt, dass seine Schwester Neale hilft. Willie zeigt sich nicht begeistert und erzählt Carla, dass er vor zwei Jahren wegen Mord verklagt wurde. Carla korrigiert die Geschichte, so wie sie sie von Neale gehört hat. Willie will wissen, ob sich Carla in Neale verliebt habe. Carla gesteht ihm, dass sie Neale liebt.

In der Buchhandlung zeigt Carla Neale die Karteikarten. Die beiden gestehen sich ihre Ängste und finden zueinander. Dann aber hören sie, wie der Buchhändler mit Dr. Forrester telefoniert. Er soll ihm ein 20 bändiges medizinisches Werk liefern. Neale und Carla behaupten, zum Essen ausgehen zu wollen und bieten an, die Bücher abzugeben. Der Buchhändler willigt ein und verrät ihnen, dass sie sich bei der Lieferung beim Portier des Hauses melden müssen. Dr. Forrester selbst befinde sich in seiner Privatklinik vor der Stadt.

An der angegebenen Adresse angelangt stellen Neale und Carla fest, dass Dr. Forrester in dem Haus gar keine Wohnung besitzt. Der Portier behauptet, unter anderem wohne ein gewisser Mr. Travers hier, und dieser Mann habe gesagt, dass er Bücher erwarte. Der Portier lässt Neale und Carla ein. Die beiden erkennen schnell, dass das Zimmer unbewohnt ist. Neale will die Bücher auspacken und verschwinden, aber es handelt sich um eine Falle. Beim Öffnen des Koffers fliegt eine Sprengladung in die Luft.

Neale erwacht in einem Krankenbett. Er wird offensichtlich von dem Mann bewacht, der ihm schon öfter aufgelauert hat. Dieser Mann entpuppt sich als Inspektor von Scotland Yard. Neale erfährt, dass die Polizei von dem Mord an Mr. Cost bei der Séance gar nichts weiß. Jetzt denkt er darüber nach, ob möglicherweise gar kein Mord geschehen ist und ihm das ganze Geschehen nur vorgespielt wurde. Das würde auch erklären, dass Mr. Costs Wunde nicht allzu groß war.

Neale erzählt dem Inspektor, dass Mr. Forrester in den Fall verwickelt ist, der hält ihn aber noch immer reif für die Irrenanstalt. Dann will der Inspektor wissen, was Neale mit Rennit gemacht hat. Der Detektiv sei erschlagen worden. Neale weiß davon nichts und kann nur von Rennits verwüstetem Büro erzählen. Der Inspektor sagt aber, dass er wegen vorsätzlichem Mord angeklagt sei. Neale erzählt dem Inspektor jetzt davon, warum er Rennit angestellt habe und auch von der Torte, die er gewonnen hat. Der Inspektor glaubt ihm kein Wort, aber Neale bittet ihn darum, den Bombenkrater bei der Munitionsfabrik untersuchen zu können. Vielleicht finde man dann das, was in der Torte war.

Die Untersuchung findet statt. Es werden ein paar Überbleibsel des blinden Mannes gefunden, auch ein kleines Stück der Tortenschachtel, aber nichts, was Beweise für einen Spionagering liefern könnte. Schließlich stößt Neale auf ein Vogelnest in den Ruinen, in dem ein viel größeres Teil der Tortenschachtel gefunden wird. Neale zerbröselt die Kuchenreste, so wie es im Zug der Blinde getan hat, und findet eine kleine Metalldose, in der ein Mikrofilm mit Fotografien steckt. Die Bilder zeigen eine Darstellung der Schifffahrtswege nach England, die nicht durch Minen geschützt sind, und damit gefährliche Geheiminformationen, die wohl jemand den Nazis zukommen lassen wollte. Im Gespräch mit anderen Beamten erfahren Neale und der Inspektor, dass das Original dieser Aufnahmen sich in den Stahlkammern der Regierung befindet, aber am gestrigen Tag noch einmal ausgeliehen wurde. Der Inspektor vermutet, dass sie bei dieser Gelegenheit ein zweites Mal fotografiert wurden. Zwar ist Dr. Forrester schon eine ganze Weile nicht mehr im Ministerium gesehen worden, sein Schneider sei aber am gestrigen Tag hiergewesen und habe das Maß irgendeines Mitarbeiters genommen. Dieser Schneider trage den Namen Travers. Offensichtlich ist es der Mann, dem Neale und Carla die Bücher ausliefern wollten. Neale nennt den Beamten die Adresse, der Inspektor ruft bei dem Mann an und gibt vor, Maß für einen Anzug nehmen zu lassen. Am Nachmittag fahren die Männer hin.

Neale wird bei der Gelegenheit von dem Inspektor gefragt, warum er das Mädchen schütze. Gemeint ist Carla. Niemand weiß, was nach der Explosion mit ihr geschehen ist. Neale hat Angst, man würde sie – nicht zuletzt aufgrund ihrer Herkunft – mit den Spionen in einen Topf werfen. Ihren Bruder deckt er gleich mit. Der Inspektor lässt ihn vorerst gewähren.

Im Bekleidungsgeschäft lässt Neale Mr. Travers holen. Neale erkennt in ihm Mr. Cost, den Mann, den er angeblich bei der Séance erschossen hat. Der Mann hält Neale einen Moment mit einem Telefonat hin, in dem er angeblich mit einem Kunden namens Mr. Macklin spricht, dem vor einer Stunde erst ein Anzug geliefert wurde. Als aber auch der Inspektor kommt, rennt Mr. Cost in einen Nebenraum und bringt sich um. Neale hat sich die Nummer gemerkt, die Mr. Cost gewählt hat, und ein ungutes Gefühl. Er geht zum Telefon und wählt die Nummer noch einmal. Es meldet sich Carla. Ist sie doch mitschuldig? Neale legt wieder auf. Kurz darauf kommt aber ein Lieferant zurück, aus dem Neale die Adresse des angeblichen Mr. Macklins herausbekommt. Neale fährt hin, es ist ein weiteres Hotel. Vor der Tür warten bereits ein paar Nazispione und beobachten Neale, wie er das Haus betritt. Als Neale an der in Erfahrung gebrachten Tür klingelt öffnet Willie, Carlas Bruder. Neale sieht den kürzlich gelieferten Anzug und ahnt, was sich in seinen Innentaschen befindet: die zweite Fotografie des Geheimmaterials. Carla ist aber auch anwesend. Sie verrät Stephen jetzt, dass ihr Bruder für die Bombe im Koffer zuständig war, nicht Dr. Forrester. Willie gibt das zu. Die erfolgreichen Nachforschungen von Neale und Carla hätten seine lukrativen Spionagedienste beinahe zunichte gemacht.

Jetzt kommt meine Lieblingsstelle: Nach Willies nicht allzu reumütigem Geständnis klagt Neale ihn an: „Und dafür hätten Sie ihre Schwester getötet!“, woraufhin Willie lächelnd erwidert: „Sie haben ihre Frau getötet. Das tut man nun ´mal, wenn es die Umstände erfordern.“ Das ist der größtmögliche Schlag in die Magengrube für Neale.

Dann geht es zuende. Die Männer ringen, Willie versucht Neale zu erschießen, Carla wirft einen großen Kerzenständer nach ihm, der Kampf geht ein paarmal hin und her, dann bekommt Carla die Pistole in die Finger und gibt sie nicht wieder her. Willie will mit seiner Jacke fliehen, löscht das Licht und rennt in den Gang, aber Carla erschießt durch die Zimmertür hindurch ihren Bruder.

Neale und Carla wollen gehen, aber der Aufzug kommt. In ihm befindet sich Dr. Forrester. Über das Treppenhaus kommen andere Mitglieder der Verschwörung. Neale und Carla fliehen aufs Dach. Es kommt zu einem Schusswechsel. Neale kann einen Gegner ausschalten, aber irgendwann wird seine Munition knapp und er muss das Magazin wechseln. In diesem kritischen Moment schießt jemand überraschend von unten aus dem Treppenhaus Neales Gegner nieder. In der hellerleuchteten Tür wird schließlich der Inspektor sichtbar, der die Auseinandersetzung entschieden hat. Dann ist die Szene auch schon vorbei.

Der letzte Schnitt zeigt Neale und Carla im Auto. Sie fahren im Auto durch eine sonnige Landschaft am Meer entlang und sprechen über ihre bevorstehende Hochzeit. Als Carla das Gespräch auf die Hochzeitstorte kommen lässt, bleibt Neale ein wenig das Lachen im Halse stecken.

Ich finde den Film großartig geplottet! Er bietet eher Handlungskino, weniger Charakterstudie, aber die Story ist dafür sehr, sehr toll! (Sie ist von Graham Greene). Deswegen ist meine Zusammenfassung auch sehr ausführlich geworden. Der Film wird öfter kritisiert, teilweise sicherlich berechtigt. Die Figuren sind vielleicht ein wenig blass und ein paar Dinge sind einfach nicht rund: Was zum Beispiel ist eigentlich mit Detektiv Rennit passiert? Auch die letzte Szene ist ganz schlecht geschnitten und wirkt wie nachträglich an den Film drangepappt. Sie passt nicht zum Rest des Films. Wo spielt diese Szene? Ist hier plötzlich der Krieg vorbei? Ein paar Details wirken auch ein wenig unglaubwürdig (die halbe Torte im Vogelnest). Das ist aber alles halb so wild, denn das hier ist ein richtig toller, intelligenter Spionagethriller. Was hier an kleinen Hinweisen und nachträglich aufgelösten Fingerzeigen über den gesamten Film hinweg verschlüsselt und nach und nach aufgelöst wird, sieht man nicht so häufig. Ich habe ihn gern zweimal gesehen, bis ich alles verstanden habe. Das geht mir selten so. Der Film dauert gut 83 Minuten. Für diese Fülle bräuchte es heute zwei Staffeln.

Ist es aber auch ein Film Noir? Die Femme Fatale spielt jedenfalls nur eine Nebenrolle, der saufende Detektiv auch. Gut allerdings, dass Neale seine Gewissensbisse aufgrund des Todes seiner verstorbenen Frau hat. Das bringt der Figur eine ganze Menge Intensität.

@ Kurna: Danke für den Buchtipp. Ich will erst noch ein paar Film Noir sehen, bevor ich theoretische Abhandlungen darüber lese, aber wenn´s soweit kommen sollte, werde ich dran denken.
« Letzte Änderung: 2.07.2020 | 00:25 von Chiarina »
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Offline Kurna

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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #39 am: 1.07.2020 | 23:58 »
Gern geschehen.

Ich verfolge deine Rezensionen hier auf jeden Fall sehr gerne. Deshalb hatte ich auch gleich an diesen Strang denken müssen, als ich zufällig die Werbung für das Buch gesehen hatte.
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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #40 am: 13.08.2020 | 00:31 »
The Mask of Dimitrios (dt. “Die Maske des Dimitrios”, 1944, Regie: Jean Negulesco)

Bei einem Istanbul-Aufenthalt lernt Krimi-Schriftsteller Leyden einen türkischen Polizeibeamten kennen, der ihm von dem berüchtigten Verbrecher Dimitri Makropoulos erzählt. Der Mann sei kürzlich erst ermordet an der Küste angespült worden. Leydens berufliche Neugier ist geweckt, die Erzählungen des Beamten zeichnen das Bild eines völlig skrupellosen Mörders, Betrügers und Schmugglers. Leyden schaut sich in der Leichenhalle den Toten an und nutzt seine Informationen, um über Makropoulos mehr herauszufinden. Sein Weg führt ihn zu einer ehemaligen Geliebten in Sofia und einen ehemaligen Kompagnon in Genf. Beide wurden von Dimitrios ausgenutzt und betrogen und reagieren emotional auf Leydens Bericht von seinem Tod.

Während seiner Nachforschungen macht Leyden allerdings auch die Bekanntschaft von Mr. Peters, der Makropoulos kennt und ebenfalls an Hintergründen über den Verbrecher interessiert zu sein scheint. Peters versucht Leyden zu seinem Komplizen zu machen und fährt schließlich mit ihm nach Paris. Leyden erfährt hier, dass Peters ein ehemaliger Schmuggler ist, den Dimitrios ebenfalls betrogen hat und daher ins Gefängnis musste, aus dem er erst kürzlich entlassen wurde. Peters verrät Leyden, dass die Leiche, die er in Istanbul gesehen hat, gar nicht die von Dimitrios, sondern die eines anderen Komplizen war. Dimitrios hat die Leiche so ausstaffiert, dass sie als er selbst erschien und wollte so weiterer Verfolgung entgehen. Nun will Peters mit Leydens Hilfe von Dimitrios ein Schweigegeld erpressen.

Am Schluss des Films kommt es zu einer Konfrontation, bei der Dimitrios Peters anschießt, dann mit Leyden kämpft, schließlich aber von dem verwundeten Peters erschossen wird. Die schnell herbeieilende Polizei nimmt Peters fest, Leyden dürfte genügend Stoff für seinen nächsten Krimi zusammen haben.

Der Clou an dem Film ist, dass wir als Zuschauer etwas sehen, was in der Filmrealität erst noch als Kriminalroman erscheinen wird. Die Story von Makropoulos existiert ja letztlich sowohl für uns Filmzuschauer als auch (in Kürze) für die Krimifans in der Filmrealität. Das kleine Spielchen mit der doppelten Handlungsebene wird nicht allzu sehr ausgewälzt, ich finde es aber trotzdem charmant.

Die Filmhandlung an sich ist nicht allzu kompliziert und lässt sich leicht mitverfolgen. Der rote Faden des Films ist das Schritt für Schritt sich vervollständigende Gesamtbild des Verbrechers, eine zuschauerfreundliche Idee, die zu fesseln weiß. Der Darsteller des Dimitrios Makropoulos ist Zachary Scott, der hervorragend spielt und einen gutaussehenden, exotischen, stellenweise fast schon dämonischen Verbrecher abgibt. Leyden wird von Peter Lorre dargestellt, dessen sanftes Wesen in diesem Film ausnahmsweise mal authentisch ist. Nur am Schluss verliert er einmal die Kontrolle über sich selbst. Auch er spielt gut (wie immer). Die östlichen Schauplätze sind eindrucksvoll in Szene gesetzt und triefen nur so vor Exotik, Genf und Paris fand ich allerdings etwas langweiliger.

Die Gesamtdramaturgie des Films funktioniert und spult eine stimmige Szene nach der anderen ab, allerdings – das ist meine einzige Kritik – führt die allmähliche Recherche Leydens zu einer relativ vorhersehbaren Handlung und gleichartigen Szenen.

Ach ja – das ist ein Film Noir ohne Femme Fatale... es geht auch ohne.
« Letzte Änderung: 13.08.2020 | 00:35 von Chiarina »
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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #41 am: 5.10.2020 | 02:01 »
Christmas Holiday (dt.: Der Weihnachtsurlaub, 1944, Regie: Robert Siodmak)

Der Film beginnt mit einer militärischen Zeremonie: einige Soldaten werden in den Rang eines Lieutenants befördert. Auch Charles Mason gehört zu ihnen. Es ist kurz vor Weihnachten und im bevorstehenden Urlaub will er nach St. Francisco fahren um seine Verlobte zu heiraten. Am Tag vor seiner Abreise erreicht ihn überraschenderweise ein Telegramm seiner Verlobten, die ihn darüber informiert, dass sie einen anderen geheiratet hat. Mason ist schockiert, beschließt aber trotzdem nach St. Francisco zu fliegen um der Sache auf der Grund zu gehen. Da das Flugzeug allerdings in schlechtes Wetter gerät muss Mason in New Orleans einen zweieinhalbtägigen Zwischenhalt einlegen.

Am Weihnachtsabend wird er von einem Zufallsbekannten mit in einen Nachtclub genommen und lernt dort das Animiermädchen Jackie (ihr eigentlicher Name ist Abigail) kennen, die in dem Club auch als Sängerin auftritt. Sie überredet ihn, mit ihr in die Christmesse zu gehen und beginnt dort zu weinen.

Mason nimmt sie mit und lässt sie in seinem Hotelzimmer auf dem Sofa schlafen. Ein Großteil des Films besteht aus einer Rückblende, die Jackies Bericht über ihre Vergangenheit darstellt.

Jackie heiratete einen Mann, der dem Spiel verfallen war und lebte mit ihm und dessen Mutter zusammen. Nach ein paar glücklichen Monaten holte ihn seine Vergangenheit ein: Er brachte den Buchmacher eines Wettbüros um und eine Menge Geld mit nach Hause. Jackie verbrennt die ihren Mann belastende Beute, ihr Mann wird aber trotzdem gefasst und zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Seine Mutter sieht in Jackies fehlendem guten Einfluss auf ihren Sohn die Ursache für sein verpfuschtes Leben. Sie verstößt Jackie, die daraufhin als gefallene Frau in dem Nachtclub zu arbeiten beginnt.

Nachdem Mason ihre Geschichte gehört hat, beschließt er, nicht nach St. Francisco zu fahren, sondern zu seiner Einheit zurückzukehren. Es scheint so, als habe Jackie ihm geholfen über seine untreue Verlobte hinwegzukommen. Am Flugplatz checkt er für seinen Rückflug ein und liest in einer Zeitung, dass Jackies Mann aus dem Gefängnis geflohen ist. Mason hat Angst um Jackie und geht kurz vor seinem Abflug noch einmal in den Nachtclub. Das Gebäude ist von der Polizei umstellt, die davon ausgeht, dass Jackies Mann hier auftaucht.

So ist es auch. Obwohl Jackie ihren Mann noch immer liebt, glaubt dieser, dass sie sich während seines Gefängnisaufenthalts im Nachtclub mit anderen Männern amüsiert hat. Es kommt deshalb zu einer Auseinandersetzung, zu der die Inhaberin des Etablissements und Mason hinzukommen. Als Jackies Mann eine Waffe zieht um seine Frau zu bestrafen, trifft ihn eine Polizeikugel, die vom Garten aus ins den Raum geschossen wurde.

Mason behauptet anschließend, er habe viel gelernt und kehrt zu seiner Einheit zurück. Jackies weiteres Schicksal bleibt ungewiss.

Die Erzählung über mehrere Rückblenden ist etwas seltsam, da sie nicht chronologisch verlaufen. Die Handlung ist nichtsdestotrotz extrem gradlinig und kommt ohne jegliche Überraschung aus. Im Film wird sich um eine Verknüpfung zwischen Masons untreuer Verlobten und Jackies verbrecherischem Mann bemüht... bis auf die enttäuschten Liebenden sind hier aber keine größeren Parallelen zu entdecken. Mason ist ein betrogener Kavalier, dessen Charakter aber blass bleibt. Jackie ist die tragisch Leidende und Liebende, die in diesem Film viele, viele Tränen vergießen darf. Die einzige Figur, die zu einem gewissen Grad typisch für einen Film Noir ist, ist Jackies Mann, ein Mann mit guten Absichten, der aber seine Charakterschwäche nicht in den Griff bekommt und am Schluss seine böse Fratze präsentiert. Diese Figur ist interessant, nicht alle ihre Facetten werden aber überzeugend vermittelt.

Im Wikipedia-Artikel zu dem Film ist zu lesen, dass er auf einem Roman von W. Somerset Maughan basiert, der wohl in einigen Details weitaus drastischere Inhalte bereithält, beispielsweise den Aspekt der Prostitution stärker herausstreicht und auch Inzest und Homosexualität thematisiert. Diese Elemente sind hier mainstreamtauglich herausgestrichen und glattgebügelt. Selbst die Puffmutter ist im Film nicht mehr als eine wohlmeinende ältere Freundin.

Insgesamt sehe ich in dem Film eine schwache, rührselige Schmonzette, auch wenn es nicht zu einem Happy End kommt. Robert Siodmak hat tolle Filme gemacht (z. B. "The spiral staircase" von 1945). Dieser hier gehört in meinen Augen nicht dazu.
« Letzte Änderung: 5.10.2020 | 19:14 von Chiarina »
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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #42 am: 31.12.2020 | 13:22 »
Phantom Lady (dt.: Zeuge gesucht, Regie: Robert Siodmak), 1944

Und nochmal Siodmak… aber was für ein Unterschied zum vorangegangen besprochenen Streifen!

Der Film beginnt damit, dass der Ingenieur und Geschäftsmann Scott Henderson in eine Bar geht und eine fremde Frau mit einem auffälligen Hut einlädt, mit ihm in eine Revue zu gehen. Beide wirken einsam und traurig und sprechen während des Abends wenig miteinander. Trotzdem fallen sie vier Menschen auf, was später noch eine Rolle spielen wird:
-   Der Barkeeper in der Bar, in der Henderson die Frau anspricht
-   Der Taxifahrer, der beide zum Revuetheater fährt
-   Der Schlagzeuger des Revue-Orchesters, der der Frau anzügliche Blicke zuwirft
-   Die zentrale Sängerin in der Revue, die ärgerlicherweise denselben Hut trägt, wie Hendersons Begleiterin
Nach ihrem Abend gehen beide getrennte Wege ohne sich Namen oder Adresse genannt zu haben.

Als Henderson nach Hause kommt, ist die Polizei bei ihm. Seine Frau ist ermordet worden. Jemand hat sie mit einer seiner eigenen Krawatten erwürgt. Die Polizei vernimmt ihn, erfährt, dass Hendersons Ehe schon lang nicht mehr glücklich war, stellt Nachforschungen an und muss feststellen, dass Hendersons Alibi Lücken hat. Hendersons Zeugen bestätigen zwar, ihn am betreffenden Abend gesehen zu haben, bei der Uhrzeit sind sie aber unsicher. Außerdem kann oder will sich niemand an die Frau erinnern, die er bei sich gehabt hat. Barkeeper und Taxifahrer hatten zu viele Kunden, um sich alle merken zu können, die Sängerin der Revue hat die Frau gesehen, verheimlicht das aber, weil sie sich so über den Hut geärgert hat. Personen, die sich kleiden wie sie selbst, werden von ihr ignoriert. Da Henderson den Namen seiner Begleiterin nicht kennt, fehlt ihm die Zeugin, die ihm ein lückenloses Alibi verschaffen könnte. Vor Gericht hält man Henderson daher für einen Lügner und verurteilt ihn als Frauenmörder zum Tode.

Im weiteren Verlauf des Films gewinnt Hendersons Assistentin Carol eine immer größere Rolle. Sie liebt Henderson und versucht nun, ihm das benötigte Alibi zu verschaffen. Dazu muss sie irgendwie die Unbekannte finden, mit der Henderson am Tatabend unterwegs war.

Zunächst versucht sie, dem Barkeeper ein schlechtes Gewissen zu machen. Bei seiner Verfolgung ist sie so hartnäckig, dass der Mann vor ein Auto läuft. Nach dieser Pleite trifft sich der Kommissar, der Henderson hinter Gitter gebracht hat, mit ihr und erzählt, dass er auch nicht recht an dessen Schuld glaubt. Er verspricht Carol bei ihren Bemühungen ein wenig zu unterstützen.

Über den Kommissar gelangt Carol als nächstes an den Schlagzeuger des Revue-Orchesters. Sie bändelt mit dem Mann an, macht ihn betrunken und folgt ihm eine Nacht in einen Jazzclub und schließlich zu ihm nach Hause. Hier erfährt sie, dass ihm irgendjemand Geld gegeben hat, damit er nichts davon erzählt, was er am Tatabend im Revuetheater gesehen hat. Insbesondere über Damenhüte sollte der Mann Stillschweigen wahren. Kurz nachdem Carol das herausgefunden hat, entdeckt der Schlagzeuger allerdings die Information des Kommissars in Carols Handtasche, die sie auf seine Spur gebracht hat. Der Mann ist wütend, Carol läuft ohne ihre Handtasche davon und informiert den Kommissar per Telefon. Der Schlagzeuger wird derweil von einem Fremden heimgesucht – der Mann, der ihn bezahlt hat. Dieser Fremde erdrosselt ihn, so wie er es auch mit Hendersons Frau getan hat. Als Carol mit dem Kommissar in die Wohnung des Schlagzeugers eindringt, ist der Mann bereits tot.

Dann taucht Jack Marlow, ein alter Freund von Henderson auf. Das Zuschauer weiß bereits, dass er der Mörder ist. Marlow gibt vor, Carol bei ihren Bemühungen unterstützen zu wollen. Diese versucht nun mit Marlow und dem Kommissar im Schlepptau, den Revuestar zum Reden zu bringen, hat dabei aber keinen Erfolg. Schließlich kann sie aber beobachten, wie aus dem Hotel der Sängerin deren Gepäck herausgeschafft wird und sieht auf der Hutschachtel den Namen des Herstellers. Im entsprechenden Hutladen erfährt sie schließlich von einer angestellten Designerin, dass der Hut eigentlich ein Unikat war, dass sie ihn aber dennoch für eine gewisse Miss Terry kopiert habe.

Carol fährt mit Marlow zu Miss Terry, erfährt, dass deren Bräutigam kurz vor ihrer Hochzeit verstorben ist und sie nun in eine Depression verfallen ist. Der Tod des Bräutigams war der Grund dafür, dass sie zu Beginn der Handlung den Abend mit Henderson verbracht hat. Nach einigen Schwierigkeiten kann sich Carol den Hut der Dame ausleihen.

Marlow kann verhindern, dass Carol sofort den Kommissar benachrichtigt. Er gibt vor, selbst die Polizei informiert zu haben und nimmt Carol vorerst mit in seine Wohnung, wohin er angeblich auch den Kommissar bestellt hat. Carol findet aber in einer Schublade in der Garderobe von Marlow die Handtasche, die sie auf der Flucht vor dem Schlagzeuger des Revue-Orchesters zurücklassen musste. Es dämmert ihr nun allmählich, dass Marlow der Täter ist. Sie kann noch einen Hilferuf bei der Polizei absenden, bekommt aber den Kommissar selbst nicht ans Telefon. Nun versucht Marlow, Carol zu ermorden. Vorher erzählt er ihr aber noch, dass sie Hendersons Frau umgebracht hat, weil er ein Verhältnis mit ihr hatte, sie sich aber von Henderson doch nicht trennen wollte. Interessanterweise rechtfertigt er sich außerdem damit, dass ihn die anonyme Großstadt zu dem gemacht hat, was er ist. Dann will er zur Tat übergehen und Carol mit seiner Krawatte erdrosseln, aber sie läuft vor ihm weg und noch bevor er sie erwischen kann, klingelt es an der Tür: Die Polizei ist da. Marlow springt daraufhin aus dem Fenster in den Tod.

In der letzten Szene ist Henderson frei und wieder in seinem Arbeitszimmer. Er weist Carol an, sich das Diktiergerät anzuhören, um ihre Aufgaben für den bevorstehenden Arbeitstag entgegenzunehmen und verschwindet dann zu einem Arbeitsessen. Die etwas enttäuschte Carol hört das Gerät ab, entdeckt aber zuletzt, dass Henderson ihr eine Einladung zum Abendessen auf dem Gerät hinterlassen hat und von nun an immer wieder mit ihr Abendessen will.

Der Film ist sauber geplottet. Die Handlung ist nicht ganz einfach, aber gut durchdacht und wird so erzählt, dass jeder mitkommt. Die beiden interessantesten Figuren sind Marlow (gespielt von Franchot Tone) und Carol (Ella Raines). Tone hat tolle Szenen, in denen er seine Tat verheimlichen muss, aber gleichzeitig dem Kommissar auszureden versucht, dass alle Mörder Psychopathen sind. Am Ende ist er so zerrissen, dass er selbst nicht mehr sicher ist, ob er eigentlich noch richtig tickt. Die Figur ist toll in Szene gesetzt, Tones schauspielerische Fähigkeiten reichen aber nur geradeso. Er fuchtelt mit seinen Händen herum und starrt sie unverwandt an… und das war es auch schon, was er zu zeigen hat. Raines ist da flexibler. Der Moment, in dem sie ihre eigene Handtasche in Marlows Garderobe findet und ganz langsam begreift, dass der wohlmeinende Freund eigentlich der Mörder ist, besteht aus einer relativ langen Großaufnahme ihres Gesichts und ist wirklich großartig.

Erwähnenswert ist auch, dass es zwar Musik in dem Film gibt, aber keine klassische Filmmusik. In dem Zusammenhang muss unbedingt noch die Szenenfolge genannt werden, in der Carol dem Schlagzeuger durch die Nacht folgt. Raines spielt eine Carol, die sich vergnügungssüchtig gibt, sich küssen lässt und Sympathie vorgaukelt, eigentlich aber von dem Mann und der ganzen Szenerie angeekelt ist. Um den geliebten Mann zu befreien, muss Carol in den Moloch hinabsteigen, wie auch Fidelio schon in den Kerker hinabstieg. Als dann der Schlagzeuger mit ihr in eine kleine Jamsession platzt, hat der Mann einen tollen Moment und spielt ein ungewöhnlich langes Solo, das die Götter Babylons heraufbeschwören könnte. Die Szene ist durch eine extrem verzerrte Kameraeinstellung surrealistisch verfremdet und bedient sich einer ausgesprochen expressionistischen Ästhetik.

Für den Plot, Ella Raines und die Jazz-Szene lohnt sich der Film auf alle Fälle.
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Offline Timo

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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #43 am: 31.12.2020 | 13:45 »
Bin ich eigentlich blind und blöd, oder wurde seit 2 Jahren der Dünne Mann(von 1934) und Folgefilme nicht genannt? Schämt euch wenn dem so ist ;)
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Offline Chiarina

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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #44 am: 31.12.2020 | 14:28 »
Den ersten Teil kenne ich sogar... im Allgemeinen wird er aber wohl nicht als Film Noir geführt. Daher ist er mir hier entgangen. Schreib doch selbst einen Beitrag drüber!
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Offline Samael

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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #45 am: 2.01.2021 | 17:27 »
Den ersten Teil kenne ich sogar... im Allgemeinen wird er aber wohl nicht als Film Noir geführt. Daher ist er mir hier entgangen. Schreib doch selbst einen Beitrag drüber!

Ja, das ist kein film noir. Daher muss dich hier auch niemand schämen.
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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #46 am: 12.01.2021 | 17:53 »
Ja, ist eher so Film Noir als Dramedy und mit Foxterrier.
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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #47 am: 3.02.2021 | 20:55 »
Cornered (Regie: Edward Dmytryk, 1945, ich weiß von keiner deutschen Synchronisation)

Laurence Gerard ist ein kanadischer Flieger, dessen Frau während des 2. Weltkriegs in der französischen Résistance Widerstand gegen die Nazis leistet. Zwanzig Tage nach der Eheschließung der beiden wird die Frau getötet. Nach Kriegsende reist Gerard nach Frankreich um den Mörder seiner Frau ausfindig zu machen und sich an ihm zu rächen. Gerard erfährt, dass es sich bei dem Gesuchten um einen gewissen Maurice Jarnac handelt, der ein Kollaborateur des Vichy-Regimes war und angeblich 1943 verstorben ist. Gerard findet ein halb verkohltes Deckblatt eines Dossiers über den Mann. Dieses Dossier hat ein Kollege Jarnacs angefertigt, der ihm offenbar nicht vertraut hat. Ansonsten ist über Jarnacs Verbleib kaum etwas in Erfahrung zu bringen. Gerard vermutet, er könne untergetaucht sein und bekommt über einige Umwege heraus, dass dessen Frau in Buenos Aires lebt. Gerard fliegt daraufhin nach Südamerika und gelangt heimlich in einem kleinen Boot über die Grenze nach Argentinien, weil er auf die Schnelle keinen gültigen Ausweis für sich organisieren konnte.

Buenos Aires erreicht er durch einen weiteren Flug. Am Flughafen drängt sich Gerard ein Mann namens Melchior Incza auf, der ihm helfen will. Gerard wimmelt ihn erst einmal ab. Er versucht Jarnacs Frau telefonisch zu erreichen, wird an deren gegenwärtigen Lebensgefährten Tomas Camargo weiter verwiesen, erreicht aber nichts. Da erscheint Incza und bietet ihm an, ihn auf eine Party von Camargo und Frau Jarnac mitzunehmen. Gerard ist erstaunt, dass Incza von seinen Absichten weiß und schließt sich ihm an.

Auf der Party lernt Gerard ein paar wichtige Menschen kennen: allen voran Frau Jarnac und Manuel Santana, den Onkel ihres Lebensgefährten Camargo. Etwas später versucht Gerard Frau Jarnac zur Rede zu stellen und von ihr zu erfahren, wo sich ihr Mann befindet. Frau Jarnac ist aber unkooperativ und schweigt, worauf er sie verfolgt. Bei einer Begegnung mit Santana wird er gewarnt, trotzdem beschattet er weiter Frau Jarnac. Incza ist ihm dabei behilflich, der ihm beiläufig verrät, dass er selber einen Auftrag hat, Gerard selbst zu beschatten. Seine Auftraggeber verrät er natürlich nicht.

Schließlich stellt Gerard Frau Jarnac erneut zur Rede, die ihm daraufhin über einen Hoteldiener namens Diego eine Nachricht zukommen lässt. In dieser Nachricht wird behauptet, dass Maurice Jarnac unter dem Tarnnamen Ernest Dubois lebt. Die Nachricht enthält auch dessen Adresse und die Information, dass Jarnac Buenos Aires verlassen will.

Sofort fährt Gerard zur angegebenen Adresse, muss aber feststellen, dass er in die Irre geführt wurde. Er trifft Dubois und will ihn erschießen, wird aber von zwei herbeispringenden Helfern bewusstlos geschlagen. Als er wieder zu sich kommt, steht er Dubois, der mit Maurice Jarnac nichts zu tun hat, und außerdem Santana und dem Hoteldiener Diego gegenüber. Die drei Männer sind Jarnac ebenfalls auf der Spur, da er im argentinischen Exil versucht, eine geheime Naziorganisation aufzubauen. Santana weiß zu berichten, dass sein nichtsnutziger Neffe Camargo mit Jarnac unter einer Decke stecken könnte. Frau Jarnac ist im Übrigen nicht wirklich mit Maurice Jarnac verheiratet, sondern eine Unschuldige, die dafür bezahlt wird, sich als seine Ehefrau auszugeben.

An dieser Stelle im Film taucht ein moralisches Dilemma auf: Gerard und die Männer um Santana jagen zwar denselben Mann, aber auf unterschiedliche Art und Weise und mit unterschiedlichem Ziel: Gerard will Jarnac umbringen um seine Frau zu rächen. Santana und seine Männer suchen nach Beweisen für Jarnacs verbrecherische Umtriebe und vor allem die Namen seiner Mitverschwörer, um ihn und die flüchtigen Nazis vor Gericht zu stellen. Wenn Gerard Jarnac aus privater Rache umbringt, kann Santana die Verfolgung der Faschisten vergessen. Er fordert Gerard daher auf, seine Rachegelüste hintenanzustellen und ihn bei Jarnacs Strafverfolgung zu unterstützen. Gerard sagt nicht zu, beginnt aber, darüber nachzudenken.

Zurück in seinem Hotel präpariert Gerard das Deckblatt des Dossiers über Jarnac so, dass es aussieht, als besäße er das komplette Dossier. Dann trifft er sich mit Incza, bittet ihn, Camargo herbeizuschaffen und gibt vor, ihm das Dossier über Jarnac verkaufen zu wollen. Als Beweis für sein Anliegen, gibt er ihm das Deckblatt des Dossiers mit. Incza geht zum Schein auf Gerards Angebot ein, nutzt die Gelegenheit aber, um ihm eine Falle zu stellen.

Bevor es soweit ist, bekommt Gerard aber erst einmal einen Anruf von der angeblichen Frau Jarnac, die sich mit ihm treffen will. Gerard willigt ein und erfährt, dass die Frau das Spiel mitspielt, weil sie die arme Tochter eines anderen Nazi-Kollaborateurs ist. Die Frau erzählt Gerard davon, wie sie Jarnac ein einziges Mal in einer Bar am Rio de la Plata gesehen und sich dort mit ihrer Aufgabe einverstanden erklärt habe. Die angebliche Frau Jarnac will ihren Dienst quittieren und bittet Gerard um Hilfe, erkennt dann aber, dass Gerard noch viel verzweifelter als sie selbst ist und lässt ihn gehen.

Incza lockt Gerard danach zu Camargo, der eine Suite im selben Hotel wie er bewohnt. Camargo ist aber nicht anwesend. Stattdessen wird Gerard von dessen Frau empfangen, die mit ihm flirtet, was ein Hotelpage mitbekommt. Während dieser Szene bricht Incza in den Hotelsafe ein, in dem er Jarnacs Dossier vermutet. Ein Kollege schaltet für ihn den Aufsicht führenden Pförtner aus. Als Incze das Dossier im Safe nicht findet, bricht er in Gerards Zimmer ein und entdeckt schließlich, dass das Dossier gar nicht existiert. Incza wird bei seiner Suche vom Hoteldiener Diego überrascht, den er daraufhin erschießt.

Währenddessen versucht Camargos Frau Gerard zu verführen. Es kommt zu einem Kuss, Gerard merkt aber schnell, dass Frau Camargo kein Herz hat und ihr Sinn nur nach Reichtum und eitlem Zeitvertreib steht. Als Gerard in sein Hotelzimmer zurückkehrt, entdeckt er den toten Hoteldiener Diego. Die Polizei ist bereits da und verhört die Hotelangestellten. Gerard muss Frau Camargo als Alibi angeben, die daraufhin geholt wird und ein Treffen mit Gerard abstreitet. Das Geständnis wäre für sie als verheiratete Frau kompromittierend gewesen. Gerard muss mit einer Gerichtsverhandlung rechnen.

Hier kommen Gerard Santana und seine Männer zu Hilfe. Sie bringen den Hotelpagen dazu, der Polizei zugunsten Gerards von dessen Besuch bei Frau Camargo zu erzählen. Dabei kommt allerdings heraus, dass Gerard ohne gültigen Ausweis in Argentinien ist. Er muss jetzt keine Gerichtsverhandlung mehr befürchten, das Land aber in 48 Stunden verlassen.

Zurück in seinem Hotel stößt Gerard erneut auf Incza, mit dem er eine Schlägerei anfängt, bis dieser ihm verrät, dass Jarnac „in seinem alten Amt irgendwo am Ufer“ sei. Gerard erinnert sich an die Erzählung der angeblichen Frau Jarnac, besucht sie und lässt sich von ihr den Ort beschreiben, an dem sie Jarnac getroffen habe. Dann begibt er sich zu der besagten Bar.

Die Bar ist geschlossen, aber Gerard verschafft sich mit gezogener Waffe Zugang. Im ersten Stock stößt er auf Tomas Camargo, der ihn ablenkt, sodass ein bisher verborgener Mann Gerard seine Waffe aus der Hand schlagen kann. Schließlich zeigt sich Jarnac selbst. Jarnacs Komplizen schlagen Gerard bewusstlos, worauf Jarnac sie tadelt, weil ihr Vorgehen zu riskant gewesen sei. Gerard kommt unterdessen wieder zu sich. Jarnac will ihn umbringen, vorher aber noch wissen, wo er das Dossier über ihn versteckt habe.

Als Gerard mit der Antwort zögert, behauptet Jarnac, er sei ein gefährlicher Fanatiker. Andererseits sei er auch wieder nicht allzu gefährlich, weil er kein rationales Ziel verfolge, sondern sich von seinen Gefühlen leiten lasse. Das moralische Dilemma – private Rache oder Enttarnung der Naziorganisation – taucht wieder auf.

Schließlich sind Schritte zu hören. Gerard wird ein zweites Mal niedergeschlagen und scheint tot zu sein. Da erscheint Incza. Jarnac will von Incza das Dossier haben, erfährt aber nun, dass Gerard ihn zum Narren gehalten hat. Daraufhin erschießt Jarnac Incza. Er schießt so oft in dessen Gesicht, bis Incza nicht mehr zu identifizieren ist. Dann schickt er einen seiner Komplizen zur Polizei. Camargo soll mit dem angeblich toten Gerard hierbleiben und der Polizei erzählen, der unidentifizierbare Tote sei Jarnac, der von Gerard erschossen worden sei. Gelänge dieser Plan, könnte Jarnac erfolgreich untertauchen. Camargo ahnt, wer hinterher als Mörder Gerards gälte und weigert sich.

Jetzt kommt Gerard erneut zu sich und es kommt zur letzten Auseinandersetzung, bei der Camargo flieht. Gerard schlägt Jarnac schließlich so lange ins Gesicht, bis Santana und Dubois erscheinen.

Die beiden Männer erkennen enttäuscht, das Jarnac tot ist. Gerard hat ihn erschlagen. Für einen kurzen Moment scheint es, als habe Gerards Privatrache eine Strafverfolgung der Nazis um Jarnac vereitelt. Dann aber findet sich in der Jackentasche des toten Jarnac eine Liste mit den Naziverschwörern. Als die Polizei erscheint, erklärt man ihr den Sachverhalt.

Am Schluss nimmt die angebliche Frau Jarnac Abschied von Gerard. Das Emotionalste, was sich die beiden zu sagen haben, ist: „Pass auf dich auf!“ Dann reist Gerard ab.

Der Film ist meisterhaft geplottet. Allerdings liegt darin auch ein Problem. Der Plot ist extrem kompliziert. Ich musste viele Szenen mehrfach sehen, um zu verstehen, wozu sie gut sind. Irgendwann klingelte es dann zwar, aber der Film ist trotzdem sehr anstrengend.

Während 1945 in Nazideutschland noch die letzten Bomben fallen, dreht Amerika schon einen Film über geflohene Nazis in Argentinien! Eine gewisse Hellsicht lässt sich dem Film durchaus zugestehen.

Obwohl drastische Ereignisse im Off stattfinden, reicht die Vorstellung durchaus aus, um ein wenig Grausen zu erzeugen. Einem Mann eine falsche Identität zu verleihen, indem man ihm solange ins Gesicht schießt, bis er nicht mehr zu identifizieren ist, scheint mir jedenfalls recht unappetitlich.

Und der Film zeigt auch in seiner Behandlung seines durchaus interessanten Dilemmas seinen Grimm: Private Rache an einem Einzelnen oder gezielte Strafverfolgung seiner verbrecherischen Gruppe? Was sich nach einem „Entweder – Oder“ anhört, löst sich am Ende verblüffender Weise in einem „Sowohl als Auch“ auf. Gerard schlägt Jarnac zu Brei UND Santana findet die Liste der Exilnazis in dessen Tasche. Das Glück ist mit den Gerechten, so scheint uns der Film weismachen zu wollen. So sehr der Schluss auch überrascht – er lässt mich trotzdem unzufrieden zurück (der nüchterne Abschied Gerards von der angeblichen Frau Jarnac ist hingegen durchaus nach meinem Geschmack).

Dmytryk, der Regisseur, war Kommunist… vielleicht ist es kein Zufall, dass der Film auch ein wenig nach antifaschistischer Propaganda aussieht.
« Letzte Änderung: 3.02.2021 | 21:00 von Chiarina »
[...] the real world has an ongoing metaplot (Night´s Black Agents, The Edom Files, S. 178)

Offline Chiarina

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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #48 am: 7.03.2021 | 13:27 »
The House On 92nd Street (Regie: Henry Hathaway, 1945, ich weiß von keiner deutschen Synchronisation)

Dieser Film beginnt mit der Aussage, dass er zum Zeitpunkt des Abwurfs der Atombomben auf Japan schon gedreht war, aber erst danach gezeigt werden konnte. Das weckt gewisse Erwartungen. Ich will natürlich wissen, was an dem Film so brisant ist, dass er unter Verschluss gehalten werden musste.

Dargestellt wird eine Spionagegeschichte. William Dietrich ist ein deutschamerikanischer Ingenieur, der während des zweiten Weltkriegs im Deutschen Reich eine Spionageausbildung absolvierte und dann in Amerika für das FBI in der Gegenspionage als Doppelagent tätig war. Er kommt mit deutschen Spionen in Kontakt, die den Amerikanern das Geheimnis der Atombombe entreißen wollen, muss sich als einer der ihren geben, aber trotzdem dafür sorgen, dass ihre Machenschaften scheitern und die Nazis gefasst werden.

Die zentrale Gegenspielerin Dietrichs ist dabei Elsa Gebhardt und ein mysteriöser Mr. Christopher, der offensichtlich die zentrale Figur der deutschen Spionagetätigkeiten in Amerika zu sein scheint. Dietrich nimmt mit Gebhardt Kontakt auf, errichtet eine geheime Sendestation und gibt vor, die Informationen der deutschen Spione nach Hamburg zu senden. Er fungiert außerdem als Zahlmeister der deutschen Spione und versorgt sie mit Geld. In Wirklichkeit sendet er deren Berichte an das FBI, das dann eine harmlose oder gefälschte Version davon an das deutsche Reich weiterleitet. Parallel zu Dietrichs Aktivitäten wird gezeigt, wie die deutschen Agenten vorgehen und wie das FBI mit Dietrichs Hilfe den deutschen Spionen auf die Schliche kommt.

Am Ende stellt sich heraus, dass Elsa Gebhardt selbst als Mann verkleidet der mysteriöse Mr. Christopher war. Sie wird beim Showdown in ihrer Verkleidung von einem eigenen Komplizen erschossen, weil dieser sie für einen Feind hielt. Ihre Verkleidung ist also schließlich der Grund für ihren Tod.

Der Film wird im Netz, soweit ich das überblicken konnte, positiv beurteilt. Interessant ist sein pseudodokumentarischer Ansatz. Inspiration für die Darstellung der Naziagenten war wohl der Duquesne-Spionagering, die Figur der Elsa Gebhardt hat ein paar Parallelen zu der Agentin Lilly Stein (zum Beispiel ihre Tarnidentität als Inhaberin eines Modesalons). Weite Strecken des Films, inklusive eines Sprechers aus dem Off, klingen nach einer Dokumentation über die Arbeit des FBI. Es wurde wohl auch nach Möglichkeit an Originalschausplätzen gedreht und angeblich sind sogar viele Statisten echte FBI-Mitarbeiter. Interessant ist, wie dieser dokumentarische Anstrich allmählich in eine herkömmliche Spielfilmhandlung übergeht. Der Dokumentationscharakter geht aber nie gänzlich verloren.

Interessant ist möglicherweise auch der Einblick in die Arbeit der Geheimdienste zur Zeit des 2. Weltkriegs. Falsche Identitäten, Geheimtinte, verschlüsselte Botschaften, Männer mit fotografischem Gedächtnis, gefälschte Dokumente, Einwegspiegel, spektrographische Untersuchungen von weggeworfenen Zigarettenstummeln - es wird nur wenig ausgelassen. Der Plot wird dabei trotz allem sehr konventionell und schrittweise erzählt. Der Zuschauer verfolgt Punkt für Punkt die Arbeit des FBI und weiß stets soviel wie dessen Agenten.

Über diesen historischen Einblick hinaus ist der Film in meinen Augen heutzutage aber kaum noch zu ertragen. Das liegt vor allem am Patriotismus. Im FBI arbeiten die Guten, die Nazis sind böse. An dieser Grundeinstellung wird nicht ein einziges Mal gerüttelt. Und deshalb ist das für mich auch kein echter Film Noir. Wo sind die gebrochenen Detektive, die verbrecherische Methoden anwenden und hinterher überlegen müssen, ob sie überhaupt noch auf der guten Seite stehen? Wo sind die destruktiven Frauen, die aber auf den ersten Blick liebenswürdig und attraktiv erschienen? Wo sind die fehlgeleiteten Verbrecher, die auf halber Strecke moralische Probleme bekommen und tragischerweise feststellen müssen, dass sie nicht mehr zurück können? Dietrich ist von vorne bis hinten strammer Patriot, Gebhardt ist von vorne bis hinten Nazi. Die Aktivitäten des FBI sind von pathetischer Musik begleitet, die Nazischergen sehen alle wie üble Verbrecher aus. Die Charakterzeichnung in diesem Film ist extrem einseitig und stumpfsinnig. Folgerichtig endet der Film auch mit einer Lobeshymne auf das stets zuverlässig arbeitende FBI, dem kein Bösewicht zu entkommen vermag.

Der Eingangs erwähnte Hinweis auf die Atombombenabwürfe in Japan ist besonders bitter, denn auch hier rückt der Film keinen Millimeter von seinem Patriotismus ab. Dass der im Film gezeigte Sieg in Hiroshima und Nagasaki zum massenhaften Tod von Unschuldigen geführt hat, wird nicht reflektiert. So wird letztlich deutlich, was für eine Richtung der pseudodokumentarische Charakter des Films beinhaltet: es ist ein reiner Propagandafilm.

Zwei Momente möchte ich noch besprechen.

Zum einen hat der Film einen verborgenen Witz, den ich immerhin goutieren konnte. Gegen Ende versteckt ein Informant die Formeln für den Bau der Atombombe als Zettel in einem Buch, das in einer Buchhandlung zum Verkauf angeboten wird. Die deutschen Agenten kaufen dieses Buch und gelangen so in den Besitz dieser Geheiminformationen. Der Titel des Buches wird erwähnt. Es ist Herbert Spencers "First Principles", ein Werk, das in einer besonderen Fortschreibung der Evolutionstheorie die Ideen eines Sozialdarwinismus und des "Survival of the Fittest" propagiert hat. Dass die Nazis sich gerade dieses Buches bedienen, um den Amerikanern ihre Geheimnisse zu entreißen, ist natürlich ein intelligenter Seitenhieb - und lässt sogar den Eindruck zu, dass es Nazis mit einem gewissen Einblick in philosophische Gedanken gibt.

Auf der anderen Seite ist auch aufschlussreich, dass Elsa Gebhardt, der Hauptbösewicht des Films, gerade ihr Geschlechtertausch zum Verhängnis wird. Gebhardt agiert nicht eine Sekunde lang als verführerische Femme Fatale. Dass gute Amerikaner und Nazifrauen aneinander Gefallen finden könnten, scheint völlig indiskutabel zu sein. Am Ende stellt sich dann auch folgerichtig heraus, dass Gebhardt gar keine hundertprozentige Frau war. Richtig gefährlich wird sie offenbar erst in ihrer Männerrolle. Die moralischen Befindlichkeiten der integren amerikanischen Kavaliere, die eine Frau nur widerstrebend zur Strecke bringen, werden deshalb auch nicht auf die Probe gestellt, wenn Gebhardt stirbt. Sie stirbt als Mann und ihr Geschlechtertausch lässt sich als Teil ihres Verbrechens betrachten.

Das alles ist aus historischer Sicht nachvollziehbar, aus heutiger Sicht allerdings ziemlich widerwärtig. Das, was ich am Film Noir schätze, findet sich in diesem Film jedenfalls nicht.
« Letzte Änderung: 7.03.2021 | 13:43 von Chiarina »
[...] the real world has an ongoing metaplot (Night´s Black Agents, The Edom Files, S. 178)

Offline Mithras

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Re: Chiarina sieht Film Noir
« Antwort #49 am: 9.05.2021 | 19:14 »
Wo kann man diese Filme alle sehen? Ich habe deutsches Netflix und Prime. Auf englische Internetseiten habe ich keinen Bock, genauso wenig wie alles auf DVD erstehen.
Ich spiele lieber AD&D statt Pathfinder und Cyberpunk 2020 statt Shadowrun.