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Autor Thema: Quo vadis, Cyberpunk-RPG?  (Gelesen 983 mal)

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Offline TEW

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Re: Quo vadis, Cyberpunk-RPG?
« Antwort #25 am: 3.02.2019 | 10:22 »
Ich halte aber davon ab den Gedanken vom "digital native" für eine Luftnummer.
Wenn ich mir die jungen Leute anschaue, mit denen ich so zu tun habe, dann ist da eher weniger Medienkompetenz und Technikverständnis gegeben als flächendeckend und biographisch "erwartungsgemäß" mehr.

Das ist stellenweise wirklich schlimm...

Aber wenn man sich mal eine Generation nach oben und eine Generation nach unten anschaut, da ist der Unterschied (im Allgemeinen) dann doch schon drastisch.

Es ist halt schon ein Unterschied, wenn man damit aufwächst.

Offline Spidey

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Re: Quo vadis, Cyberpunk-RPG?
« Antwort #26 am: 3.02.2019 | 10:32 »
Eine Welt ohne "wireless" ist nach heutigem Stand undenkbar. Und das wegzunehmen ist schlichtweg ein Rückschritt, den es bei "Near Future" nicht geben sollte.

Nur wenn man Cyberpunk als sehr gradlinige Weiterführung/Eskalation unserer Realität versteht. Und darum geht es in diesem Strang doch: das es das im Grunde nie war und auch nicht sein sollte.

Viele Cyberpunk-Szenarien arbeiten zum Beispiel mit Blackout-Szenarien und anderen digitalen Katastrophen. Es ist absolut denkbar, nach einem Zusammenbruch des stringenten Fortschritts einen vermeintlichen Rückschritt zu machen, z. B. als Reaktion auf die Unsicherheiten und Risiken des alten Systems.

Zitat
Natürlich gibt es die Matrix inkl. Direktinterface so nicht, aber es ist im Endeffekt auch nur eine Cyberpunk-Weiterentwicklung des heutigen Standards (Internet).

Ehrlich gesagt seh ich das gar nicht. Warum sollte sich unser Internet auch nur im Ansatz in die Richtung der Cyberpunk-Matrix entwickeln? Schon das direkt ans Gehirn gekoppelte "einstöpseln" um sich im virtuellen Raum zu bewegen ist im Grunde reine Phantasie und keine logische Weiterentwicklung von heutigen Standards. Es deutet nichts darauf hin, dass das in irgendeiner Weise erforderlich oder wünschenswert wäre.

Offline TEW

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Re: Quo vadis, Cyberpunk-RPG?
« Antwort #27 am: 3.02.2019 | 10:57 »
Nur wenn man Cyberpunk als sehr gradlinige Weiterführung/Eskalation unserer Realität versteht. Und darum geht es in diesem Strang doch: das es das im Grunde nie war und auch nicht sein sollte.

Das ist mir durchaus klar. Ich sage ja vor allem, dass der "Alternative Realität" Ansatz für mich hinkt, wenn es manche Dinge nicht gibt, die für uns komplett normal sind. Da Cyberpunk nunmal ein sehr realitätsnahes Genre ist, muss es sich auch ein wenig stärker mit der Realität anfreunden als es z.B. High Fantasy muss.

Zu sagen, es ist doch eine "Alternative Relität" daher kann alles anders sein, ist für mich einfach eine Ausrede, um das Problem der sich weiterentwickelnden Realität unter den Teppich zu kehren.

Ich halte den Ansatz für richtig, sich nicht komplett von der Realität abzukoppeln, weil man sich dann eben vollständig ins Fantasy-Metier begibt und nicht mehr in einem "Near Future" Szenario befindet.

Man kann natürlich darüber diskutieren, ob "Near Future" für Cyberpunk wirklich notwendig ist... das ist vermutlich vor allem eine Frage der Sichtweise und wohl auch der Kern hinter den unterschiedlichen Ansichten hier.

Zitat
Ehrlich gesagt seh ich das gar nicht. Warum sollte sich unser Internet auch nur im Ansatz in die Richtung der Cyberpunk-Matrix entwickeln? Schon das direkt ans Gehirn gekoppelte "einstöpseln" um sich im virtuellen Raum zu bewegen ist im Grunde reine Phantasie und keine logische Weiterentwicklung von heutigen Standards.

Der Zugang zum Informationsnetz ist nur ein Detail. Das grundlegende Konzept von Matrix und Internet ist einfach dasselbe. Weltweit zugängliche Informationen und Kommunikation.

Zitat
Es deutet nichts darauf hin, dass das in irgendeiner Weise erforderlich oder wünschenswert wäre.

Mal andersrum gefragt... wenn es diese Technologie in erschwinglich und relativ sicher gäbe... meinst Du nicht, dass sie dann nahezu jeder für den Internetzugriff benutzen würde?

Das ist ja genau so ein Punkt, den ich meine... man verändert einfach nur Details, der Rest bleibt gleich, dadurch ist das Ganze viel greifbarer und eben näher für uns. Wenn man es zu stark verändert (indem man z.B. wesentliche Entwicklungen der Realität außenvorlässt), findet auch eine stärkere Entfremdung statt. Ich denke aber, dass der Gedanke von Cyberpunk schon auch ein wenig der ist, dass man sich darin wiederfinden soll und eben ein (wenn auch verzerrtes und überzeichnetes) Abbild der Realität sieht.

Offline Spidey

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Re: Quo vadis, Cyberpunk-RPG?
« Antwort #28 am: 3.02.2019 | 12:20 »
Zu sagen, es ist doch eine "Alternative Relität" daher kann alles anders sein, ist für mich einfach eine Ausrede, um das Problem der sich weiterentwickelnden Realität unter den Teppich zu kehren.

Seh ich vor allem dann anders, wenn sich diese alternative Realität von unserer in Punkten der gesellschaftlichen Entwicklung unterscheidet. In vielen Cyberpunk-Szenarien werden theoretische Eskalationen gesellschaftlicher Realitäten vorausgesetzt: Übervölkerung führt zu Megacities, Verschmutzung zu verstrahlter Natur oder Critters, Wirtschaftsmacht zu Konzerndiktatur. Schon das sind nicht unbedingt logische oder zwingende Weiterentwicklungen unserer Gesellschaft. Es müssen nicht einmal wahrscheinliche sein.

Insofern verkommt da schon die Diskussion was "realistische near future" ist zu einer wenig zielführenden Technik- und Wahrscheinlichkeitsdebatte.

Dazu kommen aber noch einschneidende Prämissen, die wieder auch nur eine theoretische Grundlage in Problemen der Gegenwart haben - oder, ganz anders, sich erst auf Probleme beziehen, die in einer möglichen Zukunft auftreten könnten. Bürgerkriege, Armut- Krankheits- und Hungerepidemien, (neue) Standeskämpfe, digitale Blackouts.. Rebellionen von Arbeiterklonen, Aufstände von Weltraumkolonien, Zusammenbruch von nationalen Infrastrukturen.

Das sind alles Kernelemente von Cyberpunk - von Philipp K. Dick und William Gibson über Bladerunner zu moderneren Interpretationen und Vorlagen. Und ja, im Grunde sind das "Fantasy"-Elemente, die immer einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, das Genre von bloßer "Near Future" wegzuentwickeln.

Zitat
Der Zugang zum Informationsnetz ist nur ein Detail. Das grundlegende Konzept von Matrix und Internet ist einfach dasselbe. Weltweit zugängliche Informationen und Kommunikation.

Da hängt noch viel mehr dran: der Wunsch einer dystopischen Realität zu entfliehen, indem man in eine fiktive Realität taucht. Vollständige Vernetzung jedes Lebensbereichs. Und der Zugang ist alles andere als ein Detail - das Neuralinterface is eine der ältesten Kernelemente des Genres und entspringt den Zukunftsphantasien der 80er und vorheriger Dekaden, als Fragen über Transhumanismus und dem Verschmelzen von Mensch und Maschine aufgekommen sind und im Trend lagen.

Das ist ein Genremittel, vergleichbar mit der gesamten Mutations-Science-Fiction der Atomära, aus dem die Monsterfilme entspringen. Ein zentrales Element des Genres, ja, aber völlig realitätsfremd.

Zitat
Mal andersrum gefragt... wenn es diese Technologie in erschwinglich und relativ sicher gäbe... meinst Du nicht, dass sie dann nahezu jeder für den Internetzugriff benutzen würde?

Das ist die falsche Frage, meiner Meinung nach - denn im Grunde fragst du danach, ob die Menschen etwas benutzen würden, wenn es das schon gäbe. Viel eher würde ich fragen: gibt es eine gesellschaftliche Notwendigkeit, die zur Entwicklung dieser Technik führt? Würde sich so eine Technik überhaupt entwickeln?

Und da muss ich sagen, dass ich da nur eine geringe Notwendigkeit sehen kann. Augmented Reality ist nur eine von vielen möglichen Abzweigungen, die von einem direkten Gehirn-Interface wegführen. Schon allein die gesundheitlichen Implikationen sind so unüberschaubar, dass nicht mal sicher ist, ob jemals sowas wie eine "relativ sichere" Technologie dieser Art erfunden werden könnte.

Wie gesagt, im Atomic Age hielten die Menschen mobile Atomreaktoren für die logische Weiterentwicklung ihrer Technologie und stellten sich eine Zukunft vor, in der vom Eisfach bis zum Auto alles atombetrieben wäre. Die Entwicklung der Atombombe und die Strahlenforschung haben dem ein dickes Rohr zwischen die Felgen geworfen. Es spricht nichts dafür, dass es unseren VR-Phantasien nicht genauso ergehen wird.
« Letzte Änderung: 3.02.2019 | 12:25 von Spidey »

Offline Skeeve

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Re: Quo vadis, Cyberpunk-RPG?
« Antwort #29 am: 3.02.2019 | 13:48 »
Ich halte aber davon ab den Gedanken vom "digital native" für eine Luftnummer.
Wenn ich mir die jungen Leute anschaue, mit denen ich so zu tun habe, dann ist da eher weniger Medienkompetenz und Technikverständnis gegeben als flächendeckend und biographisch "erwartungsgemäß" mehr.

irgendwo hatte ich gerade gelesen dass beim "digital native" das zweite "t" zuviel sei  ;)
... oft genug sind die Spieler die größten Feinde der Charaktere, da helfen auch keine ausgeglichenen Gegner

Hoher gesellschaftlicher Rang ist etwas, wonach die am meisten streben, die ihn am wenigsten verdienen.
Umgekehrt wird dieser Rang denen aufgedrängt, die ihn nicht wollen, aber am meisten verdienen. [Babylon 5]

Offline YY

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Re: Quo vadis, Cyberpunk-RPG?
« Antwort #30 am: 3.02.2019 | 14:01 »
Geschwindigkeit ist in keinster Weise das Thema, warum es Sinn macht, dass die Matrix kabellos ist.

Eine Welt ohne "wireless" ist nach heutigem Stand undenkbar. Und das wegzunehmen ist schlichtweg ein Rückschritt, den es bei "Near Future" nicht geben sollte.

Geschwindigkeit ist aber (neben Übertragungsqualität und -sicherheit/-zuverlässigkeit) das zentrale Thema, warum Decking mit Glasfaserkabel und optischen Computern stattfindet.

Wie gesagt: Die meisten "normalen" Anwendungen der Matrix waren seit SR1 kabellos. Wenn überhaupt, musste man seinerzeit anpassen, was tragbare "normale" Geräte im Vergleich zu ortsfesten Rechnern können.

Aber Decks sind ein komplett anderes Thema und die Kritik daran, dass die nicht wireless sind, geht mMn komplett ins Leere.
Da kann man ohne Weiteres auch aus heutiger technischer Perspektive schlüssig argumentieren, dass das so sein muss.


Vom erwähnten `29er Crash mal abgesehen - das ist ohnehin der Freibrief, in technischer Hinsicht alles so zu postulieren, wie man es gerne hätte und wie es für das Spiel sinnvoll ist.
Aber bei großen Teilen der Käuferschaft hält sich hartnäckig ein undefinierter Anspruch, dass SR eine "echte" Zukunft zu sein hat und ständig aktuellen Entwicklungen nachrennen soll/muss - ganz egal, was das unterm Strich für das Spiel bedeutet.
Für mich zerschießt man sich damit die Glaubwürdigkeit des Settings sogar noch mehr, weil man jetzt mittlerweile den zweiten Crash reingehauen hat, nur damit man ein Setting im Jahr 2080 hat, das viel eher ins Jahr 2030 oder 2040 gehört. Aber dann heult ja wieder einer, wenn es 2030 ist und SR immer noch nicht eingetreten ist :P


irgendwo hatte ich gerade gelesen dass beim "digital native" das zweite "t" zuviel sei  ;)

 ;D :d

Muss ich mir merken.
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Online schneeland

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Re: Quo vadis, Cyberpunk-RPG?
« Antwort #31 am: 3.02.2019 | 14:05 »
irgendwo hatte ich gerade gelesen dass beim "digital native" das zweite "t" zuviel sei  ;)

Jenseits des Humorvollen kann man auch einfach den Begriff etwas wörtlicher nehmen: ein Digital Native ist ein Eingeborener des digitalen Zeitalters - und so wie die Stammesgesellschaft auch nicht nur aus Schamanen/Priestern besteht, hat selbiger zwar möglicherweise/im Durchschnitt eine durchaus hohe Kompetenz in der Nutzung der digitalen Werkzeuge, aber nicht unbedingt Einblick in deren Funktionsweise.
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Offline YY

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Re: Quo vadis, Cyberpunk-RPG?
« Antwort #32 am: 3.02.2019 | 14:10 »
Ja, das kommt hin.
Der englische Begriff ist grundlegend positiv gemeint, aber beim deutschen "Eingeborenen" klingt das schon viel mehr nach Menschenfresser und Cargo-Kult  ;D
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