Autor Thema: [Kult] Szenarioentwicklung: Das Familienfest  (Gelesen 249 mal)

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Offline achlys

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[Kult] Szenarioentwicklung: Das Familienfest
« am: 8.09.2019 | 18:33 »
Hi!

Ich habe für mein Halloween Horror Special mir diesmal das "Szeanrio La Cena" ausgesucht, allerdings mit einigen Änderungen, die das Spielgefühl stark beeinflussen werden:
- Das Szenario spielt in Hamburg Anfang November des Jahres 1989 (nicht im Sommer 1967 in Miami)
- Die Familie Kreutzer sind Flüchtlinge aus der DDR (nicht Wirtschaftsflüchtlinge aus Kuba)
- Der verlorene Sohn Eduard kommt als einer der Flüchtlinge der DDR aus der Botschaft der BRD in Prag, die im November '89 kurz vor dem Mauerfall das Land verließen. (Nicht mit dem letzten Freedom Flight von Kuba)
- Die Familie feiert ein Fest mit Kaffee und Kuchen, Aperitif und Abendessen (Vorspeise, Hauptgang, Nachtisch) (statt eines einzigen Festessens mit sieben Gängen)

- Die persönlichen Beziehungen und Altersunterschiede der Figuren, der Szenario Hook sollen grundsätzlich bestehen bleiben,
- somit auch das zerrüttete Familienverhältnis
- auch die Gefühle des 'Nicht-Entrinnen-Könnens' und der Klaustrophobie soll weiter aufrecht erhalten werden.
- Lediglich bei dem Versuch der Assimilation in die Gesellschaft bin ich unsicher. Die Familie Cruz in der Vorlage versucht auf Biegen und Brechen nordamerikanisch zu sein, werden aber von der amerikanischen Bevölkerung als Immigranten eher misstrauisch betrachtet oder sogar angefeindet. Ihre Anpassung wird erschwert durch ihr mittelamerikanisches Aussehen und den spanischen Akzent. Ich bin mir nicht sicher, ob sich Ähnliches bei DDR-Flüchtlingen finden lässt. Habt ihr da Erfahrungen?

Jetzt brauche ich Hilfe, um den richtigen Flair zu bekommen:
- typisch ostdeutsche Gerichte, Kuchen, Getränke usw.
- Musikvorschläge für 89 (und früher)
- Dinge, die ich auf jeden Fall in Betracht ziehen sollte.
- Hinweise, wie ich mit dem Thema DDR-Flüchtling in der BRD im Jahre 1989 umgehen kann, wenn überhaupt.

Offline Camouflage

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Re: [Kult] Szenarioentwicklung: Das Familienfest
« Antwort #1 am: 8.09.2019 | 22:53 »
- Musikvorschläge für 89 (und früher)
Ich würde ja sagen, schau Dir mal den Soundtrack von Atomic Blonde an.

Zitat
- Hinweise, wie ich mit dem Thema DDR-Flüchtling in der BRD im Jahre 1989 umgehen kann, wenn überhaupt.

Ein Freundin von mir ist mit ihrer Familie 1987 in den Westen gekommen (ihr Vater wollte unbedingt in den Westen, um Fernfahrer zu werden, und war wohl die Sorte Chaot bei der die StaSi froh war, ihn loszuwerden). Ihre Mutter hatte so panische Angst davor, dass jemand mitbekommen könnte, dass sie "von drüben" gekommen sind, dass sie ihrer Tochter den sächsischen Dialekt auf gut deutsch "herausgeprügelt" hat. Außerdem hatte sie den Umgang mit Mangel (vor allem, wenn die Familie in der DDR eh schon auf der schwarzen Liste stand) so gründlich verinnerlicht, dass sie mit den westlichen Verhältnissen Schwierigkeiten hatte (Beispiel: die hatten ein neues Sofa gekauft und es war für sie halt selbstverständlich, in der Nachbarschaft rumzufragen, ob jemand das sperrmüllreife alte Sofa braucht -in der DDR hatte sie halt gelernt nichts wegzuwerfen, was noch irgendwie benutzbar ist-, und es war ihr wohl extrem peinlich, dafür ausgelacht zu werden).

Ich wiess nicht, ob Dir das für das Szenario weiterhilft.
Zitat
12. To beat your enemy, you must know him. 13. Your enemy is the highest authority on the topic of himself. 14. So listen when your enemy speaks, but do not credit his words. 15. Listening is a real bargain. 16. Credit ist way overpriced.
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Offline achlys

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Re: [Kult] Szenarioentwicklung: Das Familienfest
« Antwort #2 am: 12.09.2019 | 09:28 »
Danke, das hilft durchaus! Gerade dieser Zwiespalt zwischen "nicht aus dem Osten" einerseits und "Resteverwertung" kann man schön und ins Extrem steigern.

Ein weiterer Punkt, der sich vom Ursprungsszenario ändern wird, werden die Bediensteten sein. Diese sind und waren ja in Deutschland ja eher unüblich. (Oder habt ihr da andere Quellen?) Diesen Part werde ich wohl der "Tante" geben, die vom Familienoberhaupt Raphael Kreutzer ausgenutzt wird. Ggf gibt es eine Haushaltshilfe oder Putzfrau für einen kleinen Teilbereich im Haushalt, sie soll aber keine Rolle im Szenario selber spielen. Im Ursprungsszenario spielen die Bediensteten auch nur eine Nebenrolle.


Offline Camouflage

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Re: [Kult] Szenarioentwicklung: Das Familienfest
« Antwort #3 am: 12.09.2019 | 10:19 »
Ein weiterer Punkt, der sich vom Ursprungsszenario ändern wird, werden die Bediensteten sein. Diese sind und waren ja in Deutschland ja eher unüblich. (Oder habt ihr da andere Quellen?) Diesen Part werde ich wohl der "Tante" geben, die vom Familienoberhaupt Raphael Kreutzer ausgenutzt wird. Ggf gibt es eine Haushaltshilfe oder Putzfrau für einen kleinen Teilbereich im Haushalt, sie soll aber keine Rolle im Szenario selber spielen. Im Ursprungsszenario spielen die Bediensteten auch nur eine Nebenrolle.

Nachdem ich das Szenario inzwischen mal gelesen habe: Ich denke, das lässt sich gut auf die Schwägerin reduzieren. Macht dass ganze auch noch etwas bitterer, wenn sie ohne "offiziell" als Haushaltshilfe angestellt zu sein (so hab ich im Original die Rolle der Schwägerin verstanden), mit "dezenten" Hinweisen darauf, dass sie ja dankbar sein kann, dass man ihr ein Dach über den Kopf bietet, und dafür ja auch "ein bißchen was" im Haushalt tun kann, nach Strich und Faden ausgenutzt wird (ich denke da jetzt auch grad ein wenig an die Art, wie Harry Potter von den Dursleys behandelt wird - nur eben ohne den Comic Relief und mit dem sexuellen Missbrauch dazu).

Die Taxifahrt (wenn Du die überhaupt in der Form drin lässt) kann man dann entweder dahin abändern, dass der Vater selber Fährt und halt im Auto Kette raucht (und da November ist es zu kalt die Fenster aufzumachen, wodurch Du ohne Hitzewelle ne drückende, alles erstickende Atmosphäre beschreiben kann). Oder alternativ ist der Taxifahrer Gastarbeiter (Grieche oder Türke) und Du baust zusätzliche Spannung auf, wenn die Vorzeigedeutschen ihn dann abfällig behandeln.
Zitat
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Offline achlys

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Re: [Kult] Szenarioentwicklung: Das Familienfest
« Antwort #4 am: 12.09.2019 | 10:35 »
Ha! Schöne Ideen! Danke.
Ich denke, ich werde tatsächlich den Vater als Fahrer einsetzen. Da sie meiner Meinung nach zur Vorstellung der Charaktere so wichtig ist, wird sie drin bleiben.

Offline Camouflage

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Re: [Kult] Szenarioentwicklung: Das Familienfest
« Antwort #5 am: 12.09.2019 | 10:53 »
Ha! Schöne Ideen! Danke.
Ich denke, ich werde tatsächlich den Vater als Fahrer einsetzen. Da sie meiner Meinung nach zur Vorstellung der Charaktere so wichtig ist, wird sie drin bleiben.
Wenn ich nochmal drüber nachdenke ist es echt passender den Vater fahren zu lassen. Gerade, wenn er es "zu was gebracht hat" wird er es sich nicht nehmen lassen, den Mercedes (darunter geht's nicht) selber auszuführen (und gerade um dem Sohn den Wohlstand unter die Nase zu reiben, zu dem er es gebracht hat).

Wobei das dann ggf. Sache des Spielers ist.
Ich hab übrigens das Gefühl, dass man am ehesten die Eltern als NSC führen kann und die Kinder und die Schwägerin unbedingt von Spielern übernommen werden sollten, oder wie siehst Du das?
Zitat
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Offline Scardon

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Re: [Kult] Szenarioentwicklung: Das Familienfest
« Antwort #6 am: 12.09.2019 | 11:51 »
Disclaimer: Ich bin selbst nicht in der DDR groß geworden, dafür bin ich noch zu jung. Allerdings bin ich in den 90ern und 2000ern in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen (bis wann wächst man eigentlich auf?), woher auch meine Eltern stammen. In sofern kenne ich typische DDR-Speisen und -Getränke nur insofern, als meine Mutter sie eben damals entsprechend zubereitete. Wer tatsächlich auch in der DDR groß wurde, wird da vielleicht auch andere Erfahrungen haben. Darüber hinaus gab es natürlich in der DDR auch regionale Unterschiede.

Folgendes waren jedenfalls Klassiker bei uns zu Hause.

Kuchen:
  • Kalter Hund (vermutlich *der* Klassiker, darf zum Kaffe – vor allem in der kalten Jahreszeit – sicher nicht fehlen)
  • Selterskuchen (bis heute einer meiner absoluten Favoriten)
  • Waffeln

Hauptgerichte
  • Senfei mit roter Bete
  • Jägerschnitzel (panierte Jagdwurstscheiben mit Fussili – wichtig: die werden natürlich „Spirelli“ genannt – und Tomatensoße, die stilecht aus Mehlschwitze, Wasser und Ketchup besteht)
  • Schichtkohl (angebratener Weißkohl mit Hackfleisch und Kartoffeln) oder Kohlrouladen
  • Soljanka (im Prinzip Wurst- und Fleischrestverwertungssuppe mit Gewürzgurken und Letscho, kann je nach Geschmack und vorhandenen Zutaten anders ausfallen)
  • Kochklopse (laufen normalerweise unter dem Namen „Königsberger Klopse“, aba so ham wa die damals nich jenannt!)
  • Broiler (wobei der normalerweise vom Imbissstand kommt und nicht selbst gemacht wird)
  • gefüllte Paprikaschoten mit Hackfleisch
  • Kartoffelsalat (nur echt mit Mayonnaise)
  • Wrukeneintopfen (Wruken = Kohlrüben; der muss so dick sein, dass man ihn mit der Gabel essen kann)
  • Hühnerfrikassee mit Kaviarbrot

Vorspeisen/Salate:
  • Gurkensalat (Gurken, Wasser, Salz/Pfeffer, Essig)
  • Möhrensalat
  • Tomatensalat

Getränke:
  • Berliner Weiße (mit Sirup)
  • Feuerwehrbrause (Himbeerbrause)
  • Waldmeisterbrause
  • Bier (wenn’s exklusiv sein soll vtml. so was wie Radeberger)
  • Weinbrandverschnitt (vmtl. vor allem Goldkrone)

Außerdem natürlich echte Spreewälder Gewürzgurken. Die dürfen einfach nicht fehlen.

Für die weitere Lektüre habe ich folgende Seite gefunden: https://www.erichserbe.de/ddr-rezepte Die Rezepte dort decken sich teils ziemlich gut mit meinen Erfahrungen, wobei es auch vieles gibt, was ich nicht kenne.

Eine Frage zu den Gerichten hätte ich dann aber noch, auch wenn das mein gesamtes Geschreibsel von oben obsolet machen würde: Wenn Familie Kreuzer jetzt schon seit einigen Jahren im Westen lebt, werden sie ihrem Sohn dann nicht vielleicht eher mit westdeutschen Speisen zeigen wollen, wie toll sie es doch jetzt haben, hier im Land, in dem Milch und Honig fließen?
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Offline achlys

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Re: [Kult] Szenarioentwicklung: Das Familienfest
« Antwort #7 am: 12.09.2019 | 19:23 »
Super, herzlichen Dank. Da kann ich mir etwas passendes (TM) zusammensuchen.
Zitat
Eine Frage zu den Gerichten hätte ich dann aber noch, auch wenn das mein gesamtes Geschreibsel von oben obsolet machen würde: Wenn Familie Kreuzer jetzt schon seit einigen Jahren im Westen lebt, werden sie ihrem Sohn dann nicht vielleicht eher mit westdeutschen Speisen zeigen wollen, wie toll sie es doch jetzt haben, hier im Land, in dem Milch und Honig fließen?
Ja, das ist natürlich auch nicht von der Hand zuweisen. In meinem Kopf aber möchte die Familie (insbesondere die Eltern und die älteren Geschwister) eben einerseits sich der westdeutschen Kultur angleichen, kann aber andererseits ihr ostdeutsches Erbe nicht verleugnen, sodass letztlich alles angebiedert "gewollt aber nicht gekonnt" wirkt. Das Essen wird dann eben auch ein entsprechender Mischmasch werden.

Wichtig ist mir auch. dass es nicht in einer semikomischen Ostalgie ausartet und die für das Szenario eigentlich relevanten Gefühle der Beklemmung, Entfremdung und Hasses abhanden kommen. Da muss ich noch überlegen, wie ich das hinbekomme.

Zitat
Ich hab übrigens das Gefühl, dass man am ehesten die Eltern als NSC führen kann und die Kinder und die Schwägerin unbedingt von Spielern übernommen werden sollten, oder wie siehst Du das?
Da bin ich gleicher Meinung. Je nachdem wieviele Spieler teilnehmen, werde ich zuerst die Kinder, die Schwägerin und dann erst die älteren Geschwister und die Eltern besetzen. Gedacht habe ich eher an 4-5 Spieler, das würde passen.